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Language:
Deutsch
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Published:
2023-01-31
Words:
3,468
Chapters:
1/1
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10
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80
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4
Hits:
398

Liebe im Spiel

Summary:

Esther wäre nie auf die Idee gekommen, jemanden von der Arbeit mit zum Fußball zu nehmen. Eigentlich hat sie gehofft, dass sich das Thema nach dem Abschluss ihres Falls ganz schnell erledigt hat. Leider scheint Pia das anders zu sehen. Und wenn es jemand schafft, Esther zu einem gemeinsamen Stadionbesuch zu überreden, dann Pia.

Notes:

Nachdem ich diese Geschichte geschrieben habe, habe ich festgestellt, dass genau das gleiche heute schon mal hochgeladen wurde. Also wenn ihr nach dieser Geschichte hier noch einen zweiten Kuchen wollt, schaut mal dort vorbei: Spieltag

Work Text:

„Wann nimmst du mich eigentlich mal mit zum Fußball?“

Esther schaut von ihrem Bildschirm auf, auf dem sie gerade ihr E-Mail-Postfach aufräumt. Alles von ihrem abgeschlossenen Fall kommt in einen Ordner, fein säuberlich beschriftet, falls sie die Informationen noch mal brauchen sollten. Pia lenkt sie also gerade erfolgreich davon ab zu entscheiden, ob sie die Agenda ihres Teammeetings vielleicht noch einmal nutzen könnte, um den Ablauf der Ermittlungen zu rekonstruieren.

Bisher hat Esther versucht, so wenig wie möglich über Fußball nachzudenken. Erst recht nicht bei der Arbeit. Dass Pia das Thema jetzt so plötzlich anbringt, passt ihr gar nicht. „Wie kommst du denn darauf?“

„Ich bin neugierig.“ Ohne auf die Papiere zu achten, die auf Esthers Schreibtisch liegen, setzt Pia sich auf die Kante und beginnt, mit einem Bein zu schwingen.

„Nach dem, was wir letzte Woche erlebt haben, willst du da wirklich hin?“ Wenn Esther nicht schon seit Jahren regelmäßig ins Stadion gehen würde, hätte ihr der Fall wahrscheinlich schon ein bisschen die Lust daran verdorben.

„Ich hab dich ja nicht darum gebeten, mich zu einem Ackermatch mitzunehmen.“ Pias Bein schwingt etwas schneller. „Nur ein bisschen Fußball gucken und vielleicht etwas trinken. Ich muss doch wissen, ob da etwas Besonderes dran ist, wenn du uns das schon so lange verheimlicht hast.“

Dass Esther ihren Arbeitskollegen nichts vom Fußball erzählt, hat immer gute Gründe gehabt. Es gibt immer noch gute Gründe, Pia so weit davon entfernt zu halten wie möglich. Vor allem, wenn Esther nicht einmal weiß, ob sie überhaupt zurück ins Stadion gehen kann, nun wo alle wissen, dass sie bei der Kripo ist.

Dann kann sie nicht auch noch eine Kollegin mitbringen. Erst einmal muss sie das für sich selbst geradebiegen. „Ich weiß nicht, ob das im Moment so gut passt.“

„War ja klar.“ Pia stößt sich beim Aufstehen so ruckartig von ihrem Schreibtisch ab, dass eine Reihe von Zetteln zu Boden flattert. „War ja klar, dass du da wieder ein Geheimnis draus machst. Du und Schürk, ihr seid euch ziemlich ähnlich, weißt du?“

Das kann Esther so nicht auf sich sitzen lassen. Denn egal, was sie für Probleme hat, mit Adam ist das nicht vergleichbar. Auch wenn seit dem Abschluss des Falls niemand mehr versucht hat, sie in Adams Scheiße mit reinzuziehen und Adam und Leo seitdem auffällig nett und höflich miteinander umgehen.

