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Moonage Daydream

Summary:

Peter Shaw ist in seinem zweiten Jahr auf dem College. Seine größten Herausforderungen bestehen darin, auf keinen Fall hinter den anderen Sportler*innen an der Uni zurückzufallen, sich um seine besten Freunde zu kümmern und möglichst so zu wirken, als ob er sich ohne Probleme durch das Leben als junger Erwachsener navigieren würde.

Als er auf einem kleinen Konzert den Musiker Bob trifft, ist er sofort fasziniert. Doch zuerst erwartet er nicht mehr von ihm als eine aufregende Nacht. Können Bob und Peter einander nicht nur mögen, sondern auch vertrauen?

 

Die Charaktere sind hier circa 19/20.

Notes:

Der Titel stammt von dem Lied "Moonage Daydream" von David Bowie. Eines seiner besten. (Ich schwöre, mein Musikgeschmack geht über Queen und Bowie hinaus!)

Vermutlich alle zwei Wochen geupdatet.

CWs: Erwähnung transfeindlicher Personen, keine Deitails; Sex

Chapter Text

Buntes Licht empfing Peter, als er die Bar betrat. Wo sonst Tische und Fußballkicker standen, war das Inventar für eine provisorische Tanzfläche freigeräumt. Es war noch verhältnismäßig leer; Justus hatte Peter gezwungen, zwei U-Bahnen früher zu nehmen.

Der ganze Abend war Justus‘ Idee gewesen. Wenn es nach Peter gegangen wäre, hätte der Start ins Wochenende mit einer abendlichen Joggingrunde begonnen und wäre mit einem Serienmarathon auf der Couch ihres Wohnzimmers geendet. Aber Justus hatte andere Pläne gehabt. Irgendeine ominöse Band, deren Mitglieder er in der Uni kennengelernt hatte. Und natürlich war Peter mitgekommen, nicht nur, weil er wusste, dass Just ein Nein nicht akzeptiert hätte, sondern auch, weil sie alle neuen Umgebungen zuerst gemeinsam austesteten.

„Komm, lass uns mal zur Bar gehen.“, schlug Justus vor, als er sich, Peter an seinem Arm, durch den halb gefüllten Saal schob. Peter nickte zustimmend, in der Hoffnung, selbstsicher und reif auf die Personen um sich herum zu wirken. Sie trugen alle schwarz, was sie erwachsen und mysteriös wirken ließ, obwohl sie nicht viel älter als er selbst sein konnten. Vorhin hatte er sich in seinem Lieblingspaar Blue Jeans und einem lila Adidas-Shirt, von dem Just gesagt hatte, dass es seine Oberarme betonte, noch gut gestylt gefühlt.
Hinter dem schmalen Tresen stand eine junge Frau mit blondierten Haaren von furchteinflößender Schönheit. „Für euch?“, fragte sie desinteressiert.

„Ich hätte gern eine Cola Light.“, rief Justus über den langsam anschwellenden Geräuschpegel. Es waren einzelne Instrumente zu hören, eine angeschlagene Gitarrensaite, ein Schlagzeug, dessen Trommeln nacheinander getestet wurden. Peter sagte: „Für mich ein Ginger Ale, bitte.“ Das Mädchen nickte kurz angebunden, drehte sich um und stellte einige Sekunden später zwei Glasflaschen auf die Theke. Verhalten nahm Peter einen Schluck.
„Danke, dass du mitgekommen bist, Pete.“ Justus lächelte ihn an.
„Immer doch. Weißt du noch das eine Mal, als mit mir zu Jeffreys Geburtstagsparty gegangen bist, weil ich mich allein nicht getraut habe? Das ist mein Payback.“ Justus lachte und hustete, er hatte sich an seiner Cola verschluckt.
„Da waren wir 17. Und ich habe nicht vergessen, dass der Abend damit geendet ist, dass du und Jeffrey Under Pressure im Duett gesungen habt.“
„Ich kann ihn immer noch anrufen. Ich bin mir sicher, er wäre dabei.“

