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Point Zero

Summary:

Missing scenes im show-down von Fall 225 "und der Puppenmacher", enthält SPOILER!

"Bobs Handy.”, stellte er überrascht fest. “Es hing oben im Zimmer noch am Ladekabel. Der Akku war wohl leer.” Er ließ das Telefon wieder in seine Tasche gleiten.

“Verdammt”, murmelte Justus und sein besorgter Gesichtsausdruck spiegelte wieder wie Peter sich fühlte. “Dass er es nicht dabei hatte, ist mir erst aufgefallen, als ich ihn unterwegs anrufen wollte.”

 

Die drei Detektive haben es mit dem unbändigsten Gegner ihrer Karriere zutun: Der Zeit.

Notes:

Nachdem ich "und der Puppenmacher" geradezu verschlungen habe, fand ich, dass im show-down doch noch etwas Raum für einige weitere Szenen gewesen wäre. Das hab ich nun zum Anlass genommen die Situation noch etwas... herausfordernder für die Drei zu gestalten.

Da sich die Szenen (mehr oder weniger) nahtlos in den Show-Down von Fall 225 einfügen, sollte der Fall bekannt sein. Es ist vermutlich auch so verständlich, aber macht weniger Spaß. Außerdem MASSIVE SPOILER.

Work Text:

“Dann sollten wir einmal nach diesem Wagen Ausschau halten.”

“Just”, zischte Peter, um die Aufmerksamkeit des ersten Detektivs zurück ins Hier und Jetzt zu lenken. Seit Tricia im hinteren Teil des Hauses verschwunden war, um das Gewehr im Waffenschrank zu verstauen, hatte Justus an der Haustür gestanden und nachdenklich in die dunkle Nacht hinaus gestarrt.

Aus seiner Hosentasche zog Peter ein Handy und hielt es hoch, sodass Justus es erkennen konnte. "Bobs Handy.”, stellte er überrascht fest. “Es hing oben im Zimmer noch am Ladekabel. Der Akku war wohl leer.” Er ließ das Telefon wieder in seine Tasche gleiten.

“Verdammt”, murmelte Justus und sein besorgter Gesichtsausdruck spiegelte wieder wie Peter sich fühlte. “Dass er es nicht dabei hatte, ist mir erst aufgefallen, als ich ihn unterwegs anrufen wollte.”

“Die Räder sind nicht mehr die Neusten. Es ist durchaus denkbar, dass er einen Platten hat und in diesem Moment hier zur Farm läuft.”, stellte der erste Detektiv sachlich fest. “Wir sollten zunächst nicht den Teufel an die Wand malen, aber es gefällt mir ganz und gar nicht."

“Nichts an dem Tag heute gefällt mir. So viel zu einer romantischen Hochzeit und einem harmlosen Gespenst.”

Dieser Tag hatte schon genug Überraschungen und Schocker für sie bereit gehalten und Peter war mehr als bedient. Was hätte er dafür gegeben, jetzt friedlich oben mit seinen besten Freunden im Bett zu liegen und sich auf die anstehende Hochzeit zu freuen. Er hätte sich ja denken können, dass es nach der Sache mit Kenneth nur noch dicker kommen würde.

Sie waren schließlich die drei Fragezeichen- so etwas wie Amerikas größte Unheilsmagneten. Ob man dafür wohl ins Guinessbuch der Rekorde kommen konnte?

In der Diele klingelte erneut das Telefon. Genervt rollte er mit den Augen. “Ziemlich unhöflich von den Leuten so spät nachts immer noch anzurufen.” Justus brummte zustimmend.

“Vielleicht sollten wir einfach den Stecker rausziehen. Tricia hat auch so schon genug Stress.”

Eigentlich hatte er mehr Lust das furchtbare Ding so wie es war einfach zu packen und durch die offene Tür hinaus in die Nacht zu schleudern, aber das würde der Hausherrin sicherlich nicht gefallen.

“Tante Mathilda hat vorhin auch schon angerufen.”

Justus hatte diese Information hinten angestellt, doch in diesem Augenblick kam die Erinnerung an die wütende Stimme seiner Tante wieder hoch. Da würde er sich morgen noch Einiges anhören können.

Verblüfft sah Peter ihn an. “Und du bist dran gegangen?” Ein Kopfschütteln. “Sie hat auf den Anrufbeantworter gesprochen. Sie hätte nur Fragen gehabt, die ich ihr nicht beantworten kann.”

