Chapter Text
„Mach nicht so ein langes Gesicht, Friedrich“, meinte Lotte aufmunternd, „ich weiß, du könntest dir bessere Arten vorstellen, deinen Samstagnachmittag zu verbringen als mit der Geburtstagsfeier meiner Mutter, aber so schlimm ist es auch nicht.“
„Ja, tut mir leid“, murmelte Friedrich und lächelte seine beste Freundin entschuldigend an. „Ich wollte mir bloß heute eigentlich nicht den ganzen Tag anhören, was alles mit den jungen Leuten heutzutage nicht stimmt.“
Sie grinste, pustete sich eine braune Haarsträhne, die sich aus ihrer Hochsteckfrisur gelöst hatte, aus dem Gesicht und stellte fest: „Okay, zugegeben, es ist furchtbar, aber das Essen ist gut, es gibt Alkohol – zwar keinen harten, aber immerhin etwas – und ich hab noch eine Überraschung für dich.“
Friedrich sah seine beste Freundin verwundert an. Wenn Lotte eine Überraschung für ihn hatte, konnte das sehr gut enden, aber manchmal auch sehr schlecht, wenn sie übers Ziel hinausschoss. Deswegen wusste er, dass er sich noch nicht zu früh freuen sollte. „Eine Überraschung? Für mich? Was denn?“
Lotte grinste bloß und erklärte: „Wenn ich es dir sage, dann wäre es keine Überraschung mehr! Keine Sorge, du wirst dich freuen.“
„Wenn du meinst…“
Zehn Minuten später sollte er auch herausfinden, was sie für ihn vorbereitet hatte, als sich ein Mann Mitte dreißig zu ihnen gesellte. Er kam Friedrich gleich bekannt vor, aber er konnte ihn nicht sofort zuordnen. Der Unbekannte war ein gutes Stück kleiner als Friedrich, hatte kurze dunkle Locken und wirkte ziemlich selbstbewusst. Er war nicht unattraktiv, aber durch das gekünstelte Lächeln, die beinahe steife Körperhaltung und den hochnäsigen Blick machte er auf Friedrich einen eher unsympathischen Eindruck.
Und plötzlich wusste er, wer da vor ihm stand. In seinen Lieblingsbüchern, die er schon viel zu oft durchgelesen hatte, in denen er sich seine Lieblingspassagen angestrichen hatte, die er stellenweise fehlerfrei zitieren konnte, prangte das Foto des Mannes, er hatte sich sein Auftreten bloß anders vorgestellt. Das war Johann Wolfgang von Goethe, sein großes Vorbild und seiner Meinung auch ein absolutes literarisches Genie. Lotte wusste ganz genau, wie gern Friedrich Goethe kennenlernen wollte. Und jetzt hatte sie tatsächlich dafür gesorgt, dass es dazu kam. Friedrich musste sich zusammenreißen, nicht mit offenem Mund Lotte und Goethe anzustarren, als sie sich sehr vertraut umarmten. Er hatte gewusst, dass seine beste Freundin sein Idol kannte, aber nicht, dass sie so eng miteinander waren. „Lolo, wie schön, dich mal wieder zu sehen. Du bist richtig erwachsen geworden, seit wir uns zum letzten Mal getroffen haben!“, begrüßte Goethe sie.
Lotte lächelte und sagte: „Ach was, so lange ist das doch noch nicht her! Aber es ist wirklich schön, dass du dir freinehmen und kommen konntest, Wolfi!“
Wolfi ? Bitte was? Jetzt klappte Friedrich doch die Kinnlade herunter. Er hätte nicht gedacht, dass jemand wie Goethe sich so nennen lassen würde. Aber auch der sah bei diesem Spitznamen ziemlich gequält drein. Dahinter musste ja eine interessante Geschichte stecken, denn Wolfi – pardon, Doktor Johann Wolfgang von Goethe – beschwerte sich nicht. „Du hast gesagt, es wäre dir sehr wichtig, dass ich komme, weil du mich jemandem vorstellen willst?“, erkundigte sich Goethe.