Justus setzte gerade an, etwas zu erwidern, als sich ein Mädchen sehr schnell auf sie zubewegte. Sie brüllte: „Justus!“, und schloss ebenjenen in die Arme. Wow. Peter hatte selten einen Menschen getroffen, der ein solch hohes Maß an Energie bündelte, obwohl sie ziemlich klein war. Ihre schwarzen Korkenzieherlocken wippten. Als sie Justus losließ, strahlte sie. „Ich freu mich so, dass du es geschafft hast!“ Und an Peter gewandt: „Und du musst Peter sein, richtig? Ich hab schon viel über dich gehört.“ Sie zwinkerte auf eine Art, die gleichzeitig verbindlich und sarkastisch war.
Peter wusste nicht, ob von ihm erwartet wurde, etwas zu erwidern, deswegen lächelte er nur. „Ich bin Allie.“, sagte das Mädchen und streckte eine Hand aus. Peter schlug ein.

„Spielst du in der Band, wegen der Justus mich hergeschleppt hat?“
„Exakt.“, erwiderte sie und hüpfte leicht auf und ab. „Wir sind schon alle total aufgeregt, obwohl das natürlich nicht unser erster Auftritt ist.“
„Oh. Dann spielt ihr schon lange in einer Band?“
„Erst seit einem Jahr. Aber wir haben alle davor schon Musik gemacht.“
Allie war, neben Justus und Peter, eine der wenigen Personen im Raum, die Farbe trugen. Faktisch trug sie eine pinke, weite Hose und ein rotes Top, kombiniert mit einem breiten lila Gürtel. Sie war eine ziemliche Erscheinung. Peter beschloss, sie zu mögen.
„Was spielst du für ein Instrument?“
„Ich spiele nur Schlagzeug.“
„Nur? Pete und ich können gar keine Instrumente spielen!“, schaltete Justus sich ein.
„Verglichen mit Jelena und Bob – meinen Bandkolleg*innen - ist das wenig. Jelena spielt Bass – natürlich – aber auch noch Geige und Klavier. Und Bob kann nach einer halben Stunde jedes…“

Eine Stimme, die Peter nicht kannte und auch nicht lokalisieren konnte, rief nach Allie.
„Oh – ich muss los. Aber bleibt doch zur Aftershowparty!“, rief sie. Und sie drehte sich um und sprintete davon, leuchtend wie ein pinker Blitz.
Peter und Justus hatten keine Zeit mehr, sich neue Getränke zu besorgen, denn die Fläche vor der Bühne wurde stetig enger und enger. Kurz darauf wurde der Saal dunkel, nur künstliches, mitternachtsblaues Licht erhellte den Raum. Dann richtete sich ein heller Lichtkegel auf die Bühne und die Band war zu sehen. Die Bassistin – Jelena, wenn Peter sich ihren Namen richtig gemerkt hatte – saß in einem Rollstuhl. Sie hatte langes Haar und die selbstsicherste, gelassenste Aura, die Peter je von einem Abstand von mehreren Metern bemerkt hatte. Allie befand sich am weitesten hinten auf der Bühne und saß hinter ihrem Schlagzeug. Peter hatte Mühe, sie zu erkennen, denn sie wurde fast vollständig vom Gitarristen der Band verdeckt.
Um ihn herum applaudierten und jubelten Leute. Peter stimmte mit ein.

Der Gitarrist griff nach einem Mikrofonständer, der direkt vor ihm platziert war. „Hi!“, rief er lachend, als ob er sich nicht entscheiden konnte, ob er glücklich oder nervös sein sollte. „Wir sind The Investigators. Unser erster Song heißt Glas. Viel Spaß!“
Harte Gitarrenakkorde klangen durch den Raum, untermalt von einem treibendem Schlagzeugrhytmus und einer düsteren Basslinie. Doch dann war da diese Stimme. Sie war warm und voll und aufgeladen mit Hoffnung. Peter hatte eine mittelmäßige Punkband erwartet, oder langatmige Folk-Gitarrenstücke, nichts wie das. Er konnte nicht behaupten, besonders viel Ahnung von Musik zu haben, aber das hier war gut.

