Chapter Text
Die obligatorische Post-Campania Fanfiktion
Original-Autor: serpentauthor
Übersetzung: Yumestar
Updates: Jeden Montag
_____
Sebastian setzte sich zurück ins Rettungsboot. Sein Kopf drehte sich, er schmeckte Blut im Mund und vor allem fühlte er sich, als würde der stechende Schmerz in seiner Brust ihn beinahe auffressen. Die Sense hatte seine Lungen und seinen Magen durchbohrt, was ihm sicherlich noch einige Probleme bereiten würde. Die bizarren Puppen gaben Ruhe, zumindest für den Augenblick.
Neben ihm saß Ciel in seiner tropfnassen Kleidung und fröstelte trotz Sebastians Frackmantel auf seinen Schultern. Seine Atmung rasselte auf eine allzu bekannte Art und ließ Sebastian vermuten, dass Ciel ebenfalls ein paar unangenehme Tage vor sich hatte. Doch zumindest gab es etwas, womit er ihm helfen könne.
Sebastian schloss die Augen, konzentrierte sich und zwang das Blut, das vor beißender Kälte in seine Gliedmaßen geflohen war, zurück an die Hautoberfläche. Der Vorgang würde ihn erschöpfen und die schwere Wunde in seiner Brust noch schlimmer bluten lassen, aber Ciels Asthma war mit solch einer Heftigkeit zurückgekehrt, dass er nicht anders konnte als ihn zumindest vor einer Unterkühlung zu bewahren. Es war seltsam, wie viel… Zuneigung er für etwas entwickelt hatte, das eigentlich sein Abendessen werden sollte.
„Sebastian, bitte versuch wach zu bleiben“, bat Ciel. Ciels heisere Stimme war das einzige Geräusch neben den Wellen, die gegen das Rettungsboot schlugen, und ihren abgemühten Atemzügen.
Im Grunde war Ciel wie all die anderen hundert, wenn nicht tausenden von Menschen, die er abgeschlachtet und ohne mit der Wimper zu zucken verspeist hatte, nur ein weiterer winziger blinzle-und-du-verpasst-wie-er-fällt-Tropfen an einer langen Perlenschnur des Nichtvorhandenseins. Unglücklicherweise hatte Sebastian so viel von diesem winzigen Tropfen gesehen; wie viel Leben durch diesen in drei Jahren fließen konnte, wie viel Intelligent und Emotionen und Komplexität in etwas so Vergänglichem stecken konnte, wie viel… Genug davon, jedenfalls hatte das unvorhersehbare Konsequenzen mit sich gebracht.
„Bitte sorgt Euch nicht um mich, mein Lord. Wenn ich hätte sterben sollen, wäre das längst geschehen. Von Blutverlust allein stirbt ein Dämon noch nicht“, antwortete Sebastian und öffnete dennoch seine Augen. Ciel sagte nichts, sondern schmiegte sich mit seinem noch immer zitternden Körper an Sebastians Seite. Sebastian lächelte vor sich hin. Er spürte, wie etwas Hitze zu ihm zurückkehrte, auch wenn ihm allgemein kälter wurde. Seine Haut wärmte sich auf, während seine Körperinnentemperatur absank; jedoch bräuchte es mehr als nur etwas Kälte, um einen Dämon zu töten, andernfalls wäre er schon längst tot. Er würde das durchstehen.
Eine Stunde später jagte ein platschendes Geräusch Sebastian wieder auf die Beine. Mit einem festen Griff um das Paddel, mit dem er zuvor gerudert hatte, taumelte er einen Schritt vor und kämpfte darum, sein Gleichgewicht auf dem schwankenden Boot zu finden. Sein Blick landete auf fünf oder mehr von diesen Puppen. Er erledigte die Erste mit einem schwungvollen Schlag auf den Kopf, aber eine Zweite packte das Paddel und zog so heftig daran, dass er beinahe vorneüber ins Meer fiel. Stattdessen landete er mit seinen Knien auf dem Boot und lehnte sich vor, um den Kopf der Puppe mit einer seiner Hände zu ergreifen und zu zertrümmern, aber nicht bevor die Dritten fest in seinen ausgestreckten Arm gebissen hatte und eine weitere ins Boot geklettert war.
Erschöpft biss Sebastian die Zähne zusammen, befreite seinen Arm aus dem Kiefer der dritten Puppe und schmiss die Vierte zurück ins Wasser. Sofort gingen drei auf einmal auf ihn los. Den ersten Kopf zerschlug er mit dem Holzstiel, den Zweiten mit dem Paddelblatt und den dritten mit dem Paddelschaft.
Als Sebastian sich mit dem Gedanken entspannte, dass die Gefahr endlich vorüber war, blickte er in das erschrockene Gesicht seines jungen Herrn. Kurz darauf packten ihn ein paar knochige, nasse Hände von hinten.
