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Zum ersten Mal

Summary:

Sein Kopf schwirrte vom Schlafmangel und auf dem Nachttisch lag die Quittung von seiner nächtlichen Taxifahrt nach Hause.
Wataru starrte sie minutenlang an.
Er stolperte ins Bett und fand auf dem Weg sein Hemd von gestern auf dem Teppichboden.
Quer über das Revers waren Schokoladen- und Sahnereste verschmiert.
Oh Gott. Es war kein Traum gewesen.

Notes:

Weihnachts- und Silvester-Wichtelfic für Rei.
Ich hoffe, sie gefällt dir, Liebes <3

Office!AU zu Tumbling und Fortsetzung zu „Takenaka vom Personalmanagement und ich“. Nach Weihnachten ist Wataru verwirrt, wie es mit Takenaka und ihm nun weitergeht. Und ob es überhaupt weitergeht.

Work Text:

Am Morgen des fünfundzwanzigsten Dezember wachte Wataru auf und fragte sich, ob alles nur geträumt war.

Sein Kopf schwirrte vom Schlafmangel und auf dem Nachttisch lag die Quittung von seiner nächtlichen Taxifahrt nach Hause.
Wataru starrte sie minutenlang an.

Er stolperte ins Bett und fand auf dem Weg sein Hemd von gestern auf dem Teppichboden.
Quer über das Revers waren Schokoladen- und Sahnereste verschmiert.

Oh Gott. Es war kein Traum gewesen.

Ryôsuke saß nicht an seinem Schreibtisch um Bleifstifte anzuspitzen.
Wataru warf fluchend seine Umhängetasche an seinen Stuhl und schaltete fahrig seinen Computer ein. Er war zwanzig Minuten zu spät dran.

„Guten Morgen.“ Mizusawa schaute von seiner Arbeit auf und lächelte, nicht ganz ohne Hintergedanken. Wataru kannte das Kerlchen gut genug um diesen schalkhaften Schwung um seine Lippen zu sehen.
„Fröhliche Weihnachten!“

„Dir auch“, seufzte Wataru.

„Wo hast du den Social Manager deines Herzens gelassen?“

Er hatte es nicht als Gegenschlag gemeint, trotzdem war da ein Hauch von Genugtuung, als Mizusawa der Schalk aus dem Gesicht glitt und er verlegen an seiner Tastatur herumzuwischen begann.

„Zur Ausnahme mal an seinem Schreibtisch. Er hat vom online Marketing-Team diese Deadline reingedrückt bekommen.“

„Wer hätte das gedacht.“
Wataru fuhr sich über die Nackenhaare.
„Bin gleich wieder da!“

 

Ryôsuke arbeitete tatsächlich.
Nein, das sollte nicht heißen, dass der Kerl sonst nur faul in der Gegend herumsaß. Er...verteilte seine Arbeitszeit nur hin und wieder etwas flexibel.

Wataru erwischte ihn mit einem offenen Twitterfenster, in dem ein Cursor blinkte und mit Papierblock und Bleistift auf dem Schoß, vollgekritzelt mit winzigen, unleserlichen Kanji.
„Ryôsuke!“, japste Wataru.
„Du musst mir helfen! Ich...hab keine Ahnung, was ich machen soll!“

Sein Freund blickte auf und runzelte die Stirn.
„Wieso? Was ist passiert?“ Er musterte Watarus Haarschopf, weil er vermutlich als erstes an einen Unfall friseurtechnischer Art gedacht hatte. Zumindest war es das bei den letzten „Hilf mir“ so gewesen. Wataru konnte es ihm also nicht verdenken.

„Nein...ich... oh mann, ich....“

Ryôsukes Augenbrauen wanderten besorgt nach oben, beinahe direkt bis unter die feine, blonde Linie über der Stirn, wo seine Haare saßen.
„Beruhige dich!“, sagte er leise.
„Was auch immer es ist, wir kriegen das wieder hin. Jetzt erzähl erstmal der Reihe nach.“

Er hatte Recht. Wie sollte er denn auch wissen, was Wataru gestern getrieben hatte?

Wataru schaute sich nervös um. Sein Blick blieb an der geschlossenen Tür zu Yûtas...Takenakas Büro hängen, ganz so, als ob diese jeden Augenblick aufgehen könnte.

„Yûta und ich“, setzte er an und verschluckte sich dabei halb.
„Ich meine, Takenaka und ich...“

„Oh!“ Ryôsukes Augen wurden groß und rund.

„Was war mit euch??“

„Naja, gestern war doch Heiligabend. Wird dir sicher nicht entgangen sein. Schon gar nicht dir. Vor allem nicht dir. Egal, jedenfalls dachte ich... ich dachte, es wäre eine Idee, mal bei ihm vorbeizuschauen. So als...Kollege und so?“

„Sicher nicht“, wiegelte Ryôsuke ab.
„Aber erzähl weiter.“

Wataru verkniff sich ein Schnaufen.

„Ich war jedenfalls bei ihm. Und bin erst in der Nacht nach Hause gefahren. Und oh Gott....Ryôsuke, was mach ich denn jetzt?“

Ryôsuke blinzelte. Er sah für einen kurzen Moment aus wie ein überfahrenes Reh, mit diesen großen, runden, blanken Augen und Wataru ging einmal mehr auf, wie hübsch er seinen besten Freund im Grunde fand und was für ein Schweineglück Mizusawa hatte. Warum nochmal versammelten sich um ihn herum nur schöne, niedliche Menschen? Das war nicht fair.

„Okay“, japste Ryôsuke.
„Jetzt mal langsam! Was? Du und Takenaka? Letzte Nacht? Ich meine...was??“

„Ja, Mann!“
Wataru hätte sich am liebsten die Haare gerauft, wenn es bei seiner Frisur nicht schier unmöglich gewesen wäre. Stattdessen ließ er sich auf Ryôsukes Tischplatte plumpsen. Er war sicher, dass er dabei einige von Ryôsukes Entwurfpapieren zerknitterte. Aber sein Freund beschwerte sich nicht.

„Okay... ich ähm....“ Ryôsuke wischte sich ratlos über die Nase.
„Ich weiß da leider auch nicht, was ich dir raten kann. Ich hab den 'Ich habe meinen Kollegen gevögelt'-Moment noch nicht durch.“

Augenblick. Stopp. Kommando zurück.

Wataru spürte, wie ihm der Mund aufklappte.
„Ich hab ihn doch nicht gev-“
Er verschluckte den Satz und schaute sich nervös um. Um sie herum waren die Leute mit Telefonieren beschäftigt und brüteten über irgendwelchen Entwürfen. Er konnte nur hoffen, dass niemand so genau hinhörte.