„Wenn du dann wieder vor mir stehst,
Zerspringt mein Herz,
Es wird zu Glas.
Egal wie sehr du klebst und klebst,
unser Schmerz
bleibt zu real.“

Der Song war sanft, trotz der harten Melodie. Peter betrachtete den Sänger. Sein Gesicht war verzerrt, als ob die Worte, die er eben gesungen hatte, gerade eben seinem Verstand entsprungen waren. Er war nicht besonders groß, dünn und hatte blondes Haar, das sich um seine Ohren kräuselte. Gott, was für Haar. Es sah weich aus, wie gemacht, um seine Finger vorsichtig durch es hindurchfahren zu lassen. Seine Haut glänzte ein bisschen, Peter konnte nicht sagen, ob vom Schweiß oder den hellen Scheinwerfern, die auf ihn gerichtet waren. Der Junge hatte ein weiches, fast kindliches Gesicht und trug eine runde Brille. Große Augen, schmale Nase, konzentriert aufeinandergepresste Lippen.
Der Song endete und ein neuer begann. Dieser war ruhiger. Die Bassistin hob eine Geige auf, die sie dort am Boden platziert zu haben schien und spielte auf ihr eine süßliche Melodie, untermalt von Gitarre und Schlagzeug. Nun blickte der Gitarrist entspannt drein, vollends konzentriert auf die Musik um ihn herum.
Peter blickte zu Justus neben sich, der sich sanft im Takt bewegte. Wenn Musik sogar Justus dazu bewegte, die Hüften zu schwingen… Er hatte seinen besten Freund lang nicht mehr so zufrieden gesehen.

Das Konzert ging schnell vorbei. Nach grölendem Applaus und mehreren Zugaben waren The Investigators endgültig von der Bühne verschwunden. Justus und er hatten versprochen, für die Aftershow-Party zu bleiben, und so sahen sie zu, wie sich die Bar langsam leerte und der größte Teil der Konzertbesucher*innen in die Nacht hinausströmte. Peter ging aufs Klo, und als er zur Bar zurückkehren wollte, hörte er eine Stimme „Peter!“ rufen. Es war Allie, die gemeinsam mit Justus, ihrer Band und einigen Personen, die Peter nicht kannte, in einer Sitzecke saß.

Es gab ein chaotisches Gedränge, als alle gleichzeitig versuchten auf zu rutschen, um Peter Platz zu machen. Am Ende landete er neben Justus.
Es stellte sich heraus, dass eine hitzige Diskussion ob der Vorzüge von grünem und rotem Pesto in Gange war. „Definitiv rot.“, sagte Allie, und versuchte Jelena zu übertönen, die begonnen hatte, „Grün! Grün! Grün!“ zu skandieren. „Hätte ich nicht erraten.“, meinte Peter und deutete auf ihr Outfit. „Und du?“, fragte einer der Jungen, die Peter noch nie gesehen hatte und deutete mit seiner Fingerspitze auf ihn. „Grün oder rot?“

„Bei Pete auf jeden Fall grün.“, antwortete Justus. „Während der Klausurenphase im letzten Winter hat sich Peter zwei Wochen lang nur von Spaghetti und Rucola-Pesto ernährt.“
„Ihr zwei seid echt schon lange befreundet, oder?“, hakte Allie ein, ihre Finger verschränkt mit denen Jelenas. Er blickte in die Runde. Der Gitarrist saß ihm schräg gegenüber und blickte Peter ruhig an. Als ob Peter eine allgemeingültige Wahrheit kundtun würde, die er auf keinen Fall verpassen wollte. Ihre Blicke trafen sich und Peter sah in klare, offene, grüne Augen. Dann sah der Junge zur Seite und begann ein Gespräch mit seiner Sitznachbarin.

Peter versuchte, seinen Faden wiederzufinden. „Wir sind schon immer befreundet.“, sagte Peter stolz. „Naja, fast zumindest.“, räumte Justus ein. „Seit der Primary School. Wir wurden von unserer Lehrerin nebeneinandergesetzt.“ „Und von da an war es Liebe auf den ersten Blick.“, ergänzte Peter.