Beide starrten auf das Gerät, als könnte es jeden Moment explodieren.

Die Vorstellung es zu zertrümmern wurde von Sekunde zu Sekunde attraktiver. Es juckte Peter in den Fingern irgendetwas zu unternehmen. Und wenn es nur die Zerstörung dieses Störenfrieds war. Er wollte verdammt nochmal was tun!

In diesem Augenblick kam Tricia in den kleinen Flur getreten, die Schlüssel ihres Wagens klimperten einsatzbereit zwischen ihren Fingern. Ohne dem Telefon große Beachtung zu schenken, zog sie mit behänden Fingern im Vorbeigehen den Stecker aus der Steckdose und lies ihn achtlos zu Boden fallen. Zielstrebig trat sie durch die offene Haustür hinaus auf die Veranda.

“Kommt ihr Jungs?” Justus und Peter tauschten einen anerkennenden Blick und folgten ihr in die Dunkelheit.

 

***

 

Peter tigerte unruhig in der kleinen Küche der Polizeistation auf und ab. Im Nebenraum gaben Tricia und der Chief soeben die Fahndung nach Bob raus. Justus saß an dem kleinen Küchentisch und drehte ein halb volles Wasserglas zwischen den Fingern.

Natürlich hatten sie rein garnichts gefunden. Zu dieser Tageszeit waren die Straßen menschenleer, alle Bewohner des Ortes schnarchten schon seit Stunden in ihren Betten. Niemand hatte etwas gesehen und es war in der Dunkelheit auch nichts auszumachen- geschweige denn zu finden.

Sie waren völlig erfolglos durch die Gegend gegurkt und genau keinen Schritt weiter als zuvor. Justus würde das natürlich wieder anders sehen- immerhin wussten sie jetzt wo Bob sich nicht befand. Ein Trost war das auch nicht.

“Rekapitulieren wir noch einmal den Verlauf des Abends”, setzte der erste Detektiv an. Peter blieb mitten in der Bewegung stehen und blickte ihn aus vorwurfsvollen Augen an.

“Das haben wir jetzt schon tausend Mal gemacht Just. Wie soll Bob das helfen? Der Typ im weißen Camrys hat ihn.”

Justus seufzte tief und warf einen Blick auf die Uhr. “Es ist höchst wahrscheinlich aber nicht sicher.”

Peters einzige Antwort war ein niederschmetternder Blick, der ausnahmsweise sogar Justus verstummen lies.

Der erste Detektiv seufzte in seinen nicht vorhandenen Bart und schlug eine andere Taktik ein. “Wie lange ist es her, dass ihr im Hardys wart? Drei, vier Stunden vielleicht?” Peter nickte zustimmend.

“Und ihr habt dort noch zu Abend gegessen?”

“Jahaaa, wenn ich es dir doch sage. Im Roadkill gab es nichts mehr, weil freitags alle im Hardys sind. Also haben wir dort gegessen und bei der Gelegenheit gleich mal Nigels Adresse in Erfahrung gebracht.”

Ziemlich leichtsinnig von den Leuten einem paar wildfremder Teenager einfach so die Adresse von jemandem zu geben, wenn man so darüber nachdachte. Aber normalerweise blieben die Leute hier eben meist unter sich und es gab den Großteil des Jahres auch keine nennenswerten Touristen.

Der Küchenstuhl, auf den Peter sich fallen ließ, ächzte unter dem Aufprall des sportlichen Teenagers. “Wenn ich ihn nur nicht weggeschickt hätte.” Wenn er nur nicht bei Nigel eingestiegen wäre. Wie oft er das nach einer solchen Aktion schon gedacht hatte. Nur offenbar draus gelernt hatte er nicht.

“Du konntest nicht wissen, dass der Camrys ihn aufgabeln würde. Genauso gut hätte es euch beide auf erwischen können.”, setze Justus beruhigend nach.

“Es bringt niemandem etwas wenn wir uns jetzt selbst zerfleischen.” Natürlich hatte Justus- wie so oft, völlig Recht mit dem, was er sagte. Dennoch verstummte die leise, nagende Stimme in Peters Ohr nicht.

“Wenn seine Werte nach dem Hardys gut waren, haben wir noch Zeit ihn zu finden. Hat er was gesagt oder sich seltsam benommen?”

