Work Text:
„Noah, ich hab das vorhin ernst gemeint. Ich will schlafen.“ Joel wirft mich mit einem Kissen ab, aber ich fange es noch rechtzeitig auf. „Und ich will morgens nicht von deinem Yoga gestört werden. Tja, wir kriegen beide nicht das was wir gerne hätten.“ Ich klicke auf Play und der Film läuft weiter. Der ganze Bildschirm wird mit Blutspritzern übersät. „Musst du deine Horrorfilme immer nachts gucken?!“ „Ja.“ Antworte ich trocken. Er gibt nur ein genervtes Stöhnen von sich und dreht sich weg. „Hol dir endlich neue Kopfhörer.“
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„Ich versteh nicht warum Frau Amani uns zusammen machen lassen muss. Ich mein, ich bin so viel besser in Soloarbeit. Das sollte sie eigentlich auch wissen.“ Ich verdrehe die Augen. „Sicher bist du das.“ Sage ich mit leicht angepissten Unterton. „Ja! Ich will nämlich nicht wie Ava enden.“ Dafür kassiert Joel einen Blick, der wenn er könnte, ihn töten würde. Er räuspert sich. „Sorry.“ Er stellt sein Tablet auf den Tisch und guckt mich angespannt an. „Also? Schon eine Idee für die Präsentation?“ „Sehe ich so aus?“ Ich packe mein eigenes Tablet auch auf den Tisch und öffne schon mal PowerPoint. „Nein, nicht wirklich.“ „Ich weiß nicht mal mehr das Thema.“ Joel sieht so aus, wie, als würde er jetzt schon sterben wollen. Unfair. So ein schlechter Partner bin ich nun auch nicht. Es hätte ihn ja auch schlimmer treffen können. Er hätte Joshua oder so abbekommen können. „Das Thema ist Angststörung.“ Sagt er gereizt. „Immer noch keine Idee. Aber hey, du darfst die Recherche betreiben.“ Sage ich mit einem aufgesetzten Lächeln. „Danke, wie nett von dir.“ Er tippt ein paar Sachen ein und liest sich Artikel durch, während ich nur gelangweilt ein passendes Layout suche. Wie auch immer man da etwas Passendes finden soll. Ich hab keinen blassen Schimmer von ‚mental health‘, weder noch von Angststörung. „Also, schreibst du mit?“ Fragt Joel mich nach einiger Zeit und ich nicke abwesend. Notizen öffnen. Tippen. Ich höre ihm nicht mal richtig zu. „Oft wird eine Angststörung von Panikattacken begleitet.“ Ich nicke nur und tippe ein was er sagt, auch wenn mit mehreren Rechtschreibfehlern. „Die Symptome können immer unterschiedlich aussehen, es gibt stumme beziehungsweise leise Panikattacken und die ‚normalen‘, also das was sich eigentlich jeder darunter vorstellt. Sowas wie extreme Angstzustände, also ein Gefühl von ‚ich sterbe jeden Augenblick‘ zählt auf jeden Fall dazu. In der Regel tritt auch Atemnot und Zittern auf, genauso wie ein unregelmäßiger Herzschlag.“ Ich atme tief ein während Joel weiter erzählt. „Übelkeit, Schweißausbrüche.“ Die Luft fühlt sich immer enger an. Ich kenn das. Ich weiß wie das ist. „Hörst du mir überhaupt noch zu?“ Es passiert wieder. Wieder. Die Wörter, die Joel aus seinem Mund bringt, hören sich nur noch wie ungeformte Klumpen an. Ich höre definitiv nicht mehr zu. Und schreiben tue ich genauso wenig. Ich kann nicht mal. Von meiner Schulter bis in meine Fingerkuppen fühlt sich alles wie gelähmt an. Mein ganzer Körper ist einfach nur noch Taub. In meiner Brust verengt sich alles und ich glaube ich kann noch weniger atmen als ohne hin schon. Mein Blick verschwimmt mehr und mehr und es fühlt sich so an, wie als hätte jemand meine Ohren mit Watte gestopft. Alles hört sich stumpf und gedämpft an. Selbst Joel, der immer so laut ist und ich ihn dafür am liebsten boxen würde, ist leise. Jedenfalls in meinem Kopf. Und auch wenn alles was ich höre leise ist, sind es die Gedanken in meinem Kopf nicht. Sie sind laut, zu laut. Lauter als das Schulgebäude. Lauter als meine Eltern, welche streiten. Lauter als Colin, der heimlich in der Nacht geweint hat, als er dachte ich höre ihn nicht. Mein Herz schlägt so schnell, dass ich denke es fällt gleich raus. Ich glaube, diesmal werde ich nicht überleben. Joel. Präsentation. Angststörung. Panikattacken. Ich glaube ich habe eine. Nicht nur eine. Es fühlt sich an, wie zehn auf einmal. Diese ist schlimmer als die, die ich hatte als Colin gegangen ist. Schlimmer als alles, was je passiert ist.