Sie waren immer zusammen gewesen, hatten ihre Freundschaft vor jede Teenager-Beziehung und jeden komischen Blick gesetzt. Justus war zu jedem von Peters Sportwettkämpfen gekommen und hatte Bücher gelesen, die sich mit Mannschaftssport-Taktik auseinandersetzten, im Versuch, Interesse für Peters Hobbys aufzubringen. Und Peter hatte in seiner Freizeit auf dem Schrottplatz von Justus‘ Verwandten geholfen, damit Justus weniger Arbeit hatte und sie mehr Zeit zusammen verbringen konnten. Sie hatten den alten Wohnwagen auf dem Gebrauchtwarencenter gemeinsam renoviert und jeden Sommer darin übernachtet. Und Peter hatte jede Person, die es wagen sollte, dumme Kommentare abzugeben, nachdem Justus seine Transition begonnen hatte, in Grund und Boden gestarrt. Darin war er gut.

„Wow.“, sagte Jelena, keine Miene verziehend. Vielleicht hatte sie nur diesen einen Gesichtsausdruck. „Meine älteste Freundin ist Allie, und die kenne ich seit eineinhalb Jahren.“
„Freundin.“, wiederholte Allie und grinste.
„Tiu nicht so, wir waren zuerst befreundet, bevor wir ein Paar wurden.“
„Als ob du mir nicht schon seit Sekunde eins zu Füßen gelegen wärst.“
„Nicht witzig, Jamison.“
Allie erwiderte irgendetwas, das Peter nicht verstand.

„Sei nicht abgeschreckt, sie sind immer so.“, sagte jemand in Peters Richtung. Peter schreckte auf. Der Gitarrist der Investigators war auf gerutscht und saß ihm nun gegenüber.
„Ich glaube, sie denken, so flirten normale Leute.“ Er lächelte, und seine grünen Augen blickten verschmitzt über die Ränder seiner Brille hinweg.
„Aah.“, antwortete Peter schlagfertig. Oh Mann. „Ich bin Peter. Ich denke, wir wurden uns noch nicht vorgestellt.“, sagte er, im Versuch, das Ruder noch einmal herumzureißen.
„Bob.“, grinste sein Gegenüber und streckte die Hand aus. Peter ergriff sie über den Tisch hinweg und schüttelte sie.
„Willst du noch was von der Bar?“, fragte Bob und hob demonstrativ seine leere Bierflasche.

„Gerne. Ist es in Ordnung, wenn ich dich begleite?“, Peter blickte auf Allie und Jelena, die immer noch miteinander beschäftigt waren, und auf Justus, der in eine angeregte Diskussion mit dem Jungen links von ihm vertieft war. Er würde definitiv nicht vermisst werden.
Bob nickte erfreut. „Klar!“

