Chapter Text
Episode 1: Erste Begegnung
Raina POV:
Ich fahre am späten Abend nach einem langen Tag in der Uni-Bibliothek durch die regnerischen Straßen von Bangkok um nach Hause zu gelangen. Es ist Regenzeit und es gibt nur wenige Tage, wo es keinen Wolkenbruch gibt. Mein kleiner schwarzer BMW rollt langsam auf den Straßen. Mein Bruder wollte mir schon lange ein anderes (teureres) Auto schenken, aber ich bin mit meinem Auto sehr zufrieden und möchte es behalten, weil es so unauffällig ist. Ich brauche keine so teuren Autos wie mein Bruder sie gerne fährt.
Durch die Wetterbedingungen geht es nur schleppend voran, als auf einmal ein lauter Knall ertönt und großer Ruck durch das Auto geht und es stehen bleibt.
„Aahh !!!“ Ich fange an panisch zu werden: Mein Auto ist mitten auf der Straße liegen geblieben und es regnet in Strömen.
„Was ist das? Was soll ich jetzt nur machen?“ Ich werde immer panischer, bis ich ein Klopfen am Fahrerfenster wahrnehme.
Ich sehe eine vermummte Gestalt an meinem Fenster, die mir andeutet das Fenster runterzukurbeln. „Was zur…?“ rufe ich. Meine Gedanken springen sofort zum Thema Kidnapper.
Die Gestalt versucht mir etwas mit seinen Händen zu zeigen, aber ich verstehe nicht was.
Er scheint meinen verwirrten Gesichtsausdruck zu sehen und macht erneut Gesten mit seinen Händen in Richtung des hinteren Teils meines Autos. Ich kurbele das Fenster herunter da ich nicht genau verstehe, was mir die Person mit den Gesten mitteilen will.
Die Gestalt, ein Motorradfahrer, macht das Visier seines Helms auf und sagt: „Mach das Warnblinklicht an. Ich gucke nach deinem Reifen.“
„Wirklich?“ Daraufhin nickt er nur und stellt sein Motorrad ab um abzusteigen.
Ich mache den Warnblinker an während er sich neben den Reifen hinten rechts kniet.
Ich steige mit meinem Regenschirm aus dem Auto und stelle mich hinter den hilfsbereiten Mann, nur um zu sehen, dass der Reifen platt ist und offenbar gerade geplatzt ist. Somit der Auslöser für den lauten Knall und der Grund dafür, dass ich jetzt hier festsitze.
Der Mann merkt das er von oben nicht mehr nass wird und guckt zu mir hoch: „Warte weiter im Auto, es regnet in Strömen. Ich kümmere mich hier um alles.“
Ich bleibe aber stur: „Ich kann dir nicht dabei helfen den Reifen zu wechseln, aber ich kann dafür sorgen das du nicht so nass wirst. Ich habe einen Ersatzreifen und etwas Werkzeug im Kofferraum“
Er guckt weiterhin zur mir hoch, aber jetzt hat er einen Ausdruck in seinen Augen den ich nicht deuten kann. Mehr kann ich von seinem Gesicht nicht erkennen, denn er hat zwar inzwischen den Helm abgenommen, aber noch immer eine Gesichtsmaske auf. Was ich sehen kann, ist das er schwarze lange Haare in einem Zopf zusammengebunden hat.
„Kann ich dir bei etwas anderem helfen?“, frage ich und hoffe, dass er nicht bemerkt hat wie ich ihn gemustert habe.
„Kannst du meinen Helm halten?“, fragt er während er mir mit einer Hand den Helm reicht. Ich nehme ihn mit einem Nicken und er steht auf um den Ersatzreifen und das Werkzeug aus dem Kofferraum zu holen.
Der unbekannte Mann beginnt mit der Arbeit und ich stehe weiterhin hinter ihm, um den Regen abzuhalten und ihn insgeheim zu beobachten. Dabei bemerke ich, dass der Unbekannte scheinbar öfter mit Autowerkzeug hantiert, da er genau zu wissen scheint, was er benötigt und das Wechseln des Reifens sehr professionell wirkt.