Darauf konnte Peter nur den Kopf schütteln. Er hatte nicht sonderlich darauf geachtet. Sie hatten nicht viel gesprochen während dem Essen und auch sonst war das Hardys nicht gerade eine anregende Erfahrung gewesen.

“Alles wie immer. Er war kurz auf dem Klo und dann haben wir gemacht, dass wir zu Nigel kommen.” Bob war gewesen wie immer- konzentriert auf den Fall und voller Tatendrang.

Und vermutlich ebenso wie Peter, beflügelt von der Aussicht aus dem Lokal mit den seltsamen Maispuppen herauszukommen. Sie brauchten keine Wort um sich einig darüber zu sein, dass ihre Stammkneipe in Deep Spring eindeutig das Roadkill war.

“Dann gehen wir davon aus, alles war in Ordnung.” Erneut blickte Justus auf die Uhr. “Wir haben noch einige Stunden bis es Zeit zum Frühstücken ist und vermutlich auch danach noch etwas Zeit, bevor es kritisch wird.” Er unterbrach sich selbst, um einen Schluck aus seinem Becher zu nehmen.

All diese Annahmen beruhen auf nichts als Vermutungen. Es konnte auch ganz anders aussehen, aber das sagte er lieber nicht. Eigentlich wollte er es nicht einmal in Betracht ziehen.

“Wir finden ihn schon” Ganz so überzeugt war der erste Detektiv nicht, aber auch das würde er mit Sicherheit nicht verlauten lassen. Hoffentlich ging das alles nochmal gut. Es musste einfach. Sie hatten für eine Hochzeit gepackt und nicht für eine verdammte Beerdigung!

Unruhig und geplagt von ihrer Unfähigkeit etwas zu unternehmen, hatte Peter einen Löffel vom Tisch aufgeklaubt und warf ihn zwischen den Händen hin und her während er auf dem wackeligen Stuhl nach hinten kippelte. Justus war zu müde um den zweiten Detektiv für sein leichtsinniges Verhalten zu tadeln und Peter brauchte jede Ablenkung, die er kriegen konnte.

Gruselige Fälle machten ihm zu schaffen, aber wenn es etwas gab, was er noch mehr hasste, war es tatenlos herumsitzen zu müssen, während einer seiner Freunde in Gefahr war. Zum Mäusemelken.

Im Türrahmen erschien Tricia. “Die Fahndung ist raus. Lasst uns zurück zur Farm fahren, vielleicht ist Bob ja dort und es löst sich alles in Wohlgefallen auf.”

Allen drei war klar, dass dies ein reines Hirngespinst war, doch Peter verkniff sich einen Kommentar und sprang auf die Füße. Bobs Handy lag schwer in seiner Hosentasche.

 

***

 

Es war stockdunkel im Schuppen. Die Luft war staubig und abgestanden und der Schemel nicht dafür gemacht längere Zeit darauf zu sitzen. Bob versuchte in der Dunkelheit etwas zu erkennen was ihm möglicherweise in seiner Situation irgendwie helfen konnte, doch auch nachdem sich seine Augen besser an die Dunkelheit gewöhnt hatten, blieb die Schwärze undurchdringlich und seine Versuche brachten ihm lediglich ein schwummriges Gefühl im Magen ein. Er würde warten müssen bis es draußen heller wurde.

Trigger winselte in einiger Entfernung. Der Hund tat ihm leid, doch gab es nichts was er in diesem Moment für ihn tun konnte- immerhin war er noch am Leben. Murray musste das Tier zumindest mit dem Nötigsten versorgt haben. Das lies hoffen.

Andererseits: Murray würde ihn niemals laufen lassen können. Einen Hund verschwinden zu lassen war eine Sache und selbst wenn es auffliegen sollte nichts weiter als Diebstahl oder Sachbeschädigung. Einen Menschen zu verstecken, der fliehen wollte, hingegen war nochmal eine ganz andere Hausnummer.

Egal wie Bob es drehte und wendete: lebendig stellte er eine große Gefahr für den Polizisten dar. Tot hingegen ließ sich jemand viel leichter beseitigen lassen. Wie gut, dass Murray zu dieser Erkenntnis Murray noch nicht gekommen war.

