Chapter Text
Eigentlich ist gerade alles gut.
Okay, tief drin weiß Leo auch, dass noch lange nicht alles gut ist. Nicht zwischen ihm und Adam, und auch sonst nicht. Aber zumindest haben sie den Fall halbwegs ordentlich abgeschlossen und das ganze Team, besonders aber Leo, mussten sich zwar die ein oder andere Wut-Rede ihres Polizeipräsidenten und der Staatsanwältin anhören und Auflagen für die Zukunft haben sie auch bekommen, aber die ganz große Katastrophe war tatsächlich ausgeblieben. Natürlich war Esther zunächst mal wieder sauer gewesen, doch auch das hatte sich inzwischen, wohl hauptsächlich durch Pias Mühen, wieder beruhigt. Das verfluchte Geld war weg und die Existenz dessen hatten sie aus den Fallakten Dank einiger glücklicher Wendungen heraushalten können. Nur Onkel Boris und seine Leute dachten womöglich noch, dass Adam das Geld weiterhin versteckte, aber von denen hatten sie nun so lange nichts mehr gehört, dass es leicht war, dieses Problem bis auf weiteres auszublenden.
Und dann war da eben noch die Sache zwischen ihm und Adam. Auch da war, das wusste Leo am besten, noch lange nicht alles geklärt. Adam hatte Leo sehr verletzt mit seinen Worten in diesem Krankenhaus.
Deiner Welt vielleicht
Diese Worte hallten in Leos Kopf noch immer nach. Das war vielleicht das Problem, wenn jemand einen so gut und lange kannte wie Adam Leo – er wusste genau, wie er ihn treffen konnte. Lange war Leo sich nicht sicher gewesen, ob Adam das wirklich so meinte, ob er ihm wirklich so egal war, oder ob er mal wieder versucht hatte, Leo von sich zu schieben. Auch das Gespräch am See hatte ihm dabei nicht wirklich Klarheit gebracht.
"Es macht keinen Sinn dir zu vertrauen", hatte Leo zu Adam gesagt. Und dann, drei unglaublich verrückte, lange Tage lang hatte Adam ihm das Gegenteil bewiesen.
Und manchmal, auch jetzt in den Tagen und Wochen danach, hatte Leo sich sogar eingebildet, dass Adam ihn ansieht. Immer dann, wenn Leo gerade nicht hinschaut, ruhen Adams Augen auf ihm, und wenn Leo dann schnell genug hochguckt, kann er sogar sehen, dass dieses kleine halbe Lächeln auf Adams Lippen liegt, das ihm so gut steht, das Leo immer, immer wieder sehen will. Und dann ist es manchmal ganz einfach zu denken, dass alles gut ist, oder wenigstens gut wird. Solange Adam hier ist, in Saarbrücken, an seiner Seite, den ganzen Tag und manchmal noch abends, nach der Arbeit... solange Adam ihn so anschaut und nicht so abschätzig, beinahe hasserfüllt, wie im Krankenhaus... Deiner Welt vielleicht... solange ist alles gut.
Aber natürlich dauert es nicht lange, da wird dieser kleine Frieden, den Leo sich gemacht hat, plötzlich gestört.
~
Es fängt damit an, dass Adam und Pia ihre Köpfe zusammenstecken, gemeinsam über Adams Handy. Als Leo ins Büro kommt, unterdrückt Pia ein Kichern, Adam schüttelt den Kopf und legt das Handy auf den Schreibtisch. Wie ertappt. Leo wirft ihnen einen skeptischen Blick mit hochgezogenen Augenbrauen zu, aber freut sich, dass sie sich scheinbar besser verstehen.
Zwei Tage später, es ist Donnerstag und Leo will gerade Feierabend machen, läuft er in eine sehr ähnliche Situation hinein. Im Flur bleibt er kurz stehen und hält inne, als er hinter der Bürotür Adams und Pias Stimme aufgeregt durcheinanderreden hört. Lauschen ist jetzt nicht die feine englische Art, schon klar, aber wenn Adam jetzt schon wieder Geheimnisse hat, auch noch mit Pia...
"Oder hast du doch noch Gefühle für ihn?", hört er Pias Stimme, sanfter diesmal. Leos Herzschlag beschleunigt sich, er bekommt sofort schwitzige Hände. Okay, fuck, das ist definitiv kein Gespräch, was er belauschen sollte. Auch wenn er wirklich, wirklich gerne würde. Adam knurrt etwas zurück, das Leo nicht richtig deuten kann. Dann ist es kurz still. "Na dann...", Leo macht zwei Schritte zurück und tritt dann erneut mit schweren Schritten an die Tür heran, um sie schwungvoll zu öffnen, als wäre er gerade erst gekommen.
Wie schon beim letzten Mal sitzen Adam und Pia nebeneinander an ihrem Besprechungstisch, Adams Handy liegt vor ihnen und beide schauen Leo, plötzlich verstummt, mit großen Augen an, als er den Raum betritt.
"Ich mach Feierabend", kündigt Leo an und greift nach seiner Tasche. Es kommt keine Reaktion, die beiden starren ihn weiterhin an. "Ist... alles klar?", fragt Leo und versucht sich nicht anmerken zu lassen, dass er weiß, worum es hier gerade ging. Sein Herz schlägt so schnell.