Sie bewegten sich an anderen Gruppen an jungen Erwachsenen vorbei, die auch Bier tranken und über unwichtige Nichtigkeiten diskutierten.
„Was hättest du denn gerne?“, fragte Bob.
„Ein Bier?“
„Alles klar.“
Er nickte und winkte der Barkeeperin zu. „Zwei Bier bitte.“
„Du musst mir nichts ausgeben.“
„Klar muss ich nicht…“, erwiderte Bob, so schalkhaft und fröhlich wie vorhin an ihrem Tisch. Peters Magengrube zog sich ein wenig zusammen.
Die Barkeeperin stellte zwei geöffnete Bierflaschen auf die Bar, diesmal deutlich sanfter als vorhin, als Justus und er etwas bestellt hatte. Sie lächelte Bob zurückhaltend an. Dieser tat so, als würde er es nicht bemerken und nahm einen Schluck. Peter könnte sehen, wie er schluckte, wie sich sein Adamsapfel in seinem schmalen Hals auf- und ab bewegte.
„Wie kommt es, dass du hier bist?“, fragte er Peter.
„Allie und Justus kennen sich von der Uni, glaube ich.“ Ehrlicherweise wusste er nicht genau, wie die beiden sich kennengelernt hatten. „Und Justus hat mich natürlich mitgeschleppt.“
Bob zog eine Augenbraue hoch, gespielt beleidigt. „Also keine freiwillige Entscheidung, heute hier zu sein?“
„Ich war ziemlich positiv überrascht, ehrlich gesagt. Eure Musik ist wirklich besonders.“
„Danke, I guess.“, erwiderte Bob. Für einen Moment kam Stille auf. Ich hoffe, du bist nicht allzu enttäuscht von der Afterparty.“ Er malte Anführungszeichen in die Luft. „Ich weiß, dass Allie immer große Töne spuckt, was das betrifft.“
„Ich mochte es so. Ich bin nicht der größte Partygänger.“ Warum hatte er das gesagt? Das war nicht cool und interessant.
„Ich auch nicht.“ Bob lächelte leicht und klopfte mit den Fingern seiner freien Hand auf dem Tresen den Rhythmus des Songs, der gerade durch die Lautsprecheranlage dröhnte.
„Echt? Du wirkst so selbstbewusst unter vielen Menschen. Immerhin traust du dich auf Bühnen. Ich glaube nicht, dass ich das könnte.“
„Ich fürchte, ich mag es lieber, auf der Bühne zu stehen anstatt im Publikumsbereich mit allen anderen. Nicht sehr Rock n‘ Roll, tut mir leid.“
Peter wusste nicht wirklich, was er darauf antworten sollte.
„Dann bist du auf jeden Fall sehr gut im Tun als Ob. Und das ist auf jeden Fall ziemlich Rock n‘ Roll.“
Bob blickte Peter mit einem nachdenklichen Blick an. „Und du? Ich hätte gedacht, du bist ein Partytier.“
Peter prustete: „Wirklich?“ Ein bisschen Bier war aus seinem Mund gespritzt.
„Menschen scheinen dich zu mögen. Ich weiß, Allie ist laut und so, aber in der Regel mag sie Menschen nie auf den ersten Anhieb oder andersherum. Du scheinst eine Ausnahme zu sein. Neben Jelena natürlich, wie du erfahren hast.“
„Vermutlich liegst du richtig.“ Jetzt, als Peter darüber nachdachte, fiel ihm auf, dass er meistens gut mit anderen Personen klarkam.
„Hast du Lust, ein wenig frische Luft zu schnappen?“ Bob deutete auf den Ausgang.
Peter nickte und fühlte, wie seine Brust sich merkwürdig zusammenzog.

 

Draußen zog Bob eine Schachtel Zigaretten aus seiner Tasche. „Ist das in Ordnung für dich?“, fragte er und deutete auf die Packung.
„Ja, klar.“

Peter könnte nicht behaupten, Rauchen besonders attraktiv zu finden, aber entgegen seiner Erwartung stieß es ihr nicht ab, Bob rauchen zu sehen.

„Allie hat gesagt, du machst schon ziemlich lang Musik.“ Peter setzte sich auf die Treppenstufen neben dem Raucher*innenbereich.
„Stimmt. Ich hab in der Middle School angefangen, Gitarre zu spielen und von da an ging es immer weiter. In der High School habe ich dann begonnen, in einer kleinen Musikagentur zu arbeiten und dadurch habe ich viel in Coverbands gespielt.“ Bob tippte seine Zigarette an und etwas Asche bröselte auf das Kopfsteinpflaster.
„Das ist so cool, Mann.“
„Und du? Was machst du mit deinem Leben?“
„Weiß ich nicht wirklich. Ich studiere und ich treibe Sport. Ich denke, das ist alles, was es zu wissen gibt.“
Bob blickte Peter aufmerksam an. War es wirklich das, worauf er dachte, dass es hinauslief?
„Natürlich ist das nicht alles, was es zu wissen gibt.“, sagte Bob.
„Ich denke, ich mag es, Menschen zu helfen. Ich mag Kochen und Architektur.“ Schon während er diese Dinge aussprach, kam er sich lächerlich vor. Er war wirklich keine sonderlich interessante Person.
„Ich dachte, du isst nur Spaghetti und grünes Pesto?“
Peter lachte. „Stimmt – das heißt ja nicht, dass ich nicht auch andere Dinge zubereiten kann.“
Eine Weile schwiegen sie und Peter beobachtete Bob, wie er seine Zigarette auftauchte und schließlich ausdrückte.

