Chapter Text
Stille Nacht
Stille Nacht, heilige Nacht,
Die Welt, sie schlief, der Wind blies sacht.
Der Schnee rieselte aus dem Himmelreich,
Hinunter zur Erde, Konflikte verstummten sogleich.
Holder Knabe mit lockigem Haar, o wie lacht.
Sein Liebster ihm die Freud' zurückgebracht.
Da, es schlug die rettende Stund'
Ehe das Engelskind fiele in Todes' Schlund.
Stille Nacht, heilige Nacht.
Ward' an jenem Tag ein Wunder vollbracht?
So wie einst die Engel Hirten kund gemacht:
"So lauschet von ferne und nah, unser Retter ist da."
{Nachlass aus dem Jahre 1304;
verloren in einem Arsenal
von abertausend Tagebüchern}
~♥~
Stille.
Finsternis, die sich wie ein Mantel um jenen Teil der Erde schlang und im Zusammenspiel mit den eisigen, winzigen Schneeflocken das fiktive Tor zu einer Welt voller seligem Frieden scheinbar eröffnete.
Wind, der die weiße Pracht, die den Boden zierte, geradezu magisch in die Lüfte beförderte, als bestehe sie aus kleinen funkelnden Edelsteinen.
Heiße, dampfende Wölkchen stiegen in die Winterluft hinauf; jeder Atemzug zeigte sich malerisch und geradezu vertraut mit alten kindlichen Erinnerungen. Das Ende eines weiteren Jahres stand bevor und man hätte die verbleibenden Tage mit den Händen abzählen können, vorausgesetzt man lebte in jenem Teil der Welt, der das Neujahr am ersten Jänner zelebrierte.
Die Finger, egal, ob sie in wolligen Handschuhen steckten oder im stechenden Frost frei hantieren mussten, liefen rot an. Ebenso taten es Nasenspitze, Ohren und Wangen. Dennoch genoss man es, in jener Winternacht die Schöpfung des Allmächtigen zu ehren und zu bestaunen.
Ein paar saphirblauer Augen sah zum Himmel hinauf, ein Funkeln leuchtete darin so lichterloh und lebendig wie die Kerzen vor einem Altar. Doch hinter dieser gar idyllischen Außensicht herrschte riesige Angst vor der Zukunft. Die Sorglosigkeit des Kindes, das in jener stillen Nacht inmitten des Schnees Ruhe und Geborgenheit suchte, neigte sich dem Ende zu. Nichts blieb ewig und so auch die Unbeschwertheit Gabriels, der von seinen Großmeistern maßlos stark behüteten Personifikation der Tempelritter.
Wenige Jahre zuvor wäre er mit einem breiten Lächeln durch die Welt spaziert und, ohne jegliches Gefühl für Gefahr zu besitzen, einem jeden einen Bruchteil seiner Aufmerksamkeit zu schenken.
Diese Zeit war Vergangenheit.
Denn nun brachen dunkle Zeiten an, er fühlte es.
Es war nicht so, als sähe er nicht bereits die Veränderung der Sicht auf seine Leute.
Es war auch nicht so, als bekäme er die Kritik, die hinterrücks verübt wurde, nicht mit.
Es war auch nicht so, als spüre er nicht die Missgunst der Leute, denen er begegnete.
In wenigen Jahren, dabei war sich Gabriel sicher, würde sich alles ändern...Doch nun war es der Abend des vierundzwanzigsten des zwölften Monats des Jahres 1304. Noch durfte er das Leben genießen, auch wenn der Tod bereits vor seiner Tür stand und seine Vorboten vorschickte. Sein wievieltes Weihnachtsfest war dies bereits? Das einhundertsechsundneunzigste? Der Junge war sich nicht mehr ganz sicher, denn trotz seiner beinahe zweihundertjährigen Existenz war er doch geistig und körperlich nicht älter als vierzehn, vielleicht sogar schon fünfzehn Jahre.
Dennoch...Dieses eine Fest im tiefsten Winter, das er einmal im warmen Klima des Königreichs Jerusalem und einmal im verschneiten, eisigen Frankreich - beides Gebiete, die seine Person zum Leben brachten - feiern durfte, war eines der wenigen Feierlichkeiten, bei denen er erlaubt war, außerhalb des strengen Reglements seines Ordens zu agieren.
Vorausgesetzt, er besuchte dennoch pünktlich die Christmette und jedes noch so kleine gemeinsame Gebet.