Pia fängt sich als erste. "Jaja, alles gut", sagt sie, und rammt Adam ihren Ellenbogen in die Seite.
Leo schaut Adam prüfend an, die Augenbrauen fragend nach oben gezogen. Das heißt: "Gibts ein Problem?". Adam schüttelt den Kopf, so wie er es immer macht, wenn er diese Frage beantwortet: Die Augen schließend, den Unterkiefer leicht vor geschoben, die Lippen aufeinander gepresst. Leo kennt das zu gut. Und meistens heißt es genau das Gegenteil. Aber jetzt, heute, möchte Leo es ihm so gerne glauben. Adam sperrt gleichzeitig sein Handy und steckt es in seine Jackentasche, bevor er aufsteht.
"Ihr müsst mir nicht sagen, was ihr ausheckt", sagt Leo, bemüht um einen lockeren Ton. In ihm arbeitet es auf Hochtouren.
Pia springt auf und tritt wieder neben Adam, der sich schon jetzt echt unwohl zu fühlen scheint.
"Adam bekommt morgen Besuch von einem Freund aus Berlin!", verkündet sie stolz grinsend.
Adam seufzt leise. "Ex-Freund", betont er, als würde es das besser machen. Aber das macht es viel schlimmer, also für Leo.
Leo benötigt in diesem Moment all seine Selbstbeherrschung, um sich nichts anmerken zu lassen. Jetzt macht das Gespräch, was er eben gehört hat, Sinn. Er kombiniert: Adam schreibt mit seinem Ex-Freund aus Berlin. Pia glaubt, dass Adam noch Gefühle für diesen Ex hat, und hat Adam überzeugt, ihn nach Saarbrücken einzuladen.
Deiner Welt vielleicht...
Scheiße. War Leo jetzt die ganze Zeit wie so ein verzweifelter Welpe auf der Suche nach Streicheleinheiten Adam hinterhergerannt, der die ganze Zeit noch an seinem Ex-Freund aus Berlin hängt? Am liebsten würde er im Erdboden versinken.
"Oh, cool", hört er sich selbst sagen, aber es klingt tonlos und überhaupt nicht cool.
Pia scheint Adam mit ihren Blicken erneut irgendwelche Zeichen zu zu werfen. Wieso wissen hier wieder alle Bescheid, außer er? Leo ist schlecht. Er muss dringend an die frische Luft, oder was trinken.
Während Leo noch überlegt, wie er sich möglichst schnell aus der Situation retten kann, hat Adam wohl Pias Zeichen wahrgenommen. "Äh, ja... ich wollte fragen, ob du morgen Abend auch mitkommen willst. Wir wollen ausgehen, also Henry und ich. Pia und Esther kommen auch mit."
Henry. Alles klar.
Natürlich will er nicht mitkommen. Er kann sich tatsächlich nichts Schlimmeres vorstellen, als sich das Liebes-Comeback von Adam und irgendeinem Henry anzugucken, von dem er, nur mal nebenbei erwähnt, noch nie irgendetwas gehört hat. Lieber würde er sich 8 Stunden mit Roland Schürk Poetry Slams anhören, und das waren wirklich die zwei Dinge auf der Welt, die er am meisten hasste.
Aber Sei cool, Leo. Lass dir nichts anmerken. Sei einfach mal cool. Leo räuspert sich.
"Pia und Esther? Hast du keine richtigen Freunde, die du Henry vorstellen kannst?", frotzelt Leo. Ja, das war gut. Blöde Sprüche waren cool. Er wischt sich seine Hände beiläufig an der Jeans ab.
Adam schaut ihm etwas länger als nötig in die Augen. "Ne, ich hab tatsächlich sonst keine Freunde. Aber du kannst deine gerne mitbringen", bietet er ihm großzügig an.
Guter Punkt. "Sehr witzig", sagt Leo, aber kann nichts dagegen tun, dass sein zuckender Mundwinkel ihn verrät. Eigentlich ist ihm wirklich nicht zum Lachen zu Mute, aber bei Adam konnte er manchmal nicht anders.
Adam grinst. "Na dann freu ich mich auf morgen Abend!" Er greift ebenfalls nach seiner Tasche. "Ich mach morgen dann nur nen halben Tag, damit ich ihn vom Bahnhof abholen kann", verkündet er noch, dann verschwindet er durch die Tür.
Leo seufzt und dreht sich um. Wo hat er sich da jetzt bitte rein manövriert? Henry.
Beinahe hat er Pia vergessen, die ihn jetzt mit verschränkten Armen besorgt ansieht. "Versau es nicht, Leo", sagt sie leise, bevor sie ihm auf den Arm klopft und Adam hinterhereilt.
Was sollte das denn? Wenn sie so besorgt ist, dass er Adams Date versaut, wieso laden sie ihn dann ein?
Leo lässt sich auf seinen Bürostuhl fallen. Auf Feierabend hat er plötzlich gar keine Lust mehr.
Cool. Einfach cool.
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Am nächsten Tag wacht Leo mit einem starken Kopfschmerz auf. Kurz überlegt er, sich einfach krankschreiben zu lassen. Dann könnte er auch diesem Abend problemlos entgehen.
