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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2015-12-24
Words:
4,308
Chapters:
1/1
Kudos:
5
Hits:
70

Irgendwie unsichtbar

Notes:

Es passiert... nichts. Wirklich. Das kommt davon, wenn man mitten in der Nacht die ersten zwei Sätze aufschreibt und darauf dann eine Geschichte aufbaut. *g* Aber sie haben alle ganz viele Gefühle und ich hoffe, Wino freut sich darüber! <333

Work Text:

Als Mizusawa mit einem blauen Auge zur Schule kam, glaubten die anderen ihm vielleicht die Geschichte von einem Trainingsunfall. Yûta hatte es sich in den Kopf gesetzt, noch eine komplizierte Figur zu üben und sie waren alle mit Feuereifer darauf angesprungen. Mehr oder weniger, zugegeben. Die Aufnahmeprüfungen für die Uni rückten in immer bedrohlichere Nähe, was sich in der halben Klasse niederschlug. Und bei den Lehrern. Als gäbe es nichts Wichtigeres.
Wataru hatte schon die Vermutung in den Raum geworfen, dass Yûta sich mit seinen ehrgeizigen Plänen nur davon ablenken wollte, dass sie bald ihren Abschluss machen würden. Yûta war nicht gut darin, Veränderungen hinzunehmen. Das war Ryôsuke auch nicht. Nicht solche Veränderungen.
Sie würden auseinandergehen und die meisten würde er wohl nie wiedersehen. Egal, was man sich versprach.
Er wollte das nicht. Er war nicht so weit.
Das sagte er Wataru natürlich nicht. Solange der voll und ganz damit beschäftigt war, Yûtas Gefühle zu analysieren, hatte er keine Zeit, sich mit Ryôsukes zu beschäfigen. Vielleicht auch mit seinen eigenen. Ryôsuke hatte jedenfalls die Vermutung, dass Wataru ebenso alles tat, um zu vergessen, dass in wenigen Monaten alles vorbei sein würde.
Mizusawa hatte das nicht vergessen. In den Pausen sah Ryôsuke ihn häufig mit irgendwelchen Büchern die verdächtig nicht nach Zeitvertreib aussahen. Das war der Grund, warum er nicht an den Trainingsunfall glaubte. Bestimmt hatte Mizusawa keine Zeit, in seiner Freizeit zu trainieren.
Nebenbei stand ihnen noch so eine komische Weihnachtsfeier bevor. Nur das Team. Nippori war damit um die Ecke gekommen. Verlegen, als hätte er Angst, dass man ihn dafür auslachte. Hino hatte mit der Nase gerümpft, aber mit den Schultern gezuckt, als wäre es ihm egal. Danach hatte er aber ganz genau im Auge behalten, während der Rest darüber diskutiert hatte. Kaneko hatte es bescheuert gefunden. Yûta schlichtweg nicht den Sinn einer Weihnachtsfeier verstanden. Satoshi war begeistert gewesen. Am Ende hatte Wataru entschieden und die Sache beschlossen. Sie würden am 23. Dezember im Kamome eine Weihnachtsfeier haben. Am 23., weil Hino plötzlich klipp und klar gegen die richtigen Weihnachtstage gewesen war. Jeder wusste, warum. Zwar war dann der Geburtstag des Kaisers, aber das konnte ihnen allen auch kaum gleichgültiger sein.
Was er jetzt aber tun sollte, das wusste er nicht. Wataru war derjenige, der gut darin war, mit anderen zu reden und irgendwie aus ihnen herauszuholen, was los war. Nicht Ryôsuke. Das wusste er selbst. Sein Mundwerk war zu schnell, zu locker. Er redete ohne nachzudenken und richtete damit mehr Schaden als Nutzen an. Auch bei Mizusawa, das hatte er nicht vergessen.
Klar, er könnte mit Wataru über Mizusawa reden. Tat er aber nicht. Wataru hatte genug mit Yûta im Kopf. Das Problem mit Mizusawa hatte er wohl noch nicht mal bemerkt. Kein Wunder. Mizusawa war die meiste Zeit still und einfach… da. Es kam nicht oft vor, dass er auffiel. Weswegen es schon merkwürdig war, dass Ryôsuke so viel über ihn nachdachte.

