Work Text:
Sie rekeln und strecken ihre langen Pfoten gegenüber des Kamins um sich an den kleinen Kissen aufzuwärmen und gähnen träge. Sie mögen nicht den Winter, die Kälte, den Schnee. Weswegen sollte er, Azraël, seinen Pelz draußen in solch grauenvollem Wetter betten, wo seine Schnurrhaare erfrieren, wenn es ihm im Herzen des Hauses so gut ging?
Die alte Dame, die die ganze Welt gerne mit Tantchen anspricht, strickte einen rosa Pulli, gemütlich niedergelassen neben dem Tannenbaum und unerträgliche Weihnachtslieder singend. Zum Glück für ihn, konnte der Krach sein Schönheitsschläfchen nicht verhindern.
Er war der Dame nicht besonders zugeneigt, doch sie schien ihm nicht zu streng zu sein. Sie sprach immer liebenswert zu ihm und wagte sogar derweilen, ihm beim Essen mit der Hand zärtlich über den Kopf zu streichen und ihn hinter den Ohren zu kraulen. Seine von Natur schlechte Laune und sein hochmütiger Charakter, den er perfekt beherrschte, sein graziöser Gang, die aufrechte Schnauze und der schneidige, elegant gebogene Schwanz, verdienten ihm den Namen Draco. Dieser oder ein anderer, es war ihm gleich, er antwortete nicht, sprach man ihn an.
Den Kopf auf seinen elegant gekreuzten Pfoten gebettet, fixierte er das riesige Wollknäuel mit welchem Tantchen ihn seit mehr als einer Stunde verhöhnte. Eine wahre Tortur! Er wurde unruhig ob dieser süßen Verdammnis vor seiner Schnauze, sie nicht ergreifen zu können war grausam. Wie gerne er seine Krallen darin verhaken und seine Schnauze darin versenken würde. Selbst wenn das Rosa definitiv nicht zu seiner Fellfarbe passte.
Er gähnte mit neuer Laszivität, sich entscheidend seine fünfte Fellpflege des Tages zu beginnen. Als er erneut seine verstümmelte Pfote erreichte, stieß er ein kehliges Brummen aus. Wie er dieses Glied hasste, dass ihn mit einer Abnormität zeichnete. Einst war er tadellos. Ein dichtes, seidiges Haarkleid von cremeweißer Reinheit, große blaue Augen ohne den geringsten Makel, ohne die geringste Unvollkommenheit, ein perfektes Wesen, eine Rassekatze!
Aber das Feuer hatte alles verändert ...
Seine verbrannte Pfote war nie wirklich verheilt und seine langen Haare waren auf der geschädigten Haut nie mehr nachgewachsen. Lange Zeit hatte er auf die Rückkehr seiner Menschen gewartet um sich um ihn zu kümmern, nie waren sie zurückgekehrt. Es war Harry, der ihn fand.
Bei der bloßen Erwähnung dieses Namens, plusterte sich sein Fell auf und Tantchen begann zu lachen. Sie kannte ihn so gut, dass es nervig wurde.
-Harry ist zurück! Pünktlich zum Essen am Weihnachtsabend!
Harry war gerade in das Zimmer gekommen und tränkte es auf seinem Weg in dem Schlamm, den er in den verschneiten Straßen angesammelt hatte. Ohne Vorwarnung und wie üblich warf er sich auf Tantchen, um ihn lange liebevoll zu tätscheln. Widerwärtig! Dann, wie immer, ging er zu ihm um zu versuchen, ihn zu begrüßen, ein Unternehmen, dass wie gewöhnlich von einer freundlichen Ohrfeige auf die Schnauze und ein mahnendes Fauchen an die Ordnung belohnt wurde.
- Unsere Diva will immer noch nicht spielen, Harry Schatz! Erheiterte sich Tantchen.
