Chapter Text
Morgen bringt er es hinter sich, denkt Adam und wirft das letzte Unkraut auf den Komposthaufen. Er klopft seine Hände an der dreckigen Gartenshorts ab und schaut sich um. Morgen wird er zu Pawlak gehen und sagen, dass er sich entschieden hat. Es ist vorbei, er kündigt. Es geht einfach nicht mehr. Wenn du deine Arbeit nicht mehr anständig machen kannst, machst du sie besser gar nicht.
Er hat sich diese zwei Wochen gegeben, in denen er nicht ein einziges Mal im Büro angerufen oder in seine Nachrichten geschaut hat. Er ist mit dem Motorrad herumgefahren und hat im Garten gearbeitet und ist abends so müde gewesen, dass er ohne Tabletten vor vier Uhr morgens eingeschlafen ist. Adam hat keine Ahnung, ob er ohne seinen Job leben kann, also auf Dauer, nicht nur zwei Wochen lang. Er weiß nur, dass sich etwas ändern muss, dass er raus muss aus dieser Tretmühle, den immer gleichen frustrierenden Fällen, die er schon lange kaum noch unterscheiden kann. Eine Tragödie verschwimmt mit der nächsten, kaputte Familien, Drogen, wirtschaftliche Not, Neonazis. Er hat es satt.
Plötzlich fällt ihm auf, wie dunkel es geworden ist. Schwarze Wolken hängen tief über der Stadt, und da zuckt auch schon der erste Blitz auf. Ein plötzlicher Windstoß peitscht die Äste des Kirschbaums fast bis auf den Boden. Er fröstelt.
Adam überlegt, ob er nach Hause fahren soll, aber da klatschen schon die ersten Tropfen herunter. Seufzend stößt er die Tür der Laube auf, zündet drinnen die alte Petroleumlampe an und macht es sich mit einer Flasche Bier bequem.
Der Regen prasselt heftig auf das Wellblechdach, wie Trommelfeuer. Nicht dass er wirklich wüsste, wie sich das anhört. Hoffentlich geht das nicht den ganzen Abend so, er hat nicht vor, in der Laube zu übernachten. In der Ecke steht zwar eine alte Klappliege, aber die ist alles andere als bequem. Er verschränkt die Hände hinter dem Kopf und schaut zu dem kleinen Fenster, durch das nichts zu sehen ist, nur die Schlieren des Regens.
Und dann, in der Stille zwischen zwei Donnerschlägen, hört er einen Knall. Er klingt nicht nach dem Gewitter, er kann sich keinen Reim darauf machen. Na ja, vielleicht ist irgendwo was im Wind umgekippt. Er trinkt noch einen Schluck Bier und stützt den Kopf in die Hand.
Ein Hämmern! Jemand ist an der Tür. Adam springt hoch, reißt sie auf, der Wind weht ihm ins Gesicht.
Vor ihm steht ein Mann. Er ist triefend nass, rosa Stoff klebt ihm am Körper wie eine bunte Haut. Er streckt hilfesuchend die Hand aus, und da bemerkt Adam das nackte Knie des Mannes, von dem verwaschene rote Rinnsale herunterlaufen. Er ergreift die Hand und zieht den Mann in die Laube. Dann schlägt er die Tür zu und legt vorsichtshalber den Riegel vor. Der Sturm hat mächtig aufgefrischt.
Er dreht sich um.
„Was ist passiert?“
Der Mann schiebt sich die langen Haare aus dem Gesicht und sieht ihn betreten an. Er hat dichte Brauen und blau-grau-grüne Augen und ein wirklich schönes Gesicht. Reiß dich zusammen, denkt Adam, der braucht jetzt praktische Hilfe, keine Glotzerei.