Zwei Tage nachdem Mizusawa mit dem blauen Auge aufgetaucht war, schlug Ryôsuke Watarus Vorschlag, noch mit zu ihm zu kommen aus, mit der Ausrede, dass er sich vielleicht mal wieder zu einer Uhrzeit heimkommen sollte, wo seine Eltern es auch bemerkten. Das war das letzte was er wollte und vermutlich wusste Wataru das auch, aber er fragte nicht nach. Möglich, dass sein Kopf noch viel zu voll mit Yûta war. Möglich, dass er jetzt nach dem Training eher an den Strand gehen würde oder die anderen Orte abklapperte, an denen Yûta aufzufinden war, er nicht gerade in der Schule oder daheim war. Ryôsuke jedenfalls hinterfragte es nicht weiter. Morgen vielleicht.
Mizusawa war überrascht, als Ryôsuke sich ihm einfach auf dem Heimweg anschloss. Klar, das kam nicht allzu oft vor. Natürlich hatte Mizusawa keine Ahnung, was bei Ryôsuke daheim los war, aber man musste wohl blind und beschränkt sein, um zu merken, wie selten er pünktlich daheim war. Er musste nicht wissen, dass es Eltern gab, denen es schlichtweg egal war, was die Kinder taten.
Zum Glück fragte Mizusawa auch nicht nach. Das war eigentlich sehr angenehm an ihm. Er stellte keine dummen Fragen, sondern nahm die Dinge eher hin. Oder wenigstens machte er den Eindruck.
Keine sagte etwas, was am Anfang nicht weiter störte, aber irgendetwas an dem Schweigen zwischen ihnen war unangenehm. Als ob sich die ungesagten Worte nach und nach um sie herum auftürmten und immer schwerer wurden. “Heilt es gut ab?”, fragte Ryôsuke, ungefähr nach drei Viertel des Weges, bevor sie in unterschiedlichen Richtungen weitermussten. Es war eine total bescheuerte Frage, das war schließlich keine Verletzung, die klammheimlich verschwand. Jeder konnte sehen wie das leuchtende blau-violett langsam grün wurde. In ein paar Tagen würde es eher gelblich sein und dann endgültig verblassen. Ryôsuke wusste genau, wie sowas ablief. Und wie es sich anfühlte.
Der Blick, den Mizusawa ihm zuwarf hatte etwas von einem Reh, das sich plötzlich im Scheinwerferlicht eines herannahenden LKWs wiederfand. Dann aber nickte er. “Ja.” Leise. Etwas zu hastig.
“Bist du sonst noch verletzt?” Zugegeben, die Frage kam ziemlich spät und war von Yûta auch schon gestellt worden, wobei Ryôsuke sich immer noch nicht sicher war, ob es dabei wirklich um Mizusawas Wohlergehen oder nicht doch darum gegangen war, ob er weiterhin mittrainieren konnte. Ryôsuke war in der Umkleide auch nichts aufgefallen, aber er hatte Mizusawa auch nicht allzu genau beim Umziehen beobachtet. Wie hätte das denn ausgesehen?
“Nein.” Das verschreckte Reh war misstrauisch geworden. Aber man musste wohl schon ziemlich begriffsstutzig sein, um nicht zu kapieren, dass diese Fragen einen tieferen Sinn verfolgten. “Mach dir keine Gedanken, es ist alles in Ordnung.”
“Wer sagt denn, dass ich mir Gedanken mache?” Ein ganz sicher sehr schlechter Versuch, davon abzulenken, dass er sich sehr wohl Gedanken machte. Mizusawa hätte das problemlos aufgreifen können, aber er tat es nicht. Ryôsuke hätte auch nicht gewusst, wie er dann reagieren sollte.
Das Schweigen wurde wieder schwerer, als sie weitergingen. Hin und wieder sah Ryôsuke zu Mizusawa, dessen Versuche, ihn zu ignorieren schon viel zu auffällig waren. Sein Blick ging überall hin, nur nicht zu ihm.
