Work Text:
Gestern noch waren wir Kinder
Gestern noch hallte unser Lachen
Von den weißen Wolken wider
Erst gestern noch war dein Herz warm
Wie der Sommer und deine Augen
Hell wie der Himmel
Gestern noch , denkt Alexis und klammert sich an das Glas, hast du nur mich angesehen .
“Lass uns tanz’n”, sagt sie und zupft an seiner Trachtenjacke.
Er sieht zu ihr, zu ihren großen Augen, aber zu ihren großen Brüsten zuerst, die das Dirndl oder was darunter unübersehbar hochquetscht, sodass sie zu schwimmen scheinen wie der Schaum auf seinem Bier.
“Nee, lass ma”, murmelt er, nimmt einen Schluck und sieht wieder weg. Er will nicht die Enttäuschung in ihrem Gesicht sehen. Es spielt Layla , und er ist sich nicht einmal mehr sicher, wie sie überhaupt heißt. Lisa? Laura?
Ihm gegenüber sitzt Micha. Strahlend schön und in bester Laune. Seine Haare sind hochgebunden – Alexis hat das gemacht. Sein Lidschatten ist rot wie kandierte Kirschen (auch den hat Alexis aufgetragen, mit angehaltenem Atem) und seine blau-schimmernde Trachtenweste und das karierte Hemd sind je einen Knopf zu weit offen, sodass man das Kruzifix um seinen rosenprächtigen Hals sieht. Er sieht unverschämt gut aus in Tracht, schade eigentlich, dass sie nur eine Leihgabe ist für heute Abend. Er wollte dick auftragen, aber Alexis hat keinen Schimmer, wen er beeindrucken will. Ist vielleicht auch egal, denn ausnahmslos jeder und jede im gottverdammten Käferzelt verrenkt sich den Hals wegen Micha.
Außer Alexis scheinbar, der lieber auf die blau-weiß karierte Tischdecke starrt, während die Puffmutter besungen wird. Denn Micha ansehen, das bedeutet unweigerlich, die zwei Madln links und rechts von ihm auch anzusehen. Und davon hat Alexis nach der ersten halben Mass schon mehr als genug.
Eine ist bleichmittelblond, als wäre sie auf einer Haarfarbenschachtel zuhause, die auch ungefähr ihren Grips widerspiegelt. Die andere hat immerhin einen dunklen Ansatz, sodass man an ihrem Mittelscheitel wenigstens sieht, dass die Kinder, die sie zweifellos von Micha will, eine gute Chance auf ein astreines Straßenköterblond haben. Und Alexis, der will echt nicht gemein sein, aber mit dem braunhaarigen Mauerblümchen neben ihm hat er vielleicht das große Los gezogen heute Abend. Immerhin fummelt die nicht permanent an ihm herum, so wie die zwei Insta-Influencerinnen gegenüber, die wohl mit den unnatürlich manikürten Klauen (blau gegen rot, man kennt es aus dem Champions-League-Finale) auf Michas Schenkeln den Kampf auszutragen scheinen, wer ihm zuerst einen blasen darf.
Alexis will kotzen, aber es liegt beileibe nicht nur am Bier, von dem er noch einen guten Schluck nimmt. “Ick hass fucking Bier”, murmelt er, als er es heruntergewürgt hat, und steht auf, um sich etwas anderes zu besorgen: Champagner, oder Schnaps, oder C 3 H 8 O (Isopropylalkohol, danke Papa), völlig egal, ob er den Abend überlebt.
Larissa (?) springt mit einem “I komm mit!” auf und sie ist fast ein bisschen süß, aber Alexis kann nur daran denken, ob es für Micha auch so ist, wenn Alexis ihm überallhin nachrennt. Bisschen süß, aber auch bisschen bemitleidenswert.