„Ich war mit dem Rad unterwegs.“ Der Mann deutet mit dem Daumen hinter sich. „Der Regen hat einen Kanaldeckel hochgedrückt und weggespült. Und ich bin in das Loch gefahren und hingefallen.“
„Setz dich mal.“ Adam deutet auf den Stuhl. „Du hast Glück gehabt. Das hätte noch viel schlimmer ausgehen können. Zeig mal das Knie.“
Der Mann streckt ihm das nackte Bein entgegen. Er trägt diese Stiefel, wie heißen die gleich, Doc Martens oder so. Schwarz, hoch geschnürt, bisschen verschrammt, offenbar geliebt. Warum fällt ihm das bloß alles auf?
Das Knie sieht schlimm aus. Aufgeschürft und blutig, vor allem aber stark geschwollen. Adam geht zu dem kleinen Campingkühlschrank und holte eine Flasche Bier heraus. Die hält er dem Mann hin.
„Was anderes hab ich leider nicht.“
„Danke, mir ist grad nicht nach Bier.“
„Die ist zum Kühlen.“
Der Mann grinst verschämt. Dann nimmt er die Flasche und drückt sie vorsichtig gegen das Bein, zieht dabei hörbar die Luft ein.
Adam kramt in einer Schublade, holt antiseptische Tücher raus, die er mal für die Mädchen gekauft hat, und eine Packung Pflaster. Groß genug sind die schon, aber mit Einhörnern drauf. „Was anderes hab ich nicht da.“
„Ich kühle noch ein bisschen. Und Einhörner sind doch nett.“
Adam setzt sich auf den zweiten Stuhl und trinkt von seinem Bier. „Wo ist dein Rad?“
„Das hab ich an die Hecke gelehnt, gleich am Tor. Ist ne ganz schöne Delle drin.“
Sie sitzen da und schweigen, und eigentlich ist das viel zu nett, wenn man bedenkt, dass sie einander völlig fremd sind. Adam nimmt sich Zeit, den Mann zu mustern. Jetzt wird ihm auch klar, warum er im ersten Moment so verwirrt war. Der Mann trägt ein Kleid. Und als er genauer hinschaut, fallen ihm die schwarzen Rinnsale auf seinen Wangen auf. Wimperntusche vermutlich.
Er holt eine Packung Taschentücher hervor und schiebt sie über den Tisch. „Du hast da –“ Er deutet auf seine eigenen Augen.
Der Mann lacht und wischt sich das Gesicht ab. „Ich sehe sicher aus wie ein Waschbär.“
Er hat es satt, dauernd an „den Mann“ zu denken und macht mal den Anfang. „Ich heiße übrigens Adam.“
„Vincent. Freut mich.“
Vincent nimmt die Flasche vom Knie und zieht ein antiseptisches Tuch aus der Packung. Er tupft behutsam die Wunde ab. „Autsch. Scheiße.“
„Du solltest zum Arzt gehen.“
„Das wird schon wieder. Morgen kann ich nicht zum Arzt, unmöglich. Da steht was Wichtiges an.“
„Ich würde dich nach Hause bringen, aber mit dem Knie auf dem Motorrad, ich weiß nicht. Außerdem hab ich nur einen Helm.“
„Es hilft schon, wenn ich das Fahrrad hier abstellen kann. Ich nehme mir ein Taxi“, sagt Vincent. Dann greift er nach dem Flaschenöffner, der auf dem Tisch liegt, und macht das Bier auf. „Genug gekühlt. Prost, Adam.“
„Prost, Vincent.“
Als das Gewitter abgezogen ist und Vincent sich ein Taxi gerufen hat, hilft Adam ihm vom Stuhl hoch. „Geht’s?“
Vincent beißt die Zähne zusammen und nickt. „Wird schon.“
An der Tür dreht er sich noch einmal um. „Danke, Adam. Wenn das Knie besser ist, hole ich das Fahrrad ab. Ist das okay?“
„Na klar. Stört hier ja keinen.“
Adam spürt ein leises Bedauern, als die Tür hinter Vincent zufällt. Ein Glück, dass das Fahrrad noch hier ist. Es kommt ihm vor wie eine Art Pfand. Eine Garantie, dass er Vincent wenigstens noch einmal sehen wird.