Beklemmung stieg in ihm auf und ihm wurde heiß. Sein Herzschlag pochte schnell und laut in seinen Ohren. Das Klebeband über seinem Mund spannte. Er musste ruhig bleiben. Je länger er durchhalten konnte, desto mehr Zeit hatten Peter und Justus um ihn zu finden.

Angst und Panik waren seine absoluten Gegner. Mühsam zwang er sich ruhiger zu atmen. Einatmen, währenddessen bis sieben zählen und langsam wieder ausatmen. Ein und aus, ein und aus.

Bekam er überhaupt genug Sauerstoff mit dem blöden Knebel? Womöglich war es ganz egal was sich Murray dachte und ob er plante Bob etwas zu Essen zu bringen, weil Bob schon vorher in diesem Schuppen elendig erstickt war!

Kein hilfreicher Gedanke. Ein und aus. Ein und aus.

War es die ganze Zeit hier drin so warm gewesen? Mit jedem verstreichenden Augenblick fühlte sich die Luft im Schuppen heißer an-...

Bob brauchte einen Plan. Der sicherste Weg gegen die Verzweiflung war handeln. Welche Möglichkeiten blieben ihm?

Es war zu dunkel um mehr über den Inhalt des Schuppens in Erfahrung zu bringen. Bis auf 2 Müsliriegel waren seine Hosentaschen nun völlig leer und ob er an diese herankommen konnte…

Vorsichtig tastete er nach den Handschellen. Eng und stabil, vermutlich stammten sie aus dem Equipment der Polizeidienststelle. Hier würde selbst Peter sich die Finger dran ausbeißen.

Aber was war mit der Kette? Langsam folgten seine Finger den groben Metallringen. Die Kette endete ein ganzes Stück höher in einem schweren Eisenring, der in der nackten Felswand verankert war.

Herausreißen war also keine Option. Nun gut, zumindest erlaubte ihm die Kette mehr Bewegungsfreiheit. Vorsichtig um den Hocker nicht umzutreten, stand er auf.

Vorsichtig und unter Schmerzen begann er den Rand des Klebebands von seiner Haut zu knibbeln als draußen ein lautes Geräusch ertönte. Erschrocken stolperte er rücklings gegen die nackte Felswand. Ein weiterer Metallring bohrte sich schmerzhaft in seinen Rücken.

Mühsam unterdrückte er ein Stöhnen. Kam Murray zurück? Wenn ja durfte dieser keineswegs erfahren, dass Bob fliehen wollte. Was wenn er ihn dann vollständig fesseln würde? Oder noch schlimmer gleich erschießen?

Ein und aus, ein und aus.

Mit dem Fuß tastete er sich wieder zu dem Hocker und ließ sich darauf sinken. Draußen blieb es still. Ruhig bleiben, sprach er sich selbst Mut zu.

Ein und aus.

Die Kette bot ihm zwar etwas Bewegungsfreiheit, aber es konnte sich nicht um viel mehr als einen halben Meter handeln. Zu wenig um Trigger zu erreichen, geschweige denn die Tür. Außerdem war sie ebenfalls zu kurz um etwas vom Boden aufzuheben, folglich sollte er es tunlichst vermeiden etwas fallen zu lassen, es sei denn er wollte aus seinen Schuhen schlüpfen und sich in Fußgymnastik üben.

Innerlich verfluchte er sich dafür in der vorherigen Nacht sein Handy nicht geladen zu haben- das lag schön und sicher bei Tricia im Gästezimmer. Andererseits: gebracht hätte es ihm wohl wenig, sonst läge es wohl ebenso wie sein Messgerät im Beifahrerraum des Autos.

Nein, selbst wenn er es in der Hosentasche gehabt hätte, Murray hätte es sicher einkassiert. Nun gut, das ließ sich jetzt, wie so vieles anderes, eh nicht mehr ändern.

Er besaß noch zwei zerdrückte Müsliriegel und sein Abendessen war eine volle Mahlzeit und die anschließenden Werte gut gewesen, zumindest in den nächsten Stunden sollte er halbwegs im grünen Bereich sein.

Aktuell fühlte er sich den Umständen entsprechend gut, das war doch schon einmal was,

Wenn er Glück hatte brachte Murray ihm später etwas zu Essen und Wasser. Trigger hatte er auch nicht verhungern lassen.