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„Ich weiß auch nicht was mit ihm los ist!“ Mein Kopf fühlt sich an, wie tausend Bomben, die alle auf einmal explodieren. Joels Stimme hört sich weit weg an. Er steht wahrscheinlich im Flur. „Aber es muss doch einen Grund geben, warum er so reagiert hat.“ Colin. Ich stocke. „Also wie gesagt: Ich sag ihm an, was er schreiben soll und er kriegt genau in dem Moment eine Panikattacke.“ Es geht um mich. Fuck. „Hört sich für mich so an, als hätte es ihn getriggert.“ Colin ist hier. Wegen mir. Doppelfuck. Joel kommt ins Zimmer geplatzt und ich schließe sofort wieder meine Augen. Sie sollen nicht merken, dass ich schon wach bin. „Was wird dann aus der Präsentation?“ Colin ist extra aus Köln hier her gekommen? Wie lange war ich weg, dass ich das nicht mitbekommen hab? „Ich bin mir sicher Frau Amani versteht das, sie ist cool. Vertrau mir.“ Colins Stimme klingt abgehackt und viel zu unklar, dafür das er direkt vor meinem Bett stehen sollte. „Warte kurz, das WLAN ist wieder so schlecht.“ Und so schnell wie Joel gekommen ist, geht er auch wieder. Ich setze mich auf. Es war nur ein dummes Telefonat. Colin ist nicht da. Er ist immer noch in Köln, bei Julia. Wie konnte ich auch wirklich so dumm sein und denken, dass er doch nochmal zurück kommt? Vorallem für mich, nach all dem was ich gesagt habe. Sein Bett steht immer noch leer. So leer, wie er es verlassen hat. Ich stehe vorsichtig auf und laufe so leise wie möglich in die andere Ecke des Zimmers. Joel steht immer noch vor der Tür und telefoniert mit ihm. Vielleicht sollten die beiden einfach zusammenkommen, dann müsste sich Colin wenigstens nicht mehr mit so etwas wie mir rumschlagen. Ich setze mich und die Matratze geht nach unten. „Colin, ich weiß echt nicht wie ich ihm da helfen soll. Ich mein ja, wir sind vielleicht Freunde – auch wenn er das wahrscheinlich nicht so sieht, aber ich hab null Komma null Ahnung was bei ihm im Kopf abgeht.“ Toll Joel, da sind wir schon mal zu zweit, denn ich, wenn ich ehrlich bin, auch nicht. Mein Kopf macht was er will. Colin will gehen: Ich benehme mich wie das größte Arschloch. Colin geht wirklich und ich fange an bitterlich zu weinen. Ich lege mich hin. Auch wenn das Bettzeug abgezogen wurde, riechen Kissen und Decke immer noch nach ihm. Orange und Vanille. Ich vermisse Colin. Ich vermisse ihn mehr als ich dachte, dass ich es tun würde. Meine Augen fahren sich auf der Zimmerdecke fest. Ich hätte das alles nicht sagen und tun sollen. Joel hat recht, ich bin echt ein Arsch.
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"Hi." Sagt Joel und setzt sich gegenüber von mir hin. "Hey." Sage ich zurück, während ich mit der Gabel in meinen Nudeln rumstochere. "Für dich." Er lächelt ein bisschen unbeholfen und stellt mir eine Flasche Himbeerlimo auf den Tisch. "Kein Pastinakensaft?" "Den hättest du nicht angerührt, das weiß ich." Ich nicke und stopfe mir ein paar Spagetti in den Mund. "Wegen vorhin.." Fängt er an, aber ich unterbreche ihn. "Will nicht drüber reden." Sage ich stumpf. "Noah..." Was ist eigentlich an einem Nein so schwer zu verstehen? "Bitte. Ich mach mir Sorgen." Als ob das jetzt mein Problem wäre. "Und" Versucht er wieder anzufangen. "Sag es nicht." Falle ich ihm sofort ins Wort. Ich weiß was er vor hat. Er würde sowas sagen wie 'und Colin auch'. "Sei einfach leise." Er beißt sich auf die Lippe. "Aber" Todesblick. "Noah." Todesblick, der ihn nicht davon stoppt, weiter zu reden. "Du hattest eine Panikattacke und bist zusammengebrochen." Was ein Newsflash. Als ob ich das nicht selber mitbekommen hätte. Joel atmet tief ein und guckt kurz nach unten, bis er wieder zurück zu mir schaut. Naja, eher an mir vorbei, Blickkontakt halten war nie so seine Stärke. "Das ist nicht gesund. Du solltest dir professionelle Hilfe suchen." Verwirrt gucke ich zurück. "Liest du das gerade ab?" Es ist still zwischen uns beiden. "Ich wusste bloß nicht wie ich es formulieren sollte!" Verteidigt er sich. "Wem hast du davon erzählt?" Außer Colin natürlich, aber er soll ja nicht wissen, dass ich die beiden belauscht habe. "Nur Colin, ich schwöre!" "Das klingt nicht nach Colin." Ich weiß doch, wie er klingt. Versucht der mich eigentlich zu verarschen? "Okay, vielleicht hat Colin Julia um Hilfe gebeten, weil er auch nicht wusste, was man bei so einer Situation macht." Toll gemacht Joel. Eher toll gemacht Noah. Es war doch vornherein klar, dass das nicht unter uns bleibt. "Willst du es vielleicht noch am liebsten Ava auf die Nase binden?" "Was auf die Nase binden?" Fragt sie im Vorbeigehen verwirrt. Warum taucht sie eigentlich immer dann auf, wenn sie es nicht tun sollte? "Nichts!" Motze Ich sie an, nehme meinen leeren Teller und gehe. Gnade Gott, wenn Joel es ihr auch noch erzählt, ist er einen Kopf kürzer.