Was hatten sie nicht verstanden, an der Tatsache, dass sie ihn nicht ungestraft berühren konnten, es war genau wie damals, als sie nicht verstanden, dass er ein Mann war! Er erinnerte sich noch allzu gut daran, an die schmähliche Demütigung, die er an dem Tag erdulden musste, als Tantchen wünschte Klarheit diesbezüglich zu haben!
Harry begnügte sich damit, sich auf seinen Fersen zu drehen und zu Tantchens Füßen herüber zu kommen, ohne sich auf das Wollknäuel zu werfen, dass er ihr ganz klar neidete.
Zuerst war er von Harrys Verhalten überrascht gewesen. Letzterer hatte sich gleich sehr freundlich ihm gegenüber gezeigt, obwohl er wie eine Bestie in der Nachbarschaft zu regieren schien, niemand wagte es, seinen Streit zu suchen, geschweige denn zu kommen und zu versuchen, sein Territorium zu übernehmen.
Er beobachtete ihn aus dem Augenwinkel und folgte seinem faszinierenden Tanz mit dem Knäuel auf dem alten, aber trotzdem bequemen Teppich. Harry, der den Namen von Tantchens verstorbenem Ehemann geerbt hatte, war eine ziemlich schmächtige Katze. Wenn es nicht so gewesen wäre, dass diese Unerträglichkeit als Katze geboren wurde, hätte er es vielleicht bezweifelt. Es hatte nichts Graziöses, die Beine knorrig und ein Haarkleid, dessen die Genetik ganz vergessen zu haben schien! Ein schwarzer, verfilzter Albtraum! Schwarz wie eine Hexe ... Der einzige farbige Fleck waren seine Augen, tiefgrün, wie die Smaragde, die sein ehemaliger Mensch trug. Diese Augen hatten etwas zutiefst Beunruhigendes, etwas, das alle Katzen der Nachbarschaft fürchteten, etwas, dass er nicht liebte, oder sehr liebte. Als er sah, dass auch Harry ihn anstarrte, mit seinem Auge, dem einzigen, das ihm geblieben war, das andere war mit einer üblen und tiefen Narbe versehen, wandte er den Kopf um ihn lieber zu ignorieren.
Er war eingedöst, ohne es zu merken. Er erwachte durch ein erbärmliches Miauen, dass er niemals verleugnen könnte von sich gegeben zu haben, die Folge eines schlechten Traumes. Derselbe wiederkehrende Alptraum; das Feuer. Er liebte die großzügige Wärme des Kamins, aber sie erinnerte ihn nur an das Grauen, das er ertragen musste.
Er spürte sofort das schnelle Atmen in seinem Hals, den regelmäßigen Herzschlag gegen seinen Rücken, die zusammengerollte Wärme um ihn herum und seine verhedderten Pfoten. Sogar in seinem Schlaf schützte Harry ihn immer noch, wie er es auf der Straße getan hatte, wie er es getan hatte, als er Tantchen zu ihm führte, als er allein und hungrig war.
Er gab ein langes Schnurren voll Zufriedenheit von sich und Harrys raspelnde Zunge leckte hinter seinem Ohr entlang. Es war köstlich, war göttlich! Besser noch als der Lachs, den Tantchen ihnen heute Abend serviert hatte. Sie musste verzichten, um ihn ihnen zu kaufen, und er versprach sich, ihr die Freude zu bereiten, ihn heute Nachmittag ein paar Mal kraulen zu dürfen, auch wenn sie sein hübsches Fell verwuscheln würde. Für den Augenblick begnügte er sich damit, still zu verharren, um zu schlafen, um noch ein wenig die gute Pflege zu genießen, die Harry ihm reichlich angedeihen ließ. Als er gegen seinen Willen anfing, lauter zu schnurren, stimmte Harry mit ein. Und als sein Schwanz, exquisit samtig, unter diesem Rhythmus zu tanzen begann, machte sein Begleiter keine unangemessene oder unangenehme Bemerkung, sondern begnügte sich damit, seine sanfte Zuwendung fortzusetzen.
Es war eine perfekte Nacht. Eine Nacht wie alle anderen bei Tantchen.