An der Bar muss er sich zwischen zu viele Besoffene drängen, um den Kellner anzusprechen. Es läuft inzwischen Saufi Saufi , und er fühlt das. Er bestellt drei klare und zwei Gin Tonic, trinkt die Schnäpse selber und gibt dann seiner Begleiterin eins der Longdrinkgläser.
“Bist du ned erst siebzehn?”, plärrt sie über die Musik, aber er stößt nur mit ihr an und nimmt einen Schluck. Schmeckt auch scheiße.
Der DJ hat genau jetzt ein Hirnaneurysma und legt Auf Die Party auf. Muss eine Art Zeichen sein; jedenfalls hüpft seine Begleitung und schnappt sich seine Hand, um ihn auf die Tanzfläche zu zerren. Alexis lässt es zu, denn er braucht nur eine halbe Sekunde, um zu verstehen, dass er nicht zu Micha zurück kann, bevor die Schnäpse und der Gin ihn nicht total aus dem Leben gehauen haben.
Laura kann nicht so richtig gut tanzen und springt die ersten paar Takte nur um ihn herum. Kurz befürchtet Alexis, dass sie sich die Haxen bricht, so hoch und dünn wie ihre Absätze sind, aber scheinbar hat sie Übung und nach der ersten Euphorie schmeißt sie sich ohnehin an seinen Körper, der ihr offenbar ausreichend Halt gibt. “Was ist des für a Parfüm?”, schreit sie nach der zweiten Strophe in sein Ohr, und er schreit “Chanel” zurück. Der Teufel muss ihn geritten haben, als er das passende Gegenstück zu Michas Platinum Egoïst gekauft hat, und der Beelzebub, dass er es heute Abend tatsächlich aufgetragen hat. Er weiß nicht, wen zum Henker Micha beeindrucken will mit seiner gottverboten hotten Tracht, aber Alexis ist sich mit jeder Faser seines eingecremten und parfümierten Körpers bewusst, wen er selber beeindrucken will…
Käferzelt , das ist nichts, was Alexis vor letzter Woche ein Begriff war. “Bist ja ned vo’ hier”, hat Hakim gesagt, und die Brauen hochgezogen. “Da putzt di a bisserl raus, des is ned was, wo du jed’n Doag hi oag’lad’n wirst.”
Käferzelt, das ist die härteste Tür auf der Wiesn, und wenn man schon Probleme hat, da überhaupt reinzukommen, dann ist es so gut wie unmöglich, es in das exklusive obere Stockwerk zu schaffen, das den Reichen und Schönen – naja, hauptsächlich Reichen – vorbehalten ist. Aber wenn man Michael Kaiser Plus Eins ist, dann bleibt einem auch dieses Vergnügen nicht erspart. Der Champagner ist ungefähr achtmal so teuer wie im regulären Handel, und nicht dort hinzugehen, wenn man die Chance hat, ist ungefähr so dumm, wie nicht ein Foto mit dem amtierenden Staatsoberhaupt zu machen, wenn es darum bittet. Für Bastard München spielen, heißt mehr, als nur für Bastard München spielen. Darum haben Alexis, aber vor allem Posterboy Micha, einen ganzen Haufen anderer Arbeit an der Backe, so wie sie jetzt die Mädels an der Backe haben. Wie metaphorisch.
Laylas Brüste sind warm und weich, und als sie etwas Gin Tonic darauf kleckert, kichert sie. Alexis nimmt ihr das Glas weg und trinkt den Longdrink selber, auch wenn ihm tatsächlich so langsam etwas schwindelig wird. Das bunte Licht pulsiert, als Kaleidoskop zu spielen beginnt, und während Alexis froh ist, dass er keine photosensitive Epilepsie hat, ist jetzt scheinbar er derjenige, der sich subtil an Laura festhalten muss, auch wenn seine Stiefel ihm viel stabileren Halt geben sollten als ihre Highheels ihr.
“I muss ma pinkeln”, kichert sie und stakst davon, als das Lied vorbei ist.