Lotte zog Friedrich, der jetzt nervös grinste, an ihre Seite und antwortete: „Ja, richtig. Wolfi, das ist Friedrich Schiller. Friedrich – Johann Wolfgang von Goethe.“
Die Überraschung war seiner besten Freundin gelungen. Goethe hatte er wirklich nicht erwartet, und unwillkürlich fragte er sich, welchen Eindruck er grade machte, in seinem ungebügelten weißen Hemd, das für seine Verhältnisse sowieso sehr schick war, der einfachen Jeans, und seinen schulterlangen, rotblonden Haaren, die er unordentlich im Nacken zusammengebunden hatte, während Goethe ihm im Maßanzug gegenüberstand. Inklusive Weste. Um nicht nichts zu machen, streckte er ihm die rechte Hand entgegen und stammelte: „Äh, freut mich wirklich sehr!“ Sehr eloquent war das nicht, aber es war zumindest nicht unhöflich.
Goethe schüttelte ihm die Rechte mit einem festen Händedruck und warf einen kurzen missbilligenden Blick auf die vielen silbernen Ringe, die Friedrich trug. Er erwiderte: „Gleichfalls.“ Schiller dachte sich unwillkürlich, dass er ihn nicht schlecht gelaunt erleben wollte, falls das sein Gesicht war, wenn er sich wirklich sehr freute .
„Ich lass euch dann mal alleine“, unterbrach Lotte mit einem verschwörerischen Grinsen und zwinkerte Friedrich ermutigend zu, dann verschwand sie, um sich mit jemand anderem zu unterhalten. Dieser warf ihr einen verzweifelten Blick zu: Wie kannst du mich hier einfach alleinlassen? Was soll ich ihm denn sagen? Gerade sie sollte eigentlich wissen, wie schüchtern Friedrich sein konnte, wenn er auf neue Leute traf, schließlich ging es ihr genauso.
Goethe fuhr fort: „Sie sind also derjenige, den die Zeitungen schon als deutschen Shakespeare angepriesen haben… Lotte hat mir bereits erzählt, dass Sie mich gerne kennenlernen würden, also… wieso?“
Auch wenn die Worte freundlich schienen, Goethes Körpersprache machte diese Wirkung wieder vollkommen zunichte. Auch wenn Schiller um einen halben Kopf größer war, hatte er das Gefühl, Goethe würde auf ihn herabschauen. Ein sehr unangenehmes Gefühl. Der ältere Autor hielt sich eindeutig für etwas Besseres, aber Friedrich bewunderte ihn zu sehr, um sich wirklich darüber zu ärgern. „Ich… ich“, fing er stotternd an. Ganz ruhig, Friedrich. Er atmete tief durch, dann lächelte er und setzte erneut an: „Ich bin wirklich ein großer Bewunderer Ihrer Arbeit, alles, was Sie veröffentlicht haben, habe ich mehrfach gelesen und Sie sind ein Vorbild für mich, deswegen… wollte ich Sie unbedingt kennenlernen.“
„Das freut mich zu hören. Verstehen Sie mich nicht falsch, das ist sehr freundlich von Ihnen, aber… so etwas höre ich täglich, also wollen Sie mir noch etwas Bestimmtes mitteilen oder… war es das schon?“
Friedrich war ziemlich baff von dieser Aussage. Das war schlichtweg der Gipfel der Arroganz. Er hatte gedacht, er könnte sich zumindest annähernd auf Augenhöhe mit seinem Vorbild unterhalten, schließlich war er auch ein Autor, der einen großen Erfolg zu verzeichnen hatte, aber Goethe schien das anders zu sehen. „Nun… also… ich… äh… Ich habe nur wegen der Inspiration, die Ihre Werke mir gebracht haben… äh… selber etwas veröffentlicht, also wollte ich mich dafür bei Ihnen bedanken.“
„Ja, ich habe davon gehört… ‚Die Diebe‘? Wie war der Titel des Stückes noch gleich?“
Wusste Goethe das tatsächlich nicht oder wollte er Friedrich bloß signalisieren, dass ihn Friedrichs Theaterstück nicht interessierte? Friedrich würde es wohl nie erfahren. „Die Räuber “, korrigierte er indigniert.
