Work Text:
Leo wäre nicht so weit in seiner Karriere gekommen, wenn er kein verdammt guter Ermittler wäre, aber es braucht keinen guten Ermittler, um festzustellen, dass in seinem Team etwas im Busch ist.
Seit er früher am Tag verkündet hatte, dass er sich selbst und Adam Undercover schicken würde, und Pia und Esther für Backup und Kommunikation bereit stehen sollten, war die Stimmung im Team irgendwie gekippt.
Leo verstand nicht ganz warum. Es war schließlich kein Geheimnis, dass ihr Team am besten funktionierte, wenn sie in genau diesen Zweierteams arbeiteten. Ebenfalls war es auch unschwer zu erkennen, dass dies auch die Kombinationen waren, in denen sich alle Kommissare am wohlsten fühlten. Das war von Anfang an so gewesen, seit ihr Team zusammengefunden hatte, und das war auch jetzt noch so, auch wenn sich die anfänglichen Spannungen schon viel gelegt hatten. Eigentlich sollten also alle glücklich mit dieser Konstellation sein. Und doch…
Sie saßen alle vier in dem kleinen Observierungsfahrzeug, das Leo ihnen für diesen Fall besorgt hatte, und bereiteten sich auf den Einsatz vor. Esther und Pia halfen ihren Kollegen beim Präparieren ihrer Outfits und dem Anbringen der versteckten Mikrophone, aber Leo schien der einzige zu sein, der wirklich bei der Sache war. Esther und Pia warfen sich die ganze Zeit vielsagende Blicke zu, und Adam… ja, Adam schien mit seinen Gedanken überhaupt ganz woanders zu sein.
Esther musste ihn mit eigener Kraft bewegen, um die Kabel zu verlegen, weil er sehr langsam auf ihre Ansagen reagierte, wie er sich zu bewegen hatte. Leo war kurz davor einzugreifen und es selbst zu übernehmen, um einen Konflikt zwischen den beiden zu vermeiden. Letztlich tat er es dann doch nicht. Er wollte seinem Team vertrauen, dass sie sich alle professionell verhalten konnten.
Außerdem, wenn er sich jetzt um Adams Setup kümmern würde, müsste sein eigenes erstmal liegen bleiben, sodass sich die Vorbereitungszeit verdoppelte. Und dann kam dazu, dass er immer, wenn er in etwas eingriff, dass mit Adam zu tun hatte, danach so merkwürdige Blicke von den beiden Frauen zugeworfen bekam, und das eine oder andere Mal auch mal ein Kommentar kam. Wo das Team jetzt sowieso schon so merkwürdig drauf war, hatte er wenig Lust sich damit auch noch rumschlagen zu müssen.
Zwischen den Blicken zu Esther und seinen eigenen Kabeln, sah Pia eh schon danach aus, als brenne es ihr auf der Zunge etwas zu sagen, auch wenn Leo aktuell absolut nichts einfallen möchte, worauf ihr Kommentar gemünzt sein könnte.
Letztlich, weil dies sein Team ist, und er es sich nicht leisten konnte, dass es den Einsatz beeinflusste, sprach er sie doch darauf an: „Sollte ich wissen, warum ihr beiden euch hier die ganze Zeit diese vielsagenden Blicke zuwerft?“
Damit hatte er die Aufmerksamkeit seines Teams erlangt. Pia und Esther sahen ihn ertappt an, während Adam so aussah als wäre ihm das alles erst jetzt aufgefallen.
Na super. Da sollte er in — Leo warf einen Blick auf die Uhr — einer knappen halben Stunde mit Adam Undercover gehen, und Adam war in einer seiner Stimmungen, in denen er zu sehr mit seinem Privatleben beschäftigt war, um sich richtig auf den Fall zu konzentrieren. Und Leo, weil er ein Heuchler war, wusste, dass das hieß, dass er selbst sich auf den Fall nicht würde richtig konzentrieren können, weil er sich Sorgen um Adam machen würde. Und darum, was für Konsequenzen Adams Privatleben haben würde.
Pia hatte als einzige den Anstand schuldig auszusehen, aber nicht schuldig genug, um Leo davon zu überzeugen, dass es sich um etwas fallbezogenes handelte. Als Esther dann auch noch angespannt den Kiefer zusammenbiss anstatt zu reden, war er sich dessen sicher. Er seufzte.
„Will ich es wissen?“, veränderte er seine Frage.
Pia und Esther tauschten noch einen Blick, und letztlich sah auch Adam misstrauisch aus.
„Ich denke eher nicht“, sagte Esther, auch wenn Pias Gesicht sich verzog, als sei sie da anderer Meinung. Super, noch mehr Spannung im Team, dachte Leo sich, aber er erkannte, dass er zum jetzigen Zeitpunkt wohl nicht mehr aus seinen Kolleginnen herausbekommen würde, und diesen Einsatz mit diesen Spannungen würde durchziehen müssen.
Er ließ Pia den Rest der Verkabelung anbringen, ohne weiter nachzufragen. Sie sah weiterhin so aus, als wolle sie etwas sagen.
„Fertig?“, fragte er Adam, als Pia ihn entließ.
„Kann losgehen“, bestätigte Adam und entriss sich Esthers Obhut. Diese zog die Augenbrauen hoch und bekam dafür ein Augenrollen.
Adam nickte Pia noch zu, bevor er die Tür des Wagens öffnete und hinaushüpfte.
„Okay“, sagte Leo laut zu allen und niemandem und folgte Adam aus der Tür. Dieser wartete schon auf halben Wege zum Kasino auf ihn.