Wie schon gestern Abend starrt Leo an die Decke seines Schlafzimmers. Er versteht nicht, wo er hier gedanklich falsch abgebogen ist. Ja, Adam hatte ihm einen ziemlichen Korb gegeben mit diesem scheiß Deiner Welt vielleicht-Spruch. Aber irgendwie hatte er echt gedacht, Adam hatte das nicht so gemeint. Nicht sofort, ja. Und ja, später die Aussprache am See war auch nicht optimal gelaufen, darum war er ja auch gegangen. Aber am See, da hatte er wirklich das Gefühl gehabt, dass Adam das alles nicht so gemeint hatte, dass er nur mit sich selbst zu kämpfen hat. Vielleicht so ein bisschen eine It's not you, it's me Situation. Aber scheinbar war es eher eine It's not you, it's Henry Situation.
Offensichtlich hatte er da wieder zu viel hineininterpretiert, auch die Tage danach. Adam sieht ihn eben nur als guten Freund von früher. Dass er Adams Hände noch immer an seinen Wangen spüren kann, ändert daran auch nichts.
Leo schließt noch einmal kurz die Augen und versinkt für eine Minute in Selbstmitleid, bevor er es endlich schafft aufzustehen.
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Der Arbeitstag geht erstaunlich schnell um, vor allem nachdem Adam um 13 Uhr geht und Leo nicht mehr vor allem daran arbeiten muss, Adam aus dem Weg zu gehen oder sich nichts anmerken zu lassen.
Ein bisschen hat er das Gefühl, er hat vergessen, wie man normal guckt. Esther hebt zwei Mal beschwichtigend ihre Hände nachdem sie eine Antwort von Leo bekommen hat, obwohl Leo sich mit passiv-aggressiven Sprüchen extra zurückgehalten hat – Mission Einfach mal cool bleiben scheint also nicht so gut zu laufen. Das konnte ja lustig werden.
Wie Adam drauf war konnte er auch schwer einschätzen, da er den heute eben kaum gesehen hatte. Auf Wolke 7 schien er aber bisher nicht gerade zu schweben.
Aber jetzt, Leo wirft einen Blick auf seine Armbanduhr, jetzt wird er gerade mit Henry auf seinem Sofa sitzen und ein Kaffee trinken, oder vielleicht sogar schon ein erstes Bier. Oder sonst was machen. Auf dem Sofa, das Leo mit Adam ins Haus getragen hatte. Das Sofa, auf dem Leo mehrere schlaflose Nächte verbracht hatte, einfach weil er so eine scheiß Angst um Adam gehabt hatte. Ob Henry sich auch Sorgen um Adam machte?
"Du kommst dann schon, später, ja?", fragt ihn Pia, bevor sie sich um 16 Uhr verabschiedet. "Jahaa", erwidert Leo genervt, "Hab ich doch gesagt."
Pia lächelt ihn sanft an. "Gut. Dann mach auch gleich fertig, okay?", ermahnt sie ihn.
Sie klopft ihm wieder auf die Schulter, als sie geht.
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Immerhin, denkt Leo, während er auf dem Weg zu der Bar ist, wo sie sich treffen wollen, scheint es bei Adam und Henry nicht schon wieder so ernst zu sein, dass sie ihr Wochenende lieber zu zweit verbringen wollen. Vielleicht war das ein gutes Zeichen.
Dann wiederum ändert das ja auch nichts daran, dass Adam scheinbar noch Gefühle für seinen Ex hat. Es hatte ja keinen Sinn, ihnen zu wünschen, dass es nicht klappt. Die letzten eineinhalb Jahre, wann immer Leo sich eingebildet hatte, dass Adam ihn länger berührte, ihn so ansah, mit diesem halben Adam-Lächeln... das war nie ein Zeichen für irgendwas gewesen. Vielleicht musste Leo das einfach mal verstehen. Und was könnte besser dabei helfen, als Adam mit jemandem zu sehen, an dem er wirklich Interesse hatte?
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"Hölzer", begrüßt ihn Esther vor der Bar.
"Hallo", erwidert Leo mit einem leisen Seufzer. Das würde bestimmt nicht der letzte werden, an diesem Abend.
Zunächst ist Leo froh um die Stille, die zwischen ihnen hängt, Arbeits-Smalltalk musste wirklich nicht sein, aber dann werden ihm seine Gedanken doch wieder zu laut. Er will gerne seufzen, aber hält sich im letzten Moment davon ab. Man muss es ja nicht übertreiben. Cool bleiben.
Also gut. "Hast du Pia nicht dabei?"
"Pia holt Adam und... Henry ab. Ich bin gelaufen. Wir können also trinken.", sie wirft Leo ein Lächeln zu. Wow. Leo nickt.
"Ähm… Hat er dir von Henry erzählt?", fragt Esther ihn, für ihre Verhältnisse beinahe behutsam.
Leo schaut weg. "Nope." Das p lässt er schön ploppen. Dass er schlecht gelaunt ist, sollte für Esther ja jetzt wirklich keine Überraschung mehr sein.
"Ich dachte, vielleicht... weil ihr ja so eng seid", sagt Esther.
"Ja", Leo schaut in die Ferne, "Das dachte ich auch." Jetzt gönnt er sich einen Seufzer. "Über Berlin redet er eh nicht"
Irgendwie dachte Leo, das wäre so eine Regel für Adam. Berlin ist Berlin, Saarbrücken ist Saarbrücken. Was in Berlin passiert, bleibt in Berlin. Und andersrum auch. Aber jetzt ist Berlin hier und Leo versteht die Regeln nicht mehr.