Es dauert nicht lange und der Unbekannte hat den Reifen gewechselt und wuchtet den kaputten Reifen zusammen mit dem Werkzeug in meinen Kofferraum.
„Danke. Ich wüsste nicht, was ich ohne dich gemacht hätte“
Er macht die Kofferraumklappe wieder zu: „Du solltest die Grundlagen über dein Auto lernen und es nicht nur fahren.“ Nachdem er das gesagt hat, zieht er die Gesichtsmaske herunter und ich sehe zum ersten Mal sein Gesicht. Ich erkenne sofort wer mir gerade geholfen hat und denke: ‚Kein Wunder, dass er beim Reifen wechseln so professionell aussah. Das ist P’Phayu, der Mechaniker meines Bruders!‘
Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen und sage stattdessen: „Vielen Dank für deine Hilfe. Du hast mich gerettet. Ich bin übrigens Raina.“
Ich habe ihn bisher nur auf Bildern bei meinem Bruder und in der Werkstatt gesehen, aber ihn noch nie persönlich getroffen. Mein Auto ist regelmäßig in der Werkstatt von P’Phayu und seinem Bruder P’Saifah. Bisher hat sich aber P’Saifah um mein Auto gekümmert, da P’Phayu mit den Autos und Motorrädern meines Bruders ausgelastet ist. Ich bezweifle, dass P’Phayu mich jemals gesehen hat und ich erkenne auch kein Widererkennen in seinen Augen.
Ich war einen Moment gedanklich abwesend und habe etwas verpasst, denn P’Phayu guckt bedeutsam auf den Helm in meiner Hand.
„Oh, tut mir leid. Hier ist dein Helm.“
„Kein Problem. Geh wieder ins Auto und fahr nach Hause.“ Damit setzt er seinen Helm wieder auf und ich drehe mich um und steige in mein Auto.
Im Rückspiegel sehe ich, dass P’Phayu noch nicht losgefahren ist und scheinbar in meine Richtung guckt. Nach einem kurzen Zögern starte ich mein Auto und fahre langsam los. Bei einem weiteren Blick in den Rückspiegel sehe ich, dass auch P’Phayu mit seinem Motorrad losfährt.
Einige Tage später:
P’Phayu geht mir seit unserer ersten Begegnung nicht mehr aus dem Kopf. Ich war am nächsten Tag in der Werkstatt um meinen Ersatzreifen zu wechseln und um mein Auto durchchecken zu lassen. Nicht das noch etwas anderes als der Reifen betroffen war, aber ich hatte Glück. Leider habe ich P’Phayu dort nicht getroffen. Genauso wie die anderen male, wenn ich in der Werkstatt war. So langsam habe ich den Verdacht, dass mein Bruder seine Finger da im Spiel hat, so dass ich P’Phayu nicht kennenlernen kann. Er weiß bisher immer noch nicht, dass es P’Phayu war, der mir an dem Abend geholfen hat.
Noch einige Tage später:
Seit dem Vorfall ist jetzt eine Woche vergangen und heute ist die Studentenparty von meiner Codelinie. Alle Studenten mit dem gleichen Studenten-ID-Code werden sich heute treffen. Ich bin schon gespannt, wer alles zu meiner Codelinie gehört. Meine Sitznachbarin Ple hat sich heute den ganzen Tag beschwert, dass der Senior P’Phayu nicht in ihrer Linie ist. Sie war gestern auf ihrer Studentenparty und hatte wohl die feste Hoffnung, dass er auch da sein würde. Anscheinend hat sie sich nur seinetwegen für diese Uni beworben, was ich generell für eine Schnapsidee halte: Warum bewerbe ich mich aufgrund eines Studenten bei einer Uni und nicht wegen des Lehrprogramms? Vor allem wenn der gefragte Student bereits seinen Abschluss hat, wenn ich mit meinem ersten Jahr beginne? Aber ihre Logik verstehe ich sowieso in der Regel nicht.
