Actions

Work Header

Mit Anlauf springt man besser

Summary:

„Ist das so eine gute Idee?“, fragt er schließlich an seine Schwester gewandt, „Wieder in ihn verliebt zu sein?“

Caro schaut ihn nachdenklich an und scheint ihre Worte behutsam abzuwiegen, bevor sie antwortet.

„Die Frage kannst du dir nur alleine beantworten, Leo, tut mir Leid.“

Leo verzieht das Gesicht, woraufhin ihm Caro tröstend die Keksdose hin hält.

oder: Adam hat was zu sagen, Leo muss erst mal wieder Anlauf nehmen und Caro ist wie immer die Stimme der Vernunft.

Notes:

Ich habe den Feiertag dafür genutzt fleißig zu prokrastinieren und lieber das hier zu schreiben, als an eine meiner 10+ WIP weiter zu arbeiten. Enjoy.

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

„Ich muss dir was sagen“, verkündet Adam ohne Umschweife, noch halb auf der Türschwelle zu Leos Wohnung, nicht mal ein Hallo oder Wie geht’s? als Einleitung. Die Tür steht noch auf, Leo mit der Klinke in der Hand und reichlich verdutzt über diesen Überfall. Es ist Samstag und sie haben keine Rufbereitschaft und soweit Leo sich erinnern kann, auch keine Verabredung, die er vergessen haben könnte.

„Okay“, antwortet er daher langsam und schaut etwas hilflos in Adams angespanntes Gesicht, „Aber willst du vielleicht nicht erst mal rein kommen?“

Und das tut Adam dann auch. Verlässt endlich die Türschwelle, drängelt sich an Leo vorbei, der immer noch mit der Klinke in der Hand da steht, und marschiert dann schnurstracks ins Wohnzimmer. Zieht nicht mal vorher seine Sneaker aus, so als wenn er hier der Herr des Hauses ist und darüber bestimmt, wer oder was in Leos Wohnung seine schmutzigen Fußspuren hinterlassen darf. Leo lässt es ihm fürs Erste durchgehen. Adams Gesichtsausdruck nach zu urteilen, ist das hier nicht der richtige Zeitpunkt, um sich über Leos Putzfimmel zu streiten. Er schließt lieber endlich die Tür und folgt seinem unangekündigten Besuch ins Wohnzimmer.

Der tigert da unruhig hin und her, bis er bei Leos Erscheinen abrupt stehen bleibt und ihn so durchdringend ansieht, dass Leo wie fest gewachsen stehen bleibt und mit großen Augen zurück starrt.

„Ich muss dir was sagen“, wiederholt Adam und macht so eine komisch abgehackte Bewegung dabei, so als wollte er die Arme vor der Brust verschränken, nur um es sich dann doch auf halbem Wege anders zu überlegen. Die Arme sinken wieder zur Seite. Leo starrt noch ein bisschen mehr.

„Ich muss dir was sagen und es wäre echt mega geil von dir, wenn du mich bis zum Ende ausreden lässt und am besten auch einfach gar nichts dazu sagst.“

Oh Gott. Leo hat eigentlich gedacht, sie hätten dieses Stadium ihrer Freundschaft schon vor einer ganzen Weile überwunden. Dieses Stadium, in dem Adam einen Mist nach dem anderen baut und Leo dabei gleich mit in die Scheiße reitet. Sie haben darüber geredet, Herrgott nochmal.

„Was ist passiert?“, platzt es aus ihm heraus, alarmiert, „Adam, was hast du angestellt?“

Aber Adam schnaubt nur spöttisch und zieht die Augenbraue hoch.

„Wer hat denn was davon gesagt, dass ich irgendwas angestellt habe? Mensch, Leo, darüber haben wir doch jetzt echt schon hundertmal geredet.“

„Ja eben“, erwidert Leo mit Nachdruck und macht eine hilflose Geste dabei, „Deshalb bin ich ja jetzt auch ein kleines bisschen alarmiert.“

„Ein kleines bisschen?“, fragt Adam sarkastisch, aber redet dann auch schon gleich weiter, bevor Leo sich über seine blöde nonchalante Art aufregen kann, „Also wie sieht's aus? Versprichst du, mich nicht zu unterbrechen?“

Leo verengt die Augen. Da regt sich verdächtig wenig in Adams Gesicht und es ist unmöglich zu sagen, was er gerade denkt. Er schaut Leo einfach nur unverwandt an, ein bisschen ungeduldig vielleicht, aber sonst ist da nicht eine Regung zu erkennen, niente, nada. Leo seufzt frustriert und ergibt sich seinem Schicksal.