Esther nickt, das kann Leo aus dem Augenwinkel sehen. Richtig anschauen will er sie jetzt lieber nicht. So streng Esther manchmal sein kann, Leo kennt ihren mitleidigen Blick genau. Und heute Abend hat er das Gefühl, dass sie ihn ein bisschen zu gut durchschaut.
Zum Glück, naja, mehr oder weniger, kommt in dem Moment auch der Rest um die Ecke gelaufen. Er wappnet sich innerlich und stellt sich aufrecht hin. Esther stellt sich neben ihn, guckt genauso neugierig. Sei ein Mal cool, Leo.
Henry ist so groß wie Adam und ein bisschen schlaksiger. Er hat braune Haare, die ihm in leichten Locken in den Nacken fallen und die ihm im Moment durch eine schmale Sonnenbrille aus dem Gesicht gehalten werden, die er auf seinem Kopf stecken hat. Er trägt eine Lederjacke und eine weite Hose, die ihn sehr Berlin aussehen lassen. Natürlich.
Bestimmt erfährt Leo gleich, dass sie sich beim Raven kennengelernt haben. Leo muss trocken auflachen. Ja, er hat kein großartiges Bild von Berlin, sue him. Vielleicht ist es genau das, was ihn von Adam trennt. Leo hatte wirklich nicht nur gute Erfahrungen in Saarbrücken gemacht, aber Saarbrücken, sogar das Saarland, war Heimat für ihn und er hatte noch nie den Wunsch gehabt, wirklich wegzugehen. Schon gar nicht nach Berlin.
Die drei sind jetzt so nahe, dass Pia Esther mit offenen Armen entgegen kommt, als hätten sie sich nicht zuletzt vor vielleicht 4 Stunden gesehen, und so nah, dass Leo sehen kann, dass Henry, naja, quasi überwältigend hübsch ist. Augen, Wangenknochen und Lippen, blasse Haut wie aus der Plakatkampagne einer Luxusmodemarke, deren Namen Leo nicht auswendig richtig aufschreiben könnte. Außerdem muss er zugeben, dass Henry und Adam optisch ein perfektes Paar abgeben. Leo ist schon wieder schlecht. Was macht er nochmal hier?
Pia und Esther umarmen sich (Was war da eigentlich los?), dann dreht sich Esther erwartungsvoll zu Adam und Henry um. Leo steckt seine Hände in seine Hosentaschen.
"Leo, Esther, das ist Henry", sagt Adam und deutet etwas hilflos zwischen ihnen hin und her. "Hi!", ruft Henry und begrüßt zunächst Esther mit drei Küsschen. Leo nimmt seine Hände wieder aus seinen Taschen, na gut. Cool bleiben, und so.
Henry macht das gleiche nochmal bei Leo. Natürlich riecht er auch unglaublich gut. Über Henrys Schulter hinweg kann Leo Adam anschauen, der unverwandt zurückschaut. Sie reißen sich los als Henry einen Schritt zurück macht. "Wie schön dich kennenzulernen! Ich hab so viel gehört von dir", freut sich Henry. Leo weiß nicht, ob es ehrlich ist.
"Tatsächlich?", sagt Leo, seinen Blick wieder auf Adam gerichtet. Das "Ich wusste bis gestern nämlich gar nicht, dass es dich gibt" verkneift er sich im letzten Moment, weil Henry ja auch irgendwie nichts dafürkann. Henry umklammert daraufhin Adams Arm. "Naja, du weißt ja, so viel wie man aus Adam halt rausbekommt", er zwinkert Leo zu und streicht über Adams Arm. Ja, okay, schon klar, Leo würde sich auch für Henry entscheiden, statt für sich. Adam schaut auf den Boden, blonde Strähnen fallen ihm ins Gesicht. Leo vergisst wieder, wie man normal atmet.
"Du hast jedenfalls nicht gesagt, dass dein Freund Model ist!", sagt Esther zu Adam und grinst. Henry lacht. "Musiker! Aber Danke!" Adam bleibt still, doch Leo kann sehen, wie er "Ex-Freund" murmelt.
Sie gehen endlich rein und es ist erstmal zu laut um zu sprechen. Leo versucht sich zu beruhigen, aber er fühlt sich, als forme sich ein Ball aus Wut und Trauer und Eifersucht in seinem Bauch. Und er weiß, dass das unfair ist.
Sie rücken in eine freie Tischnische, Leo schafft es, außen neben Pia zu sitzen, genau gegenüber von Henry, der neben Adam sitzt. Super.
Henry beginnt darüber zu reden, wie "süß" er Saarbrücken findet, lässt aber schnell anklingen, dass er ja "nieee in der Kleinstadt" leben könnte. Dass Saarbrücken 180,000 Einwohner hat und vielleicht kein Berlin, aber sicher auch keine Kleinstadt ist, sagt Leo nicht.
"Ich brauch einfach die ganze Kultur in Berlin, das ist ja auch ein Lebensgefühl, wisst ihr?", erklärt Henry. Leo weiß. "Deswegen sag ich ja auch dauernd zu Adam, dass er zurück kommen muss! Berlin passt so gut zu ihm, oder?" Henry strahlt und legt seine Hand auf Adams Oberschenkel.