„Wie auch immer. Die Alliteration im Titel hätte es sicher noch eingänglicher gemacht.“
Jetzt reichte es Friedrich doch mit Goethes Arroganz. Ja, dessen Werke waren genial, aber der Mensch dahinter war leider ziemlich unausstehlich. Aber auf die Räuber konnte er stolz sein, übertriebene Arroganz konnte er also auch. Er riss sich zusammen und unterdrückte seine Nervosität. Seine Stimme triefte vor Sarkasmus, als er entgegnete: „Ach, danke für diese hilfreiche Kritik, Jahre nachdem mich das Stück im Prinzip über Nacht berühmt gemacht hat. Wie haben Sie es vorher gesagt? Die Zeitungen nannten mich deutschen Shakespeare? Ja, also… vielen Dank für diesen Tipp, aber ich komme auch ohne ganz gut klar.“
Goethe hob die Augenbrauen: „Ach wirklich? Man erzählt sich ja, dass Sie seit der Veröffentlichung ziemliche Schulden haben. Sie bräuchten wohl auch so einen Möchtegern Robin Hood wie in Ihrem Stück.“
„Das geht Sie wirklich überhaupt nichts an, Herr von Goethe.“
„Für Sie immer noch Doktor von Goethe!“
„Das wäre ein Zeichen dafür, dass ich Sie respektiere, aber Respekt funktioniert nur beidseitig, finden Sie nicht auch? Und bei Ihrer Arroganz wird es schwierig, auch noch anderen Erfolge einzugestehen, vermute ich. Sie machen Ihre mangelnde Körpergröße wirklich dadurch wett, dass Ihr Ego den ganzen Raum füllt.“
Goethes Blick nach zu urteilen, saß diese Beleidigung, aber er fing sich sehr schnell wieder und konterte: „Immerhin ist bei meiner Größe das Arschkriechen nicht so schwer wie für Sie!“
„Sie sind es vielleicht gewohnt, dass alle vor Ihnen kuschen, aber wissen Sie was? Ich werde nicht vor Ihnen auf die Knie fallen und Ihnen die Füße küssen. Ich hatte auf ein Gespräch auf Augenhöhe gehofft, aber jetzt bin ich ganz froh, festzustellen, noch nicht so abgehoben zu sein wie Sie. Schön, dass Sie mich desillusioniert haben, was Sie angeht. Auf Wiedersehen.“
„Aber hoffentlich kein baldiges! Guten Tag!“
Frustriert rauschte Friedrich ab, erst ein paar Momente später wurde ihm klar, was gerade passiert war. Er hatte sein Idol, das nebenbei bemerkt auch ein wirklich einflussreicher Mann war, beleidigt und respektlos behandelt. Und er hatte zuvor noch befürchtet, dass er keinen Ton herausbekommen würde, sollte er Goethe je treffen… Eigentlich hatte er sich eine Art Freundschaft gewünscht, jetzt konnte er froh sein, wenn der diese Begegnung einfach wieder vergaß. Aber es hatte gutgetan, dieses eingebildete Arschloch mal auf den Boden der Tatsachen zu bringen und ihm die Meinung zu sagen. Schließlich war Goethe noch unhöflicher gewesen und hatte Friedrich provoziert.
Er suchte unter allen Gästen auf der Feier der Lengefelds nach Lotte. Als er in der Menge endlich ihr dunkelblaues Kleid entdeckt hatte, gesellte er sich zu ihr und sie merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. „Hey, warum strahlst du nicht wie ein Honigkuchenpferd, ich dachte, es wäre dein größter Wunsch, Goethe mal kennenzulernen?“, erkundigte sie sich besorgt.
„Ja, das war es, bevor ich rausgefunden habe, was er für ein Arsch ist“, grummelte Friedrich.
„Was ist denn zwischen euch beiden passiert?“
„Ich will darüber echt nicht reden. Hör zu, ich bin dir sehr dankbar, dass du das Treffen arrangiert hast, aber dein Wolfi ist ganz anders, als ich ihn mir vorgestellt habe.“
„Sag mir bitte, dass du ihn nicht so genannt hast!“
„Hältst du mich für dämlich? Natürlich nicht! Trotzdem ist er ein arroganter Kotzbrocken!“
„So schlimm ist er eigentlich gar nicht. Bloß ein bisschen eigen… Kann ich das irgendwie wieder geradebiegen? Vielleicht hattet ihr einfach nur einen schlechten Start?“
„Lotte, das ist echt nett von dir, aber mach dir nicht die Mühe. Sag’s ihm, er kann mich im Arsche lecken !“
„Ist das nicht ein Zitat von ihm?“, fragte sie grinsend.
„Kannst du ihm trotzdem gerne ausrichten“, murmelte Friedrich halb ironisch, aber jetzt grinste auch er wieder.