Meine einzige Hoffnung ist, dass ihr großer Bruder Som nicht in meiner Codelinie ist. Seit er mich das erste mal gesehen hat ist er irgendwie von mir besessen. Ich glaube der einzige Grund warum Ple neben mir sitzt ist, weil ihr Bruder sie darum gebeten hat. Er taucht mindestens einmal am Tag in den Kursraum um sie zu fragen, wie es ihr geht und ob sie mit den Kursen zurechtkommt. Wobei er mich immer so komisch mustert. Er denkt wahrscheinlich das er unauffällig ist, aber ich bin die Schwester von P’Pakin, einer der gefährlichsten Männer der Stadt, und wurde schon früh auf so etwas geschult.
Von den Erzählungen der anderen Studenten war er bis vor einem Jahr auch noch von P’Phayu besessen, aber das hat sich wohl geändert als er mich gesehen hat. Ich glückliche…!
Zum Glück ist mein anderer Sitznachbar mein bester Freund Sky. Ich habe ihn durch die Straßenrennen von meinem Bruder kennengelernt. Er war mit seinem inzwischen Ex-Freund (zum Glück) da und ich habe direkt gemerkt das er anders ist als die anderen Leute dort. Er hatte kein Interesse an Geld oder Berühmtheit, sondern war nur dort, weil er keine andere Wahl hatte. Ich konnte den leeren, emotionslosen Blick in seinen Augen sehen und wusste direkt, dass dort etwas nicht stimmt. Ich war froh als die Beziehung der beiden auseinander gegangen ist. Zu dem Zeitpunkt waren wir schon gute Freunde und er hatte mir einiges von seiner Vergangenheit anvertraut, sodass ich ihn zu dem Schritt geraten habe. Sky ist Fremden gegenüber immer noch sehr verschlossen, aber er ist einer der liebsten und vertrauenswürdigsten Menschen, wenn man ihn besser kennt und ich bin froh, dass er mein bester Freund ist. Natürlich hatte ich ihm auch die Geschichte über meinen strahlenden Retter in der dunklen Nacht erzählt. So oft, dass er mir gar nicht mehr zugehört hat.
Am selben Abend auf der Studentenparty:
Ich sitze mit drei älteren Studenten an einem Tisch in dem kleinen Saal des Restaurants in der die Studentenparty stattfindet.
„Hey, trinkst du gar nichts?“, fängt auf einmal einer der Seniors an. Wenn ich darauf nur den Kopf schüttele macht der Senior neben ihm weiter: „Aber das ist eine Studentenparty.“
„Ich bin mit dem Auto hier.“ und deute mit meiner Hand aus dem Fenster, wo seit einiger Zeit der starke Regen gegenprasselt.
„Na komm, ein kleiner Schluck. Was soll schon passieren.“, versucht er es weiter, wird aber direkt von seinem Sitznachbar gestoppt: „Ärgere sie nicht oder der Kleine wird dich verfluchen.“
„Das würde ich nie machen“, ich bin immer höflich zu älteren Personen.
„Nicht du. Ich meine den eingebildeten Kerl.“, ergänzt er dann.
Da mischt sich der Tisch hinter uns ein: „Du nennst ihn eingebildet. Aber wolltet ihr nicht alle, dass er für euch arbeitet, als er seinen Abschluss gemacht hat? Ihr habt euch doch schon um ihn gerissen.“
„Jeder weiß wie gut er ist. Aber ich habe gehört, dass er alle Angebote abgelehnt hat. Ich frage mich allerdings warum. Ihm wurden wohl auch sehr hohe Gehälter geboten. An seiner Stelle hätte ich die Chance wahrgenommen“
„Er wollte sich wohl nicht auf Verbindungen verlassen. Aber meiner Meinung nach, hat er diese rein wegen seines Talents. Er ist zwar verdammt eingebildet, aber trotzdem habt ihr ihn alle lieb.“
Während meine Seniors weiter in Lobhymnen über ihn ausbrechen, bekomme ich eine Idee wer diese Person ist: P’Phayu. Von dem was mein Bruder mir über ihn erzählt hat, hatte er eine Menge Angebote nach seinem Abschluss. Er hat aber das Angebot angenommen, welches ihm am meisten Freiheit zu seinen Arbeitszeiten gelassen hat. Denn P’Phayu arbeitet nicht nur als Architekt, sondern auch als Mechaniker in der Werkstatt, die er zusammen mit seinem Bruder führt.