Er machte sich daran, die Tür hinter sich zu schließen, als Pia ihren Kopf durch den noch offenen Spalt steckte.
„Moment, Leo, warte nochmal kurz“, sagte sie, und trat zu ihm auf den Asphalt.
Leo bedeutete Adam mit einer kurzen Geste zu warten, und auch Pia warf einen kurzen Blick um den Wagen herum, als wolle sie sicher gehen, dass Adam außer Hörweite war.
„Ist es wirklich so eine gute Idee, dass du und Adam das macht?“, sagte sie vorsichtig, als sie ihn wieder ansah.
Leo zog die Augenbrauen hoch. „Findest du nicht, dass es hierfür jetzt etwas spät ist?“
Pia schnitt eine Grimasse. „Ich mein ja nur…“
„Ja, ich bin mir sicher“, schnitt Leo ihr das Wort ab, „es ist die einzige Kombination, die funktionieren kann. Wer sollte das denn sonst machen? Adam und Esther können nichtmal professionellen Respekt vortäuschen, geschweige denn, dass sie ein Paar sind. Du und ich können wir nicht machen, weil ich den beiden genauso wenig vertraue sich im Observierungsfahrzeug nicht an die Haare zu gehen. Dir und Adam traue ich aus anderen Gründen nicht zu, dass ihr faken könnt, dass ihr euch attraktiv findet“ — das brachte Leo ein kurzes Grinsen von Pia ein — „und du und Esther fallt raus, weil zumindest einer von beiden Poker spielen können sollte.“
„Okay“, akzeptierte Pia, sichtlich unglücklich, „aber sei vorsichtig und pass auf dich auf.“ Eine Pause. „Also auch auf Adam, aber ganz besonders auf dich.“
Leo erkannte den Tonfall, den sie benutzte, als sie das sagte. Es war der, den sie immer anwandte, wenn sie sich Sorgen wegen Adam machte, oder wohl viel eher darum, welche Auswirkungen Adam auf Leo und dessen Verhalten hatte.
„Es rührt mich, dass du dir Sorgen um mich machst“, sagte Leo, weil es stimmte, „aber ich kann auf mich selbst aufpassen.“
Leo konnte beobachten, wie sich ihre Kiefermuskeln anspannten. „Ich weiß, dass du das kannst, aber du tust es nicht immer.“
Mit diesen Worten und einem eindringlichen Blick zum Abschied verschwand sie wieder zu Esther in den Observierungswagen, und… hm, ja, aua. Das saß.
Leo versuchte sich zu fassen und Pias Worte nicht an sich ranzulassen. Er hatte einen Job zu machen, und er hatte den zu erledigen. Er durfte die Bedenken, dass Pia Recht haben könnte, nicht an sich ranlassen. Nicht vor so einem Job, und ganz besonders nicht, wenn der Rest seines Teams bereits mit den Gedanken woanders zu sein schien.
Er schüttelte seine Schultern ein wenig, in der Hoffnung, dass mit der physischen Geste des Abschüttelns auch das figurative Abschütteln der Gedanken erfolgte und bog dann schließlich um die Ecke des Wagens und schritt auf Adam zu, der schon angefangen hatte ungeduldig mit dem Fuß zu wippen.
„Mensch Leo, wo bleibst du denn?“
Leo entspannte sich bei diesen Worten und dabei, dass Adam halt einfach normal Adam war.
„Lass uns reingehen“, sagte er zu Adam mit einem Blick auf das Kasino. Aber bevor er sich schon wieder zum Weitergehen wenden konnte, fiel ihm der Blick auf, den Adam über ihn huschen ließ. „Was?“
Adam hob die Augenbrauen. „Was hast du denn mit deiner Jacke gemacht?“
Sie musste wohl verrutscht sein, als er Pias Worte abschütteln wollte, dachte Leo sich. Er warf einen Blick nach unten, auf sein eigenes Outfit, da trat Adam auch schon einen Schritt nach vorne und richtete Leos Kragen selbst. Er fuhr dabei ein wenig länger mit seinem Finger nach unten als es das Glätten eines Jackenkragen eigentlich nötig hatte, ganz sanft, und Leo musste die Luft anhalten, um nicht anderweitig darauf zu reagieren.
„So, besser“, sagte Adam schließlich, als er die Finger wieder von Leos Brust genommen hatte. Erst jetzt atmete Leo wieder ein.
Leo sollte selbst zurücktreten und den Weg ins Kasino einschlagen, er leitete ja schließlich das Team, aber er fühlte sich wie am Boden festgenagelt. Er ließ seine Augen wieder nach oben wandern, bis sie auf Adams trafen, und der Bastard blickte einfach nur zurück, neutral, und machte selbst keine Anstalten zurückzutreten.
„Umso früher ihr da reingeht, umso früher können wir später auch alle schlafen gehen“, ertönte Pias Stimme in ihren Kopfhörern, und Leo stieg die Röte ins Gesicht.
Pass auf dich auf, Leo, hört er das Echo ihrer früheren Worte in seinem Kopf nachhallen, und blickte auf die Situation, in der er sich gerade befand: Aus dem Gefecht genommen bereits von so einer kleinen sanften Geste — Adam, der dabei ein bisschen zu nah vor ihm stand — schon bevor sie den Einsatz begonnen hatten, in dem sie ein Paar spielen sollten. Und Leo wurde sich resigniert klar, dass jede einzelne Entscheidung, die dazu geführt hatte, dass er sich hier befand, seine eigene war.
