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Heiligabend

Summary:

Heiligabend. Seit Jahren der erste Heiligabend ohne seinen besten Freund.
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Der Hebst des Jahres 1730 war keine einfache Zeit für Joachim von Holtzendorff. Immerhin ist er an Heiligabend mit seinen Gefühlen nicht allein.

Notes:

Ok, das Ding hier ist mindestens ein Jahr alt und ich habe es nicht wirklich bearbeitet... und trotzdem isses nicht an Heiligabend erschienen. Verdammt. Naja, anyway, wer was trauriges zu Weihnachten möchte: Be my guest!

Work Text:

Es war Heiligabend und draußen schneite es wie verrückt.

Am Abend würde er seinen Vater und die Stiefmutter besuchen, einige Geschenke für Nichten und Neffen im Gepäck und das falsche Lächeln im Gesicht, das er in letzter Zeit so oft trug. Heiligabend. Heiligabend vor einem Jahr hatte er sich mit seinen Freunden betrunken; mit den Jungs aus Glaucha, Hertefeld und ein paar anderen Gens d’armes, hatte mitten in der Nacht irgendwie noch den Weg zurück nach Hause gefunden und war auf dem Boden vor dem Kamin eingenickt, um am nächsten Nachmittag noch seinen familiären Pflichten als Sohn und Onkel nachkommen zu können.

Heiligabend vor einem Jahr hatten Katte und Spaen in einer Ecke über die Pläne des Kronprinzen gemutmaßt, hatte Katte betrunken etwas von „Wenn er geht, muss ich mit, auf ihn aufpassen“ gesagt, bevor er abrupt verschwunden war, nachdem ein königlicher Page im dunklen Mantel ihm irgendwas ins Ohr geflüstert hatte. Katte und sein Kronprinz. Er hätte es wissen müssen, hätte ihn damals schon vom Gehen abhalten und den Pagen aus der Kneipe jagen sollen, bevor er überhaupt mit Katte gesprochen hatte. Er wusste, dass er sich selbst etwas vormachte, dass die Prozesse, die schließlich zu den Vorgängen der letzten Monate geführt hatten, schon weit vor dem letzten Heiligabend begonnen hatten, dass sein Eingreifen Katte nicht gerettet hätte. Katte war ein erwachsener Mann gewesen, der sich nun mal dafür entschieden hatte, sein Land, sein Regiment und seinen König zu verraten, um mit dem Kronprinzen gen Westen zu desertieren. Der gestorben war. Der für den an seinem Zellenfenster weinenden jungen Mann auch zehn Leben hatte hergeben wollen.

Er selbst hatte den Prinzen nie kennengelernt, rechnete auch nicht damit, es noch zu tun, und verstand nicht, wie der bleiche Hänfling mit den großen Augen, den er ab und an in der ein oder anderen Parade gesehen hatte, seine Freunde so zu faszinieren verstand. „Er ist ein guter Junge“, hatte Ingersleben gesagt, Wietersheim hielt ihn für „vielversprechend“. „Kann einem nur leidtun“, hatte Spaen gemeint und Katte hatte so seltsam gelächelt und von Prinz Friedrichs genialem Verstand gesprochen, der ihn wieder und wieder überraschte. Katte, ihr großer Denker. Vielleicht hätte er es schon in Glaucha kommen sehen sollen. Wenn einer von ihnen mit romantisch verklärten Visionen desertieren würde, dann doch sicher Katte, der ohnehin nie Soldat werden wollte, der Gedichte schrieb und Bilder malte, der von Italien und der klassischen Antike träumte. Warum hatte er es nicht kommen sehen?

Er quälte sich aus dem Bett, ließ sich von seinem Diener beim Ankleiden helfen und verkroch sich mit einer heißen Tasse Kaffee in der Hand in den Lehnstuhl vor dem Kamin. Heiligabend. Seit Jahren der erste Heiligabend ohne seinen besten Freund.

Seine Feiertagsmelancholie wurde von einem Klopfen an der Tür unterbrochen und kurz darauf stand Ingersleben im Raum, triefnass vom schmelzenden Schnee.

„Grüß dich, Holtzendorff.“

Wortlos bat er seinem Gast den zweiten Lehnstuhl an und schickte den Diener zum Tee kochen in die Küche. Nach einer Weile sprach Ingersleben weiter:

„Wietersheim lässt auch Grüße ausrichten. Fährt über Weihnachten heim nach Anhalt.“
„Schön.“
„Was machst du?“
„Essen bei meinem Vater.“
„Schön.“
„Warum bist du hier?“
„Ach…“

Ingerslebens Finger zogen am Saum seines tropfenden Mantels, Holtzendorff starrte in die Glut. Worüber redete man, wenn ein Freund gestorben war? Sie hatten sich seit dem Sommer nicht mehr gesehen und nur zwei kurze Briefe ausgetauscht, als Ingersleben aus dem Gefängnis entlassen worden war. Kaum mehr als „Ich lebe, es geht mir gut“ und keine Rede von „Unser Freund ist tot, wie machen wir weiter?“.

