Work Text:
Mit 3 Jahren möchte Peter mit dem Ballett tanzen anfangen.
Sie hatten sich die Schwanensee Aufführung des California Ballet, angesehen und Peter hatte entschieden, dass er gerne auch so wie diese Ballerina‘s tanzen wollte. In seinem Kindlichen Selbstvertrauen und seiner Bestimmtheit, hatte er es sofort seinen Eltern erzählt.
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Mit 4 Jahren fängt er an zu tanzen.
Seine Eltern melden ihn bei der kleinen Ballettschule in Rocky Beach an und Peter ist hin und weg von der Tatsache das er jetzt einmal die Woche Ballettunterricht hat. Jede Woche freut er sich drauf. So sehr, das er oft schon umgezogen und aufgeregt auf und ab hüpfend an der Tür steht, wenn noch mehre Stunden Zeit zwischen dem Beginn des Unterrichts liegen.
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Mit 5 Jahren erzählt er seinen Eltern das er ein Junge ist und dass sie ihn bitte nicht mehr als Mädchen bezeichnen sollen. Den Namen Peter sucht seine Mutter für ihn aus, nachdem er sich einen Jungen Namen gewünscht hat.
Sein Vater wollte eh immer lieber einen Sohn und findet Peter einen viel passenderen Namen für sein Kind, als den, mit dem Peter zu vor bezeichnet wurde. Peter ist damit höchst zufrieden, bis er es nicht mehr ist.
„Deine Mutter und ich habe entschieden dich vom Ballett abzumelden“, Peter schaute seinen Vater bei diesen Worten mit weit aufgerissen Augen an. „Aber wieso?“, fragte er mit weinerlicher Stimme.
„Jungen tanzen nicht Ballett.“ Sein Vater sagt das so als wäre es ein ungeschriebenes Gesetz. Peter wusste genau, dass das eine Lüge war. Er hatte doch selbst die Männer gesehen die bei der Aufführung im California Ballet getanzt hatten. Wieso erzählte sein Vater also so einen Quatsch? Klar können Jungs Ballett tanzen. Also sagte Peter: „Aber das stimmt doch nicht.“
Sein Vater schaute ihn an als hätte er gerade in Frage gestellt ob die Erde ein Kugel war. (Später, wenn er älter wäre, würde Peter heraus finden das die Erde tatsächlich eher als Rotationsellipsoid bezeichnet werden könnte als als Kugel, genauso wie er herausfinden würde das Geschlechter Klischees und nutzlose Geschlechter Rollen nur Schaden in den Menschen anrichten. Aber jetzt wusste er all dies noch nicht.)
„Hör mal Peter“, sein Vater beugte sich zu ihm herunter und lächelte gequält, „Jungen die Ballett tanzen werden nicht wirklich als Jungen ernstgenommen. Willst du nicht als Junge ernstgenommen werden? Vor allem jetzt wo du bald in die Schule kommst. Wir denken einfach das es keine gute Idee ist, wenn du weiterhin Ballett tanzt.“
„Aber ich will Ballett tanzen.“, sagte Peter und schaute seinen Vater mit trotzig vorgeschobener Unterlippe an.
„Ich weiß Peter. Aber weißt du, es ist einfach keine gute Idee. Es ist keine Sportart für Jungen. Das musst du verstehen. Deine Klassenkameraden würden dich auslachen, sich über die lustig machen und dich vermutlich als Mädchen beschimpfen. Und das wollen wir einfach nicht. Wir legen uns gerade so ins Zeug das du überall richtig als Junge gelistet bist und die Schule Bescheid weiß, aber deine Mitschüler nichts erfahren werden.“ Sein Vater machte eine Pause. „Wir wollen einfach das beste für dich Pete.“ Jetzt ging er in die Hocke und brachte sein Gesicht in Augenhöhe mit Peters. „Ich weiß.“, murmelte Peter jetzt und wich dem Blick seines Vaters aus. „Aber ich möchte Ballett tanzen. Bitte Papa.“ Peter spürte wie seine Augen anfingen zu brennen. Er wollte nicht weinen. Jungs weinen nicht. Jungs weinen nicht. Jungs weinen nicht. Egal wie oft er es wiederholte, seinen Augen hörten nicht auf zu brennen. „Schau mich an Peter.“, sagte sein Vater sanft. Peter schaute vorsichtig in die Augen seines Vaters und dann konnte er die Tränen nicht mehr zurück halten. Sie liefen ihm brennend heiß über die Wangen. Als wäre seine Haut Vulkangestein und seine Tränen die heiße Lava. Peter konnte das Gesicht seines Vaters hinter dem Schleier der Tränen kaum noch erkennen, nahm nur wahr wie sein Vater sich auf den Boden setzte und ihn in seine Arme zog. Er wurde hin und her gewiegt und sein Vater kraulte ihm durch die Haare. „Ich weiß das du Ballett tanzen willst Peter. Aber ich denke nicht das es das richtige ist für dich. Das musst du verstehen.“, murmelte sein Vater. „Ich habe dich ganz doll lieb mein kleiner Peter. Das musst du wissen. Aber genau deswegen muss ich dich beschützen.“, Peter hörte wie belegt die Stimme seines Vaters war, „Ich muss dich vor dieser bösen Welt beschützen. Und deswegen kann ich nicht zu lassen, dass man dich verletzt.“
Aber das er nicht Ballett tanzen durfte verletzte Peter doch auch. Wieso verstand sein Vater das nicht? Wieso konnte Peter es ihm nicht sagen? Das Wiegen seines Körpers wurde langsamer und Peter schaute seinem Vater wieder ins Gesicht. Das Shirt seines Vaters war an der Schulter mit seinen Tränen getränkt. Peters Hals war immer noch zu geschnürt, aber seine Tränen, versiegten langsam. Er konnte kaum schlucken. Wieso konnte er nicht schlucken? Sein Vater nahm vorsichtig sein Gesicht in beide Hände und sah ihn an. Wenn Peter es nicht besser wüsste, hätte er gesagt, dass sein Vater auch kurz vor dem weinen stand. „Wir reden später nochmal drüber wie es jetzt weiter geht, okay?“, fragte sein Vater ihn vorsichtig. Peter nickte nur. Danach stand er auf und verschwand in sein Zimmer. Seine Balletttasche blieb im Wohnzimmer stehen, wo er sie vor dem Gespräch mit seinem Vater mit hingenommen hatte, unter der Annahme sie würden bald zum Ballettunterricht fahren.
Jetzt hatte sich Peter in seinem Bett zusammen gerollt und all seine Kuscheltiere um sich herum gelegt. Er wollte einfach das Gespräch vergessen und so tun als wäre alles gut und er nur ein bisschen krank. Das er einfach deswegen nicht kommen konnte. Kelly würde sich bestimmt fragen, wieso er heute nicht da war. Nein, Peter musste aufhören überhaupt ans Ballett zu denken. Er wollte nicht schon wieder weinen. Nicht weinen. Nicht weinen. Nicht weinen. Trotzdem fingen seine Augen an zu brennen und kaum merklich liefen die Tränen sein Gesicht herab. Peter war so unglaublich müde. Langsam während er noch weinte drifte er in einen unruhigen Schlaf.
Als seine Mutter ihn weckte fühlte Peter sich einfach nur total müde. Sein Gesicht fühlte sich zerknautscht an und er wusste würde er jetzt in den Spiegel sehen würde er erkennen können wie geschwollen seine Augen waren. Vermutlich auch total äderig. Gemeinsam liefen seine Mutter und er die Treppe herunter.
„Peter“, begann seine Mutter, „Dein Vater und ich haben nochmal über das Thema Ballett gesprochen.“
Es klang unheilvoll wie sie es sagte. Unmerklich lief Peter schneller die Treppe herunter. Er wollte am liebsten sofort weg rennen. Er wollte nicht die Entscheidung, oder die Antwort oder was auch immer jetzt kam, hören. Wenn er sie nicht hörte, konnte er so tuen, als wäre alles nur ein doofer Traum gewesen und nächste Woche wäre Ballettunterricht. Wie immer eben.
In der Zwischenzeit waren sie im Wohnzimmer angekommen. Der Tisch war gedeckt und es standen bereits drei dampfende Suppenteller auf dem Tisch. Sein Vater hatte Kartoffelsuppe gekocht. Natürlich hatte er das. Peter hatte das Gefühl sie wollten ihn so fröhlich wie möglich stimmen nur um ihn dann ihre Entscheidung mit zu teilen. Wahrscheinlich hatte sein Vater Angst er würde wieder weinen. Peter ahnte schon übles, setzte sich einfach nur an seinen Platz und starrte stur auf seinen Teller. Seine Mutter setzte sich genauso wortlos wie er, ihm gegen über an ihren Platz. Keine Minute später kam sein Vater ins Wohnzimmer, immer noch die bunte Küchenschürze umgebunden, welche er immer zum Kochen benutzte. „Ah da seit ihr ja.“, sagte er und setzte sich breit lächelnd neben Peter. „Ich habe deine Lieblingssuppe gemacht, Peter. Als kleine Entschuldigung für heute Nachmittag.“ Sein Vater schaute ihn aufmunternd an. Peter traute dem ganzen immer noch nicht, aber konnte trotzdem die Frage die ihm rausrutschte nicht verhindern: „Heißt das ich darf doch weiter Ballett machen?“
„Nicht so ganz.“, ergriff seine Mutter das Wort, „Hör mal Schatz. Wir essen jetzt erstmal unsere Suppe und dann reden wir darüber. Okay?“
Peter nickte nur. Seine Brust hatte sich bei den Worten wieder zusammengezogen. Ohne ein weiteres Wort begann er seine Suppe zu löffeln. Heute hatte sie einen bitteren Nachgeschmack der Angst, vor was auch immer auf ihn zukam. Peter blendete den Rest des Abendessens einfach aus. Wenn er sich nur genug anstrengte würde er einfach alles emotionslos durchstehen.
Sein Eltern hatten ihm nach dem Abendessen einen langen und breiten Vortrag darüber gehalten warum es das beste für ihn wäre mit dem Ballett aufzuhören bis auf weiteres. Wenn er wirklich Ballett tanzen wollen würde, würden sie ihn ab der sechsten auf ein extra aufs Tanzen ausgelegtes Internat schicken. Aber bis dahin durfte er nicht weiter Ballettunterricht haben. Er hatte das Ultimatum bekommen sich in diesem Moment dafür oder dagegen zu entscheiden.
Da Peter Angst hatte weit weg von zu Hause in einem Internat zu sein, entscheidet er sich dagegen. Er verstand nicht wieso er nur weiter Ballett tanzen konnte, wenn er zu einer Ballett-fokussierte Privatschule mit Internat ging. Seine Eltern hatten irgendwas von wegen, ‚Jungen können nur Ballett tanzen, wenn sie es professionell machen, über all sonst wird ein Ballett tanzender Junge sofort fertig gemacht‘ gefaselt. Peter verstand nicht so richtig was sie meinten. Er verstand es schon, aber eigentlich nicht. Und er verstand auch nicht warum er diese Entscheidung jetzt treffen musste und nicht erst mit zehn oder elf.
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Mit 7 Jahren versucht Peter noch einmal seine Eltern davon zu überzeugen ihn Ballett tanzen zu lassen. Und mit 8, und mit 9. Aber sie sagen jedes Mal nein.
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Mit 10 Jahren hat er es aufgegeben. Jetzt wo es tatsächlich darum gehen würde, dieses doofe Internat zu besuchen, hat er aufgegeben. Davon abgesehen, weiß er nicht ob er überhaupt ohne Justus und Bob irgendwo alleine auskommen könnte.
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Mit 11 Jahren kommt Peter in Rocky Beach’s Middle School und fängt an Basketball zu spielen. „Basketball ist ein guter Sport für einen Jungen.“, sagt zumindest sein Vater und seine Mutter stimmt ihm immer nickend zu. Peter vermisst das Ballett tanzen. Manchmal schleicht er sich heimlich nach der Schule zu der Ballettschule am Rande der Stadt. Er beobachtet sehnsüchtig wie seine alten Ballet-Freundinnen all diese coolen Dinge lernen, wie Drehungen und Spagat.
