Chapter Text
1. Tee
Denn entgegen dem, dass das Leben der Natur, obwohl sein Wesen die Zeitlichkeit ist, sich von diesem seinem Wesen abwendet und so sein Wesen verbirgt und damit gleichsam in seinem gegenwärtigen Existieren die Zeit einholen will, kehrt die Blume, die von ihrer Wurzel abgeschnitten wurde, mit einem Schlag in das Schicksal der ‚Zeit‘ zurück, das ihr ursprüngliches Wesen ist.*
„Ken, nicht!“, Ran machte einen Ausfallschritt, ehe sein Kollege sich noch weiter vorwagen würde. Der monströse Zitronenbaum, den Ken balancierte, versperrte ihm ganz offensichtlich die Sicht, was gleich dazu führen würde, dass er das Arrangement, von Omi in liebevoller Kleinarbeit gefertigt, einfach umstieß.
Doch, Fußballerreaktionen sei Dank, Ken stoppte. Millimeter nur vor dem fragilen Gebilde, doch es blieb unbeschadet.
Ein Schnaufen, angestrengt und heilfroh, war die Antwort.
Omi hatte sich selbst übertroffen, das musste Ran ihrem Jüngsten wirklich zugestehen. Die einzelne gelbe Orchidee, die sich aus einem Gewebe aus Perlen und Metalldraht ihren Weg zum Himmel empor suchte, war perfekt und die kleinen Ansammlungen an Gräsern, die hier und da zwischen dem silbrigen Draht hervorlugten, machten das Ganze Arrangement zu einem regelrechten Kunstwerk.
Natürlich hatte Omi, wie Ran selbst auch, in seiner Jugend einen Grundstock an traditionellen Fähigkeiten beigebracht bekommen. Ikebana hatte, neben Kalligrafie und Kendo, dazugehört.
Etwa einmal im Monat packte sie auch die Lust und die Muße, ein derartiges Arrangement zu wagen und es für schier horrende Summen an ihre quietschende Kundschaft zu veräußern.
Dieses hier allerdings hatte Ran sich bereits selbst gesichert.
Es würde Aya bestimmt gefallen.
Doch, bis er mit seiner Schicht im Laden fertig war, würde es hier stehen und bewundert werden, von ihm, von seinen Kollegen, von den Kundinnen.
Ken hatte sich mittlerweile des Zitronenbaums entledigt und kam ächzend auf ihn zu.
„Wir brauchen für das Ding einen richtigen Platz, es ist einfach zu schwer, um es jeden Tag von A nach B zu tragen oder zu rollen.“
Ran nickte nur und warf einen erneuten Blick in sein Notizbuch.
Buchhaltung war wirklich nicht seine Lieblingsbeschäftigung, doch offenbar war er als Einziger zu pflichtbewusst, um sie zu ignorieren.
Vielleicht hatte er auch nur zu große Angst vor Manx’ Blick, sollten die Steuerberater, die Kritiker ihnen an die Seite gestellt hatten, auch nur eine Kleinigkeit zu beanstanden haben.
„Weißt du, wo Youji die Z-Lesung gestern hingepackt hat? Ich finde sie hier nirgends“
Ken zuckte mit den Schultern.
„Ich hab nicht den blassesten Schimmer. Normalerweise lasse ich ihn auch nicht an den Kassenabschluss, er vergisst ja ganz gern mal, dass das Bargeld nicht in die Schublade, sondern in den Tresor gehört, aber gestern Abend war ich noch so beschäftigt damit, das Chaos im Kühlhaus zu beseitigen, dass ich den Ladenschluss nicht mal mitbekommen habe.“
Ja, gestern war ein ziemlich schlimmer Tag gewesen, trotz der Hitze, die sich Anfang Mai bereits über Tokio gelegt hatte.
Muttertag.
Was für ein ausgemachter Quatsch.
Auch wieder ein Brauch, den sich seine lieben Landsleute von den Amerikanern oder den Deutschen abgeguckt hatten.
Ran nickte abermals und tippte eine SMS an Youji.
Sollte er denn überhaupt schon wach sein.
Ran hatte absolut nichts gegen Langschläfer einzuwenden, auch wenn er nicht in der glücklichen Situation war, ebenfalls einer zu sein.
Im Gegenteil.
Während Youji, weckte man ihn nicht irgendwann, problemlos bis in den Mittag hinein schlafen konnte, wachte Ran immer (wirklich immer) um halb sieben auf. Auch nach einer Mission, die bis spät in die Nacht gedauert hatte. Auch nach schieren Unmengen an Alkohol, die er sich mit seinen Kollegen einverleibt hatte. Auch nach Aya.
