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Raban der Unwiderstehliche

Summary:

Fünf Male wird Raban von jemandem geküsst - und einmal küsst er jemanden. (5+1)

Notes:

(See the end of the work for notes.)

Chapter 1: Fünf Male wird Raban geküsst…

Chapter Text

Das hier war definitiv der schwärzeste Tag in Rabans neunjährigem Leben. Nicht nur schwarz, kohlpechraben, hottentottenalbtraumschwarz.
Schlimm genug, dass es draußen in Strömen regnete und Fußball in unerreichbarer Ferne lag. Als würde das nicht reichen, musste er auch noch auf seine pinken Cousinen aufpassen.
Cynthia, Marie-Claire-Beatrice und Hannelörchen waren mit Lillifee-Schminksets bewaffnet und in Bestform - im Rekordtempo und mit maximalem Ziepen und Zwicken „verschönerten“ sie Rabans Haare und Gesicht.
Dann passierte es.
Hannelörchen trug gerade klebrigen Lippenstift auf, dann verpasste sie ihm einen Schmatzer. Direkt auf den Mund! Igitt, Kotz und Würg!
Erschrocken, wie von der Tarantel gestochen, sprang Raban auf und rannte ins Bad, wo er sich
Gründlich den Mund ausspülte. Ein Glück hatte er geistesgegenwärtig zugeschlossen, so dass seinen Cousinen nichts anderes übrig blieb, als hilflos an die Tür zu trommeln, während er sein eigenes, klägliches Spiegelbild betrachtete.
Sakrarhinozeruspups! Das war sein allererster Kuss, und dann sowas. An Ort und Stelle schwor er sich, niemals nie auch nur irgendeiner Menschenseele davon zu erzählen. Dafür legte er seine beiden Beine ins Feuer.

 

~//~

Mädchen sind giftig und stinken. Vanessa vielleicht nicht, sexy James aber definitiv schon. Ihr Spitzname musste daher kommen, dass es den Jungs von der Mischung aus Schweiß, überlagert von zu viel Deo und billigem Parfüm im Kopf drehte, nicht davon, dass sie ihnen den Kopf verdrehte. Umso schlimmer, dass sie Raban so nah auf die Pelle rücken musste. Immer auf die Kleinen, und dann sollen sie wachsen, jaja.
Jetzt war sie so nah, dass Raban ihren Kaugummiatem auf seinem Gesicht roch und er wäre wirklich an jedem Ort lieber gewesen als hier. Ihre Lippen hinterlassen ein giftig-brennendes Gefühl auf seiner Wange, was auch Stunden später, nach gründlichem Rubbeln und Schrubbeln mit Seife und Bürste nicht weggehen will. Mädchen sind eben giftig. Und stinken. Und überhaupt.

~//~

Raban war todmüde. Gestern war er zu lange in seiner und Joschkas geheimer Erfinderwerkstatt gewesen. Sie tüftelten gerade an Wünsch-dir-was-Brause, und sie waren ganz nah dran, dass kann Raban förmlich spüren. Es lag im Prickeln seiner Fingerspitzen wenn sie nebeneinander her arbeiteten und sich ihre Hände zufällig streiften, wenn sie nach dem gleichen Werkzeug griffen. Aber etwas entscheidendes fehlte noch.
„Vielleicht ist es doch die Reihenfolge der Zutaten.“, überlegte Joschka neben ihm laut.
„Wenn wir jetzt einfach…“
Den Rest des Satzes bekam Raban nicht mehr mit, denn die schweren Augenlieder waren ihm zugefallen und sein Kopf sank langsam auf Joschkas Schulter. Er roch gut, dass fiel Raban noch auf, bevor er sogleich wieder aus seinem Sekundenschlaf aufschreckte.
Joschka schaute ihn aus besorgten, süßen, braunen Augen an. „Du solltest nicht so oft während der Schulzeit durchmachen. Die Brause läuft uns schon nicht davon, so viel Zeit muss sein.“
Vor dem Rest der Standpauke wurde Raban von einem Tippen auf seiner Schulter gerettet.
Es kam von einer Hand, an einem Arm, der zu einem kichernden Mädchen gehörte.
„Duu, Raban, ich muss dir was sagen.“, kicherte sie, und dann kicherte sie noch ein bisschen mehr.
Verständnislos abwartend guckte Raban sie an. Er wusste nicht einmal, wie sie hieß, aber er glaubte, sie ging in die Klasse unter ihnen.
Auch sie schien auf irgendwas zu warten, dabei wollte sie Raban doch was sagen.
„Alsoo… dir alleine sagen“, fügte sie hinzu, kicherte noch ein bisschen mehr, und Raban verstand gar nichts mehr.
Joschka hingegen anscheinend schon, denn mit einem widerwilligen „Ich geh ja schon“, hatte dieser sich erhoben und stapfte davon. Geistesungegenwärtig wollte Raban noch nach seinem Arm greifen, aber wie es so ist, wenn man müde ist, war sein Griff zu lasch und zu unkoordiniert und er erwischte nur Joschkas prickelnde Fingerspitzen. Dann war er weg, und das Mädchen kichert.
„Weißt du, Raban, ich hab dich echt, echt gerne“, sagte sie, dann kichert sie schon wieder.
Raban konnte sie nur angucken wie das erste Auto. Er fand das ganz und gar nicht witzig.
Dann, Schreck, hatte er auf einmal ihre giftigen Mädchenlippen auf seinen, und er dachte an sexy James und das giftig ätzende Gefühl.
Zum Glück war es genauso plötzlich wieder vorbei wie es angefangen hat.
„Naja, tut mir leid, das war meine Pflichtaufgabe und Marie hat gesagt wenn ich es nicht mache, dann bin ich ein faules Ei, und wer will schon ein faules Ei sein“, sie kicherte nochmal, diesmal verhaltener, dann war sie genauso verschwunden wie Joschka.
Immer noch verwirrt wischte sich Raban über den Mund.
Mädchen. Die stinken doch, dachte er kopfschüttelnd, bevor er Joschka suchen ging.

