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Noch im Halbschlaf tastete Cottas Hand über die andere Seite seines Bettes. Leer. Leer und kalt.
Normalerweise keine Überraschung, eigentlich sogar der Normalzustand. Doch ausnahmsweise war er in der Nacht nicht allein eingeschlafen und vielleicht war es lächerlich, doch ein Teil von ihm hatte gehofft, am Morgen nicht allein aufzuwachen.
Widerwillig öffnete er die Augen. Das Zimmer war in sanftes Vormittagslicht getaucht, es musste ein wirklich wunderschöner Sonntag sein, doch daran konnte er sich gerade nicht freuen. Sein Blick huschte durch den Raum, nur, um festzustellen, dass nicht nur das Bett leer war, auch jegliche Kleidungsstücke, die nicht ihm gehörten, waren verschwunden.
Eigentlich sollte er wohl damit gerechnet haben. Der ganze Abend hatte sich schon wie ein Traum angefühlt, wie etwas, das eigentlich gar nicht passieren sollte, da konnte er kaum erwarten, dass Victor Hugenay auch noch zum Frühstück blieb.
Seufzend rieb er sich mit den Händen durchs Gesicht, schloss die Augen wieder.
Die Erinnerung kam ganz von selbst.
Am Abend war Richtung L.A. gefahren, Caroline war im Freundinnen im Urlaub und er hatte keine Lust gehabt, sich Essen zu kochen. Sein Ziel war ein ganz bestimmtes indisches Restaurant gewesen, das er einmal durch einen Kollegen kennen gelernt hatte, doch dort war er nie angekommen.
Wegen eines flüchtigen Blicks. Wegen eines flüchtigen Blicks zur Seite, ohne bestimmbaren Grund, bei dem ihm ein Mann aufgefallen war, der gerade einen Parkplatz überquerte.
Nach all den Stunden, die er mit vergeblichen Versuch verbracht hatte, ihn zu vernehmen, würde er Victor Hugenay vermutlich überall erkennen.
Unwillkürlich war er auf den Parkplatz abgebogen, der, wie sich herausstellte, zu etwas gehörte, das teils Restaurant, teils Bar zu sein schien. Cotta war Hugenay – Victor – ins Innere gefolgt, hatte einen Tisch nicht weit von dem des Kunstdiebs zugewiesen bekommen. Offiziell war der Mann zwar auf freiem Fuß und wurde auch nicht mehr gesucht, da seine Haftstrafe als verbüßt galt, doch Cotta war der Ansicht, dass es trotzdem nicht schaden konnte, ein Auge auf ihn zu haben, wo immer man konnte.
Das Essen war selbstverständlich hervorragend gewesen, auch wenn Cotta sich nur schwer darauf hatte konzentrieren können. Immer wieder war seine Aufmerksamkeit zu dem eleganten und schon fast unangenehm attraktiven Franzosen hinüber gewandert.
Bis dieser plötzlich seinen Blick erwidert hatte.
Im Bett liegend seufzte Cotta erneut und unterbrach den Strom der Bilder. Versuchte gar nicht, sich zu erklären, wie sie schließlich an einem gemeinsamen Tisch im Bar-Bereich geendet hatten. Nicht an die Live-Band zu denken, die spanische Musik gespielt hatte, und nicht daran, dass er sich verdammt noch mal dazu hatte verleiten lassen, mit einem berüchtigten Meisterdieb zu tanzen.
Er konnte sich nicht mal erinnern, wann er überhaupt zuletzt getanzt hatte. Doch Victor war so entschieden in seiner Aufforderung gewesen, dass Cotta ihm nicht hatte widerstehen können. Es war überraschend leicht gewesen, sich von ihm führen zu lassen. Die flüchtigen, verheißungsvollen Berührungen, Victors Duft und sein Lächeln waren ihm schlicht und ergreifend zu Kopf gestiegen. So sehr, dass er ihn schließlich eingeladen hatte, mit zu ihm zu kommen.
In der Küche hatten sie noch eine halbe Flasche Wein getrunken, bevor die Spannung endgültig nicht mehr auszuhalten gewesen war und sie ins Schlafzimmer gewechselt hatten.
Und ein offenbar vollkommen bescheuerter Teil von Cotta hatte gehofft, wirklich gehofft, dass Victor vielleicht am Morgen noch ein wenig bleiben würde.
Unruhig rollte er sich auf die Seite, drehte der verwaisten Betthälfte den Rücken zu. Im Erdgeschoss klapperte es – wahrscheinlich hatte Bubbles irgendetwas umgeworfen.
Am liebsten wollte Cotta sich einfach die Decke über den Kopf ziehen und liegen bleiben. Auch wenn ihm das nicht helfen würde.
Wieder klapperte etwas und Cotta konnte fast bildlich vor sich sehen, wie Bubbles seinen leeren Fressnapf durch die halbe Küche jagte, um auf sich aufmerksam zu machen.
Schicksalsergeben quälte Cotta sich auf die Füße. Zog Briefs, Jogginghose und ein altes T-Shirt über, tappte auf den Flur. Runzelte die Stirn. Hier stimmte etwas nicht. Ein unerwarteter Geruch, ein leises Geräusch, das er nicht zuordnen konnte.
Ein Verdacht keimte in seiner Brust.
Schlagartig hellwach hastete er die Treppe hinunter. Jetzt konnte er auch den Geruch zuordnen, gebratenes Ei, und das Geräusch war das kleine Radio in der Küche.
In der Küchentür blieb er stehen.
Der Tisch war gedeckt, über einem der Stühle hing noch immer das graue Jackett. Eine Pfanne mit Rührei stand auf dem Herd und Victor hantierte gerade an der Kaffeemaschine herum.
Er sah auf, bemerkte Cotta, und ein Lächeln breitete sich über seine Züge aus. „Gut, du bist wach! Du musst mir erklären, wie man mit diesem Ding umgeht.“
Beim Anblick des strahlenden Lächelns hatte etwas in Cotta einen nicht unangenehmen Satz gemacht. Wärme spross in ihm und er wollte gar nicht darüber nachdenken, was das bedeuten sollte.
„Victor“, brachte er nach einem viel zu langen Moment heraus. „Du bist noch hier.“
Augenblicklich wurde Victors Gesichtsausdruck weicher, ließ er die Kaffeemaschine Kaffeemaschine sein. „Ich schlafe schlecht in letzter Zeit“, sagte er leise. „Ich hoffe, du verzeihst mir, dass ich mich in deiner Küche möglicherweise ein wenig zu zuhause gefühlt habe.“
Cotta konnte sie spüren, unter den Worten, die Entschuldigung dafür, den Eindruck erweckt zu haben, er hätte sich in der Nacht davon gemacht. Vielleicht hatte nicht nur Cotta die gemeinsame Zeit mehr bedeutet als den unausweichlichen Höhepunkt in seinem Bett.
Langsam atmete er aus, spürte die Spannung aus seiner Haltung weichen. „Natürlich.“
Wieder dieses Lächeln, das ihn schwach machte. „Zeigst du mir jetzt, was ich tun muss, um Kaffee aus der Maschine zu bekommen? Dann ist das Frühstück auch fertig.“
Intensiv war Cotta bewusst, dass Victor um eine Anleitung bat, nicht darum, dass er es übernahm.
Damit er vielleicht beim nächsten Mal-? Cotta verbot sich, den Gedanken zu ende zu führen und machte sich stattdessen daran, Victor den Umgang mit der Kaffeemaschine zu erklären.