Doch dieses Mal verbrachte er den Abend vor dem Christtag in keines seiner beiden Kerngebiete, sondern inmitten des Heiligen Römischen Reiches, zusammen mit...
"Boah, machst du gerade 'nen Starrwettbewerb gegen den Himmel? Kann ich auch mitspielen?", ein junger Ritter, rund ein Jahr jünger als er, grinste ihn dämlich an. Es war Gilbert, die Personifikation des Deutschen Ordens, der nun zu ihm rutschte, während er auf dem kalten, sachte angezuckerten Stein des Brunnens saß. Gabriel hatte nicht bemerkt, wie er in den Himmel starrte, ohne mit der Wimper zu zucken, denn seine Gedanken hatten ihn zur Gänze eingenommen. Gilbert dagegen verhielt sich hibbelig wie eh und je und imitierte ihn direkt, indem er auch in den Nachthimmel starrte.
...und direkt Schneeflocken ins Auge bekam. "AH! SCHEIßE!", er kniff die Augen zu und legte zusätzlich die Hände darauf, als würde es etwas nützen, "Ich hab's ins Auge gekriegt!" Plötzlich musste Gabriel einfach leise kichern und die Melancholie weniger Sekunden zuvor war wie weggeblasen, als Gilbert einfach...er selbst war.
"Gilbert, du musst schon aufpassen, wenn es schneit...", der blonde Tempelritter mit dem niedlichen, flügelartigen Löckchen sprach sanft auf seinen knapp jüngeren Kameraden ein, strich ihm dabei sanft über den Oberarm, "Aber keine Panik, das wird wieder gut...Es ist nur gefrorenes Wasser..."
Der Junge nickte und rieb sich die Augen, ehe er wieder seinem Freund ins Gesicht sehen konnte. "Können wir jetzt mal irgendetwas machen? Mir ist langweilig und-", da entdeckte der Albino den sachten Schimmer Traurigkeit und Melancholie in Gabriels Augen und sein ehemals genervter Blick erweichte vor Sorge, "Du zerbrichst dir wieder den Kopf, nicht wahr?"
Gabriel antwortete nicht, aber die Art und Weise, wie sich seine Schultern lockerten und er den Kopf zur Seite wandte, bewies Gilberts Annahme. Und Gilbert hasste nichts mehr, als Gabriel so von Nerven zerfressen und trist zu erleben. Ein Seufzen entfloh seinem Mund und er legte seinen Arm um seinen älteren Freund. "Komm, Gabriel, du weißt genau, was ich immer sage. Scheiß auf die anderen, die sind ganz einfach uncool und überhaupt nicht awesome, wenn sie schlecht von dir reden. Wir wissen beide, dass du einfach zu cool für sie alle bist. - Zwar nicht so awesome wie ich, aber du verstehst, was ich meine. Du, beziehungsweise dein Orden, ist reich, stark und du hast haufenweise Land...und vor allem Geld. Als ob man dir jemals etwas so Schlimmes antun könnte! Ha! Das bisschen Kritik verfliegt schnell wieder. Ich muss es ja wissen, ich höre ja andauernd 'He, du Gör, es ist Nachtruhe, also sei still' oder 'Kannst du nicht ein einziges Mal die Klappe halten' und denkst du, mich hat das je gejuckt? Na, eben nicht und trotzdem steh ich noch da, also komm schon. Alles wird gut, ja?"
Als Gabriel ihm mit Schweigen begegnete, verdrehte er die Augen und legte die Hand auf die seine; die Fingerspitzen beiderlei Hände trugen bereits ihre rote Farbe durch die eisige Kälte. Vorsichtig schaute Gilbert um sich. Keine Menschenseele verirrte sich zu diesem alten Platz mit dem vereisten, trockengelegten Brunnen. Das Stadtzentrum hatte sich in den letzten Jahrhunderten wohl nach Westen verlegt, denn wenn Gilbert genau hinhörte, vernahm er eine gedämpfte Melodie aus jener Himmelsrichtung. In der Innenstadt war bestimmt mehr los, immerhin feierte man das Weihnachtsfest zu jener Zeit in der Dorfgemeinschaft, bestenfalls in der Kirche mit theaterischen Spektakeln und wenn der Landesfürst es für günstig hielt, fand der alljährliche Dezembermarkt wenige Tage vor dem Christtag statt - also passend für die Weihnachtszeit.
