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Die Tasche stand frisch gepackt auf dem Bett und Jonas sah sich noch einmal prüfend in seinem Zimmer um und stellte zufrieden fest dass er nichts vergessen hatte. Schwermut begann sich in seiner Brust breitzumachen, die er versuchte wegzudrücken aber es hatte keinen Zweck. Seufzend setzte er sich ein letztes Mal auf sein Bett und blickte aus dem Fenster wie so oft zuvor. Es war kaum zu glauben dass er jetzt fertig war, dass er seine Matura hatte und zum nächsten Semesterbeginn in Wien beginnen würde zu studieren. Ursprünglich war sein Plan gewesen erst mal etwas herumzureisen, sich die Welt anzuschauen aber Susanne merkte zu Recht an dass das Geldmäßig etwas schwierig werden könnte denn die Wohnung in Wien war alles aber definitiv nicht günstig und natürlich würde sie für sein Studium aufkommen aber mehr konnte sie dann doch auch nicht leisten. Klar war Jonas enttäuscht und auch traurig gewesen, beschloss dann für sich das er alles nach seinem Studium nachholen würde.
Ein Blick auf seine Armbanduhr verriet dass er sich in den nächsten Minuten auf den Weg nach unten machen sollte, er wollte Susanne nicht allzu lang warten lassen. Mit einem weiteren Seufzer stand er auf, zupfte sich seine Klamotten zurecht und schnappte sich dann seine Sporttasche. Zeit dieses Kapitel seines Lebens abzuschließen.
Das Internat hatte ihm am Anfang überhaupt nicht gefallen. So wirklich ganz und gar nicht. Hatte es sich angefühlt wie abgeschoben zu werden? Ja, auf jeden Fall. War es vermutlich auch irgendwie gewesen. Susanne hatte ihr Bestes gegeben, das wusste er jetzt, aber mit dem Gasthof und Sofia sowie diversen Beziehungsproblemen mit Hans war es fast nicht möglich sich ausreichend um einen immer noch traumatisierten Jungen zu kümmern, zumindest nicht so wie er es gebraucht hätte. Trotzdem tat es unfassbar weh von dem einzigen Menschen der Jonas die Welt bedeutete einfach auf ein Internat geschickt zu werden. Und deswegen war er am Anfang auch so wenig es ging nach Hause gefahren, egal wie sehr Susanne am Telefon darum bat das er doch heimkommen sollte. Er war zu trotzig dazu. Jonas wollte weder im Internat noch in Ellmau sein und die Ablehnungshaltung machte es ihm am Anfang sehr schwer Kontakte mit anderen Schülern und Bewohnern zu knüpfen. Wenigstens ließen sie ihn alle in Ruhe, alle bis auf Vincent. Der hockte sich eines Mittags einfach ungefragt zu ihm an den Tisch, grinsend und klaute ihm einfach so eine Pommes vom Teller. Jonas‘ wütender Blick hielt ihn in keinster Weise davon ab das gleiche nochmal zu tun, er lächelte nur. Beim dritten Mal schoss Jonas‘ Hand vor und er beschloss im Bruchteil einer Sekunde es Vincent gleichzutun und stahl seinerseits eine Pommes von dessen Teller. Kurze Zeit später artete die Schlacht dermaßen aus das die beiden kurze Zeit später vor den Rektor geholt wurden und seitdem waren sie beide nicht mehr voneinander zu trennen. Vincent wurde sein bester Freund und war jetzt auch derjenige der mit ihm nach Wien zum Studieren kommen würde, denn natürlich interessierten sie sich beide für Architektur. Die Wohnung würden sie sich teilen und Jonas musste persönlich für sich sagen dass Vincent hier zu treffen eines der besten Dinge in seinem Leben war. Ohne ihn wär die Zeit im Internat unerträglich gewesen aber so waren viele schöne Erinnerungen entstanden. Vincent war nicht schüchtern so wie Jonas und schleppte ihn häufig mit auf Partys im Dorf oder weckte ihn nachts auf um sich heimlich durch die Schule zu schleichen. Erwischt wurden sie nie und da war Jonas ziemlich stolz darauf.