Kelly erwischte ihn eines Tages nachdem er wieder mal den Unterricht heimlich beobachtet hatte. Sie hatte ihn durch die Lücke in den Vorhängen gesehen und ihn genau angestarrt. Bevor Peter überhaupt anfangen konnte sich zu verdrücken, war sie schon nach draußen gelaufen, noch in Ballettkleidung und nur schnell in ihre Schuhe geschlüpft, baute sie sich vor ihm auf.
Mit hoch gezogenen Augenbrauen und einem vorwurfsvoll verzogenen Mund starrte sie ihn an. Drauf wartend das er anfing zu sprechen. Als er dies nicht tat, begann sie das Gespräch stattdessen. „Hätte dich nicht für einen komischen Spanner gehalten Shaw.“ Peters Gesicht brannte sowieso schon total davon wie peinlich berührt er war, aber vermutlich erreichte die Hitze in seinem Gesicht nach diesen Worten noch höhere Werte auf einem imaginären Thermometer. Seine Ohrspitzen begannen ebenfalls unangenehm warm zu werdend. „Ich… ich… ich habe nicht gespannt. Ich meine ehrlich, ehrlich, ehrlich das ich nicht aus irgendwelchen gruseligen perversen Gründen zugeschaut habe! Ehrlich!!! Bitte glaub mir! Und bitte verrate mich nicht an Miss Robinson. Bitte. Sonst finden meine Eltern das irgendwie noch raus. Bitte Kelly! Versprich es mir das du es niemandem erzählst.“ Kelly blickte Peter prüfend an nach dieser äußerst aufgebrachten ängstlichen Reaktion. „Woher kennst du Miss Robinson?“, war alles was sie sagte. Ihr Gesichtsausdruck, in der Zwischenzeit komplett neutral und unlesbar. Der Blick mit dem sie ihn durchbohrte, hatte etwas berechnendes.
„Ich. Also ich…“, fing Peter an zu stammeln aber brach wieder ab, weil er absolut keine Ahnung hatte wie er Kelly erklären könnte, dass er früher als sie kleiner waren ebenfalls hier Ballett getanzt hatte, ohne sich zu outen. Kelly hatte offenbar nie eins und eins zusammen gezählt und ihn nie erkannt als das ‚Mädchen’ das plötzlich verschwunden war, obwohl sie sich zusammen eine Woche vor dem plötzlichen fehlen noch freudig hüpfend darüber ausgetauscht hatten, wie toll es war in die nächste Gruppenstufe zu kommen. Peter und Kelly waren Freunde gewesen. Auch wenn Kelly sich nicht daran erinnerte. Nun waren sie in Parallelklassen und hatten außer ein paar mal durch Zufall, wegen gemeinsamen Warten an der Bushaltestelle oder einen verlorenen Stift keinerlei Gespräch mehr geführt.
„Brauchst du noch länger für deine Antwort? Ich kann nicht ewig“, sie malte Anführungszeichen in die Luft, „auf der Toilette sein“.
„Es… keine Ahnung. Es tut mir leid. Geh wieder rein. Ich, ich warte hier bis die Stunde fertig ist. Ich meine ich warte nicht hier, hier“ Er zeigte verlegen auf den Boden vor sich. „Sondern dadrüber.“ Er wies auf die Fahrradständer ein Stück weg, von denen man sicher nicht irgendwie in den Tanzsaal schauen konnte.
Kelly sah ihn weiterhin berechnend an, aber nickte nach einem Moment der sich wie Stunden angefühlt hatte. „Wenn du später weg bist Shaw, erzähle ich Justus, dass du hier warst.“ grollte sie und verschwand wieder, während er langsam zu den Fahrradständern ging. Er würde nicht verschwinden, auch wenn er eigentlich nichts dagegen hatte, wenn Justus wusste das er hier gewesen war. Es war nicht so als würde er vor Justus und Bob verstecken das er sich für Ballett interessierte… er hatte es nur noch nie gegenüber den beiden erwähnt. Und hatte auch keine Pläne dies zu ändern.
Grübelnd setzte er sich auf einen der Fahrradständern, nicht das es sonderlich bequem war, aber er wollte auch nicht mehr länger stehen, wenn es nicht unbedingt nötig war.
Was sollte er nur Kelly erzählen? Peter schaute auf die Uhr. Noch eine Viertelstunde bis zum Ende der Stunde. Verdammt das war lange nicht genug um sich einen gute Erklärung auszudenken ohne sich zu outen. Es war seltsam dieses Problem zu haben. Bisher hatte er noch nie, dass Gefühl gehabt jemanden erzählen zu müssen das er Trans war, um sich zu rechtfertigen. Er wollte es Kelly nicht erzählen. Nicht weil er ihr nicht traute. Oder wobei? Doch.
Er wollte es Kelly nicht sagen, weil er ihr nicht traute.
Am Ende würde sie es in der Schule herum erzählen und darauf konnte er gut verzichten. Er war jetzt schon immer auf der Hut und hatte Angst davor irgendeinem Jungen würde auffallen wie heimlich er sich immer in der Sportumkleide umzog, als hätte er Angst sie könnten ihm ansehen, das er Trans ist. Man kann es ihm eigentlich nicht ansehen. Er hatte sobald es möglich war Hormonblocker erhalten und man konnte wirklich nicht das kleinste bisschen ‚Mädchenhafte’ an ihm sehen. Zumindest sagten das immer seine Eltern, wenn er Angst hatte das Haus zu verlassen, weil er beim Blick im Spiegel das Gefühl gehabt hatte, das sein ganzes Gesicht ‚Mädchen‘ schrie. Es schrie ihn an. ‚Mädchen! Mädchen! Mädchen! Sieh deine Wangenknochen an! Das sind Mädchen Wangenknochen. Alle werden wissen das du kein echter Junge bist. Möchte-gern-Junge! Peter der möchte-gern-Junge.‘
Peter wusste, dass das nicht stimmte. Zumindest in der Theorie. Er wusste das niemand ihn unter seinem alten Namen kannte. Das außer ein zwei Angestellten in der Schule niemand Bescheid wusste. Keine der Lehrenden Personen wusste es. Seine Wangenknochen würden niemanden sofort verraten das er Trans war. Egal was sein doofer Kopf ihm versuchte einzureden. Aber trotzdem hatte er immer Angst. Er hatte so verdammt viel Angst. Obwohl er eigentlich keinen Grund hatte. Justus auf der anderen Seite. Ihm konnte man sofort ansehen das er Trans war. Peter tat es manchmal leid wie viel er von seinen Eltern ermöglicht bekam, während Justus Tante und Onkel sich all das für Justus nicht leisten konnten. Peter hatte Justus zum Geburtstag einen Binder geschenkt. Einen von der guten, teuren Sorte, weil er wusste das Justus sich selbst nie so ein Ding kaufen würde und kaputte Rippen im Kauf nehmen würde. Peter fühlte sich jedes Mal schlecht wenn er froh war, dass er kein lästiges Brustwachstum erlebte, während Justus sich mit der daher rührend Dysphorie plagen musste.
Wo er so darüber nachdachte, dass Kelly mit Justus befreundet war und ihn so akzeptierte wie er war, überdachte er seinen Angst sich zu outen. Wenn sie Justus akzeptierte, wieso dann nicht auch ihn. „
‚Akzeptieren heißt nicht, ‚nicht outen‘.‘, sagte eine kleine Stimme in Peters Hinterkopf. Und die Stimme hatte Recht. Nur weil Kelly ihn vielleicht akzeptieren würde, hieß das nicht, dass sie es nicht in der Schule rum erzählen konnte. Wenn sein Sportlehrer und dann noch sein Basketball Coach rausfinden würden, dass er Trans war, würde es ihm schlecht gehen. Sein Coach hatte schon oft transfeindliche Kommentare während des Trainings geäußert und liebt es das Team als Mädchen zu bezeichnen sobald sie mal trödelten nach dem Training die Halle zu verlassen. Wenn der Coach herausfand das er Trans war, war er geliefert. Am Ende würde er noch aus dem Team geschmissen werden. Wobei da vermutlich die Schulleitung einschreiten würde. Aber würde er sich überhaupt noch sicher fühlen, wenn er geoutet wäre?
Was sollte er jetzt Kelly erzählen warum er hier war? Die Wahrheit war vom Tisch. Verzweifelt raufte sich Peter seine sowieso schon wild abstehenden Haare. Riss sich in seiner Nervosität einige auch aus. Vielleicht würde es reichen Kelly zu erzählen das er gerne Ballett tanzen würde, aber sich nicht traute mit seinen Eltern darüber zu reden. Das war so gut wie die Wahrheit und würde ihr vielleicht ausreichen. Peter blickte wieder auf seine Armbanduhr und stellte erschrocken fest, dass die Ballettstunde bereits vorüber war und es nur noch Sekunden dauern könnte bis Kelly auftauchte.
Kelly kam schnellen Schrittes auf ihn zu. Ihre blonden Locken fielen ihr jetzt offen über die Schultern und waren nicht mehr wie vorhin noch zu einem Dutt gebunden. Sie sah ihn mit leicht überraschten Gesichtsausdruck an. „Ich hatte nicht erwartet das du wirklich hier bleibst Shaw.“, sagte sie.
Peter hatte erwartet Kelly würde sofort mit der Befragung fortfahren, aber stattdessen lief sie rüber zu einem Fahrrad. Dem einzigen Fahrrad das hier stand wie Peter erst jetzt feststellte. Sie öffnete das Fahrradschloss mit einem Schlüssel und rollte das Rad aus dem Fahrradständer. Es handelte sich also um ihr Fahrrad. Sie lies den Rucksack der auf ihrem Rücken lag in den Fahrradkorb gleiten.
„Kommst du?“ kam Kellys Stimme von links. Peter schreckt wieder auf. Wie er es geschafft hatte wieder so schnell gedanklich weg zu driften wusste er selbst nicht. Langsam stand er auf und merkte zum ersten Mal wieder den Schulranzen auf seinen Rücken, wie er dieses schwere Ding so ausblenden konnte, verstanden er nicht. Er trottet Kelly hinterher wie ein trauriger Lemming während diese ihr Fahrrad schiebend voran lief. „Sag Bescheid, wenn du wieder ansprechbar bist“, murmelte sie in seine Richtung. „Ich bin ansprechbar“, wehrte Peter die Unterstellungen sofort ab. „Bist du nicht.“, stellte Kelly einfach fest, in einem Ton als wäre es ein Naturgesetz. War es nicht… zumindest soweit Peter wusste.
„Wo gehen wir hin? Zu dir nach Hause? Damit du mich deinen Eltern als Jungen der den Ballettunterricht stalkt vorstellen kannst?“ Es sollte eigentlich eher ein Witz sein, aber sein Ton war nicht spielerisch sonder verbittert und ängstlich.
„Peter, als ich vorhin rausgekommen bin, sahst du aus als würdest du dich gleich übergeben und anfangen zu weinen.“ Kellys Stimme war auf einmal sanft geworden, als würde sie versuchen einen verletzten Hund zu sich zu locken, um ihn zu verarzten. „Du hast mich Peter genannt“, stellte Peter einfach fest.
Sie waren in der Zwischenzeit langsam dem Stadtzentrum wieder näher gekommen. Bald würden sie sich der Innenstadt nähern. Peter hatte es gar nicht richtig wahrgenommen, weil sie die Strecke in der Nähe des Strandes gewählt hatten. Soweit weg, dass man nur wusste das der Strand da war, wenn man sich in Rocky Beach auskannte, aber nahe genug das Peter immer das Gefühl hatte das Meer wäre quasi schon direkt neben ihm. Still liefen sie weiter nebeneinander her. Das leise regelmäßig Summen der drehenden Fährradräder beruhigte Peter auf eine seltsame Art und Weise.
Schließlich blieb Kelly stehen. Peter tat es ihr gleich. Sie standen vor einer Abzweigung an der es nach unten zum Strand, der in der Zwischenzeit tatsächlich sichtbar war, ging. „Willst du mit mir an die Strandpromenade runter?“, fragte Kelly mit einem halben Lächeln.
„Oh, ja, klar. Ich bin nur irgendwie verwirrt. Wolltest du mir nicht vorhin noch die Augen auskratzen?“ Peter sah sie abwartend an.