„Und… siehst du irgendjemanden?“, fragte Bob schließlich.
Peters Magen, den er in den letzten zehn Minuten mühselig dazu gebracht hatte, merkwürdige Verrenkungen in seinem Körper zu machen, tat einen überraschten Satz.
„Nein, tue ich nicht. Und du?“
„Auch nicht.“
Eine Weile war es still. Niemand schien so recht zu wissen, wie sie nun an ihr Gespräch anknüpfen sollten.
„Was erwartest du dir hiervon?“, fragte Peter in die Stille, nicht sicher, woher dieses plötzliche Selbstbewusstsein kam. Es war nicht, als ob er so etwas schon oft getan hatte. Was auch immer er im Begriff war zu tun.
„Ich bin nicht auf der Suche nach einer Beziehung, sagen wir es so.“, sagte Bob und verschränkte die Arme vor seinem Körper.
„Aber?“

Bob lehnte sich vor und küsste Peter auf den Mund. Das war plötzlich. Es fühlte sich an, wie alles, was sein Körper jemals gebraucht hatte. Peter öffnete seinen Mund und spürte Bobs Zunge auf seinen Lippen. Er legte seine Hände an Bobs Wangen, ließ seine Finger durch seine Haare gleiten, hielt sie fest. Dafür waren Körper gemacht, nicht für Rennen und Anstrengung.

Bob brachte sie auf Abstand. „Aber ich denke, du bist unglaublich interessant und ich würde gerne mit dir schlafen.“
Peter spürte, dass sein Gesicht die Farbe seiner Haare annahm. So direkt war bisher niemand gewesen, mit dem oder der er je geschlafen hatte oder mit dem er es zumindest forciert hatte. Es machte Bob noch attraktiver.
„Ich würde auch gerne mit dir schlafen.“, antwortete er schlicht.
Bob nickte.

 

Nachdem sie sich möglichst diskret von ihren Freund*innen verabschiedet hatten, waren sie schnell aufgebrochen.

„Wir können zu mir gehen.“, sagte Peter. „Ich wohne nur zwei U-Bahnstationen entfernt.“
„Und was ist mit Justus? Ich dachte, ihr wohnt zusammen?“
Sie gingen zügig zur U-Bahnstation an der Straßenecke.
„Das ist schon in Ordnung. Er hat gerade gesagt, er und noch ein paar andere wollen bei Allie nachglühen.“
„Na dann…“

Das Bahngleis war leer für eine Samstagnacht. Es war zu spät dafür, dass Leute noch außer Haus gingen und zu früh für die meisten, um nach Hause zu fahren.

„Du studierst, hast du gesagt, oder?“ Bob hatte sich für die Minute Wartezeit neben Peter auf eine Bank gesetzt.
„Ja, ich bin im dritten Semester. Sportwissenschaften.“
„Oh. Magst du es?“ Bob sah ehrlich interessiert aus.
„Es ist okay, denke ich. Es ist interessant, definitiv, aber ich komme mit den meisten Personen in meinem Studium nicht besonders gut klar und ich weiß nicht wirklich, was ich hinterher damit machen möchte.“
Bob nickte. „Das kann ich verstehen. Aber das musst du ja nicht jetzt entscheiden.“

Die U-Bahn fuhr mit einem langgezogenen Quietschen ein und Peter und Bob sprangen gerade noch rechtzeitig auf, um die Tür zu erreichen.

„Und du?“, fragte Peter atemlos, als er sich neben Bob auf einen Sitz fallen ließ. Er spürte den Abend und den Alkohol in seinen Knochen. „Studierst du, oder was machst du?“
„Nur Musik. Ich spiele für die Investigators und ich bin manchmal in Musikstudios als Backgroundsänger oder Gitarrist.“ Bob zog den Kopf ein, als ob er sich dafür schämen würde.
„Das ist beeindruckend, vor allem in unserem Alter!“, erklärte Peter mit Nachdruck. „Für was für Bands spielst du die Gitarre oder den Gesang ein? Sind sie vom Stil ähnlich wie ihr?“
„Nein, gar nicht. Die meisten sind Pop- oder Punkpopmusiker*innen.“
„Und ihr? Was hat eure Musik für ein Genre?“, hakte Peter nach. Er hatte ein wenig Angst, sich durch diese Frage als Musik-Banause zu outen, aber Bob schien sich nicht daran zu stören.
„Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Wir mischen einfach alles, was uns gefällt, von New Wave über Pop über Rock, ich weiß nicht, ob es ein passendes Wort dafür gibt. Ich will das irgendwie nicht darauf beschränken.“, erklärte Bob und ließ seine Fingerspitzen um die Knöpfe seiner Cordjacke kreisen.
Das klang nachvollziehbar. Ein bisschen so, wie Peter sich fühlte, wenn er nach seiner Sexualität gefragt wurde.