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Ich wische mir die Tränen weg, während ich Colins und meinen Chat durchlese. Eher Colin's eigenen. Ich habe ihm ja nie geantwortet. Und auch wenn ich es jetzt tun würde, würde es nichts bringen. Er hat mich blockiert. Er will nichts mehr mit mir zu tun haben. Wenn Joel ihm jetzt noch von gerade eben erzählt, wird Julia mich gleich mit blockieren - weil warum sollte er es nicht an sie weiter tragen - und ich kann die Instagramupdates vergessen. Dann werde ich Colin sicherlich nie wieder sehen. Ich hab mehr als nur verkackt. Warum bin ich nur so ein idiot? Ich kann Colins leere Profilbild nicht ertragen, ich werfe das Handy weg. Natürlich landet es auf seinem alten Bett. Wo auch sonst? Tief durchatmen. Wenn ich jetzt noch mehr ausraste, endet das Zimmer wie die letzte Zombiemaske. Dann würde mich Frau Schiller umbringen. Ich stehe auf und nehme mir mein Handy wieder. Der Chat ist immernoch offen. Einfach schließen, ich hätte sowieso nie auf ihn drauf klicken dürfen. Am besten lösch ich ihn gleich mit, dann hab ich garnicht mehr die Chance. Ich tippe auf Colins leeres Profilbild und will zu löschen runterscrollen. Bis auf den Fakt, dass es plötzlich anders aussieht. Schwarz. Normalerweise ist es doch immer grau, wenn man blockiert ist? Also das war es jedenfalls vor 2 Minuten noch. Hat er mich etwa entblockiert?
Colin: Hey.
Ich schlage mich selber. Das kann nicht wahr sein. Das passiert gerade nicht echt.
Colin: Um ehrlich zu sein, ich hab mir eigentlich geschworen dir nie wieder zu schreiben. (und trotzdem tue ich es)
Colin: Joel hat mir von heute Nachmittag erzählt
Colin: Gehts dir gut? Bzw besser?
Colin: Ich mach mir sorgen
Colin: Ich weiß du wirst nicht antworten, machst du ja irgendwie nie, aber ich wollte dir nur sagen, dass ich trotzdem immer da für dich bin
Gerade als ich die letzte Nachricht lese, wird sie wieder gelöscht. Ich atme tief ein und tippe zittrig auf meiner Tastatur rum. Hey, klingt doof, Hi genauso und Hallo wie ein alter Mann. Wie antworte ich überhaupt auf all das? Das mir konstant angezeigt wird, dass er online ist, macht es nicht besser. Einfach Augen zu und durch.
Ich: Hey. Mir geht's gut, mach dir keine Sorgen.
Colin liest und antwortet sofort, als hätte er nur auf meine Antwort gewartet.
Colin: Wenn es dir gut gehen würde, hättest du keine Panikattacke bekommen und wärst auch nicht zusammengebrochen.
Warum muss er immer Recht haben? Und warum klingt alles was ich schreiben will, so derartig falsch?
Ich: War viel Stress. Wie gesagt, geht wieder.
Er liest die Nachricht und geht wieder offline. Nicht gut. Ich hätte etwas anderes schreiben sollen. "Hey." Sagt Joel trocken, als er ins Zimmer kommt. Ich nicke nur, mein Blick immernoch aufs Handy geheftet. Er lässt sich aufs Bett fallen und schmeißt seine Hausschuhe darunter. "Ähm.." Mein Mund redet schneller, als mein Kopf denken kann. "Tut mir leid. Also wegen gerade eben. Unten." Ich drehe mich schnell weg, damit ich ihn nicht ansehen muss und gehe zurück zu meiner Seite des Zimmers. "Wer bist du und was hast du mit Noah gemacht?" Ich bleibe still. "Noah entschuldigt sich nicht. Also bist du entweder ein Alien, dass sich in ihn verwandelt hat oder..." Kurz ist es still. Er überlegt scheinbar. "Es gibt keine zweite Theorie. Das ist das einzig logische." Ah ja, ich, ein Alien. Sehr logisch. "Jap. Und morgen essen meine Alienbrüder und ich den richtigen Noah auf. Menschenfleisch ist unser Lieblingsgericht. Vorallem wenn es gut gewürzt ist."