Sie näherten sich schon der Kreuzung, wo sie sich trennen würden, als Mizusawas Haltung sich veränderte. Ryôsuke kannte diese Haltung. Er hatte sie oft genug bei anderen gesehen, wenn er mit Wataru und Nippori unterwegs war. Und mit der Gang. Vorher. Manchmal sah er sie immer noch, einfach weil man Leuten wie ihm vorsichtiger gegenübertrat. Misstrauisch in der Erwartung, dass sie Ärger bedeuteten. Und, ja, er kannte es nicht nur aus Beobachtungen bei anderen. Laut würde er genau das aber niemals aussprechen.
“Was ist los?”, fragte Mizusawa und wusste schon, was der antworten würde.
“Nichts.”
Aber Ryôsuke hatte schon entdeckt, was das Problem war.
Wer.
Vier Typen, die vor einem Kiosk herumlungerten und gerade damit beschäftigt waren, einer Mittelschülerin dumme Sprüche hinterherzurufen, die so schnell ging, dass sie beinahe rannte. Wenigstens folgten sie ihr nicht, sonst hätte Ryôsuke nicht gewusst, ob er sich da hätte raushalten können. Jüngere Schwestern zu haben, sorgte für einen sehr unpraktischen Instinkt bei solchen Dingen. Nur wäre dann er derjenige, der am Montag mit einem blauen Auge in der Schule aufkreuzen würde, was zumindest Wataru zu Fragen verleiten würde. So sehr konnte der gar nicht auf Yûta fixiert sein, dass er so etwas nicht bemerken würde.
“Komm schon”, drängte Mizusawa und erst jetzt bemerkte Ryôsuke, dass er langsamer geworden war. Nicht die beste Idee im Moment. Solche Typen merkten es, wenn man sie beobachtet und sie vertrugen das nicht. Wenn man möglichst schnell an ihnen vorbeihuschte, blieb es normalerweise bei dummen Sprüchen, aber wenn man den Eindruck erweckte, sie anzustarren, dann konnte das schmerzhaft enden. Vor allem, wenn man selbst zu der auffälligeren Sorte gehörte, was bei Ryôsuke durchaus der Fall war.
Schnell passte er sein Tempo wieder an Mizusawas an, der merklich schneller geworden war.
Erstmal schienen die Unruhestifter sie nicht zu bemerken. Sie redeten laut miteinander und Ryôsuke vermutete, dass die Bierflaschen in ihren Händen nicht die ersten für heute waren. Nicht sehr beruhigend.
Eigentlich musste Mizusawa langsam auf die andere Straßenseite, aber er machte noch keine Anstalten dazu. Was Ryôsuke gut verstehen konnte. Solche Kerle umging man besser so weit wie möglich. Er hätte es genauso gemacht.
Gerade waren sie an ihnen vorbei, als offenbar jemand auf sie aufmerksam wurde. “Hast du heute deinen Freund mitgebracht?”, tönte es ihnen hinterher und Mizusawa schien zu schrumpfen. Als wollte er sich einfach unsichtbar machen. Möglich, dass man ihn ignoriert hätte, wäre er alleine gewesen. Vielleicht aber auch nicht. Ryôsuke machte den Fehler, sich umzudrehen, was natürlich nicht unbemerkt blieb. Einer der Typen, groß und mit einer Figur in die Ryôsuke zweimal hineingepasst hätte, sagte etwas zu den anderen, was nicht bis zu ihn und Mizusawa durchdrang, weil in genau dem Moment ein Auto vorbeifuhr. Das war bestimmt besser so, das Gelächter provozierte ihn schon genug. Ryôsuke war schon drauf und dran, auf Konfrontation zu gehen, als ein Zug an seinem Ärmel ihn aufhielt. “Lass sie.” Mizusawa klang leise und angespannt und das brachte Ryôsuke viel zu effektiv wieder runter.
Klar. Sie waren zu zweit und die vier Schläger da drüben warteten nur darauf, ihnen eine zu verpassen. Die waren offenbar sowieso schon ziemlich auf Mizusawa eingeschossen. Besser, er machte es für ihn nicht noch schlimmer.
Trotzdem kostete Ryôsuke Überwindung, zu nicken und sich wieder abzuwenden. Das Pfeifen, das die Typen ihnen hinterherwarfen machte das alles andere als einfach.