Die Wellen schnitten Ciels Schrei ab, als Sebastians Kopf unter Wasser gezogen wurde. Ein Zähnepaar biss sich in seinem Nacken fest, sodass er gezwungen war, den Mund zu öffnen und Wasser statt Luft zu schlucken. Das eisige Salzwasser brannte in seinen zahlreichen Wunden. Die Idee, sich einfach dem Schlaf hinzugeben, war erschreckend verlockend. Aber nein, so verhielt sich ein Phantomhive Butler nicht. Er war jetzt ein Butler. Er würde sich nicht hinlegen und sterben wie ein verletztes Tier. Sebastian biss die Zähne zusammen, drückte die Puppe mithilfe des Paddels von sich weg und drehte sich um. Seine Bewegungen waren träge dank der Kälte, dem Wasser und der Müdigkeit. Er packte den Kopf der Puppe und zerschmetterte das darin liegende Gehirn, bevor er sich mit verzweifeltem Strampeln einen Weg an die Oberfläche erkämpfte.
Sebastian keuchte und röchelte, als er endlich an Luft kam. Im Grunde genommen brauchte er nicht zu atmen, aber die Panik hielt seinen Verstand so fest in ihrem eisernen Griff, dass er nicht darüber nachdachte.
Während er sich gegen das Boot lehnte, um seinen Kopf über den Wellen zu halten, würgte er Salzwasser und Blut gleichermaßen hoch, als Ciel zu ihm gekrabbelt kam. Noch außer Atem zog Sebastian sich zurück ins Boot. Falls sie jetzt attackiert werden würden, dachte Sebastian, als er endlich im Rettungsboot landete, würden sie in ernsthafte Schwierigkeiten geraten, weil dieser Kampf seine letzten Energiereserven verbraucht hatte. Womöglich verliefen die Dinge nicht so glatt, wie er gehofft hatte.
Mit einem Fluch auf den Lippen stand Ciel vor ihm und überlegte, was er tun sollte. Sebastian öffnete den Mund, um Ciel zu versichern, dass es schlimmer aussah als es war, doch sein Magen rebellierte. Einen Augenblick später lehnte er über den Bootsrand und spuckte ein Zeug aus, das einen brennenden Schmerz in seinem Rachen hinterließ. Schließlich brach er zusammen und blieb still liegen, schwer atmend, doch zumindest hatte das Zittern nachgelassen und er konnte still liegen. „Bitte entschuldigt vielmals… Dieser Zustand ist eines Butlers der Phantomhives unwürdig“, murmelte Sebastian, der noch immer das Paddel festumklammerte.
„Dann ist das eben so. Nur…. Pass auf dich auf, damit du nicht allzu lange in diesem Zustand bleibst“, antwortete Ciel in einem Flüsterton, der leiser als ein Atemhauch war. Er hatte wohl seine Stimme verloren. Sebastian lächelte leicht, weil es nichts mehr gab, dass er seinen jungen Herrn anbieten konnte; der Ofen war aus. Jetzt konnte er nur noch an seiner schwindenden Menschlichkeit festhalten.
Ungefähr eine Viertelstunde später kam das Rettungsschiff in Sicht. Sebastian zwang sich auf die Füße, seine Muskeln zitterten vor Anstrengung. Er fühlte sich, nun ja, schrecklich. Ihm war so schwindelig, dass er kaum sein Gleichgewicht fand, ihm war schlecht, und jedes Mal, wenn er atmete oder sprach, blieb Blut und Meerwasser in seiner Kehle stecken und stechender Schmerz packte seine Brust. Er wollte sich zusammenrollen und schlafen, aber bevor das überhaupt zur Debatte stand, musste er noch einiges an Dinge erledigen. Nein, er musste sich um Ciel kümmern. Er hatte sein Bestes gegeben, um Ciel vor dem Wind zu schützen, aber davon abgesehen gab es nichts, was er tun konnte. Die Gesundheit des Jungens verschlechterte sich mit besorgniserregender Geschwindigkeit. Armer, kleiner, zerbrechlicher Ciel.
Sebastian räusperte sich, während er überlegte, wie er am besten die Aufmerksamkeit des Schiffes auf sich lenkte. „Hier sind – “ Seine Kehle war wie zugeschnürt, als etwas Klebriges in seinen Lungen stecken blieb. Ciel schaute leicht besorgt zu ihm auf, als Sebastian sich die Bronchien aus dem Leib bellte; es dauerte eine gute Minute, bis er zu Atem kam. Selbst danach klangen seine ersten Worte heiser und krächzend. „Hier unten sind zwei Überlebende!“
Es war ein regelrechter Kampf, über den tosenden Lärm der Wellen, die gegen das Schiffsrumpf schlugen, und über den Wind, der pfeifend über das Meer fegte, gehört zu werden. Zum Glück entdeckte ein Mann, der ganz klar nach Überlebenden Ausschau hielt, sie beide. Sebastian sah zu, wie dem Mann die Zigarette aus dem Mundwinkel fiel, bevor dieser zur Leiter eilte. Die Zigarette landete vor dem winzigen Rettungsboot und strahlte ein schwaches Glühen aus.