„Okay“, seufzt er, Schlimmes ahnend, „Ich verspreche es hoch und heilig. Also schieß los, was ist es jetzt wieder, dass wir ausbaden müssen?“

Adam rollt mit den Augen, sagt aber erst mal nichts.

Stattdessen schleicht sich da so ein seltsamer Ausdruck in seine Augen, den Leo nicht so recht zu deuten weiß. Irgendwie nervös und immer noch ungeduldig, ein bisschen wie kurz vor dem Sprung ins kalte Wasser vom Zehnmeterbrett, den Abgrund schon vor sich und die Reue auf der Zunge. Dann vergräbt Adam mit einem frustrierten Schnaufen die Hände in den Jackentaschen und die Maske kehrt schlagartig zurück, blank und nichtssagend, wie eine Mauer zwischen ihm und dem Rest der Welt.

Bevor aber die böse Vorahnung Zeit hat heiß und kalt in ihm aufzusteigen, platzt es doch noch aus Adam heraus.

„Ich bin verliebt in dich.“

Leos Herz setzt einen Schlag aus, nur um dann in doppelter Geschwindigkeit gegen seine Brust zu hämmern.

Das ist-

Irgendwas muss ihm da oben durchgebrannt sein, irgendwas Essentielles zum Formen von Worten. Leo öffnet den Mund, aber da kommt nur so ein seltsam abgewürgter Laut bei raus, also klappt er ihn einen Moment später wieder zu. Starrt. Kein Wunder, dass Adam nicht wollte, dass Leo ihn unterbricht.

„Ich liebe dich“, fährt Adam unbeirrt fort und Leo wünscht sich, er würde dabei nicht so klingen, als sei das hier ein ganz normaler Plausch beim Kaffeeklatsch, anstatt die tektonische Verschiebung von Leos gesamtem Weltbild, „Ich hab' es schon immer getan, aber irgendwie war nie der richtige Moment, um es dir zu sagen. Und nach der Sache mit der scheiß Kohle, da- naja, das weißt du ja selbst. Da war dann erst recht der Moment vorbei. Und jetzt musste es aber eben raus, weil ich sonst noch irre werde.“

Adam verstummt. Vielleicht auf eine Antwort wartend oder auch nicht, Leo ist zu überfordert, um seine Mimik noch lesen zu wollen. Klar, weiß Leo es selbst. Nach der Sache mit dem Geld, da gab es für die längste Zeit gar keine Momente mehr zwischen ihnen und jetzt, wo endlich, endlich wieder alles gut ist, da-

„Okay“, unterbricht Adam seine rasenden Gedanken, immer noch in diesem betont ruhigen Tonfall. Sieht dabei aus, als könnte er kein Wässerchen trüben, dabei hat er gerade erst Leos gesamte Synapsen geflutet, der Mistkerl, „Mehr wollte ich auch gar nicht loswerden. Wir sehen uns dann am Montag im Präsidium.“

Und dann drängelt er sich schon wieder an Leo vorbei und haut einfach ab. Raus ins Treppenhaus, nimmt je zwei Stufen auf einmal, Leo kann es durch die offene Wohnungstür genau hören und dann fällt ein Stockwerk tiefer auch schon die Haustür ins Schloss.

Deshalb hat Adam also die Schuhe einfach ungefragt anbehalten, dieser raffinierte Bastard.

Leo löst sich aus seiner Starre und stolpert barfuß zur Balkontür, reißt sie auf und lehnt sich einen Moment später über die Brüstung. Verfolgt Adams schnelle Schritte in der Einfahrt des Wohnblocks und holt tief Luft.

„Adam!“

Der hält kurz Inne, dreht sich um und geht dann die letzten paar Schritte rückwärts zum Gartentor.

„Lass gut sein, Leo!“, brüllt der zurück, grinst schief, und dreht sich dann wieder um, greift schwungvoll nach der Klinke des Gartentors und ist nur wenige Sekunden später schon an seinem Auto. Steigt ein und braust davon, bevor Leo ihm noch irgendwas anderes hinterher rufen kann.

Er sinkt kraftlos gegen das Geländer.

Was zur Hölle war das bitte?