Als Gilbert sich sicher war, dass niemand guckte oder auch nur in der Nähe von ihnen durch den Schnee stapfte, drehte er seinen Oberkörper zu Gabriel, lehnte sich etwas nach vorne und drückte ihm ein Küsschen auf die Wange. In Wirklichkeit wusste er doch, was Gabriel gerade durchmachte. Der Ruf seines Ordens sank in den letzten Jahren bereits drastisch herab und Gerüchte kursierten wie die Pest in europäischen Städten. Dazu kamen zahlreiche neue Anfeindungen, gegen die Gabriel als Einzelperson nichts ausrichten konnte. Er mochte wohl die Personifikation des Templerordens sein...aber dennoch war er eine Person, ein Individuum, für den diese Anschuldigungen ebenso schmerzhaft und prägend waren, wie sie für einen Sterblichen wären. Er war neben seiner Funktion als Personifikation doch immer noch eine eigenständige Persönlichkeit - immerhin hatte das Wort Personifikation auch das Wort 'Person' inne. Doch wie sollte Gilbert ihm helfen? Er war nicht sonderlich gut oder bekannt darin, Leuten mit sanften Worten auszuhelfen...Es blieb ihm nicht viel, bis auf Taten, die Gabriel hoffentlich das schenkten, was er brauchte.
Als sich also seine Lippen von seiner Wange entfernten und er dem rot angelaufenen Gesicht seines heimlichen Liebsten entgegenblickte, erhob sich Gilbert und hielt Gabriel mit einem milden Lächeln die Hand hin. "Komm. Wir gehen jetzt einfach mal auf diesen Dezembermarkt, okay? Das bringt dich auf andere Gedanken und bestimmt gibt es da einmal etwas Anständiges zu essen! Ich bin diesen grausigen Fraß im Orden sowas von satt! Ich kann den Scheiß nicht mehr sehen! Bah!" Gilbert kniff dramatisch die Augen zusammen und presste die Lippen aufeinander, ganz so, als hätte er gerade in eine Zitrone gebissen. Dann übertrieb er es mit dem falschen Zittern, das seine Schultern zum Beben brachte.
Wenig wusste er, dass Gabriel gerade diese Eigenschaft an ihm so innig schätzte: Gilbert brachte ihn zum Lächeln, seien es seine Dummheiten oder das Talent aus einer traurigen Situation eine lustige zu machen, Gabriel liebte es einfach an ihm. Denn oftmals waren es diese kleinen nicht intentionalen Gesten, die Gabriel Tag und Nacht erhellten, wenn er einmal mehr unter einem schlechten Stern stand...
***
Je weiter die Kinder sich Richtung Stadtzentrum begaben, desto dichter reihten sich Hauswände aneinander. Aus den Schatten der verwaisten Gassen stiegen sie heraus ins Licht der am Fenster leuchtenden Kerzen. Gelächter, aber auch Gezanke und Getuschel wurde lauter und Menschen schwirrten wie Insekten von einem Ort zum Nächsten. Sie bereiteten sich wohl einmal mehr auf den harschen Winter vor, der noch einige Monate dauern würde. Gabriel sah zu seiner Linken. Niedliche Holzhütten reihten sich um das Zentrum der Stadt, ein Brunnen stand in ihrer Mitte; das Dach des Brunnens schmückte man mit immergrünen Zweigen, wie die der Tanne. Ein Lächeln malte sich auf sein Gesicht. Wie niedlich die Städter ihren Wohnort doch schmückten und festlicher aussehen ließen. Die hölzernen Marktstände, die sich ringsum um den runden Platz verteilten, brachten dabei eine nahezu wohlige, entspannende, aber doch neugierig machende Atmosphäre mit sich. Lediglich die Menschen, die von Stand zu Stand schlenderten und das Geld in ihren Taschen zählten, bewiesen, dass sich hinter der Idylle des abendlichen Platzes Stress und Sorge, wie man den Winter überstünde, versteckte.
"Gabriel!", die Stimme seines Freundes riss ihn aus den Gedanken und keine Sekunde später spürte er Gilberts warme Hand in seiner, "Komm, ich muss dir etwas zeigen!"
"Was denn?", fragte Gabriel keine Sekunde später, als er sich von Gilbert führen ließ, vorbei an den kleinen Ständchen hin zu den Toren der mächtigen Kathedrale mit den sorgfältig eingravierten Mustern im hellgrauen Stein. Wenn Gabriel genau hinsah, vermutete er sogar, die Abbilder der Heiligen und Kirchenpatronen zu erkennen.