„Mit jemanden zu kämpfen der aussieht als würde er gleich zusammen brechen und um Gnade bitten ist nicht gerade mein Ziel. Aber wenn du willst können wir es trotzdem versuchen.“, witzelte Kelly.
„Nein, danke.“, murmelte Peter einfach. „Komm, wir können auch im Laufen weiter reden.“ Kelly begann wieder ihr Fahrrad zu schieben und Peter folgte neben ihr.
„Ich glaube wir unterhalten uns besser an einem entspannten Ort über vorhin. Du scheinst immer noch nicht ganz der alte zu sein. Willst du Eis essen? Hatte ich eh schon vor dem Ballettunterricht überlegt. Also danach Eis essen zu gehen. Glaube das würde dir gut tuen. Damit du nicht mehr denkst ich reiß dir gleich die Kehle raus.“ Kelly sah Peter prüfend von der Seite an. Peter braucht einen Moment, bis der Vorschlag vollständig zu ihm durchgedrungen war. „Das ist ein toller Vorschlag.“ Er versuchte so gut es ihm gelang engagiert zu nicken. „Danke für deine Einladung. Das war echt unerwartet.“
„Ich bin selbst von mir überrascht. Glaub mir Peter.“ Kelly zuckte die Schultern. Ihre blonden Haare wehten in der Meeresbriese. Langsam nährten sich die beiden einer der Eisdielen an der Standpromenade. „Hier gehe ich am liebsten hin.“, gab Kelly zu.
„Ist es arg unvorteilhaft wenn ich jetzt sage, dass ich diese Eisdiele nicht kenne?“ Peter kniff die Augen halb zusammen als würde er einen Tadel erwarten, aber grinste dabei schelmisch. „Haha nein. Keine Sorge. Eigentlich um so besser.“ Kelly stellte ihr Fahrrad an einen Tisch und zog einen Stuhl vom Tisch. „Setz dich schon mal Peter. Ich bin gleich wieder da.“ Ohne ein weiteres Wort verschwand sie im Inneren der Eisdiele. Das die Situation so ausarten würde hatte Peter zugegebenermaßen niemals erwartet. Über die Zeit des Laufes bis hier her hatte er sich tatsächlich immer mehr entspannt und angefangen zu vergessen warum er so gestresst war. Langsam ließ er seinen Schulrucksack von seinen Schultern gleiten und setze sich auf den ausgezogen Stuhl. Was bitte war passiert? Peter wollte anfangen Ordnung in seine wirren Gedanken zu bringen, aber gab es sofort auf.
Und schon kam Kelly wieder. Mit zwei vollen Eisbechern auf einem Tablett. Wie sie die so schnell bekomme hatte war Peter ein Rätsel. Und vor allem woher sie bitte wusste was seine Lieblingseissorte war. Vor heute hatten sie doch kaum geredet.
Kelly erreichte den Tisch und stellte das Tablett ab. „Bevor du fragst. Meine Eltern und ich sind hier quasi Stammkunden und weil ich ganz lieb gefragt haben, waren die so nett zwischen durch noch zwei Eisbecher zu machen. So dass wir nicht warten müssen.“ Sie schob einen der Eisbecher zu ihm rüber.
„Woher wusstest du…“, begann Peter bevor Kelly ihn schon unterbrach. „Justus hat festgestellt das wir beide die selbe Lieblingseis Kombination haben, als ich ihn vor ein paar Wochen nach der Schule zum Eisessen eingeladen hatte. Nachdem er meine Bestellung gesehen hatte, meinte er nur ‚Das ist genau dasselbe was Peter immer bestellt, aufs kleinste Detail.‘ Es stimmt doch?“ Peter nickte nur überrascht. Er hatte gar nicht mitbekommen das Justus und Kelly sich auch so außerhalb der Schule trafen. Irgendwie war er fast eifersüchtig oder war er doch eher verletzt, davon dass Justus es nicht erwähnt hatte. Die Eifersucht konnte Peter nicht einordnen. Die kleine Stimme in seinem Hinterkopf sagte ihm dass er auf Kelly eifersüchtig war. Aber das ergab keinen Sinn. Justus, Bob und er waren schließlich dauernd zusammen außerhalb der Schule und manchmal quasi an den Hüften zusammen gewachsen. Wieso also sollte er eifersüchtig drauf sein das Kelly Zeit mit ihm verbrachte und Eis aß. Auf Justus konnte er auch nicht eifersüchtig sein. Kelly und Peter hatten nichts miteinander zu tuen und wie er selbst vorhin festgestellt hatte, war das heute das längste Gespräch was sie jemals hatten. Ausgenommen während des Ballettes als sie klein waren. Wieso also sollte er eifersüchtig auf Justus sein, wenn dieser Zeit mit Kelly verbrachte? Kelly und Justus waren befreundet. Kelly und er waren es nicht. „Erde an Peter!“ Kelly fuchtelte mit einer Hand wild vor Peter Blickfeld herum. Was tatsächlich dafür sorgte, das er aus seinen Gedanken gerissen wurde. „Was? Ja! Ich bin voll da.“ Er schüttle den Kopf ein paar mal um die ablenkenden Gedanken besser los zu werden. „Klar… Voll da! Hundertprozentig!“, witzelte Kelly. „Worüber hat der gute Herr denn nach gedacht?“, setzte sie hinter her.
„Ich. Ich habe mich nur gewundert, das du und Justus Eis essen wart.“, gab Peter schließlich zu.
„Ah“ Kelly lachte. „Keine Sorge Peter. Kein Grund zur Eifersucht. Ich spanne dir deinen Freund schon nicht aus.“, sagte sie keck. Peter zuckte zusammen und schüttelte den Kopf.
„Ausspannen? Wir sind kein Paar. Ich steh nicht auf Jungs!“, wehrte Peter etwas zu laut und vielleicht auch etwas zu aggressiv ab.
Die kleine Stimme in seinem Hinterkopf meldete sich hier wieder mit dem sehr hilfreichen Kommentar ‚Bist du dir ganz sicher?‘. Worauf er in seinem Kopf das Mantra ‚ja’ wiederholte. „Das habe ich auch nicht so gesagt.“, versuchte Kelly ihn zu beschwichtigen. „Ich war mit Justus Eis essen nachdem wir gemeinsam an einem Schulprojekt gearbeitet haben. Für Bio. Just hat sogar das ganze Zeug noch mit hier her geschleppt. Und dann noch ne halbe Stunde darüber gebrütet als würde sein Leben von diesem Projekt abhängen.“
Ein Schulprojekt also. Auf einmal fühlte sich Peter doppelt dumm. Zum Einen wegen seiner aggressiven Reaktion und zum Anderen, weil er auf eine Projektarbeit eifersüchtig gewesen war. Die kleine Stimme hatte aber immer noch nicht aufgehört ihn zu fragen woher denn die Eifersucht kam. Die Eifersucht auf Justus, wie er versuchte sich einzureden. Kelly war ein hübsches Mädchen. Mit tiefbraunen Augen in welchen er sich verlieren könnte. Die Tatsache das Justus Augen mindestens genauso wenn nicht sogar doppelt so schön waren, versuchte er rigoros zu ignorieren. Jetzt war nicht die Zeit darüber nachzudenken, dass sein Herz schneller schlug, wenn Justus ihm Komplimente machte, wenn er irgendwas gut gemacht hatte, oder die Tatsache, dass Peter sich doch definitiv schon oft in Justus rehbraunen Augen verloren hatte. Unabsichtlich natürlich. Es war nicht die Zeit… Seine Gedanken hatten da aber andere Pläne. Justus Lächeln und die Grübchen die man dann erkennen konnte, waren alles was in seinem Kopf herumgeisterte. Oder seine weichen Haare. Wie waren seine Haare nur so weich? Nein, stop. Peter versuchte sich wieder auf das hier und jetzt zu konzentrieren. Auf Kelly die vor ihm saß. Sie hatte doch auch ein hübsches Lächeln. Ein sehr hübsches Lächeln. Mit dem sie Peter jetzt betrachtete. Und dann schnippte sie genau vor seiner Nase mit den Fingern und er schreckte erst so richtig wieder auf. „Dein Eis schmilzt schon ein ganze Weile vor sich hin.“, stellte sie fest nachdem Peter wieder im hier und jetzt war.
Oh das Eis! Das Eis hatte er total vergessen. Erst jetzt bemerkte er das Kelly schon die Hälfte ihres aufgegessen hatte. Und seines? Das war tatsächlich schon sehr geschmolzen. Peter ärgerte sich über sich selbst. Langsam nahm er den Löffel und begann zu essen. „Ich frage jetzt lieber nicht was dich so eindringlich beschäftigt hat. So wie du gelächelt hast, war es bestimmt schön. Aber da ich das hier bezahle, will ich das du auch noch was von dem ganzen Eis hast.“ Kellys Ton war undefinierbar für Peter. „Du musst nicht für mich bezahlen.“, war alles was Peter murmelte. Sein Ohren waren verdächtig warm. „Okay? Ich will aber. Also werde ich es machen. Was wirst du tun? Mit mir kämpfen?“ Das Funkeln in Kellys Augen, verriet Peter, dass sie das vermutlich sogar wirklich tuen würde.
„Nein… nein. Ich verstehe es nur gerade nicht. Du wolltest doch vorhin noch mir die Hölle heiß machen. Und jetzt lädst du mich zum Eis ein? Egal wie miserable ich ausgesehen habe. Das passt nicht.“ Peter legte den Kopf schief und kniff die Augen zusammen.
„Willst du’s wirklich wissen?“, Kelly musterte ihn prüfend während sie das sagte. „Ja!“, sagte Peter durchdringlich. „Okay, also ich habe so eine Vermutung warum du da warst. Also beim Ballett, aber ich will dich zu nichts drängen und außerdem scheinst du auch echt Angst vor dem ganzen zu haben. Deswegen dachte ich tue ich dir was gutes.“ Kellys Stimme war neutral, aber auch sanft. Peter wurde erst heiß und dann kalt bei den Worten. Die Galle stieg ihm hoch. Er schluckte fest und verzog angewidert das Gesicht. „Ach wirklich?“, war alles was er hervor pressen konnte. Er konnte Kelly nicht mehr ansehen und kniff die Augen zusammen. Seine Hände verkrampften sich schmerzhaft. Das konnte nicht wahr sein. Verdammt, wieso musste das passieren? Kaum merklich legte sich eine Hand auf seine rechte Hand. „Hey Peter, es tut mir leid. Ich wollte nicht… ich wollte nicht das du Panik bekommst. Ehrlich.“, murmelte Kelly und begann vorsichtig über Peters Hand zu streichen.
Peter kniff die Augen nur mehr zusammen. Wenn er sie jetzt öffnete würde er noch anfangen zu weinen. Wieso war das so verdammt beängstigend? „Willst du einen Vertrauensvorschuss meinerseits?“, fragte Kelly vorsichtig. Jetzt öffnet Peter die Augen doch. Überraschenderweise ohne sofort in Tränen auszubrechen, wobei seine Augen durchaus brannten. „Was denn für einen?“, presste er hervor. „Na ja, ich erzähle was, dann musst du nicht anfangen.“, murmelte sie. Ihre Hand lag immer noch auf seiner.
„Das musst du nicht. Also was auch immer du erzählen willst. Brauchst du nicht.“ Peters Hand entspannte sich langsam. Schließlich zog er seine beiden Hände wieder zu sich selbst. Jetzt lagen sie in seinem Schoß, wo er auch seinen Blick hin richtete.