„Wir waren doch nicht im Bett“, zischelte er leiser.
„Was denkst du denn gleich?! Wir haben Weihnachtskuchen gegessen und dabei Variety Shows gesehen!“

„Ach sooo.“ Die Enttäuschung konnte Ryôsuke nicht so ganz verbergen.

„Sag das doch. Das klang gerade, als hättet ihr letzte Nacht das Kamasutra durchgearbeitet. Pff, wie öde.“

Diesmal schnaufte Wataru wirklich, und er konnte Ryôsukes Enttäuschung absolut nicht verstehen. Sein Freund kapierte es anscheinend nicht: Kuchen essen war mit Takenaka wie Sex mit jedem anderen. Takenaka, der niemanden so ganz an sich heranließ, sich hinter förmlichen Schachtelsätzen und steifen Anzügen verbarg, dabei zuzusehen, wie er in einer Strickjacke auf seiner Couch saß und Löffel mit Sahnecreme zwischen seine öbszon schönen Lippen schob, war eindeutig mit Sex gleichzusetzen. Nämlich.

Niemand durfte Takenaka außerhalb des Büros sehen. Das war doch das ungeschriebene Gesetz. Takenaka existierte nicht außerhalb dieser Sphäre.
Und nun hatte Wataru das Gesetz gebrochen. Wusste der Himmel, welche Strafe darauf stand.

„Du verstehst mich nicht“, jammerte er leise und ertappte sich dabei, wie er nach einem Bleistift und einem Anspitzer suchte. Seine Finger bebten.

„Ich habe keine Ahnung, wie ich jetzt mit ihm umgehen soll. Sind wir jetzt Freunde? Sind wir nur Kollegen? Sind wir...irgendwas?“

„Hm...“ Ryôsuke tippte sich seinen Stift gegen die Unterlippe;
„Was wolltest du denn, als du hingegangen bist? Was hast du gedacht?“

Wataru holte tief Luft, ohne sie gebrauchen zu können.
„Nichts“, gab er leise zu.

Da war nichts gewesen – kein weiterführender Plan. Alles, was er gewollt hatte, war, sicherzugehen, dass Takenaka zu Weihnachten nicht einsam und traurig war.

Was darüber hinausging, entzog sich seinen Gedankengängen.

Ryôsuke lachte leise durch die Nase. Der Blödmann. Als ob der jedes einzelne Detail seiner Beziehungen durchplante. Ausgerechnet er, Mister „ich spitze solange Bleistifte an, bis mein entzückender Kollege mich bemerkt“ Tsukimori.

„Dann solltet ihr darüber reden. Wie ich den Kerl kenne, wird er sich vermutlich eh noch ganz förmlich und mit Grußkärtchen bei dir bedanken. Ihr müsst einfach nur ein bisschen dtr machen.“

„Was für'n Ding?“ Wataru blinzelte.
„Dii tii arr? Was ist das? Ein Piratengericht?“

„Das steht für define the relationship, du Ei!“ Ryôsuke verpasste ihm eine Kopfnuss.

„Redet darüber, wie ihr weitermachen wollt. Ob als Kollegen. Oder Freunde. Oder ob ihr jedes Wochenende die Betten rocken wollt.“

Er grinste und sah offenbar großmütig darüber hinweg, wie Wataru im Gesicht ganz heiß wurde.

Ja. Das ergab ja Sinn. Erfahrungsgemäß konnte man mit Takenaka auch reden. Durchaus. Wenn es darum ging, ob an einer eingereichten Abrechnung der Beleg fehlte. Bei allem anderen fühlte sich das ganze Thema wie ein Minenfeld an.

„Ich versuch's....“, murmelte er langsam.

„Danke. Das war...das klingt verdammt vernünftig. Seit wann kennst du sowas wie dii tii arr?“

Es war an Ryôsuke, jetzt verlegen wegzusehen. Er spielt mit dem Stift in seinen Fingern und scrollte sinnlos über seinen Bildschirm.

„Naja...was man so im Internet aufschnappt, wenn man feststellt, dass einem Typen gefallen und man keine Ahnung hat, was man damit anfangen soll.“
Er schaute Wataru wieder an und sein Ausdruck war sehr sanft geworden.

„Viel Erfolg.“

 

Wataru torkelte zu seinem Arbeitsplatz zurück.
Eine Pause hätte ihm gut getan. Er brauchte einen Kaffee. Oder einen Tee. Literweise Tee.

Gerade wollte er wieder aufstehen, als das Telefon auf seinem Platz klingelte.
Die interne Durchwahl 145 flackerte über das Display und Wataru gefror innerlich.

Das war Takenakas Durchwahl.

Irgendetwas in ihm kreischte auf.
Das war's! unkte es in seinem Hinterkopf.
Jetzt feuert er dich wirklich, weil du ihn stundenlang mit Kuchen belästigt hast!

In seinen Ohren hallte das Klingeln wieder.

Mizusawa, der auf der anderen Seite bis eben irgendetwas in seinen Computer eingehackt hatte, wedelte ihm vor dem Gesicht herum.
„Willst du nicht rangehen?“

„Aber...“, piepste Wataru kläglich.

„Geh dran! Er wird dich nicht fressen.“

Irgendetwas hatte Mizusawa an sich. Wataru wusste nicht, ob er seinen besten Freund beneiden sollte oder nicht. Wenn Mizusawa etwas sehr ruhig und bestimmt sagte, konnte man nicht anders: Man musste gehorchen.

Mit zitternder Hand nahm er den Hörer ab;
„Azuma, hallo?“, krächzte er leise.

Am anderen Ende knackte es. Für den Bruchteil einer Sekunde schien es, als ob der Anruf nicht richtig verbunden war. Dann hörte Wataru das unverkennbare Räuspern.

„Guten Morgen, Azuma-san“, sagte Takenaka. Er klang wahnsinnig tonlos.

„Es tut mir leid, dass ich Ihre Zeit in Anspruch nehme, aber könnten Sie wohl für fünf Minuten in mein Büro kommen?“

„Klar“, japste Wataru und versuchte das Zusammenkrampfen in seiner Brust zu ignorieren.
„Bin sofort da.“

„Vielen Dank.“
Dann legte Takenaka unvermittelt auf.

Oh Gott.

 

 

Konnte sich ein Gang von gut fünfzig Metern anfühlen wie der letzte Weg zum Schafott?
Natürlich konnte er das.

Wataru ging auf dem kurzen Weg sämtliche Hausregeln der Firma noch einmal durch. Er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, ob bei den Verboten nicht vielleicht doch gestanden hatte „Es ist untersagt, an Heiligabend unangekündigt mit Kuchen zu erscheinen“.

Als er gegen Takenakas Bürotür pochte, bebten seine Fingerknöchel und als er eintrat, hatte er das Gefühl, dass alles, aber auch alles, in seinem Innersten vibrierte.