Vielleicht sollte sie sich einfach nicht so anstellen. Letztens Endes ist es nur Pia und die wird schon wissen, wie sie sich zu benehmen hat. Ewig verstecken kann Esther sich auch nicht und sie wird ihre Leidenschaft bestimmt nicht aus solchen kleinlichen Gründen an den Nagel hängen.

„Okay“, ruft sie Pia hinterher, die schon fast wieder bei ihrem eigenen Schreibtisch angekommen ist. „Du kannst mit. Nächsten Samstag.“

 

Esther weiß nicht, was sie sich davon erwartet hat, als sie am nächsten Samstag am frühen Nachmittag vor dem Hochhaus hält, in dem Pia wohnt. Auf jeden Fall hat sie nicht damit gerechnet, dass Pia beinahe nervös wirkt.

„Ist das okay so?“ Pia zupft an dem violetten Oberteil, das unter ihrer halb geöffneten Sportjacke zu sehen ist. „Ich hab ja kein Trikot oder so.“

Esther hat ihr Trikot angezogen, so wie sie es immer tut. Inzwischen ist es wahrscheinlich mehr Reflex als alles andere und sie könnte sich gar nicht vorstellen, irgendetwas anderes ins Stadion anzuziehen. Aber das heißt nicht, dass Pia da mitgehen muss.

Sie legt den Gang ein und schlängelt sich zwischen den geparkten Autos hindurch zurück auf die Hauptstraße. „Klar. Wir sind ja keine Sekte. Solange du nicht aus Versehen die gegnerischen Vereinsfarben trägst, ist alles in Ordnung.“

„Scheiße, das hab ich nicht nachgeschaut. Soll ich mich noch mal umziehen?“

Esther kann sich gerade noch davon abhalten, eine Hand auf Pias Knie zu legen, das nervös neben ihr auf und ab hüpft. Dass ihr kleiner Finger leicht die Naht von Pias Jeans streift, als sie einen Gang höher schaltet, ist wirklich ein Versehen. „Keine Angst, das passt schon alles.“

„Ja?“

„Ja, auf jeden Fall.“ Erst recht, wenn Pia sich so auf die Unterlippe beißt. Auf keinen Fall wird Esther zulassen, dass ihr heute irgendjemand blöd kommt. Zuerst muss sie aber dafür sorgen, dass sich Pias Nervosität nicht auch noch auf sie überträgt. „Hast du denn irgendwas anderes nachgeschaut, wenn nicht die Vereinsfarben?“

„Klar.“ Diesmal ist es Pias Knie, das gegen ihre Hand stößt, die immer noch auf dem Schaltknüppel liegt. „Ich musste doch wissen, gegen wen wir spielen.“

Wir. Wenn Pia das so sagt, wird Esther ein bisschen warm ums Herz. Und sie hat ein deutlich besseres Gefühl dabei, Pia mitzunehmen.

 

Als Esther die Tickets für das Spiel kaufen wollte, hat sie ernsthaft überlegt, ob sie ihnen andere Plätze bucht. Irgendwo, wo sonst die Gelegenheitszuschauer sitzen, weit weg von den richtigen Fans. Am Ende hat sie sich doch dagegen entschieden. Wenn sie das hier schon machen, dann richtig.

Im Stadion angekommen überlegt Esther trotzdem, sich wenigstens etwas weiter hinten hinzustellen, wo sie nicht ganz so sehr auffallen. Ja, sie hat ihre Mädels vermisst, aber sie muss sich ihnen auch nicht aufdrängen, bevor sich die Wogen geglättet haben. Und erst recht nicht mit Pia im Schlepptau, die sich schon die ganze Zeit neugierig umschaut und offensichtlich so wirkt, als wäre das alles komplett neu für sie.

Ist es ja auch. Aber es hilft ihnen nicht gerade, unentdeckt zu bleiben. Doch jetzt wieder zu gehen, würde bedeuten kleinbeizugeben, und das war noch nie Esthers Ding.