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"Okay dann sind die nächsten Joel und Noah. Kommt ihr bitte vor?" Ich hab die Präsentation total vergessen. Ich bin so am Arsch. Joel steht auf und dreht sich zu Frau Amani um. "Ich muss Ihnen was beichten." Er hat sie genauso vergessen wie ich. Verdammt. "Mir gings nicht gut, ich konnte die Präsentation nicht vorbereiten, deswegen hat Noah alles alleine gemacht. Dafür will ich sie aber vorstellen, also alleine, wenn das okay ist. Bitte?" Okay was zum Fick? Wann hab ich bitte die Präsentation gemacht und wann ging es Joel schlecht? "Okay, mh.. Ich weiß nicht." "Sie können mir auch 2 oder 3 Notenpunkte abziehen, wenn Sie wollen!" Frau Amani seufzt. "Okay , ausnahmsweise." Ich Blicke Joel nur verwirrt an, während er glücklich vor zur Tafel geht und seinen USB-Stick einsteckt. Auch wenn er jetzt die Präsentation alleine hält, hab ich Angst. Angst, dass es so endet wie beim letzten Mal, als ich über Angststörung gehört hab. Joel fängt einfach an zu reden, wie als hätte er nie etwas anderes gemacht. Und die Folien sehen, wenn ich ehrlich bin, echt gut aus. Hat er das wirklich alleine gemacht? Trotzdem reichen sie nicht als Ablenkung dafür, dass ich alles was er erwähnt kenne. Von der normalen Angst des Versagens, bis hin zur grundlosen Todesangst. Das nicht-kontrollierbare Atmen, das Gefühl von Schwindel. All das sind meine Symptome. Ich muss mich zusammenreißen, bevor ich allen hier zeige, was für ein Loser ich bin. Sie sollen nicht wissen, dass mir sowas auch passiert. Vorallem Menschen wie Joshua würden sich sofort über mich lustig machen. Einfach tief ein- und ausatmen. Ist nicht so schwer. Ganz einfach. "Und das wars eigentlich schon." Joel swiped auf der Tafel rum. "Ich wollte nur nochmal sagen, dass wenn ihr euch so fühlt, ihr nicht alleine seid. Ihr könnt mit Freunden, Familienmitgliedern oder Lehrern reden. Und wenn ihr trotzdem das Gefühl habt, sie würden das nicht verstehen, dann könnt ihr auch bei solchen Notfallhotlines anrufen." Sein Blick bleibt direkt an mir hängen und ich gucke schnell weg. Nicht direkt, nur neben ihn. Auf all die Telefonnummern. Er redet mit mir, indirekt. Das merk ich doch. Fuck, das ist zu viel. Ich kann das nicht. "Ich geh kurz auf Toilette." Ich renne gefühlt aus dem Zimmer zu den Toiletten. Alles was ich die ganze Viertelstunde unterdrückt habe, kommt jetzt hoch. Zuviel. Zu viel auf einmal. Mir ist schlecht. So unfassbar schlecht. Ich greife mir den Mülleimer und alles was ich bis jetzt gegessen habe, fällt rein. Es fühlt sich an, wie als würde ich meine Innereien gleich mit auskotzen. "Alles okay?" Ich blicke auf. Für ein kurzen Moment hatte ich Hoffnung Colin steht da, aber nein. Es ist 'nur' Joel. "Nicht wirklich." Ich stelle den Mülleimer wieder weg und wasche mein Gesicht. "Setzt dich erstmal hin." Er scheint definitiv mit der Situation überfordert zu sein. Aus welchem Grund auch immer, höre ich aber auf ihn und setze mich auf den Boden, mein Rücken gegen die Wand gelehnt. Er kniet sich gegenüber mir hin. "Das wollte ich echt nicht." Ich schüttele schwach den Kopf. "Nicht deine Schuld." "Ich dachte nur halt, dass" Ich muss ihn unterbrechen. "Joel." "Ja?" Ich umarme ihn. Also so richtig. Ich glaube, dass hab ich seit Jahren nicht mehr gemacht. Seine Arme verschließen sich hinter meinem Rücken. "Ich mag Alien-Noah mehr als den alten." Sagt er leise und ich unterdrücke es mir ihn zu Boxen. "Danke." "Wofür?" Ich bleibe still. Es gibt so viele Gründe. Gründe, die wenn ich sie versuche auszusprechen, nur in unverständlichen, zusammenhangslosen Sätzen enden würde. Ich hab keine Ahnung wie man sowas ansatzweise formuliert. In diesen Momenten wünschte ich, ich wäre so stark wie Colin: Er kann seine Gefühle aussprechen, er kann Menschen sagen was ihn bedrückt - ich nun mal nicht.
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"Okay Brainstorm-moment of truth: Ein Pastinakenplüschtier für meinen Saftladen. Als Maskottchen." Ich nicke stumm. Meine Augen fixieren sich schon wieder auf Colins Nachrichten. 