„Und was wenn ich es will?“, kam die Antwort von Kelly. „Keine Ahnung.“, war alles was Peter dazu einfiel. „Vielleicht wechseln wir das Thema?“, schlug Kelly vor. Peter hatte sie immer noch nicht wieder angesehen, aber er nickte. „Wenn ich in die High School komme, will ich mit Cheerleading anfangen. Du bist im Basketball Team an der Schule oder?“ Kelly hatte diesen fröhlichen Ton drauf wie kein Mensch sonst. „Ja, ich spiele Basketball im Schulteam.“ Was sollte er auch sonst noch sagen? „Mein Vater will mich auch davon überzeugen Basketball anzufangen. Aber ich fühle mich da nicht so wohl.“ Kellys Stimme war plötzlich mit einem seltsamen Unterton belegt. „Früher wollte ich immer auch Basketball spielen, aber dann bin ich in die Schule gekommen und keine Ahnung. Die Mädchen waren alle nicht so begeistert davon. Also habe ich es nicht gemacht. Und dann als ich in die Middle School kam, hat mein Vater angefangen zu versuchen mich davon zu überzeugen es doch einfach jetzt zu versuchen.“ Peter hob seinen Blick wieder und schaute zu Kelly herüber. „Bei mir war’s eher umgedreht.“, rutschte es ihm raus. Sofort biss er sich auf die Zunge. Verdammt, das wollte er doch gar nicht sagen. „Beim Basketball?“ Kelly zog die Augenbrauen hoch. Peter schüttelte den Kopf. Ihre Lippen verzogen sich zu einem traurigen Lächeln. „Ballett?“, fragte sie. Wieder wollte Peter die Augen zukneifen, aber hielt sich davon ab. Das würde verraten das sie ins Schwarze getroffen hatte. Er betete er würde nicht anfangen zu weinen. Verdammt, dieses Gespräch war beschissen. Anstatt irgendwas zu sagen begann er wieder sein Eis zu löffeln. Das war in der Zwischenzeit noch weniger festes Eis und eigentlich nur noch Pampe. Peter störte das aber gerade wenig.
„Noch mal, das Angebot mit dem ‚ich erzähle dir etwas von mir, damit du weniger Angst hast‘ steht immer noch.“ Kelly hatte ihr Eis bereits fertig gegessen ohne das Peter es wirklich registriert hatte. „Ich glaube kaum, was auch immer du erzählen willst, ist auch nur annähernd das wieso ich Angst habe.“ Peters Stimme war mit Bitterkeit getränkt. „Woher willst du das denn so genau wissen?“ Jetzt war Kellys Stimme kühl. Ihre Augen hatte sie zu kleinen Schlitzen verengt. „Was ist wenn es genau dasselbe ist, wieso du Angst hast, Shaw?“
Peter zuckte zusammen. „Tut mir leid.“ Kleinlaut zog er den Kopf ein.
„Du braucht dich nicht zu entschuldigen Peter.“ Kelly war wieder entspannter. „Ich möchte es dir ehrlich gesagt einfach nicht erzählen.“, sagte Peter wahrheitsgetreu. Nervös strich er über die Stelle an der er wusste, das der Pubertätsblocker sich befand. Auch wenn er sich unter der Haut befand hatte Peter des Gefühl man konnte ihn sehen wenn man seinen Arm ansah. Kellys Augen fielen jetzt genau auf Peters Hand. „Es ist okay Peter.“ Sie stieß seinen Fuß unterm Tisch an. Dann spiegelte sie einfach seine Tätigkeit. Strich sich ebenfalls über die Innenseite des Oberarms. „Du weißt es also?“, fragte er gequält. Jetzt hatte sie am Ende doch noch eins und eins zusammen gezählt.
„Nein, also doch. Ist nur ne Vermutung.“ Kelly zuckte die Schulter. „Willst du jetzt wissen was es bei mir ist?“, setzte sie hinter her.
Peter zuckte einfach die Schultern. Er hatte noch nicht so ganz die Situation durchschaut. Sein Kopf sagte ihm ganz klar, das sie es wusste. Aber gleichzeitig war ihm nicht klar was das mit ihr selbst zutun haben sollte. Kelly war ja wohl kaum auch Trans. Oder etwa doch?
„Habe auch einen Pubertätsblocker.“, stellte sie einfach fest, als wäre es das normalste der Welt. Peters Augen weiteten sich. Irgendeine Sicherung brannte in diesem Moment in seinem Kopf durch und er hatte keine Ahnung mehr was er tun sollte. Ein kleines „Oh…“ entwich seinem Mund. „Du also auch?“, setze er nach einem Moment hinterher. Sein Kopf arbeitete auf Hochtouren das irgendwie zu verarbeiten. Wie konnte das denn sein? Sie hatte doch schon damals Kelly geheißen. Kelly hatte auf seine Frage einfach genickt. „Weil du auch Trans bist?“, traute sich Peter schließlich zu fragen. Er spürte schon wie er kurz davor war anzufangen zu zittern. „Jap.“, Kelly stupste ihn wieder mit dem Fuß an, „Es ist okay, Peter.“
Peter unterdrückte das Bedürfnis den Kopf zu schütteln. Es war nicht okay. Nichts war okay. Warum wusste er selbst nicht. War es weil er Trans war? Oder weil Kelly es jetzt wusste? Oder am Ende weil sie beide Trans waren?
Er konnte nicht herausfinden was es denn jetzt war das nicht okay war. Seine Augen brannten wieder und dieses Mal ließ er es zu. Er ließ zu das sich Tränen bildeten und seine Wangen herunter liefen. ‚Jungen weinen nicht. Nur Mädchen weinen.‘, sagte eine fiese Stimme in seinem Kopf. Jetzt wünschte sich Peter diese nervige andere Stimme von vorhin zurück. Aber die blieb still.
Peter legte sein Gesicht in seine Hände und begann leise zu schluchzen. Er musste aufhören zu weinen, aber er konnte nicht. „Hey Peter?“ Kellys Stimme drang nur dumpf zu ihm durch. Seine Ohren hatten angefangen zu rauschen. „Ich werde es natürlich keinem verraten. Wenn du deswegen Angst hast.“, sagte sie etwas hilflos. Peter schüttelte den Kopf, der noch immer in seinen Händen vergraben war. Die Hände waren schon total nass von all den Tränen. Danach sagte Kelly nichts mehr. Vermutlich war sie genauso überfordert mit allem wie Peter. Irgendwann versiegten seine Tränen und er hatte nur noch eine zugeschnürte Kehle. „Wollen wir das Thema wechseln?“, schlug Kelly vor. Anstatt zu antworten fragte Peter: „Woher wusstest du es? Also wie hast du es herausgefunden?“
Seine Stimme war dünn und zittrig.
„Ich wusste es nicht. Nicht wirklich. Als ich den Rest der Stunde überlegt hatte wieso du heimlich zu schauen solltest, war mir eingefallen, dass du dich als wir uns das erste mal begegnet waren mit deinem Nachnamen vorgestellt hattest. War auch tatsächlich eher der Name mit dem ich dich in Erinnerung hatte. Deswegen hatte ich irgendwie nie kombiniert, das du jetzt und du damals der selbe warst.“, Kelly machte eine Pause. Langsam nahm Peter seine Hände vom Gesicht und blickte sie an. Seine Augen mussten schrecklich geschwollen aussehen. Schließlich fuhr sie fort: „In meinem Kopf warst du einfach Shaw. Der Mensch mit dem ich mich mit super verstanden hatte und der dann ganz plötzlich verschwunden war.“ Kellys Formulierungen waren eindeutig vorsichtig und bedacht, was Peter mit Dankbarkeit füllte. „Ich hatte gedacht Shaw wäre überraschend weggezogen.“, kicherte sie. „Das haben mir meine Eltern zumindest gesagt. ‚Oh Shaw ist bestimmt weggezogen und wollte es dir nicht vorher erzählen, damit du nicht traurig bist‘“
„Bin ich ja irgendwie auch.“, murmelte Peter. „Nicht absichtlich und auch nicht freiwillig, aber irgendwie in gewisser Weise schon.“
Jetzt stach Kelly ihn mit dem Finger in den rechten Arm. „Das nennst du wegziehen?“, lachte Kelly. „Du bist echt schräg… Shaw“ Dieses mal war kein vorwurfsvoller unterschwelliger Ton oder etwas anderes in der Richtung zu hören. Dieses ‚Shaw‘ klang sanft. „Vielleicht…“ Jetzt versuchte Peter kläglich ein Lächeln zu unterdrücken. „Ahhh der Liebe Peter kann also auch Lächeln“, neckte Kelly. „Solltest du öfters machen. Steht dir besser als das ‚Scheiße bringt sie mich gleich um?‘ Gesicht.“
„Weil du mir auch so viel Wahl gegeben hast.“, schoss Peter jetzt frech zurück. „Bin ich echt so beängstigend?“, witzelte Kelly, formte Krallen und knurrte. Peter brach in schallendes Gelächter aus. „Ja, ja, bist du.“, japste Peter. „Rawrrrr“, grollte sie und lachte ebenfalls ausgelassen. Kelly sprach in ein imaginäres Mikrofon: „Peter Shaw hat Angst vor Kelly Madigan. Ich wiederhole. Peter Shaw hat Angst vor Kelly Madigan.“ Danach legte sie ihren Kopf schief, setzte das unschuldigste Lächeln der Welt auf und hielt ihre Hände passend dazu unters Kinn. Ein Handyklingeln riss beide aus ihrem Lachen. Peter japste nach Luft und versuchte sich zu beruhigen, während Kelly den Anruf annahm. „Oh hey Papa, was ist denn los?“, fragte sie in den Hörer. „Oh… okay. Klar. Tut mir leid. Ich habe nicht auf die Uhr geschaut.“ Kelly legte auf und sah Peter entschuldigend an.
Er hob fragend die Augenbrauen hoch. „Es ist schon gleich sechs. Ich hätte eigentlich schon vor ner Stunde zu Hause sein sollen. Meine Eltern haben sich Sorgen gemacht.“, erklärte Kelly. Peter riss überrascht die Augen auf. „Verdammt schon gleich sechs?“, fragte er ungläubig. Kelly nickte nur und begann aufzustehen. Sie lief zu ihrem Fahrrad und zog einen Geldbeutel aus ihrer Tasche. „Bin gleich wieder da. Bezahle nur kurz.“, und schon war Kelly verschwunden.
Peter konnte gar nichts mehr sagen. Wie konnte es schon fast sechs sein? Hatte das alles echt so lange gedauert. Schon war Kelly wieder da, verstaute ihren Geldbeutel wieder und sah in auffordernd an. „Trinkst du die Überbleibsel deines Eis noch aus und kommst dann mit oder soll ich schon tschüss sagen?“, fragte sie.
Peter schüttelte kurz den Kopf und sagte dann: „Ja, klar. Warte kurz.“
Er stürzte die Eisüberbleibsel runter und wischte sich schnell mit dem Handrücken über den Mund bevor er aufsprang und seinen Rucksack schnappte. „Okay, wir können.“, sagte er.
Kelly nickte und begann los zu laufen. Peter lief ihr hinter her. Als sie wieder oben auf dem Weg oberhalb der Strandpromenade angekommen waren, blieb Kelly nochmal stehen und holte einen Helm aus ihrem Rucksack. „Wenn du willst kann ich dir auch immer zeigen was wir im Ballettunterricht gemacht haben.“, meinte Kelly während sie den Helm aufsetzte. Peter war etwas perplex für einen Moment und zog die Augenbrauen zusammen. „Wie meinst du das?“, sagte er mit schief gelegtem Kopf. „Na ja, ich zeige dir einfach immer die Übungen die wir im Unterricht haben. Dann brauchst du nicht mehr heimlich den Ballettunterricht stalken.“ Sie stieß ihm mit ihrer Schulter freundlich an.
„Oh…“ Es brauchte einen kleinen Moment, bis sich die Worte richtig in Peters Kopf gesetzt hatten. „Danke. Ja, danke. Das… ist echt lieb von dir.“ Peter wusste gar nicht wie er auf das Angebot reagieren sollte. Es war toll. Es war mehr als toll. Er fing an wie ein Idiot zu grinsen. „Na dann ist es ausgemacht.“ Kelly lächelte und schwang sich auf ihr Rad. „Ich muss jetzt echt los. Mach’s gut Peter. Wir sehen uns in der Schule. Und richte Justus einen Gruß von mir aus.“ Sie winkte ihm zu bevor sie verschwand. Wie sie drauf kam das er noch zu Justus gehen würde, wunderte Peter etwas, bevor er sich auf den Weg zum Schrottplatz machte. Das war ein ziemliches Stück, aber das war ihm egal. Heute waren Bob und er bei den Jonas zum Abendessen eingeladen, wie jeden Freitag. Den lange Weg würde Peter nutzen um die heutigen Ereignisse noch einmal ausgiebig zu drehen und zu wenden. Ob das hilfreich sein würde, stand auf einen ganz anderen Blatt.