Bevor sie ihr Vorgehen genauer planen kann, steht Jay schon vor ihr. Sie sieht aus wie immer, in Vereinsfarben, die Haare zu einem unordentlichen Pferdeschwanz gebunden. Viel Zeit das zu betrachten, hat Esther auch nicht, weil Jay sie in eine feste Umarmung zieht.

Es ist vertraut, dauert allerdings nicht ganz so lange an, wie es sonst vielleicht der Fall wäre. Stattdessen schaut Jay über ihre Schulter nach hinten. „Du bist aber nicht ausgerechnet jetzt mit deiner Kollegin hier, um uns noch mal zu befragen, oder?“

Esther ist sich allzu deutlich bewusst, dass Pia direkt hinter ihr steht. Es kann nicht zu übersehen sein, dass sie zusammen gehören. „Der Fall ist längst abgeschlossen“, sagt sie und ärgert sich ein bisschen darüber, wie förmlich sie klingt. Normalerweise ist sie beim Fußball nicht so.

„Ich bin Pia“, ertönt es auf einmal hinter ihr. Pia hält Jay ernsthaft eine Hand hin zur Begrüßung. Esther wird ihr nachher noch einmal erklären müssen, wie Stadionetikette funktioniert. Es könnte aber auch einfach auf Nervosität hindeuten.

Esther bemüht sich, Jays Blick aufzufangen. Sie hat noch keine Anstalten gemacht, Pia die Hand zu geben, sodass Esther das Gefühl hat, sich noch mehr erklären zu müssen. „Sie ist zwar eine Kollegin, aber wir sind nur für das Spiel hier, okay?“

Es dauert einen Augenblick, doch dann taucht das Lächeln wieder auf Jays Gesicht auf. Sie nimmt Pias Hand, aber nur, um sie so ruckartig an sich heranzuziehen, dass Pia fast in die Reihe unter ihnen stolpert.

Die Umarmung wirkt von Pias Seite aus ein bisschen steif, aber immerhin Jay scheint wieder vollkommen sie selbst zu sein, so ausgelassen, wie sie ihre Arme um Pias Hals wirft. „Na dann auf ein gutes Spiel.“

Pia nickt und dann wird sie auch schon von Jay weiter zu ihrer Gruppe gezogen. Esther Bedürfnis, Pia daraus zu befreien, wandelt sich ziemlich schnell. Immerhin war es Pia, die unbedingt mit ins Stadion wollte. Dann muss sie auch mit der Umgebung und den Leuten hier klarkommen.

 

Bis das Spiel beginnt, hat Esther es geschafft, Pia von ihren Freundinnen loszueisen und wieder an ihre Seite zu bringen. Sie stehen dichter zusammen, als sie es sonst tun würden, aber hier im Block kommt das Esther nur natürlich vor. Als wäre Pia schon immer mit ihr hier gewesen.

Denn spätestens als das Spiel ein paar Minuten läuft und den Saarbrückern der erste vielversprechende Angriff gelingt, sind all ihre Hemmungen in Pias Gegenwart wie weggeblasen und sie geht genauso mit wie sonst auch. Wie sollte sie auch nicht mit brüllen und johlen, wenn es ihnen immer wieder gelingt, in den Strafraum vorzudringen?

Irgendwann kommt sie auf die Idee, sich mal zu Pia zu drehen, aber sie scheint genauso vertieft in das Spiel zu sein wie alle anderen um sie herum. Ihre Lippen bewegen sich leicht und Esther wird bewusst, dass Pia offensichtlich versucht, bei den Fangesängen mitzumachen. Sie ist nicht so laut wie alle anderen um sie herum, aber es bringt Esther trotzdem dazu, sie kurz in die Seite zu stupsen, um ihr einen anerkennenden Blick zuzuwerfen.