Alexis geht zur Bar und holt sich wider besseres Wissen noch einen Wodka-Energy, bevor er nach einem Moment der Verwirrung den Tisch wiederfindet, an dem Micha und seine zwei, ähm, Mädels sitzen.
Sein Bier hat keinen Schaum mehr, macht aber nichts.
“Lass ned einfach dein Getränk stehen und komm dann a halbe Stund’ ned wieder”, tadelt Micha ihn. Sein Hemd ist weiter offen als vorher.
Alexis zieht seine halbleere Mass zu sich und zu, wie Micha aufsteht.
“I bin kurz weg”, informiert er und natürlich stehen die zwei Frauen auch auf. “Bleib da sitz’n, i bin gleich wieder da. Hörst du, Lex?”
Alexis nickt, Wodka-Energy in der linken Hand, Bier in der rechten, und in der Mitte sein Kopf, in dem sich alles zu drehen beginnt, als er den dreien nachblickt.
Larissa kommt zurück. “Wo sind die oandern?”
“Ficken”, antwortet Alexis und als er es ausspricht, sackt es erst richtig. “Scheiße, verdammtnochma”, murmelt er und vergräbt das Gesicht in den Händen, auch wenn er dafür die Getränke loslassen muss.
“Musst spei’n?”
“Nee”, schluchzt Alexis trocken und atmet tief durch, bevor er sich wieder aufsetzt. “Ick kotz aus Prinzip nich.”
Laura grinst. “Was b’zahlt is, bleibt drin!”
So oder so ähnlich. Er lächelt sie an und sie versteht es als Aufforderung und lehnt sich zu ihm, damit er sie küssen kann, ihre kleinen Hände auf seinem Oberschenkel. Doch er zuckt mit den Schultern und wendet sich dem Bier zu, das abgestanden und schal ist, so wie der ganze verfluchte Abend.
Ein unpassendes Prosit Der Gemütlichkeit fliegt ihnen um die Ohren, aber zu diesem Zeitpunkt ist es Alexis herzlich egal, ob die Musik ihn zum trinken animiert, oder die Tatsache, dass wahrscheinlich gerade Miss Wasserstoffperoxyd und Miss Mittelscheitel an Michas garantiert wunderschönen Penis herumlecken dürfen, während er hier sitzt und nichts hat außer Lisa, die…
… die auch weg ist?
Alexis schaut sich halbherzig um. Vermutlich ist sie noch mal auf die Tanzfläche, weil es ihr hier zu fad geworden ist. Immerhin hat er jetzt seine Ruhe, während er auf Micha wartet und trinkt.
Und trinkt.
Und noch mehr trinkt.
Irgendjemand stellt im Vorbeigehen eine drittelvolle Flasche Schampus auf den Tisch mit den nicht an Alexis gerichteten Worten “Jessica, jetzt wart doch auf mich!”, was klingt als kämen die zwei so schnell nicht wieder. Heute ist scheinbar der Tag, an dem Alexis lernt, dass er Champagner nicht so prickelnd findet, wie man dem Schaumwein nachsagt, ihm wird bloß schlecht davon. Aber geschenkter Gaul, also gießt er sich so lange davon in das Longdrinkglas nach, bis die Flasche leer ist, trinkt ihn abwechselnd mit dem Bier, das mit jeder Minute wärmer und ekelhafter wird, und wie lange ist Micha jetzt eigentlich schon weg? Der Zug Hat Keine Bremsen , Alexis lacht, aber eigentlich ist alles echt nur noch beschissen. Er ist kurz davor, den Kopf auf den Tisch zu legen, Kommissar endet gerade, da legt stattdessen jemand die Hand auf seinen Rücken.
“Nimm deene Pfoten weg, ick will nich tanzen!”, schreckt Alexis auf, und die Person hinter ihm lacht.
“I glaub, dazu bist eh nimmer in der Lage.”