Sebastian wechselte seine Handschuhe (die von eben waren voller Blut), und bot Ciel eine helfende Hand an. Er zog Ciel auf die Beine und hob ihn auf einen Arm; Sebastian zweifelte, dass sein junger Herr, der sich den Knöchel verstaut hatte, die Leiter selbstständig erklimmen konnte.
„Ich entschuldige mich für das ganze Blut, mein Herr.“ Ciel antwortete nicht. Sebastian sammelte seine Willenskraft (viel mehr hielt ihn nicht am funktionieren), ergriff die erste Sprosse der Leiter und zog sich hoch, wobei er keinen Blick nach unten riskierte. Jede Stufe war eine Mammutaufgabe. Es war schwer genug, sein Gewicht mit nur einer Hand auszubalancieren und dass Ciel ein Fliegengewicht war, machte die Sache nicht einfacher. Mit jeder Sprosse drohte der Schmerz seinen Griff zu lockern und sie beide in den Ozean abzuwerfen. Das Ende der Leiter schien niemals erreicht zu sein. Dazu kam der Wind, der umso stärker gegen ihn drückte, je höher er kam. Ein oder zweimal hätte es ihn fast umgeworfen. Mehrmals ging ihm die Kraft in der Hand verloren oder sein Fuß rutschte weg. In solchen Momenten spürte er wie die Schwerkraft ihn runterzog, bis er sich nach vorne warf und seinen Halt wiederfand; dann musste er ein paar Sekunden still stehen, bis sein Kopf sich nicht mehr drehte und die Übelkeit abgeklungen war. Trotzdem würde er nicht aufgeben. Er würde, soviel stand für Sebastian fest, Ciel nicht sterben lassen.
Schließlich erreichte er das Ende. Einer der Seemänner nahm ihm Ciel aus dem Arm, bevor er seine Hand packte und ihn die letzten paar Zentimeter hochzog. Sebastian brach hustend auf dem Deck zusammen. Mit jedem keuchenden Atemzug rasselte das Blut in seinen Lungen.
Er hörte einen der Seemänner fluchen, dann hob ihn ein Arm auf die Beine. Sebastian nahm sein Gewicht von dem Seemann weg, damit er Ciel tragen könne, wobei ihm die Reaktion des Mannes herzlich egal war. Er konnte es sich nicht erlauben, nein, er könnte sich nicht einmal ausruhen, bevor er nicht die Gewissheit hatte, dass man seinen jungen Herrn behandelt hatte. Zu Sebastians Überraschen drängte Ciel ihn weg. „Ich kann selbst laufen und du hast mehr als genug getan,“ murmelte Ciel und kämpfte sich auf die Füße. Sebastian war mehr als verblüfft von dem plötzlichen Entschluss seines heiklen Herrn, hatte aber nicht die Energie, dagegen zu argumentieren.
Einer der Seemänner führte sie beide zum Schiffsarzt. Ab und an half der Mann Ciel, wenn dieser stolperte, hielt aber einen gewissen Abstand zu Sebastian. Normalerweise hätte es Sebastian enttäuscht, so behandelt zu werden, aber jetzt interessierte es ihn auch nicht mehr. Sein einziges Ziel war es, Ciel zu einem Arzt zu bringen, damit er etwas für sein Asthma und seinen Knöchel bekam, und alles danach spielte keine Rolle.
Der Seemann öffnete die Tür zu einem Raum, in der sich ein leicht panischer Mann in seinen Vierzigern befand, ging aber nicht mit hinein. Der Mann, wahrscheinlich der Arzt, wurde blass im Gesicht und ließ fast seine Tasse fallen, als sein Blick auf das große, klaffende Loch in Sebastians Brust fiel.
„Ich kann warten. Bitte behandeln Sie meinen jungen Herrn zuerst; er hatte einen verstauchten Knöchel, er ist asthmatisch und ich fürchte, er könnte auch unterkühlt sein“, sprudelte Sebastian los. Seine Stimme blieb erstaunlich stabil.
Mag es an seiner Stimme oder daran liegen, dass er mit einem Riesenloch im Körper herumlief oder gar an der Tatsache, dass er sich in den letzten Stunden nur mit Adrenalin und bitterer Entschlossenheit auf den Beinen gehalten hatte, aber der Arzt schluckte lediglich und nickte. Nun war es Ciel, der geschockt aussah.
„Bleiben Sie still und drücken Sie auf die Wunde“, stammelte der Arzt und hielt einen Stuhl für ihn parat. Sebastian ließ sich nieder. Als er sah, wie der Arzt sich um seinen Herrn kümmerte, schloss Sebastian die Augen und kam endlich zur Ruhe.
