Actions

Work Header

Rating:
Archive Warning:
Category:
Fandom:
Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2015-10-13
Completed:
2016-12-17
Words:
37,797
Chapters:
14/14
Kudos:
7
Hits:
145

Rauchzeichen

Summary:

Kurz vor Ostern macht ein Brand das Haus, in dem Mathias mit seiner Familie lebt, vorübergehend unbewohnbar. Aus Platzgründen kommt er bei der Familie seines Exfreundes Thilo unter. Doch einfach ist die Situation für Mathias nicht, vor allem mit Thilos Annäherungsversuchen. Thilos Onkel wohnt ebenfalls zeitweilig im Haus und hat seine eigenen Probleme, doch mit seiner offenen Art bringt er Mathias auf andere Gedanken.

Chapter 1: Mit letzter Kraft

Chapter Text

Als Mathias seinen Rucksack und die große Sporttasche mit seinen Klamotten aufnahm und aus dem Bus ausstieg, regnete es. Die feinen Tropfen spürte man kaum, doch sie benetzten nach und nach jeden Zentimeter und machten alles feuchtklamm. Seine rahmenlose Brille wurde schon nach wenigen Metern blind und seine kurzen dunkelblonden Haare würden sich schon bald wieder unschön locken.

Sein Ziel lag laut den Angaben seines Freundes etwa fünf Minuten zu Fuß entfernt. Er wollte nur noch ankommen, zur Ruhe kommen, was nach den letzten Tagen dringend nötig war. Allerdings fürchtete er, dass das nicht so einfach werden würde.

„Mathias, da bist du endlich.“
Er schrak aus seinen Gedanken auf, als er die vertraute Stimme hörte. Thilo kam ihm entgegen gelaufen und zog ihn in eine feste Umarmung, die er steif über sich ergehen ließ. Sonst hätte er die Umarmung sofort erwidert, gar genossen, doch zurzeit ging das nicht.

„Alter, was für ein Schreck. Meine Eltern sagen, du kannst so lange bleiben, wie du magst. Du kommst auch genau richtig. Es gibt gleich Abendessen.“ Thilo plapperte vor sich hin, was bei ihm immer ein deutliches Zeichen von Aufregung oder Nervosität war.

Mathias nahm es schweigend hin und folgte seinem Freund zu dessen Haus. Es lag am Ende einer kleinen Seitenstraße auf einem großen, überwucherten Grundstück. Thilos Familie war erst vor einigen Wochen hier eingezogen und für den Garten hatte wohl noch keiner Zeit gefunden, während die Vorbesitzer ihn offenbar sehr vernachlässigt hatten.

„Komm rein... Mama? Wir sind zurück. Wir bringen nur kurz Mathias Sachen hoch und kommen dann gleich runter“, rief Thilo quer durch den Flur, während er seine Schuhe abstreifte. Saskia, ein schon etwas älterer Schäferhundmischling, kam daraufhin an getrottet und begrüßte sie.
„Ist in Ordnung“, antwortete Thilos Mutter in derselben Lautstärke. Dann gingen sie ins Dachgeschoss hinauf, wo Thilo sein eigenes Reich bekommen hatte.
„Ich hoffe, es ist okay, dass du hier schläfst. Das Gästezimmer im ersten Stock ist schon belegt, also...“ Thilo breitete die Arme aus und zuckte mit den Schultern. Daraufhin versuchte Mathias sich an einem schwachen Lächeln. „Danke, es ist okay so, wenn es dich nicht stört. Du musst dir wirklich keine Umstände machen.“
„Gut, dann...“ Thilo kratzte sich verlegen im Nacken. „Also, hast du Hunger? Wie gesagt, es gibt gleich Abendessen.“
„Ja, lass uns runter gehen. Ich sollte erst einmal deine Eltern begrüßen.“
„Okay.“

Unten war schon einiges los. Thilos Mutter war dabei den Esstisch zu decken, seine jüngeren Brüder Lucas und Lars, Zwillinge, halfen ihr und alberten dabei herum. Auf dem Sofa saßen Thilos Vater und ein Mann und schauten fern. Mathias kannte den Mann nicht, doch mit seinen strubbeligen braunen Haaren wies er eine gewisse Familienähnlichkeit auf.

„Mein Onkel Alexander. Er pennt momentan im Gästezimmer“, informierte Thilo ihn.
Mathias nickte verstehend, wurde im nächsten Moment aber abgelenkt, als Thilos Mutter ihn entdeckte.
„Da seid ihr zwei ja. Mathias, schön, dass du hier bist. Wie geht es dir? Wir haben uns lange nicht gesehen.“ Sie zog ihn in eine kurze herzliche Umarmung, die er ebenso wie die seines Freundes zuvor über sich ergehen ließ.