“Waren sie das?”, fragte Ryôsuke, als sie die nächste Kreuzung erreicht hatten. Mizusawas Haltung spannte sich an. Abwehrend. Im Grunde war das schon Antwort genug. Das viel zu heftige Kopfschütteln besiegelte die Sache. “Nein. Ich hab doch gesagt, ich bin gestürzt.”
“Ja. Klar.” Eine ehrliche Antwort würde er sowieso nicht bekommen. Da konnte er auch gleich die hinnehmen, die Mizusawa ihm gab. Auch wenn er sich nicht einmal die Mühe machte, so zu tun, als würde er auch nur ein Wort glauben.
“Bis Montag”, sagte Mizusawa knapp und lief über die Straße. Ryôsuke sah ihm nach, bis er um die nächste Ecke bog.

Klar, er hätte sich auf auf den Heimweg machen sollen, aber was sollte er da? Seine Mutter würde da sein und so tun, als wäre er gar nicht da, wie üblich. Nein, darauf konnte er verzichten. Darum lenkte er seine Schritte zum Strand. War er bei Mizusawa zu weit gegangen? Wirklich glücklich hatte er am Ende jedenfalls nicht gewirkt. Frustriert trat Ryôsuke in den Sand. Es hatte vor Schulschluss noch geregnet, der Sand war nass und fest, einzelne Klumpen aber flogen davon. Normalerweise machte er sich nicht solche Gedanken wegen anderer. Anderer Personen als Wataru. Oder vielleicht noch Nippori. Warum sollte er auch? Schließlich kümmerte sich auch kaum jemand um ihn.
Das hatte sich geändert.
So schleichend, dass er es selbst kaum bemerkt hatte. Und jetzt, wo ihm das langsam dämmerte, wünschte er wäre ahnungslos geblieben. Zielsicherer als es wirkte, ging er an dem Haus vorbei, in dem er leben sollte. Die Fenster der Wohnung im zweiten Stock bekamen einen kurzen Blick, das wars. Abends, wenn die Müdigkeit ihn zurücktrieb, dann verrieten ihm diese Fenster, wann er unbemerkt reinschleichen konnte.

Den größten Teil des Wochenendes verbrachte er bei Wataru, wo er versuchte, Mizusawa aus seinem Kopf zu verdrängen. Das gelang wenigstens eine Zeit lang, Wataru war niemand, bei dem man lange seinen eigenen Gedanken nachhängen konnte. Er merkte es, wenn man nicht bei der Sache war. Normalerweise. Möglich, dass sein Kopf gerade auch zu voll mit Yûta war. Jedenfalls stellte er keine Fragen, wenn Ryôsuke wieder mal abwesend war.

Am nächsten Tag erwartete (oder hoffte?) er irgendwie, Mizusawa auf dem Schulweg zu begegnen. Das kam oft genug vor, außer natürlich, wenn Ryôsuke sich vorher noch mit Wataru traf. Aber heute legte er den Weg alleine zurück und versuchte, sich davon zu überzeugen, dass sie sich einfach nur verpasst hatten.
Das bröckelte, kaum dass er in der Schule war. Während des ganzen Trainings schaffte Mizusawa es, ihn kein einziges anzusehen. Jedenfalls nicht, wenn Ryôsuke zu ihm sah, und das kam häufig vor. Das blaue Auge war fast verschwunden und es waren keine neuen Verletzungen dazugekommen. Keine, die sichtbar waren, jedenfalls. Aber er war nicht bei der Sache. Selbst bei den einfachsten Figuren wirkte er… wackelig. Mehr als einmal setzte Yûta dazu an, etwas zu sagen, aber jedes Mal schaffte Mizusawa es, dem auszuweichen. Und irgendwann musste selbst Yûta merken, dass da was im Busch war. Wenn das aber der Fall war, tat er erstmal nichts deswegen. Ryôsuke vermutete eher, dass Yûta einfach hoffte, das würde sich von alleine wieder legen, bevor er sich verpflichtet fühlen musste, über so etwas komisches, wie Gefühle zu reden.
Auch den Rest des Tages blieb Mizusawa abgelenkt und schweigsam. Gut, dass er still war, war nichts Neues, aber das war eine Stille die einfach anders war. Nicht richtig.