Vielleicht wird es am Ende eher ein ziemlich glückliches Lächeln, aber das bringt Esthers Stimmung hoffentlich auch ganz gut rüber.

 

Nach der Halbzeitpause geht es wenn möglich noch spannender weiter. Die Teams auf dem Platz schenken sich nichts und Esther kommt kaum mit bei dem Versuch, der Bewegung des Balls zu folgen. Um Pia kann sie sich dabei keine Gedanken mehr machen.

Ein weiterer Angriff und Esther sieht den Ball schon fast im Netz. Nur wenige Zentimeter… doch dann geht in letzter Sekunde ein Abwehrspieler dazwischen, haut den Ball nach vorne und dann werden sie auf einmal mit einem Konter konfrontiert, auf den offensichtlich niemand vorbereitet war.

Esther krallt sich fast wie besessen in den Arm neben ihr, als sie dabei zuschaut, wie ein einzelner Abwehrspieler sich den Angreifern in den Weg stellt. Der Ball kommt durch, es kommt zum Abschluss, und Esther denkt sich schon, dass das jetzt das Gegentor wird – bis der Ball irgendwie doch abgelenkt wird, die Latte streift und doch noch über das Tor segelt.

Fuck, das war knapp. Zu knapp. Aber wenigstens kann Esther wieder atmen.

Sie löst ihre verkrampften Finger vorsichtig. Erst dann fällt ihr auf, dass sie gerade nicht wie sonst Jays Arm umklammert hat, sondern Pias. Erschrocken will sie Platz machen, aber Pia folgt ihr einfach und lehnt sich zu ihr herunter.

„Scheiße, ich dachte echt, das war’s jetzt“, ruft Pia ihr über das Rauschen der Menge hinweg ins Ohr. „Ist das immer so?“

„Schon.“ An das Herzrasen ist Esther mittlerweile gewöhnt und sie würde sich am liebsten sofort im nächsten Angriff verlieren. Bisher wird der Ball allerdings relativ ruhig hin und her gekickt, um Tempo aus der Partie zu nehmen. „Aber mir gefällt’s.“

Es fällt ihr nicht leicht, das laut einzugestehen, aber Pias Lächeln macht es etwas einfacher. „Vielleicht kann ich das jetzt ein bisschen besser verstehen“, meint sie beinahe nachdenklich.

Das hofft Esther sehr. Als zehn Minuten später doch das Gegentor fällt, hat sie klein schlechtes Gewissen mehr dabei, sich an Pia festzuklammern.

Beim Ausgleich der Saarbrücker kurz vor Schluss wirft Pia den Arm um ihre Schultern und zieht sie für eine halbe Umarmung an sich heran. Pia ist genauso warm wie die Sonne, die vom Himmel auf die herabbrennt. Da kann Esther ausnahmsweise auch mit einem Unentschieden sehr gut leben.

 

Als sie nach dem Spiel wieder vor dem Stadion stehen, kann Esther es immer noch nicht ganz fassen, dass es mit Pia so gut gelaufen ist. Es hat eine Weile gedauert, bis sie wieder draußen waren, weil die Stimmung noch so gut war. Und auch jetzt hat Esthers Puls sich kaum beruhigt.

Doch sie sieht ein, dass sie Pia langsam mal entlassen sollte. Es waren schließlich einige neue Eindrücke, die sie heute bekommen hat. Sie legt eine Hand an Pias Arm, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Das hat sie heute schon viel zu oft getan, aber verkneifen kann sie es sich nicht. „Soll ich dich nach Hause fahren?“

Pia runzelt die Stirn. Ihre Haut ist leicht gerötet, als hätte sie sich einen Sonnenbrand zugezogen. Hat sie vielleicht auch, schließlich ist sie ohnehin ziemlich blass und wenn Esther das richtig mitbekommt, verlässt sie das Büro immer viel zu spät.

Vielleicht sollte Esther sie öfters mit zum Fußball nehmen, nur damit Pia mal rauskommt. Aber dann mit ausreichend Sonnencreme.

