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In der Ferne war das alte Gasthaus in Hankels Ablage bereits durch die Bäume zu sehen. Es hatte sich kaum verändert, seit Lene mit Botho dort war. Nun, zehn Jahre später, war sie mit ihrem Ehemann Gideon und ihrem Sohn Botho wieder hier. Es war dasselbe Wochenende, dieselben Blumen streckten sich der Sonne entgegen und noch immer lag die „Hoffnung“ am Pier.
Nur ein anderes Zimmer musste die kleine Familie nehmen, denn die Giebelstube war bereits besetzt. Der Wirt gab Auskunft, dass die Bewohner mit der „Forelle“ auf eine der kleinen Inseln übergesetzt waren und wohl zum Abendessen zurück seien. Da es ohnehin bereits später Nachmittag war, beschloss man, keinen großen Ausflug mehr zu machen und nur ein wenig den Fluss entlangzuspazieren.
Während der kleine Botho freudig am Arm seines Vaters zog, um mit ihm einen knorrigen Baum in der Ferne zu erkunden, blieb Lene etwas zurück und sah auf das Wasser hinaus. Trotz der langen Zeit seit ihrem letzen Besuch von Hankels Ablage erinnerte sie sich noch genau an die Insel, die vor ihr lag. Dort hatte sie damals den Blumenstrauß für Botho gepflückt. Dort hatte er darauf bestanden, dass sie ihn mit ihrem Haar zusammenbinde. Dort war noch immer die alte Schiffswerft sichtbar, die auch damals ihre Neugierde weckte.
Lene blieb am Wegesrand stehen. Dort, direkt neben der Werft, dümpelte ein Segelboot im Wasser. Trotz der Entfernung konnte Lene den Namen des Bootes lesen. Die „Forelle“ weckte Erinnerungen in Lene, nicht nur an die Landpartie hierher, sondern auch an noch weiter zurückliegende Tage, an ihr erstes Treffen mit Botho.
Flussabwärts rief Gideon etwas, aber Lene hörte nicht hin, denn just in diesem Moment kamen die Segler auf der Insel in Sicht. Einen Pfad entlang kam eine Dame in vornehmen Kleid, die auf einen Mann einredete, den Lene nur zu gut kannte. Der anscheinend dieselbe Idee hatte wie Lene. Sie starrte Botho mit großen Augen an, der am anderen Ufer gerade seiner Frau antwortete, während die beiden weiter auf das Boot zugingen. Einige Augenblicke später kam das Paar am Boot an und Botho blickte auf. Sein Blick traf den von Lene und auch er erstarrte für einen Moment, als er sie erkannte. Seine Begleitung sah von ihm zu Lene und schien dann eine Frage zu stellen. Botho antwortete, den Blick noch immer auf Lene gerichtet. Die Frau schien nicht sonderlich erfreut. Sie fing erneut an, auf Botho einzureden, der sich endlich von Lenes Anblick löste und seiner Begleitung in die „Forelle“ half.
Auch Lene wurde abgelenkt, denn ihr Sohn war zurückgelaufen und zog nun auch sie mit sich zu dem Baum, der ihn so faszinierte. Er erzählte fröhlich von den Libellen, die er über das Wasser tanzen gesehen hatte, doch Lene war zu abgelenkt von aufkeimenden Erinnerungen und einem Wirrwarr an Gefühlen, um ihm zuzuhören. Noch immer sah sie vor ihrem inneren Auge Botho am anderen Ufer stehen, sah, wie überrascht er gewesen war, sie zu sehen, und wie sie für einen kurzen Moment gemeint hatte, sie könne ihn lächeln sehen.
