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Deutsch
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Published:
2023-06-25
Words:
2,054
Chapters:
1/1
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6
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160

Nigdy nie marzyłem, że spotkam kogoś takiego jak ty

Summary:

Adam und Wiktor, damals in Szczecin und heute, in einem Garten in der Nähe von Frankfurt.

Notes:

Nigdy nie marzyłem, że spotkam kogoś takiego jak ty = I never dreamed that I'd meet somebody like you

Work Text:

Kunowice, August 2023

Prüfend mustert Adam die Tomate in seiner Hand.

Die Ernte ist wirklich gut ausgefallen, besser als er erwartet hat, aber schließlich hat er auch endlich Zeit, sich um einen Garten zu kümmern, anstatt wie früher alle zwei Wochen hektisch Blätter von den Pflanzen zu zupfen und sonst für Regen zu beten.
Mit einem Lächeln legt Adam die Tomate zu den anderen im Korb, beäugt noch einmal kritisch die Tomatenpflanze, dann geht er langsam zu seiner Hütte zurück.

Im Radio dudelt eine krude Mischung “der 80er, 90er und den Hits von heute”, und Adam wäscht summend die Tomaten unter kaltem Wasser, als im Hintergrund das Gartentor leise quietscht.
Adam erhascht einen Blick auf die Uhr über der Spüle und lächelt.
Pünktlich auf die Minute.

 

Szczecin, August 1992

Adam umklammert seine Bierflasche noch fester und macht einen weiteren Schritt zurück zur Wand.

Um ihn herum herrscht reges Stimmengewirr, unterbrochen von Musik, die eigentlich viel zu laut ist. Zwischendurch hört er ein helles Lachen, das Klirren eine Flasche, die umgeworfen wird.
Adam weiß schon, warum er Parties eigentlich nicht mag.
Aber Kasia wird schließlich nur einmal achtzehn, und Adam ist so froh, dass seine Mutter ihn alleine hat fahren lassen, er endlich mal ein Wochenende von zu Hause weg ist, dass er sich tapfer diesem Gewusel aussetzt, sogar versucht, sich zu amüsieren.
Wohlgemerkt versucht.

“Jetzt guck doch nicht so,” ruft ihm Kasia ins Ohr.
“Ich guck doch gar nicht,” ruft er zurück und erntet ein skeptisch verzogenes Gesicht.
“Du könntest dich ja auch mal mit jemandem unterhalten, anstatt hier die ganze Zeit in deiner Ecke zu stehen,” sagt Kaisa dann, und Adam lacht sie beinahe aus.
Mit wem soll er sich denn hier unterhalten?
Er kennt niemanden, ist ja selber fremd in der Stadt, und wüsste gar nicht, wie er ein Gespräch anfangen soll.
“Guck mal, Wiktor ist auch ganz allein, das wäre doch was,” deutet Kasia in die gegenüberliegende Zimmerecke.
Adams Blick folgt ihrem Finger, landet auf einem Jungen, vielleicht sein Alter, vielleicht ein, zwei Jahre älter.
Rothaarig ist er, mit Sommersprossen, die Adam selbst auf die Entfernung erkennen kann, und einem ähnlich hilflosen Gesichtsausdruck, wie Adam ihn in seinem eigenen Gesicht vermutet.
“Und was soll ich zu ihm sagen,” fragt er Kasia auch nur.
“Keine Ahnung. Hallo?”
Adam zieht die Augenbrauen zusammen. Das scheint ihm irgendwie etwas dünn, und er nimmt lieber einen Schluck aus seiner Bierflasche.

 

Kunowice, August 2023

“Und, hast du alles dabei?”
Wiktor hält grinsend einen Beutel hoch. “Aber natürlich.”
Adam nimmt den Beutel entgegen, wirft einen kurzen Blick hinein, nickt anerkennend, als er Knoblauch, Zwiebeln und Dill entdeckt.
Dann fischt er ein Glas hervor, hält es Wiktor unter die Nase.
“Selber eingelegt?”
“Was denkst du von mir,” antwortet Wiktor gespielt empört. “Als würde ich eingelegte Gurken im Supermarkt kaufen.” Wiktors Nase kräuselt sich angewidert, und Adam lacht leise in sich hinein.