Auf eine Art, die auch Watarus sechsten Sinn für Freunde mit Problemen anspringen ließ. Fürs erste beließ er es aber beim Beobachten und sprach Mizusawa nicht an. Dass das nicht bedeutete, dass er es einfach auf sich beruhen lassen würde, merkte Ryôsuke gegen Ende der Mittagspause, als Wataru, Kiyama und er sich auf das Dach verzogen hatten. Vielleicht hatte Wataru sie aber auch hier hochgelotst, um alleine mit ihnen reden zu können.
„Etwas stimmt mit Mizusawa nicht.“ Das war eine reine Feststellung. Eine, die Kiyama von seinem Handy aufsehen ließ. Besonders überrascht wirkte er nicht, aber er sagte auch nichts. Ryôsuke wusste, dass jetzt wohl der Moment gekommen war, die Typen zu erwähnen, die er am Freitag gesehen hatte. Aber er schwieg. Mizusawa hatte es ihnen nicht erzählt und er zögerte, es hinter seinem Rücken zu tun. Auch wenn Wataru bestimmt besser wusste als er, wie man sich in so einer Situation zu verhalten hatte.
„Vielleicht Stress wegen der Aufnahmeprüfungen?“, warf er eine Mutmaßung in den Raum, die wenigstens nicht vollkommen abwegig sein konnte. Trotzdem hatte er das Gefühl, dass jeder merken musste, dass er etwas verbarg. Gott, es würde ihn nicht mal wundern, wenn Kiyama schon längst wusste, was Sache war. Der hatte auch so einen sechsten Sinn dafür, wenn jemand in Schwierigkeiten steckte. Oder er war einfach nur ein sehr guter Stalker.
„Ja, vielleicht.“
„Frag ihn doch einfach.“ Klar, Mizusawa würde wohl kaum einfach mit der Wahrheit herausrücken, aber was Besseres fiel Ryôsuke gerade auch nicht ein.
Wataru trat gegen ein paar Zigarettenstummel, die auf dem Boden herumlagen und die sich davon ziemlich unbeeindruckt zeigten. Halb erwartete Ryôsuke schon, dass er nichts mehr sagen würde, aber dann sah Wataru sie wieder an. „Habt ihr irgendetwas bemerkt? Sein blaues Auge war doch im Leben kein Trainingsunfall, so dämlich ist er nicht.“
Und wieder ein Moment, wo er einfach die Wahrheit sagen könnte. Aber Ryôsuke zuckte nur mit den Schultern. Eigentlich wusste er ja wirklich nichts. Nur Vermutungen. Vielleicht lag er damit ja auch ganz falsch. Irgendwie hoffte er es sogar. Ein Trainingsunfall würde ihm weniger ausmachen als das Wissen, das sich irgendwelche Schläger auf Mizusawa eingeschossen hatten, einfach weil er schwul war.
Als er Wataru ansah, war dessen Blick forschend. Viel zu forschend. Als wüsste er genau, dass er etwas zurückhielt. Aber die Klingel rettete ihn, wenn sie pünktlich im Unterricht sein wollten, mussten sie sich jetzt beeilen.

Nach dem Training hatte Mizusawa es so eilig, dass Ryôsuke ihn beinahe nicht mehr erwischt hätte. Das war jetzt zwar ziemlich auffällig, Ryôsuke beeilte sich schließlich nie, aber das kümmerte ihn nicht.
Als er Mizusawa eingeholt hatte, warf der ihm einen kurzen Blick zu, wirkte aber eher resigniert als verärgert. Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her, bis Mizusawa plötzlich fragte: „Hast du Azuma irgendwas gesagt?“
Klar. Das wäre das erste, was er gefragt hätte, wäre er in Mizusawas Lage. „Nein“, antwortete er. „Der kriegt es aber auch so raus. Ich hab ja eigentlich auch keine Ahnung, was los ist.“ Er zuckte mit den Schultern und irgendwie schien das Mizusawa zu beruhigen. Warum, wollte nicht so recht in Ryôsukes Kopf. „Er könnte dir bestimmt helfen, weißt du?“
„Ich will seine Hilfe aber nicht“, schnappte Mizusawa und Ryôsuke blieb kurz stehen. Sollte er ihn doch besser einfach in Ruhe lassen? Aber was, wenn er dann wieder mit einem blauen Auge in die Schule kam? Oder schlimmerem? Das konnte er doch nicht riskieren. Was für ein Freund wäre er dann?