Leos Alarmglocken schrillen auf. Natürlich, wie war er darauf nicht gekommen? Wenn Adam wieder mit Henry zusammenkommen würde, würde er wohl kaum hierbleiben. Andererseits, wahrscheinlich wäre es für Leo und seine mentale Gesundheit dann auch besser, Adam nicht mehr dauernd zu sehen. Aber Adam nochmal ganz zu verlieren, das hat sich Leo tausend Mal vorgestellt, und das kann er nicht noch mal aushalten. Nicht jetzt. Nicht wo gerade alles so gut war. Sein könnte. Leo starrt auf den Tisch vor sich, versucht sich darauf zu konzentrieren, wie sich sein Bierdeckel unter seinem Daumennagel anfühlt.
Adam schaut von seinem eigenen Getränk auf. "Es hat alles Vor- und Nachteile"
Das hätte schlimmer kommen können. So diplomatisch kennt Leo Adam nicht. "Wir brauchen Adam hier auch noch", sagt Esther. Alle Köpfe drehen sich sofort zu ihr rum. "Ja, Leute, kommt schon. Wir sind uns nicht immer einig, aber ich will dich doch nicht loswerden, Adam." Leo kann Adam ansehen, dass er ihr das nicht so richtig glaubt.
"Adam und Leo sind eben auch ein Dream-Team", sagt Pia, "Da müssten wir Leo ja erstmal von neuem aufpäppeln."
Die anderen lachen. Leo würde ihr gerne Adam-Style sagen, dass sie vielleicht mal ihre Fresse halten soll. Er spürt, dass Adam ihn anschaut, und schaut extra nicht zurück. Deiner Welt vielleicht. Tja.
Esther fragt, woher sich Henry und Adam kennen. Henry reibt Adams Oberschenkel und lehnt sich immer wieder an ihn, während er erzählt. Der Gedanke mit dem Rave vorhin war natürlich nur so halb ernst gemeint und basierend auf nichts anderem, als seinen Vorurteilen über Berlin, aber mehr oder weniger genau das ist die Geschichte, die Henry jetzt erzählt. Sie kannten sich flüchtig durch Freunde, aber erst auf einem Rave sind sie sich nähergekommen. Leo muss kurz laut auflachen. Dem Blick nach zu urteilen, den ihm Pia zuwirft, geht es nicht als freudiges Lachen durch. Ich wollte doch gar nicht erst hier sein, denkt Leo.
Leo hört danach nicht mehr richtig hin, will die Details gar nicht wissen. Pia stupst gegen sein Bein, als Leo gerade 24 Dreiecke auf seinem Bierdeckel gezählt hat. "Aber da wusste ich, dass ich ihn mit nach Hause nehmen muss", kichert Henry und Adam muss mitlachen. Na vielen Dank auch.
Es geht weiter mit Geschichten aus Berlin, sogar Adam erzählt etwas. Leo kann nicht zuhören. Ich dachte wir reden nicht über Berlin. Noch vor einigen Tagen hätte Leo alles dafür gegeben, dass Adam ihm endlich etwas von Berlin erzählt. "Babe!", lacht Henry empört und schlägt spielerisch auf Adams Oberschenkel.
Henrys und Leos Augen treffen sich. Leo bemüht sich um ein Lächeln, um den Frieden Willen, dann schaut er angestrengt in die Menge. Das Knäul an schlechten Gefühlen in seinem Bauch breitet sich aus, füllt ihn fast ganz aus. Leo ist heiß und er hat einen bitteren Geschmack im Mund, der sich auch nicht mit Bier wegspülen lässt.
Er steht auf um sich was Stärkeres zu bestellen und sich von seiner Jacke zu befreien. Henry klatscht freudig in die Hände. "Gute Idee, lasst uns tanzen gehen!" Die Idee, die ganz sicher nicht Leos war, stößt auf Begeisterung. Sogar Adam, dessen Blick Leo jetzt nicht mehr entgehen kann, scheint nicht abgeneigt. Klar, das scheint ja seine geheime Leidenschaft zu sein.
Leo seufzt. Nachdem er Pia und Esther raus gelassen hat wirft er seine Jacke auf die Bank und macht sich auf den Weg zur Bar, bloß weg von den anderen, wenigstens für einen Moment.
Er nimmt zwei Tequila-Shots und fühlt sich für einen Moment tatsächlich besser. Leo wappnet sich innerlich, während er sich in die tanzende Menge schiebt, dorthin, wo er Adams Haare über die anderen Menschen hinweg erkennen kann.
Die Musik ist hier so laut, dass sie fast seine dröhnenden Gedanken übertönt. Vielleicht ist Tanzen gar nicht schlecht. Er ist ein paar Meter entfernt, als ein junger Mann vor ihm näher an seine Tanzpartnerin herantritt und damit den Blick frei gibt.
Wappnen, Tequila-Shots, alles schön und gut, aber nichts, wirklich gar nichts hätte ihn auf den Anblick des tanzenden Adams vorbereiten können. Leo sieht ihn von hinten. Seine Arme hat er leicht angehoben, er bewegt sich rhythmisch zur Musik, seine Arme und seine Rücken, die das weiße T-Shirt mit den abgeschnittenen Ärmeln, das Leo an ihm liebt, gut erkennen lässt, sehen so gut aus in diesem Licht. Ja scheiße, Leo ist einfach am Ende.