——
Mit 16 Jahren zieht sich Peter oft nach gelösten Fällen, in welchen irgendjemand der dreien in direkter Gefahr war, zurück um Zeit für sich zu haben in welcher er normalerweise einfach nur vor sich hin tanzt und versucht zu vergessen welche Gefühle in ihm brodeln. Die sehr verwirrenden Gefühle Justus und Bob betreffend die ihn nie in Ruhe lassen wollen. Kellys Vorschläge dass er Gefühle für sie haben könnte ignoriert er geflissentliche.
Langsam ging Peter ins demi-plié. Seine Knie schmerzten noch immer von dem Sturz des heutigen Tages und obwohl er sein bestes tat, die Zähne zusammen zu beißen, wusste er, dass er heute nicht so lange Trainern konnte. Wenn Kelly wüsste das er sich mal wieder bei einem Fall verletzt hatte und trotzdem trainierte würde sie ihm einen Vortrag übers schonen des Körpers halten, ihn auf die Couch verfrachten, einen Tee kochen und dann ihn ausfragen, was ihn denn so beschäftigte. Peter war verdammt froh das Kelly nichts davon wusste. Sie würde nur wieder irgendwelche Andeutungen davon machen das er sich damit beschäftigen musste, was in seinem Kopf vor ging. Das musste er nicht. Er musste sich ablenken, in dem er Ballett tanzte. Er streckte wieder seine Beine durch bevor er ins grand-plié ging. Seine Balance war heute nicht so gut, allerdings spornte das ihn nur noch mehr an länger seine Positionen bei zuhalten. Langsam ging er wieder vom grand-plié ins demi-plié und schließlich wieder in den normalen Stand. Nach drei weiteren Wiederholungen des Vorgangs wechselte er von der ersten in die fünfte Position und machte dasselbe, erst viermal mit dem rechten Fuß, und dann vier mal mit dem linken Fuß vorne. Während er zurück in die erste Position ging, schweiften seine Gedanken zu Justus. Peter würgte den Gedanken sofort wieder ab in dem er anfing zu überlegen wie er heute das Tendu kombinieren sollte. Erste, Tendu avant zweimal, Tendu arrière zweimal, dann zwei Tendu zur Seite, den richtigen Begriff für ‚zur Seite‘ konnte er sich nie so gut merken, egal wie oft Kelly ihn ihm sagte. Auf die sechs Tendus folgend würde er in die fünfte Position, rechts vorne wechseln, und zwei Développés in jede Richtung machen. Danach umdrehen und der selbe Vorgang in die andere Richtung mit dem linken Fuß in der fünften vorne. Peter begann die Übungen zum Klang der Musik auf seinen Kopfhörern auszuführen. Seine linke Hand krallte sich an den Schrankvorsprung auf Hüfthöhe. Wieder wollte sich jemand in seine Gedanken schleichen. Dieses Mal war es Bob, aber Peter schob diesen Gedanken genauso gnadenlos weg wie den an Justus. Seine linke Hand fing an sich zu verkrampfen, bevor er den Durchgang beendet hatte und sich in die andere Richtung drehte. Selber Ablauf nur das sich jetzt seine rechte Hand festhielt. Eigentlich mochte er ‚Stangenübungen‘ nicht so gerne, weil sein Kopf da mehr Gelegenheit hatte Gedanklich abzuschweifen, aber er hatte Kelly mal versprochen nicht mit anderen Übungen anzufangen ohne sich aufgewärmt zu haben und diese Übungen war nun mal typischerweise zur Aufwärmung. Er musste sich einfach auf Kelly konzentrieren, wenn er trainierte. Dann konnten lästige Gedanken an Justus und Bobs Blicke von vor ein paar Stunden nicht seine Gedanken vernebeln. Nur endeten die Gedanken an Kelly immer an ähnlichen Stellen, nämlich an den ‚setzte dich mit deinen Gefühlen auseinander Peter‘ Stellen, auf die er genauso gut verzichten konnte. Bis vor einem halben Jahr oder so hatte es noch ausgereicht einfach an ihre Lippen, oder ihre Augen oder ihr Lächeln zu denken und alle lästigen Hinterfragungen von Gefühlen für andere Menschen, waren verschwunden. Nur klappte das bedauerlicherweise nicht mehr. Wenn Peter ehrlich mit sich selbst war hatte es eh nie vollständig funktioniert, aber Peter war nicht ehrlich mit sich selbst. Peter Shaw war heterosexuell. Der heterosexuelleste Typ den man finden konnte in 100 Meilen. Ganz sicher und hundertprozentig heterosexuell. Die kleine Stimme die ihn immer vom Gegenteil überzeugen wollte, kämpfte immer ausgiebig mit der anderen Stimme die ihm erzählen wollte, dass er eigentlich doch ein Mädchen war, weil er Ballett tanzte und manchmal weinte. Peter musste sich ablenken. Wieso klappte das heute nicht. Er brauchte kompliziertere Übungskombinationen. Oder welche die ihm weh taten. Das waren normalerweise die sicheren Ablenkungen. Also war heute wohl Fondu, Grand battement und Petit battement an der Tagesordnung. Am besten in der Reihenfolge entschied Peter. Danach würde er endlich Drehungen und Sprünge angehen.
Fondu würde heute mit seinen malträtierten Oberschenkeln weh tun. Peter mochte es schon so eher weniger, aber heute mit seinen verspannten Muskeln war es genau die richtige Schmerzgrenze, um lästige Gedanken abzuwehren. Er begab sich wieder in die fünfte Position, rechter Fuß vorne und hielt sich wieder links fest. Langsam ging er ins Plié und legte gleichzeitig sein seinen rechten Fuß vorne an den unteren Teil seiner Wade. Während er sein Beine zu strecken begann bewegte er seinen angespannten rechten Fuß nach vorne bis beide Beine gestreckt waren. Er machte zwei Runden Fondu en dehors und en dedans. Danach wiederholte er dasselbe mit dem linken Fuß vorne in die andere Richtung. Seine Oberschenkel brannten die gesamte Zeit schmerzhaft, aber das war Peters Ziel. Wieder mit den rechten Fuß in der fünften Position beginnend ging er zu den Grand battement über. Diese kombinierte er nun mit Petit battements, in dem er erst sein Spielbein nach vorne warf, also ein Grand battement jeté ausführte und danach zu Petit battements anlegte, diese ausführte, darauf folgenden ein Grand battement nach hinten und schließlich zwei Grand battement nach außen, einmal hinten einschließend und einmal vorne einschließend. Peter wiederholte dasselbe auf der anderen Seite und lies dann, von dem Schrankvorsprung an dem er sich festgehalten hatte, ab.
Seine Gedanken waren durch die letzen Übungen tatsächlich effektiv nicht mehr zu irgendwelchen unbeliebten Themen gewandert. Jetzt machte Peter sich daran Changement battu zu üben. Changement battu fiel ihm vor allem an Tagen, wie heute schwer. Wenn er mal wieder volle Körperanspannung an den Tag legen musste nachdem er eigentlich schon total ausgelaugt war. Aber genau deswegen machte er es ja. Desto mehr er sich’s aus Ballett konzentrieren musste, desto mehr konnte er lästige Gefühle und Gedanken vermeiden. Nach einigen Minuten und einer kurzen Verschnaufpause in welcher sein Kopf zu seiner Zufriedenheit leergefegt war, begann Peter mit einer einfachen Tour. Er fixierte einen eigens dafür angebrachten grünen Punkt an der Wand und drehte. Fast strauchelte er beim Beendenden der Tour. Seine Balance und Körperanspannung war heute wirklich nicht die beste. Nach zwei weiteren Touren, ging Peter dazu über Tour Dégagé zu drehen. Nach einigen Durchgängen versuchte er es mit einer doppelten Drehung, aber fiel fast hin. Als er gerade anfangen wollte die drei bis vier Piqués oder Chaînés zu drehen die er irgendwie in seinem Zimmer in Anbetracht des Platzes hinbekam, klopfte es. Peter zuckte zusammen. „Ja!“, rief er in Richtung Tür. Die Stimme seines Vaters drang von der anderen Seite zu ihm: „Es gibt Abendessen Peter. Kommst du?“
„Ja!“, rief Peter und begann sich hektisch umzuziehen bevor er die Treppe runter zum Abendessen essen rannte.
——
Mit 17 Jahren weiß Peter nicht mehr wie er mit alle den verwirrenden Relationen umgehen soll, die er hat und ist wütend auf alle und niemand. Ballett ist sowohl die Ressource seiner Beruhigung also auch einer der Gründe für seine Krise.
Peter sah sich wütend im Spiegel an. Nase gekräuselt und mit verkniffen und verzerrten Mund. Er erkannte sich kaum wieder. Und gleichzeitig schien er genau das zu sein was ihm im Spiegel anstarrte.
„Sei ein Mann! Sei ein Mann! Sei ein Mann! Ahhhh! Scheiße! Scheiße, Scheiß, Scheiße!“, schrie er sich an.
Seine Gedanken wirbelten wie ein Tornado durch seinen Kopf und er würde nicht mal versuchen sie zu ordnen. Das hatte keinen Sinn…
Seine hellbraune Haut sah seltsam fahl aus. Als wäre ein Graufilter darüber. Was war nur falsch mit ihm?! Was war falsch mit seinem verdammten Kopf. Er wollte sich nochmal anschreien, aber beließ es schließlich dabei einfach wütend sein Spiegelbild anzustarren. Als würde es sich auflösen und einen Blick auf den wahren Peter freigeben, wenn er nur lange genug starrte. Wer dieser wahre Peter sein sollte, wusste Peter selbst nicht. Nur das dieser nicht der war der er eigentlich war.
Seine Gedanken schweiften zu Bob und Justus. Während er hier einen Nervenzusammenbruch hatte waren die beiden Kleider und Röcke kaufen. Bob hatte vor nicht all zu langer Zeit heraus gefunden, dass er vielleicht doch nicht so cis männlich war wie er gedacht hatte. Nachdem Justus ihn drauf hingewiesen hatte das cis Menschen eher selten in ihren Träumen ein anderes Geschlecht hatten. Erst hatte Bob nicht weiter darüber nachdenken wollen, wie er Peter und Justus erklärte. Aber nachdem er mehr in sich gegangen war, hatte er auf einmal all diese Gefühle gefunden, die ihn dran erinnerten wie es Justus und Peter ihm immer erzählt hatten, wie es war Trans zu sein. Nach der Erklärung hatte er gefragt ob sie ihm beim Kauf von Kleidern und Röcken begleiten würden, damit er sich nicht so unsicher fühlte. Und das Peter und Justus auch mal ein sie zu dem er/ihm einwerfen konnten. Peter fühlte sich schlecht eher selten sie/ihr für Bob zu verwenden, während Justus sofort angefangen hatte ständig zu variieren, wenn die drei unter sich waren. Es war nicht so, dass Peter irgendwie Schwierigkeiten hatte zu glauben das Bob Trans war. Nur hatte Peter diese beschissene Tendenz seine Unsicherheiten auf andere zu übertragen. Bob hatte immer das Privileg gehabt mit er/ihm angesprochen zu werden ohne Angst zu haben jemand könnte meinen sie wäre nicht jemand der er/ihm Pronomen benutzt. Und Peter war immer drauf eifersüchtig gewesen, dass Bob keine Angst haben musste mit den falschen Pronomen angesprochen zu werden. Egal wie sehr Peter als Cis durchging, die Angst ging nicht weg. Aber für Bob war das sie/ihr keine Quelle fürs Unwohlsein wie es für Peter der Fall war. Daran musste Peter sich immer erinnern. Er tat sein bestes und Bob wusste das auch. Schließlich sagte sie es ihm jedes Mal, wenn er mal wieder sich dafür entschuldigen wollte nur er/ihm für sie zu verwenden.
