Chapter Text
Des Nachts auf meinem Lager suchte ich, den meine Seele liebt. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht. Ich will aufstehen und in der Stadt umhergehen auf den Gassen und Straßen und suchen, den meine Seele liebt. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht. Es fanden mich die Wächter, die in der Stadt umhergehen: »Habt ihr nicht gesehen, den meine Seele liebt?« Als ich ein wenig an ihnen vorüber war, da fand ich, den meine Seele liebt. Ich hielt ihn und ließ ihn nicht los*
Er sah aus dem Fenster.
Draußen, in der flirrenden Hitze eines späten Tages im August, war die Straße leer, wehte noch nicht einmal ein Hauch den Staub vom Trottoire.
Und doch wartete er.
Verharrte in der stickigen Stille seines Ladens, immer bereit, aufzuspringen und ihn zu rufen.
Der, der nicht kommen würde.
Der, den er erwartete, seit er wieder hier war.
Zuhause.
Es entriss ihm ein Schnauben.
Ein Zuhause, dass es so nie gegeben hatte, dass er mit eigener Hände Kraft aus diesem Haus gezwungen hatte.
Ruhe, Frieden, Zartheit.
Alles, was er nie gekannt, lange auch nie vermisst hatte.
Kein Sichtbeton, keine modernen, kalten Gegenstände.
Holz, flüchtiges Chaos, Wärme, Weichheit.
So diametral dem entgegengesetzt, was früher zuhause genannt, es aber nie gewesen war.
Charmante Traurigkeit, Sentimentalität.
Schwächen, die er für nicht nötig erachtet hatte.
Die ihm eingegeben worden waren.
Er war kein minimalistischer Mensch, kein Mensch, den es nach klaren Formen und kühler Eleganz verlangte.
Kühle Eleganz, die, sah er nur zu lange hin, seinen Brustkorb eng machte und ihn die Schultern hochziehen ließ, um sich kleiner zu machen, als er eigentlich war.
Seine Hände waren schwitzig.
Es lag an der Hitze, das wusste er.
Oder glaubte, es zu wissen.
Vielleicht auch an der Aufregung, doch dem Gefühl gab er keinen Raum in seinen Gedanken.
Leise lief im Hintergrund Musik.
Seine Musik.
Selbstbestimmt ausgesucht.
Weich, ein bisschen kompliziert, sentimental.
Alles, was er verabscheut hatte.
Draußen bewegte sich nichts, aller Sturm war in seinem Inneren.
Würde er wirklich nicht kommen?
Wahrscheinlich nicht.
Im blinden Wahn war er damals weggelaufen, weg, so weit ihn seine Füße und sein Geld getragen hatten.
Aus dem Gedanken, nichts mehr ertragen zu können.
Auf der Suche nach einer anderen Realität, einer Realität, die nicht so wehtat wie das, was er zurückließ.
Auf dem Weg, zu vergessen, was in ihm brodelte.
Es war vollkommen sinnlos gewesen.
Zwischen Mückenstichen in der Leiste, Lungenentzündungen und der sachten Gewissheit, dass er das, was er so verzweifelt suchte, dort zurückgelassen hatte, von wo er hektisch, hastig, halsbrecherisch schnell geflohen war.
Die Erkenntnis hatte fünf Jahre gedauert.
Und war nun zehn Jahre her.
War immerhin in eine Welt zurückgekehrt, in der es nicht davon abhing, dass es nicht regnete, während er in seinem Zelt saß, in der es wichtiger war, vor wilden Tieren geschützt zu sein, als Geld zu verdienen.
Er war Enkidu, dessen Spiegelbild.
Wo ihn einst das Licht Gilgameshs beschienen, ihn zum Menschen gemacht hatte, war sein Rückzug in diese Wildnis genau das.
Ein Rückzug in die Tierhaftigkeit.
Das Fell, das ihm gewachsen war, hatte er sich mühsam, Borste um Borste, vom Körper reißen müssen, um jeden Schmerz kämpfend, der ihn wieder menschlich machte. Die zwei Drittel Tier zurückdrängte, um das eine Drittel Mensch hervor zu zerren.
Seine Samchat war ein junger Mann gewesen.
Schön, schmutzig, so zu drei Dritteln Mensch, dass er geglaubt hatte, sich ein Drittel von ihm borgen zu können.
Es ihm stehlen zu können.
Denn er hatte nicht vorgehabt, je wieder zu ihm zurückzukehren.
Samchat war schließlich auch nur Mittel zum Zweck gewesen.
Doch das hatte er nicht begriffen, der arme Robert.
Er hatte geglaubt, sein Gilgamesh zu sein, zwei Drittel Gott, ein Drittel Mensch.
Als er ihn beim Kragen gepackt, ihn gegen die nächstbeste Mauer gepresst und in seinen Hemdskragen ‚Adam‘ gemurmelt hatte, das Gesicht so tränenüberströmt wie es sein Herz sicher gewesen war, da hatte Adam verstanden: Das hier war der Mensch, der reine Mensch, der ihm das Menschsein wieder beigebracht hatte.
Der, so schrecklich es war, nur eine Treppenstufe sein konnte, auf seinem Weg zu den Zedern des Libanon, zum Riesen Humbaba.
Doch er, Robert, hatte ihm einen Namen gegeben, den Namen, den er so lange gehasst, dann verloren in der Einöde und nun wiedergefunden hatte.
Adam, der erste Mensch, aus roter Erde geschaffen.
Adam, dem vor lauter Einsamkeit ein Gefährte zur Seite gestellt worden war.
Eva, das Leben.
Doch Adam brauchte keine Eva, das wusste er.
Er war hierher zurückgekehrt, an den Ort, an dem alles begonnen hatte.
Doch er ertrug das Alte nicht mehr.
Den Ort, ja, den ertrug er gern; die Luft hier schmeckte nach Staub und Gräsern, unter seinen Füßen spürte er die Vertrautheit des Asphalts.
Doch nie wieder würde er die Kälte von Beton ertragen, nie mehr der stählernen Logik folgen, die er einst gelernt hatte.
Stattdessen, er hob den Blick, lebte er inmitten von Weichheit.
Wolle, der Duft von Schafen und Mohairziegen, unter seinen Füßen das Gefühl von Teppichen und warmem Holz.
Hier würde er ewig warten können, das wusste Adam.
Hier würde er sein, in seinem Zuhause, dass er sich mit seiner eigenen Hände Kraft erbaut hatte, wenn er ihn fand.
Doch draußen regte sich nichts.
Kein Sturm, außer dem in seinem Inneren.
Keine Schritte, außer die, die er sich wünschte.
Kein Leben, außer dem, dass er sich so sehr herbeisehnte.
*Canticum Canticorum (Hoheslied) 3, 1-3 (Luther 2017)