Henry tritt von hinten näher an Adam heran und passt sich seinem Rhythmus an. Die beiden sehen gut aus zusammen, ergeben ein perfektes Bild. Leo versteht, dass Henry zu Adam passt, wahrscheinlich so viel besser als er. Sie teilen Interessen und Erinnerungen, und zwar positive Erinnerungen. Sie haben eine gemeinsame Vergangenheit, die nicht 17 Jahre her ist und kein Trauma hinterlassen hat, sondern eine, auf die man gerne zurückschaut. Keine engen Provinz-Grenzen, keine großen Geheimnisse, keine dunklen Garagen. Keine zittrigen Hände, angsterfüllten Blicke, flehenden Worte. Stattdessen sowas wie Freiheit, Loslassen, Neuanfang. Leo versteht das. Natürlich versteht er das.
Henrys Hände an Adams Körper sind für ihn trotzdem schwer zu ertragen. Schöne Hände mit schlanken, starken Fingern, die jetzt über Adams Brust, Adams Arme streichen, die ihn umdrehen und sich schließlich um seine Taille legen.
Das Ding ist, Leo ist gar kein eifersüchtiger Typ. Im Gegenteil, er findet Eifersucht schlimm, hat schon gesehen, was sie anrichten kann. Unter anderen Umständen würde er es vielleicht auch ein kleines bisschen attraktiv finden, wie Adam mit Henry tanzt. Wenn Adam zu ihm gehören würde, wenn sie ein Paar wären, wenn wirklich alles gut wäre, dann würde er ihm vertrauen. Aber Adam ist nicht seins und das hier liegt nicht in seiner Hand. Adam wird sich nicht entscheiden. In Adams romantischer Gleichung kommt Leo gar nicht vor. Adam nutzt einfach nur eine zweite Chance mit seinem drop-dead gorgeous Ex-Freund. Und Leo kann nichts tun. Hat gar kein Recht dazu.
Gestern Abend hat Leo kurz gedacht, dass er es einfach verkackt hat. Zu lange gewartet hat. Er hätte es richtig aussprechen müssen, hätte Adam sagen müssen, wie er für ihn empfindet. Nicht nur hoffen, dass er es endlich checkt, wenn er es ihm vor die Füße wirft, in einem Krankenhaus-Flur, verpackt in Mit dir bis ans Ende der Welt gehen Metaphern, die er zwar absolut genau so meint, die aber eigentlich noch so viel mehr sagen sollen. Hoffen, dass er ihn endlich ernst nimmt, sich ihm endlich öffnet, endlich was macht. Aber darum ging es hier gar nicht. Es war gar nicht Leos Fehler, Adam liebte einfach seinen Ex-Freund.
Leo weiß nicht, was Henry über ihn weiß, was Adam ihm erzählt hat, aber er fragt sich, ob Henry weiß oder ob er sehen kann, dass Leo Adam liebt. Dass Leo Adam schon geliebt hat, bevor Henry Adam jemals gesehen hat. Dass er Adam verloren hat, dass er ihn wieder bekommen hat, ein bisschen zumindest, und dass er ihn nicht noch einmal verlieren kann.
Und Leo weiß auch nicht, ob Henry das überhaupt interessiert.
Jetzt drehen sich Adam und Henry wieder. Adams Augen sind geschlossen, seine Arme liegen locker auf Henrys Schultern und seine Stirn in Falten. Wunderschön.
Leo ist plötzlich so verdammt müde.
Dann öffnet Adam seine Augen. Ihre Blicke treffen sich sofort. Leo bekommt keine Luft mehr. Die Musik, die eben noch so laut war, hört er jetzt fast nicht mehr, so laut rauscht sein Puls in seinen Ohren. Leo schaut Adam an, wie er mit dem anderen Mann tanzt und Adam schaut einfach nur zurück. Schaut ihm lange und tief, genau in die Augen. Und Leo steht einfach nur da, wie dieser Emoji von dem stehenden Männchen, den Caro immer benutzt und dessen Bedeutung Leo vielleicht jetzt gerade erst versteht.
Die laute Musik ist zurück, er bekommt einen Ellbogen in die Seite gerammt und von der Seite ruft Pia aufgeregt winkend seinen Namen. Leo muss hier raus. Hätte gar nicht hier herkommen sollen. Was eine Scheiß-Idee.
Leo dreht sich um und geht. Schiebt sich rücksichtslos durch die Leute. Neben der Bar leuchtet das grüne Notausgansgszeichen. Ein Notausgang ist genau das, was Leo braucht.
~
Adam schaut Leo eine Sekunde nach, dann reagiert er. Schnell löst er sich von Henry. "Sorry, ich- das geht nicht." Das geht gar nicht. Was auch immer er dachte, wem er hier irgendetwas beweisen musste – Pia, Henry, sich selbst – es geht nicht. Henry tritt einen Schritt zurück. "Ich glaube auch", nickt er Adam zu. Adams Blick sucht bereits in der Menge nach Leo, dann läuft er los.
"Was war denn das jetzt?", fragt Esther, ihre Lippen berühren fast Pias Ohr. Die Musik ist so laut. Pia strahlt sie an. "Ich glaube das war mein Plan, der gerade aufgeht!", ruft sie zurück und zieht Esther wieder zu sich, um weiter zu tanzen. Ihr Teil war getan.
