Work Text:
Im tiefsten Dickicht, man glaubt es kaum,
Versteckte sich ein lieblich' Angesicht wie im schönsten Traum.
Es war zierlich, trug stets ein Lächeln im Gesicht,
Es verzauberte einen Jungen, entflammte in ihm ein helles Licht.
Ein Licht, das vor sich hin flackerte wie des Himmels Abendrot,
Ein Licht, das ihm zärtliche, reine Liebe bot.
Ein Licht, das er für immer schützen sollte,
Ein Licht, das er in seinen Armen halten wollte.
Sich mit ihm im selben Takt über das weiche Gras bewegen,
Dass sich auch zarte Lippen auf die seinen legen.
Denn egal wie sehr im Abseits sich der liebliche Junge hielt versteckt...
Für wenigstens einen Menschen, war er perfekt.
~♥~
Mit einem letzten gleißenden Sonnenstrahl, lugte die Sonne durch das wild gewachsene Gestrüpp hervor und tauchte alles in ihren kostbaren, goldenen Schimmer ein. Die Zeit schien still zu stehen, keine Kreatur wagte es, die wertvolle Stille des Walds zu unterbrechen. Einzig und allein das sanfte Plätschern eines nahe liegenden Baches spielte seine Melodie ununterbrochen weiter. Dicke Nebelschwaden bildeten sich über das Tal, das Ludwig von den Bergen aus beobachten konnte. Es war, als hätte die Natur sein Heimatdorf mit einem Wolkenschleier zugedeckt, um es vor allen Gefahren zu schützen, die es bedrohen könnten; um es vor dem Zauber versteckt zu halten, der sich jenseits der sanft abfallenden Felswände befand, die das Dörfchen Rulid in seiner abgeschotteten Schönheit einkesselten.
Zahlreiche Gewächse schlangen sich um den Stein, versteckten ihn unter ihrem grünen Schleier und hauchten ihm Leben ein als hätte ein Naturgeist sie höchstpersönlich geküsst.
Ludwig spürte, wie seine Lippen anfingen zu kribbeln und sich Hitze in seinen Wangen sammelte. Ein Kuss eines Naturgeistes...Wie sehr hatte er sich genau das gewünscht seit seiner Rückkehr vom Kristallsee, die nur wenige Wochen zurücklag.
Es war ein Abend wie der momentane gewesen, der Wald war im goldenen Sonnenschein gefangen und im Licht sah man selbst die kleinsten Staubkörnchen wie kleine Kristalle durch die Luft tänzeln. Ludwig hatte sich entschlossen, eine Pause am See einzulegen, nachdem er seine letzte Patrouille abgeschlossen hatte, denn nur wenige Tage zuvor gab es die Eilmeldung, dass eine Bande zwielichtiger Gestalten durch die Wälder wanderte und für Unruhe sorgte. Als verifizierter Schwertkämpfer war es seine Pflicht gewesen, des Öfteren die Grenzen zu überwachen und während sein Bruder den kühleren Osten übernehmen durfte, der seine empfindliche Haut aufgrund der dichten Bäume vor der Sonne schützte, musste Ludwig in den Westen.
Wenn er daran zurückdachte, hätte er beinahe über sich selbst lachen können.
Anfangs war ihm der Gedanke, jeden Tag diesen Berg hinauf zu wandern, um stundenlang darauf zu warten, dass etwas passierte, ein Dorn im Auge. Er dachte, er würde sich damit nur noch mehr von der Gemeinschaft des Dorfes ausschließen, würde in seiner Einsamkeit verrotten, die ihn von nun an am Tag sowie in der Nacht in ihre Fesseln nahm.
Und doch war es ganz anders gewesen, als er es erwartet hatte.
Niemals hätte er sich vorstellen können, mit einer Begegnung wie dieser beschenkt zu werden.