Ich bin in meine Gedanken vertieft bis der Sturm draußen schlimmer wird und ein lautes Donnern zu hören ist.
„Mann, das ist ein ganz schön heftiger Sturm.“, gibt der Senior vor mir von sich.
„Der Himmel ebnet den Weg für den Zuspätkommer.“, witzelt der neben ihm.
Alle fangen an zu lachen bis auf einmal die Tür aufgeht und P’Phayu hereinkommt.
Der Senior mir gegenüber steht auf und verkündet: „Alle zusammen, ein großer Applaus für P’Phayu, der mit dem Sturm gekommen ist.“ Und alle fangen an zu klatschen.
„Weißt du wie spät es ist? Die ersten fangen schon an zu gehen.“, fängt das eine Mädchen an sich zu beklagen. Dabei ist noch niemand gegangen und keiner ist dabei aufzubrechen, da der Sturm gerade so stark geworden ist.
„Bin ich zu spät?“, grinst P’Phayu.
„Hey, du hast einen Sturm mitgebracht. Wie können wir da schon gehen.“, antwortet der Senior mir gegenüber. Als ihn die anderen Besucher der Party begrüßen fällt sein Blick auf mich und Erkennen blitzt in seinen Augen auf. Bei uns beiden bildet sich ein Lächeln im Gesicht und er begrüßt mich: „Hallo Raina, es ist schön dich wieder zu sehen.“
„Gleichfalls P’Phayu“, lächle ich ihn an.
Wir haben leider keine Gelegenheit weiter zu sprechen, da P’Phayu von den anderen Seniors in Beschlag genommen wird. Ich wende mich wieder den Seniors an meinem Tisch zu, aber mein Blick schweift während des Abends immer wieder zu P’Phayu. Ich kann nicht leugnen, dass ich ihn im Licht des Restaurants noch attraktiver finde als bei unserem ersten Treffen.
Einige Stunden später:
Ich habe mich von meinen Seniors verabschiedet und versuche so schnell es geht zu meinem Auto zu kommen. Der Sturm ist in den letzten Stunden nicht weniger geworden und ich will nur noch nach Hause.
Ich drehe meinen Schlüssel im Schloss und der Motor stottert kurz bevor nichts passiert.
„Was? Das kann nicht sein!“ Ich versuche es noch einmal, aber das Ergebnis bleibt das gleiche: Das Auto springt nicht an.
Ich überlege wen ich anrufen könnte:
-P’Pakin: er hat heute Abend ein wichtiges Meeting und ich will ihn nicht dabei stören
-meine Werkstatt: ich habe vergessen die Nummer in mein Handy einzuspeichern und kann sie nicht auswendig.
Noch während ich überlege und dabei unruhig werde, da ich nicht weiß, wen ich anrufen soll, höre ich ein Klopfen an meinem Fenster. Am Fahrerfenster steht P’Phayu und ich habe ein Deja-Vu-Erlebnis. Es ist wie in der Nacht als wir uns kennengelernt haben: Es herrscht ein Unwetter und mein Auto ist kaputt. Ich rolle mein Autofenster herunter: „P’Phayu ich dachte du bist schon gefahren.“
„Ich wollte gerade fahren, da habe ich dein Auto gesehen und das du nicht losfährst. Was ist passiert?“ Er beugt sich beim Sprechen ein wenig vor und sieht besorgt aus.