~

Leo weiß was es war, denn es hat ihm ja oft genug selbst auf der Zunge gelegen. Damals, also ganz damals damals und dann ein paar Jahre später auch, eben damals, vor der Sache mit dem Geld. Nur ausgesprochen hat er es nie, nicht in so vielen Worten zumindest, weil er sich bis eben noch sicher gewesen ist, dass seine Gefühle für Adam eine Einbahnstraße sind.

Und jetzt, Monate und Monate nach dem Geld, da hat er eigentlich gedacht, er hätte damit endlich seinen Frieden gemacht. Er und Adam haben die Wogen geglättet, sich wieder angenähert, aber mit seinen Gefühlen hat er trotzdem abgeschlossen, weil ihm irgendwann zwischen dem Geld und jetzt aufgegangen ist, dass die zu nichts Konstruktivem führen. Er hat sich stattdessen lieber auf andere Dinge konzentriert, auf andere Menschen. Hat hier und da ein bisschen gedated, was Adam auch weiß, hat es sogar meistens genossen. Er hat sein Leben wieder im Griff und Adam auch, oder dachte er zumindest.

Sie sind jetzt wieder Freunde. Der Weg da hin war ein ziemlich langer und zäher Kampf. Leo ist sich nicht so ganz sicher, ob er auch noch bereit ist für ein Mehr zu kämpfen.

Verflucht sei Adam, dass er ihn überhaupt vor die Wahl stellt.

~

Nach dem fünften erfolglosen Anruf mit dem obligatorischen Der gewünschte Gesprächsteilnehmer ist zurzeit nicht zu erreichen, wechselt Leo die Strategie. Caro geht dran nach dem zweiten Klingeln.

„Leo, was gibt’s?“

„Ich glaube, ich habe einen Rückfall“, bricht es aus ihm heraus, fahrig. Er kann seit einer halben Stunde nicht stillsitzen und seine Stimme offenbar auch nicht.

„Oka-y“, erwidert Caro unsicher, „Das musst du mir jetzt aber schon genauer erklären.“

Und das tut Leo dann auch.

Nochmal eine halbe Stunde später sitzt Caro neben ihm auf der Couch und hält ihm die Keksdose hin, die sie in weiser Voraussicht mitgebracht hat. Leo greift sich einen Zimtstern daraus und klammert sich an ihm fest.

„Ich schätze mal, die wichtigste Frage sollte ich wohl zuerst stellen. Bist du immer noch in ihn verliebt?“, fragt Caro gerade heraus.

Leo schüttelt instinktiv mit dem Kopf, bricht die Bewegung aber viel zu schnell ab, um glaubhaft zu wirken, zuckt stattdessen lieber mit den Schultern.

„Danke, jetzt bin ich so viel schlauer“, bemerkt Caro trocken.

Leos Synapsen feuern immer noch nicht auf allen Zylindern. Da ist so ein komisches Rauschen in seinen Ohren, wie früher beim Schneebild des alten Röhrenfernsehers in seinem Kinderzimmer. Wie damals schon, hat er auch jetzt das Gefühl, dass ihm da irgendwer hinter dem Schnee was sagen will und er es auch verstehen könnte, wenn er nur konzentriert genug zuhört, aber keine Chance. Der Schnee rieselt zu laut.

„Keine Ahnung, Caro. Ich glaube, ich hab es noch nicht ganz begriffen? Wenn es um Adam geht, bin ich es ja mittlerweile gewöhnt so ziemlich alles zu erwarten, aber damit hab ich dann doch nicht gerechnet.“

„Hmm“, macht Caro und knabbert nachdenklich an einem Haferkeks, „Klingt fair.“

Leo beißt als Antwort einen Zacken von seinem Zimtstern ab.

„Willst du denn in ihn verliebt sein?“, fragt Caro vorsichtig, woraufhin Leo nur wieder hilflos mit den Achseln zuckt.

Caro seufzt.

„Leo, du weißt, nach allem was vorgefallen ist, hab ich da so meine Vorbehalte was Adam angeht.“

Ein säuerlicher Blick seitens Caro, den Leo ihr wirklich nicht verübeln kann.

„Aber ich denke trotzdem, dass du da mal lange und breit drüber nachdenken solltest, bevor du dich entscheidest, wie du mit der Situation umgehen willst. Adam kommt mir nicht vor wie jemand, der so etwas leichtfertig zugibt. Um ehrlich zu sein wirkt er eher wie der Typ, der so was überhaupt nicht zugibt, maximal unter Folter.“

Leo schnaubt amüsiert und schiebt sich den Rest vom Zimtstern in den Mund.