Peter stellte sich vor wie Bob gerade in einer Umkleidekabine sich in einem Rock freudig drehte, voll von Gender Euphorie. Wie Justus daneben stand und breit lächelte. Kaum merklich spürte er wie sich seine Mundwinkel ebenfalls zu einem kleinen Lächeln zogen. Siehe da, er hatte eine Ablenkung von seinen destruktiven Gedanken gefunden. Langsam wusch er sich das Gesicht und verließ das Badezimmer, nicht ohne sein Gesicht abgetrocknet zu haben. Er ließ sich auf die Couch sinken und legte sich sofort auf den Rücken um die Decke anzustarren. Seine Gedanken ließ er wieder zu Justus und Bob gleiten. Berauscht von den Gedanken seine Freunde später zu sehen träumte er vor sich hin.
Sein klingelndes Handy riss ihn zurück in die Realität. Schnell setzte er sich auf. Zu schnell. Für einen kleinen Moment fühlte er Schwindel, aber das legte sich rasch. Er griff nach dem Handy das er auf dem Bestelltisch liegen gelassen hatte. Kelly rief ihn an. „Hey Kells“, meldete er sich. „Hey Piet“, kam es fröhlich zurück, „ich wollte fragen ob du heute Abend vorbeikommen willst. So gegen sechs, halb sieben? Mein Eltern gehen heute Abend spontan aus und du meintest doch das du gerne wieder ein paar neue Ballettübungen lernen willst, die ich im Unterricht habe.“
Peters Ohren fingen bei den Worten an zu brennen. Natürlich wollte er vorbei kommen. Obwohl er gerade erst einen Zusammenbruch darüber hatte das er als Junge kein Ballett tanzen durfte lauten den ungeschriebenen Gesetzen der Gesellschaft. Besser gesagt, dass das Ballett eine weibliche Sache ist und er deswegen weniger Mann wäre.
„Gerne.“, sagte er schließlich nach einer längeren Pause.
„Ist alles in Ordnung mit dir Peter?“, fragte Kelly besorgt. „Was? Ja, klar. Klar. Alles gut. Hatte nur vorhin so eine beschissene Dysphorie Phase und keine Ahnung.“
„Oh Peter… ich würde dich am liebsten durchs Telefon hindurch umarmen. Soll ich lieber bei dir vorbei kommen und wir versuchen irgendwie das beste aus dem Platz den wir in deinem Zimmer haben, zu machen?“ Peter wurde bei Kelly‘s Worten warm ums Herz.
„Nein, alles gut. Justus und Bob kommen später noch vorbei und ich kann Bob fragen ob er mich, dann mit dem Käfer zu dir bringt. Bestimmt kann er mich auch später abholen, oder ich sage meinen Eltern Bescheid das ich heute Nacht bei dir übernachte.“, antwortete er.
„Meinst du deine Eltern erlauben das?“, kicherte Kelly. „Ich meine, wird wohl kaum einer von uns schwanger werden“, witzelte Peter. „Man kann das nie wissen“, kam prompt die Retoure von Kelly. „Ha ha Kelly“, Peters Stimme tropfte von Sarkasmus, „ heute Abend sicher nicht.“
„Hey Peter, ich weiß. Keine Sorge. Sollte nur ein Witz sein.“ Kellys Stimme klang wieder beruhigend. „Alles gut Kelly, ich weiß es ja auch eigentlich selbst das es nicht ernstgemeint war. Bin nur etwas… na ja du weist schon.“, murmelte Peter.
„Dysphorisch. Ich weiß. Alles gut Peter ehrlich. Stell dir vor ich gebe dir gerade eine ganz große Umarmung und kraule durch deine Haare.“ Peter konnte Kellys Lächeln quasi schon heraus hören.
„Kriege ich das dann auch später wirklich?“ Er wusste das sein Lächeln vermutlich auch deutlich zuhören war für Kelly.
„Klar doch, was ist das für eine Frage?“, Kelly lies eine gespielte Empörung in ihrer Stimme mitschwingen. „Apropos später, wann ist dir jetzt lieber. Eher um sechs oder erst halb sieben? Oder noch etwas später?“
Peter überlegte für einen kurzen Moment und antworte dann: „Eigentlich ist es mir egal, aber ich tendiere zu halb sieben, wenn es okay ist.“
„Peter, Peter, Peter, klar ist das okay. Die halbe Stunde halte ich noch ohne dich aus.“, ihr Ton war ruhig. „Auch wenn ich dich schrecklich vermissen werden.“ Die gespielte Weinerlichkeit in ihrer Stimme war bei diesen Worten deutlich zu hören. Peter konnte sich genau vorstellen wie sie gerade gespielt theatralisch eine Hand an ihre Stirn hielt und eine leidendes Gesicht zog. „Ich liebe dich Kelly“, murmelte Peter. „Ich dich auch“, antwortete Kelly. Eine länger entspannte Pause entstand.
„Wie war dein Tag abgesehen von der Dysphorie Welle?“, nahm Kelly das Gespräch wieder auf.
„Ganz okay, denke ich“ Peter zuckte mit den Schultern auch wenn Kelly es nicht sehen konnte.
„Das freut mich zu hören. Wenigstens einer von uns beide.“, antwortete Kelly mit zerknirschtem Ton. Sofort war Peter in Alarmbereitschaft. „Was war heute bei dir los? Was ist passiert?“, fragte er besorgt.
„Ballettunterricht ist passiert. Eigentlich hatte ich dich auch deswegen angerufen. Um mich abzulenken… Es war einfach beschissen.“ Kellys Stimme war zitterig. Er wusste genau, was das bedeutete. Sie war kurz davor zu weinen. „Hey, alles gut! Ich bin da. Willst du drüber reden? Oder soll ich dir irgendwas ganz anderes erzählen?“ Peter wollte jetzt am liebsten Kelly in seine Arme schließen. Leider war das in diesem Moment schwer zu machen. Kelly begann wieder zu sprechen: „Nein, alles gut. Ich wollte es dir ja erzählen. Sonst hätte ich es wahrscheinlich gar nicht erwähnt.“, Peter unterbrach sie kurz. „Du weißt das du mit mir immer reden kannst oder? Ich meine ich bin dein Freund.“
„Ja Peter, natürlich.“, versicherte Kelly. „Zurück zum Thema. Der Ballettunterricht war eigentlich nicht das Problem. Das Problem war, das ich nachdem Unterricht mitgehört hatte wie zwei meiner Gruppengenossen sich aufgeregt darüber unterhielten das Trans Frauen im Sport und in den Umkleidungen eine Gefahr darstellen und dass sie bloß aus den Schutzräumen der Frauen bleiben sollten…“ Kellys Stimme war erstickt. Peter wusste das ihr vermutlich gerade Tränen die Wangen herunter liefen. „Ach du Scheiße. Oh nein, Kelly“ Er wusste nicht was er tuen sollte. „Du weißt, dass das nicht stimmt! Die reden absoluten Mist. Hörst du mich Kelly? Das ist absolut nicht wahr! Und das weißt du auch! Oh man, jetzt bin ich dran mit ‚Ich wünschte ich könnte dich umarmen und dir durch die Haare kraulen‘.“ Peters Kehle schnürte sich zu. Obwohl er es nicht gewesen war, der diese transfeindlichen Sachen gehört hatte, wusste er ganz genau wie sich Kelly fühlte. Kelly hatte nichts mehr gesagt. „Kelly, bist du noch da? Du bist nicht gefährlich! Und du darfst da genauso sein wie die anderen Mädchen. Verdammt ich war doch auch da als ich klein war. Obwohl ich eigentlich da schon ein Junge war. Nur das es keiner wusste. Und selbst wenn. Die Gefahr geht nicht von uns Trans Menschen aus. Bitte Kelly, denk daran, okay?“ Peter hörte nur ein ersticktes Schluchzen. „Verdammt“, fluchte Kelly. „Ich bin einfach so fertig mit den Nerven. Ich weiß es, Peter. Keine Sorge. Es tut nur so verdammt weh! Weißt du? Ich meine na klar weißt du es! Es tut so scheiße weh. Das eine Mädchen war sogar, die die immer mit solchen feministisch aussehenden Slogans auf T-Shirts oder Taschen rumläuft. Wie sich heraus stellt, gar nicht das was sie eigentlich denkt. Ich meine es tut einfach nochmal so ein bisschen extra weh, dass sie gerade über Trans Menschen herzieht.“
„Ich weiß Kelly. Ich weiß genau was du meinst.“ Peter konnte eigentlich nur zuhören. Die Hilflosigkeit saß immer noch tief in seinen Knochen.
Am liebsten wäre er bei Kelly, könnte sie einfach umarmen und sie nicht mehr los lassen, bis es ihr besser ging. Aber er saß zu Hause.
Nach einer Weile der Stille begann Kelly wieder zu sprechen: „Lass uns jetzt einfach nicht mehr über den ganzen Mist nachdenken!“
„Ja, eine sehr gute Idee. Also worüber wollen wir reden?“, fragte Peter. Einen Moment wurde nichts gesagt, bevor Kelly antwortete: „Habe heute ein süßes Mädchen in der Stadt getroffen.“ Ihre Stimme klang verschmitzt. „Ohhh! Erzähl!“, Peter war Feuer und Flamme wann immer Kelly von ihren Schwärmereien erzählte. Es gab nichts schöneres als seiner Freundin oder seinen Freunden zuzuhören wie sie über ihre neusten Schwärmereien redeten. „Also es war in der Bibliothek. Bob hatte mich doch gebeten ein Buch für ihn zurück zugeben, weil er heute ja keine Gelegenheit haben würde. Und da war so ein Mädchen aus der Highschool gegen die wir letztens Basketball gespielt hatten. Und weil wir uns da schon gut unterhalten hatten, habe ich ihr ‚Hallo‘ gesagte und wir haben uns ein bisschen unterhalten. Es war echt toll.“ Kellys Stimme klang total glücklich und Peter musste lächeln. „Das klingt toll. Hast du ihre Nummer bekommen?“, fragte Peter neugierig. „Jaaaa!“, antwortete Kelly mit siegreichem Tonfall. Jetzt grinste Peter wissend. „Super! Wenn’s was ernstes wird vergiss nicht mich vorzustellen.“, neckte er sie leicht. „Klar doch.“, kicherte Kelly.
In diesem Moment klingelte es an der Tür. Das mussten Justus und Bob sein. „Sind das Justus und Bob?“, hatte Kelly bereits gefragt bevor Peter überhaupt aufgestanden war. „Kann ich dir noch nicht sagen, aber ich denke schon.“, antwortete er wahrheitsgetreu. „Okay, dann lauf schon und schau nach.“, sagte Kelly. Peter war jetzt schon auf halbem Weg zum Flur. „Was glaubst du mach ich?“, konterte er. „Okay, klar. Sorry“, kicherte Kelly. Er war an der Haustür angekommen und öffnet sie schwungvoll. Es waren wie erwartet Bob und Justus. Ins Handy sagte er: „Sind Just und Bob.“
Er lächelte die beiden an. „Okay dann leg ich mal auf. Wir sehen uns ja später. Gib den beiden einen Kuss von mir.“ Er konnte Kellys Lächeln deutlich heraus hören. „Mach ich! Tschüss Kells! Bist später. Hab dich lieb.“, sagte Peter. Nachdem Kelly sich ebenfalls verabschiedet hatte legte Peter auf und wand sich jetzt richtig seinen Freunden zu. „Heyyyy!“, begrüßte er die beiden übermütig und zog sie herein. „Hey Peter“, grüßte Bob ihn zurück liebevoll Lächelnd. Justus nickte nur, ebenfalls lächelnd. „Geht schon mal ins Wohnzimmer!“ sagte Peter fröhlich und drehte sich nochmal zur Tür um diese zu schließen. Letztendlich kamen sie gleichzeitig im Wohnzimmer an, weil Peter vergessen hatte, das die beiden sich noch die Schuhe ausziehen mussten und Tür schließen jetzt keine sonderlich zeitaufwendige Aufgabe war. Justus und Bob hatten ihre Rucksäcke auf dem Boden angelegt und Bob zog gerade eine Einkaufstüte aus seinem. Er grinste als hätte er gerade im Lotto gewonnen und Peter schmolz dahin.