Damals hatte sich Ludwig entschlossen den Heimweg anzutreten, wählte dabei den Seeweg nahe des Ufers. Das Wasser rauschte, schlug winzige Wellen, in denen sich das Licht wie zehntausende Diamanten reflektierte. Ein Orangeton zeichnete sich an die Wasseroberfläche, fing die kostbare goldene Sonne ein. An den Rändern sammelte sich wild gewachsenes Schilf und eine Handvoll Seerosen streckten ihre zierlichen, pastellrosanen Blüten dem Himmel entgegen. Hier und da schwirrten Libellen vorbei, die mit ihren schillernden Flügeln der idyllischen Szenerie den letzten Schliff gaben. Es wirkte durchaus gemütlich, gar romantisch auf den jungen Schwertkämpfer, rissen ihn aus seiner sonst so gestressten und schnelllebigen Persönlichkeit heraus und zwangen ihn, für den Moment lang ruhig zu werden...die kühle Bergluft einzuatmen, die Sonne auf seiner Haut zu spüren, den leisen Anklang der Grillenmusik zu hören...Der Geruch von reifenden Früchten stieg ihm in die Nase, seine Augen wurden von dem goldenen Licht leicht geblendet...
Nichts ahnend war er weitergegangen, hatte an seiner zuvor zwielichtig behafteten Aufgabe allmählich Gefallen gefunden, als ihm plötzlich lautes Gelächter zu Ohr kam. Glasklar und wie ein Chor tausender Engel prägte sich die Stimme in seinen Kopf, weckte seine Neugier und verleitete den sonst so strikten und regeltreuen Ludwig dazu, abzudriften und sich ablenken zu lassen. Er wollte wissen, woher jene Stimme kam, wem sie gehörte.
Wieder eine Stimme.
Sie kam von links.
Vorsichtig und mit gespitzten Ohren pirschte sich der junge Mann an die potentielle Geräuschquelle heran, kam nur stückchenweise voran, da er sich hinter Bäumen versteckte, um nicht gesehen zu werden. Es lockte ihn an eine kleine Bucht des Kristallsees, umringt von Trauerweiden, deren Äste so tief hingen, dass sie sogar beinahe die Wasseroberfläche berührten. Die ersten Glühwürmchen bereiteten sich auf ihr nächtliches Lichterfest vor, leuchteten bereits einzeln auf. Libellen huschten noch auf eine blühende Seerose, verweilten dort für eine Weile, während die Eichkätzchen die Baumstämme hochkletterten. Inmitten dieser alltäglichen Gegebenheiten der Natur stach jedoch etwas heraus.
Es war eine junge, menschliche Gestalt, doch zeitgleich wirkte sie so mystisch wie eine Nymphe. Ludwig hatte genauer hingesehen, erkannte erst auf dem zweiten Blick das tatsächliche Aussehen der Gestalt. Rotbraune Strähnen hingen ihr im Gesicht, drehten sanfte Löckchen. Das Gesicht, trotz seiner weichen Züge, gehörte einem jungen Mann, dessen dunkle Augen so scheu und doch so niedlich wirkten wie die eines Rehkitzes. Sein schmaler Körper war in wasserblauen sowie weißen Tüchern gehüllt, kostbarer Schmuck aus Perlmutt und zahlreichen Edelsteinen zierten Kopf, Handgelenke sowie Hals und Taille. Die schleierhafte Gestalt saß auf einem moosbewachsenen Stein, streichelte seltsam zutrauliche Rehe mit einem breiten Lachen auf seinem Gesicht.
Ludwig war sprachlos gewesen, stand im Zwiespalt mit seiner Aufgabe und der Neugier, die immer schwerer handzuhaben wurde. So perplex er auch war, näherte er sich der Quelle immer mehr, bis er seine Deckung mit dem Knacken eines Astes auffliegen ließ.
Der junge nymphenähnliche Mann schreckte auf, versteckte sich augenblicklich hinter seinem Felsen und die vielen Waldtiere nahmen Reißaus. Ludwig fluchte leise. Er hasste es, wenn ihm ein kleiner Fehler wie dieser unterlief, der alles ruinierte. Dennoch zückte er sicherheitshalber das Schwert, bevor er sich vorsichtig an das Versteck des Fremdlings heranwagte. Er konnte ja nicht sicher sein, ob dieses vermeintlich magische Wesen gegenüber Menschen wie ihn feindlich war und ihn in die Verdammnis stürzte wie viele andere törichte Männer zuvor.