Gestern war wieder einer dieser Alkohol-Tage gewesen. Um den vermaledeiten Muttertag zu ertränken, um sich (es war albern, das wusste Ran) dafür zu belohnen, dass sie besagten Muttertag ohne größere Blessuren überstanden hatten. Lediglich Ken hatte einen kleinen blauen Fleck vorzuweisen, als eines der besonders stürmischen Schulmädchen ihn in ein Regal gedrückt hatte.
Der leichte Schwindel und die dröhnenden Kopfschmerzen waren natürlich die Quittung dafür, dass sie bis Mitternacht in ihrem kleinen Wohnzimmer gesessen und ein Bier nach dem anderen in sich hineingegossen hatten.
Leichte Halsschmerzen deuteten darauf hin, dass er entweder irgendwann begonnen hatte, zu singen, oder Youji um eine oder zwei seiner Zigaretten erleichtert hatte.
„Hab ich gestern geraucht?“
Ken nickte.
„Drei Stück. Du warst wirklich ziemlich blau.“
Ran hatte es befürchtet.
„Komm, wir schließen auf. Wenn mich die quietschende Menge bedrängt, habe ich keine Zeit, mich um meinen Kater zu kümmern.“
Kens gequältes Nicken bestätigte Rans Verdacht, dass auch er gestern vielleicht ein oder zwei Schluck zu viel gehabt hatte und er schloss den Laden auf.
Wie jeden Tag, seit sieben Jahren.
Die Aufträge von Kritiker waren weniger geworden, immerhin standen sie nicht mehr alle in der Blüte ihrer Jugend, doch hin und wieder mussten sie sich die eine oder andere Nacht um die Ohren schlagen. Und heute würde ihnen wahrscheinlich eine derartige Nacht blühen, wenn er die Lackpumps richtig deutete, die unter dem Rolltor zum Vorschein kamen.
„Morgen, Manx“, muffelte Ran ihr entgegen.
Diese Frau.
Sie schaffte es einfach immer, wie aus dem Ei gepellt auszusehen, obwohl ihr Job mit nicht weniger Druck ausgestattet war, als ihr eigener.
„Guten Morgen, ihr zwei. Wo ist denn der Rest?“
„Schon da!“, Omis Stimme hatte auch schon einmal lebhafter geklungen, beschloss Ran und wandte sich ihrem Jüngsten zu.
Er war nicht rasiert und offensichtlich gerade erst aus dem Bett gefallen.
„Youji wird noch schlafen. Gestern war es schlimm hier“, plapperte Omi weiter und knöpfte sich zeitgleich sein Hemd.
Manx nickte und ein leichter Hauch der Missbilligung zierte ihre Mundwinkel.
„Ihr seht wirklich nicht allzu fit aus.“
Nein, das stimmte nicht, beschloss Ran für sich, während er das Rolltor wieder herunterlaufen ließ. Glücklicherweise war ihre Kundschaft daran gewöhnt, dass ihre Öffnungszeiten etwas flexibler waren als die der Konkurrenz zwei Straßen weiter.
Sie sahen furchtbar aus, alle miteinander.
Und die Krönung dieser unausgeschlafenen Schöpfung tapste gerade auf bloßen Füßen und noch im Yukata die Treppe herunter.
„Ah, Balinese gesellt sich wohl auch zu uns. Bist du aufnahmefähig?“
Eine Zigarette zwischen die Zähne geklemmt, murrte Youji eine Zustimmung, die nicht unflätiger hätte sein können.
„Fantastisch. Ab nach unten mit euch verkaterten Ungeheuern.“
Wie es auf einmal kam, dass Ran Youjis ungekämmte Mähne in seinem Schoß liegen hatte, wusste er nicht, doch sie hatten sich alle in den Keller bewegt und harrten der Dinge, die Manx ihnen wohl eröffnen mochte.
„Wie gut, dass ihr so früh“, sie schnaubte kaum hörbar, „schon alle da seid. Und wie gut, dass es sich bei dem, was ich euch zu sagen habe, nicht um eine Mission im eigentlichen Sinne handelt.“
Sie ließ das Gesagte punktgenau wirken. Wahrscheinlich hatte sie es einstudiert, um sich bei ihrem Auftritt dann an den verwirrten Gesichtern ihrer Einsatztruppe zu ergötzen.
„Sondern?“, fragte Ken nach.
„Sondern lediglich um eine Mitteilung. Ihr werdet kombiniert.“
Kombiniert? Im Sinne von, dass sie langsam aber sicher durch Jüngere ersetzt würden?
Oder im Sinne von, dass sie ein oder zwei Mitglieder dazubekommen würden?
Welche Katzenrassen die wohl abbekämen?
Peterbald wäre bestimmt irgendwie witzig.
„Manx, spann uns doch bitte nicht so sehr auf die Folter.“, murmelte Omi in die aufkommende Stille.