„Er hat mir ein Buch vermacht“, hörte Holtzendorff sich sagen, „Irgendein religiöses Traktat. Hab es nicht gelesen.“

Jetzt sah Ingersleben ihn an, erwartete mehr.

„Hat mir einen Brief auf die erste Seite geschrieben. „Danke für unsere perfekte Freundschaft“. Als hätte er mich nicht das letzte Jahr besagter Freundschaft lang nach Strich und Faden verarscht.“
„Wenigstens hast du einen Brief bekommen.“

Sie starrten beide in die Flammen, keiner dazu bereit, den geteilten Gedanken auszusprechen. Ihr Freund, ihr lieber, lustiger, toter Freund aus Kindertagen hatte sie verraten. Die Armee hatte er verraten, den Staat und den König und doch wog der kleinste, nicht einmal juristisch relevante Verrat am schwersten. Katte hätte sich mit dem Kronprinzen davongestohlen, hätte dessen schmallippiges Lächeln und die genialen Gespräche über seine Freunde, seine Blutsbrüder gestellt, hätte sich einfach damit abgefunden, sie vielleicht nie wiederzusehen und hätte sich nicht einmal verabschiedet. Und jetzt war er tot. Und Toten durfte man nicht einmal böse sein.

„Wie geht es Spaen?“
„Noch in Haft. Ich glaube, er kommt nicht zum Regiment zurück.“
„Wie geht es dir?“
„Ach…“

Der Diener kehrte mit dem Tee zurück, Ingersleben schenkte ein.

„Sie haben mir fünf Tassen zerschmissen“, sagte er, „Als sie mir die Wohnung ausgeräumt haben. Alles wegen drei alter Röcke vom Prinzen.“
„Wie viele hast du dann noch, fünfundzwanzig?“
„Dreiundvierzig. Aber es waren schöne Tassen.“

Schweigend tranken sie ihren Tee. Mitte November war Holtzendorff in Kattes völlig zerstörter Wohnung gewesen, hatte zwischen zerfetzten Notizbüchern und verschütteter Tinte nach irgendwas gesucht, das ihm eine Antwort auf das Warum gab und war mit leeren Händen gegangen.

„Ich fühl mich so schuldig“, sagte Ingersleben in die Stille hinein, „Wenn ich sie einander nicht vorgestellt hätte… Hans und auch die arme Doris; wenn ich sie dem Prinzen nicht vorgestellt hätte, hätte alles anders kommen müssen.“
„Dann wäre jetzt jemand anderes tot. Du vielleicht, oder Wietersheim.“
„Nein, ich und Wietersheim… Es ist anders gewesen, mit Hans und ihm. Ich habe mich noch gefreut, weil sie sich so gut verstanden haben, und jetzt…“
„War doch nicht deine Idee, mit der Fahnenflucht“, sagte Holtzendorff zum Kaminfeuer, „Du hast sie einander vorgestellt, weil du Hans eine nützliche Verbindung schaffen wolltest und dem Prinzen jemanden, von dem du wusstest, dass er treu und liebenswert ist und seine Leidenschaften teilt. Bist also Katte ein guter Freund gewesen und hast ihnen beiden gut sein wollen. Das Mädchen kenne ich nicht, aber es war wohl kaum deine Absicht, sie als Hure auspeitschen und nach Spandau schicken zu lassen. Das ist ohne dein Zutun passiert, Ingersleben, da solltest du dir keinen Strick draus drehen.“
„Ich wünschte nur, er hätte mit mir gesprochen…“
„Der verdammte Bastard“, sagte Holtzendorff, „Was ich dem an den Kopf werfen würde, wenn er hier wäre. Dreifach verfluchter Vollidiot.“

Ingersleben lachte erleichtert auf.