“Wenn du mir Gurken aus dem Supermarkt gebracht hättest, hätte ich dich wieder rausgeschmissen,” sagt er mit breitem Grinsen.
“Hättest du nicht.”
“Ach nein?”
Wiktor schüttelt nur langsam den Kopf. “Dann hättest du ja niemanden gehabt, der dir alles klein schneidet.”
Adam hebt eine Hand, hält sie sich theatralisch vor die Brust. “Es trifft mich tief, dass du glaubst, ich hätte dich nur deswegen eingeladen.”
Kurz sehen sie sich an, dann prusten sie beide los, bis sich Wiktor zur Seite dreht.
“Gut, wo sind die Messer?”

 

Szczecin, August 1992

Der Lärm- und Alkoholpegel liegt mittlerweile weit höher, als es Adam lieb ist, und es ist nicht einmal Mitternacht, Kasia immer noch keine achtzehn.
Er sieht sich suchend um, aber mittlerweile ist Wiktor nicht mehr alleine, wird er belagert von einer von Kasias Freundinnen, Agata oder Agnieszka, so genau hat Adam bei der Vorstellung nicht zugehört.
Adam verspürt einen kleinen Stich, den er sich nicht erklären kann, und er stellt seine leere Bierflasche ab, verkriecht sich lieber auf den Balkon.

Kalte Nachtluft weht ihm um die Nase, und er nimmt tief Luft, legt den Kopf in den Nacken und schaut in den Sternenhimmel.
Dann erspäht er eine Zigarettenpackung auf dem Tisch. Verstohlen fischt er sich eine heraus, zündet sie an und pustet Rauch in die Nacht.
Seine Mutter würde ihn umbringen, wenn sie das wüsste, und das macht es nur besser, nur interessanter, und er unterdrückt den Hustenreiz in seiner Kehle, atmet lieber noch tiefer ein.
Er hört ein leises Geräusch hinter sich, und als er sich umdreht, steht da Wiktor hinter ihm, sieht ihn schief grinsend an.
“Ganz schön laut da drinnen, oder,” hört er ihn fragen, leise und schüchtern und unsicher.
“Hm,” macht Adam auch nur unverbindlich, fühlt sich ertappt, obwohl er selbst nicht weiß warum, Wiktor kennt ihn ja gar nicht.
“Und woher kennst du Kasia,” will Wiktor wissen.
Darauf weiß Adam glücklicherweise sofort eine Antwort. “Ich bin ihr Cousin. Unsere Mütter sind Schwestern,” erklärt er.
Wiktor nickt nur stumm.
“Adam,” stellt Adam sich dann auch vor, als ihm bewusst wird, dass man das in solchen Situationen tut.
“Wiktor.”
Wiktors Lächeln ist sehr hübsch, lässt seine blauen Augen funkeln, das fällt Adam auch in dieser Beleuchtung auf.
Irritiert wendet sich Adam ab, weiß gar nicht, warum er das denkt, das ist doch auch merkwürdig, dass er das überhaupt bemerkt.

Er neigt den Kopf zur Seite, als er wieder Rauch ausatmet. “Und woher kennst du Kasia?”
“Ich kenne sie gar nicht. Aber Szymon hat mich mitgenommen.”
Adam hat keine Ahnung, wer Szymon ist, fragt aber auch nicht nach, hält lieber die Zigarette hoch.
“Auch eine?”
Wiktor schüttelt nur den Kopf, und Adam nickt verstehend, nimmt noch einen Zug.

“Ach, hier bist du,” hört er Kasia von der Balkontür aus rufen. “Ich dachte schon, du wärst gegangen. Wir spielen jetzt Flaschendrehen, kommst du?”

 

Kunowice, August 2023

Adam dreht die Flamme nach unten, legt einen Deckel auf den Topf und wischt sich die Hände an der Jeans ab.
“Das braucht ja jetzt ein bisschen,” murmelt er, geht langsam aus der Küche, durch die Hütte, bis er auf der Terrasse steht.