 

~//~

Raban lag in Markus‘ Bett, weil es, wie alles an Markus‘ Zimmer, ziemlich groß war, und sie sich vor dem Star Wars Marathon gesagt hatten, dass danach ja immer noch Zeit wäre, die Matratze zu holen, danach aber wirklich keine Lust mehr dazu hatten. Markus lag auf dem Rücken und atmete ruhig, die große Digitaluhr auf dem großen Nachttisch zeigte 03:37, und Raban schloss gerade die vor Müdigkeit brennenden Augen, als Markus es sagte.
„Hast du schon mal jemanden geküsst?“
Raban dachte an Hannelörchen und Sexy James und das kichernde Mädchen.
„Außer Sexy James“
Beleidigt wollte Raban die Frage schon trotzdem bejahen, als er nochmal innehielt. Eigentlich hatte er noch niemanden geküsst. Die Mädchen hatten ihn immer total überrumpelt, da hatte er gar keine Zeit irgendwas zu machen.
„Mich hat mal ein Mädchen geküsst.“
Die kurze Stille, die darauf folgte war so erdrückend, dass man darin hätte ersticken können. Das einzige Geräusch war das Rascheln, als Markus sich zu ihm drehte.
„Und… hast du schon mal einen Jungen geküsst?“
Kurz war Rabans Kopf ganz leer. Dann ging das laute Chaos los, in dem seine Gedanken durcheinanderwirbelten, sich lösten und neu verketteten, bis sich ein Bild ergab, das ihm einleuchtete, und in dem Joschkas Lippen eigentlich nichts zu suchen hatten, die Blicke, die Markus Maxi zuwarf, wenn er Maxis härtesten Schuss der Welt hielt, allerdings sehr viel.
Von all dem ungeachtet starb Markus währenddessen tausend Tode und hatte sich gerade entschlossen, das ganze Geständnis doch nicht durchzuziehen. Schon wollte er mit „Vergiss es…“ ansetzen, im gleichen Moment antwortete Raban jedoch endlich.
„Nein.“
Wieder folgte eine Stille, an der man hätte ersticken können. Raban beeilte sich ein: „Hast du?“ hinterherzuschieben.
Markus‘ Kopfschütteln raschelte auf dem Kissen.
Und schon wieder Stille.
Raban fragte sich, ob er das alles vielleicht doch falsch verstanden hatte, aber er kannte Markus doch. Länger als die anderen Wilden Kerle, vielleicht länger als sich selbst. Deswegen kratzte er allen Mut, von den Zehenspitzen bis zu den Haarwurzeln, zusammen und sagte: „Wenn du… also naja falls du gerne… ach nee…“
Shitte nochmal, das konnte doch nicht so schwer sein.
„Wenn du willst, kannst du mich küssen. Um zu wissen, wie das so ist.“
Jetzt war es raus.
Wieder das Rascheln von Markus‘ Kopfdrehung, gefolgt von der Nachfrage: „Sicher?“
„Ja. Ist doch nichts dabei.“
Markus‘ Lippen waren rau, und nach einem kurzen Moment küsste Raban zurück. Dann wartete er, dass irgendwas passiert. Irgendetwas besonderes. Aber es kam kein Gefühl, erst recht kein besonderes und auch kein giftig ätzendes. Da sind einfach nur Markus‘ Lippen auf seinen.
Langsam löst er den Kuss. An der Stille konnte man diesmal nicht ertrinken.
Markus guckte wieder an die Decke und atmete hörbar tief durch.
„Eigentlich würde ich lieber Maxi küssen.“
Hatte er doch richtig gedacht.
„Cool“, sagte Raban, weil ihm nichts besseres einfiel und weil es das ja irgendwie auch war. Cool. Und irgendwie auch nicht, aber was verstand er schon. Es war ja nicht so, als wollte er Joschka küssen.
Verdammte Hühnerkacke.
Raban wartete, bis Markus gleichmäßig atmete, und zählt nach, dass er auch wirklich bei jedem dritten Ausatmen leise schnarcht. Erst dann traute er sich, es in die Stille zu flüstern.
„Eigentlich würde ich lieber Joschka küssen.“