Das Laub hatte unter seinen Füßen geknistert, der Wind pfiff durch die Baumkronen und stimmte sein liebliches Lied an, während die Klinge seines Schwertes im Sonnenuntergang schimmerte. Der junge Mann kauerte noch immer hinter dem Felsen, trotz dem Fakt, dass um ihn herum ausschließlich hüfttiefes Wasser zu finden war. Seine Arme waren über seinem Kopf geschlungen, als mache er sich auf einen Angriff bereit. Die Augen kniff er angestrengt zusammen, als Ludwig stetig mit der Waffe in der Hand näher kam, dennoch linste der Jüngling zu ihm, ehe er vor Schreck die Augen weit aufriss. Denn erst, als Ludwig die ängstlich wirkenden, braunen Augen in all ihrer Pracht erblickte, hielt er in seiner Bewegung inne, schaltete alles um ihn herum aus. Seine Umwelt fiel in Vergessenheit, die Realität verschwamm mit einem weit entfernten Traum. Das Klimpern seines Schwertes, das zu Boden fiel, bemerkte er gar nicht mehr. Auch die Furcht, die zwischen ihnen herrsche, verblasste immer mehr, wurde durch Staunen abgelöst. Aus der Gefahr wurde Friede. Und aus der Fremde wurde Liebe auf den ersten Blick.
Dass eine Gegebenheit wie diese die beiden zusammenführte musste ein Wunder sein, dachte sich Ludwig, als er die ersten Sterne am Himmel aufblitzen sah. Niemals hätte er geglaubt, einen Naturgeist nahe seines versteckten Dörfchens zu finden, geschweige denn ein gutes Verhältnis zu ihm aufzubauen.
"Feliciano", wisperte er unter seinem Atem hervor. Das war der Name des Naturgeistes, der ihn mit so viel Offenheit willkommen geheißen hat, wie noch keiner zuvor. Er war der Naturgeist des Wassers, der über alle noch so kleinen Gewässer dieser Region ein wachsames Auge hielt, während sein älterer Bruder als Feuergeist die gefährlichsten Flammen bewachte.
Ludwig hatte aufmerksam zugehört, jedes einzelne Wort, das Feliciano über die Lippen kam, in sich aufgenommen und versucht zu verstehen, egal wie wirr er auch manchmal sprach. Wenn er über etwas reden konnte, das ihn interessierte, sprudelten ihm die Wörter einfach heraus. Man hätte meinen können, er redete wie ein Wasserfall. Allein der Gedanke daran schickten dem Schwertkämpfer rote Farbe ins Gesicht. Es war ironisch, aber gerade deshalb amüsierte es ihn umso mehr. Doch nun hatte andere Sorgen im Kopf.
Normalerweise würde er um diese Tageszeit noch ein letztes Mal die Gegend patrouillieren, ehe er sich auf den Heimweg nach Rulid machte, jedoch würde er an jenem Abend für längere Zeit fehlen. Er hatte Feliciano versprochen, ihn am Abend der Tag-und-Nacht-Gleiche zu treffen. Einen Grund dafür hatte er anfangs nicht erhalten, es handelte sich lediglich um eine Bitte für ein abendliches Zusammensein. Bevor er jedoch das letzte Mal die Quelle verließ, meinte Feliciano, er würde gerne mit ihm die Sterne ansehen.
Ludwig schnaufte, als er fast über einen kleinen Felsen stolperte.
Die Sterne anzusehen...Eigentlich wäre ihm dieser Grund für ein Treffen fast zu wenig, gar lächerlich. Hätte ihm ein anderer jene Bitte gestellt, hätte er womöglich mit der Begründung abgewiesen, dass er hinsichtlich der Arbeit keine Zeit hätte.
Doch Feliciano...
Ludwig hatte das hoffnungsvolle Funkeln in seinen dunklen Iriden gesehen, die wie glitzernde Wellen im Mondlicht aufleuchteten. Egal wie er es auch angestellt hätte, er könnte dem niedlichen Wassergeist nichts Derartiges abschlagen. Ludwig hatte gemerkt, wie sehr es ihm bedeutete und für Feliciano würde er unzählige Male eine Ausnahme machen. Man hätte meinen können, Ludwig sei in dem Moment, wo sie sich zum ersten Mal trafen, schwach geworden; hätte seiner menschlichen Fehlbarkeit und Schwäche freien Lauf gelassen, um sich emotional so um eine Person zu wickeln, dass er das Glück eines anderen über das eigene stellt und durch die Freude des Gegenübers ebenfalls angesteckt wurde. Davor hatte es für Ludwig nur seine konfliktreiche Familie und seine Arbeit gegeben, Freunde hatte er wenige, hatte vielleicht sogar eher wenig Interesse daran gezeigt, welche zu finden.