Wiktor tritt gerade hinter ihm auf die Holzdielen, als er ein Feuerzeug an seine Zigarette hält.
Für einen Moment stehen sie nur schweigend nebeneinander, Adams Blick zufrieden auf seinen Garten gerichtet.
“Die Pause tut dir gut,” sagt Wiktor plötzlich.
“Ja,” fragt Adam überrascht.
“Du hast mich heute noch nicht einmal angeschrien.”
Wiktor sagt das ganz neutral, als würde er übers Wetter reden, als wäre es nichts weiter wichtiges.
Adam zieht nachdenklich an seiner Zigarette, atmet Rauch aus der Nase.
“Das habe ich oft gemacht, oder,” fragt er irgendwann leise.
Wiktor zuckt nur mit den Schultern. “Ich hab nicht mitgezählt.”

Nachdenklich nickt Adam, schnippt Asche in den Aschenbecher, rollt die Zigarette zwischen den Fingern.
“Tut mir leid.”
Wiktors Schultern wandern nach oben. “Ist ja jetzt vorbei.” Dann wendet er sich Adam zu, grinst ihn verstohlen an. “Hoffe ich doch.”
Adam kann sich nicht helfen, er muss lachen. “Also, garantieren kann ich für nichts.”
“Haha,” macht Wiktor nur trocken.
Adam drückt die Zigarette aus, geht wieder in die Küche, hebt den Deckel und lugt in den Topf.
“Ich glaub, wir können dann schon mal den Tisch decken.”
Wiktor öffnet nur wortlos einen Schrank.

 

Szczecin, August 1992

Eine Runde kichernder Jugendlicher, irgendwo zwischen sechzehn und neunzehn, im Kreis auf dem Teppich kniend, in der Mitte eine leere Weinflasche.
“Also, ganz einfach,” erklärt Kasia, “auf wen die Flasche zeigt, den müsst ihr küssen.”
Das Kichern wird lauter, bedeutungsschwangere Blicke werden gewechselt, jemand reibt sich erwartungsvoll die Hände.

Adam will schon fast wieder aufstehen, ist sich nicht sicher, ob er in diesem Kreis überhaupt etwas zu suchen hat, da rutschen ihm gegenüber zwei Leute auseinander, und Wiktor kniet sich dazwischen, die Augen unsicher auf die Flasche gerichtet.
Adam schluckt trocken, reibt die Hände über die Oberschenkel.
Und bleibt.

 

Kunowice, August 2023

Die Suppe ist lange gegessen, inklusive Nachschlag, und Adam rutscht satt und zufrieden in die Sofakissen, legt die Hände über dem Bauch zusammen und schließt kurz die Augen.
“Du bist mir ein Gastgeber,” hört er Wiktor neben sich grummeln, und er lacht leise auf.
“Was hast du erwartet?”
Er hört Stoff gegen Stoff reiben, als auch Wiktor tiefer in die Polster rutscht.
“Naja, beim Schlafen zusehen wollte ich dir nicht.”
“Dann musst du wohl nach Hause gehen.”
Wiktor murmelt etwas unbestimmtes, und rutscht noch tiefer, streift mit seinem Knie kurz Adams Bein.

Im Radio verkündet der Moderator einen Hit aus den Neunzigern, der einen besonderen Bezug auf seine Jugend hat, und Adam muss ein wenig lachen bei der schon reichlich lahmen Ansage.
Dann hört er die ersten paar Takte, und muss lächeln.
“Oh Gott,” hört er Wiktor sagen, und er brummt bestätigend.
“Das hab ich ja ewig nicht mehr gehört,” stellt Wiktor fest, und Adam muss zustimmen, auch wenn ich er sich dabei verdammt alt vorkommt.
Ein Rascheln neben ihm, und er öffnet die Augen, um Wiktor anzusehen, dessen Blick ganz nostalgisch ist, das Lächeln auf seinen Lippen ganz sanft.

 

Szczecin, August 1992

Die Flasche dreht sich, immer langsamer, immer unregelmäßiger, dann bleibt sie liegen.
Der Flaschenhals deutet auf Wiktor.
Adam schluckt.
Neben ihm wird Johlen laut, hört er ein Gemisch aus Kichern und lautem Lachen, und spürt die Wärme in seine Wangen schießen.
Wiktor sieht ihn an, aus großen, blauen Augen, und Adam kann den Gesichtsausdruck nicht lesen, meint eine Mischung aus Panik und Unbeholfenheit zu lesen.
Aber vielleicht projiziert er da auch nur.