Alexis dreht sich um und sein Herz setzt aus. “Micha…”
Er ist es wirklich! Blond und blau und strahlend. Ein paar goldene Strähnen fallen ihm in sein schönes Gesicht und er lächelt, milde und warm. Seine Augen sind klar wie Saphire und Alexis wird schwindelig – wobei, das war ihm ja ohnehin schon. Nichtsdestotrotz fühlt es sich fast ein bisschen an wie an dem Tag, als er Micha zum ersten Mal gesehen hat, diesen surreal attraktiven, elfengleichen Mann, der ihm sein Herz bei lebendigem Leibe herausgerissen und es verschlungen hat. Obsessed .
Micha schaut auf den Tisch: Leere Mass, leeres Glas, leere Flasche Moët. “Was war denn hier los?” Er blickt um sich. “Und wo ist Lena?”
Lena? Oh, ups.
“Herrgott, Lex, hast des alles allein g’soffen?”
Ja, war eine super dumme Idee, das merkt Alexis spätestens dann, als Micha ihn auf die Beine zieht–
“I bring dich nach Haus, Herrgott, du kannst ja kaum stehen.”
–auf die Beine zieht, die nur darum nicht unter ihm wegsacken, weil Micha gute Reflexe hat und ihn festhält.
“Egal, was morgen is”, echot Alexis den Liedtext und klammert sich an Micha. “Du warst so lange weg, ick dachte, du hätts’t mich sitzenlassen”, murmelt er, nicht mal sicher, ob Micha ihn überhaupt hören kann. Und wenn er eh schon dabei ist: “Larissa… Lisa…” Nee, was war’s? “Layla… die wollte was von mir, aber ich mach sowas nich, ich bin nich so einer, ich lass mich doch nich… Also ick werf dir das nicht vor, so is das gar nich jemeint, ich mein nur, weil ich keen Interesse an ihr hatte, das hat sie wohl in den falschen Hals bekomm’n, ich kann ja och verstehen, dass die alle beide ran wollten, das Blau steht dir ausgezeichnet, da kann ich ja nicht mithalten, und die Kleider sind schon tief ausgeschnitten…” Er verstummt, weil er sich plötzlich nicht mehr sicher ist, was er Micha eigentlich sagen wollte, aber der ist sowieso beschäftigt damit, ihn die Treppe runter zu bugsieren. “He”, lacht er, “zum Glück hab ich keene so hochhackigen Schuhe an.”
“Damit hätt i dich auch ned allein g’lassen”, antwortet Micha, dessen Frisur sich aufzulösen beginnt mit Alexis’ Arm über den Schultern. Hört er Alexis’ zusammenhanglosem Gerede doch zu?
Draußen ist es kalt, die Luft ist frisch, und es haut Alexis fast von den Socken. Sauerstoff, so hat er gehört, macht jeden Suff doppelt so schlimm. Nicht, dass er grundsätzlich wenig von Chemie verstünde, aber wenn seine Eltern rauskriegen, dass er Selbstversuche macht, oder seine Geschwister, Gott bewahre… Marie und Carl werden ihn für den Rest seines Lebens verarschen für seinen ersten peinlichen Vollsuff, minderjährig, auf der fucking Wiesn, weil er Micha vermisst hat. Und ob es nun die chemische Reaktion mit dem Sauerstoff ist oder die Tatsache, dass seine Ohren auch hier draußen noch dröhnen, und dass der Boden vom Regen durchgeweicht ist, und dass es trotz der sich vor seinen Augen drehenden Laternen ziemlich dunkel ist, Micha hat ihn kaum um die Ecke geführt, da muss Alexis sich auch schon ausgiebig übergeben.
Es brennt und ist furchtbar und er hat das absolut verdient. Er hat gewusst, dass das böse ausgeht, mit jedem Schluck, den er getrunken hat.