'Ich mach mir sorgen'. Ich habe ihn nicht verdient. Nicht in dreihundertmilliarden Jahren. Nicht als Zombie, nicht als Vampir und weder noch als Werwolf. In keinen diesen Universen habe ich ihn jemals verdient. Egal wie scheiße ich mich benommen habe, er will trotzdem, dass es mir gut geht. Jedes Mal. "Hallo, ich rede mit dir!" Joel wirft mich mit seinem Kängurustofftier ab und ich schrecke hoch. Da war ja was. "Ja?" "Pastinakenplüschtier." Wie kommt er immer auf solche Ideen? "Ja, klar. Klingt gut." Seine Augen verengen sich. "Alien-Noah benimmt sich noch alienhafter als sonst." Er steht auf und tapselt zu mir ans Bett, wo er sein Känguru aufhebt. "Motivationsspruch für den Tag: Traue dir endlich mehr zu. Du wirst wachsen und heilen." Jetzt geht das schon wieder los. Ich dachte das hätten wir im letzten Schuljahr gelassen. "Welcher Crackie hat das denn geschrieben?" Ich grinse etwas und er lächelt demonstrativ, genervt zurück. "Also, was ist an deinem Handy so interessant?" "Was soll daran interessant sein?" Außer natürlich der Chat und Colins neues Profilbild, welches ich für Stunden angucken könnte. Er hat mich nicht mehr blockiert. Es ist auch nicht mehr total schwarz. Es sind nur er und Julia, wie sie Kaffee schlürfen. Joel reißt mir regelrecht das Handy aus der Hand. "Ey!" "Was haben wir denn da.." Was denkt er denn? Twillight-Fanfictions? "Colin also?" Sein Mundwinkel ziehen ein bisschen nach oben, er schmunzelt. "Wag es dir ja nicht, ihm irgendwas zu erzählen!" Ich nehme mir mein Handy wieder zurück und verstecke es unter meinem Kissen. Joel seuftzt. "Noah." Meinen Namen zieht er besonders lang. "So kann das nicht weiter gehen." Er nimmt sich den Stuhl vom Tisch und schiebt ihn zu mir ans Bett. Super, jetzt geht die Therapiestunde wieder los. "Was kann nicht so weiter gehen?" Ich weiß zu hundert Prozent was er meint. Ich wäre bescheuert, wenn ich es wirklich nicht wüsste. "Du und Colin." Ich will zum Satz ansetzen, aber er ist schneller "Ich weiß, Colin weiß, jeder weiß, dass du ihn magst. Warum tust du das? Warum verletzt du ihn die ganze Zeit?" Ich stocke. Ich verletze ihn. Das weiß ich, schon lange. Und trotzdem fühlt es sich an, wie als würde Joel mir einen Stich direkt ins Herz versetzen. "Warum stößt du ihn die ganze Zeit weg?" Liebe macht alles kaputt. Sie hat erst meine Eltern auseinander getrieben, dann mich und Colin. Hätte er sich nicht in mich verliebt, wäre das alles nicht passiert. Wir wären noch richtig befreundet. "Ich will ihn einfach nur als guten Freund." So gesehen war das auch keine Lüge. Für Joel scheinbar schon. "Noah." Der lässt echt nicht nach, oder? "Es ist einfach kompliziert." Ist es auch, doch er hört nicht auf, mich mit diesem komischen Blick anzuschauen. "Ich- Das mit Colin ist einfach... Ich will ihn nicht verlieren." Jetzt ist er scheinbar komplett verwirrt. "Denkst du nicht, dass ist schon längst passiert?" Ich denke nicht nur, ich weiß. Colin hasst mich jetzt, auch wenn er noch nett zu mir ist. Aber lieber das als ein Colin, der mir das Herz bricht. Der mich alleine irgendwo verrotten lassen würde, weil er mich plötzlich doch nicht mehr liebt. Ich tu ihm zuerst weh, dann kann er mir nicht zu vorkommen. Tut weniger weh. "Doch schon." Joel seuftzt. "Es ist doch wirklich, wirklich sehr offensichtlich, dass ihr beide ineinander verliebt seid." Nur weil ich vielleicht in ihn verliebt bin, heißt es nicht, dass ich auch mit ihm zusammen sein will. "Na und?" "Wo ist denn das Problem? Ich versteh es nicht." Jemand sollte Joel Klebeband auf den Mund kleben, sonst lauf ich bald Amok. "Es würde alles kaputt machen!" "Mehr kaputt als es eh schon ist, oder wie?" Dieser Typ, ey. "Ja. Noch mehr als es eh schon ist. Jetzt lass mich inruhe." Ich will mir mein Tablet nehmen, aber Joel ist schneller. "Du liebst Colin." "Und wenn schon. Jetzt ist es eh egal. Eine Frage der Zeit, bis er jemand neuen findet." Köln ist groß, größer als Erfurt. Da gibt's hunderte, wenn nicht sogar tausende Typen. Typen die besser sind als ich. Typen die mit ihren Gefühlen wohin wissen. Typen die seine Liebe erwidern und mit ihm zusammen sein wollen. Typen die ich niemals sein könnte. "Nein, er wird eben keinen Neuen finden. Rede doch einfach nochmal mit ihm!" Warum ist in Joels Welt alles so einfach? Denkt er wirklich dann wird alles gut? "Und dann? Denkst du dann kommen wir zusammen und alles ist Friede, Freude, Eierkuchen?" Wir beide seufzen. Er, weil er enttäuscht ist - ich, weil ich genervt bin. "Du musst deine Angst überwinden. Das er dich verlässt, ist total unrealistisch. Colin würde sowas nie im Leben tun." Ein Gefühl von Schuld tritt mich direkt in die Magengrube. Joel hat Recht und das weiß ich insgeheim auch. Auch wenn ich es nicht wahr haben will. Colin ist extra doch nochmal ans Einstein gegangen, nur wegen mir. Er hätte seine beste Freundin alleine in Köln gelassen, nur um mit mir zu sein. Und dabei kennen die beiden sich so viel länger. Er würde nicht mal einer Fliege was zu leide tun. Also warum dann mir? Egal wie sehr mein Kopf dran glauben will, lässt es mein Herz nicht zu. Jedesmal wenn ich auch nur ansatzweise an ihn denke, zieht es sich zusammen und schmerzt höllisch. Es klopft an der Tür und ich zucke zusammen. Annika tritt herein. "Hey, ich wollte garnicht stören oder so." Ihr Blick bleibt auf Joel kleben. "Kannst du kurz mitkommen? Ich brauch mal deine Hilfe." Er nickt, gibt mir mein Tablet zurück und geht mit ihr raus. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass dieses Gespräch noch nicht abgehakt ist. Wenigstens hab ich, aber erstmal meine Ruhe. Ich nehme das Handy unter meinem Kissen hervor und schalte es wieder an. Der Chat ist immernoch offen und starrt mich an. Es tut mir leid. Vier einfache Wörter. Wenn ich es zu Joel sagen kann, dann doch auch zu Colin, oder? So schwer ist das nicht. Ich will zum Tippen ansetzen aber meine Hände können nicht aufhören zu zittern. So ist es unmöglich irgendwas zu schreiben, aber ich muss es trotzdem irgendwie versuchen. Joel hat Recht, ich muss endlich diese ätzende Angst überwinden. Ich schließe meine Augen. Die Tastatur kenne ich auswendig, es wird also kein Problem sein so zu tippen. Mein Handy gibt ein Beep-Ton von sich ab und ich schrecke weg. Fuck. Nein. Wie bin ich auf den Anruf-Button gekommen?! Ich muss auflegen, wenn Colin rangeht dann- zu spät. "Noah." Das ist nicht Colin. Was? "Julia?" Nicht sehr unwahrscheinlich, dass sie bei ihm ist. Aber an seinem Handy? "Richtig geraten." Es ist kurz still zwischen uns. "Eh.. Was machst du an Colins Handy?" Julia kann mich nicht mehr leiden. Niemand kann mich in irgendeiner Hinsicht leiden. Vielleicht Joel, aber das wars auch. Vielleicht lag er doch falsch, vielleicht hat Colin schon wen Neuen gefunden. Ich hätte nicht anrufen sollen. Wollte ich ja eigentlich sowieso nicht. Diese ganze 'Ich-entschuldige-mich'-Idee war total dumm. "So nh Challange-Ding. Warum rufst du an?" Sie klingt gereizt. Ich wusste es, sie hasst mich. "Kann ich mit Colin reden? Bitte." Ich glaub ich muss mich gleich übergeben. "Sorry, der hat gerade garkeine Zeit. Tschüss." "Nein!" Schreie ich sie schon fast an. "Was denn noch?" Ich stocke. Alles was ich sagen will, ist in meinem Kopf. Ich war ein Arschloch. Es tut mir leid. Verzeih mir bitte. Ich machs wieder gut. Doch nichts kommt aus meinem Mund. Mein Gehirn und Stimmbänder kooperieren einfach nicht. Ein Rascheln ertönt am anderen Ende der Leitung. "Ich hab nur Nachos gefunden. Was machst du an meinem Handy?" Mein Herz setzt für einen kurzen Moment aus. Colin. "Nichts!" Es raschelt wieder. "Ich hab dir was gesagt." Das Gespräch ist abgedämpft, aber man versteht trotzdem alles. "Ich war nicht an Noahs Chat." Meinem Chat? "Gut." "Also vielleicht doch, aber dann wurde ich abgelenkt." Gibt Julia zu. "Was meinst du mit abgelenkt?" Mein Herz kommt immernoch nicht auf Colins Stimme klar. Ich benehem mich wir irgendwelche 12-jährigen K-Pop Fans. Hilfe. "Noah hat angerufen." Zu meiner Verteidigung: immer noch nicht mit Absicht. "Was? Gib her!" Es raschelt wieder und Julias Gemurmel klingt wieder klarer. "Noah? Gehts dir gut? Ist was passiert?" Wie habe ich diesen Jungen nur verdient? "Alles gut. Ich wollte nur kurz mit dir reden." Mein Atem wird wieder unregelmäßiger und ich kriege Angst. Nicht jetzt. Bitte. Zu jedem Zeitpunkt kann diese beschissene Panikattacke kommen aber nicht jetzt. "Warte ich geh kurz in mein Zimmer." Colin stellt sich auf stumm. Genug Zeit, um mich zu beruhigen. Oh Gott. Das wird nicht gut enden. Ich muss auflegen, bevor es zu spät ist. Ich will mein Telefon greifen, um auf die rote Taste auf meinem Bildschirm zu drücken, aber Colin kommt schneller zurück als gedacht. "Sorry, also da bin ich. Was gibt's? Ist was mit Joel?" Zu spät. Fuck. "Nein mit Joel ist auch alles gut." Alles ist gut. Bis auf den Fakt das wir gerade seit über drei Wochen Funkstille reden und ich das Gefühl habe mein Herz springt mir jeden Moment aus der Brust. Dazwischen haben wir für vielleicht zwei Minuten geschrieben, aber das war nicht das gleiche. "Ich.. Also.. Ich wollte nur.." Ich kann nicht mal einen ganzen Satz formen. Wie soll ich mich so entschuldigen? Das Colin kein einziges Wort sagt, macht die Situation auch kein bisschen besser. "Ich.. Weiß nicht so recht.." Es tut mir leid. Es tut mir leid, es tut mir leid, es tut mir leid. Bitte Hass mich nicht. Ich kann das nicht ohne dich. Komm zurück. Bitte. Ich brauch dich mehr als alles andere. Tief ein- und ausatmen. Garnicht schwer. "Noah? Bist