Chapter Text
Kapitel 1 – Sechs Tage bis zum Ende der Welt
Sechs Tage. Mehr blieben ihnen nicht, bis zum Ende der Welt. 6000 Jahre – eine halbe Ewigkeit- waren sie nun auf der Erde und nun sollte Alles in sechs Tagen zu Ende sein. Selbst für Wesen, die eigentlich alles gesehen hatten, war das eine ziemlich unglaubliche Entwicklung. Es geschah das für sie Naheliegende, nach Crowleys Einschätzung. Zehntausende Jahre Erfahrungen der Menschheit im Umgang mit ausweglosen Situationen konnten schließlich nicht falsch sein.
Wenn du das Problem nicht lösen kannst, ertränke es in Alkohol, dachte Crowley, am besten mit dem Wesen, dass dir wichtiger als die Welt selbst ist, fügte die stichelnde Stimme in seinem Kopf hinzu.
Und so fand sich Crowley vor dem schäbig aussehenden Buchladen seines ältesten Freundes wieder. Er drückte die Tür auf, das Glöckchen, welches normaler Weise das ungebetene Eindringen potentieller Kunden ankündigte, entlockte dem Engel ein einnehmendes Lächeln in dem Moment, in dem er seinen Blick von dem Buch auf seinem Schoß in Richtung der Tür richtete. Wie so oft bot sich Crowley ein Anblick, der ihm ein derart warmes Gefühl in der Brust bescherte, wie sonst kaum etwas. Der Engel saß in seinem Lesesessel, ein Buch lag auf seinem Schoß, eine Tasse Tee stand auf dem Tisch neben ihm bereit, und ihn empfing ein Lächeln, dass selbst die Sonne in den Schatten stellte. Es war wie nach Hause kommen. Nicht, dass er das zugeben würde, selbst unter Folter, eher würde er Weihwasser gurgeln, aber genauso fühlte er sich, als er an diesem Abend, wie an so vielen zuvor, im Buchladen stand.
Automatisch manifestierte sich der Gedanke in seinem Kopf, dass es möglicherweise das letzte Mal sein könnte, dass er nach Hause kommen könnte. Er schluckte den Kloß in seinem Hals herunter. Er prägte sich das Bild genau ein und räusperte sich und setzte zur Begrüßung an: „Hey Engel, ich habe Wein dabei.“ Auch wenn es kaum möglich zu sein schien, erhellte sich das Gesicht des Angesprochenen noch ein wenig mehr. Er legte das Buch zur Seite, stand auf und nahm Crowley den Wein ab. „Mein Lieber, schön, dass du hier bist. Mache es dir doch bequem, ich bin sofort mit den Gläsern zurück.“ Dabei tätschelte er Crowleys Arm.
Wie die unzähligen Male zuvor fläzte er sich auf das alte Sofa, die Beine drapierten sich wie von selbst über die Armlehne. Jemand, der ihn nicht kannte, hätte wohl über die merkwürdig anmutende Komposition aus einem gepflegten, modebewussten Mann auf diesem alten, abgenutzten Sofa, welches völlig aus der Zeit gefallen schien, nur lachen können. Für Crowley selbst war es ein Stückchen Himmel, von dem er lange gedachte hatte, es wäre für ihn unerreichbar. Alles hier roch nach dem Engel, ein Duft, der wie nichts auf dieser Welt sein aufgewühltes Temperament beruhigen konnte. Und in der Position, die er auch jetzt ganz automatisch eingenommen hatte, hatte er einen perfekten Blick auf den Sessel und damit auch auf den Engel, der dort immer saß. Manchmal, wenn er in einer ganz eigentümlichen Stimmung war, kam Crowley einfach so in den Laden, ohne einen bestimmten Anlass und der Engel ließ ihn gewähren, bot ihm, wie es seine guten Manieren verlangten, Tee und Gebäck an und versuchte ein Gespräch zu beginnen. Manchmal, wenn dies nicht recht gelingen wollte, ließ er irgendwann von dem Versuch ab. Dann schwiegen sie. Crowley schien Luftlöcher zu starren, und Arziraphale begann irgendwann das Buch seiner aktuellen Begierde zu lesen. Das waren Crowleys liebste Momente. Arziraphale verlor sich in den Zeilen vor ihm und Crowley verlor sich im Anblick des Engels. Stundenlang studierte er jeden Zentimeter eben dieses unter dem dunkeln Gläsern seiner Sonnenbrille. Jede noch so kleine Regung im Gesicht seines Gegenübers wurde katalogisiert, und auch, wenn er die aktuelle Lektüre des Engls nicht kannte, so sprach seine Mimik doch Bände und Crowley wusste automatisch welche Stellen besonders aufregend, traurig oder erfreulich waren.
Die Rückkehr Arziraphales unterbrach Crowleys Ausflug in die Welt seiner Gedanken abrupt. Mit einem breiten Grinsen stellte er die gut gefüllten Weingläser (sie waren schließlich keine Anfänger) auf das Beistelltischchen.
„Da sind wir nun“, begann Arziraphale. „Hm“, kam es überaus eloquent von seinem Gegenüber. „Worauf stoßen wir an?“ fragte der Engel, als er Crowley das eine Weinglas reichte. Der Duft des Engels umfing ihn dabei. Crowley schüttelte den Impuls, dem Duft zu folgen und nahe der Quelle zu verweilen, ab und murmelte: „Auf den Fortbestand der Welt?“ „Nun denn, auf den Fortbestand der Welt!“, wiederholte der Engel und nippte an seinem Weinglas. „Wie auch immer dieser gesichert sein soll.“, ergänzte Crowley für sein Gegenüber kaum hörbar und schüttete einen großen Teil des Inhalts seines Glases hinunter. Arziraphale betraute das sich ihm bietende Schauspiel nur mit einem süffisanten Blick, der dem Dämon allerdings entging.