“Was hätt ich denn machen sollen?”, rechtfertigt er sich schließlich unaufgefordert, klammert sich an den Laternenpfosten und traut sich nicht, seine vornübergebeugte Position aufzugeben. “Ich dacht, du hast mich allein da sitzen lassen und tust dir ne schöne Zeit machen mit den zwei. Hätt ich ja nicht erwarten können, dass du die nich mit nach Hause nimmst.”
Michas Hand, die, wie Alexis jetzt bewusst wird, über seinen Rücken gestreichelt hat, stoppt. “Das denkst von mir?”, beschuldigt ihn Micha. “Dass i dich sitzen lass, um's mit zwei irgendwelchen Oiden zu treiben?”
Alexis schaut über seine Schulter, die sich dreht, zu Micha, der sich dreht. “Haste ja auch!” Er schnieft. Sein Rachen brennt, aber der Brechreiz ebbt immerhin ab. “Tu ich dir ja auch nicht vorwerfen–”
“Gar nichts hab i!”, unterbricht ihn Micha, packt seine Jacke und zerrt ihn zu sich herum. “Is des, was du glaubst, was i mit den zwei g’macht hab? Dass ich die zwei geknallt hab, während du draußen sitzt?”
Alexis hebt die Hand und zupft an den sich lockernden Haarsträhnen, sodass sie Michas Gesicht umrahmen. Es ist unfair, wie schön er ist.
“Lex!”
“Hm?” Was war die Frage?
“Da lief nichts!”, beteuert Micha mit zusammengezogenen Augenbrauen. Er sieht fast ein bisschen verzweifelt aus. Süß. “Ich will nichts von denen. Wir ham nichts g’macht!”
Schwer zu glauben. “Dafür biste aber ganz schön lang weg gewesen”, wundert sich Alexis und lässt die Hand sinken. Er würde Micha gern fotografieren, aber ist jetzt vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt. Wo ist eigentlich sein Handy? Wo ist eigentlich seine Jacke?
“Ich hab die abgewimmelt, weil i kein’ Bock auf die hatte!”, erklärt Micha energisch und rüttelt an Alexis’ Revers.
Ah, seine Jacke, er hat sie an, stimmt ja.
“I hab denen eine halbe Stund was übern DFB-Pokal erzählt, bis die sich endlich verpisst ham.”
Das bringt Alexis zum Lachen. “DFB-Pokal?”
“Das Spiel gegen Dynamo”, spezifiziert Micha. “I bin echt ins Detail ‘gangen.”
Und jetzt muss Alexis noch mehr lachen. Theo war total hin- und her gerissen, weil er gegen seine alten Teamkameraden spielen musste, und sie mussten ihn ein bisschen trösten, als sie mit vier zu null den Boden mit Dresden aufgewischt haben. Aus diesem Grund war es für alle ein sehr emotionales Spiel, über das sich leicht dreißig Minuten reden lässt.
Dass Micha sich aber so viel Mühe gegeben hat, liegt in der Natur der Sache: Immerhin waren sie heute als Repräsentanten von Bastard München da; die zwei Frauen (Instagram-Geier mit weiß-das-Huhn wie vielen Followern auch noch!) einfach grob abzuservieren, hätte ein schlechtes Licht auf Micha und den Verein geworfen. Schlechter als Schaumwein auf Bier, das gönn ich mir ? Alexis blickt sich um; hoffentlich hat niemand mitbekommen, dass er sich eben die Seele aus dem Leib gekotzt hat. Dann wiederum, gehört das beim Oktoberfest nicht zum guten Ton?
Aber peinlich ist es ihm schon, dass er so über die Stränge geschlagen hat. Auch wegen Laura. Lara.
“Tut mir Leid”, murmelt er und lehnt die Stirn an Michas Schulter. Er riecht nach Chanel, aber seinem. “Ich wollte dir nichts unterstellen. Ich dacht nur… weil du dich och so rausjeputzt hast, dass du wen beeindrucken willst.”