 

~//~

Mit diesem Geständnis schlug Raban sich auch noch rum, als sie zu ihren Abenteuern hinter dem Horizont aufbrachen, und noch mehr, als er sich ständig mit Joschka ein Zelt teilte, mit Joschka tüftelte, mit Joschka kochte und sich mit Joschka wusch.
Es beherrschte seine Gedanken auch noch, als sie in der Festung der Vampire ankamen. Die Zeit dort verschwamm jedoch in einem Flimmern von Marrys roten Augen, spitzen Zähnen, viktorianischer Kleidung und zu viel Dunkelheit.
Im Nachhinein konnte Raban nicht sagen, ob das etwas mit den Verführungskräften der Vampire zu tun hatte, oder ob er wirklich kurz schockverliebt in Marry gewesen war. Wo er sich allerdings sicher war, war, dass was auch immer es war, nicht stark genug gewesen war, um ihn dazu zu bewegen, sich in einen Vampir verwandeln zu lassen.
Und das es bei Joschka und Terry auch nicht funktioniert hatte, löste ein ganz warmes, kribbeliges Gefühl in ihm aus, welches ihn dazu brachte, unangebracht viel zu grinsen, wenn er daran dachte.
Doch am Ende sah er sich trotzdem Marry gegenüber, deren rote Augen in der dunklen Nacht schimmerten. Raban hätte sich sicher dazu durchringen können, sie der Freundschaft wegen zu küssen und zumindest zu versuchen, sie von ihrem Vampirdasein zu erlösen. Doch in letzter Sekunde fiel sein Blick auf Joschka und Terry, die sich so nah waren. Sein und Joschkas Blick kreuzten sich, und in dem Moment wurde Raban klar, dass er das nicht durchziehen konnte.
Bevor er jedoch einen Rückzieher machen konnte, hatte Marry, deren Haut in den ersten Sonnenstrahlen fast aussah, als wäre sie von feinen Rissen durchzogen, ihn schon zu sich gezogen und ihre Lippen auf seine gepresst.
Kurz dachte Raban an Hannelörchen, an Sexy James und das kichernde Mädchen, und stellte sich schon auf das Gefühl ätzend-giftiger Mädchenlippen ein - doch es blieb aus.
Marry zu küssen war eher, wie Markus zu küssen. Er spürte ihre Lippen auf seinen, ihre Hände in seinem Nacken, aber besondere Gefühle blieben aus. Hoffentlich funktionierte das trotzdem mit der ganzen Fluchaufhebung, das wäre sonst für alle Beteiligten kontraproduktiv. Kurz bekam er Panik, denn er war sich inzwischen sicher, dass er nicht in Marry verliebt war, und er wollte schließlich nicht Schuld sein, dass sie für alle Ewigkeiten versteinert hier rumstehen musste. Sobald er sich jedoch vorsichtig von ihr löste, und in blaue statt rote Augen blickte, konnte er aufatmen.
Und obwohl das für ihn Beweis genug war, dass dieser Fluch-Quatsch wenig mit wahrer Liebe zu tun hatte, spürte er trotzdem einen kleinen Stich, als er sah, wie Terry Joschka anlächelte, als sie sich von ihm löste.