Erst jetzt bemerkte er das Bob bereits einen Rock trug anstatt die Jeans, welcher er heute morgen in der Schule anhatte. Es war ihm nur bis gerade nicht aufgefallen, weil er damit beschäftigt war Justus zu mustern, welcher sich offenbar auch noch ein neues Kleidungsstück besorgt hatte bei dem kleinen Shopping Trip. Und natürlich war es eines dieser grellen Shirts mit verrückten Mustern, die er so liebte. Justus hellbraune Haut wirkte heute fast leuchtend, wobei das vermutlich eher durch das Shirt kam, als durch ein tatsächlichen Leuchten der Haut. Peter grinste in sich selbst hinein. Sowohl Bob als auch Justus sahen unglaublich hübsch aus heute. Er hoffte inständig die beiden würden ihm nicht ansehen das er vor vielleicht einer Stunde noch total am Ende gewesen war. Darüber würde er mit ihnen an einem anderen Tag reden. „Also!“, riss Bob ihn aus seinen Gedanken. Er hatte verschiedene Kleidungsstücke auf der Couch verteilt. Mehrere Kleider einige Röcke und Shirts. Das war weit aus mehr als Peter erwartet hatte, wenn er ehrlich war. „Also?“, hackte Peter nach. Bob verdrehte die Augen gespielt genervt. „Du warst wieder weg mit den Gedanken oder?“, kicherte sie und schüttelte den Kopf. Peter nickte einfach nur und spürte wie seine Wangen warm wurden. „Sorry, ja“, sagte er schließlich. „Alles gut Peter, musst dich nicht entschuldigen. Bob hatte gefragt was er zu erst anziehen und dir vorführen soll.“, warf Justus ein und lächelte ihn an. „Oh okay klar. Warte kurz Bob.“ Peter betrachtete die Auswahl ausgiebig bevor er sich für das Sommerkleid mit Blumenornamenten entschied. Er deutete darauf. „Das da sieht hübsch aus.“ „Das ist auch mein liebstes.“, sagte Bob und nahm es. „Oh und Bob. Der Rock steht dir auch super. Sorry, wollte ich eigentlich schon längst gesagt haben. Aber dann hatte ich es irgendwie nicht gemacht.“ Bobs Wangen wurden von einem leicht rosa Hauch geschmückt und er nickte nur dankend, bevor er unverzüglich samt Kleid aus dem Wohnzimmer verschwand. Peter sah zu Justus herüber. „Dir steht dein neues Shirt übrigens auch super.“ Jetzt wurde Justus Wangen leicht bronzefarben und er wand sein Gesicht schnell ab. Just war immer noch nicht sonderlich gut darin Komplimente im Bezug auf alles was nur Ansatz weise auf sein Aussehen bezogen war anzunehmen. Peter wollte gerade dazu ansetzen etwas zu sagen, als Bob wieder den Raum betrat. Das Kleid stand ihm wirklich unglaublich gut. Bob lief zu Justus und ihm herüber und legte seine alte Kleidung auf der Couch zu den restlichen Kleidungsstücken. „Und?“ Bob blickte ihn erwartungsvoll an. „Steht dir echt unglaublich gut. Ich meine echt! Wow! Einfach nur wow! Unglaublich!“ Peter betrachtete Bob von oben bis unten. „Dreh dich mal!“, schlug er vor. Das lies sich Bob nicht zweimal sagen und drehte sich langsam hin und her, bis sie schließlich dazu überging sich schnell zu drehen. Die Blumen mit denen das Kleid bestickt waren tanzten fast über den Stoff. Alles woran Peter in diesem Moment denken konnte war wie unglaublich glücklich er war, Bob und Justus zu haben. „Das ist echt so ein cooles Gefühl.“, sagte Bob Kopfschüttelnd, nachdem er aufgehört hatte sich im Kreis zu drehen. „Ich meine dieses Gefühl wenn man sich in einem Kleid oder Rock dreht. Es macht so viel Spaß.“ Ihr Lächeln war so breit das man es vermutlich Meilenweit sehen könnte. Peters gesamten Körper durchströmte die angenehme Wärme die er immer empfand, wenn er in der Nähe von Justus, Bob oder Kelly war und diese glücklich waren. Diese pure Zufriedenheit. Die nichts auf der Welt auch nur annähernd beschreiben könnte.
Nach dem Kleid zog Bob eine Shirt und Rock Kombination an, die Peter fast den Atem raubte. Ein weißer knielanger Rock mit aufgestickten blauen Wellen kombiniert mit einem schwarzes Crop Top mit einer weißen Aufschrift die sagte ‚F*ck off‘. Es war ja eigentlich nichts außer gewöhnliches an dem Outfit, aber Bob sah einfach nur unglaublich darin aus. Mit seinen schulterlangen dunkelblonden eigentlich schon hellbraunen Haaren zu einem unordentlichen Dutt gebunden, war es in Peters Augen einfach das best Outfit das er jemals an Bob gesehen hatte.
Wie sich heraus stellte lösten alle der gekauften Kleidungsstücke ähnliche Gefühle in Peter aus. Gegen Ende hin wurde ihm klar, dass das weniger an den Outfits lag und mehr daran wie unglaublich glücklich Bob wirkte. So als hätte sie sich wirklich gefunden. Die Gender Euphorie stand ihm unglaublich gut, stellte Peter fest.
Er wollte dieses Moment einfangen und in einem Einmachglas verstauen, damit er ihn immer und immer wieder erleben konnte. Wie sie hier zusammen im Wohnzimmer waren. Wie Justus neben ihm genauso glücklich aussah wie Peter selbst und wie sie einfach nur zusammen diesen Moment erlebten. Justus griff nach seiner Hand während Bob kurz ins Bad verschwunden war. Peter sah zu ihm herüber und lächelte. „Ich glaube ich habe Bob noch nie so glücklich gesehen wie heute.“, stellte Justus fest. „Ich auch nicht.“, stimmte Peter zu.
Bob betrat wieder den Raum. „Helft ihr mir beim Zusammen legen?“, fragte er und wand sich den Kleidern zu. „Klar doch.“, antwortete Justus und Peter nickte. Nachdem das beendet war, fiel Peter auf einmal wieder ein das er ja Bob fragen wollte ob sie ihn zu Kelly fahren und auch später wieder abholen konnte. „Bob, Kelly und ich wollen später noch etwas Ballett trainieren und ich wollte fragen ob du mich hin fahren und später auch wieder abholen kannst? Der MG ist doch in der Werkstatt.“ Peter sah Bob abwartend an. „Klar doch Pete!“, antwortete Bob.
„Danke.“
Bis kurz vor sechs amüsierten sich die drei noch prächtig und dann machte sich Bob daran erst Justus am Schrottplatz und dann Peter bei Kelly abzusetzen. Peter hatte den beiden sogar noch die Küsse von Kelly gegeben, die er beinah vergessen hätte.
Als Peter bei Kelly war kuschelten sie erstmal ausgiebig und Kelly kraulte Peter wie versprochen durch die Haare.
Gegen acht Uhr Abends standen sie zusammen in Kellys zum Trainingsraum umfunktionierten Wohnzimmer. Wie immer hatten Kelly und Peter die Möbel in Kellys riesigen Wohnzimmer zur Seite geschoben um fürs trainieren eine große Fläche zu schaffen.
Sie hatten sich ausgiebig aufgewärmt und schon Übungen in der Mitte gemacht. Jetzt wollten sie zu den Tanzschritten in der Diagonalen übergehen.
„Also was wollen wir heute Abend üben? Die Piqué Chaîné Combo nochmal? Die haben dir doch letze Woche so viel Spaß gemacht.“ Kelly lächelte ihn warm an.
„Uhh ja! Die Kombos sind toll. Ich liebe die Dinger. Aber dann was neues. So wie du es mir versprochen hattest vorhin.“ Er zog eine Augenbraue hoch und grinste so breit das er vermutlich der Sonne Konkurrenz machen konnte.
„Klar doch Peter.“ Kelly tippte ihm auf die Nase und davon musste Peter wie ein kleines Kind kichern.
Die neuen Übungen, die Kelly Peter zeigte, waren eine neue Walzerschrittabfolge, nicht wie sonst, von Ecke zu Eck mit Fußwechsel beim Schritt in den Raum war und man sich seitlich zur Ecke drehte in die man wollte, sondern mit dem Blick direkt in die Ecke und einem etwas andere Beinwechselabfolge, Entrelacé und dann noch eine Übungskombination aus Failli und Sissone ouvert. Alles lief relativ gut laut Kellys Aussage, allerdings hatte Peter das Gefühl die Walzerschritte irgendwie durcheinander zu bringen und das Entrelacé, war vermutlich auch nicht das beste.
„Wollen wir noch große Sprünge üben?“ Kelly sah Peter fragend an.
„Oh uh… ja?“, murmelte er unsicher. Eigentlich war er kein so großer Fan von den großen Sprüngen, weil er dabei immer das Gefühl hatte die Kontrolle zu verlieren, und weil er das Gefühl hatte sein Körper würde total uncoordeniert sein. Kelly lächelte ihn verständnisvoll an, aber sagte dann: „Wenn du’s nicht übst kann’s auch nicht einfacher werden.“ Sie schlug im leicht auf den Oberarm. Zähneknirschend stimmte Peter ihr zu. „Komm schon.“, Kelly stieß mit ihrer Schulter spielerisch an seine. „Also“, Kelly stellte sich in Position, „Anlaufschrittvorgang fürs Grand jeté, dessen Bezeichnungen mir gerade selbst entfallen sind. Und dann ins Grand jeté, bis zur anderen Ecke.“ Kelly setzte zu den Anlaufschritten an und sprang mehrere Grand jetés, bis sie kurz vor der Ecke mit einem Abschlussschritt endete. Linker Fuß nach hinten gestreckt, Fußspitze auf dem Boden, rechter Fuß als Standbein und Arme spiegelverkehrt ausgestreckt, mit dem linken Arm nach vorne und dem rechten nach außen. Sie sah immer so elegant aus wenn sie tanzte, sinnierte Peter vor sich hin. Kelly war schon wieder neben ihm. „Jetzt du.“ Sie lächelte ihn aufmunternd an und Peter setzte zum Anlaufschritt an, aber brach sofort wieder ab, weil er seine Füße total falsch koordiniert hatte. Eine weitere Sache die er an Grand jetés hasste. Diese Anlaufabfolge, wollte nicht in seinen Kopf. „Okay, einfach nochmal versuchen.“, murmelte Kelly. Peter lief das kurze Stück wieder zurück zur Ecke bevor er nochmal ansetzte. Dieses Mal ging es auf und er sprang ins Grand jeté. Er hatte das Gefühl richtig im Flow zu sein. Es klappte ungewöhnlich gut. Nur hatte Peter sich etwas mit dem Abstand zur anderen Ecke verschätzt und stieß sich fast die Nase an der Wand als er eine Vollbremsung machte. Er hatte sich etwas ungelenk abgefangen und stützte sich kurz gegen die Wand. Kelly war in schallendes Gelächter ausgebrochen und lief zu ihm herüber. „Oh Gott Peter haha! Was machst du denn da?“ Sie versuchte gar nicht ihr Lachen zu unterdrücken. Peter schaute mit verzerrten Gesicht an bevor er ebenfalls laut zu lachen anfing. „Keine Ahnung“, kicherte er. „Das war eigentlich nicht geplant.“, stellte er so nüchtern er konnte fest, aber er konnte sein eigenes Lachen wirklich nicht zurück halten, also prustete er einfach wieder los. Kelly hatte sich immer noch nicht eingekriegt, aber brachte es trotzdem zustande zu sagen: „Okay, versuchen wir das einfach noch mal. Auf Anfang!“
Sie zog den immer noch lachenden Peter wieder zurück in die andere Ecke. „Los gehst!“, wies sie ihn einfach an. Peter setzte immer noch kichernd an noch einmal Grand jetés, zu springen es lief nicht so gut wie die vorherige Runde was die Eleganz der Sprünge anging, aber dieses Mal klappte es mit dem Abschlussschritt. Kelly klatschte. „Jetzt müssen wir nur noch die super Sprünge mit dem korrekten Abschlussschritt kombinieren.“, stellte sie fest und lief zu Peter herüber. „Also andere Richtung jetzt.“, meinte sie bevor sie zu den Grand jetés, ansetzte dieses Mal in die Richtung der Ecke aus der sie eben gestartet waren. Peter beobachtete sie wie immer genau. Ihre muskulösen Beine streckten sich auf dem höchsten Punkt im Grand jeté Sprung grazil und Peter war wie immer schwer beeindruckt davon wie seine Freundin aussah, wenn sie Ballett tanzte. Einfach zum verlieben. Jetzt musste Peter an das erste mal denken als Kelly ihm provisorischen Ballettunterricht gegeben hatte. Es war ein kleines Desaster gewesen, weil sie kaum mehr wusste als er was die korrekte Ausführung oder Bezeichnungen von Übungen anging. Aber mit der Zeit hatten sie sich zu einem eingespielten Team entwickelt. Kelly hatte angefangen sich immer direkt nach der Stunde alle Bezeichnungen der Übungen und deren Ablauf genau aufzuschreiben. Dann waren sie es immer zusammen beim üben durch gegangen. Peter wurde jedes Mal warm ums Herz, wenn er daran dachte wie das hier angefangen hatte. Ohne Kelly würde er vermutlich immer noch dem Traum Ballett zu tanzen nach weinen ohne sich zu trauen es tatsächlich anzugehen, aus Sorge davor was die Menschen über ihn dachten. Kelly und er hatten die Meinung anderer Menschen schon lange in den Wind geschossen. Okay, Kelly war darin definitiv besser als Peter. Das zeigte allein seine Krise von vor ein paar Stunden, aber trotzdem. Kelly hatte als sie in die Highschool kamen, wieder mit dem Basketball spielen angefangen und gleichzeitig auch das Cheerleding, während Peter noch nicht mal seinen Eltern erzählte dass er mit Kelly Ballett übte und das Gefühl hatte etwas verbotenes zu tuen. „Peter!“, riss ihn Kellys Stimme aus den Gedanken. Sie lächelte und sah ihn abwartend an. „Du bist dran.“, sagte sie. Peter konnte sich denken das sie vermutlich schon einmal ihn aufgefordert hatte loszulegen. Leicht peinlich berührt setzte sich Peter in Bewegung. Es klappte besser sowohl was die Balance als auch was den Abschlussschritt anging. Peter lächelte stolz auf sich selbst als er neben Kelly ankam. Ohne das sie etwas sagen musste lief Peter zurück und wiederholte die Übung. Diese Runde klappte noch besser und Peter endete breit lächelnd in im Abschlussschritt. Kelly lächelte ebenfalls. „Und deswegen übt man. Jedes Üben verbessert.“, sagte Kelly. Vorsichtig nahm sie Peters Hände in ihre und schaute ihm tief in die Augen. Sie küsste ihn federleicht und Peter spürte das Lächeln das sie auf den Lippen hatte.