“Aber doch nicht die”, murmelt Micha in Alexis’ Locken. Seine Hand ist wieder auf Alexis’ Rücken, groß und warm und vertraut. Und als er fortfährt, ist seine Stimme fast nur noch ein Flüstern. “I hab jemand ganz anderen im Auge.”
Alexis hebt den Kopf und schaut ihn an. “Wen denn?”
Aber Micha antwortet nicht auf die Frage. “Komm, ich bring dich heim.” Er nimmt Alexis an der Hand, der ihm schweigend folgt.
Es ist dunkel und kalt, aber auf der Wiesn sind immer Leute unterwegs, auch wenn die Fahrgeschäfte schon geschlossen sind. Zwei Typen, die nebeneinander stehend in ein Gebüsch pinkeln, erkennen Micha und winken, und ein junges, erstaunlich nüchternes Paar in Trachten traut sich sogar, zu fragen, ob sie ein Selfie mit ihm machen dürfen. Micha bittet sie, es nicht hochzuladen, sondern nur der Familie im Gruppenchat zu schicken, und das Selfie ist garantiert dunkel und verwackelt, aber es kümmert sie nicht.
Gerade als die beiden sich verabschieden, zückt Micha plötzlich seinen Geldbeutel und zieht einen Geldschein heraus. “Ich hab’s nicht kleiner, kann ich das haben?”
Die junge Frau scheint etwas unsicher, sieht zu ihrem Partner, der auf den gelben Geldschein starrt.
“Das sind aber schon zweihundert, da kriegste eigentlich vier für”, sagt er und ehe er sich versieht, hat die Frau schon das Plastikband über ihren Kopf gezogen.
Micha bedankt sich und gibt ihr den Schein, bevor er den beiden noch einen schönen Abend wünscht und zu Alexis kommt, der ein paar Meter entfernt gewartet hat.
“Hier, Dummkopf”, sagt er und hängt Alexis das Lebkuchenherz um den Hals. “Und Finger weg vom Alkohol in Zukunft.” Dann nimmt er Alexis wieder bei der Hand und marschiert los, anders kann man es wirklich nicht sagen.
Verwirrt stolpert Alexis neben ihm her. Hat Micha einer Fremden gerade ein Lebkuchenherz für zweihundert Euro abgekauft? “Warte, Micha”, sagt er, aber Micha wartet nicht. “Ick will wissen, was drauf steht!” Er hebt das Lebkuchenherz bis fast auf Augenhöhe.
Darauf steht, lila umrandet, mit rosa Zuckerblumen und weißer Schrift: !p 6ow I
“Micha!” versucht er es noch einmal. “Warte, da steht was Komisches drauf!”
Micha wirft ihm einen genervten Blick zu. “Weil du’s falsch rum hältst, Herrschaftszeiten…” Seine Ohren sind rot.
Aber das Band ist zu kurz als dass Alexis es umdrehen könnte, ohne sich zu strangulieren. “Okay, dann schau ich es morgen an, ja?”
Micha schnaubt. Seine Frisur löst sich immer weiter auf, aber er ist hübsch, wenn seine Haare wild und blond um seine geröteten Ohren und Wangen fallen. Alexis fragt sich, ob der Alkohol seine Wahrnehmung von Micha verändert, aber wahrscheinlich ist es eher der Umstand, dass er ganz und gar in Micha verliebt ist. Dass seine Hand warm ist. Dass Micha ihn nach Hause bringt und bei ihm geblieben ist. Dass er sich umdreht und mit funkelnden Sommerhimmelaugen Alexis ansieht, nur Alexis ansieht.
Und in seinem Kopf hallt ein Song nach, der heute Abend gelaufen ist, während er Micha folgt, so wie er es von der ersten Sekunde an getan hat, das Herz schwer und süß (welches, oder beide?).
Gestern noch hast du nur mich angesehen. Und egal, was morgen ist, egal, was morgen ist…