„Was würdest du denn sonst nach nem Spiel machen?“

Esther reißt den Blick von Pias Stirnfalten und den süßen Grübchen in ihren Wangen los. „Wahrscheinlich noch was trinken gehen. Aber auch nicht immer. Heute muss es nicht sein.“

„Oh doch, das muss sein.“ Beinahe verschwörerisch lehnt Pia sich zu ihr herunter. „Keine Geheimnisse mehr, oder etwa nicht?“

Esther kann gerade noch so tun, als würde sie genervt mit den Augenrollen, damit ihr kein verzücktes Seufzen entweicht. Es ist nicht besonders geheim, dass sie nach einem Fußballspiel manchmal noch in eine Kneipe geht. Aber wenn Pia schon so lieb danach fragt, kann Esther ihr leider nichts abschlagen.

 

In der Heimatschenke ist die Stimmung fast so gut wie nach ihrem letzten Sieg. Wie sie gespielt haben, spielt hier kaum eine Rolle. Die Spannung vom Platz und aus dem Block überträgt sich auf die Gruppe und Esther fühlt sich sofort wie zuhause.

Pia anscheinend auch. Beim Versuch Getränke zu holen, lässt sie sich direkt von Manu in ein Gespräch verwickeln, während Esther ihr restliches Bargeld zusammenkratzt, um die Getränke vom letzten Mal zu bezahlen.

„Die ist gut“, flüstert Manu ihr zu, als Esther endlich alle ihre Münzen auf die Theke gelegt und im Austausch etwas zu trinken bekommen hat. „Die kannst du öfters mitbringen.“

Je länger sie hier sind und je mehr Esther beobachten kann, wie locker Pia mit den anderen umgeht und fast schon begeistert über Fußball redet, desto mehr glaubt sie daran, dass das womöglich tatsächlich gutgehen könnte.

 

Es ist spät geworden. Viel später, als Esther sonst gehen würde, aber sie wollte Pia nicht zu früh aus der Gruppe reißen. Nicht, solange es immer noch gewirkt hat, als ob sie sich vollkommen wohl fühlt im Kreis von Esthers Mädels. Der Gedanke ist immer noch ein bisschen seltsam, aber nicht so seltsam wie zu Beginn des Abends oder vor dem Spiel.

Die Luft draußen hat ein wenig abgekühlt, aber stickig ist es immer noch. Esther schaut dabei zu, wie sich Pia ihren Pferdeschwanz neu bindet. Ihre Sportjacke, die sie sich locker über den Arm geworfen hatte, fällt dabei in den Staub. Esther hebt sie auf und hält sie ihr hin. „Darf ich dich jetzt nach Hause fahren?“

Pias Kopfbewegung könnte man als Nicken verstehen, also läuft Esther einfach schon einmal los zurück in Richtung Stadion, wo sie ihr Auto stehen gelassen hat. Pias Schritte folgen ihr langsam.

„Stimmt es eigentlich wirklich, dass du eine Fan-Tasse zuhause im Schrank hast?“

„Ja.“ Nicht dass sie die Tasse oft benutzen würde. Meistens steht sie nur hinten im Schrank und staubt zu. Es war ein lieb gemeintes Geschenk, aber zur Arbeit kann Esther die Tasse kaum mitnehmen und zuhause trinkt sie nur selten Kaffee. Wenn sie sich im Büro der Abhängigkeit nach Koffein hingibt, braucht sie das in ihrer Freizeit nicht auch noch.

„Das glaub ich erst, wenn ich es sehe.“

Nun dreht Esther sich doch zu Pia um, obwohl sie schon fast beim Parkplatz angekommen sind. „Es ist echt nur eine Tasse.“ So schwer zu glauben kann das ja wohl nicht sein. Sie hat sogar Adam schon mal dabei erwischt, wie er seinen Kaffee aus einer Tasse mit einem blöden Spruch drauf getrunken hat. Da ist das Saarbrücker Vereinswappen bei ihr wohl kaum so weit hergeholt.