Aber sein Feli? Dieser war für ihn etwas Besonderes, das musste auch er sich so langsam eingestehen.
Mittlerweile war der Mond aufgegangen, verdrängte das helle Licht der Sonne mit seiner Herrschaft über die Nacht. Ludwig selbst legte nur mehr die letzten Schritte zur Quelle zurück, lauschte dem Zirpen der Grillen nur halbherzig. Statt Libellen schwirrten zahlreiche Glühwürmchen umher, die seinen Weg erhellten, ihn ja sogar beinahe direkt zu Feliciano führten. Ihr schwaches Licht tauchte ihre nahe Umgebung in ein goldenes, gedämmtes Licht und verleitete den Wald dazu, sich wie ein leerer, schier unendlicher Ballsaal über die Berge und Hänge zu erstrecken. Seine Schritte hinterließen leises Knistern auf den alten, trockenen Blättern, die die Wiese bunt ausschmückten. Ludwig wagte es, einen Blick darauf zu werfen, merkte gar nicht, wie seine Mundwinkel nach oben zuckten. Manche Blätter waren Felicianos Haarfarbe beinahe identisch, wirkten im vorbeifließenden Bächlein so, als wäre Feliciano selbst das Wasser, das durch Berg und Tal floss und ihn überall hinbegleitete.
Vielleicht hatte er das auch schon immer getan.
Schließlich erreichte er die Lichtung, welche eingerahmt vom Licht der Glühkäfer ein sanftes Licht auf die Quelle warf, wo der wunderschöne Naturgeist bereits warten müsste, jedoch fand man keine Spur von ihm.
Ein Blick nach rechts...nichts.
Ein Blick nach links...niemand.
Ein Blick nach vorne...ein silbriger Nebelschwaden, der sich hauchdünn über den winzigen Teich erstreckte, seinen Ursprung im Wasser fand und nach und nach Form annahm.
Der Blonde näherte sich dem Wasser, starrte wie gebannt auf das Naturphänomen, das sich vor seinen Augen abspielte...Wie sich aus winzigen Wasserpartikeln ein Arm zusammensetzte, wie sich inmitten des Silbernebels ein Gesicht abzeichnete, das Ludwig seit dem ersten Tag von allen anderen am liebsten sah. Ein Gesicht, das er mit größter Achtung und Vorsicht liebkosen würde als wäre es der kostbarste Edelstein der Welt.
Mit einem lieben Lächeln im Gesicht und vor Freude funkelnden Augen ging der junge Mann auf Ludwig zu. Achtete gar nicht darauf, ob seine Haare richtig lagen oder ob sein weites, im Farbverlauf verschwindendes Gewand als Naturgeist ordentlich und in aller Schönheit an ihm lag.
Denn wenn Ludwig bei ihm war, war ihm alles andere gleich.
"Ludwig!" Feliciano erreichte das Ufer binnen weniger, fast schwebender Schritte über das Wasser.
"Ludwig, du bist da!" Die Freude des Wassergeistes war nicht zu übersehen, als er sich dem Deutschen um den Hals schmiss und ihn einmal mehr aus dem Konzept brachte.
Ludwig fühlte das Brodeln in seinem Bauch, vielleicht sogar ein stärkeres Brennen im Gesicht, als er es gewohnt war. Feliciano dagegen wirkte aufgeweckt und zufrieden wie immer.
"Natürlich bin ich da, ich habe dir doch gesagt, dass ich heute Abend komme." Ein Schmunzeln zeichnete sich auf dem Mund des Deutschen ab und er löste sich allmählich aus der engen Umarmung.
Feliciano aber vermisste direkt die Wärme und den beruhigenden Herzschlag des anderen, die ihn immer wieder in eine wohlig warme und sicherere Realität führten.
Eine Realität, die er allein für sich gefunden hat.
Eine Realität, die nur einen Teil der weiten, irdischen Welt ausmachte und doch viel mehr war als das.
Eine Realität, die Feliciano in Ludwig fand.
Langsam und kaum merkbar fing er an, hin und her zu wippen wie kleine Wellen bei windigem Wetter, die gegen Küsten, Ufer und Beine schwappten.