"Siehst du gleich!", ein spitzbübisches Grinsen zog sich breit über Gilberts Gesicht und keine Sekunde später kämpfte er damit, mit seinem gesamten (leider geringen) Körpergewicht die riesige Tür aufzubekommen. Mit beiden Armen umklammerte er die eisige, schwarze Klinke und lehnte sich nach hinten. Vergebens. "Hngh! Warum geht der Scheiß nicht auf! Ich hab doch vorher wen da rausgehen gesehen!" Gabriel blinzelte seinen Freund mit großen Augen perplex an und hob die Augenbrauen. "Gilbert?"
"Sag nichts! Ich hab's gleich! Ich krieg das alleine hin!", schoss es direkt aus dem Mund des Albinos und er wies jegliche Form der Hilfe sofort ab. Er schaffte das! Es wäre zu peinlich, wenn er, der große Gilbert, es nicht schaffte eine gefühlt zehn Mal größere Tür zu öffnen!
"Gilbert", Gabriel versuchte es erneut - mit etwas Nachdruck - trat neben ihn zum zweiten Torflügel und legte die Hand auf eine viel kleinere Klinke, "Gilbert, das hier ist die richtige Tür." Gelassen drückte Gabriel nach unten und öffnete so den Eingang zum Gotteshaus. Schelten oder eine Beleidigung gegen Gilberts Dummheit fiel nicht, denn Gabriel dachte nicht einmal daran. Wären allerdings die älteren Ritterkollegen aus ihren Orden hier, sähe die Situation wohl ganz anders aus und dass, obwohl schlechte Nachrede - zumindest in Gabriels Orden - ein Tabu war. "Du weißt, manche Kirchen haben eine kleine Eingangstür in ihren megagroßen Toren."
"Na...Natürlich weiß ich das!", Gilbert ließ sein Tor los und lachte nervös, seine Ohrspitzen liefen rot an, das passierte immer, wenn er sich schämte, "Ich wollte nur testen, ob mein liebes Goldlöckchen hier auch noch im Kopf fit genug ist, um den Fehler zu finden! Das war volle Absicht! Das war ein Test!" Nicht wissend, ob Gilbert dieses Argument nur deswegen brachte, um seinen Fehler zu verbergen oder ob es daher kam, dass er Gabriel tatsächlich prüfen wollte, um ihn abzulenken, zuckte der blonde Tempelritter nur mit den Schultern. "Wie du meinst! Vergessen wir das...Was wolltest du mir hier drin denn unbedingt zeigen?"
"Das."
Gilbert ging voraus in die heilige Stätte hinein und Gabriel folgte ihm dicht. Als sie das Eingangsportal hinter sich ließen und Gabriel nun endlich das gesamte Kirchenschiff bewundern konnte, stand sein Herz für einen Augenblick lang still. Tannengrün zierte den kalten Stein der Altäre aus Marmor, viele weitere Zweige und längere Äste erstreckten sich an zahlreichen Stellen des Gebäudes. Hier und da blitzten die roten Beeren von Misteln heraus, die im Kerzenlicht einzelne warme Farbtupfer hinzumischten und den gesamten Anblick in ein nahezu unsterbliches Kunstwerk verwandelten. Obwohl es doch nur ganz basale, unspektakuläre Materialien aus der Natur waren, machten sie für Gabriel unglaublich viel aus, denn zum ersten Mal seit langem fühlte er sich in diesen Gemäuern tatsächlich wohl.
Denn je mehr er daran dachte, wie er sich in den letzten Jahren vermehrt mit den hohen Leuten des Klerus und den weltlichen Fürsten in einem Konflikt befand, desto unwohler und unwürdiger hatte er sich gefühlt, wann auch immer er durch Kathedralen und Kapellen schritt.
"Mein Orden hat mich gestern Abend dazu verdonnert, die Kirche hier zu schmücken", flüsterte Gilbert und schlenderte mit seinem Freund durch die vielen Sitzreihen und Gänge, vorbei am Opferstock und dem 'ewigen Licht' vor dem Allerheiligsten Sakrament beim kostbar vergoldeten Tabernakel, "Ich war wieder zu laut und zu unruhig nach der Vesper, aber keiner hatte mehr die Nerven, mich zu schelten, deswegen hat mich Hochmeister Siegfried hierhergeschickt. Eigentlich wäre das hier die Aufgabe für die Knappen für heute Morgen gewesen, aber naja, hätte schlimmer kommen können."