„Es muss ihm also schon echt ernst sein, wenn er es dir jetzt einfach so sagt, meinst du nicht?“

Der Schnee in Leos Kopf lichtet sich langsam und stetig, gibt den Weg frei für so ein stures Etwas, das schon die ganze Zeit seine Aufmerksamkeit fordert und sich jetzt nicht mehr so recht unterdrücken lassen will.

Leo hat Adam einmal gefragt, noch recht kurz nach dem Geld. Hat ihn gefragt, was ihn dazu bewegt hat es schließlich Leo zu übergeben, damit der es zum LKA tragen kann.

Adam hat nie geantwortet.

Je mehr Leo jetzt darüber nachdenkt, umso klarer wird das Bild in seinem Kopf. Schärfer, nicht mehr so verschwommen an den Rändern. Im Fokus.

„Ist das so eine gute Idee?“, fragt er schließlich an seine Schwester gewandt, „Wieder in ihn verliebt zu sein?“

Caro schaut ihn nachdenklich an und scheint ihre Worte behutsam abzuwiegen, bevor sie antwortet.

„Die Frage kannst du dir nur alleine beantworten, Leo, tut mir Leid.“

Leo verzieht das Gesicht, woraufhin ihm Caro tröstend die Keksdose hin hält.

Irgendwie hätte er nicht wenig Lust auf Adam gehörig sauer zu sein. Eben noch, da war Leos Welt noch in Ordnung, felsenfest und nichts am Schwanken, und jetzt sitzt er hier und stopft Caros Kekse in sich rein, wieder mal, und wieder mal wegen Adam.

„Hör' zu, Leo“, sagt Caro sanft und stößt ihn ein bisschen mit ihrem Ellenbogen in die Seite, sodass es ihn aus seinen trüben Gedanken reißt, „Du musst das doch nicht alles hier und jetzt entscheiden. Schlaf eine Nacht drüber oder auch zwei und um Gottes Willen ruf' ihn in der Zwischenzeit nicht mehr pausenlos an. Denk drüber nach und gib ihm eine Antwort, wenn du soweit bist.“

„Und was ist, wenn ich es nie bin?“

Caro lächelt warm und nimmt seine Hand, drückt einmal fest zu.

„Dann sagst du ihm genau das und nicht mehr oder weniger. Sei einfach ehrlich.“

„Er hat gesagt, ich soll es gut sein lassen“, entgegnet Leo abwesend.

„Das klingt nach Adam“, seufzt Caro und drückt Leo noch einen letzten Zimtstern in die Hand, bevor sie die Dose verschließt und ihn aufmunternd anlächelt, „Aber ich denke, er hätte trotzdem gerne irgendwann eine Antwort, egal wie sie ausfällt.“

„Ja, vielleicht“, murmelt Leo.

Drüber schlafen ist vermutlich keine schlechte Idee.

~

Leo kann nicht schlafen, egal, wie sehr er sich auch bemüht. Er dreht sich nur pausenlos von einer Seite auf die andere, unruhig, zu heiß und dann wieder zu kalt unter der Decke, Fenster auf, Fenster zu und dann alles wieder von vorn. Der Wecker zeigt eine unmögliche Uhrzeit an, viel zu grell in Leos müden Augen. Genervt fährt er sich mit beiden Händen über das Gesicht.

Schlaflose Nächte sind ihm nicht fremd, aber keine seiner üblichen Bewältigungsstrategien scheinen zu helfen. Vielleicht, weil sie diesmal weniger durch Traumata ausgelöst wurde, als viel mehr seine chaotische Gefühlswelt. Leo ist nicht gerne alleine mit seinen Gedanken, aber es ist noch stockduster draußen und keine Uhrzeit, um schlafende Hunde zu wecken.

Leo kann nicht schlafen und es gibt nichts zu tun, als nachzudenken.

~

Leo trägt sein Herz auf der Brust, für die ganze Welt sichtbar, selbst wenn es blutet, wenn es bricht oder hier und da holprig schlägt.

Er hat sich so oft gewünscht, es wäre nicht so. Dass es nächstes Mal tiefer liegen würde, versteckt hinter dem Brustkorb, jedes Mal, wenn man es ihm brüchig und angeschlagen zurückgereicht hat. Ganz besonders immer dann, wenn es Adam war, der es ihm zurück in die Brust gestopft hat, ausgelaugt und über den eigenen Rhythmus stolpernd.

