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Sie stehen vor einem kleinen Einfamilienhaus am Rand von Köln. Christian klingelt, Viktor hält sich wie immer lieber im Hintergrund. Kommunikation mit anderen ist Christians Stärke. Viktor sieht keinen Grund sich da unnötig nach vorn zu drängen und etwas zu tun, das ihm so überhaupt nicht liegt.
Sie haben den Tipp bekommen, dass der älteste Sohn der Familie, vor dessen Haus sie jetzt stehen, etwas gesehen haben könnte. Vielleicht sogar eine Handyaufnahme hat. Ein Mann etwa in Christians Alter öffnet. Kurze blonde Haare, athletischer Körperbau, Dreitagebart.
"Nguyen und Zephyr, Kripo Köln. Herr Stang?" Christians Stimme ist nicht übermäßig laut, aber deutlich. Viktor findet es spannend, wie sein Partner es schafft, genau die richtige Balance zwischen forsch und empathisch zu finden. Sein Gegenüber soll sich nicht bedroht fühlen. Sie wollen ja nur kurz reden. Aber das Gespräch ist eben auch wichtig. Sie sind nicht zum Spaß hier. Viktor hat dieses Feingefühl nicht, egal wie sehr er sich anstrengt.
Der blonde Mann nickt und wirkt ein wenig geschockt. So wie die meisten, wenn plötzlich die Kriminalpolizei vor der Tür steht.
"Wir würden gern mit ihrem Sohn Dietmar sprechen. Ist er zuhause?"
"Dietmar…?" wundert sich Herr Stang. "Dietmar, ja… der ist hier."
In dem Moment scheppert es in der Wohnung, eine Frau kreischt und im nächsten Augenblick haben sich Viktor und Christian an dem verdatterten Mann vorbeigedrängt, die Waffen gezückt und laufen ins Innere des Hauses. Da steht eine Frau im Wohnzimmer, vor ihr am Boden eine zerbrochene Glasschüssel voller Gurkensalat. Die Tür zum Garten steht offen.
"Fuck! Der haut ab!" flucht Viktor, steckt seine Pistole mit einer flüssigen Bewegung wieder ins Schulterholster und ist durch die Terrassentür, bevor Christian noch eine Chance hat zu reagieren. Draußen blitzt kurz das Kunai auf, als Viktor es dem Flüchtenden vergeblich nachwirft. Der hat sich inzwischen auf sein Rad geschwungen und radelt in die Finsternis davon.
Auch Christian entfährt ein "Mist". Er hat so überhaupt keine Lust auf eine Verfolgung. Aber der junge Mann hat da wohl andere Pläne.
Während Viktor quer durch den Garten hetzt, dreht Christian um, verlässt das Haus wieder durch die Eingangstür und joggt zu ihrem Dienstwagen. Er läuft ganz sicher nicht hinter dem Teenager her. Die Jahre sind schon lange vorbei. Außerdem hat er nicht nur einen Partner, der wie ein Langstreckenläufer aussieht, Viktor weiß seine langen Beine auch gut einzusetzen, Prothese hin oder her. Christian kann ihn am besten unterstützen, wenn er den Wagen nimmt. Außerdem ist es hier draußen so dunkel, dass er viel zu wenig sieht. Viktor hat mit seinen verstärkten Sinnen bessere Chancen, den jungen Mann nicht zu verlieren.
Christian setzt sich auf die Fahrerseite und während sich Sitz und Lenkrad automatisch an seine Größe anpassen, befestigt er das Blaulicht am Dach. Dann startet er den Motor und gibt Vollgas.
Er ist nicht unbedingt ein Freund von Verfolgungsjagden. Das überlässt er Viktor, der sowieso die meiste Zeit am Steuer sitzt. Aber Christian hat ebenfalls die diversen Fahrtrainings absolviert. Wäre doch gelacht, wenn er den Kerl nicht einholt. Eventuell muss dann halt der Lack an der einen oder anderen Stelle ausgebessert werden. Aber das kann bei einem Einsatz schon mal passieren.
Der BMW schlittert um die Kurve. Weit weniger elegant, als Viktor das gemacht hätte, aber bei der Geschwindigkeit und den engen Gassen hier ist Christian ein wenig stolz, dass er keinen Gartenzaun mitgenommen hat. Ihr Dienstwagen ist zwar sehr wendig und eigentlich für einen SUV äußerst kompakt, aber es ist stockdunkel draußen und Christian weiß, dass er viel zu schnell fährt.
Etwa zwanzig Meter vor ihm trifft das Licht der Scheinwerfer auf das Fahrrad, das von rechts kommend die Gasse quert, die Christian gerade entlang rast. Wenige Augenblicke später taucht Viktor auf, immer noch knapp auf den Fersen des Radfahrers.
Christian hat keine Ahnung, wo die Gasse hinführt. Er kennt diese Gegend nicht. Aber er versucht trotzdem dem flüchtigen Teenager den Weg abzuschneiden. Er beschleunigt weiter, bremst dann vor der nächsten Kreuzung abrupt ab und biegt ebenfalls links ein. Dabei touchiert er kurz einen draußen abgestellten Mülleimer. Verdammt, das hat sicher den Lack zerkratzt. Wenigstens ist Christian jetzt in der Parallelgasse. Er muss also den Radfahrer nur noch überholen.
Er beschleunigt wieder, überfährt zwei Kreuzungen mit leicht 50 Sachen und biegt dann mit schlitterndem Heck scharf links ab.
An der nächsten Kreuzung legt Christian mit quietschenden Reifen eine Vollbremsung hin. Noch bevor der Wagen endgültig zum Stillstand gekommen ist, gibt es einen dumpfen Aufprall, ein Körper fliegt über die Motorhaube und im nächsten Augenblick knallt Viktor gegen die Fahrertür.
Das war so nicht geplant.
Christian öffnet die Tür, darauf bedacht, sie Viktor nicht gegen den Kopf zu schlagen. Denn der hockt am Asphalt und versucht offenbar gerade, seine Benommenheit wieder loszuwerden. Christian ist sich sicher, dass seinem Freund nichts weiter passiert ist. Jetzt muss er sich erstmal um den Jungen kümmern. Hoffentlich hat sich der nicht verletzt!
Auf der anderen Seite des Wagens liegt der Teenager stöhnend am Boden. Christian geht in die Knie und dreht den jungen Mann vorsichtig auf den Rücken. Die Handflächen sind aufgeschürft, das Kinn und beide Knie. Aber nichts davon sieht richtig tief aus.
"Junge, was rennst du denn gleich weg. Wir wollen doch nur reden", sagt Christian leise, während er den Jungen behutsam abtastet. Es scheint nichts gebrochen. Sehr gut.
"Ey du Penner, dein blödes Fahrrad hat mein Auto zerkratzt", grummelt Viktor, der jetzt auch um den Wagen herum kommt. Morgen wird ihm Christian dann gestehen, dass das er war. Aber jetzt müssen sie sich erstmal um den jungen Mann kümmern.