„Das wäre ja auch kein Ding, wenn du es nicht zu einem gemacht hättest.“ Pia ist vor ihr stehen geblieben. Ziemlich nah vor ihr, wenn Esther genauer darüber nachdenkt. „Jetzt glaube ich dir ohne Beweis kein Wort mehr.“

Wahrscheinlich könnte Esther Pia in dieser Situation einfach mit einem unfreundlichen Kommentar abwiegeln. Wenn sie nett sein wollte, könnte sie versprechen, dass sie nachher ein Beweisfoto von der Tasse schickt. Aber es ist eben Pia, die nicht wirklich so wirkt, als ob sie nach dem Nachmittag und Abend mit Esther schon genug von ihr hat.

Im Gegenteil. Pia scheint immer noch gelöst und gut drauf zu sein, völlig in ihrem Element, als sie Esther so dreist nach einem Beweis fragt. „Na gut“, sagt Esther also. „Dann kommst du eben noch mit zu mir, damit ich dir die Tasse zeigen kann.“

 

„Soll ich dir damit jetzt auch noch Kaffee kochen oder so?“

„Um die Uhrzeit? Bloß nicht.“ Pia stellt die Tasse wieder auf der Arbeitsplatte ab und lehnt sich mit der Hüfte dagegen. Sie hat sich gleich an der Tür ihre Turnschuhe abgestreift und ihre Sportjacke über einen der Küchenstühle geworfen. Es sieht also nicht so aus, als ob sie bald wieder gehen möchte.

„Dann lieber Wasser?“ Esther ist schließlich eine gute Gastgeberin. Außerdem ist es auch in ihrer Wohnung nicht gerade kühl.

„Wasser klingt gut.“ Pia nimmt das Glas entgegen, das Esther für sie gefüllt hat.  „Also was die Tasse angeht, hast du nicht gelogen. Dann stimmt es wohl auch, dass du keine dazu passende Bettwäsche hast.“

Wenn Esther sich nicht vollkommen irrt, würde sie sagen, dass Pia enttäuscht aussieht. „Ich bin ja nicht mehr zwölf. Oder brauchst du dafür jetzt auch noch einen Beweis?“

Pia setzt das Glas ab und grinst sie an. „Vielleicht. Wenn ich eh schon mal hier bin.“

Blitzschnell wägt Esther ihre Optionen ab. Sie könnte anmerken, dass Pia keinen Durchsuchungsbeschluss hat und würde sie damit eventuell sogar zum Lachen bringen. Oder… „Dann komm mit.“

Im Schlafzimmer ist es etwas kühler. Esther zieht die Rollläden hoch, die sie heute Morgen runtergelassen hat, um die Hitze auszusperren. „Siehst du“, sagt sie und deutet wie zum Beweis auf die schlichte blau-weiß gestreifte Bettwäsche. Gut dass sie sich immer Mühe gibt, ihr Schlafzimmer einigermaßen ordentlich zu hinterlassen.

„Das sieht mir aber auch verdächtig nach Vereinsfarben aus.“ Pia ist am Fußende des Bettes stehen geblieben.

„Überhaupt nicht.“ Jedenfalls ist das Esther noch nie aufgefallen und sie hat die Bettwäsche bestimmt nicht deswegen gekauft. „Ich mag halt einfach blau.“ Wie zum Beweis streicht sie ihr Trikot glatt. „Das ist nicht mal der gleiche Farbton.“

„Doch klar, das sieht genau gleich aus.“

Esther will sich weitere Argumente überlegen, weil das wirklich absoluter Blödsinn ist. Doch plötzlich spürt sie eine Hand an ihrer Hüfte und erhascht nur noch einen letzten Blick in Pias grinsendes Gesicht, bevor sie sich rücklings auf dem Bett wiederfindet.