Beim nächsten Halt der U-Bahn stolperten Bob und er in die kühle Frühlingsnacht hinaus. Bobs Wangen hatten sich von der Kälte rot gefärbt und vor seinem Mund bildeten sich kleine weiße Wölkchen. Peter navigierte sie möglichst schnell in Richtung des Häuserblocks seiner WG. Vor der Haustür blieb er stehen und sah Bob an, der erwartungsvoll zu Peter hochblickte. Bis eben war Peter gar nicht aufgefallen, dass er mehr als einen halben Kopf größer war als dieser.
Sie küssten sich. Diesmal ruhiger und langsamer, sie hatten Zeit. Bob fuhr mit seinen Händen unter Peters Jacke, streichelte über seinen Rücken, seine Schulterblätter, seine Brust und Peters Knie wurden weich. Schnell schob er Bob in den Hausflur und drückte ihn an die Wand neben der Pinnwand mit dem Putzplan und der Suche-/Biete-Spalte. Bob ließ seinen Mund über Peters Kiefer gleiten, den Hals hinab, wieder zum Kinn. Peter stöhnte.

Nach einer Weile lösten sie sich voneinander und sie stolperten die Treppen zu Peters und Justus‘ Wohnung hinauf. Peter spürte Bobs Atem in seinem Nacken, als er den Schlüssel aus der Tasche seiner Jacke fummelte und ins Schloss steckte. Die Tür öffnete sich und sie fielen vorwärts. Bob kicherte.
Peter schlüpfte aus seinen Turnschuhen und stellte sie ins Regal. So viel Zeit musste sein. Bob zog seine Chucks aus und hielt sie an ihren Schnürsenkeln fest. Ein bisschen verloren stand er dort im Flur, verlegen und strumpfsockig.

„Alles ok?“, fragte Peter und trat einen Schritt näher, sodass sie Auge in Auge gewesen wären, wären sie gleich groß.
„Ja klar.“, sagte Bob. Er stellte seine Schuhe auf den Boden und beugte sich vor. Er umschloss Peters Gesicht mit seinen Händen und küsste ihn. Diesmal härter und fordernder als vor dem Club und im Treppenhaus. Und Peter ließ sich fallen.

Er zog Bob, an einem Arm haltend, in sein Schlafzimmer. Möglichst unauffällig versuchte er, ein paar Gegenstände, die auf dem Boden lagen, beiseitezuschieben, doch der Versuch war vergeblich. Bob ließ sich auf Peters Bett fallen und sah sich um. Was würde Peter über den Raum denken, wenn es nicht sein eigener wäre? Regale an der Wand, gefüllt mit Uni-Büchern, Sportpokalen und Krimskrams aus knapp zwei Jahrzehnten. Kleidung und Sportgeräte auf dem Boden. Ein sehr ordentlicher, selten benutzter Schreibtisch.

Ziemlich viel Sport.“, merkte Bob an. Er konnte nicht erkennen, ob das nun negativ oder positiv sein sollte.
„Stimmt.“, sagte Peter.
„Kann mir vorstellen, dass viele ziemlich viele darauf stehen.“ Bob hob eine Augenbraue.
Peter trat einen Schritt näher und ließ sich vor Bob, der auf der Bettkante auf die Knie sinken.

„Kann mir auch vorstellen, dass ziemlich viele auf Gitarristen stehen.“, sagte er und blicke zu Bob hinauf.
Er grinste. „Tun sie das nicht?“

Bob zog Peter zu sich hinauf auf das Bett, sodass er auf ihm lag. Als ihre Münder sich berührten, könnte Peter nicht anders als leise zu seufzen. Er schob vorsichtig eine Hand unter Bobs Hemd und strich über seine Leiste. „Ist das ok?“, fragte er. Bob nickte und presste sich noch näher an ihn. Peter spürte seine Finger an der Rückseite seiner Schenkel, wie sie langsam über seinen Po und seine Taille strichen. Bob stöhnte auf, als er Bobs Brustwarzen umspielte. Sie fanden in den Kuss zurück und eine Zeit lang blieben sie so, ihre Körper erkundend. Nach einer Weile nahm Peter Tempo auf und rieb sich an Bob unter ihm. Der Kuss vertiefte sich und sie zerflossen. Peter versuchte alle Entscheidungen, die ihn zum heutigen Abend geführt hatten, Revue passieren zu lassen, doch sein Kopf war wie leergefegt.