Darum ging er weiter und diesmal sah Mizusawa ihn zwar an, aber er sagte nichts mehr. Ryôsuke beschloss, das als ein gutes Zeichen zu sehen. Immerhin schickte er ihn nicht einfach weg. Das war doch gut, oder?

Die Männer waren wieder da. Ryôsuke bemerkte sie sofort. Rauchend und trinkend. „Sind die jeden Tag hier?“, fragte er, endlich das Schweigen zwischen ihnen brechend. Dabei konnte er Mizusawas entnervtes Aufseufzen nicht nur sehen, sondern es auch deutlich hören. „Lass die Typen einfach, okay? Die lassen nur dumme Sprüche ab.“
Das war eine Lüge und keine besonders gute. Mizusawa ging jetzt schneller, aber Ryôsuke hatte keine Probleme, mitzuhalten. „Ja. Klar. Weil solche Kerle auch immer nur bei Sprüchen bleiben, wenn sie in der Überzahl sind.“ Das machten sie nur, wenn sie alleine waren. Er kannte das.
„Halt dich da raus.“
„Das kann ich nicht.“
Die Männer hatten sie bemerkt und aus dem Augenwinkel sah Ryôsuke, wie einer sich anschickte, ihnen zu folgen. Einer seiner… Freunde hielt ihn davon ab. Ryôsuke wusste nicht, ob Mizusawa das bemerkte, aber wenn, dann ignorierte er es. Schneller konnte er ohnehin nicht mehr gehen ohne wirklich zu rennen. Vielleicht hätte er das auch getan, wäre er alleine. Es gab keine Möglichkeit, das herauszufinden. Sagen tat er nichts mehr, weswegen Ryôsuke auch seine Klappe hielt. Was verdammt schwierig war. Er wollte wissen, was passiert war. Ob diese Typen Mizusawa schon länger so belauerten. Vielleicht hätte er ihn häufiger diesen Teil des Weges begleiten sollen?
„Was hältst du von dieser Weihnachtsfeier?“ Blödes Smalltalkthema. Aber es hatte ihm gereicht, dass sie sich gestern so angeschwiegen hatten. So etwas mochte er nicht. Stille hatte er genug zu Hause.
Der Blick den Mizusawa ihm zuwarf, sprach Bände. Er hielt das für ein total bescheuertes Thema. Aber er tat ihm den Gefallen, zu antworten. „Es ist vielleicht die letzte Gelegenheit, wo wir uns alle ohne… Stress sehen. Außerhalb des Trainings.“
„Ja… vermutlich.“ Vielleicht war es Nippori deswegen so wichtig gewesen. Jedenfalls konnte Ryôsuke sich nicht erinnern, dass Nippori plötzlich Christ geworden war. „Kommst du?“
Eine blöde Frage. Sie würden wohl alle kommen. Weil Mizusawa Recht hatte. Es war die wohl letzte Chance, ganz normal zusammenzusitzen. Umso überraschter war er, als Mizusawa mit den Schultern zuckte. „Ich weiß es noch nicht.“
„Wieso? Du hast doch gesagt…“ Weiter kam er nicht.
„Ich weiß, was ich gesagt habe. Ich bin mir trotzdem noch nicht sicher.“
„Dann merken die anderen sowieso, dass was nicht stimmt.“
„Ist doch egal. Sie können ja doch nichts machen.“
„Es ist nicht egal.“ Es war nie egal, wenn es jemandem schlecht ging. Und es gab Leute, bei denen es noch viel weniger egal war. Aus irgendeinem Grund gehörte Mizusawa dazu.
„Diese Typen lassen mich die meiste Zeit in Ruhe. Und ich will wegen ihnen auch keinen Umweg machen.“
Plötzlich wurde er ja richtig redselig. „Letzte Woche haben sie dich nicht in Ruhe gelassen“, gab Ryôsuke zu bedenken und Mizusawa wirkte ertappt.
„Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich dir den Quatsch von dem Unfall wirklich abgekauft habe, oder? Sei froh, dass Wataru mit den Gedanken sonstwo ist.“ Bei Yûta.