Zwei Tage später saß Friedrich an seinem Schreibtisch vor seinem Laptop und checkte seine Emails. Tatsächlich, eine neue, und der Absender war… Johann Wolfgang von Goethe. Friedrich stockte der Atem und sein Puls schoss in die Höhe. Warum hatte Goethe ihm eine Mail geschrieben? Und woher hatte er seine Emailadresse? Es war seine geschäftliche Adresse, also hatte er sie nicht von Lotte. Der Betreff lautete: „Louise Lengefelds Geburtstagsfeier“ Das war nicht wirklich aussagekräftig, also was wollte Goethe? Um das herauszufinden, würde Friedrich die Mail wohl lesen müssen, aber er hatte Angst vor ihrem Inhalt. Sein Herz klopfte viel zu schnell und er zwang sich dazu, ruhig zu atmen. Goethe würde ihm ja wohl kaum schreiben, um ihm noch mehr Beleidigungen an den Kopf zu werfen, oder? Das wäre die Suche nach der Emailadresse nicht wert. Also klickte er die Nachricht an.
„Sehr geehrter Herr Schiller,
ich befürchte, unser erstes Treffen ist eher suboptimal verlaufen. Das kann ich auch daran erkennen, dass die reizende Charlotte Lengefeld mir Ihre Beleidigung ausgerichtet hat. Ich muss Ihnen aber mitteilen, dass mich das mehr getroffen hätte, wenn sie ihre eigene Kreativität verwendet hätten, um mich anzugreifen oder zumindest die Beleidigung, die aus meinem Theaterstück stammt, korrekt zitiert hätten.
Mit den besten Grüßen
J. W. von Goethe“
Friedrich schnaubte. Der Typ hatte ihm tatsächlich nur geschrieben, um ihm mitzuteilen, dass er sich nicht von ihm durch Zitate beleidigen lassen wollte. Und was sollte der erste Satz? War das eine Einladung zu einem weiteren Treffen oder Smalltalk? Er hätte wirklich gedacht, dass ihm Goethe nicht noch unsympathischer werden könnte, aber da hatte er sich getäuscht. Die Mail war absolut unnötig gewesen und diese höflichen Grußformeln wirkten absolut fehl am Platz, wenn man den Inhalt der Mail besah… „Mit den besten Grüßen“… Goethe konnte von sich wohl nur im Superlativ denken.
Aber das Schlimmste an dieser Mail war, dass sie bedeutete, dass Lotte ihn ernstgenommen hatte und sein Zitat weitergegeben hatte, und das auch noch falsch... Es war eigentlich nur ein Witz gewesen… Spätestens jetzt hielt Goethe ihn wahrscheinlich für vollkommen unhöflich. Seufzend griff er nach seinem Handy und rief seine beste Freundin an. „Hey, hast du dich inzwischen davon erholt, dass dein Idol ein… wie hast du es formuliert? Arroganter Kotzbrocken ist?“, begrüßte sie ihn fröhlich.
„Hi Lotte… Ja, ich glaube bloß, es würde mir leichter fallen, mit diesem Schock umzugehen, wenn ebendieser arrogante Kotzbrocken mir keine Mails schicken würde, in denen er mich beleidigt. Sag mal, hast du ihm wirklich ausgerichtet, dass er mich am Arsch lecken kann?“
„Ähh, möglich? Warte, er hat dir deswegen eine Mail geschrieben?“
„Ja, hat er.“ Friedrich las ihr die E-Mail vor und fügte dann hinzu: „Das ist meine geschäftliche Emailadresse! Hat der Typ mich gegoogelt, um mir das mitzuteilen?“
„Also, von mir hat er sie nicht! Und was willst du jetzt machen?“
Er lachte: „Ihn höflich darauf hinweisen, dass ich ein Theaterstück geschrieben habe, aus dem er sich eine Beleidigung aussuchen kann, was sonst?“
„Na dann viel Erfolg. Willst du es nicht doch vielleicht ein bisschen höflicher versuchen?“
„Du hast doch gehört, was er mir schreibt! Ich lass das nicht auf mir sitzen!“
„Okay. Halt mich auf dem Laufenden, Friedrich.“
„Werd ich. Mach’s gut, Lotte!“
„Tschüss, viel Glück!“
Friedrich legte auf und setzte sich daran, Goethe eine Antwort zu schreiben:
„Sehr geehrter Dr. von Goethe,
zunächst möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich Sie durchaus korrekt zitiert habe und Lotte scheinbar meinen Humor nicht versteht, eigentlich hatte ich nicht damit gerechnet, dass sie Ihnen das tatsächlich ausrichtet. Außerdem möchte ich Ihnen wärmstens ans Herz legen, sich mit meinem Theaterstück „Die Räuber“ zu befassen, wenn Sie aus meiner Feder stammende Beleidigungen lesen wollen. Ich kann Ihnen nur zustimmen, dass unser Gespräch recht ungünstig verlaufen ist, aber ich kann nicht behaupten, dass das an mir lag, zumindest nicht ausschließlich.