„Ich habe hier Akten zu euren…“, sie machte eine irgendwie seltsame Pause, um sich noch seltsamer zu räuspern, „neuen Teamkollegen. Ich möchte noch anmerken, dass ich keinerlei Diskussionen hierzu wünsche. Besonders nicht von dir, Abyssinian,“
Ran schwante Übles, als er die Akte entgegen nahm.
Und er behielt Recht.
Masterminds überhebliches Grinsen ließ seine Laune, zusammen mit seinem Blutdruck, in den Keller sinken.
Er musste sich festhalten.
„Das ist doch nicht euer Ernst.“, Kens Stimme hatte auch noch nicht zu alter Form zurück gefunden, stellte Ran fest.
Youji stöhnte nur ungehalten und schlug sich die Hände vor die verquollenen Augen.
„Ran, sag mir bitte, dass das nur ein richtig, richtig schlechter Traum ist“, nuschelte er zwischen seinen Fingern hindurch.
Oh, wie gerne Ran das täte.
Manx hingegen… gluckste.
„Es ist ein Witz, richtig?“, flehte Omi sie schon fast an.
Ein Kopfschütteln seitens ihrer Auftraggeberin ließ sie alle noch etwas tiefer in das Sofa sinken.
„Nein. Es ist kein Witz. Allerdings habt ihr genau so reagiert, wie Oracle es prophezeit hat. Er ist, falls euch das noch nicht bewusst gewesen sein sollte, auch der Grund, warum es zu diesem Zusammenschluss kommt. Schwarz muss sich von Rosenkreuz lösen, da ihnen sonst womöglich ihre eigene Liquidierung bevorsteht.“
„Manx, hörst du dir zu? Das klingt selbst für mich naiven Quatschkopf nach einer ziemlich offensichtlichen Falle.“
„Als Pfand“, fuhr Manx ungerührt fort, „und damit ihr auch eure Zweifel ad acta legen könnt, bat er mich, euch die Akten zu übereignen. Von allen vier Mitgliedern von Schwarz stehen in dieser Akte sehr persönliche Daten. Im Gegenzug weiß Schwarz nichts weiter von euch, als das, was sie ohnehin über euch aufspüren konnten. Ihr könnt mir glauben, oder auch nicht, aber die vier sind wirklich verzweifelt.“
„Da steckt doch mehr dahinter“, grummelte Ken ungnädig.
„Tut es, Siberian, da hast du natürlich recht. Hauptsächlich geht es darum, Prodigy zu schützen. Rosenkreuz hat wohl ein Auge auf den Telekineten geworfen, da seine Fähigkeiten wohl ungewöhnlich ausgeprägt und leicht triggerbar sind. Auch das findet ihr in den Akten. Das hier ist der Versuch, den Jungen nicht zu einem sabbernden Versuchskaninchen zu machen, wie es Mastermind mir gegenüber formuliert hat.“
Ran schüttelte den Kopf bei dem Gedanken, wie Schuldig und Crawford an Manx’ Schreibtisch saßen, in hübschen, demütig dunkelblauen Anzügen, und vor ihr und Perser zu Kreuze krochen.
„Es gibt einen Nicht-Angriffspakt zwischen Kritiker und Rosenkreuz“, fuhr Manx fort.
„Der, sollte ihr bestes Team überlaufen, wahrscheinlich genau so viel wert ist, wie der zwischen Hitler und Stalin, meinst du nicht?“, Omis Bissigkeit war neu.
Sie nickte nur.
„Das stimmt. Deshalb, und ich bitte euch, dies auch deutlich zu verinnerlichen, bleibt dieser Pakt zwischen euch und Schwarz auch ein Geheimnis. Alles, was ihr in den Akten lest, wisst ihr außerhalb dieser Räume nicht.“
„Wie lange, denkst du, kann das gut gehen?“
Ran schüttelte den Kopf.
Es würde schief gehen, fürchterlich schief, und wenn sie es gut trafen, würden sie lediglich ihr Leben bei dieser Nummer lassen müssen, statt als sabbernde Versuchskaninchen oder Kaninchenfutter zu enden.
„Ach, da ist noch eine Sache. Um dich, Ran, ein wenig sanftmütiger zu stimmen.“
Ran schnaubte.
„Lässt sich der Herr Telepath nun doch dazu herab, seinen eigenen Mist wieder zu beheben?“
Manx nickte.
„Er ist zwar nicht der Verursacher ihres Zustandes, wie du sehr genau weißt, aber dennoch. Auch wenn aus medizinischer Sicht wohl fast alles ausgeschöpft ist, um sie wieder…“
„Das ist, was man mir seit sieben Jahren bei jedem Besuch erzählt, Manx. Aber wieso sollte ich mich an die Hoffnung klammern, die mir dieser affektierte Idiot gibt, damit wir sie nicht ihren eigenen Wildschweinen zum Fraß vorwerfen?“
Ran kannte die Antwort.