„Was zur Hölle?“

Pia hat immer noch eine Hand an ihrer Hüfte und mit der anderen ihren Unterarm gepackt. Wie sie so über Esther auf dem Bett kniet, sollte verboten werden. Genau wie das niedliche Stirnrunzeln oder die Art, wie sich ihre Armmuskeln anspannen, um sich über Esther zu halten.

„Du hast Recht.“ Pia klingt viel zu ruhig in Anbetracht der Situationen. Sie schaut scheinbar konzentriert zwischen Esthers Trikot und der Bettwäsche, auf der sie liegt, hin und her. „Es ist nicht ganz der gleiche Farbton. Nah genug dran, aber ich kann es gerade noch so als keine Fan-Bettwäsche durchgehen lassen.“

„Danke.“ Wozu Pia sie dazu aufs Bett werfen musste, erschließt sich Esther zwar immer noch nicht, aber aktuell hat sie auch keinen Grund, sich darüber zu beschweren. Immerhin war es ein sanftes Werfen.

Pia balanciert immer noch irgendwie über ihr. In ihrem Gesicht macht sich der Sonnenbrand jetzt eindeutig bemerkbar. Einige Haarsträhnen haben sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst und hängen ihr ins Gesicht. Sie verzieht den Mund zu einem Lächeln, so wie sie es fast schon den ganzen Tag über getan hat, aber sie sagt immer noch nichts.

„Und?“ fragt Esther leise. Ihre kratzige Stimme muss vom vielen Brüllen und Singen im Stadion kommen. „Hast du jetzt endlich alle Geheimnisse aufgeklärt?“

„Eins noch.“

Esthers „Ja?“ wird von Pias Lippen verschluckt, die sich auf ihre pressen. Sie sind warm und weich und ausnahmsweise denkt Esther einmal nicht darüber nach, was danach passieren könnte, sondern lässt sich einfach von Pia in die Matratze drücken.

Pia schmeckt nach dem Bier aus der Heimatschenke und dem Schokoriegel, den sie Manu abgeluchst hat, mit der theatralischen Begründung, wie unfassbar hungrig sie sei. Sie kann froh sein, dass sie dabei so niedlich verschmitzt gelächelt hat, dass ihr niemand etwas hätte abschlagen können.

Bier und Schokolade ist eine furchtbare Kombination, wie Esther feststellt. Aber sie kann trotzdem nicht aufhören, Pia einfach immer weiter zu küssen.

 

Esthers Auswärtstrikot steht Pia wirklich gut. Die gelbe Farbe passt zu ihr und lässt sie im hellen Morgenlicht in Esthers Küche noch mehr strahlen.

„Weißt du.“ Pia unterbricht sich und trinkt erst einmal noch einen Schluck Kaffee aus Esthers Fan-Tasse, die sie vorhin wie selbstverständlich aus dem Schrank genommen hat. „Vielleicht werde ich irgendwann doch noch Fußball-Fan.“

Esther nickt langsam. Noch kann sie sich nicht vorstellen, dass Pia so lange dabei bleibt, weil sie sonst gefühlt alle paar Monate mit einem neuen Hobby ankommt. Aber wer weiß? Esthers Liebe zum Fußball hat sie ja auch völlig unvorbereitet getroffen und lässt sie seitdem nicht mehr los.

Es wäre auch nicht schlimm, wenn Pia nicht noch einmal mit ins Stadion kommt. In ihrer Wohnung gefällt sie Esther auch ziemlich gut. Aber wenn Pia möchte, darf sie gerne wieder mitkommen.

Dass Esther diese Dinge früher immer so stark getrennt hat, rückt in den Hintergrund, als Pia sich nach dem nächsten Schluck Kaffee zu ihr lehnt und sie einfach so küsst.

Vielleicht muss sie doch eine Ausnahme machen. Wenigstens für Pia.