"Das hast du alles allein hingekriegt? Auch das da oben?!" Erstaunt zeigte Gabriel zu den Kerzenhaltern an den Säulen, die eindeutig höher als sie selbst reichen konnten lagen. Denn auch dort steckte der ein oder andere Tannenzweig drin. "Du glaubst nicht wie viel Zeit und Energie man in der Nacht hat, wenn man sonst nichts zu tun hat. Außerdem hab ich die Sakristei geplündert. Da findet man allerlei Dinge, die einem helfen könnten." Der Albino stemmte stolz die Hände in die Hüften und betrachtete sein Werk des Vortages. Es hatte auch nur ganze sechs Stunden gedauert und seine Beine taten danach weh, aber das war doch egal! "Gefällt es dir? Es muss dir gefallen! Ich hab mich selbst übertroffen! Ich bin nämlich so cool, ich hab die Misteldinger nämlich extra dazugetan, weil rot doch deine Lieblingsfarbe ist...Na, was sagst du?"
"Es ist...", Gabriels Lippen formten ein Lächeln - ein Lächeln, das fast so schön und voller Freude war, wie jene, die er vor vielen Jahren Gilbert schenkte, als ihre Welt noch scheinbar gut war, "Es ist wirklich wunderschön, Gilbert. Ich bin mir sicher, ganz viele Leute werden genauso darüber denken. Du darfst ruhig ehrlich stolz auf dich sein." Gerührt von der Tatsache, dass Gilbert sich sogar Gedanken über seine Lieblingsfarbe gemacht hatte, legte Gabriel seinen Kopf für einen Moment an Gilberts warmer Schulter ab und der Grinser auf seinem Gesicht verweilte länger als sonst. Gilbert hatte ihm allein mit diesem Gedanken ein Geschenk gemacht. Gabriel liebte Geschenke, doch sein Orden verbot es auch ihm, obwohl er noch ein Kind war - nahezu unsterblich oder nicht -, physische Geschenke oder auch Briefe anzunehmen. Hätte Gilbert ihm etwas Materielles gegeben, hätte es Großmeister Jacques de Molay bestimmt direkt konfisziert. Daher waren diese kleinen Aufmerksamkeiten für Gabriel so unsagbar besonders, egal wie klein sie auch scheinen mochten.
Es waren Dinge, die nur Gilbert und ihn etwas angingen.
Es waren Dinge, von denen niemand etwas erfahren könnte, sofern sie beide schwiegen.
Es waren Dinge, die kein Gesetz der Welt oder des frommen Lebens hätte verbieten können.
Die beiden Knaben saßen noch eine Weile in der stillen, menschenleeren Kirche. Arm in Arm, die Augen friedlich geschlossen und mit den Gedanken in einer Welt fernab von diesem irdischen Dasein mit seinen unerträglichen Pflichten. Es war Wärme, die ihre Herzen wie Opferkerzen mit ihrem innetragenden Licht erfüllte, während draußen im Schnee die bittere Kälte hauste.
Erst, als vermehrt Stimmen von außerhalb ertönten, zuckten die beiden erschrocken auf und sahen sich gezwungen, einander loszulassen.
Doch sehnten sie sich keine Sekunde später wieder danach, einander nah zu sein...
"Es geschah aber in jenen Tagen, dass Kaiser Augustus den Befehl erließ, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen..."
Gabriel spitzte die Ohren und schnellte den Kopf Richtung Kirchenportal. "Das Weihnachtsevangelium? Tragen sie das etwa da draußen an den Treppenstufen vor?"
"Ich denke ja. Vorher hab ich ein paar Leute über das Krippenspiel diskutieren gehört", Gilbert stand von seinem Platz auf und hielt Gabriel die Hand entgegen, "Mann, seit das dieser eine Typ von Assisi mit dem Zeug in diesem Greccio-Wald angefangen hat, sieht man das ja überall."
Gabriel nahm die Hand an, lächelte mild und stand auf. "Stimmt...Da fällt mir ein, weißt du, ob Joan auch in der Gegend ist? Xier hält sich doch hin und wieder hier im Norden auf."
"Dass ausgerechnet du das fragst, wundert mich!", die Augen des Albinos wurden aus Verwunderung größer, "Ich dachte du magst Joan gar nicht."
Gabriels Wangen färbten sich auf der Stelle rot und er begann mit dem Saum seiner Tunika zu spielen. "Nicht mögen ist ein starker Ausdruck...Ich hätte eher gesagt: 'Wir geraten einfach nur leichter in Konflikte.'" Tatsächlich hatte Gabriel zu früheren Zeiten eine große Missgunst gegenüber Joan - der Personifikation des Johanniterordens - gehegt, doch nun schien sein Rivalitätsdenken nach und nach zu verblassen. Lange konnte er dem älteren Ritter nicht böse sein, immerhin hatte xier ihm geschworen, die unschuldige Jugendliebe zwischen Gilbert und ihm nicht zu verpetzen.