Vielleicht war dies nur die Angewohnheit eines Geistes, dessen Gabe das Wasser beherbergte, vielleicht aber war es auch Ludwig der sich auf jene Dinge einließ, egal ob im Bewusstsein oder nicht.
Bei einem Blick in seine wasserblauen Iriden bemerkte man allerdings, dass Ludwig an etwas dachte. Etwas, das ihn womöglich sehr bewegte. Feliciano hätte gerne gewusst, was den Blondschopf so abwesend machte, als Ludwig plötzlich aus den Gedanken gerissen wurde und Feliciano aufmerksam die Ohren spritzte.
"Bald wird es wieder kälter und der Weg hier hinauf wird schwierig. Was mache ich dann, wenn ich dich nicht mehr sehe?"
Feliciano blinzelte nur perplex und der Deutsche merkte, wie dümmlich er seine Frage gestellt hatte. Heißes Blut schoss ihm ins Gesicht, heizte seine Wangen und Ohren auf.
Mit Worten war er eindeutig nicht gut und ein Gespräch beginnen lag ebenfalls nicht in seinen besten Fähigkeiten.
Dennoch bemühte sich Feliciano zu verstehen, was sein Gegenüber damit sagen wollte.
"Tut mir leid, das war eine dumme Frage", schüttelte der Deutsche die peinliche Situation zugleich ab. Er kannte sich sonst doch nicht so angespannt und vor allem unprofessionell. Denn obwohl er es selbst nicht körperlich bemerkte, hatte ihn der Stress und die Belastung fest im Griff. Er hätte sich anstrengen können wie er nur konnte, aber diese kleinen Dummheiten würden mehrmals passieren.
Für Ludwig war es eine reine Katastrophe, doch zugleich erntete ihm das nur noch mehr Sympathie bei Feliciano.
Er schmunzelte belustigt. "Es ist in Ordnung, Ludwig. Du meintest ja nichts Böses damit."
Dennoch schämte sich Ludwig für die peinliche Formulierung in Grund und Boden. Es hatte sich angehört, als wäre er Abhängig von Felicianos Anwesenheit, auch wenn das vielleicht sogar der Wahrheit gar nicht so abwegig war. "Egal", fuhr nun der Naturgeist mit dem italienischen Akzent fort, den Blick in den Himmel richtend. "Sieh dir mal die Sterne an, Ludwig! Sie scheinen heute heller als sonst, weil keine Wolken im Weg sind!"
Daraufhin sah auch Ludwig in die Höhe. Verstehen, warum gerade so etwas Feliciano faszinierte, konnte er nicht. Für Ludwig waren die Sterne am Himmel so selbstverständlich und allgegenwärtig. Plötzlich zischte aber eine Sternschnuppe vorbei, malte ihren langen Lichtschweif am Himmel entlang und neigte sich langsam der Erde zu. Der Kupferhaarige wurde ganz unruhig und wirkte ganz hibbelig. "Los, Ludwig, du musst dir was wünschen!"
Wünschen.
Ludwig wusste gar nicht, was er sich wünschen sollte.
Er hatte doch eigentlich alles, was er je wollte.
Er sah zu Feliciano, der wie gebannt den Sternen nachschaute und seine dunklen Iriden dabei sogar den Schein versuchten einzufangen.
Vielleicht sollte er gerade deswegen darum bitten, dass ihn sein momentanes Glück nicht verließe.
Dass er mit dem Wenigen zufrieden ist.
Dass er niemand wichtigen verliert.
Dass dieser Augenblick, den er mit Feliciano hier verbrachte, niemals enden würde...
Viele Wörter fielen wie Sterne am Himmelszelt waren, aus verlorenen, orientierungslosen Schritten wurden langsame Tänzeleien, die immer wieder Abklangen. Keiner der beiden hatte dem Anderen ihren Wunsch erzählt, behielten es als Geheimnis in ihren Herzen fest. Wenig wussten sie, dass sie einander gar nicht so unähnlich gewesen waren.
Der Wind pfiff an ihnen vorbei, plusterte kaum merklich ihre Haare auf und wiegte die Gräser um sie herum langsam in den Schlaf. Die Glühwürmchen, die nur wenige Minuten zuvor wie wild herum flogen, hatten nun endlich einen Rastplatz gefunden, leuchteten den kleinen idyllischen Platz mit ihrem Licht sanft aus. Grillen spielten ihr sommerliches Konzert an jeder Ecke des Waldes, komponierten neue Melodien, die die beiden Männer friedlich begleiteten.