Bis dann wäre es hoffentlich schon hell und er könnte möglicherweise einen Plan haben um hier herauszukommen. Und im schlimmsten Fall würde er es wohl bis Mittag schaffen, wenn alles glatt ging.

Das würde Just und Peter genug Zeit verschaffen ihn zu finden. Hoffentlich würde ihnen die Visitenkarte auffallen.

Jetzt konnte er nichts tun. Das Sinnvollste was ihm wohl blieb war die Stunden bis zum Sonnenaufgang mit Schlaf zu überbrücken und sich auszuruhen- so gut das eben ging, wenn man von einem irren Polizisten entführt, in einem Schuppen angekettet war und auf einem schmalen klapprigen Holzhocker saß.

Trigger lag ganz ruhig in seiner Ecke des Schuppens, auch von draußen drangen kaum Geräusche an sein Ohr. Beinahe idyllisch hier.

Bob träumte vom Felsenlabyrinth.

 

***

 

“Bob! Bob! Oh verdammt! Bob kannst du mich hören!” Feuchte Hände legten sich an Wangen.

Erschöpft schlug Bob die Augen auf. Nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt schwebte Peters schwitzige Mine. Sorgenfalten gruben tiefe Furchen in die sommersprossige Haut auf seiner Stirn.

Seit sie nach Deep Spring gekommen waren plöppten mit jedem Tag mehr der vorwitzigen Flecken auf Peters Haut auf. Er atmete schnell und stoßweise, gerade so als wäre er den Weg zum Schuppen gerannt.

“Klar und deutlich Zweiter. Aber bitte; nicht so laut?” Gequält blinzelte Bob gegen das grelle Licht, das durch die offene Schuppentür in den Raum drang. Sein Schädel dröhnte gerade so als hätte ein Elefant Samba darauf getanzt. War er noch einmal eingenickt?

Im Türrahmen erschienen Tricia und Justus. Die Polizistin stürzte augenblicklich in den Schuppen um sich um ihren Hund zu kümmern. Trigger lag noch immer eng eingerollt vor seinem leeren Wassernapf.

Bobs Kopf in seinen Händen drehend untersuchte Peter ihn hektisch. “Wie geht’s dir? Hat er dir was getan?” “Wasser”, krächzte Bob. Seine Stimme war fürchterlich trocken. Aus dem Augenwinkel sah er wie Justus auf dem Absatz kehrt machte und im Sonnenlicht verschwand- vermutlich um Wasserflaschen aus dem Auto zu holen. Hoffentlich

“Verdammt. Die Handschellen kriege ich so nicht auf. Du wirst einen Moment warten müssen.” Die Worte sprudelten aus Peter nur so heraus, es fiel Bob schwer ihm klar zu folgen. Er war erschöpft und ausgelaugt und fühlte sich als hätte man mit ihm den Boden von Tricias Scheune gewischt.

“Kopfschmerzen, mir ist etwas schwummrig.” Besorgte Augen musterten Bobs Gesicht genauer. “Du bist blass”, stellte Peter erschrocken fest. “Du zitterst ja!” bemerkte der zweite Detektiv in diesem Moment. “Ist dir kalt?”

Bob konnte nur kurz mit dem Kopf schütteln. Sein Magen machte einen unangenehmen Hüpfer. Keine gute Idee. Der Schwindel war zurück. Wie gut, dass er nichts im Bauch hatte, was er erbrechen konnte.

Murray war nicht aufgetaucht um ihm oder Trigger etwas zu trinken, geschweige denn zu essen zu geben.

Im ersten Licht der frühen Morgenstunden war ihm glücklicherweise noch eingefallen seine Pumpe herunterzuregulieren- nur für den Fall. Letztendlich hatte ihn das vermutlich gerettet. Das und die zwei Müsliriegel. Aber jetzt war er wirklich am Ende.

“Hast du was zu essen?” Noch während er sprach, hatte Peter aus einer Hosentasche Bobs Handy gezogen und es mit dem Bildschirm nach oben auf seinen Oberschenkel geschoben.

Der Wert auf dem Bildschirm kam für Bob nicht sonderlich überraschend, bestätigte jedoch sehr genau wie er sich fühlte. Bescheiden.

“Ich hab überhaupt keine Ahnung was das bedeutet”, plapperte Peter geschäftig weiter. Er hatte seinen Rucksack vom Rücken abgestreift und war gerade dabei den Inhalt vor Bob auf dem Boden auszubreiten.