Plötzlich meldete sich allerdings Gilberts Magen zu Wort und ein fürchterliches Knurren war zu hören. "Egal, ich hab Hunger! Holen wir uns was zu beißen! Mir egal, ob jetzt Fastenzeit ist, ich brauche jetzt etwas Anständiges zwischen den Zähnen oder ich kann mir schon meinen Sarg aussuchen."
"Wie du meinst, Gilbert!", der Blonde schmunzelte und die Melancholie, mit der er in den letzten Stunden zu kämpfen hatte, war wie weggeblasen, "Aber nehmen wir den anderen Ausgang. Ich befürchte, die Darsteller draußen spielen direkt vor dem Eingang ihr Krippenspiel und ich will nicht unbedingt reinplatzen..."
***
Die Nacht schritt voran und Schneeflocken tanzten immer intensiver mit dem eisigen Wind. Von links und rechts schallten Weihnachtslieder durch die Gassen, gesungen von Chören oder Familien mit ihren Kindern. Man merkte bereits, dass die strengsten drei Wochen der adventlichen Fastenzeit ihr Ende gefunden hatten und nun nach und nach das Vergnügen zurück ins Leben kam. Dennoch würde es noch bis zum Epiphaniasfest - dem Tag der Heiligen Drei Könige - dauern, bis ein jeder erlaubt war, in die alten, ungeregelten Lebensweisen zurückzufallen. Jeder, bis auf die Mitglieder der elitären Orden, deren streng religiöse Lebensweise Gabriel sowie Gilbert doch manchmal die Luft zum Atmen nahm. Es gab keine Kinder in diesen Ordensgemeinschaften, die Großmeister selbst waren der Meinung, ein Knabe sollte diese Entscheidung nicht voreilig treffen, denn er sei noch zu jung und naiv. Daher waren Personifikationen wie sie das physisch und mental jüngste Glied der Gruppe und eine einzigartige Ausnahme. Umso schwieriger gestaltete sich damit das Heranwachsen.
Orden waren kein Ort für Kinder, die noch so viel von der Welt lernen mussten.
Dennoch waren die beiden Knaben in ihren Umhängen dazu gezwungen, sich der Erwachsenenwelt so schnell wie möglich anzupassen.
Aber so sehr, wie sie es auch versuchten, im Herzen blieben sie dennoch ein Kind wie jedes andere, egal ob Mensch oder Repräsentation.
Gabriel legte den Kopf in den Nacken, betrachtete den Mond, die Sterne und den Schnee, der diesen Teil der Welt in einen friedlichen Schlaf versetzte und zudeckte. Der Duft von süßem Honig lag in der Luft, zusammen mit einem nussigen Unterton. Hier musste es also Ständchen von Zuckerbäckern geben. Eine Neuheit auf den Dezembermärkten, genauso wie die der Spielzeugmacher und Korbflechter. Früher hätte es lediglich Verkäufer gegeben, die Fleisch für den Festtag, warme Kleidung und weitere überlebenswichtige Produkte anboten. Gabriel lächelte, als er zur Seite sah und ein junges Kind mit heißen, gerösteten Kastanien in den Händen entdeckte. Es war der Abend des Vierundzwanzigsten. Nun dürfte so langsam die strengste Fastenvorschrift fallen, die besagte, er dürfte am dreiundzwanzigsten sowie am vierundzwanzigsten lediglich getrocknetes Brot und Brotsuppe zu sich nehmen.
Dem Tempelritter lief bereits das Wasser im Mund zusammen. Wie gerne würde er nun in einen leckeren Lebkuchen beißen oder auch den Geschmack von Maronen, Nüssen und Mandeln genießen.
"He, Zwerg, hab nicht gedacht, dass du auch hier sein würdest."
Plötzlich riss ihn eine Stimme aus seiner Trance, gefolgt von einem Mampfen, und er schnellte erschrocken den Kopf umher.
"Wie? Was?" Als Gabriel sich umdrehte entdeckte er Joan wie xier genüsslich an seinen Mandeln knabberte. Die kinnlangen braunen Haare hatte xier ausnahmsweise hinter die Ohren gekämmt, womöglich störten sie sonst beim Essen.