“Na los Adam, nur nicht so schüchtern,” lacht Kasia ihm ins Ohr.
Adam ist sich nicht sicher, wie er reagieren soll - die Regeln sind klar, er muss Wiktor jetzt küssen.
Aber.
Aber Wiktor ist ein Junge, und Wiktor ist ein Fremder, und Wiktor wirkt eigentlich ganz nett, und Adam will ihm nicht wehtun, will ihn nicht lächerlich machen, will sich nicht lächerlich machen.
Neben ihm werden die Stimmen laut, dass er jetzt gefälligst Wiktor küssen soll, hört er Kussgeräusche neben noch mehr Lachen, und er sucht Wiktors Blick, stellt stumm eine Frage.
Wiktors Schultern wandern leicht nach oben, ein schiefes Lächeln formt sich in seinem Mundwinkel.

Nur kurz, nur für einen Moment, überlegt Adam sich zu weigern, stur zu bleiben, der Spielverderber zu sein.
Dann rutscht Wiktor ein Stuck auf ihn zu, und Adam fühlt sein Herz in seiner Brust hämmern und rutscht ihm entgegen.
Um sie herum wird es nur noch lauter, ein Gemisch aus Würgegeräuschen, Kussgeräuschen und blöden Bemerkungen.
Adam hat nur Augen für Wiktor, die leichte Röte in seinen Wangen, der offene, neugierige Blick, die Sommersprossen auf seiner Nase.

Im Hintergrund, über alle blöden Bemerkungen und Geräusche hinweg, hört Adam die Musik durch das Wohnzimmer schallen, wird ihm der Text bewusst.
I never dreamed that I'd meet somebody like you
Adam schluckt wieder, als er sich weiter nach vorne lehnt, eine Hand auf Wiktors Wange legt.
Wiktor lehnt den Kopf zur Seite, und ihre Lippen treffen sich.

 

Kunowice, August 2023

Chris Isaak trifft einen besonders hohen Ton, und Wiktor atmet laut aus.
“Weißt du noch,” fragt er leise.
Und Adam weiß, erinnert sich, als wäre es gestern gewesen, als wäre keine Zeit vergangen, und fragt sich kurz, wie er das hat vergessen können.
Er öffnet die Augen, sieht in Wiktors funkelnde Augen.
“Gott, ist das lange her.”
Adam nickt langsam, das müssen ja schon bald 30 Jahre sein

Er blinzelt langsam.
“Warum hast du denn nie etwas gesagt?”
Wiktor zuckt hilflos mit den Schultern.
“Ich dachte immer, es wäre dir unangenehm.”
Adam schüttelt nur den Kopf.
“Ich wusste es nicht mehr,” sagt er leise.
Wiktor nickt nur verstehend, dann legt er den Kopf schief.
“Und?”
Adam weiß, was er fragt, und er weiß es nicht, weiß keine Antwort.

Er denkt an die vergangenen Jahre, an alles, was schief gelaufen ist, was nie gepasst hat, nie gestimmt hat, sich nie richtig angefühlt hat.
Dieser Kuss, damals, der hat sich richtig angefühlt, egal wie schnell er anschließend von Wiktor abgelassen, gelacht, einen Schnaps getrunken hat.
Jetzt richtet er sich auf, wischt sich nervös die Hände an den Oberschenkeln ab.
Wiktor beobachtet ihn immer noch neugierig, vorsichtig, still.

Wiktors Wange ist warm unter Adams Handfläche, kleine Bartstoppeln kratzen sanft dagegen.
Dann lehnt sich Adam vor, immer weiter, bis seine Nasenspitze beinahe die von Wiktor berührt.
“Ich hab aber keine leere Flasche da,” murmelt er.
Wiktors warmer Atem weht gegen Adams Gesicht, als er lacht.
“Ich denke, das geht auch so,” sagt er leise, ehe er Adam küsst.