„Révérence und dann aufhören für heute?“, fragte sie nachdem sie den Kuss beendet hatte. Peter lächelte so sehr das ihm schon die Mundwinkel weh taten und nickte nur. Er hätte nicht gedacht, das heute nochmal so schön sein konnte. Der Zusammenbruch von vorhin hing ihm immer noch nach. Sie stellten sich auf und führten die Révérence aus. Eine Révérence zum Ende des Trainings zu machen hatten sich angewöhnt, weil es auch das war was Kelly immer am Ende im Ballettunterricht machte. Außerdem gab es einfach ein Gefühl der Abgeschlossenheit.
Danach begannen die beiden die Möbel zurück an ihre Plätze zu schieben und ließen sich schließlich auf die Couch fallen. Peter kuschelte sich an Kelly und schloss zufrieden die Augen. Kelly begann ihm sanft durch die Haare zu fahren. Zufrieden seufzte Peter. So konnte man leben. Sanft gab Kelly ihm einen Kuss auf die Stirn. „Wie war Bobs Einkaufstrip mit Justus?“, fragte sie unvermittelt. Peter öffnet die Augen und sah müde zu ihr hoch. „Super“, murmelte er. „Bob hat so gestrahlt als sie mir die Outfits gezeigt hat. Glaube ich habe ihn noch nie so glücklich gesehen. Es war unglaublich süß.“ Peter lächelte in sich hinein, als er daran dachte. Kelly lächelte daraufhin ebenfalls. „Das klingt doch schön. Die Outfits zeigt mir Bob besser auch noch. Kann’s kaum erwarten zu sehen was er sich so an Kleidern und Röcken zugelegt hat.“, Kelly machte eine kleine Pause. „Vielleicht klau ich mir auch mal welche von ihr. Wer weiß.“ Jetzt zierte ein unschuldiges Lächeln ihr Gesicht, das Peter nur zu gut kannte und dass das genau Gegenteil von Unschuldig war. Peter zog ihr Kinn mit einer Hand zu sich herunter und küsste sie vorsichtig. „Wie viel Uhr ist es eigentlich?“, murmelte er. Kelly warf einen Blick auf die im Wohnzimmer hängende Uhr und antwortete: „Gleich neun.“ Peter nickte dankend. „Bob holt mich um zehn Uhr dreißig ab und fährt mich nach Hause.“, summte er bevor er wieder die Augen schloss und zu dösen anfing. Kelly strich ihm sanft den Arm auf und ab und flüsterte: „Okay“ in der Nähe seines Ohres. Peter driftete in einen leichten Schlaf.
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Mit 18 Jahren brechen Kelly und Peter ab und an abends in die Ballettschule ein um dort zu trainieren.
„Schau mal was ich hier habe.“ Kelly grinste frech und wedelte mit einem Schlüssel vor seiner Nase herum.
Der Schlüssel klimperte laut.
„Einen Schlüssel.“, stellte Peter trocken fest.
„Nicht irgendeinen Schlüssel.” Es schlich sich ein Ausdruck auf Kellys Gesicht, den Peter sonst nur von Justus kannte, wenn er mal wieder dabei war irgendwo einzubrechen oder eine andere Straftat zu begehen. Oder es zumindest plante.
Jetzt schwante ihm übles. „Sag’s nicht.“, stieß er nur aus. „Das ist der Schlüssel für die Ballettschule“, sagte Kelly trotz seiner Bitte triumphierend. Peter hatte die ganze Zeit schon eine Vorahnung gehabt, dass es darauf hinauslaufen würde, aber einfach gehofft er irrte sich. Aber Kelly hatte den Schlüssel und sie standen vor der Tür der Ballettschule. Da war wenig Interpretationsmöglichkeit. Ohne ihn weiter zu beachten schloss Kelly die Tür auf.
„Das ist Einbruch, weist du das eigentlich?“, sagte Peter vorwurfsvoll. Kelly drehte sich zu ihm um und legte grinsend den Kopf schief. „Ist es wirklich Einbruch wenn man offiziell den Schlüssel besitzt?“, fragte sie. Peter verdrehte nur die Augen. „Du weist genau was ich meine“, murrte er. Kelly setzte ihr unschuldigste Lächeln auf und trat durch die Tür. Ohne groß Nachzudenken folgte Peter ihr herein. Es war ja nicht so als ob er nicht schon oft irgendwo eingebrochen war. Nur halt normalerweise nur um irgendwelches Beweismaterial zu finden oder einfach weil Justus ihn mit einem Augenaufschlag davon überzeugt hatte, obwohl er selbst strickt dagegen gewesen war.
Es war ein komisches Gefühl in den Räumlichkeiten der Ballettschule zu sein, nicht weil sie sich hier unbefugt aufhielten, sondern weil das letze Mal, das er hier gewesen war mit fünf, er absolut keine Ahnung gehabt hatte das es sein letztes Mal für über zehn Jahre sein würde, das er einen Fuß in dieses Gebäude setzte. Kelly zog ihm zu den Umkleideraum, stellte ihre Tasche ab und begann sich umzuziehen. Bei Peter dauerte es etwas länger bis er fertig umgezogen war. Alles kam ihm irgendwie unreell vor und hätte man ihm erzählt, dass es nur ein Traum war, hätte er es geglaubt. Es war weder ein schlechter noch ein guter Traum. Es fühlte sich einfach nur unwirklich an.
Kelly verschwand schon in den Tanzsaal, während Peter noch immer die Situation erfassen musste.
Nach einer Weile folgte er ihr schließlich.
„Wollen wir anfangen?“, fragte sie einfach nur als er zu ihr an die Stange lief. Er nickte und sie begannen sich aufzuwärmen. Peter überlegte ob dieses Gefühl der Unwirklichkeit bald aufhörte. Als sie schließlich zu den Übungen durch die Diagonale ankamen, hatte Peter es geschafft sich richtig auf alles zu konzentrieren. Die Grand jetés waren eindeutig einfacher in einem großflächigen Ballettsaal als in Kellys Wohnzimmer. Peter musste nicht so sehr darauf achten wie viele Sprünge er machte und konnte sich stattdessen auf Höhe und Länge konzentrieren. Die Trainingseinheit war die beste seit Jahren, wenn Peter ehrlich war, auch wenn er immer wieder daran dachte, dass sie theoretisch eingebrochen waren. Kelly bestand darauf das Ganze nicht als Einbruch zu bezeichnen sondern als Nutzung eine Trainingsmöglichkeit. Sie besaß schließlich offiziell den Schlüssel um Training zu geben. Der Einwurf von ihm, dass sie als Unterstützung beim Ballettunterricht von den kleinen Kindern fungierte und damit sicher nicht gemeint war, „Du darfst deinen Freund immer heimlich Abends zum Ballet trainieren mitbringen.“, ignorierte sie.
Aus dem, wie Peter dachte, einmaligen Einbruch wurde eine dreimal wöchige Routine, die dafür sorgte, dass er besser und besser wurde und weniger und weniger das ganze als Einbruch ansah.
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Mit 20 Jahren fühlt Peter sich endlich wieder so sicher in seiner selbst, das er offen übers Ballett tanzen reden kann, und sich nicht mehr schämt zu erwähnen, dass er regelmäßig Ballett Training hat. Außerdem hat er „offiziell“ angefangen Ballett zu tanzen in einer von seiner Universität organisierten Sportprogrammen, worüber er auch mit seine Eltern geredet hat.
Peter starrte sich im Spiegel an während des tanzens. Eigentlich war er gut darin geworden die kleine Stimme, die sich Dysphorie nannte, abzuschalten, aber in diesem Moment, als er die Assemblés sprang flüsterte sie ihm zu das er eine weibliche Hüfte hatte. Anstatt sich in eine Abwärtsspirale hinein ziehen zu lassen fokussierte er sich auf die Übung und seine Umgebung. Die anderen Teilnehmenden der Ballettgruppe waren entweder ähnlich gut im Tanzen wie er oder sogar besser, was ihm ursprünglich verwirrte hatte, da es eigentlich eine Anfängergruppe hätte sein sollen. Letztendlich waren es aber nur Menschen geworden die entweder noch zusätzlich zu ihren regulären Ballettstunden trainieren wollten oder Menschen welche wieder das Ballett angefangen hatten, nachdem sie Schulbedingt aufhören mussten. Anders als in der Ballettschule in Rocky Beach, welche eigentlich nur aus Mädchen und Frauen bestanden hatte, waren in seiner Uni Ballettgruppe sowohl Frauen als auch Männer und zwei nichtbinäre Menschen zu finden. Peter fühlte sich in der Zusammensetzung wohl. Ballettunterricht regelmäßige besuchen zu können tat ihm abgesehen von seltenen Dysphoriewellen sehr gut. Die Tatsache das er nicht mehr das Gefühlt hatte seine Leidenschaft fürs Ballett verstecken zu müssen um als Mann ernstgenommen zu werden, tat ihm gut. Alles an dem Ballett tat gut. An der Uni und mit der Möglichkeit Ballett zu tanzen hatte Peter es geschafft endlich seine Ängste aufzuarbeiten, nicht Mann genug zu sein. Männer tanzten genauso Ballett wie Frauen das taten und nichts daran war in irgendeiner Form falsch.
Das Ballett tanzen gab Peter die Möglichkeit seine Gedanken schweifen zu lassen und sich gleichzeitig zu konzernieren. Es war ein Ausgleich für all den Stress und all die Sorgen, die ihn sonst oft plagten.
