Work Text:
Mia hatte schon manches Mal von diesen Abenden gesprochen, an denen sich jede Faser ihres Körpers unendlich ruhig anfühlte. Sich anfühlte, als würde sich eine Decke um sie herumlegen, dabei jeden Zentimeter ihres Körpers abdecken, von ihrem Oberkörper bis zu ihren Armen und Beinen, bis zu ihren Zehen und Fingerspitzen, und jeden Winkel, jede vergessene Windung und Nische ihres Bewusstseins und ihres Körpers mit einer sanften Wärme füllen, die alles Schlechte einfach vertrieb, so wie der Himmel die Wolken vor sich herschob. Ohne Ziel, langsam, grazil, einfach so. Als gäbe es nichts und niemanden sonst, nichts Anderes zu tun und nichts Anderes zu sein.
Der letzte dieser Abende war Jahre her, diese Blase unendlicher Ruhe zerstört von dem Sturm in ihrem eigenen Kopf, von den umherfliegenden, mitreißenden Gedanken an den Haushalt, Vorlesungen, Prüfungen und ihrer Position als HiWi, zerstört von dem Chaos, das sie damals Jasper und Niklas gegenüber empfunden hatte, der Nervosität, als sie zum ersten Mal realisiert hatte, dass sie ihrem Ziel immer näher kam. Dem Ziel, herauszufinden, was wirklich damals passiert war, wie sie Tanja dafür zur Verantwortung ziehen konnte, ein für alle Mal ihr Leben von innen heraus zerstören. Damit sie nie wieder so handeln konnte. Am besten nicht einmal so denken.
Und dann kam alles so anders. Dann begann sie, Tanja zu verstehen, sich alles an ihr einzuprägen. Wie sie sich kleidete, wie sie redete, wie ihre Haare saßen und ihre Augen leuchteten, wenn sie über etwas redete, das sie liebte. Wie sich ihre Körpersprache langsam aber stetig verändert hatte, wenn sie Mia ansah. Wenn sie Jasper ansah. Es hatte sie amüsiert, dass Tanja dachte, Jasper wäre ein Konkurrent. Sie hatte ihn gemocht und der Tag am See war wunderschön gewesen, sie hatte sich gefreut, wenn sie Zeit für ihn hatte und sie zusammen den Tag verbrachten, doch ihr Herz machte keine Freudensprünge, wenn sie ihn sah und sie dachte nicht so viel über ihn nach, dass sie manchmal vergaß, rechtzeitig von zuhause loszufahren und dann doppelt so schnell in die Pedale treten musste, um noch rechtzeitig zur Uni zu kommen.
Heutzutage ging sie nicht mehr an die Uni, diese Zeiten waren schon lange vorbei, egal, wie sehr sie die anderen vermisste. Und sie vermisste sie sehr. Sie trafen sich, wann immer sie konnte, aber jeder war in eine andere Richtung gezogen und nur Mia war hier geblieben, weil sie den Gedanken, Tanja aus den Augen zu verlieren, nicht ertragen konnte.
Es war ein seltsamer Moment gewesen; der, in dem sie realisiert hatte, dass sie Tanja nicht nur mochte, sondern brauchte, sich ein Leben ohne sie eigentlich gar nicht vorstellen konnte. Es war der letzte Tag an der Uni gewesen und sie hatte sich dazu entschieden, sie noch ein letztes Mal zu besuchen, ihr zu gestehen, dass sie ohne sie nicht halb so viel Spaß an ihrem Studium gehabt hätte, nicht halb so viel erreicht, nicht halb so viel gewollt - Sie hatte sich dazu entschieden, ihr zu beichten, wie sehr sie sich über ihre Komplimente freute, auch wenn sie sie hinter kalter Arroganz und Widerwilligkeit versteckte. Vielleicht sogar weil sie sie versteckte. Weil sie sich dazu zwang, ihre Gefühle gegenüber Mia zu zeigen, auch wenn sie Angst davor hatte und sich dabei unwohl fühlte.
Und dann hatte sie vor ihr gestanden und ihr in die Augen geschaut und kein einziges Wort herausgebracht, weil sich tausende Gedanken gegenseitig ausmerzen wollten, um der erste sein zu können, der über Mias Lippen purzelte und in der Stille des Saales in der Luft hing und sie mit Anspannung füllte und ihnen beiden den Atem abschnitt. Sie hatte sie angeschaut, der einzige Hinweis darauf, dass sie doch eigentlich so unendlich viel zu sagen hatte, ihre Brust, die sich unregelmäßig hob und senkte als sie immer wieder den Mund öffnete, um endlich anzufangen und am Ende doch nichts sagte und wieder nachdachte.