Ludwigs Arme waren sicher um Felicianos Taille gelegt, während dieser mit einem lieben Grinsen seine Arme um Ludwigs Hals schlang, sich in seiner unmittelbaren Nähe an seine Brust schmiegte und dabei die Augen schloss. Feliciano fühlte sich sicher in den Armen seines Freundes, genoss jeden Augenblick und prägte sich jedes noch so kleine Detail ein, das sein kleines Paradies noch vollkommener machte.
Feliciano merkte sich die Wärme, die Ludwig ihm gab.
Feliciano schnupperte einen beruhigenden Duft, vermischt mit dem frischen Geruch des Walds.
Feliciano lauschte der friedlichen Nachtmusik, die für sie spielte.
Aber allen voran war es der beruhigende Puls Ludwigs, der Feliciano in seiner kleinen Welt abkapseln konnte, ihn vom langen, nervenaufreibenden Leben als Naturgeist ablenken konnte und ihm eine neue Heimat bereitete. Eine Heimat, die an keinen Ort gebunden war und auf ewig im Herzen wohnte.
Ludwig unterdrückte sein Lächeln, traute sich nicht seine Gefühle für Feli zu zeigen, während sie beide zu zweit wie auf Wolken über das weiche Gras tanzten. Sein Herz pochte stark, aber ungewohnt ruhig gegen seinen Brustkorb, erkannte den Widerstand von Felicianos Kopf. Felicianos Haare glänzten fast bronzen im goldenen Licht der Glühwürmchen, flossen seidig und sanft über seinen Kopf. Seine angenehme Körperwärme schickte kleine Elektroschocks unter Ludwigs Haut, färbten seine Wangen in ein tiefes Rot. Wie gern hätte er dem bezaubernden Geist einen Kuss auf den Kopf gedrückt, auf seine Stirn, Nase, Augenlider und schließlich auch Lippen, um auch nur einen Bruchteil seiner überwältigenden Gefühle zeigen zu können. Dieser Wunsch wurde immer größer, immer schwieriger unter Kontrolle zu halten, aber Ludwig wusste sich zu beherrschen. - Er wollte Feliciano keinesfalls damit überrumpeln.
Doch während sie so im Dunkeln tanzten...Feliciano in seinen Armen ruhte; barfuß über Gras und Blätter wandelte und sie zu ihrer persönlichen naturellen Melodie lauschten...sah der Wassergeist zu ihm hoch, setzte sein freudigstes Lächeln auf und ließ die Sterne in seinen Augen aufblitzen, die noch so viel heller und schöner waren, als am Himmelszelt. Gerade er war es gewesen, der sich Ludwig näherte, schon seinen heißen Atem auf seinen Lippen spürte, ehe der Blonde mutig den letzten Abstand schloss, die Lippen auf die des anderen legte und Feliciano endlich küsste.
Raum und Zeit wurden endgültig vergessen, waren unwichtig geworden. Lediglich der zärtliche Druck auf ihren Lippen verblieb ihnen im Gedächtnis, gefolgt vom erwidernden Kuss des anderen, der den Moment in die Länge ziehen wollte, ihn nicht loslassen wollte. Dass dieser Augenblick die ewige Gegenwart wäre, das wäre ein Traum für Ludwig und auch Feliciano gewesen, doch leider blieben sie von einem Ende nicht verschont. Die Luft wurde ihnen zu knapp, führte sie wieder aus ihrer Trance heraus, ehe sie, mit geweiteten Pupillen und gerötetem Gesicht, wieder einander in die Augen sehen konnten. Vollkommen überrascht von sich selbst und der Realität, die ihnen gerade widerfahren war. Und doch fühlten sie die Zufriedenheit in ihren Herzen, die Ruhe und die Wunschlosigkeit in der Präsenz des anderen, dass lediglich drei Worte nötig gewesen wären, um diese Flut an Glückseligkeit und Freude zu beschreiben.
Drei Worte, die nach so wenig und doch so viel aussahen.
Drei Worte, die die Welt bedeuten konnten.
Drei Worte...
"Ich liebe dich."
~♥~