Takenaka selbst saß hinter seinem Schreibtisch wie ein König auf dem Thron seines eigenen Landes. Unberührt wirkte er, glatt und unzerstörbar; wie ein komplett anderer Mensch noch als gestern Abend.
Sein Scheitel war so streng zur Seite weggekämmt, dass es aussah, als habe er versucht, sich die Haare vom Kopf zu streichen.

Als er aufsah, flackerte etwas über seine Gesichtszüge, das Wataru nicht interpretieren konnte.

„Guten Morgen...Azuma-san“, wiederholte er. Es klang seltsam brüchig.

„'n Morgen“, erwiderte Wataru zaghaft und biss sich auf die Lippe, damit er kein „Bin ich jetzt gefeuert?“ hinterherschob.

„Ich...ich wollte nur sichergehen, dass Sie gestern gut heimgekommen sind.“

Okay. Das nahm Wataru den Wind aus den Segeln. Das war... Oh mann, das war im Grunde sehr rührend.

„Bin noch in einem Stück!“ Er grinste unbeholfen und klopfte sich auf die Brust.

„Sehr gut.“
Takenaka wischte nichtvorhandenen Staub von seinem Schreibtisch und räusperte sich.
Dann räusperte er sich erneut. Und sagte nichts.

„Ich...es tut mir leid?“, bot Wataru an, weil er die Stille nicht mehr ertrug.

„Ich hätte dich...Sie nicht überfallen sollen gestern. Das war nicht besonders höflich.“

„Oh nein!“

Oha, die Antwort kam schnell. Takenakas Augen waren nun groß und erschreckt. Er hatte eine Hand gehoben und wedelte jetzt abwehrend damit.

„Nicht doch! Das war sehr nett. Sehr aufmerksam. Ich hatte einen angenehmen Abend. Eigentlich wollte ich mich dafür doch bedanken. Ich... nun ja....“

In diesem hübschen Kopf arbeitete es fieberhaft.

Wataru konnte es sehen.
Natürlich wollte Yûta sich bedanken. Ryôsuke hatte Recht gehabt. Es gab gar keinen anderen Grund, weshalb Wataru jetzt hier stand.
Er kam zwei Schritte näher und schaute zu, wie Takenaka sich räusperte und hilfesuchend in seinen PC schaute und dann auf seine Finger.
Da war noch etwas. Irgendetwas.

„Gern geschehen“, sagte Wataru leise.

„Ich hatte auch Spaß. Wir... nun ja...“

Okay, das war der Moment. Jetzt oder nie. Wataru warf die Leine aus, leise, vorsichtig, in das unsichtbare Nichts hinein.

„Wir könnten das bei Bedarf auch wiederholen. Also, nicht genau das, denn es gibt ja nur ein Mal im Jahr Weihnachtskuchen. Aber vielleicht sowas wie...Spaziergänge. Oder man geht Kaffee trinken. Irgend...Irgendsowas.“

Er gestikulierte etwas in die Luft, das er selbst unleserlich fand.

Dann: Herzklopfen. Weiche Knie. Gänsehaut auf den Unterarmen. Feuchte Handinnenflächen. Wataru hielt den Atem an.

Ein Moment verstrich zwischen ihnen, so dünn wie Papier.

Erst, als Takenakas Mundwinkel zuckten und sich zu einem schüchternen Lächeln verzogen, wagte Wataru es wieder, Luft zu holen.

„Das würde mich...“ Er räusperte sich und schien sich zu bemühen, Wataru direkt anzusehen. Aus seinen großen, dunklen, sternversackten Augen.
„Das würde mich sehr freuen.“

 

 

Der Rest des Tages versank in Gefühlen.

Wataru konnte es nicht anders formulieren. Bis zum Mittagessen schwebte er in purer Glückseligkeit. Oh, es hatte ihn wirklich schwer erwischt.
Er rief versehentlich fünf Mal falsche Personen an, weil er in seinen Telefonlisten verrutschte, warf in der Küche ein Glas herunter und hibbelte unter dem Tisch so stark herum, dass er aus Versehen Mizusawas Laptopkabel aus der Steckdosenleiste riss.

Die Glückseligkeit wandelte sich in pure Freude der Sorte „Ich will sofort aufspringen, auf meinen Schreibtisch klettern und Lobeslieder anstimmen“, als er kurz vor dem Feierabend eine E-Mail von Takenaka erhielt mit dem Titel „In eigener Sache (bitte nicht weiterleiten)“ und in welcher dieser ihm seine Handynummer mit privater E-Mail-Adresse zukommen ließ.

Grundgütiger.

 

Wie fing man mit so etwas an?
Wo sollte der Weg überhaupt hingehen?

Wataru speicherte die Daten liebevoll in sein Handy ein und dann wusste er nicht weiter.

Schickte man am besten eine Grußnachricht? Ein Dankeschön? Eine Einladung zum Cafébesuch? Einen kumpeligen Spruch á la „Jo, man sieht sich“?

Er hatte Yûta in seiner Wohnung auf dessen Couch gesehen.
Er wusste inzwischen, dass Yûta manchmal beim Essen niedlich sein Näschen rümpfte und dann zufrieden lächelte. Sie hatten sich über die Popkünstler unterhalten, die über den Fernseher geflimmert waren; darüber, dass ihre Eltern genauso nah beieinander wohnten wie sie selbst, nämlich am südlichen Rand von Kanagawa, wo die Küste in zehn Minuten zu Fuß erreichbar war.
Wataru hatte Yûta in Socken gesehen und in einer Strickjacke und er wusste, wie sich das Kerlchen anfühlte, wenn man ihn umarmte.

Da war zu viel Information in seinem Kopf und er wusste nicht, wie er sie verarbeiten sollte.

 

Am Abend, kurz vor dem Schlafengehen beschloss er nach langem Überlegen also, zumindest etwas Kurzes an die neu ergatterte Adresse zu verschicken. Seine Finger bebten beim Tippen auch nur ein ganz klein wenig. Er wertete das als Fortschritt.

Guten Abend. Hier ist Azuma. Danke für die Kontaktdaten und so. Und sorry, dass ich so spät schreibe!

Er reihte noch mehrere Emoji hintenan: Ein Grinsen, ein Männlein, das sich peinlich berührt verbeugte, ein paar Schweißtropfen und einen Drachen. Hey, er mochte Drachen. Es hatte absolut nichts damit zu tun, dass er nicht wusste, wohin mit sich. Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, schickte er die E-Mail ab.

Und schlief im Grunde die ganze Nacht nicht.

Die Erlösung kam am frühen Morgen mit dem Weckerklingeln.

Takenaka, so lernte Wataru, schien Emoji nicht zu mögen, denn er antwortete komplett smileylos.

