Work Text:
Yes, I'm changing
Yes, I′m gone
Yes, I'm older, yes, I'm moving on
And if you don′t think it′s a crime, you can come along
With me
Yes, I'm changing
Can't stop it now
And even if I wanted I wouldn′t know how
Another version of myself I think I′ve found
At last
Tame Impala - Yes I'm Changing
Er sieht auf den kleinen, dunklen Blutstropfen, der aus der Injektionsstelle hervorquillt und drückt den Tupfer darauf, den ihm die MFA vorher in die Hand gegeben hat. Es zieht im Muskel, als er von der Liege rutscht und er weiß, dass es noch ein paar Tage anhalten wird. Aber es ist nicht schlimm. Es gehört zu seinem Leben, viermal im Jahr.
Dreimal im Jahr ist es ein Termin unter vielen. Einer, zu dem er kommt und wieder geht, wenn er vorbei ist. An den er nicht viele Gedanken verschwendet, der dazugehört wie Zahnreinigung und Grippeimpfung. Bei dem er ein bisschen mit Sandra an der Anmeldung flirtet, die er eine Zeit lange gedatet hat bevor sie beide festgestellt haben, dass es nicht zwischen ihnen passt. Die aber trotzdem noch gerne auf seine Sprüche einsteigt bis ihre Kollegin die Augen verdreht.
Aber einmal im Jahr hat der Termin etwas Besonderes. Weil er dann ein weiteres Jahr er selbst ist. Es ist der Termin, den er in jedem Jahreskalender als erstes mit einem kleinen roten Punkt markiert.
Weil es der Tag ist, an dem alles anders und vieles besser geworden ist. Weil er sich seit dem Tag im Spiegel ansehen kann und sich selbst sieht.
Es ist der Tag, an dem er sich mehr Zeit nimmt seinen Bart zu trimmen, die Kanten ordentlich auszurasieren und seine Finger über die drahtigen Haare fahren zu lassen. Nach dem Duschen bleibt er länger vorm Spiegel stehen, um sich anzusehen. Natürlich sind da die beiden langen Narben quer über seine Brust. Aber in all den Jahren sind sie blass geworden und fallen in seinem Brusthaar fast nicht mehr auf. Nur ein wenig uneben und wulstig werden sie wohl immer bleiben. Er hat immer mal wieder überlegt, ob er es korrigieren lassen soll – Die Techniken sind heute andere als damals, aber er ist immer wieder zu dem Schluss gekommen, dass die Narben so wie sie sind zu ihm gehören.
Es gibt genug andere Narben an seinem Körper, die ihre ganz eigenen Geschichten erzählen. Das kaputte Sprunggelenk, das sie ihm mit einem Haufen Schrauben wieder gerichtet haben und wegen dem er weg vom SEK musste. Der Streifschuss an seinem Oberarm, die Blinddarmnarbe knapp über dem Bund seiner Boxershorts.
Aber auch die verschwindet fast in den weichen Haaren, die mittlerweile seinen Bauch bedecken und die so wie alle anderen Haare ziemlich grau geworden sind. Es macht ihm nichts aus. Er hat lange nicht gedacht so lang zu leben, um das zu sehen.
Genauso wie die Falten auf seiner Stirn und um seine Augen, als er sich selbst angrinst und zuzwinkert, weil er erkannt hat, dass es gut ist zu leben und älter und er selbst zu werden. Seine Stimme knarzt und knackt, wie ein Holzscheit im Feuer, als er übermütig ein paar Zeilen mitsingt, als er den Song im Radio erkennt. Er mag seine Stimme, die laut und heftig werden kann, mit der er Frauen verführen und Verdächtige zum Sprechen bringen kann. Mit der er sich selbst ausdrücken kann.
Es ist auch der Tag, an dem er das Hemd, das er morgens anzieht mit Bedacht auswählt und nicht das erstbeste aus dem Kleiderschrank zieht, weil er eh schon spät dran ist. Er nimmt das, dessen Stoff sich gut auf seiner Haut anfühlt, das gut sitzt, das seine Schultern betont, bei dem er den obersten Knopf offen lassen kann, weil er genug Jahre in weiten Pullovern verbracht hat.
Am Morgen dieses Tages wirft ihm Volker eine Packung Kinderriegel zu, weil er mittlerweile weiß, was der rote Punkt zu bedeuten hat und das okay ist. Über den Grund seiner guten Laune stellen die Kollegen gewagte Thesen auf und einigen sich in der Mittagspause, dass er eine wirklich heiße Frau erobert haben muss, so wie er den ganzen Tag über grinst und weil er ein bisschen streif geht.
Sie wissen nicht, dass er sich selbst erobert hat.