„Ich dachte, ich wäre der Einzige. Gott, wie ich ihn gerade hassen will! Ein halbes Leben kennt er uns und dann sind wir ihm nicht einmal eine Erklärung wert!“
„Tja, Ingersleben, wir sind halt nicht der Kronprinz! Wir haben keine traurigen blauen Augen und nicht diesen genialen Verstand, der zu so ungemein ausgereiften Plänen führt!“
„Er hätte sich echt einfach klammheimlich verpisst, ohne uns etwas zu sagen! Unglaublich, was fällt dem ein?“
„Jeden Tag hab ich mit ihm gearbeitet! Jeden verdammten Tag hab ich ihn gesehen, hab mir seine traurigen, vagen Monologe über seine Situation angehört und nichts, aber auch gar nichts an Informationen erhalten. Vielleicht hätte ich nochmal sein Tagebuch klauen sollen, um ihn zu verstehen.“
„Wenn seine Metaphern noch so hochtrabend waren wie in Glaucha, hättest du da doch kein Wort von verstanden.“
„Dann muss Wietersheim mir eben übersetzen. Was kann er schon geschrieben haben? Niemand versteht mich und der Kronprinz hat schöne Haare; mit freundlichen Grüßen, Hans Katte.“
„Vielleicht war es das“, sagte Ingersleben und wurde plötzlich wieder ernst, „Vielleicht dachte er, wir würden ihn nicht verstehen. Hat uns einfach nicht mehr vertraut. Seine Probleme wieder in sich hineingefressen.“
„Aber warum, was haben wir ihm denn getan? Er ist… er war…“

Warum hatte er nicht genauer nachgeharkt? Ihn zum Reden gebracht, ihm besser zugehört…

„Ich habe gedacht, das wäre nur so eine Phase“, sagte Ingersleben, „Dass er kaum noch mit mir gesprochen hat. Dachte eben, er sei müde. So als persönlicher Laufbursche vom Prinzen.“
„Der verdammte Prinz… Was fandet ihr nur alle an ihm?“
„Er ist ein liebenswerter junger Mann und ein interessanter Gesprächspartner. So vernarrt wie Hans bin ich allerdings um Längen nicht gewesen.“

Wie vernarrt musste man in jemanden sein, um seine gesamte Existenz für ihn zu opfern? War Hans tatsächlich für eine Schwärmerei gestorben? Einen unehrenhaften, bedeutungslosen Tod ohne tieferen Sinn?

„Vielleicht hat der Prinz ihm irgendwas versprochen. Irgendwelche Reichtümer, einen Posten bei Hof…“

Ingersleben winkte ab.

„Prinz Friedrich hat keine nennenswerten Reichtümer abzugeben und Hans hätte irgendwann mal groß geerbt, wenn er einfach die Füße stillgehalten hätte. Und welchen Posten bei Hof hätte er ihm aus dem Exil verschaffen sollen? Nein, da war was anderes.“
„Ja, vielleicht war Hans einfach ein Idiot…“

Er erhob sich, ging ein paar energische Schritte durch den Raum.

„Hans war immer ein Idiot! Ein sentimentaler Idiot, der keine Sekunde darüber nachdenkt, ob sein emotionaler Mist Einfluss auf andere hat, ob er alles ruiniert, ob man ihn… Ob man ihn vermissen wird!“

Die Teetasse knallte bedenklich laut auf den Beistelltisch. Ingersleben gab einen schmerzhaften Laut von sich.

„Nein, Hans muss sich um sowas keine Gedanken machen, warum auch?! Hans lebt einfach vor sich hin, Hans macht, was er akut für richtig hält oder was ihm sein offenbar komplett gegensätzlich entwickelter Selbsterhaltungstrieb grade vorgibt, Hans hat keine Auswirkungen auf sein Umfeld! Wie ich ihn hasse, ich…!“
„Ich vermisse ihn auch.“

Holtzendorff hielt in seiner Tirade inne und traf Ingerslebens fragenden Blick.

„Wie geht es dir, Joachim?“
„… Ach.“

Er kehrte in seinen Sessel zurück, nahm die noch warme Teetasse wieder zur Hand und starrte in die am Boden klebenden Blätter. Ingersleben schwieg.

„Ich hab‘ ihn noch gesehen…“

Holtzendorff wunderte sich, wie heiser seine Stimme plötzlich klang.

„Ich hab ihn im August gesehen; hab noch gesagt, er müsste abhauen, man sei hinter ihm her und… und er ist einfach geblieben.“

Jeder Satz wog wie ein Mühlstein in seiner Kehle, seine Augen brannten.

„Warum ist er nicht geflohen, Johann?“
„Ich weiß es nicht.“
„Ich hätte ihn selbst zur Grenze prügeln sollen…“
„Du konntest nichts dafür.“

Ingersleben ließ den letzten Schluck Tee in der Tasse kreisen und starrte auf seine zum Feuer hingestreckten Schuhspitzen.