Guten Morgen. Vielen Dank für die Nachricht. Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite und wir können im neuen Jahr gerne auf einen Kaffee oder ähnliches gehen. Freundliche Grüße, Takenaka.

Es war so steif, dass Wataru sich selbst hölzern fühlte.

Aber: Takenaka hatte geantwortet. Positiv. Er hatte sogar die Sache mit dem Kaffeetrinken wieder hochgeholt. Yessss. Oh Gott.

 

Das musste er Ryôsuke erzählen.

Auf der Fahrt zur Arbeit hibbelte er in der Bahn so stark, dass die Frau, die neben ihm saß, konsterniert die Augenbrauen hochzog. Wataru konnte nur peinlich berührt eine Verbeugung andeuten, ließ über sich ergehen, dass die Dame seine Haare abschätzig betrachtete und sich dann wegdrehte.

Im Büro konnte er ausgerechnet Ryôsuke nicht finden.

An seinem Platz war der Kerl nicht und niemand seiner Kollegen hatte ihn heute schon gesehen. Seine Tasche lag aber auf dem Schreibtisch, wie eine mysteriöse Hinterlassenschaft. Wataru stapfte zurück in seine Abteilung. Mizusawas PC lief und auf dem Bildschirm prangten zwei Sachen: Eine Erinnerung zu einem Meeting, das vor fünf Minuten begonnen hatte und ein zum Ausdrucken geöffnetes Pdf.
Wataru stürmte an zwei gähnenden Kollegen vorbei, rannte Kaneko halb über den Haufen. Wo Mizusawa war, war Ryôsuke meist nicht weit – und er musste nun mal mit Ryôsuke reden.

Als er die Tür zum Druckerraum aufriss, rechnete er damit, die beiden zusammen zu finden.

Womit er allerdings nicht gerechnet hatte, war, dass Mizusawa Ryôsuke gegen eines der noch druckenden Geräte gedrückt, seine Hände in den blonden Haaren vergraben hatte und Ryôsuke so hungrig küsste, als würde er ihn verschlingen wollen.
Wataru schlug geistesgegenwärtig die Tür hinter sich zu.

Wie ein erschrockenes Reh zuckte Mizusawa zusammen. Seine Haare waren zerzaust, seine Wangen gerötet und seine Lippen feucht. Wataru schaute schnell beiseite.
„Sorry“, quietschte er verlegen.
„Ich wusste nicht... ich wollte nur... Mizusawa, was ist mit deinem Meeting?“

„Oh Gott!“

Mizusawas Augen wurden groß und rund.

„Ich muss gehen!“

Man konnte sehen, wie weich seine Knie noch sein mussten. Mit fahrigen Fingern klaubte er den Ausdruck aus dem Kopiergerät hinter Ryôsuke, strich sich hektisch über die Haare und stürmte aus der Tür. Er erinnerte Wataru an ein emsiges, aufgescheuchtes Kaninchen.

Ryôsuke hing noch immer völlig überwältigt am Drucker.
Seine Augen waren verklärt, sein Mund leicht geöffnet und seine Haare leicht durcheinander. Sein Hemd hing liederlich über dem Hosenbund und war von unten aufgeknöpft.

Junge, Junge.

Dafür, dass Mizusawa immerzu wie ein kleines, scheues Reh daherkam, hatte er es ganz schön drauf.

„Hi“, grinste Ryôsuke unbeholfen.

„Alter!“
Wataru schüttelte den Kopf.
„Passt doch besser auf! Ich hätte sonstwer sein können!“

„Warst du aber nicht.“
Ryôsuke zuckte mit den Schultern, aber er hatte den Anstand, rot im Gesicht zu werden. Eilig stopfte er sich das Hemd wieder in die Hose. Es war vollkommen zerknittert.

„Nein, ehrlich, seid vorsichtig!“

„Ist ja gut, ich weiß doch!“
Er seufzte leise, dann schaute er Wataru lange an;

„Was ist los? Du siehst ganz blass aus. Das kann doch nicht nur an unserer Knutschsession gelegen haben.“

„Oh. Ja.“
Vor lauter Schreck hatte Wataru vergessen, weswegen er seinen Freund eigentlich gesucht hatte. Doch im Angesicht dessen, was er gerade gestört hatte, wirkte sein Anliegen „Yûta hat mir auf eine E-Mail geantwortet“ sehr klein und schrumpelig.

„Oh. Nein“, berichtigte er sich hastig.

„Es ist nichts. Ich wollte nur...ich...Mizusawas Meeting. Das war alles.“

Er hoffte, dass Ryôsuke im Gedanken noch zu sehr mit Mizusawas Mund beschäftigt war, als er sich umdrehte und ging.

 

 

Die Tage stolperten dahin, viel zu schnell und so, als ob eine höhere Macht dort oben die Zeitraffertaste gedrückt hatte.

Wataru verbrachte die letzten Tage im Jahr damit, das Büro auf Vordermann zu bringen.
Alle noch übrigen Ausgaben einreichen, die Tische säubern, Kiyama hinterherlaufen, dass dieser auch wirklich nochmal die Mülleimer ausleerte. Nicht, dass er das musste – Kiyama war sehr gewissenhaft. Es war nur so, dass er sich lieber mit solchem Kram beschäftigte als mit dem Offensichtlichen vor seiner Nase.

Takenaka Yûta.

 

Gott, er konnte nicht mehr.

Immer wieder baumelte ihm das Wort vor Augen, auf seiner Zunge, klebte an seinen Lippen und fiel in jeder ruhigen Sekunde von dort herab in die Welt.

Yûta.

Er sah Takenaka dabei zu, wenn dieser das Büro betrat und verließ, in einer Hand seine Aktentasche und mit diesem langsamen, erhabenen Gang, der Wataru an eine Gottheit erinnerte. Er ertappte sich dabei, wie er in der Kantine Takenaka anstarrte; wie dieser mit den langen, schönen Fingern die Stäbchen hielt und gewissenhaft kleine Brocken Reis und Gemüse aß, mit wohlbedachten, fließenden Bewegungen.
Sie begegneten sich ständig; auf dem Gang, auf der Toilette, in Jahresabschlussmeetings. Man grüßte scheu und mit einem zuckenden, stummen Lächeln. Wenn Kashiwagi in den Meetings zu sehr anfing zu schwallen, rutschten ihre Blicke aufeinander zu und blieben aneinander hängen, bis Takenaka wieder zur Seite schaute, den Kopf auf diese entrückend schöne Art neigte und irgendetwas in sein Notizbuch kritzelte.