“Aber wir haben dein komplettes Kit dabei”. Tatsächlich lag vor ihm ausgebreitet der komplette Inhalt von Bobs Notfalltasche- Akkus und neue Reservoirs für seine Pumpe, seine Glucagonspritze- sogar an das Messgerät, das er gestern im Auto hatte liegen lassen, hatten Peter und Justus gedacht.

“Sag mir was du brauchst- und ich bin dein Mann.” Er lächelte Bob aufmunternd zu. “Zucker”. Peter schien die knappe Antwort nichts auszumachen, er lächelte weiterhin und wenige Sekunden später schwebte ein großes gelbes Gummibärchen vor seinen Lippen.

Eine kalte Limonade wäre ihm deutlich lieber gewesen aber er konnte nicht wählerisch sein. Bereitwillig knabberte er das Bärchen aus Peters Fingern. Es war nicht mehr das jüngste und daher etwas zäh, aber was machte das schon.

Justus war inzwischen vom Auto zurückgekehrt, im Arm einen Schwung Wasserflaschen. Eine reichte er Tricia, die während Bob lustlos auf seinen Gummibärchen kaute, Triggers Wassernapf auffüllte. Gierig begann der Hund Wasser in seine Schnauze zu schlabbern.

Offenbar hatte er ziemlich neidisch gewirkt, wie er dem Hund beim Trinken zusah, denn Justus kniete sich neben Peter und setzte die Wasserflasche vorsichtig gegen Bobs trockene Lippen. Er trank begierig.

“Die Handschellen bekommen wir auch noch auf.”, versprach Peter aufmunternd. “Danke” keuchte Bob, nachdem er die Flasche zur Hälfte geleert hatte. Eigentlich musste er auch mal ziemlich dringend um die Ecke, aber auch das würde wohl noch warten müssen.

“Wie geht’s dir?” Auch Justus wirkte unter seiner Erleichterung immer noch besorgt. “Gleich besser.” Er nickte und zog ein eingeschlagenes Brot in Butterbrotpapier aus seiner Jackentasche.

“Vollkornbrot mit Butter”, erklärte er knapp auf Peters fragenden Blick. “Schneller Zucker ist gut und schön, aber danach brauchst du noch etwas Handfestes!" Das Brot sah aus als hätte es schon bessere Zeiten gesehen doch für Bob hätte es in diesem Moment auch ein fünf Sterne Menü sein können.

Der zweite Detektiv nickte als ob dies eine ganz glasklare Sache wäre (war es für ihn nicht) und Bob musste grinsen. “Du hast aber nicht die ganze Zeit versucht im Kopf meine Werte mitzurechnen, oder?"

Jetzt musste auch Justus grinsen. “Mehr… grob kalkuliert. Mir haben deine persönlichen Parameter gefehlt um es genauer zu berechnen.”

Ein leises “Danke” war alles, was Bob in diesem Moment herausbrachte, doch für Justus und Peter war es das schönste Wort auf der Welt.

Der Anblick seiner beiden besten Freunde, wie sie hier vor ihm saßen, inmitten seines kompletten Notfallsets und ihn mit Gummibärchen fütterten, ließ ihm warm ums Herz werden. Und diesmal hatte es weder mit seiner Panik noch der hochstehenden Sonne zutun.

Trigger knurrte. Schlagartig wurde Bob wieder bewusst in welcher Lage er sich befand: Mit Handschellen in einem Schuppen gefesselt und einem krankhaft ehrgeizigen Polizisten schutzlos ausgeliefert.

Trigger bellte. In der Tür stand im grellen Gegenlicht Sergeant Murray.

 

***

 

Justus füllte gerade eine Kanne Kaffee, als Peter die kleine Küche betrat, in den Händen zwei weitere leere Kannen. “Es ist unglaublich, wie viel Kaffee die Leute trinken können.”, verkündete der zweite Detektiv.

Schweiß stand auf seiner Stirn und er wirkte etwas ermattet von den letzten 24h. Justus konnte es ihm kaum verübeln, sie hatten die letzte Nacht kein Auge zugemacht und der heutige Tag war bereits mehr als ereignisreich gewesen, bevor sie sich in einer ungeplanten Geburtstagsfeier Schrägstrich abgesagten Hochzeit wiedergefunden hatten.