„Mein Auto springt nicht an. Ich weiß nicht was los ist, vorhin war noch alles in Ordnung.“, schildere ich ihm mein Problem.
„Mach die Motorhaube auf. Vielleicht kann ich sehen warum es nicht anspringt.“ Ich ziehe am Hebel für die Motorhaube und P’Phayu geht vorne zu meinem Auto. Während er die Motorhaube aufmacht, nehme ich meinen Regenschirm aus dem Auto und folge ihm zur Frontseite. Er guckt konzentriert auf das, was vor ihm liegt, was für mich nur wie ein Gewirr aus Kabeln und irgendwelchen Apparaturen aussieht. Ich habe nie viel von Autos verstanden.
„Der Kühler leckt und das Geräusch des Anlassers ist auch problematisch. Du wirst dein Auto heute hier lassen müssen. Keine Werkstatt wird bei diesem Regen kommen um ein Auto abzuschleppen. Das wird wahrscheinlich erst morgen wieder gehen. Außer Bangkok wird durch den Regen überflutet.“, er macht die Motorhaube wieder zu. „Ich muss dann auch los.“
Bevor er gehen kann, halte ich ihn am Ärmel zurück: „Bitte lass mich hier nicht stehen. Kannst du mir vielleicht jemanden empfehlen der mein Auto trotzdem abschleppt?“ Ich weiß natürlich, dass er bei sich in der Werkstatt anrufen kann und die sofort losfahren, egal welches Wetter gerade ist.
„Ich kenne eine. Aber kannst du auch den Preis bezahlen?“ ich antworte mit einem Nicken auf seine Frage, wobei mir der anzügliche Unterton in der Stimme entgeht. Ich denke mir nichts bei seiner Frage, da sich bisher immer P’Pakin um die Werkstattkosten gekümmert hat.
Er nimmt mein Nicken zur Kenntnis und holt sein Handy aus der Jackentasche. Er ruft in der Werkstatt an und ich kann hören das P’Aon ans Telefon geht. Ich höre nicht genau, was die beiden besprechen, aber ich weiß das ich nicht mehr hier gestrandet bin. Ich warte in meinem Auto darauf das P’Aon uns abholt und P’Phayu holt in der Zeit sein Motorrad.
An der Werkstatt angekommen lädt P’Aon mein Auto vom Abschlepper und ist auch schnell wieder verschwunden, so dass P’Phayu und ich wieder alleine sind.
Ich folge P’Phayu während er um das Bürogebäude herum geht und auf der Rückseite eine Treppe hochgeht. Die Treppe führt zu einem Schlafzimmer. Bevor ich groß Zeit habe mich umzusehen, drückt mir P’Phayu ein Handtuch und Wechselkleidung in die Hand: „Nimm dir ruhig Zeit im Bad. Wir sprechen über die Reparaturkosten wenn du wieder da bist.“
Er zeigt mit einem Finger zu einer Tür auf der anderen Seite des Raumes und ich folge seiner Anweisung. Im Bad gucke ich erstmal in den Spiegel und ich muss ehrlich sein, dass ich ganz schön mitgenommen aussehe. Kein Wunder, dass P’Phayu gesagt hat ich soll mir Zeit lassen.
Ich Dusche schnell um mich wieder frisch zu machen und ziehe mir die Kleidung an, die er mir gegeben hat. Es ist eine Jogginghose, die ich am Bund zweimal umschlage, da sie sonst rutscht und ein T-Shirt, das mir bis zur Hälfte der Oberschenkel geht. Ich gucke noch einmal in den Spiegel und finde, dass ich zumindest besser aussehe als noch eben gerade.
Ich gehe etwas unsicher wieder in das Schlafzimmer und sehe P’Phayu auf der Bettkante sitzen. Er hat sich in der Zwischenzeit auch Jogginghose und T-Shirt angezogen und klopft mit einer Hand neben sich. Noch mit dem Handtuch meine Haare trocknend, setze ich mich neben P’Phayu auf die Bettkante.