Diesmal tat Mizusawa ihm den Gefallen, verlegen zu wirken. „Du hast ihm wirklich nichts gesagt?“
Ryôsuke schüttelte den Kopf. „Nein. Aber das heißt nicht, dass er es nicht irgendwann selbst kapiert.“
„Nicht solange er so auf Yûta fixiert ist.“
Oha? Da war er offenbar nicht der einzige, der das bemerkt hatte. „Bis du wieder mit nem Veilchen in die Schule kommst.“ So abwesend konnte Wataru gar nicht sein, dass er dann nicht endlich merken würde, was da nicht stimmte.
„Ich hab doch gesagt, meistens lassen die es bei dummen Sprüchen.“ Mizusawa wirkte genervt, aber das war ein Ohr, auf dem Ryôsuke sowieso schon immer taub gewesen war. Unpraktischer war gerade, dass sie an der Kreuzung angekommen waren. Er blieb stehen. „Ja. Meistens. Aber eben nicht immer. Du solltest echt…“
„Was?“, fiel Mizusawa ihm unerwartet heftig ins Wort, „Mich vor den Idioten verstecken? Erzähl mir nicht, dass du das so machen würdest.“
„Nope. Aber falls du es nicht gemerkt hast, ich bin nicht gut darin, aus Ärger rauszubleiben.“
Aus einem Grund, der Ryôsuke nicht ganz klar war, schien das Mizusawa wieder etwas versöhnlicher zu stimmen. Oder ihn wenigstens ein wenig runterzubringen. „Stimmt.“ War das ein Lächeln? Er war sich nicht ganz sicher. Aber wenigstens war Mizusawas Blick nicht mehr ganz so finster. Seine Haltung nicht mehr ganz so abweisend. „Bis morgen.“ Damit ließ er Ryôsuke einfach stehen, der ein paar Sekunden brauchte, um zu kapieren, dass das Gespräch erstmal beendet war. Und an sich gar nicht mal so katastrophal verlaufen war. Ein Fortschritt, oder? Er war sich nicht ganz sicher.

Am nächsten Tag war beinahe alles wie immer. Was in diesem Fall bedeutete, dass Mizusawa ihn nicht mehr mied wie der Teufel das Weihwasser. Aber sie kamen auch nicht dazu, sich groß miteinander zu unterhalten. Irgendwie hatte die Weihnachtsfeier die Köpfe von allen übernommen. Was nicht wirklich überraschend war, bald fingen die Ferien an, was natürlich bedeutete, sie würden sich nicht so selbstverständlich jeden Tag sehen wie sonst immer.
„Sollen wir uns wirklich was schenken?“, fragte Yûta gerade, wobei er mit einem seiner Figürchen herumspielte. Sie hatte rote Haare aufgemalt bekommen.
„Das ist bestimmt lustig!“ Klar. Satoshi sprang auf alles an, was irgendwie Spaß mit den anderen versprach.
„Man weiß dann doch gar nicht, wem man was schenkt, oder? Was ist dann der Sinn davon?“ Kaneko der mit diesem Prinzip, das Wataru gerade aus dem Hut gezaubert hatte, genauso wenig anfangen konnte, wie Ryôsuke. Ehrlich, Wataru steigerte sich da viel zu sehr rein. Wehe, der kam noch mit Mistelzweigen um die Ecke.
„Genau das ist doch der Sinn! Überraschung für beide Seiten!“
Super. Ryôsuke sah zu Mizusawa, der die Stirn runzelte. Ganz leicht nur. Aber dann zuckte er mit den Schultern. „Von mir aus.“
Dass es eher Resignation war, die aus Mizusawa sprach, schien bei Wataru gar nicht anzukommen, er grinste zufrieden. „Na also. Ryôsuke?“
Äh? „Können wir machen.“ Dann musste er sich wenigstens nicht den Kopf darüber zerbrechen, was er jemand bestimmten schenkte. In sowas war er echt beschissen.
Danach galt es nur noch Yûta zu überzeugen, etwas was alle vertrauensvoll Wataru überließen. Mit halbem Ohr hörte Ryôsuke zu, jedenfalls bis Mizusawa sich plötzlich zu ihm gesellte. „Ich gehe heute nach dem Training mit zu Yûta.“ Noch bevor Ryôsuke fragen konnte, was diese Ansage sollte, war Mizusawa schon wieder weg und fummelte an seinem Spind herum. Etwas zu demonstrativ.