“Wie geht es Bob?” “Verteilt immer noch Kuchen und versprüht reichlich von seinem Charme. Scheint zu wirken, die Damen fahren auf ihn ab.” Justus blickte streng zu seinem Freund hinüber. Peter hatte die Kaffeemaschine erneut gestartet und war auf einem der Küchenstühle zusammengesunken.

“Wenn ich es nicht besser wüsste würde ich sagen, es wäre nie etwas gewesen.” Der erste Detektiv nickte zustimmend. Er hatte Bob in den letzten Stunden genauestens beobachtet und auch auf ihn schien ihr Dritter einen guten Eindruck gemacht zu haben- besonders nachdem er eine warme Mahlzeit auf dem Revier verdrückt hatte.

“Heute Morgen war er weiß wie die Wand, jetzt springt er wieder rum…” Peter schüttelte sich. “Ich hatte eine Scheißangst um ihn.” “Ich weiß.” Justus stellte die Kanne auf das Tablett und legte eine warme Hand auf Peters Schulter. “Ich auch.”

“Er scheint wieder fit zu sein und er sagt, seine Werte sind okay, da müssen wir ihm vertrauen.”

“Ich weiß, ich weiß. Außerdem reist er mir wohl den Kopf ab, wenn ich noch einmal frage, wie es ihm geht.”

“Nicht nur dir.", verpflichtete Justus ihm düster bei.

“Was ist das denn für ein Kaffeeklatsch hier?”

In der Tür stand Bob, ein Tablett mit der leeren Kuchenetagere in den Händen. “Da draußen sitzen Gäste und wundern sich wo der Kaffee bleibt. Dafür müsst ihr gerade stehen.”

Seine Freunde blickten ihn ermattet an.

“Na los. Keine falsche Müdigkeit vorschützen hier! Kollegen: wir haben Tricia gesagt wir kümmern uns um ihre Gäste und ihr wisst wie unser Motto lautet?!”

“Wir übernehmen jeden Fall”, murmelten Peter und Justus einstimmig.

 

***

 

“Du Bob?” Peter hatte sein Handy zur Seite gelegt und sich zu Bob rumgewälzt.

Sie lagen auf einem alten Klappbett auf Tricias Dachboden, da ihr Zimmer spontan für einige unerwartete Gäste mit empfindlicheren Knochen gebraucht worden war. Nur wenige Schritte weiter döste Justus auf einer Luftmatratze.

Der Dachboden war nicht isoliert und die nackte Unterseite des Wellblechdachs reflektierte das Licht der kleinen Campinglampe und ließ die Staubkörner in der Luft tanzen.

Im Winter wäre es sicherlich zu kalt gewesen, um hier zu schlafen, aber nun in der warmen Sommernacht war es angenehm hier oben. Das Metall des Daches strahlte die Restwärme des Tages ab, doch dank der breiten Ritzen zwischen den Balken gab es einen angenehmen Luftzug.

Bob war dankbar, dem Trubel entkommen zu sein und etwas mehr Abstand zum vollgestopften Haus zu haben.

Der heutige Tag war wirklich mehr als aufreibend gewesen und er war mehr als froh gewesen, dass die Party die allgemeine Aufmerksamkeit von ihm abgezogen hatte.

Peter sah ihn noch immer unverwandt an, offenbar auf der Suche nach den richtigen Worten.

“Ich hatte heute wahnsinnige Angst um dich”, flüsterte der zweite Detektiv in die Stille.

Was sollte er darauf antworten? Die Stunden in der Dunkelheit waren enorm beängstigend gewesen, besonders die Unsicherheit ob Murray nicht doch noch spontan entschied sich seines Bob-Problems auf leichtem Wege zu entledigen.

Aber er hatte die Hoffnung nicht aufgegeben. Ein tiefes Seufzen entwich seinen Lippen. “Ich hatte auch Schiss.”, gestand er leise.

“Aber ich hab versucht nicht so viel dran zu denken- Panik zu kriegen hätte meine Lage nur verschlimmert, also hab ich mich darauf konzentriert durchzuhalten bis ihr mich findet.”

“Das hätte auch verdammt schief gehen können”, wandte Peter ein. Die Erinnerung an die Ereignisse der letzten Nacht ließen ihn blass werden und für einen Augenblick rannte auch Bob ein kühler Schauer über den Rücken.