P’Phayu nimmt mir das Handtuch aus der Hand: „Komm, lass mich dir dabei helfen.“ Er beugt sich näher zu mir und fängt an mir sanft die Haare zu reiben. Es ist ein schönes Gefühl, dass er sich so um mich kümmert. Ich schließe meine Augen und genieße einfach seine Nähe. Ich bemerke nicht, dass er mir weiter näherkommt, bis ich seine Lippen an meinem Hals spüre. Ich reiße überrascht die Augen auf und gucke ihn geschockt an. Den Blick in seinen Augen kann ich nicht deuten.
Bevor ich groß darüber nachdenken kann, werde ich rücklings auf das Bett bugsiert und P’Phayu kniet über mir. Er küsst mich auf der Stirn setzt seine Küsse an meinem Hals fort.
„Was hast du vor?“, frage ich ihn etwas unsicher.
Er hat ein kleines Grinsen im Gesicht als er mir antwortet: „Ich treibe die Schulden ein. Ich habe dir gesagt, dass die Reparatur teuer sein wird.“ Kaum hat er zu Ende gesprochen, fängt er wieder an Küsse auf meinem Hals und meiner Wange zu verteilen.
Ich wehre mich ein wenig, denn ich habe zwar nichts gegen was er tut, aber gegen die Motivation dahinter. Ich wünschte mir, dass er das nicht wegen der Reparaturkosten machen würde.
Bevor jedoch mehr passieren kann, klingelt plötzlich ein Handy. Mein Handy ist in der Regel lautlos, also muss es das Handy von P’Phayu sein. Er geht langsam und gefühlt widerwillig von mir runter und nimmt das Handy vom Nachttisch. Als er den Namen auf dem Display sieht wird er kaum merklich etwas blasser und ernst im Gesicht.
Nachdem er den Anruf entgegengenommen hat, weiß ich auch warum: „P’Pakin, was kann ich für dich tun?“ Ich kann nicht genau verstehen, worum es geht, aber ich glaube meinen Namen zu hören. Dem Blick von P’Phayu in meine Richtung nach zu urteilen, scheine ich damit richtig zu liegen. Er sieht meinen kuriosen Blick und stellt das Gespräch auf laut.
„Phayu, was ist nach der Studentenfeier passiert? Raina hätte schon längst zuhause sein müssen. Es regnet in Strömen und ist nicht sicher auf den Straßen. Wenn meiner kleinen Schwester was passiert…“, mein überfürsorglicher Bruder vollendet den Satz nicht, aber wir beide wissen ganz genau, was er sagen will. Inzwischen ist P’Phayu merklich blasser geworden. Er realisiert wohl gerade, was passieren sollte, wenn mein Bruder etwas über die Situation von vor wenigen Augenblicken erfährt. Es ist aber nicht so, als ob ich auch nur ein Wort darüber verlieren würde.
Ich gebe P’Phayu ein kleines Lächeln und nehme ihm das Handy aus der Hand.
„P’Pakin es ist alles gut.“, fange ich an zu sprechen, werde aber gleich von meinem Bruder unterbrochen. „Raina, was ist passiert. Warum bist du bei Phayu?“
„Es ist nichts passiert. Nach der Studentenfeier ist mein Auto nicht angesprungen und P’Phayu hat mir geholfen. Wir haben mein Auto in die Werkstatt gebracht und sind noch hier.“, versuche ich ihm mit ruhiger Stimme mitzuteilen. Ob meine Stimme wirklich ruhig ist, kann ich nicht sagen.
Mein Bruder scheint zumindest weniger aufgebracht zu sein als er wieder anfängt zu sprechen: „Hm, gib Phayu wieder das Telefon. Ich möchte etwas mit ihm besprechen.“
Mit einem unsicheren Blick reiche ich P’Phayu sein Handy zurück, der alles andere als glücklich aussieht: „P’Pakin..“
Weiter kommt er allerdings nicht, da ihn mein Bruder direkt unterbrochen hat: „Was ist mit Rainas Auto? Warum springt es nicht an. Muss ich deinem Bruder erklären was passiert, wenn er seinen Job nicht ordentlich macht? Wie konnte das passieren?“. Okay, vielleicht ist er doch aufgebrachter als ich dachte.