„Guten Abend, Frau Jäger. Es geht schon. Danke, dass ich eine Weile hier bleiben darf.“
„Wir waren doch schon beim Du, sag ruhig Janine. Und mach dir darüber keine Gedanken. Das Haus ist groß genug und wir haben gerne Gäste. Jetzt setz dich erst einmal und komm zur Ruhe. Schatz, kommt ihr? Essen ist fertig“, rief sie im gleichen Atemzug in Richtung Sofa, während sie einen Korb mit geschnittenem Brot auf dem Tisch abstellte.

Die beiden Männer schalteten den Fernseher aus und kamen mit an den Tisch, der trotz seiner Größe vollgestellt wirkte.
„Hallo Mathias.“
„Guten Abend, Herr Jäger, uhm, Johannes.“
„Das ist mein Bruder Alexander. Er wird ebenfalls die nächste Zeit hier wohnen.“ Er deutete auf den deutlich jüngeren Mann neben sich und Mathias nickte ihm kurz zur Begrüßung zu.
„Setzt euch, lasst uns essen.“

Es wurden Stühle gerückt, Besteck klapperte auf Tellern. Jeder nahm sich, worauf er Appetit hatte. Als schließlich Ruhe einkehrte und jeder mit Essen beschäftigt war, nahm Herr Jäger wieder das Gespräch auf. „Wir haben dir ja bereits am Telefon gesagt, dass wir morgen in den Osterurlaub fliegen. Deshalb ist Alex auch hier. Er wird sich während unserer Abwesenheit um das Haus, den Garten und Saskia kümmern. Dann muss sie in der Zeit nicht in eine Hundepension. Wenn wir wie sonst zum campen gefahren wären, hättest du mitkommen können. Aber um diese Jahreszeit ist es dafür noch etwas zu kühl.“
„Danke Herr... Johannes, aber ich bin schon froh, dass ich hier bleiben kann. Außerdem habe ich einiges zu erledigen, da kann ich nicht so einfach weg.“
„Gut, dann fühl dich hier wie Zuhause. Wenn du irgendetwas brauchst, wende dich einfach an Alex. Der guckt zwar die ganze Zeit grimmig, ist aber eigentlich ganz nett.“
Besagter junger Mann verdrehte die Augen, lächelte Mathias aber bestätigend zu. Der erwiderte das Lächeln unweigerlich und sah dann hastig auf seinen Teller.
„Danke, das werde ich tun“, entgegnete er und aß verlegen weiter.

Am Tisch entstanden kleine Gespräche darüber, was in den Nachrichten war, was noch alles erledigt werden musste bis zur Abreise und darüber, was am Abend im Fernsehen laufen würde. Mathias hörte schweigend zu. Während die Anspannung langsam von ihm abfiel, wurde er müder und müder, obwohl es gerade einmal sieben war. Doch er hatte seit zwei Nächten kaum geschlafen, so war das nicht wirklich verwunderlich.

Nach dem Essen, als sie den Tisch abräumten, sprach Thilo ihn darauf an. „Sollen wir dann hoch gehen? Du siehst fertig aus.“
Mathias nickte zustimmend, dankbar für den Vorschlag. Er funktionierte gerade nur noch auf Autopilot, aber das Schlafen fiel ihm im Moment auch nicht so leicht.

Sie wünschten allen eine gute Nacht und verzogen sich nach oben in Thilos Zimmer. Das war trotz der Dachschrägen sehr geräumig. Sie hatten auf der Etage auch ein eigenes kleines Bad, so waren sie ungestört.

Gähnend ließ Mathias sich auf die am Boden liegende Gästematratze sinken, während Thilo seinen PC einschaltete. Eine Weile waren nur die Geräusche des Zimmers zu hören. Der leise Lüfter des Rechners, Tastengeklapper und das Rascheln von Papier auf dem Schreibtisch, dann erfüllte Musik den Raum. Mathias lauschte eine Zeit lang darauf, während er einfach nur regungslos auf dem Rücken lag, die Augen geschlossen.