Es war der letzte Tage im Büro, der dreißigste Dezember, als Takenaka sich auf seine typische 'du sollst mich nicht kommen hören'-Art neben Wataru materialisierte.
„Verzeihen Sie“, sagte er plötzlich direkt neben ihm und Wataru zuckte so erschrocken zusammen, dass er mit seinem Namensstempel auf den Papieren, die er eben signierte, abrutschte. Es gab einen hässlichen schwarzen Klecks.

„Oh“, murmelte Takenaka.
„Tut mir sehr leid, ich wollte Sie nicht überraschen!“

„Nein, nein, schon gut!“ Wataru wedelte mit dem Stempel.
„Das macht doch nichts, ich drucke es einfach neu aus!“

Yûta war so nahe, dass es gereicht hätte, einfach vom Stuhl aufzuspringen und die Arme um ihn zu legen. Wie an Weihnachten. Er war nah und schlank und hatte große, wache Augen.

„Was ähm... kann ich für Sie tun?“, krächzte Wataru, weil er eben irgendetwas sagen musste.

„Fehlt irgendwo ein Beleg? Ich- es tut mir leid, es waren sehr viele Dinge für die Jahresabrechnung und ich habe bestimmt irgendwas übersehen.“

„Nein, nein. Es ist alles bestens, vielen Dank.“
Takenaka hatte erschrocken die Hände erhoben.

„Es ist nur... heute ist unser letzter Tag. Ich möchte nur sichergehen, dass Sie alles haben, was Sie brauchen und dieses Jahr gut abschließen können. Sie alle, meine ich. In meiner Funktion als Personalmanager.“

Wataru blinzelte ihn an.

Ihm war nicht aufgefallen, dass Takenaka durch die Reihen der Beschäftigen gegangen wäre. Im Gegenteil – er hatte bis eben die ganze Zeit in seinem Büro gehockt.
Oh Gott. Das konnte nur zwei Dinge bedeuten. Entweder Wataru hatte insgeheim doch mal wieder Riesenmist gebaut. Oder Takenaka wollte nur einzig und allein mit ihm... Oh....Wow.

„Das ist wahnsinnig nett“, brachte Wataru heraus. Er hatte es auf möglichst charmante Art sagen wollen, nur spielten seine Stimmbänder begrenzt mit. Wie immer, wenn er verlegen oder nervös war.
„Ich bin wunschlos glücklich, danke.“

„Gut.“
Takenaka zog ein steifes, hölzernes Lächeln. Irgendetwas geisterte um seine Züge, das Wataru nicht erkennen konnte. Aber wenn er es nicht besser gewusst hätte, hätte er es „Enttäuschung“ genannt.

Gerade als Takenaka sich zum Gehen umwandte, sprang er vom Stuhl auf.
Das konnte doch nicht das letzte Gespräch in diesem Jahr sein!

„Was ist mit Ihnen?“, rief er leise.

„Alles gut? Ich meine...ich...ähm...“

Neben ihm, an Mizusawas Platz, klingelte das Telefon. Wo steckte der Kerl eigentlich?

Takenaka blieb stehen und wandte sich erstaunt um. Er sah aus, als hätte man ihn gerade eine schier unlösbare Matheaufgabe gestellt. Sein Blick flackerte herüber zum Telefon.

„Wie bitte?“, fragte er steif.

„Naja, haben Sie denn alles? Wo verbringen Sie denn zum Beispiel den Neujahrsabend?“

Himmel, diese Leberflecken unter Yûtas Augen lenkten unglaublich ab, besonders, wenn er blinzelte.

„Ich fahre zu meinen Eltern nach Kanagawa“, murmelte er überfahren. Sein Blick hing noch immer an dem bimmelnden Telefon.
„Wir haben diesen Schrein, der fast am Meer liegt, wo wir jedes Jahr hingehen und.... Azuma-san, sollte man da nicht rangehen?“

Wataru fluchte innerlich.
„Natürlich! Stimmt! Verzeihung!“

Er stürzte um den Tisch herum und nahm den Hörer ab. Noch währenddessen sah er die interne Durchwahl und rollte mit den Augen.
„Mizusawa ist nicht da!“, blaffte er Ryôsuke an.

„Das kann ich doch nicht riechen, sorry!“, kam es pikiert zurück.

Nun war es eh zu spät. Takenaka hatte die drei Sekunden genutzt, sich umzudrehen und wegzugehen. Ganz offensichtlich war Wataru ihm zu sehr auf die Pelle gerückt.

„Ich ruf später nochmal an. Oder komm vorbei.“

„Tu, was du nicht lassen kannst.“

„Na hey, du bist ja heute drauf.“ Ryôsukes dunkle Stimme wurde leiser.
„Was'n los?“

„Ach nichts. Tut mir leid. Ich hab nur... gerade mit Takenaka geredet.“

„Oh. Ich hab euch gestört.“

„Nicht gestört. Es gab ja eigentlich nichts zu stören. Wir sind im Büro und da reden wir ja nur über Bürodinge und...Zeug.“

„Okay. Was ist los?“

Wataru konnte hören, wie Ryôsuke sich den Hörer zwischen Kopf und Schulter klemmte. Das machte er immer, wenn er ernsthaft über Dinge sprach am Telefon, selbst wenn er beide Hände dafür gar nicht freihaben musste. Es war seine serious business-Geste.

„Ach nichts. Ich weiß es ja selber nicht.“

Wataru ließ seinen Kopf auf die Tischplatte sinken. Sie fühlte sich angenehm kühl an seiner Stirn an.

„Ich wollte ihm nur was Nettes sagen und jetzt hab ich ihn mit dummem Small Talk in die Flucht geschlagen.“

„Hm“, machte Ryôsuke am anderen Ende. Es war überhaupt hirnrissig, dass sie darüber sprachen. Und dann noch am Telefon.
„Es ist Computer-Yûta. Kennst ihn doch. Wenn du keine nützlichen Informationen eingibst, kann seine Festplatte das nicht verarbeiten.“

„Könntest du diese bekloppten Maschinenmetaphern endlich sein lassen?! Ich sag Mizusawa Bescheid, dann kannst du Knutschen bei den Druckern aber sowas von vergessen!“

„Nein, nein, ich meine doch nur!“
Ryôsuke klang plötzlich sehr hektisch.

„Menschen funktionieren doch genauso. Du musst überlegen, was du an Infos sendest. Und wie sie die verarbeiten können. Ganz einfach. Das ist wie im Marketing; Gib ihnen Infos und einen Call to action. Der Kerl weiß doch jetzt gar nicht, was er mit Small Talk anfangen soll.“

Das...klang erstaunlich sinnvoll.
Wataru wollte nicht, dass blödes Gequatschte das letzte war, was Takenaka von ihm ins neue Jahr nehmen musste.
Er musste das ordnen. Großreinemachen gehörte doch zu Silvester.