Inzwischen noch blasser im Gesicht als zuvor, beginnt P’Phayu die Situation zu erklären: „Der Kühler hat geleckt. Die Ursache und ob sonst noch was defekt ist, weiß ich erst wenn ich mir das Auto genauer angucke. Ich denke nicht, dass Saifah ungenau gearbeitet hat. So ist er nicht. Es muss ein spontaner Defekt gewesen sein.“
„Alles klar, check das Auto morgen durch. Bleibt die Nacht dort und bring Raina morgen früh zurück. Ich schicke dir dann die Adresse. Und Phayu … wehe du versuchst irgendwas.“
„Das würde mir nie einfallen.“ Und damit ist das Gespräch beendet.
P’Phayu legt das Handy zurück auf den Nachttisch und wendet sich wieder in meine Richtung: „Du bist also P’Pakins kleine Schwester?“ Kommt mir das nur so vor, oder klingt seine Stimme vorwurfsvoll?
Ich ignoriere die Tonlage und zucke mit den Schultern: „Du hast nicht gefragt? Und das ist keine Tatsache, die ich in der Regel beim ersten Treffen preisgebe. Hätte das etwas geändert?“ Mit diesen Worten setze ich mich wieder aufs Bett und sehe ihn erwartungsvoll an, während ich, wie er es vorhin getan hat, mit der flachen Hand neben mir auf das Bett klopfe.
Er guckt mir kurz in die Augen, bevor er sich mit einem geschlagenen Blick neben mir auf das Bett fallen lässt.
Nach einem tiefen Seufzer guckt er zu mir rüber: „Also P’Pakins kleine Schwester.“ Nach einem kurzen Nicken von mir fährt er fort: „Warum hast du ihm nichts gesagt? Versteh das nicht falsch, ich bin froh, dass du es nicht gemacht hast. Ich wäre in großen Schwierigkeiten gewesen, hättest du etwas gesagt.“
Ich gebe ihm ein kleines Lächeln: „ich habe nicht vor, dich in Schwierigkeiten zu bringen. Um ehrlich zu sein, hatte ich gehofft dich nach unserem ersten Treffen wiederzusehen. Aber du hast meine Frage nicht beantwortet: Hättest du dich anders verhalten, wenn du gewusst hättest, dass ich P’Pakins Schwester bin?“ ich senke meinen Blick und spiele etwas mit der Bettdecke. Ich bin etwas unsicher, da ich so viel von meinen Emotionen preisgebe und heute erst unser zweites Treffen ist.
Ich warte auf seine Antwort, doch wenn nichts von ihm kommt, entschließe ich mich zögernd aufzusehen. Er sucht den Augenkontakt zu mir und es scheint als hätte er darauf gewartet, dass ich aufblicke. Er guckt mich mit einem schelmischen Blick an: „Wenn ich gewusst hätte, wer du bist, wäre ich dir nicht so nahe gekommen. P’Pakin wird mich umbringen wenn er je erfährt, was heute passiert ist.“ Bei den letzten Worten fährt sich P’Phayu durch seine langen Haare, die er in einem kleinen Zopf zusammengebunden hat.
„Dann bin ich froh, dass du es nicht gewusst hast. Und keine Sorge: Ich werde meinem Bruder nichts erzählen. Denn er wird bestimmt dafür sorgen, dass ich bis zu meinem Lebensende Hausarrest habe.“ Mit den letzten Worten entlocke ich ihm ein kurzes Lachen, was auch mich lächeln lässt.
