Chapter Text
“Di-e… ne, Die-n-st. Dienstf….fah..fahrt. Dienstfahrt.” Stolz wendet sich Leo zu seiner Mama um, mit der er gerade auf dem Weg von der Schule nach Hause ist. Leo ist 7 und unfassbar stolz, das Wort auf der Anzeige des vorbeifahrenden Busses, der nun an einer Ampel hält, entziffert zu haben. Lesen ist etwas, was ihm immer noch etwas schwer fällt. Deswegen hat er von seinem Deutschlehrer den Auftrag bekommen, so viel wie möglich zu lesen, egal wo er gerade ist.
Leo kommt dieser Verpflichtung mit einer Ernsthaftigkeit nach, die fast schon komisch anmutet, aber es hilft wirklich. Seitdem er Straßenschilder, Werbung und Kassenbons auf Schritt und Tritt entziffert, klappt es immer leichter. Er ist wirklich sehr stolz auf sich.
“Mama, hast du gehört? Ich habs vorgelesen!” kräht er nun freudig seiner Mama entgegen, die einige Schritte hinter ihm geht und ihn verschmitzt anlächelt
“Ja hab ich! Das hast du toll gemacht mein Schatz!”
“Fast wie ein Großer!”
“ja genau, fast wie ein Großer. Was denkst du, jetzt da du sogar die Busanzeige lesen kannst, willst du es mal mit einer Geschichte probieren?”
Leo überlegt. Natürlich ist er stolz auf sich und sein Können, wie könnte er auch nicht? Es gibt bestimmt niemanden, der so gut den Bus vorlesen kann, wie er. Aber eine ganze Geschichte? Das kommt ihm schon sehr viel vor.
“Was hältst du davon, du suchst dir ein Buch aus, das du schon kennst und versuchst es mal? Du weißt ja schon was passiert, das hilft bestimmt beim Lesen. Wie wärs mit “Wo die wilden Kerle wohnen”?”
Mama sagt das so leicht. Leo blickt sie skeptisch an und runzelt nachdenklich die Stirn. Eigentlich ergibt das schon Sinn, “Wo die wilden Kerle wohnen” kennt er gut. Das hat Mama schon so oft vorgelesen, dass er mit Max’ Abenteuern bestens vertraut ist. Trotzdem erscheint ihm das sehr viel.
“Ein ganzes Buch, an einem Stück?” fragt er, vielleicht ein bisschen entsetzt
“Nein”lacht seine Mama auf, “nicht an einem Stück. Aber vielleicht so einen Absatz? Und dann immer so weiter, bis du irgendwann die Geschichte gelesen hast?”
Leo schaut sie mit großen Augen an. Wo nimmt sie bloß immer diese guten Ideen her? Einen Absatz kann er vielleicht schaffen. Das ist ja nicht mehr, als in seiner Fibel auf einer Seite steht. Das haben sie im Deutschunterricht schonmal gemacht, das schafft er bestimmt. Wenn er sich Zeit nimmt.
Zuhause angekommen, hilft Leo seiner Mama dabei, den Schulranzen auszuräumen und den Einkauf, den sie auf dem Heimweg erledigt haben, zu verstauen. Dann geht er in Caro und sein Zimmer und blickt grübelnd auf die Bücher in ihrem Regal. Schließlich findet er es halb unter Caros Malutensilien im unteren Regalfach vergraben und zieht es heraus.
Er lässt sich mit dem Buch aufs Bett fallen und setzt sich bequem hin, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, das Buch aufgeschlagen auf seinem Schoß.
“An d..de…deee…dem. Aaan deem A… An dem Ab..Abeee…Abeeen..d. Abend. An dem Abend.”
So wird das nichts. Irgendwie scheinen sich die Buchstaben vor seinen Augen zu verheddern und die Worte ergeben keinen Sinn, klingen alle nicht richtig in seinem Kopf. Also versucht er es testweise nochmal von vorne, diesmal liest er alles laut mit, statt nur stumm die Seite anzustarren und die Buchstaben anzuflehen, sich von selbst sinnvoll in seinem Kopf zusammenzusetzen.
“An dem Abend, als Max seinen Wolfspelz trug…”
Mit dem laut Vorlesen klappt es besser. Nach und nach wird es leichter die Buchstaben zu entziffern und die daraus gebildeten Laute nachzuformen. Ab dem fünften Satz geht es nochmal flüssiger und am Ende des Absatzes ist er stolz wie Bolle, es geschafft zu haben.
So stolz, dass er gleich nochmal von vorne anfängt und begeistert feststellt, dass er richtig flüssig durchkommt und das laut Lesen tatsächlich Spaß macht.
Genau in dieser Nacht wuchs ein Wald in seinem Zimmer, der wuchs und wuchs, bis die Decke voll Laub hing und die Wände so weit wie die ganze Welt waren.