Großreinemachen in seinem Leben.

„Du hast Recht“, sagte er nach einer Weile.
„Du hast sowas von Recht. Weißt du was? Ich liebe dich! Du bist der tollste beste Freund!“

„Och, danke!“ Ryôsukes Grinsen war deutlich zu hören.

Er kam nicht weiter, weil Wataru den Hörer auf die Gabel warf.
„Alles okay?“
Mizusawa stand mit einem Mal neben ihm, in der Hand eine dampfende Tasse Kaffee.

„Japp.“ Wataru stemmte sich aus seinem Stuhl hoch.

„Hoffe ich zumindest. Gib deinem Freund einen Kuss von mir! Ich muss zum Großreinemachen! Guten Rutsch schon mal!“

Er stürmte davon und hinterließ einen sehr verlegenen Mizusawa. Sei's drum. Das Kerlchen sah niedlich aus mit roten Wangen.

 

Er kannte den Schrein, von dem Takenaka gesprochen hatte. Durch Weihnachten hatte Wataru erfahren, dass er im Grunde aus derselben Stadt stammte, und er war selbst oft genug zu Neujahr dort gewesen. Er kannte das Ding wie seine Westentasche.
Konnte man das Schicksal nennen?

Er schaute auf sein Handy, als er sich kurz nach Mitternacht im neuen Jahr mit seiner Mutter auf den Weg machte. In der Dunkelheit wirkten die Gässchen der Stadt noch enger und es lag eine selige Stille darüber. Als hätte der Himmel sie wohlig warm zugedeckt.

Seine Mutter hatte ihn mit erhobener Augenbraue angeschaut, als Wataru darauf bestanden hatte, nach dem Countdown erst zum Schrein zu gehen, dort zu beten und erst anschließend den Festtagsschmaus in Angriff zu nehmen.
„Das machst du doch sonst nicht“, hatte sie gesagt und den Kopf schief gelegt.
„Ich bin jetzt ein erwachsener Mann und Teil der arbeitenden, nützlichen Bevölkerung!“, hatte Wataru entgegnet und sich in die Brust geworfen.
„Ich möchte das bitte!“
„Na gut, wie du willst.“
Und sie hatte genickt.

Nun lief sie in kleinen, raschen Schritten in einem ihrer schönsten Kimono neben ihm her und atmete watteweiße Wölkchen in die Winterluft. In der Finsternis schienen die weißen Chrysanthemenmuster auf dem Stoff zu glühen.

Auf ihrem Weg gesellten sich tröpfchenweise immer mehr Menschen hinzu. In der Ferne prangte das kleine, rote Tor des Schreins im faden Laternenlicht. Man pilgerte leise redend und lachend darunter hindurch.

Wataru war so lange weg gewesen, dass er kaum bemerkt hatte, wie sehr er diesen Ort hier vermisst hatte. Man hatte ein paar Laternen und Scheinwerfer aufgestellt, die rätselhafte Schatten auf den Schrein und die Fuchsstatuen zu seinen Seiten warfen. Neben dem Hauptschrein standen drei Shintô-Priester, die kostenlos Misosuppe und warmen Sake verteilten. Ein weiterer lief in langsamen Schritten umher und schenkte irgendetwas an die anwesenden Kinder. Als Wataru nah genug war, erkannte er, dass es kleine, violette Schlüsselanhänger in Äffchenform waren, passend zum Jahr des Affen.

Und dann sah er ihn.

 

Er wusste nicht, ob das Schicksal war, dass er ihn nicht einmal hatte suchen müssen in der Menschentraube. Es war, als würden die Götter selbst das Mondlicht auf ihn ausrichten, ihn bescheinen und selbst betrachten wollen.
Takenaka, vollständig in einen schwarzen Männerkimono und mit einer dunkelgrauen Überjacke bekleidet, stand neben einem Mann in Hakama und mit Familienwappen, der eine Haltung hatte wie ein Kabuki-Darsteller. Links von ihm verbeugte sich eine zierliche Dame, ebenfalls im Kimono, bei einem Bekannten.

Zwischen all den leger gekleideten anderen Menschen sahen die drei aus wie aus einem Theaterstück oder dem Fernsehen entsprungen.

Wataru blieb abrupt stehen.

Wenn er gedacht hatte, dass Takenaka Yûta nicht noch schöner werden konnte, hatte er sich geirrt.
Die Kleidung stand dem Kerl wie angegossen. Er hatte sich einen sehr strengen Seitenscheitel gekämmt und verbeugte sich höflich mit seiner Mutter vor den Menschen, die offensichtlich erste Grußworte an die Familie richteten.

Wataru blickte an sich herab. Er hatte eine alte skinny Jeans angezogen und einen ausgeleierten Pullover mit Drachenmotiv unter seiner abgewetzten Jacke. Na toll. Was hatte er sich dabei nur gedacht.

Seine Mutter war neben ihm zum Stehen gekommen und folgte verwirrt seinem Blick.
„Bekannte von dir?“, flüsterte sie diskret.

Wataru nickte. Er bemühte sich, seinen Mund wieder zu schließen. Die Luft war nämlich doch recht kalt und sie zog ihm eisig bis in die Kehle.
„Ein Arbeitskollege.“

„Ach, wie nett. Dann geh doch kurz hin, ich hole mir solange ein Schlückchen Sake.“

„Ich will nicht.“

„Wie, du willst nicht?“

Sie verstand ja nicht. Wataru brauchte auch Sake. Für diesen wie Prinz Genji persönlich vom Himmel herabgestiegenen, wohlgekleideten Yûta brauchte er ganze Fässer an Sake. Wie sollte er sich ihm denn jetzt nähern? Takenakas Vater sah so streng aus, dass Wataru befürchtete, er würde Yûta Schande bereiten, wenn er sich in diesem Aufzug einfach vor ihn stellte.

„Hast du gesehen, wie die aussehen, Mama? Das geht doch nicht!“

Seine Mutter blinzelte. Sie musterte Familie Takenaka, die sich nun mit Mäuschenschritten dem Tempel näherte – offensichtlich, um zu beten – und sah nicht besonders beeindruckt aus.

„Nun, sie haben es vielleicht ein bisschen übertrieben. Schämst du dich etwa für mich?“

„Nein, Mama, ich schäme mich für mich!“

Er hätte es nie zugegeben, aber ein wenig zum Heulen war ihm schon zumute. Was hatte er sich überhaupt dabei gedacht? Bei allem? Bei der ganzen Weihnachtsgeschichte. Beim Austausch der Handynummern. Bei all dem verunglückten Small Talk. Takenaka war ein Kerl. Und ihm konnte Wataru bei Weiten nicht das Wasser reichen. Während er sich in der Schule geprügelt und an der Uni nur gesoffen hatte, hatte Takenaka Glanznoten heimgebracht und Auszeichnungen entgegengenommen. In diese Welt gehörte Wataru einfach nicht.