Caro hat es vielleicht nicht mit so vielen Worten gesagt, aber insgeheim denkt sie sich vermutlich trotzdem, dass es verdammt dumm von ihm ist, sich wieder auf seine Gefühle für Adam einzulassen.

Aber Caro kennt Adam eben nicht so wie er. War nicht dabei, die letzten Monate und auch Jahre.

War nicht dabei, als Adam für ihn die Garage mit Spiritus überschüttet hat, damit Leo ohne Konsequenzen davon kommt.

War nicht dabei, als Leo ihm am See Handschellen angelegt hat, fest darauf vertrauend, dass Leo einen Weg finden wird ihn da wieder raus zu boxen.

Adam hat ihm am Ende das Geld gegeben und es Leo überlassen, wie die Story für ihn endet. Hat das Disziplinarverfahren und drei Monate unbezahlten Urlaub über sich ergehen lassen. Hat sich in Therapie begeben und sie auch durchgezogen. Bis heute, selbst dann, wenn die Sitzungen ihn kraftlos und wütend zurückgelassen haben. Ist die nächste Woche trotzdem wieder hingegangen und hat schließlich gelernt, all den Ärger und all die Wut auf konstruktive Weise zu kanalisieren.

Adam arbeitet jetzt ehrenamtlich mit gewaltbereiten Jugendlichen und hat dafür sogar seine Stunden im Präsidium zurückgeschraubt. Fungiert als Schulbegleiter und Sparringpartner im Boxring, geht auch mitten in der Nacht für diese Kids ans Telefon, selbst dann, wenn das Team mitten in einem Fall steckt und jede Minute verpasster Schlaf sich am nächsten Morgen hinter dem Schreibtisch rächt.

Adam ist aus dem Bunker ausgezogen. Adam hat sich entschuldigt. Bei Esther und Pia. Bei Leo und was vielleicht am Wichtigsten ist, bei sich selbst.

Caro war bei all dem nicht dabei, aber Leo schon. Er hat zugesehen, wie Adam sich wieder ein Leben aufgebaut hat, eins, dass es ihm erlaubt endlich er selbst zu sein.

Caro hat nicht die richtige Antwort für ihn, aber vielleicht ist das okay. Vielleicht hat Leo die eh schon längst selbst gefunden.

~

Der Morgen ist noch jung, aber er hält es einfach nicht mehr länger aus.

Noch kann ich es mir anders überlegen, denkt er beim Bäcker an der Kasse, müde und fahrig, die Nervosität in jedem Zentimeter seiner unausgeschlafenen Glieder steckend.

Noch ist Zeit, denkt er selbst noch vor Adams Haustür, die frischen Brötchen in der einen Hand und die andere schon am Klingeln. Der Summer ertönt und er drückt die Tür auf. Nimmt die Treppe bis in den zweiten Stock, wo Adam schon genauso verschlafen im Türrahmen zu seiner Wohnung hängt.

„Nicht dein Ernst, Leo“, sagt er trocken, als er ihn erblickt, „Hätte das nicht echt noch bis Montag Zeit gehabt? Es ist mitten in der Nacht.“

„Es ist fast halb Sieben“, erwidert Leo schnell und bleibt etwas unschlüssig vor ihm stehen, weil er sich einerseits gerne einfach an Adam vorbei in die Wohnung schieben würde, aber andererseits sich auch nicht aufdrängen mag, wenn Adam wirklich gerade nicht mit ihm sprechen will, „Ich dachte, wir könnten darüber reden, was du mir gestern gesagt hast.“

Adam sieht ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Und die Brötchen?“, fragt er und deutet auf die Tüte in Leos Hand, „Hast du die als Bestechung dabei oder wie?“

„Ich wäre mir komisch vorgekommen, wenn ich ohne irgendwas hier aufgetaucht wäre“, gibt Leo zu.

Adam schnaubt amüsiert, tritt dann aber endlich ein Stück zur Seite als stumme Geste, dass Leo an ihm vorbei in die Wohnung schlüpfen darf.