du noch dran?" Mein Gehirn macht Kurzschluss. "Tut mir leid. Alles tut mir so unendlich leid." Plötzlich ist alles raus und ich fühle mich zum ersten Mal mehr als befreit. Und dann ergreift mich wieder die Angst. Die Angst auf Colins Reaktion. Die Angst, dass er mich auslachen wird. Rational gesehen würde er das nie tun und trotzdem sagt mein Kopf es mir so. Er wird lachen. Es wird peinlich. Ich bin wertlos und mit allem was ich tue, mache ich mich zur Lachnummer. Ich muss auflegen, bevor er überhaupt sie Chance hat. Dann blockiere ich ihn. Dann kann er es vielleicht trotzdem machen, aber wenigstens kriege ich es nicht mit. Und wenn Joel auch nur einmal versucht Brieftaube zu spielen, breche ich ihm den Kiefer. Solider Plan, sollte ich so machen. "Noah, ich.." Fuck. Warum denke ich immer zu viel, bevor ich Sachen tue? Ich hätte meinen Plan schon längst ausführen können, aber nein. "Ich glaub, dass ist kein gutes Thema, um es hier am Telefon zu lösen." Ich schlucke. "Ich weiß, tut mir leid." Ich glaub ich fang gleich an zu heulen. "Du weißt nicht wie lang ich mir gewünscht habe, dass du das hier endlich sagst." Ich denke schon. Irgendwie wusste ich es die ganze zeit. "Fuck, sorry." Ich reagiere nicht, ich weiß nicht wie. "Ich glaube wir sollten das in Ruhe besprechen." Ist nicht gerade 'in Ruhe'? Ich bin alleine, er auch. Alles ist gut. "Ich wollte nächstes Wochende sowieso Joel besuchen. Ich mein dann könnten wir auch nochmal.. reden, wenn du magst." Reden. Das genau ist nicht meine Stärke. Und trotzdem stimme ich zu. "Okay, cool, dann bis nächstes Wochenende." Colin legt auf und ich sitze in der Stille meines leeren Zimmers fest. Nächstes Wochenende. Wie soll ich das aushalten?
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Colin kommt bald und ich bin sowas von nicht bereit. Nicht nur mental. Meine Seite des Zimmers sieht aus wie das Permudadreieck. "Willst du nicht aufräumen?" fragt Joel mich, was mich nur noch mehr in Panik verfallen lässt. "Hatte ich schon vor." "Okay, denn Colins Bus kommt in drei Stunden am Hauptbahnhof an, dass heißt er ist in ca. dreieinhalb Stunden hier." Reicht das überhaupt, um all das Chaos zu beseitigen? "Ja, ich glaub ich komm eher später noch dazu. Ich geh nochmal was einkaufen." Joel schaut mich komisch an, aber akzeptiert es. Ich kann Colin nicht gleich beim Ankommen sehen. Das wäre komisch.
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Als ich zurück ans Internat komme, steht Colins Fahrrad vor dem Gebäude und sofort fangen die Gedanken in meinem Kopf an zu kreisen. Ich darf es nicht wieder versauen. Wenn ich auch nur einen einzigen Fehler begehe, ist es vorbei. Wortwörtlich. Dann reicht kein 'Es tut mir leid' mehr. Dann kann ich alles in die Tonne klopfen. Vor meiner Zimmertür bleibe ich stehen. Jetzt habe ich noch die Chance abzuhauen. Der Situation zu entkommen. Dann muss ich mich diesem schrecklichen Gespräch nicht stellen, aber dann wäre alles umsonst gewesen. Zum Beispiel die Panik bei dem Telefonat, auch wenn ich die jetzt doppelt so stark durch gehen muss. "Ich bin mir zu hundert Prozent sicher, dass das nicht unser Noah ist. Alien, ich sags dir." Joel. Die Alien-Theorie lässt ihn wohl immernoch nicht los. Jetzt labbert er schon Colin damit zu. "Ich bin einfach froh, dass er noch dich hat. Sonst wäre er, glaube ich, ganz allein." Seine Existenz dreht sich nur um mich und mein Wohlbefinden. Ich seufze. Er hat aber Recht, wäre Joel nicht da, hätte ich niemanden. Ich würde als einsame Seele in meinem Bett vor mich hin rotten. Wie ein Zombie, oder ein aus den Augen blutender Vampir. Ich greife die Türklinke und atme tief durch. Wird nicht so schwer. Ich schaff das. Joel ist ja auch da. Ich drücke die Klinke nach unten und betrete das Zimmer. Er und Colin starren mich beide einfach nur an. "Hi." Sage ich kurz. "Wolltest du nicht einkaufen gehen?" Fuck. Meine Ausrede ist aufgeflogen. "Hab ich unten in der Küche schon eingeräumt." Gut gerettet. Ich lege meine Jacke aufs Bett und setze mich zu den beiden. Colin blickt zu Joel. "Ist es okay, wenn du...?" Er muss seinen Satz nicht mal zu Ende bringen und Joel weiß sofort, was er will. Er nickt stumm, steht auf und geht. Wir beide gucken ihm einfach dabei zu, bis er das Zimmer verlässt und die Tür hinter sich schließt. "Also.." Fängt Colin an. "Willst du irgendwie.. Keine Ahnung.. Du weißt schon... Erster sein?" ich schüttelte schnell den Kopf. Nie im Leben. Ich hab jetzt schon genug Angst vor diesem Gespräch. Jetzt wo noch Joel weg ist, bin ich noch mehr am Arsch. Nicht mal mehr einen emotionalen Beistand habe ich. "Gut." Nichts ist gut. "Dann fang ich an." Ich nicke nur. "Wofür hast du dich entschuldigt? 