Generell schien der Dämon heute wieder einer seiner überaus eigentümlichen Stimmungen nachzuhängen, bereits beim Eintreten in den Laden erkannte Arziraphale das. Sechstausend Jahre regelmäßiger Treffen sorgen automatisch dafür, dass er die kleinsten, auch nonverbalen, Hinweise seines Gegenübers mit einer überragenden Sicherheit richtig deuten konnte und sein Verhalten daran anpasste. Und so geschah es heute, dass er das Schweigen der Konversation vorzog. Und so schwiegen sie, die Stille füllte den Laden aus und wurde nur durch das Rascheln der Kleidung und das leise Klingen der Weingläser unterbrochen, wann immer eines davon von dem Tischchen gehoben wurde.
Die Stunden zogen dahin und beide hingen ihren Gedanken nach. Eine Flasche nach der nächsten wurde geleert und der steigende Alkoholspiegel in den beiden irdischen Körpern, die zwei übernatürliche Wesen beherbergten, lockerte langsam die Zungen.
„Was ist los mit dir, mein Lieber? Ich kann deine Gedanken selbst durch deine Sonnenbrille kreisen sehen.“, fragte Arziraphale schließlich.
„‘s is‘ nichts. Alles fein.“, winkte Crowely ab und versuchte sich an einem Grinsen.
Und scheiterte kläglich daran, verhöhnte ihn die Stimme in seinem Kopf wieder. Wie so oft, fragte er sich, warum er als Wesen der Hölle von einer boshaften inneren Stimme heimgesucht werden konnte, er sollte doch derjenige sein, der heimsuchte.
Er blickte von dem Weinglas in seiner Hand auf und traf den Blick des Engels, der prüfend auf ihm ruhte. Und wie immer merkte er, dass dieser Blick seine Gegenwehr langsam, aber sicher zum Bröckeln brachte. Er konnte einfach nichts dagegen tun. Und die Stimme in ihm lachte schallend, er - ein boshafter Spross der Hölle – entwaffnet binnen Sekunden, durch zwei strahlend blaue Augen.
Er war wahrlich der schlechteste Dämon aller Zeiten. Aber die Zeiten, in denen Crowley dieser Umstand in Alarm versetzt hätte, waren lange vorbei. Ach, was sollte schon passieren, wenn er den Engel ein wenig in seine Gedankenwelt hineinlassen würde.
In dem Moment, als er zum Reden ansetzen wollte, durchschnitt die ruhige Stimme des Engels die Stille erneut. Und wie so oft, fand er die Worte, die Crowley nicht recht finden konnte.
„Du hast dich genauso an diese Welt gewöhnt wie ich, nicht wahr? Sechstausend Jahre gehen auch an uns nicht spurlos vorüber. Die kommende Apokalypse wird drastische Veränderungen mit sich bringen. Nicht nur, dass diese Welt zu Ende geht. Die ganzen Menschen werden nicht mehr sein. Keine Tiere mehr. Keine Restaurants. Kein Wein. Keine Treffen mit dir, die ich so schätze. Du weißt, wie sehr…“, an dieser Stelle unterbrach Arziraphale sich selbst, so als wäre ihm erst während des Sprechens bewusst geworden, was er da eigentlich im Begriff war zu sagen. „Der Alkohol macht mich ganz redselig, verzeihe mein Lieber.“
Es war doch jedes Mal das Gleiche, dachte Crowley. Machte der Engel auch nur den winzigsten Schritt nach vorn, wurde er sich dessen bewusst und machte vorsichtshalber direkt zwei Schritte wieder zurück.
Aber Crowley kannte dieses Spiel nun schon so lange, bereits fast so lang, wie er den Engel selbst kannte und er hatte sich damit abgefunden. Er hatte über die Jahrhunderte seinen Frieden damit gemacht, das zu nehmen, was der Engel bereit war zu geben. Und spätestens nachdem Arziraphale ihm sehr glaubwürdig versichert hatte, dass er das Tempo des Dämons nicht billigte, hatte Crowley noch viel vorsichtiger agiert.
Doch heute war es anders. Es mochte am Alkohol liegen oder an der plötzlich mehr als begrenzten Zeit, die ihnen noch blieb, aber heute war Crowley nicht bereit, die wahrscheinlich letzte Möglichkeit, die ihm noch blieb, einfach verstreichen zu lassen. Und während er auf dem Sofa seines Engels lag, keimte eine Idee in ihm auf. Ein letztes Mal würde er einen Versuch wagen, dem Engel zu zeigen, wie es um ihn steht. Er müsste vorsichtig vorgehen, um ihn nicht wieder zu verschrecken. Das Letzte, was er wollte, war dass der Engel sich in den letzten Tagen von ihm abwand. Nein, er musste subtiler vorgehen. Und diesmal schwieg die boshafte leise Stimme in seinem Kopf zu seiner Zufriedenheit.
Danach dachte er nicht mehr allzu viel Zusammenhängendes. Der Alkohol forderte seinen Tribut von seinem menschlichen Körper und er genoss das Gefühl vollkommen aus.
Wie er nach Hause gekommen war, wusste er am nächsten Tag nicht mehr so genau.