„Lass uns schlafen gehen. Ich bring dich morgen früh nach Hause.“ Mit diesen Worten von P’Phayu machen wir das Licht aus und gehen schlafen. Mir macht es nichts aus, dass es nur ein Bett gibt. Es ist nicht so als ob heute noch irgendwas passieren würde.
Phayu POV:
Einige Stunden später wache ich nochmal aus und sehe die friedliche Gestalt von Raina neben mir liegen. Ich stütze mich auf einen Ellenbogen und beuge mich leicht über Raina. Ich streiche ihr eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht und decke sie erneut mit der Bettdecke zu. Sie scheint zu merken, dass etwas anders ist, denn sie wird kurz unruhig im Schlaf, bevor sie sich wieder in das Kissen kuschelt. Sie sieht dabei einfach zu niedlich aus. Ich kann es nicht lassen und murmle: „Ich fange an dich zu mögen.“ Ich lache leise auf: „Wenn Saifah das hört, tust du ihm wahrscheinlich leid.“ Mit diesen Worten lege ich mich zurück auf meine Seite des Bettes und atme tief durch, während ich meine Augen schließe. Ich versuche erneut einzuschlafen, bis ich auf einmal ein Gewicht auf meinem Oberkörper spüre. Ich öffne die Augen und merke überrascht, dass Raina sich im Schlaf gedreht hat und nun halb auf mir liegt. Sie kuschelt sich weiter an mich, wahrscheinlich um eine bequemere Position zu finden. Ein weiteres Lächeln schleicht sich auf meine Lippen: „Ich fange wirklich an dich zu mögen, Raina.“ Ich schließe meine Arme um sie und gleite in einen erholsamen Schlaf.
Bonusszene:
Phayu POV:
Es ist inzwischen schon fast eine Woche vergangen, aber mir geht dieses Mädchen immer noch nicht aus dem Kopf. Ihr besorgter Blick, als sie den Regenschirm für mich gehalten hat, während ich ihren Reifen gewechselt habe. Ich hatte das nicht erwartet, als ich angehalten habe, um dem Autofahrer zu helfen, der offensichtlich mit einer Panne liegen geblieben ist. Ich habe an das Fahrerfenster geklopft und der panische Gesichtsausdruck eines süßen Mädchens guckt mir entgegen. Ich deute ihr an, dass ihr Hinterreifen kaputt ist. Sie scheint mich nicht zu verstehen und kurbelt zögerlich das Fenster herunter. Sie sieht aus wie ein verschrecktes Kaninchen. Ich klappe das Visier meines Helmes hoch und sage ihr, dass sie das Warnblinklicht anmachen soll und ich mir den Reifen angucken werde.
Soweit so gut, unerwartet war jedoch, dass sie das Auto verlässt um mich während der Arbeit vor dem Regen zu schützen. Als sie dann noch fragt, ob sie mir anders helfen kann, kann ich nicht anders, als ihre meinen Helm in die Hände zu drücken. Sie sieht noch niedlicher aus, wie sie den Helm umklammert.
Ich schüttele meinen Kopf, um ihn wieder freizubekommen. Ich bin auf der Arbeit und kann mich nicht ablenken lassen. Doch es dauert nicht lange, bis meine Konzentration erneut gestört wird, durch eine Benachrichtigung auf meinem Handy. Es ist ein Foto im Gruppenchat der Codelinie von unserem neuen Erstsemestler. Ich bin überrascht, dass es sich um das Mädchen von letzter Wochen handelt und endlich habe ich auch einen Namen zu dem Gesicht: Raina.
Ich kann nichts dagegen tun, dass sich ein Lächeln auf meinem Gesicht ausbreitet und bin froh, dass ich im Moment allein im Büro bin. Ich weiß nicht, was meine Kollegen sich sonst wieder für Geschichten zusammen spinnen würden. Ich mag meine Kollegen, aber sie sind sehr neugierig.
Ich hatte gehofft, dass ich sie nochmal wieder sehen würde und jetzt weiß ich, dass das passieren wird. Und ich weiß, wo und wie ich sie finden kann.