Er setzte sich auf, ein Bein links, ein Bein rechts von Bobs Hüften. Bobs Hände glitten unter sein Shirt und hoben es leicht hoch. Peter zog es sich über den Kopf. Er beugte sich hinab und begann, jeden Knopf von Bobs Hemd einzeln aufzuknöpfen, doch Bob setzte sich ruckartig auf. Ihre Köpfe knallten gegeneinander. „Au“, sagte Bob und Peter musste lachen.

Hastig zog Bob sich sein Hemd über den Kopf und ließ sich zurück auf das Bett fallen. Während sie sich küssten, begann Bob, Peters Mitte durch seine Hose hindurch zu streicheln. Peter sog scharf Luft ein. „Darf ich weitermachen?“, sagte Bob mit leiser Stimme. Peter nickte.
Bob öffnete Peters Gürtel und zog die Hose hinunter. Er griff nach Peters Schultern und drehte ihn sanft, sodass sie Positionen tauschten.
„Was möchtest du, dass ich tue?“, fragte Bob und positionierte sich zwischen Peters Beinen. Peter konnte die Haare auf Bobs Oberarm über die Innenseite seiner Schenkel streichen spüren. Er verkrampfte. Niemand hatte ihn das je gefragt. Bisher hatten Peters Partner*innen immer von selbst die Initiative ergriffen und er war glücklich damit gewesen, einfach mitzumachen.

„Geht es dir zu schnell?“ Bob setzte sich auf und hob seine Brille von der Matratze auf, die im Eifer des Gefechts dort gelandet war.
„Nein.“, sagte Peter und zog Bob näher. „Kannst du einfach mit den Fingern weitermachen?“
Bob grinste verschwörerisch. Peter Herz begann zu rasen, als er Bobs Berührungen auf seinem Körper spürte. Oh Gott, wie konnte Bob denken, er würde das nicht wollen, wie soll Peter jemals wieder ohne dieses Gefühl leben, Peters gesamtes Sichtfeld eingenommen von blonden Locken und großen Augen, es durfte nicht aufhören, Bob, Muskeln, die sich unkontrolliert anspannen, Wärme, Haut, Hitze, Hitze, Hitze.

Als Peter wieder zu sich kam, zog er Bob in einen Kuss. Ihre Zungen umspielte einander und Bobs Hüfte bewegte sich unkontrolliert gegen Peters Körper.
Bob versuchte, sein Unterhemd über seinen Kopf zu ziehen, ohne seinen und Peters Mund zu trennen. Währenddessen öffnete Peter den Kopf von Bobs Khakihose. Ihre Arme verhedderten sich und für ein paar Sekunden waren sie gefangen zwischen Bobs Kleidung und ihren eigenen Gliedmaßen.

Dann war Bob nackt. Gerötete Wangen, blasse Haut. Peter ließ sich hinabsinken, zwischen Bobs Schenkeln und einem neuen, merkwürdigen Geschmack. Für eine Weile waren nur Bobs sanfte Atemgeräusche zu hören. Sie klangen weich, warm, heiser. Peter konnte Bobs lange Finger in seinem Haar spüren. Dann stöhnte Bob auf und seine Beinmuskeln spannten sich an. Peter hörte nicht auf, bis Bob still war und ruhig und ausgestreckt auf Peters Bett lag.
Peter rutschte neben ihn nach oben. Eine Weile blickten sie in das Gesicht des anderen. „Das war gut.“, sagte Bob schließlich. Peter antwortete nicht.

Das Schloss knackte, Schritte waren im Flur zu hören. Wasserrauschen aus dem Bad. Bob riss erschrocken seine Augen auf, doch Peter hielt seinen Arm fest.
„Bleib.“ Und Bob bewegte sich nicht vom Fleck.