„Das will ich überhört haben!“ Seine Mutter riss ihn aus den Gedanken, fasste sein Handgelenk und setzte sich in Bewegung.

„Du kannst nichts dafür, dass die Herrschaften sich anziehen, als würden sie auf eine Hochzeit gehen. Jetzt sei höflich und grüß deinen Freund!“

„Kollegen“, wimmerte Wataru.

„Von mir aus auch das!“

Es gab kein Entrinnen. Was seine Mutter sagte, war wie ein Gesetz zu behandeln, und so ließ Wataru sich in Erwartung seiner baldigen Ächtung mitschleifen.

„Guten Abend“, nuschelte er leise, als sie sich in die Schlange hinter den Takenakas anstellten.
„Ähm... ich meine, frohes neues Jahr?“

Na toll. Und schon verkackt.

Es war tatsächlich Yûta, der sich als erster umdrehte. Wataru konnte richtig erkennen, wie die schönen, schwarzen Augen sich weiteten.
„Wataru“, entfuhr es ihm. Dann räusperte er sich hastig;
„Azuma-san.“

„Seien Sie mir auch dieses Jahr freundlich gewogen und auf gute Zusammenarbeit“, beendete Wataru sein Sprüchlein, bevor ihn der restliche Mut verließ. Wenn er schon wie ein Penner angezogen war, musste er es ja nicht noch mehr übertreiben.

„Gleichfalls! Danke!“ Takenaka verbeugte sich schnell sehr tief.
„Was machen Sie denn hier?“

„Naja“, Wataru grinste unbeholfen.
„Offenbar wohnen unsere Eltern beide hier in der Nähe. Hätte ja keiner wissen können, dass wir uns hier treffen.“

Man musste besagten Eltern ja nicht unter die Nase reiben, dass man Weihnachten miteinander verbracht und sich diese Info ausgetauscht hatte.

Wataru wandte sich dem Kabuki-Darsteller-Vater und der zierlichen Mutter zu und verbeugte sich nochmal;
„Guten Abend. Und frohes Neues. Ich bin Azuma, ich bin ein Kollege Ihres Sohnes.“

„Angenehm.“
Wow. Der graue, alte Herr hatte einen ganz schönen Bass. Er ging Wataru durch Mark und Bein.
„Äh ja. Und das ist meine Mutter.“

Es war Gott sei Dank ausgerechnet sie, die ihn aus der Höflichkeitshölle rettete.
„Ist ja gut jetzt, komm, geh du mit deinem Freund vor!“
Sie drückte Wataru vorwärts neben Yûta und wedelte die beiden weg.
„Kollege!“, beharrte Wataru und spürte, wie ihm die Röte in die Wangen kroch.

Sie hörte schon gar nicht mehr hin. Stattdessen begann sie, das Ehepaar in ein Gespräch über das Viertel zu verwickeln.

So stand Wataru für einen Augenblick verlegen schweigend neben Takenaka.
Takenaka in seinem Kimono und Hakama und mit dem Mondscheinschimmer auf seinen Haaren.

„Das sind sehr geile Klamotten“, sagte er, als er die Stille nicht mehr ertrug. Vor ihnen ging es langsam vorwärts, während die Menschen am Anfang der Schlange routiniert Yenmünzen in den Schrein warfen, die blechernen Glocken läuteten und bei ihren Wünschen leise zwei Mal in die Hände klatschten. Es waren alte, beruhigende Geräusche.

„Vielen Dank.“
Yûta sah verlegen lächelnd an sich herunter.
„Auch wenn ich mich gerade schrecklich overdressed fühle.“
Er schaute Wataru zögernd von der Seite an.
„Bist du...Sind Sie extra hierhergekommen?“

„Sag du“, rutschte es Wataru heraus.
„Also...wenn wir nicht im Büro sind, meine ich. Zumindest dann. Es sei denn, du willst nicht- ähm...Sie wollen nicht?“

„Nein.“
Yûta schaute auf seine Tabi-Socken an seinen Füßen. Er lächelte wunderhübsch in sich hinein.
„Nein, ich will schon. Ich bin nur nicht besonders gut darin, mit so etwas anzufangen. Falls du es noch nicht bemerkt hast; ich bin kein besonders...lockerer Mensch.“

„Das ist nicht schlimm“, entgegnete Wataru.

„Dafür hab ich's doch nicht so mit Förmlichkeiten. Du hättest mich mal in der Schule erleben sollen. Ich hab alle meine Lehrer bis zum Abschluss geduzt.“

Nichts, worauf er heute stolz war. Es entlockte dennoch ein kurzes, glucksendes Lachen aus Yûtas Mund – das war es wert.

„Ich meine nur“, fuhr Wataru fort und kratzte sich am Hinterkopf;
„Wir ergänzen uns doch ganz gut. Und es tut mir leid, dass ich manchmal so komische Sachen mache wie gestern. Mit Small Talk und so Zeug. Ich wollte doch eigentlich nur...“

...dich wiedersehen.

Er konnte es nicht sagen. Um sie herum war eine Traube an Menschen und drei davon waren Familie.

„Das macht nichts.“

Yûta lächelte aufmunternd und Himmel, es war so viel schöner als das steife Höflichkeitslächeln, das er in der Firma den Leute gegenüber aufsetzte, von denen er genau zu wissen schien, dass sie ihn heimlich auslachten.

„Es war nicht komisch. Ich wusste nur nicht, was ich sagen sollte. Aber es ist...es ist nett, dass wir uns hier getroffen haben.“

Wataru wollte etwas erwidern, doch er kam nicht dazu.
Sie waren vorne am Schrein angelangt und somit an der Reihe.

„Auf einen neuen Anfang?“, bot er schließlich an.

Yûta nickte schüchtern.
„Auf einen neuen Anfang.“

Er wartete sogar, bis Wataru ein hundert-Yen-Stück aus seiner Hosentasche gefummelt hatte. Sie warfen ihre Münzen zugleich und als sie beide nebeneinander dort standen und nach der Kordel für die Glocken fassten, berührten sich ihre Hände.

Yûtas Finger waren kühl, lang und weich. Er zuckte und Wataru war kurz davor, seine Hand wieder wegzunehmen. Doch dann richtete Yûta seinen Blick auf das Innere des Schreines, auf das heilige Heim der Gottheiten des Lebens.

Sie läuteten zusammen, klatschten zusammen, wünschten sich zusammen etwas. Wataru konnte nur raten, was im Kopf neben ihm vorging.