'Für alles' ist keine sonderlich gute Erklärung." Meine Hände sind voller Schweiß. Es ist ekelig. "Ja.. Gut möglich." Colin blickt mich nur erwartungsvoll an. "Ehm also.. Naja.. Eigentlich.. Hab ich das ja schon gesagt. Ich meine halt wirklich so... alles." Immer wieder stocke ich mitten im Satz und stolpere über meine eigenen Wörter. "Das was ich zu dir gesagt habe, was ich getan habe, das tut mir einfach alles leid." Alles was ich sage, besteht nur noch aus 'ähm' und 'eh', aber Colin wartet einfach ab, egal wie lange ich brauche meine Wörter in die richtige Reihenfolge zu bringen, er gibt mir Zeit. "Ich weiß, dass du verletzt bist." Joel hat es mir ja oft genug unter die Nase gerieben. "Und es tut mir leid, weil ich weiß das es meine Schuld ist." Weil ich nun mal ein Arschloch war. Meine Hände werden nurnoch schwitziger. Fuck ist das nervig. "Okay." Sagt Colin leicht irritiert. "Ich weiß auch, dass du eigentlich nichts mehr mit mir zutun haben willst. Tut mir also auch leid, dass du dir wegen mir Sorgen gemacht hast." Ich beiße mir auf die Lippe. Ich glaube ich habe noch nie so viel auf einmal über meine Gefühle geredet. Irgendwie… gruselig. "Ich hab‘ mir Sorgen gemacht, aber das ist kein Grund sich zu entschuldigen." Ich nicke leicht. Colin seuftzt. "Ich weiß bloß nicht, ob ich es dir noch tausend mal sagen muss, aber für mich können wir nicht nur befreundet sein. Da ist mehr. Ich weiß das und ich weiß auch, dass du es leugnest." Ich nicke wieder. Ich leugne es nicht, ich weiß, dass ich Colin mehr mag als ich sollte. Und genau das ist das Problem. "Ich mag dich auch." Presse ich hervor. "Mehr als mir lieb ist." Meine Augen fangen an zu tränen und egal wie viel ich auch versuche es zu stoppen, es bringt nichts. Ich habe Angst. So viel Angst. Und ich weiß nicht ansatzweise wie ich ihm das erzählen soll. Ich will nicht, dass er mich auslacht oder das er mich komisch findet. Es reicht schon, dass ich hier gerade, direkt vor ihm weine. "Ich denke bloß, dass wenn wir- ich weiß nicht- dass dann einfach-" Wir uns gegenseitig noch mehr das Herz brechen. Das wir am Ende beide noch mehr verletzt sind. Das wir so viel streiten, dass Joel drunter leidet. (Wenn er das nicht eh schon tut.) Das es nicht so funktioniert, wie du hoffst, dass es funktioniert. Ich habe noch nie im Leben eine Beziehung geführt, Colin war mein erster Kuss und die erste Person, die ich mehr als nur freundschaftlich mochte. Das was wir hatten, haben wir eh schon längst verloren. Es gibt eigentlich nichts mehr, was man noch mehr zerstören könnte. "Hast du Angst?" Fragt er mich und diese Frage trifft mich wie der Schlag. Meine Augen, die eh schon am Tränen sind, verwandeln sich in einen Wasserfall und ich kann nur noch nicken. "Das es wie bei deinen Eltern endet?" Ich nicke wieder. Colin seufzt und ich wische die Tränen mit meinem Pulli Ärmel weg. "Schau mich bitte an." Niemals. Lieber sterbe ich. Ich kann ihn so nicht anschauen. Ich kann ihn nicht zeigen, wie schwach ich in Wirklichkeit bin. "Okay, dann nicht." Tut mir leid. Nicht Mal das kann ich. "Du weißt aber, dass wir nicht deine Eltern sind, oder?" Sind wir nicht. Ich weiß. Wir können wenigstens reden, mehr oder weniger. Aber trotzdem, auch wenn wir reden, habe ich Angst zu enden wie sie. Zerstritten. Getrennt. Lieber trenn‘ ich mich von Colin als ein Freund, als mich von ihm als sein Freund. Er nimmt langsam meine Hand, ganz vorsichtig, als würde er denken, dass ich sie sofort wegziehe. Mache ich nicht. Zum ersten Mal fühlt sich seine Nähe gut und nicht furchteinflößend ein. "Ja. Ich weiß." Sage ich mit brüchiger Stimme. "Aber du hast trotzdem Angst, oder?" Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass er versucht mich zu verstehen. Es ist als würde sich ein weicher, viel zu großer Schal um mein Herz legen und es wärmen. Ich nicke wieder. "Ich verspreche dir, dass ich mich niemals, jedenfalls nicht mit Absicht, wie deine Eltern benehmen werde. Ich liebe dich." Ich liebe dich auch. So, so sehr. "Ich.." Ich kann das. Nur drei Wörter. "Ich dich auch." Der Wasserfall aus meinen Augen, der gerade erst aufgehört hat zu fließen, beginnt wieder zu laufen und ich weiß nicht mal warum. Ich dachte, das ist das was ich wollte. Colin umarmt mich einfach nur und ich schieße meine Arme hinter seinem Rücken zusammen. Ich hab es ausgesprochen. Ich hab es geschafft.