Adams Wohnung ist nicht groß. Ein Zimmer, Küche, Bad und ein Balkon mit Südsonne, für den Leo ihn insgeheim ein bisschen beneidet. Aufgeräumt sieht es hier aus, wie eigentlich jedes Mal, wenn Leo hier ist. Dafür immer noch spärlich eingerichtet. Das Schlafsofa, dass gerade ausgeklappt und mit zerwühltem Bettzeug dasteht, weil Leo ihn vermutlich direkt aus dem Bett geklingelt hat. Ein Fernseher gegenüber und ein Tisch mit zwei Stühlen in der Ecke, viel mehr gibt es hier nicht zu sehen. Keine Deko, außer die Yucca-Palme, die Leo ihm zum Einzug geschenkt hat.

Und die Pinnwand über dem Schlafsofa.

Einige Bilder daran sind neu und andere dafür umso vertrauter. Ein Schnappschuss von Teen Adam und Teen Leo, Arm in Arm und lachend, eine der ganz raren Aufnahmen aus längst vergangener Zeit. Leos Mutter hat den Abzug als Einzugsgeschenk für Adam gemacht, Leos eigene Kopie pinnt bei ihm zuhause am Kühlschrank. Ein Foto vom Team, eins nur mit Pia und Adam beim Kickern auf der Maria-Helena, und dann noch unzählige mehr von Adam und seinen Kids. Mehmet, Jens, Wanda, Jean. Adam und die Betreuerin vom Jugendamt breit grinsend und umgeben von ihrer Meute an Unruhestiftern.

Leo weiß, dass die Pinnwand das einzige ist, worauf Adam hier in seiner Wohnung wirklich stolz ist, spartanisch und klein wie sie ist. Aber alles was Leo sieht, wenn er sich hier umschaut, ist Platz um zu wachsen und noch die letzte leere Ecke mit Leben zu füllen. Es hat Zeiten gegeben, da hätte er gedacht, dass Adam das nie hinkriegt, aber die sind schon länger vorbei. Leo weiß, dass Adam das letzte Stück jetzt auch noch schafft.

„Ich dachte, du bist hier, um zu reden und nicht meine Deko zu bewundern“, sagt Adam und reißt Leo damit aus seinen Gedanken.

Okay. Jetzt, wo der Moment gekommen ist, will er endgültig nicht mehr zurück, auch wenn er die Nervosität noch nicht ganz geschafft hat abzuschütteln. Das würde sich auch noch geben. Adam hat für ihn seinen ganzen Mut zusammen genommen und sich ein weiteres Mal aus seinem Schutzpanzer gewagt. Zeit für Leo, es ihm gleich zu tun.

Er legt die Brötchentüte auf dem kleinen Esstisch ab und dreht sich zu ihm um.

„Ich hab' darüber nachgedacht, was du mir gestern gesagt hast und-“

„Hast du mir nur halb zugehört, Leo?“, fragt Adam dazwischen.

„Hm?“

„Ich hab' dir gesagt, dass ich dich liebe und dass du es gut sein lassen sollst“, erwidert Adam und lächelt dann ein bisschen schief, „Kein Grund daraus jetzt eine große Sache zu machen, ehrlich, Leo. Mir geht’s gut.“

„Oka-y“, gibt Leo zurück, für einen Moment überrumpelt, bevor er sich wieder fassen kann, „Was ist, wenn ich aber eine Sache draus machen will? Aus dir und mir?“

Adam seufzt, fährt sich durchs Haar.

„Leo, du musst das echt nicht machen“, beginnt er von neuem, fast schon ein bisschen flehend, „Ich hab' dir das gesagt, weil ich es endlich loswerden wollte und nicht, weil ich irgendwas von dir erwarte. Meine Therapeutin liegt mir immer in den Ohren, dass ich lernen muss mich zu öffnen, auch wenn das vielleicht bedeutet, dass ich damit auf die Nase fallen kann. Also hier, da hast du's, ich öffne mich und bin mir voll und ganz im Klaren darüber, dass ich damit auf der Fresse lande. Du musst dir also keine Sorgen machen, dass ich gleich wieder am Rad drehe, nur weil du meine Gefühle nicht mehr erwiderst.“

„Wer sagt denn, dass ich die nicht erwidere?“, platzt es aus Leo heraus, und dann, eine Sekunde später, „Und was heißt hier bitte nicht mehr?“

Adam entfährt ein undefinierbares Geräusch, irgendwas zwischen Spott und Unglaube, bevor er die Arme vor der Brust verschränkt und ihn herausfordernd traktiert.