„Es hat keiner danach gefragt“, meinte er schließlich leise. Als er die Augen öffnete, sah er Thilo, der ihn vom Schreibtisch aus beobachtete.
„Die Zwillinge wissen nicht, warum du hier bist. Meine Eltern wollten dir nicht zu nahe treten, Onkel Alex hat wohl gerade seine eigenen Probleme und ich versuche meine Neugier zu beherrschen.“
„Ach so.“
„Aber wenn du reden willst... In der Zeitung stand nicht wirklich etwas. Nur allgemeine Dinge.“
„Was stand denn drin? Ich... hab nicht danach geguckt.“
Thilo drehte sich ein wenig mit seinem Stuhl hin und her und zuckte mit den Schultern. „Es hat Samstagnacht einen Brand gegeben. Alle Bewohner wurden nachts evakuiert. Jemand ist gestorben und das Haus ist jetzt unbewohnbar.“
„Die alte Frau Steiner aus dem ersten Stock hatte einen Herzinfarkt. Sie hat die Aufregung nicht verkraftet. An sich sind alle rechtzeitig rausgekommen, wegen der Rauchmelder, aber ein paar Leute haben Rauchvergiftungen erlitten.“ Gedankenversunken streckte Mathias seine Arme in die Luft. Die Ärmel seines Shirts rutschten zurück und blasse Haut kam zum Vorschein. Es würde nicht lange dauern, bis sie wieder mit Sommersprossen übersäht waren. Es hätte nicht viel gefehlt und sie wären stattdessen jetzt voller Brandwunden.

„Anja ist gestürzt und hat sich den Arm gebrochen. Sie und meine Eltern kommen bei meinen Großeltern unter.“
„Und das Haus? Ich meine, könnt ihr da wirklich nicht wieder rein?“
„Vorerst nicht. Ich weiß nicht, was jetzt wird. Die untersuchen die Brandursache und dann muss geprüft werden, ob man das Haus renovieren kann oder abreißen muss, der Hauptschaden ist halt im unteren Bereich und die Statik muss wohl geprüft werden... Wir konnten gestern in Begleitung kurz rein, Sachen holen, schauen, was noch geht. Alles riecht nach Rauch, aber unsere Sachen haben oben unterm Dach kaum etwas abbekommen. Also hatten wir Glück.“
„Wir können deine Klamotten morgen Früh in die Maschine stecken. Und du kannst gerne hier oben duschen. Oder willst du gleich schlafen? Siehst nicht so aus, als hättest du viel Schlaf bekommen.“
„Duschen klingt super. Vielleicht werde ich dann endlich den Geruch los.“ Müde kämpfte Mathias sich auf die Beine.

„Okay, du wirst dich schon zurechtfinden, und bis deine Sachen gewaschen sind, kann ich dir was von mir leihen. Warte kurz.“ Thilo stand auf und kramte aus seinem Schrank eine frische Shorts und ein Shirt hervor. „Das Zeug sollte passen.“
„Danke.“

Im Bad stand Mathias erst einmal vor dem Spiegel und starrte sich an. Er war müde, wirklich müde, aber momentan fiel es ihm schwer, zur Ruhe zu kommen. Der Rauchgeruch hing noch immer an ihm, weil seine Kleidung danach roch. So wurde er auch permanent an die Nacht erinnert. Im Grunde war das Ganze wirklich nicht dramatisch gewesen, doch egal wie oft er sich das sagte, er schreckte doch immer wieder auf mit der Angst, dass etwas nicht stimmte.

Seufzend schälte Mathias sich aus seiner Kleidung und stieg in die Dusche. Das warme Wasser auf der Haut und Thilos herbes Duschgel, dessen Geruch alles andere überdeckte, waren eine wahre Wohltat.
Zähne hatte er auch seit zwei Tagen nicht mehr richtig geputzt, weshalb es förmlich eine Erleichterung war, dies direkt im Anschluss tun zu können.

Hinterher fühlte Mathias sich viel wohler. Als er in Thilos Klamotten ins Zimmer zurückkam, saß Thilo noch immer vor dem PC und sah auf. „Geht es etwas besser?“
Mathias nickte stumm, während er seine Sachen auf seiner Tasche ablegte und sich dann auf die Matratze fallen ließ. „Stört es dich, wenn ich versuche, schon zu schlafen? Ich...“
„Nein, gar nicht. Wenn es dich nicht stört, dass ich hier noch ein wenig was erledige. Ich werde im Urlaub nicht viel machen können.“ Thilo deutete auf seinen Rechner.
„Ich werde es kaum merken, bin total fertig.“
„Kann ich mir vorstellen.“
Mathias bezweifelte das, sprach es aber nicht aus. Er wünschte eine gute Nacht und verkroch sich unter der Bettdecke.

Mathias erwachte schlagartig. Er atmete schwer und starrte orientierungslos in die Dunkelheit. Ein ungewolltes Zittern fuhr durch seinen Körper. Ein Traum. Er hatte nur geträumt. Aber es hatte sich so real angefühlt. Das Feuer vor drei Nächten hatte vielleicht keine sichtbaren Spuren an ihm hinterlassen, aber jedes Mal wenn er die Augen schloss und sich entspannte, sah er wieder alles vor sich: Anjas Panik, der Schock in den Gesichtern der anderen Hausbewohner und wie die alte Frau Steiner zusammenbrach und nicht mehr aufstand.