„Es war seine Entscheidung. Warum auch immer.“
„Ich hab ihn sterben sehen.“
„Man hat dich dort hin gezwungen?“
„Nein, ich wollte gehen. Als… als letzter Dienst.“
„Er hätte das nicht von dir verlangt…“
„Nun war ich aber da. Und ich habe ihn in der Zelle umarmt und vor dem Richtplatz seine Hand gedrückt und er hat noch diesen blöden Kommentar gebracht, dass er mich heimsuchen würde, wenn ich sein Tagebuch lese und dann… und dann war da nur noch Blut. So schrecklich viel Blut.“

Ingersleben war merklich blasser geworden; seine Hände verkrampften sich um die Tasse.

„Und ich musste an Hastings denken. Es hat sich wieder ganz genau so angefühlt. Als sei ich siebzehn und würde gar nicht begreifen, was gerade vor mir passiert. „Nein, mein Freund ist nicht tot; er kann gar nicht tot sein; er braucht nur Hilfe; helft ihm doch“. Und neben mir stand Hertefeld, der doch so klettenartig an Hans geklebt hat, und ist beinahe zusammengebrochen. Und dann hat Schacks Diener den Kopf…“

Mit einem Knirschen brach der Henkel von Ingerslebens Tasse. Ihr Halter zitterte und wandte nur mit Mühe die geröteten Augen zu seinem Freund.

„Bitte, Joachim“, sagte er, „Bitte sprich nicht weiter.“

Holtzendorff blieb stumm, starrte zurück, wusste nicht, was er sagen sollte.

„Ich kann noch immer das Blut des armen Hastings auf meinen Händen spüren, wenn ich an ihn denke“, sprach Ingersleben weiter, „Wenigstens an Katte will ich friedliche Erinnerungen haben. Was du sehen musstest ist grauenhaft, aber ich bitte dich, zwing mich nicht dazu es auch zu sehen.“

Holtzendorff nickte, schluckte, blinzelte, bis seine Augen nicht mehr tränten. Reiß dich zusammen, dachte er, du bist doch selbst schuld, wärst du eben in Berlin geblieben. Hättest ihn allein sterben… Was könnte den Blutgeruch in seiner Nase überdecken?

„… Weißt du noch“, flüsterte er nach einigen Momenten der Stille, „Die Schneeballschlacht am Fluss? Du und Katte, ihr müsst vielleicht vierzehn gewesen sein…“
„… und der Fluss war schon im Oktober gefroren“, fuhr Ingersleben fort, „Und Goeckingh kam herunter, um uns fürs Eislaufen zu schelten…“
„… und Katte hatte mich mit dem Schneeball treffen wollen…“
„… und traf stattdessen genau auf Goeckinghs langen Zinken. Was haben wir gelacht!“
„Und was hat Goeckingh getobt! Und Katte stand da, glotzte wie die Kuh beim Blitz und sagte dann…“
„Der Herr Praeceptor müssen’s mir verzeihen, ich habe bloß Descartes‘ Beschreibung der Fliehkraft nachfühlen wollen und dabei wohl die Kugel nicht fest genug gegriffen gehabt.“
„Vier Stunden Karzer für Frechheiten und Schnee werfen…“
„Und immerhin noch eine ordentliche Strafarbeit für uns alle, für’s Eislaufen.“

Sein Zimmer roch nach dem Feuer im Kamin, nach der nassen Wolle von Ingerslebens Mantel und ein wenig nach dem Tee, den sie getrunken hatten. Sein Zimmer roch nicht nach Blut.

„Lass uns lieber so an ihn denken“, sagte Ingersleben, „Lass uns einfach sagen, er sei im Sommer nach England fortgegangen oder sonst wohin.“

Wenn er sich anstrengte, dann würde sein Zimmer nicht mehr nach Blut riechen.

„Er ist ein großer Flötist an irgendeinem seltsamen Hof am Ende der Welt“, sagte Holtzendorff, „Und Briefe bekommen wir nur nicht, weil die Post sie ständig verliert.“

Sein Freund war fort und er konnte ihm nicht folgen. Nicht das gleiche wie tot. Fort, bloß fort, und eines Tages würde er ihn sicherlich wiedersehen. Sie verfielen in ein seltsames Schweigen, jeder allein mit seinen Gedanken, doch zumindest weniger allein als zuvor.

„Tut mir Leid um die Tasse, Holtzendorff.“
„Schenk mir eine von deinen.“

Ingersleben erhob sich von seinem Sitzplatz und raffte seinen klammen Mantel zusammen. Holtzendorff stand ebenfalls auf.

„Verzeih meinen unangekündigten Besuch. Es hat mich sehr gefreut, dich zu sprechen, es… es hilft.“
„Grüß mir Wietersheim, bei nächster Gelegenheit.“
„Pass auf dich auf, Holtzendorff.“
„Frohes Fest, Ingersleben.“