Er bemühte sich, sich nichts anmerken zu lassen und lächelte Peter aufmunternd zu. “Der Trick mit der Visitenkarte hat damals schon im Tal der Wehklagen geklappt, ich war mir sicher, dass ihr es wieder verstehen würdet.”

“Es war trotzdem knapp- zu knapp.” Peters Stimme ließ keinen Raum für Widerspruch. Er hatte den Kopf vorgereckt, wie er es häufig tat wenn klar war, dass ihn so leicht nichts von seiner Meinung abbringen würde. Halsstarriger Kerl. Und er hatte nicht einmal Unrecht.

“Was wäre gewesen wenn wir später gekommen wären? Wenn wir nciht schnell genug hätten helfen können?”

“Wart ihr aber nicht- ihr”

“Wir hätten es aber sein können”, unterbrach Peter ihn scharf. “Wenn du mir nicht gesagt hättest was du brauchst, hätte ich keine Ahnung gehabt wie ich dir helfen kann.”

Seine Augenlieder schlossen sich und es folgten einige kontrolliert langsame Atemzüge
bis er wieder weiter sprach.

“Es kann immer sein, dass uns mal etwas passiert- das ist so in unserem Metier.” Graugrüne Augen blickten Bob scharf an. “Leugnen ist zwecklos, das weißt du selbst”

“Ich möchte das nächste Mal nicht so unvorbereitet dastehen. Ich möchte mehr können als dir dein Handy hinhalten und nicht mal wissen, was die Zahl auf dem Display bedeutet.”

Bob nickte geistesabwesend. Wenn Peter etwas hasste dann war es tatenlos daneben zu stehen und nicht helfen zu können. Hilflosigkeit machte ihn nur noch nervöser.

“Ich will verstehen was passiert und wie damit umzugehen ist- damit wir vorbereitet sind. Weil es vielleicht mal einen Zeitpunkt gibt, da du und Just mir nicht sagen könnt wie ich es kann.” Seine Stimme zitterte und Peter unterbrach sich.

Bevor er weitersprechen konnte schlug Bob die Bettdecke zurück und setzte sich auf. “Okay.”

“Okay?” Überrascht blinzelte Peter zu ihm hinauf. Offenbar hatte er mit mehr Gegenwehr gerechnet

“Klar. Ich weiß zwar nicht ob es wirklich sinnvoll ist.” Der dritte Detektiv zuckte kurz mit den Achseln. “Aber wenn es dich beruhigt und dir hilft. Dann klar. Schadet mir nicht, wenn ich das alles nochmal laut durchkaue.”

Rascheln. Auch Peter hatte sich aufgesetzt und war auf der Matratze näher heran gerutscht.

“Danke”, flüsterte er. Bob musste lächeln.

“Ab sofort gehören Notfallsnacks und eine diading-”

“diabetologische?”

“Diabetologische Schulung zur Grundausrüstung der drei Fragezeichen”. Auf Peters Gesicht war sein Tausend-Watt-Strahlen getreten und auch Bob musste grinsen.

“So so?”, fragte er belustigt. “Und wie willst du dafür sorgen, dass nicht einfach alles bei der nächsten Observation aufgefuttert wird?”. “Ganz einfach- wir drucken unsere Visitenkarten nur noch auf Snacks.”

Sein Grinsen wurde noch strahlender. “Also Snack-cards sozusagen.”

“Spinner”, erwiderte Bob, doch das Grinsen war nicht aus seinem Gesicht gewichen.

“Wenn du willst können wir auch eigentlich direkt anfangen.” Mit geübten Handgriffen zog er die Pumpe aus seinem Bauchgurt und hielt sie Peter hin.

Ehrfürchtig nahm der zweite Detektiv das Gerät entgegen. Er kannte den Anblick der Pumpe nur allzu gut, schließlich war sie seit einigen Monaten Bobs täglicher Begleiter, doch er hatte sie noch nie berührt und war sichtlich nervös.

“Also es gibt mehrere Programme und Knöpfe…”

Wenige Schritte entfernt drehte Justus sich auf die Seite und lauschte Bobs Ausführungen genau, bereit jede potentiell wichtige Information in sein Gehirn zu brennen- so klein und unwichtig sie gerade auch scheinen mochte. Auch er lächelte.

***