„Leo, sei mir nicht böse, aber subtil warst du echt nicht“, sagt Adam und bei seinen Worten schleicht sich etwas seltsam Warmes in seine Augen, melancholisch und bittersüß, „Ich würde mit dir bis ans Ende der Welt gehen, erinnerst du dich?“

„Oh“, entfährt es Leo leise. Irgendwie hat er all die Zeit immer geglaubt, dass Adam viel zu sehr geblendet war von seinem Egotrip, um die Wahrheit direkt vor seinen Füßen zu erkennen.

Leo sackt ein bisschen in sich zusammen bei dem Gedanken.

„Ja“, sagt Adam leise, wie zur Bestätigung und verzieht das Gesicht, „Sorry.“

Für eine Weile sagt keiner was. Nur Adam ihm gegenüber, der ihn unsicher mustert und Leo, der mal wieder sein Weltbild gerade rücken muss.

„Du wusstest also die ganze Zeit Bescheid“, sagt Leo irgendwann tonlos und sieht zu ihm auf. Adam schaut schon zurück, immer noch unsicher, aber trotzdem mit festem Blick, so als wolle er ihm wenigstens das jetzt noch geben. Seine ganze Aufmerksamkeit und die ungeschönte Wahrheit. Dass Adam ihn mit vollem Wissen ein ums andere Mal zu seinem Gunsten manipuliert hat, weil Leo und seine Gefühle die längste Zeit viel zu offensichtlich in seiner Brust geschlagen haben.

Aber Adam sieht nicht von ihm weg, nicht mehr, und stellt sich endlich seinen Dämonen. Genau das ist es, was Leo schließlich besänftigt. Er lässt den aufsteigenden Schmerz zu, erlaubt es sich für ein, zwei Herzschläge lang, dann atmet er ihn aus und lässt los.

„Okay“, sagt er, „Okay. Aber das beantwortet trotzdem nicht meine Frage.“

„Was meinst du?“, fragt Adam verdutzt.

„Na wie du darauf kommst, dass ich deine Gefühle nicht mehr erwidere?“, stellt Leo klar und sieht ihn forschend an, „Ich dachte, du bist endlich fertig damit mir Worte in den Mund zu legen.“

„Leo“, seufzt Adam frustriert, „Leo, du musst nicht-“

„Nee, stimmt, muss ich nicht“, unterbricht Leo ihn und macht ein, zwei Schritte auf ihn zu, sodass sie nur noch maximal ein halber Meter trennt, „Ich will aber, hast du darüber schon mal nachgedacht in deinem verbohrten Dickschädel?“

Adam klappt den Mund auf, stockt, klappt ihn gleich wieder zu und ist endlich, endlich ruhig. Gut so, denkt Leo und greift mit beiden Händen nach seinen Unterarmen, die er immer noch vor der Brust verschränkt hat. Lockert sie und fährt sie dann hinab, greift nach seinen Händen und verschränkt ihre Finger ineinander.

„Dieses Mal habe ich das letzte Wort“, murmelt er noch gegen Adams Lippen und küsst ihn dann, um sicher zu gehen und weil er es will. Weil er es kann. Adam küsst ihn eine Millisekunde später auch schon zurück, langsam und so verdammt sanft.

Es ist alles, was Leo nie vorher hatte und vergessen hat zu vermissen. Warm und hell und weich pocht es in seiner Brust, lässt keinen Schlag aus, ruhig und selbstsicher und selbstbestimmt.

„Darf ich es jetzt auch endlich sagen?“, fragt er atemlos und lächelt dabei schon in ihren nächsten Kuss, „Oder soll ich es immer noch gut sein lassen?“

Adam lacht, löst seine Hände aus Leos, nur um ihn kurz darauf an den Hüften zu packen und näher zu sich heran zu ziehen, „Schieß los, Hölzer, ich bin ganz Ohr.“

„Ich liebe dich auch“, sagt er ohne Umschweife, endlich, und sieht Adam dabei fest in die Augen, „Ich hab' es immer schon getan. Und es war nie der richtige Moment es dir zu sagen, außer jetzt.“

Adams Mund verzieht sich zu einem Lächeln.

„Hast du das vorher auswendig gelernt?“

„Ach, halt die Klappe“, gibt Leo zurück und Adam tut ihm den Gefallen. Küsst ihn lieber erneut, tief und lang und Leo denkt, dass so ein bisschen mehr Anlauf einen manchmal weit bringt.

Notes:

Happy Frauentag!

Tumblr