Susanne wartete unten auf ihn und Jonas freute sich doch irgendwie sie zu sehen. Sie war immerhin das was einer Mutter am allernächsten kam und so wie sie ihn anlächelte fühlte Jonas sich sofort geborgen. Genauso wie in der festen Umarmung in die sie ihn sofort schloss. Inzwischen überragte er sie um einige Zentimeter, aber wenn Susanne ihn in ihre Arme schloss fühlte er sich manchmal wieder wie der kleine Junge der nicht einschlafen konnte wegen der Alpträume und dem sie sanft über die Haare strich und ihm vorsang bis ihm wieder die Augen zufielen. „Bereit Großer?“ fragte sie und löste die Umarmung. Jonas nickte. Ja das war er.
Auf einer der Dorfpartys die die Klassenkameraden aus dem Ort schmissen lernte er dann Erik kennen. 16, schwarze Haare und stechend blaue Augen und ein Grinsen das der Sonne gute Konkurrenz machen konnte. Erik war sein erster Kuss und seine erste große Liebe gewesen aber es hielt leider nicht allzu lange. Zu groß waren die Vorwürfe die er sich selbst machte, zu groß die Verwirrung und leider auch Angst. Angst davor nicht akzeptiert oder verstoßen zu werden, die Angst Vincent zu verlieren. Verwirrung weil er nicht verstand was da in ihm passierte, was Erik in ihm auslöste. Irgendwann hielt Jonas es nicht mehr aus und nachdem er sich erfolgreich nicht nur sein eigenes Herz sondern auch das von Erik gebrochen hatte und rief heulend bei Susanne an um ihr alles zu erzählen. Natürlich begegnete sie ihm mit nichts anderem als Liebe und Akzeptanz und versicherte ihm mehrfach dass alles in Ordnung war und er genauso richtig war wie er war. Danach ging es ihm so weit besser das er auch den Mut aufbrachte Vincent die Wahrheit zu sagen, der ihn dann überraschte indem er nur die Schultern zuckte und meinte er würde das doch alles schon wissen, wieso er sich hier die Mühe machte das alles so geständnismäßig aufzuziehen. Die Erleichterung die Jonas dabei verspürte war so groß, er fühlte sich als könnte er Bäume ausreißen.
Die Fahrt verlief ereignislos, Susanne erzählte von Sofia und dem Gasthaus und allem anderen und Jonas erzählte von sich und was es noch für das Studium zu erledigen gab und es war schön wie normal das alles war. Ja er war nicht oft zuhause gewesen die letzten Jahre, nur in den größeren Ferien und dann auch nur wenn er nicht mit Vincent in den Urlaub fuhr. Nach Italien zum Beispiel oder in die Schweiz, einmal waren sie mit Vincents Eltern sogar in Frankreich gewesen. Zuhause war trotz all der Liebe und Fürsorge die er von Susanne und ihren Freunden erfuhr trotzdem immer noch der Ort an dem er seine Eltern durch den Steinschlag verlor. Er mochte die Berge, zweifelsohne, aber Angst machten sie ihm immer noch. Wandern gehen konnte er inzwischen zwar wieder, aber nur auf gesicherten Wanderwegen und nicht allzu langen Strecken. Jetzt wieder zurück nach Ellmau zu gehen, wenigstens so lange bis er nach Wien ziehen würde, war etwas komisch, aber Jonas freute sich doch auch ein bisschen darauf. Susanne im Gasthof helfen, Zeit mit Sofia verbringen, die Grubers mal wieder besuchen und dann alles vorzubereiten was mit dem Studium zu tun hatte.
Lächelnd sah er aus dem Fenster und die Berge wurden immer vertrauter um ihn herum und Jonas war beinahe glücklich. Wieder Zuhause und ein neues Lebenskapitel stand in den Startlöchern, das konnte nur gut werden.
„Willkommen daheim Jonas“ sagte Susanne leise und lächelte.