Herzliche Grüße
Dr. F. Schiller“
Er überlegte, ob er den letzten Satz rauslöschen sollte, weil der wieder Streit provozieren würde, aber andererseits war das wirklich keine Lüge. Kurz dachte er auch darüber nach, ob er etwas anderes als „Sehr geehrter Dr. von Goethe“ schreiben sollte, aber vielleicht würde dieser ja die Ironie erkennen. Also sendete er die Mail ab.
Es dauerte nur ein paar Minuten, bis Friedrich eine Antwort erhielt. Hatte Goethe wirklich nichts Besseres zu tun, als seine Emailadresse zu recherchieren und dann auf seine Antwort zu warten?
„Guten Tag Dr. Schiller,
zu Ihren „Räubern“, kann ich nur sagen: Sie sind ein großer Mann! – oder es hat ein blindes Schwein eine Eichel gefunden. Ansonsten muss ich Ihnen zustimmen, Sie verwenden sehr viele Beleidigungen darin. Bloß, ob das etwas Positives ist, darüber lässt sich streiten. Auf Ihre letzte Bemerkung werde ich nicht weiter eingehen.
Viele Grüße
Dr. jur. Johann Wolfgang von Goethe
P.S.: Wann und in welchem Fach haben Sie promoviert? Mir war gar nicht bewusst, dass Sie einen Doktortitel haben!“
Wow, Goethe hatte gerade tatsächlich Schiller zitiert. Und ihm ein Kompliment gemacht, zumindest halbwegs. Ob es wohl Absicht war, dass die Grußformeln immer unhöflicher, während die Informationen zur eigenen Person immer länger wurden? Er antwortete:
„Hallo Dr. von Goethe,
aus Ihrer Mail schließe ich, dass Sie „Die Räuber“ tatsächlich gelesen und Ihnen zumindest Teile daraus gefallen haben. Möchten Sie genauer ausführen, welche Aspekte Sie zu dem Schluss kommen lassen, dass ich nur „ein blindes Schwein“ sei? Es würde mich sehr interessieren, ob Sie die Punkte kritisieren, die ich inzwischen selbst abändern würde.
Zu Ihrer zweiten Frage: Ich habe meine Dissertation vor zwei Monaten abgeschlossen und bin seitdem Doktor der Medizin.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. med. Friedrich Schiller“
Wieder dauerte es nicht lange, bis eine Antwort zurückkam:
„Dr. Schiller,
ja, ich habe ihr Theaterstück mit großem Interesse gelesen und einige Punkte gefunden, die mich sehr beeindruckt haben. Aber die Liste an zu kritisierenden Merkmalen würde den Rahmen dieser E-Mail wahrscheinlich sprengen. Ich denke einfach, Ihr Verständnis der Wirkung, die Literatur erzielen sollte und mein Verständnis derselben Sache unterscheiden sich inzwischen zu sehr, als dass ich „Die Räuber“ wirklich für ein gelungenes Werk halten könnte. Lassen Sie sich dadurch nicht entmutigen, Sie haben Talent. Sie treffen bloß meinen Geschmack nicht.
Gruß
Dr. jur. Johann Wolfgang von Goethe, Bürgermeister der Stadt Weimar“
Friedrich grinste, als er das Ende der Mail las. Die unhöflicheren Grußformeln machte Goethe doch mit Sicherheit absichtlich, um ihn aufzuregen… Und der eigentliche Inhalt… Das war bisher wohl das Freundlichste, was er von ihm gehört hatte. Er hatte ihm tatsächlich geschrieben, dass er talentiert war. Dass die Räuber seinen Geschmack nicht trafen, konnte Friedrich auch irgendwie verstehen. In den vergangenen Jahren hatte er das Stück immer wieder gelesen und inzwischen konnte er selbst manchmal kaum verstehen, warum es manche Leute begeisterte. Die Charaktere waren zu extrem und zu realitätsfern und damit wurde die gesamte Handlung unrealistisch.