Weil er erpressbar war.
Auch nach sieben Jahren Hoffnungslosigkeit, auch nach sieben Jahren mit Lungenentzündungen, künstlicher Ernährung, einem Dekubitus nach dem anderen, auch nach allem, was die Humanmedizin an ekelhaften Möglichkeiten gefunden hatte, um Wachkomapatienten am Leben zu erhalten, hatte er noch nicht aufgegeben.
„Weil er es bereits eingeleitet hat.“
Youji sog scharf die Luft ein.
„Er war das?“
Die Phasen, in denen das EEG Aktivitäten angezeigt hatte.
Das war Schuldig gewesen?
„Aber das war vor drei Wochen. Seit wann plant ihr all das?“
Ran war nahe dran, einfach irgendetwas in Fetzen zu reißen.
Er hatte Ängste ausgestanden.
Was, wenn seine Schwester aufwachte und sie nicht mehr diese wundervolle, lebensfrohe Person war, die sie einst gewesen war?
Könnte er damit umgehen, dass sie vielleicht nie wieder sie selbst werden würde?
„Er hat es getan, ohne einen Grund zu haben.“, warf Manx ein.
„Er hat es getan, ohne eine Erlaubnis zu haben“, entgegnete Ran hitzig, „Wie soll ich mit jemandem zusammenarbeiten, der sich einen Scheiß darum schert, ob er das, was er tut, darf?“
„Abyssinian!“
Manx sah auf.
Hinter ihr hatte sich Oracle aufgebaut.
Breitschultrig, in den fürchterlichsten Anzug seit Menschengedenken gekleidet und offenbar äußerst schlechter Laune.
„Was, Oracle? Hattest du eine Vision? Eine, in der meine Schwester glücklich lachend über ein Blumenfeld hüpft? Eine, in der es notwendig ist, dass ich wenigstens glaube, dass sie wieder wird, ehe sie doch an einer Sepsis stirbt, weil man eine gottverdammte Blasenentzündung übersehen hat? Welchen beschissenen Zweck hat das alles?“
Die Hand, die Ken ihm mahnend auf die Schulter gelegt hatte, schüttelte Ran wütend ab.
Crawford schob sich die Brille mit einer angestrengten Geste weiter nach oben.
„Mr. Fujimiya“, Ran wunderte sich ein wenig über diese doch seltsam förmliche Anrede, „Meine Vision sah Ihre Schwester, wie sie, wie es sich für eine Dreiundzwanzigjährige gehört, eine Ausbildung macht und Ihnen dankbar ist, dass Sie sie nicht aufgegeben haben. Ihre Schwester ist ein elementarer Baustein für das Gelingen dieser Fusion, die ich bereits seit einem Jahr anstrebe.“
Jetzt wurde es Omi zu bunt.
Noch ehe Ran sich auf den Amerikaner stürzen und ihn mit seinen bloßen Händen erwürgen konnte, baute sich ihr Jüngster vor Oracle auf.
„Vor einem Jahr hat euer kleiner irischer Kampfhund mir einen Nerv im Ellenbogen abgetrennt. Mein kleiner Finger zuckt immer noch.“
„Kollateralschaden“, murmelte Crawford.
„Und vor einem halben Jahr hat der beschissene Nazi mir beinahe die Kniescheibe zertrümmert mit seiner kleinen Spielzeugpistole.“
Dabei war Youji nicht einmal das Ziel des Schusses gewesen, sondern Ken.
Dem seine Knie heiliger waren als seine Eier, das wussten sie alle.
„Auch das ein Kollateralschaden, allerdings würde ich Mastermind gegenüber keinerlei solche Spitznamen verwenden, Balinese. Mein Team war bis vor vier Wochen nicht eingeweiht. Sie müssen wissen, Meine Herren, dass auch meine Visionen immer wieder Schwankungen unterlegen sind, die ich mittels Zeit auszuräumen versuche. Ich ersuche Sie, sich in die Akten einzulesen. Einen guten Tag, die Herren.“
Damit wandte er sich um und überließ sie wieder ihrem Schicksal.
Manx seufzte.
„Ihr habt ihn gehört. Ich schlage vor, ihr nehmt euch zwei Tage Zeit, lest euch wirklich in die Akten ein. Ich werde mit Schwarz zusammen einen Treffpunkt ausmachen, auf neutralem Boden, bei dem wir alles Weitere besprechen werden.“
Damit war sie aus der Tür.
Und Omi nahm sich mit einem Schnauben seine Akte vor.
„Ich würde sagen, wir machen einen Tee?“
Tee.
Ja.
Ran erhob sich.
Tee klang annehmbar.