Ah. Okay. Dann konnte er ja beruhigt mit Wataru gehen.

Die Mütze, die er bei der Weihnachtsfeier auspackte war so furchtbar, dass es dafür ein neues Wort bräuchte. Wer auch immer die verbrochen hatte, er hatte wohl die Augen verbunden gehabt, als er sie ausgesucht hatte. Er hätte besser darauf achten sollen, wer dieses Päckchen auf den Haufen geworfen hatte. Oder hatte es zu denen gehört, die schon dagelegen hatten, als er mit Wataru, Nippori und Kiyama angekommen war? Es waren aber nur Yûta, Mizusawa und Hino vor ihnen hiergewesen.
Ryôsuke kam nicht mehr groß dazu, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, Wataru hatte ihm die Mütze schon weggeschnappt und ihm über den Kopf gezogen. So weit, dass er erstmal nur grobe, grüne Wolle sah. Erstmal gute Miene machend rückte er das Ding zurecht, und versuchte aus den Reaktionen der anderen schlau zu werden. Aber keiner verhielt sich besonders verdächtig, alle vertraten etwas zu einhellig die Meinung, dass die Mütze ihm stand. Breit grinsend.
Sein ziemlich einfallsloses Kartenspiel landete bei Satoshi, der sich entweder wirklich darüber freute oder einfach viel zu gut gelaunt war, um eine andere Reaktion hervorzubringen. Mizusawa hatte ein singendes Rentier ergattert, das schließlich dazu auserkoren wurde, für die Weihnachtsmusik zu sorgen. Blöd war, dass es nur ein dummes Santa-Clause-Lied draufhatte. Ryôsuke hatte es nach einer Viertelstunde für den Rest seines Lebens total über und folgte Mizusawa nach draußen. Dabei redete er sich halbwegs erfolgreich ein, dass er es nicht tat, weil Mizusawa ihm kurz vorher einen langen Blick zugeworfen hatte.
„Hattest du nochmal Stress mit diesen Typen?“, fragte Ryôsuke leise. Zwar konnte er nichts sehen, was darauf hindeutete, aber sie hatten ja jetzt Ferien, da sah man sich nunmal nicht so oft, um wirklich sicher zu sein. Zu seiner Erleichterung schüttelte Mizusawa aber den Kopf. Dabei wich er Ryôsukes Blick aus. Etwas zu konsequent vermutlich, aber hey, das musste ja nichts damit zu tun haben, dass er ihn vielleicht gerade anlog. Hoffentlich.
„Ich wollte dir noch was geben.“
Erst jetzt fiel Ryôsuke auf, dass Mizusawa etwas in den Händen hielt. So klein, dass man es gut übersehen konnte. Hatte er irgendetwas verpasst? Dass sie einander doch noch beschenken wollten? „Ich hab aber nichts für dich.“ Und das war doch irgendwie unfair.
„Musst du auch nicht. Es ist… eher ein Dankeschön. Nur eine Kleinigkeit. Weil du…“ Mizusawa zuckte mit den Schultern und wirkte nun wirklich verlegen. „Weil du es bemerkt hast.“ Mit den Worten drückte er ihm das winzige Päckchen in die Hand und verschwand nach drinnen. Beinahe wäre Ryôsuke ihm sofort gefolgt, aber dann überlegte er es sich doch anders. Mizusawa hätte ihm das Geschenk nicht hier draußen gegeben, wenn er gewollt hätte, dass alle anderen es bemerkten. Also packte er es hier aus.
Zum Vorschein kam ein silberner, runder Schlüsselanhänger. Eingraviert war ein Totenkopf mit einer Pudelmütze. Ryôsuke konnte nicht anders, er grinste. Dann fand der Anhänger einen Platz an seinem Schlüsselbund und er ging wieder rein.
Drinnen begegnete er sofort Mizusawas Blick und weil die anderen mit dem Kartenspiel beschäftigt waren, zog er seinen Schlüsselbund aus der Jackentasche und Mizusawa musste den neuen Anhänger sofort bemerken, denn er lächelte. Etwas schöneres hatte Ryôsuke schon ewig nicht mehr gesehen.