Und dann hatte sie langsam, so unendlich langsam, als hätte sich der Gedanke erst auf jeden Platz im Hörsaal setzen und die beiden für ein paar Momente betrachten müssen, um zu entscheiden, ob er ihnen helfen und sie zusammen bringen wollte, so als müsste er jede mögliche Perspektive dabei in Betracht ziehen, verstanden, dass Tanja genau wusste, was in ihr vorging und in der Masse ihrer Gedanken nach denen suchte, die sie hören wollte. Und auch nach denen, vor denen sie sich fürchtete.
Sie hatte verstanden, dass nicht nur sie selbst in Tanjas Augen schaute. Dass Tanja auch in Mias Augen sah und mit einer Ruhe auf einen Anfang wartete, die sie womöglich in ihrem gesamten Leben noch nicht ausgestrahlt hatte, hektisch und zielorientiert wie sie einmal war. Dass nicht nur für Mia die gesamte Welt in dem Moment einfach stehen blieb, als wäre dieser einzige Moment das Maß alles irdischen und außerirdischen Dinge - sondern, dass es Tanja genauso ging und sie sich nicht erhofft hatte, es jemals auch nur denken oder gar aussprechen zu dürfen. Oder zu wollen. Denn das Letzte, was sie wollte, was sie je gewollt hatte, war Mia zu verschrecken. Und deswegen hatte sie alles wie in eine Festung weggesperrt und nur ihre Augen hatten von Liebe und Fürsorge gesprochen. Von Respekt und Akzeptanz. Von Hoffnung und dem Gefühl, diese Hoffnung klein zu halten, sie herunter zu pressen, damit sie ihr nicht das Herz zerbrach, falls alles schiefging.
Tanja hatte nie verstanden, dass Hoffnung, die in eine Ecke gepresst und dort verlassen wurde, Hoffnung, die geschlagen und getreten wurde, um Enttäuschung zu vermeiden, irgendwann einfach aus einem herausbrach wie Wasser hinter einem Damm, das auf einmal alles mit sich fort riss, alles mitnahm, ob es wollte oder nicht, alles überschwemmte und für sich einnahm und nicht mehr aufzuhalten war.
Mia hatte es auch nie verstanden.
Jedenfalls nicht, bis die Welle sie ergriff und sie in Tanja hinein stieß, ihre Arme um sie schlang und ihre Hände in ihren Anzug krallte, damit sie sie auch niemals von sich fort stoßen könnte.
Und dann musste sie es nicht mehr verstehen, weil Tanja sie in ihre Arme nahm und sie an ihren Körper presste und nur leise murmelte, dass sie Mia für schlauer gehalten hätte, als ihre Gefühle so offen und innig zu zeigen, sich von ihrem Ziel abbringen zu lassen und sich so horrend kindisch zu zeigen, dass man meinte, sie wäre ein Jahrzehnt jünger als auf ihrem Pass stand.
Und dann hatte Mia einfach gelacht und geweint und sie an sich gepresst und so viel Unsinn geredet, dass ihr die Tränen aus den Augen flossen und Tanja nicht einmal ganz wusste, warum.
Und dann hatten sie geredet, ihre Nummern ausgetauscht und einander fest versprochen, dass sie sich auf ihre Karriere konzentrieren würden - warten, bis Tanja endlich ihren großen Durchbruch hatte, noch größer, als die Bücher, die sie geschrieben hatte, die Zeitungsartikel und Doktorarbeiten, die ihr gewidmet wurden. Warten, bis Mia einen Fuß in der Tür hatte und es sich leisten konnte, sich etwas so Albernem wie ihren Gefühlen hinzugeben.
Und dann hatte Tanja gesagt: „Mein Geburtstag ist am zwölften Januar – in zehn Jahren verbringe ich ihn mit dir. Ob du willst oder nicht, Kleine. Und vergiss deine Flasche nicht, die steht noch auf dem Tisch!“
Dann hatten sie nie wieder geredet und Mia war trotzdem noch ihre Kleine.
Und dann hatte Mia das Telefonbuch aufgeschlagen und Tanja angerufen und Tanja hatte sie erkannt, bevor sie überhaupt den Mund aufmachte und es war sofort alles genau wie früher und vorher und eigentlich noch besser gewesen. Wie auch immer das überhaupt möglich war.
Jetzt stand sie hier, schon seit einer halben Stunde, in der warmen leichten Brise des Abends und schwebte in dieser unendlichen Ruhe, nur gestört von ihrer eigenen Vorfreude und dem Bild von Tanjas Auto, das nach all den Jahren noch klarer als je zuvor vor ihren Augen tanzte und nicht mal Zweifel daran ließ, ob es überhaupt noch fuhr und Tanja Lorenz gehörte.
Nicht, dass es das musste, denn war es nicht Beweis genug, dass es langsam vor Mias Füße rollte und schließlich dort zum Stehen kam, so war es wohl Beweis genug, dass Tanja Lorenz die Tür öffnete, sich von Mia aus dem Auto helfen ließ und meinte:
„Du bist hier.“
Mia grinste nur. „Klar bin ich das. Konnt’ ich mir doch nicht entgehen lassen, oder?“