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Leo stößt die schwere Hintertür kraftvoll auf und tritt in den Hinterhof. Kurz schaltet sich sein Polizisten-Hirn ein: Für einen Notausgang ist die Tür mit Sicherheit ein bisschen zu schwergängig. Er verwirft den Gedanken mit einem verächtlichen Schnauben.
Seine Gedanken rasen immer noch, ihm ist immer noch schlecht, er fühlt immer noch seinen Herzschlag in seinem Hals, als wäre er noch bei diesem Scheiß-Spiel von Luisa. Aber immerhin kann er wieder atmen. Die abgekühlte Luft des angebrochenen Hochsommerabends ist beruhigend auf seiner Haut. Er lehnt sich an die Wand neben der Tür.
Im Hinterhof stehen ein paar Tische und Bänke für Gäste, Aschenbecher, aber aktiv bewirtet wird der Bereich hier hinten bestimmt nicht mehr, denn direkt daneben stehen die Müllcontainer, in der Einfahrt parkt ein Lieferwagen mit dem Logo der Bar und erhellt wird alles gerade nur vom Mondlicht, da der Bewegungsmelder bereits ausgegangen ist.
Am liebsten würde Leo jetzt einfach aus der Einfahrt gehen, nach Hause laufen und sich das ganze Wochenende lang verstecken. Aber seine Jacke liegt noch drinnen, und selbst wenn Esther oder Pia daran denken, die für ihn mitzunehmen, sind leider sein Handy und sein Haustürschlüssel in dieser verdammten Jacke. Er muss also auf jeden Fall nochmal rein.
Dann geht das Licht wieder an und die Tür öffnet sich. Halb erwartet Leo, gleich von einem Barkeeper Anschiss zu kassieren, dass man als Kunde hier nicht hin dürfe, aber es ist Adam. Noch besser. Leo seufzt.
„Das ist kein Kunden-Bereich“, sagt Adam. Und da ist es wieder, das kleine halbe Lächeln, das Leo gerade wirklich nicht sehen will. Er schaut ihn ausdruckslos an.
„Was willst du, Adam?“ Seine Stimme klingt tief und etwas gefährlich.
„Nach dir schauen, ob alles okay ist.“
Adam schließt die Tür und lehnt sich an sie, direkt neben Leo.
„Und, ist alles okay?“, fragt Leo ihn.
Adam schaut ihn unvermittelt an, Leo schaut weg. Einen Moment lang sind sie still.
„Leo“, knurrt Adam.
„Du kannst wieder rein gehen.“ Ein bisschen hofft Leo, dass Adam das alles gleich als ein großes Missverständnis aufklären wird. Aber er weiß auch, dass das dumm ist.
Adam geht nicht wieder rein und er klärt auch nichts auf. Er steht einfach nur da und starrt ihn an.
"Adam“, Leo seufzt und schaut gegen die Wand auf der anderen Seite, „Ich hab vielleicht in den letzten Wochen, in den letzten Monaten vielleicht ein bisschen was missverstanden. Aber ich hab jetzt kapiert, dass du nicht so fühlst wie ich, dass du mich nicht willst. Das musst du mir nicht mehr erklären.“ Es wäre schön gewesen, wenn du es mir erklärt hättest, bevor du deinen neuen alten Freund anschleppst, denkt er, sagt es aber nicht. „Das ist in Ordnung. Ich komme damit klar, irgendwann. Aber ich sitze nicht hier und schaue zu, wie du wieder mit deinem Ex anbandelst“, Leo schüttelt seinen Kopf, blinzelt die Tränen weg, die sich in seinen Augen sammeln, „Das kannst du nicht von mir erwarten. Ich wünsche euch alles Gute. Ich sehe, dass ihr gut zusammenpasst. Aber ich kann es mir nicht anschauen. Jetzt noch nicht." Seine Stimme klingt erstickt.
Leo zwingt sich, Adam anzuschauen. Der guckt mit weiten Augen zurück.
„Nein, Leo, oh Gott, ich-“, Adam fährt sich durch die Haare, nach Worten ringend.
„Es ist wirklich okay. Lass es bitte einfach.“ Leo wollte doch einfach nur seine Ruhe. Er wollte Adam doch nicht mal Vorwürfe machen.
„Es ist nicht okay! Lass mich bitte ausreden, Leo. Ich weiß nur nicht wo ich anfangen soll. Ich dachte… Leo, ich wollte nie 'wieder mit Henry anbandeln'. Er hat mir Anfang der Woche zum ersten Mal seit Monaten geschrieben. Da war überhaupt nichts. Aber Pia hat die Nachrichten gesehen und mich ausgequetscht und als Henry gefragt hat, ob er mich auf dem Weg nach Paris besuchen darf, da hat Pia mich überredet, ja zu sagen.“
Leo starrt Adam genauso verwirrt an, wie Adam eben noch Leo angestarrt hat. „Aber warum…?“
„Ich glaube, Pia wollte mich wieder mit ihm zusammenbringen, weil sie dachte, dass ich jemanden brauche, der… keine Ahnung…“, Adam beendet den Satz nicht.