"Hat lang gedauert, bis du es gemerkt hast. Aber keine Sorge. Dein Freundchen hat eine noch längere Leitung", entgegnete Joan unbekümmert, als sei es nichts weiter als eine einfache Feststellung.
"Hey!", Gilbert, der gerade ringsum durch die Ständchen gezischt war und im Schnelldurchlauf alle Essensstände abgeklappert hatte, vernahm natürlich Letzteres sofort, "Ich bin nicht dumm! Ich lass mir nur Zeit." Beleidigt stemmte der jüngste Ritter die Hände in die Hüften und funkelte Joan böse an.
Nach einer unangenehm langen Pause antwortete Joan erst. "Ja. Wie man's nimmt."
Gabriel seufzte. Das Trio hatte einander gefunden und war natürlich chaotischer wie eh und je, dennoch musste er zugeben, dass er sich wahrlich freute, dass sie nun alle drei dieses Weihnachten zusammen öffentlich feiern durften. Denn egal wie oft sich Gabriel und Joan stritten, irgendwie konnten sie sich doch als eine spezielle Art von Freunden bezeichnen.
Gilbert dagegen hatte weitaus andere Sorgen. Er rümpfte die Nase und stellte sich für einen Augenblick auf Zehenspitzen, um mit seinem Kollegen einmal auf Augenhöhe zu sein. "Sag, Joan, wo hast du denn die Mandeln da her?"- "Das sind meine! Ihr bekommt nichts, das hab ich mit meinem hart erarbeiteten Geld gezahlt!"
Beschützend hob Joan die Arme an und hielt die kleine Packung Mandeln in die Höhe, damit deren jungen Freunde nicht einmal mehr die Chance hatten, sie zu erreichen. Xier hatte sich so lange nach gebrannten Mandeln gesehnt und xier hatte die letzten vier Wochen damit verschwendet, zu recherchieren, woher die Mandel ursprünglich kam, wer die Idee mit den gebrannten Mandeln hatte und welche Nährwerte diese Nuss besaß. Hatte Joan die Zeit dafür gehabt? Nur, wenn xier freiwillige Nachtschichten in den zahlreichen Klosterarchiven abarbeitete, aber wann kam Joan denn sonst dazu, deren Wissensdurst zu stillen?
"Aber!", Gilbert stellte sich auf Zehenspitzen und hüpfte auf der Stelle rum, um die Mandeln vielleicht doch noch zu erwischen, "Ich will auch welche! Ich bin am Verhungern!" Dann stand er still, denn die Hüpferei wurde ihm dann doch zu anstrengend. "Und Goldie auch! Ich kann mein Goldlöckchen da nicht verhungern lassen!", er zeigte mit beiden Händen auf Gabriel und seine Mimik erzählte mehr als tausend Worte, "Das wäre ja richtig scheiße von mir!"
"Gilbert, das ist ein böses Wort!" Gabriel zog die Augenbrauen streng zusammen und Joan konnte nichts anderes tun, als zu seufzen. Diese beiden Dummerchen machen sich selbst das Leben nur noch schwerer und kreierten Drama aus dem puren Nichts. "Ja, wartet einen Moment. Ich hab sie von da hinten geholt. Kommt mit, ausnahmsweise besorg ich euch beiden etwas."
Überrascht von Joans Spendierlaune und dem plötzlichen Sinneswandel, schlich sich ein Lächeln auf Gabriels Gesicht. Annehmen konnte er die Geste leider nicht, sein Unterbewusstsein verbot es ihm. "Das ist wirklich nicht nötig, Joan. Das musst du nicht für uns tun, aber dennoch danke für den lieben Gedanken."
"Was soll das denn jetzt wieder mit deiner Bescheidenheit? Och, komm, Gabriel, da will man wirklich einmal nett sein und euch zeigen, dass man nicht ganz der schlimme Freund ist, und dann nimmst du das nicht an. Echt uncool." Joan rollte mit den Augen und kaute bereits an einer der letzten gebrannten Mandeln. "Sei nicht immer so versteift auf deine Regeln. Bei mir haben sie es auch schon aufgegeben. Komm schon, lass mich doch mal nett sein, ja?"
"Genau, Gabriel, lassen wir uns doch mal etwas spendieren!" Auch Gilbert schien von der Idee begeistert zu sein, was allerdings nicht verwunderlich war, da er solche Gelegenheiten generell gern ausnutzte. Also blieb Gabriel nichts anderes übrig als die Geste anzunehmen. "Na gut."
Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen schoss Gilbert schon wie ein Blitz durch den Markt und klebte fast schon an der Verkaufsfläche dran. Seine Augen weiteten sich, als er die süßen Köstlichkeiten - seien sie Lebkuchen, Mandeln oder anderes Zuckergebäck - erblickte und die Auswahl stellte ihn vor die Qual der Wahl. Am liebsten hätte er von allem ein wenig mitgenommen, doch da fiel ihm ein, dass er eigentlich nur wegen der gebrannten Mandeln hier war.
Während Joan also mit dem Käufer verhandelte und eine weitere kleine Menge der süßen Köstlichkeit ergattern konnte, zischte Gilbert direkt zurück zu seinem Freund, der sich in der Zwischenzeit auf den Brunnenrand gesetzt hatte und auf seine Kameraden wartete. Wenige Minuten später kam auch schon Joan angelatscht und übergab Gabriel die Süßigkeit. "Teilt schön und lasst es euch schmecken. Die waren echt nicht billig! Ihr müsst wissen, der Import solcher exotischen Leckereien ist aufwendig und vor allem durch die Transportwege wirklich teuer!"
"Ich hab dir zwar absolut nicht zugehört, aber cool, glaub ich." Gilbert mampfte mit vollen Backen und sah dann zurück zu Gabriel. "Und? Wie schmeckt es dir so?"
Gabriel antwortete nicht und machte keinerlei Mucks, doch das aufgeweckte und faszinierte Funkeln in seinen Augen bestätigten wohl Gilberts Frage. Er hatte nicht gewusst, dass Gabriel so eine Naschkatze war! Vielleicht lag es auch daran, dass man Süßes selten auf seinem Speiseplan fand...
"Ich glaub der kann gerade nicht reden." Joan kicherte leise über die Reaktion des jüngeren Freundes. "Aber so wie er aussieht kann es nur ein 'Ja' sein." Gilbert grinste und beobachtete seinen Partner mit weichem Blick. Gabriel so gelassen und fröhlich zu sehen, obwohl er in den letzten Wochen nur so vor Stress und Traurigkeit schmollte, ließ sein Herz höherschlagen und der sorgenvolle Druck in seiner Brust ließ ebenso nach.
Er wollte sich nicht vorstellen, wie schlimm und unerträglich es für ihn wäre, Gabriel eines Tages zu verlieren. Er war sich sicher, dass an dem Tag, an dem sein Partner vor lauter Wahnsinn der irdischen Welt entfliehen würde, etwas in ihm sterben würde. Aber das würde niemals stattfinden. Gabriel und er waren quasi unsterblich, nichts, außer eine Auflösung ihrer beiden Orden - ihrer Lebensgrundlage - könnte sie auseinanderreißen und Gilbert zweifelte daran, dass dies jemals geschehen würde. Vor rund siebzig oder achtzig Jahren erhob man ihn zusätzlich von der Ordensrepräsentation zur Personifikation eines Staates, er war also der Deutsche Orden sowie der Deutschordensstaat zugleich und wenn Gabriels Leute sich endlich auf ein festes Territorium stürzten und etwas eigenes etablierten, so wie er, dann war es noch unwahrscheinlicher, dass Gabriel etwas zustieß.
Während Gilbert davon träumte, zusammen mit Gabriel ein 'mega awesomes Ordensstaat-Duo' zu werden, sah der Sonnenschein neben ihm nur mit tristem Blick in die Zukunft. Gilbert konnte ja nicht ahnen, welche Gerüchte sich konkret über ihn verbreiteten...Doch dieser Konflikt war nicht für jenen Heiligen Abend bestimmt und Gabriel war Gilbert, aber auch Joan für die lieb gemeinte Ablenkung unendlich dankbar. Dieses Weihnachtsfest mit ihnen zu verbringen, warf ihn zurück in eine weitaus nostalgischere Zeit, als sie zu dritt im Heiligen Land stationiert waren und zum ersten Mal jenes christliche Fest zusammen erlebten.
Gabriel war glücklich, trotz den Umständen, in denen er momentan lebte.
Und solange er seine Freunde an seiner Seite hatte, brauchte er sich nicht vor der Zukunft fürchten, die ihm noch bevorstand.
"Hey, Leute", liebevoll lächelnd schaute er zwischen Joan und Gilbert hin und her, ein Leuchten in den wasserblauen Iriden tragend, "Lasst uns zur Feier des Tages den Straßenumzug ansehen. Er sollte am Kirchplatz beginnen, sobald die Uhr zwanzig schlägt!"
~♥~
