Work Text:
Leo sitzt auf der Kante des Schlafsofas, das Gesicht in den Händen vergraben. Die Zweifel so leicht in seinem Kopf und das Herz dafür umso schwerer in seiner Brust.
Schaut erst auf, als Adam mit der Bettwäsche zurückkommt und sie sich daran machen sein Nachtlager fertig zu beziehen. Leo mit zu viel Ehrlichkeit auf der Zunge und Adam geizig wie eh und je.
Wenig später liegt er dann da und kann nicht schlafen. Die Tigerbettwäsche riecht nach Waschmittel und Staub, knistert komisch bei jeder Bewegung. Das fahle Licht stiehlt sich durch das Panoramafenster und malt bedrohliche Schatten an die Decke. Der dunkle Wald rauscht geräuschlos hinter Glas. Leos Kopf ist zu voll und dieses Haus zu leer. Nur er und Adam zwischen Beton und Modern Art, nicht genug, schon lange nicht mehr genug.
Er starrt an die Decke und denkt, dass es wohl ein Wunder braucht, damit er diese Nacht noch einschläft.
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Die nächste Nacht liegt er wieder da und kann nicht schlafen. Tippt diesmal lieber eine belanglose Whatsapp an Caro, als wieder an die Decke zu starren und dem was er fühlt mehr Raum zu geben, als selbst dieses leere Haus fassen kann.
Adam schlürft irgendwann an ihm vorbei in die Küche, ohne Plan, ohne Ziel, zumindest kann Leo keins erkennen. Kann es schon länger nicht mehr. Leo fordert ein Wunder, ein Adam, der sich ihm öffnet, aber geht wie immer leer aus. Alles nur immer leer, leer, leer in diesem Haus. Adam schlürft zurück in sein Kinderzimmer, gute Nacht, Nacht. Die halbfertige Message an Caro liegt vergessen auf Leos Brust und er starrt doch wieder an die Decke.
Von Adam sind keine Wunder mehr zu erwarten, weiß Leo. Hofft trotzdem, dass es nicht so ist, wenn er nur hier bleibt. Sich fest beißt und nicht aufgibt. Dass er einmal genug ist.
Er steht auf, wirft das Handy zur Seite. Der Flur schwarz, die Tür zum Kinderzimmer nur angelehnt, dahinter kein Licht. Der Mond durch das Fenster taucht den Raum trotzdem in graues Halbdunkel. Schlieren an den Wänden. Adam rücklings auf dem schmalen Bett und schlaflos wie er.
Ihre Blicke treffen sich. Adam bleibt stumm und Leo auch.
Seine nackten Füße machen keine Geräusche auf dem Holzboden, nur die Bettwäsche raschelt leise, als er sich mit einem Bein auf die Matratze kniet und dann das andere über Adams Torso schwingt, bis er rittlings auf ihm sitzt. Adam hebt die Hände und legt sie ihm auf die Hüften. Leo sieht ihn an, schmiegt seine Finger an seine Wangen, die Bartstoppeln wie Sandpapier auf seiner Haut. Schiebt sie ihm in den Nacken und beugt sich vor bis sich ihre Lippen fast berühren. Fordert ein Wunder, wo keins zu holen ist.
„Sprich' mit mir.“
Adam zieht ihn stattdessen in einen Kuss. Wirft nicht mit Wundern um sich. Aber wenigstens erfüllt ihr Keuchen für eine Weile das leere Haus, hier, wo sonst nichts mehr zu holen ist.
Leo ergibt sich, gibt auf und gibt sich hin.
Schlaflos bleiben sie auch diese Nacht.
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Adam ist Leos Welt, sein ganz eigenes Wunder. Schade nur, dass es die nur so selten gibt.
Leo ist Adams Welt, sein ganz eigenes Wunder. Schade nur, dass er nicht an Wunder glaubt.
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Er fährt mit zweihundert Sachen über die menschenleere Autobahn, das Geld auf dem Beifahrersitz und den Geschmack von Blut im Mund. Ziellos wie immer, Hauptsache nicht hier sein, nicht hier, hier, hier. Brettert wenig später über die Landstraße, viel zu schnell, die Schwerkraft in den Kurven brutaler als Alinas Schläge.
Der Hirsch taucht wie aus dem Nichts auf, hell erleuchtet im Scheinwerferlicht. Für eine Sekunde sehen sie sich in die Augen, Schreck auf Schreck. Dann steigt er in die Eisen, die Bremsen quietschen, der Wagen schlittert über den Asphalt und kommt in der Senke am Straßenrand zum stehen, da, wo kein Baum mehr wächst. Der Airbag löst sich, sein Gesicht unsanft darin vergraben. Seine Nase blutet, der Nacken im Elend. Die Linden rechts und links von ihm rauschen im Wind, neigen die Äste wie zur Umarmung.
Er lebt.
Adam glaubt eigentlich nicht an Wunder, aber hat gerade trotzdem eins erlebt.
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Adam sitzt gegen die Karosserie gelehnt im Gras und atmet in den Hörer. Leo geht beim dritten Klingeln ran und dann atmen sie eine Weile gemeinsam, ein und aus, ein und aus.
„Leo“, sagt er irgendwann zitternd, „Leo, ich brauche dich.“
„Wobei?“
Zurückhaltend. Misstrauisch. Müde, immer so müde.
„Ich brauch' dich hier. Jetzt. Die ganze verdammte Zeit. Nimm' das Geld, mach' damit was du willst, ist mir echt scheißegal. Aber bitte, bitte, komm' her.“
Schweigen. Zögern. Und immer noch so müde, ein ums andere Mal schlaflos in der endlosen Nacht.
„Sprich' endlich mit mir, Adam.“
„Versprich' mir, dass du kommst und ich hör' nicht mehr auf damit, bis du hier bist.“
„Okay.“ Ein Seufzen. „Wo bist du? Zuhause?“
Adam sagt es ihm und hält sein Versprechen. Hört nicht mehr auf zu reden. Hört erst damit auf, als ihn Leos Scheinwerfer in einen gleißenden Lichtkegel tauchen.
Wunder geschehen eben doch immer wieder und die meisten davon unverhofft.
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Sie beide glauben nicht an Wunder. Leo nicht mehr, Adam noch nie. Aber vielleicht erleben sie heute Nacht doch noch eins mehr.