„Aber… ich hab euch gehört, ich hab gehört, wie du im Büro mit Pia geredet hast, und sie gefragt hat, ob du noch Gefühle für ihn hast! Deswegen hab ich doch überhaupt erst gedacht, dass du die ganze Zeit über, als wir… also dass du eben die ganze Zeit noch an Henry hingst.“
Adam schüttelt den Kopf, seine Stirn gerunzelt. „Nein, Pia hat mich gefragt, ob ich noch Gefühle für dich habe, Leo. Weil ich Henry nicht zusagen wollte. Da hat sie gefragt, ob es an dir liegt.“
Oh.
„Aber hattest du nicht“, stellt Leo fest. Aber hatte er mal? Und woher weiß Pia das?
„Nein, Leo… Also manchmal hab ich das Gefühl, du willst mich missverstehen.“ Als Leo ihn unterbrechen will, hebt Adam seine Hand. „Lass. Mich. Ausreden. Bitte, Leo.“ Na gut.
„Ich hatte die ganze Zeit… ich hab die ganze Zeit Gefühle für dich, Leo. Immer. Ich wollte nicht, dass Pia das denkt, weil sie sich nicht einmischen soll. Deswegen hab ich dann zugestimmt, dass Henry her kommt. Und ein bisschen dachte ich auch, dass es mir vielleicht wirklich helfen würde, über dich hinweg zu kommen.“
„Aber warum denn hinwegkommen, ich bin doch hier…“
„Ja, ich… ich glaube ich dachte, ich habs verkackt, nach dem See. Und ich habs ja auch verkackt. Ich dachte, du verzeihst mir das alles nie. Dass ich mich nicht öffnen kann, dass ich immer Angst habe… das, was ich im Krankenhaus gesagt habe, das ist unverzeihlich.“
Leo nickt langsam. Ja, wahrscheinlich sollte es das sein. Aber bei Leo gibt es für Adam immer eine neue Chance. Er war so oft so unendlich sauer auf Adam und wie er sich verhält, aber da war auch immer die Gewissheit, dass diese Wut wieder verdampfen würde – früher oder später. Das will Leo Adam gerade sagen, da setzt Adam wieder an.
„Und mit Henry… das war schon damals in Berlin… du kannst dir das nicht vorstellen wie bei uns, Leo.“ Adams schöne blau-graue Augen sehen ihn durchdringend an. Leo wird wieder schlecht, diesmal anders. „Henry ist cool und er ist verdammt heiß“, Leo lacht laut auf und Adam lächelt ihn an, „und ich hatte auch ne gute Zeit mit ihm, aber das war nie ernst. Wir haben nie geredet, nicht über die wichtigen Dinge. Mit dir war es immer ernst, Leo, immer. Das musst du mir glauben. Du bedeutest mir alles. Schon immer.“
Leo schüttelt den Kopf. Er kann das alles gerade nicht glauben.
„Und ich weiß, dass ich dich oft verletzt habe, aber das hatte nie… das hatte nie damit zu tun, dass ich… dich nicht liebe. Im Gegenteil. Mit Henry hab ich so viel gelogen, so viel Scheiße… so viel mehr als bei dir. Aber bei Henry hab ich das gemacht, weils mir egal war, weil ich kein Bock hatte zu reden. Wenn ich dich angelogen habe, dann war das immer nur, weil ich Angst hatte. Dass du dir Sorgen machst, oder das du schlecht von mir denkst, oder dass du dich wieder in Gefahr bringst, um mit zu helfen.“
Leo nickt. Es war gut, das zu hören, was er sich selbst schon gedacht hatte, fast gehofft hatte. Oh Gott, so gut. Er ist Adam nicht egal. Adam ist einfach nur ein Idiot. Leo blinzelt.
„Also, wenn du mir nochmal verzeihen würdest, dann…“, sagt Adam und lächelt.
Leo seufzt. "Du bist ein Arschloch, ich weiß. Aber wie du selbst gesagt hast: es ist egal. Du hast Recht. Ich kann damit klarkommen, wenn du mich lässt."
Adam schüttelt entschieden den Kopf. "Nein, Leo, du hattest Recht", Adam spricht leise, wie immer, wenn es ernst wird. Aber jetzt schaut er Leo mit weiten Augen direkt an, nicht auf den Boden oder in die Ferne.
"Ich bin kein Arschloch, ich will kein Arschloch sein, vor allem nicht für dich. Es ist ganz und gar nicht egal. Du hast so viel Besseres verdient. Deswegen hab ich auch versucht dich wegzustoßen. Wenn wir das hier versuchen, dann will ich kein Arschloch sein. Ich kann dir nicht versprechen, dass ich nicht wieder Angst haben werde, aber ich verspreche dir, dass ich mich bessern werde. Ich weiß, dass ich dir vertrauen kann. Ich will dir zeigen, dass du mir auch vertrauen kannst... Nicht nur, wenns schief läuft."
Leo sieht noch immer aus, als würde er gleich wirklich weinen, aber er lacht erleichtert auf und macht noch einen Schritt auf Adam zu. Er sieht so schön aus, im gelben Licht des Bewegungsmelders, hier zwischen den Containern, die laute Musik und das Stimmengewirr der Bar dumpf im Hintergrund.
„Und wir können es auch langsam angehen lassen, wenn du möchtest“, ergänzt Adam.
„Bloß nicht langsam“, haucht Leo.
Dann legen sich Leos Hände an Adams Wangen, und ihre Lippen berühren sich wieder, endlich, endlich, endlich, nach 17 Jahren.
Vielleicht ist wirklich gerade alles gut.