„Mathias?“ Thilos Stimme drang durch die Dunkelheit zu ihm und erinnerte ihn an die Gegenwart.
„Ja.“
„Alles okay?“
Mathias antwortete nicht, denn nichts war in Ordnung, aber das konnte er nicht sagen.
Er hörte Stoff rascheln, Schritte von nackten Füßen auf dem Parkett, dann konnte er seinen Freund direkt neben sich spüren. Thilo kroch schweigend zu ihm unter die Decke und schlang die Arme um ihn.

„Thilo?“
„Scht, schlaf.“
Wie sollte er so schlafen? Die Zeit in der sie so zusammen gewesen waren, war vorbei. Thilo hatte jetzt Sofia.
„Thilo...“
„Sag nicht, dass du das jetzt nicht brauchst... Oder willst. Ich wette, in den letzten drei Tagen hat nicht einmal jemand daran gedacht, dich danach zu fragen, wie es dir wirklich geht, oder? Anja hatte schon immer Vorrang, das wird jetzt kaum anders sein. Selbst, dass du hier unterkommst, hast du alleine geregelt. Sei etwas egoistisch und lehn dich bei mir an. Ich helfe nur einem Freund. Mehr ist das hier nicht. Oder lass mich egoistisch sein. Ich hab dich vermisst.“
„Wir sehen uns doch fast jeden Tag in der Schule.“ Auf den Rest wollte Mathias lieber nicht antworten. Klar war er nicht der Mittelpunkt der Familie, immerhin war der Autismus seiner Schwester rund um die Uhr eine Herausforderung. Aber er hatte sich daran gewöhnt. Thilo wusste das doch.

„Läuft es nicht gut mit Sofia?“, fragte er dann zögerlich. Er hatte Thilos Freundin schon ein paar Mal gesehen. Sie war eine Stufe unter ihnen und im Schulgebäude lief man sich manchmal über den Weg.
„Doch, es läuft gut, aber ich vermisse dich trotzdem. Deinen Geruch und deinen Körper.“ Thilo vergrub sein Gesicht in Mathias Halsbeuge. Der bekam davon eine Gänsehaut und wusste nicht, was er machen sollte. Sein Körper verlangte förmlich nach Nähe, aber es war Thilo gewesen, der sich von ihm getrennt hatte. Das hier war nicht fair.

„Thilo, lass das, ich kann das jetzt nicht... Bitte.“ Er wollte sich lösen, von seinem Freund wegrutschen, doch der hielt ihn fest.
„Bleib liegen und wehr dich nicht. Das willst du doch gar nicht.“ Thilo streichelte ihm über die Schulter und Seite und Mathias konnte die Wärme der Berührung überdeutlich spüren. Es überforderte ihn, die Sehnsucht in sich zu fühlen und zu wissen, dass Thilo Recht hatte.

Schließlich gab Mathias nach und klammerte sich ungeachtet seiner Worte an Thilo. Tränen bildeten sich unter seinen Lidern und bahnten sich in einem Sturzbach ihren Weg über seine Wangen, während unkontrolliertes Schluchzen aus seiner Kehle kam. „Scheiße, ich hatte solche Angst“, flüsterte er und Thilo hielt ihn einfach, sprach beruhigend auf ihn ein. „Ist gut, lass es raus. Jeder hätte da Angst gehabt.“

Mathias wusste nicht, wie lange er so weinte, doch irgendwann hörten die Tränen einfach auf. Er fühlte sich ausgetrocknet und sein Kopf schmerzte, während Thilos Shirt unter seiner Wange klitschnass war.

„Geht es jetzt etwas besser?“
„Ja.“ Mathias‘ Stimme war nur ein raues Krächzen.
„Warte kurz.“ Thilo löste sich von ihm, schaltete ein kleines Licht an und holte eine halbvolle Wasserflasche vom Schreibtisch. Während Mathias dankbar ein paar Schlucke trank, zog Thilo sich das nasse Shirt aus.
„Soll ich wieder in mein Bett oder bei dir bleiben?“ Mathias stellte die Flasche beiseite und hob eine Ecke seiner Decke an. Thilo kroch zurück zu Mathias und löschte das Licht.

„Denkst du, wir können jetzt noch ein wenig schlafen bevor die Nacht vorbei ist?“
„Ja“, entgegnete Mathias verlegen und kuschelte sich näher. Sofia war ihm egal, für den Moment gehörte sein Freund wieder ihm.

O