 

„Komm, lass uns einen Sake holen!“

Wataru nutzte den Augenblick, in dem die Eltern Takenaka beschäftigt waren, um zaghaft an die Spitze von Yûtas Kimonoärmel zu fassen und ihn wegzudirigieren.

„Aber-“

„Nur einen ganz kleinen. Das wärmt von innen!“

 

Das tat es tatsächlich. Wataru hatte in erster Linie an Yûtas kühle Hand gedacht. Natürlich wollte er ihn nicht betrunken machen. So ein Zentiliter schadete ja niemandem.
Aber nach dem langen Rumstehen in der Kälte hatte selbst er klamme Füße bekommen.

Sie schlürften Sake aus winzigen Plastikbechern und schoben sich an den ruhigen Rand des emsigen Treibens. Der Mitternachtsmond schien fahl auf sie herab.

„Du bist nicht overdressed“, sagte Wataru. Dann hielt er sich den Mund zu.
Wunderbar. 2016 hatte gerade erst angefangen und er redete schon Blödsinn.

„Findest du?“
Yûta entsorgte seinen Becher ordentlich in einem nebenstehenden Mülleimer.
„Mein Vater besteht darauf. Wir machen das jedes Jahr so. Er sagt, wenn man angemessen angezogen ist, kann man so gut wie nichts mehr falsch machen.“

Das erklärte die maßgeschneiderten, picobello-Anzüge auf der Arbeit.

Das erklärte auch einiges über Yûta selbst, über die Art, wie er sich versuchte mit tadelloser Kleidung durch diese für ihn anscheinend sehr verwirrende Welt zu bewegen.

„Es ist auf jeden Fall besser als ich, der alle vorhandenen Fettnäpfchen mitnimmt.“
Wataru fuhr sich lachen durch die Haare.

„Oh, aber das stimmt doch gar nicht.“
Yûta schaute ihn jetzt unverwandt an. Im Schein von Laterne und Mond sah er aus wie ein Fabelwesen. Wenn er sprach, regten sich die Leberflecken unter seinem Auge wie langsam dahinschwimmende Sterne.

„Die anderen mögen dich sehr. Du bist äußerst beliebt im Büro! Hätten wir eine Mitarbeiter-des-Monats-Sektion, du würdest sie gewinnen.“

„Ach was!“ Wataru winkte errötend ab.
Hey, vielleicht war eine solche Sektion ja gar nicht mal so abwegig. Er machte sich eine Notiz im Hinterkopf.

„Daher war ich auch sehr überrascht“, fuhr Yûta leiser fort.
„Dass jemand wie du an Weihnachten an der Tür von jemandem wie mir steht.“

Wataru verschluckte sich um ein Haare an seinem letzten Minischluck Sake.

„Wieso das denn?“

„Nun ja. Du verhältst dich nicht den gesellschaftlichen Regeln entsprechend.“
Yûta verschränkte seine Finger und zog es vor, darauf hinabzusehen. Als müsste er kontrollieren, was sie dort unten taten.

Wataru hob die Augenbrauen.

„Deswegen bist du auch...wie soll ich es formulieren?... Du bist schwer verständlich.“ Sein Gegenüber räusperte sich. Ein Mal. Zwei Mal. Drei Mal.
„Du bist so“, er zeigte mit beiden Händen auf Wataru wie Frauen im Fernsehen auf einen Hauptgewinn zeigten. Einen Porsche. Eine Waschmaschine. Irgendsoetwas.

„Und ich bin ganz anders. Ich hatte nie wirklich Freunde. Außer vielleicht Mizusawa, und zu dem bin ich, fürchte ich, auch nie nett genug gewesen. Ich habe nie gewusst, wie man locker ist. Leute wie du haben mit Leuten wie mir nicht mehr zu tun, als sie müssten. Versteh mich nicht falsch, aber ich bin immer noch überrascht, wieso du zu Weihnachten da warst. Du hättest durchaus Dinge mit deinen Freunden unternehmen können. Oder einer Freundin.“

Er räusperte sich erneut.

Wataru hatte das Gefühl, dass seine Ohren und sein Herz glühten.
Da stand dieser schöne, begabte, wohlerzogene und feinfühlige junge Mann vor ihm und konnte nicht verstehen, warum man sich mit ihm abgab.
Irgendetwas in Wataru zerbrach in tausend Stücke – ein buntes, klirrendes Geräusch von Scherben.

„Yûta“, sagte er leise.
„Yûta... dass ich mit dir befreundet sein will, ist doch kein Versehen.“

Sein Gegenüber hob überrascht den Blick.

„Ich habe nicht aus Versehen gesagt, dass ich gerne mit dir Kaffee trinken will. Oder spazieren gehen. Oder sonstwas. Und mir ist es auch schnurzpiepegal, mit wem ich nach Halbstarkenregeln angeblich zu tun haben soll und mit wem nicht. Das war mir schon immer wurscht. Tatsache ist, dass du...naja, du bist ein lieber Kerl und interessant und ich meinte das alles wirklich, wirklich ernst.“

 

Yûta blinzelte. Sein hübscher Mund öffnete sich ein klein wenig und er schluckte, so, als ob er all die gehörten Worte verdauen müsste.

„Bist du dir ganz sicher?“ Es fühlte sich an wie ein Aufbäumen, so als ob der Junge sich gegen ein ganzes Geflecht aus Überzeugungen auflehnen musste. Und womöglich war es ja auch so. Denn so einiges an Yûtas Körpersprache war voller Zweifel. Die Art, wie er Wataru aus großen Augen anschaute, wie er sich leicht zurücklehnte, wie er versuchte, sich in seinem Kimono und dem weiten Hakama zu verstecken.

 

Wataru konnte sich nicht dagegen wehren. Er schloss die Lücke zwischen ihnen, schmiegte sich an diesen tadellosen Kimono mit seiner abgewetzten Jacke und legte die Arme um Yûta.

Dieses Mal fehlten die Kirchenglocken. Man hörte nur das Klatschen und Reden vom Schrein her, während sie hier in einer dunklen Ecke standen, hoffentlich unbesehen.
Yûta fühlte sich genauso warm und weich an wie neulich. Er roch nach Sake und Mondschein und feinem, wohl ausgesuchtem Parfum. Wie neulich erstarrte er für einen winzigen Augenblick, war hölzern und steif – und sackte dann weich in sich zusammen.

„Ich bin mir sowas von sicher“, flüsterte Wataru in den perfekt gekämmten Scheitel.

 

„Okay“, wisperte Yûta und es war das erste Mal, dass er sich enger gegen Wataru schmiegte.

„Das ist...gut.“

 

Es erschien Wataru, als wäre es das erste Mal seit langem, dass Yûta einem anderen Menschen glaubte.

 

Und so hielt er ihn noch lange inmitten der Neujahrsnacht. Zum ersten Mal.

 

ENDE