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Elegante Handknöchel schlugen gnadenlos zu, wie bereits ein Dutzend Mal in den letzten Minuten. Mit einem unappetitlichen Knirschen gaben die Wangenknochen unter den Schlägen schlussendlich nach und der malträtierte Mann mittleren Alters spuckte Blut auf den Boden zwischen seinen Füßen. Er ließ den Kopf hängen.
Seine Worte waren undeutlich, verzerrt durch lose Zähne und Blut in seinem Mund.
“Wir haben nicht mehr als das.” Eine große Hand riss seinen Kopf an den Haaren nach hinten und zwang ihn, seinen Verhörer anzusehen.
“Verkauft Bonten nicht für dumm. Wir wissen, dass ihr von den Chinesen Lieferungen hinter unserem Rücken bekommen habt und unter die Leute bringt, ohne euren Anteil an uns zu bezahlen.”
Der hochgewachsene Mann mit fliederfarbenem Haar signalisierte einem Laufburschen, ihm einen Lappen zu bringen.
Als er ihn entgegennahm, hockte er sich vor den an einen Stuhl gefesselten Mann und wischte dessen Blut von seinen Händen während er ihn von oben bis unten musterte.
Der Gefangene wandte seinen Blick ab. “Wir haben nichts hinter eurem Rücken gehandelt.”
Violette Augen ließen nicht ab von dem Gefesselten, als der Mann mit samtiger Stimme weitersprach und den dreckigen Lappen wieder zurück an den Handlanger reichte. Vorgebeugt sprach er auf Augenhöhe mit dem Stück Dreck, das versucht hatte, Bonten zu hintergehen. “Weißt du, wer ich bin?” Augen verschmiert von Blut, das von seiner Stirn tropfte, sah der Mann seinen Verhörer an.
“Haitani Ran.”
Schmerz durchzog sein Gesicht, als der Teleskopschlagstock auf seine gebrochenen Wangen prallte. Schlag um Schlag prasselte auf sein geschundenes Gesicht und der Mann biss sich auf die Zunge, um den Schmerz nicht zu zeigen. Blut und Tränen verklebten seine Wimpern.
“Du lügst mir ins Gesicht, obwohl du weißt, wer ich bin?”
Ran richtete sich zu voller Größe auf und sah auf den elendigen Kleinkriminellen vor sich herab. Mit einem groben Tritt trat er den Stuhl, auf dem der Mann gefesselt war, um und schlug ihm mit dem Schlagstock gegen das Schienbein.
Der Mann wimmerte und krümmte sich unter weiteren Schlägen, aber auf einen Wink von ihrem Anführer drückten 2 Handlanger den Verräter mit ihren Füßen auf seiner Brust zurück auf den Boden.
Ran warf einen Blick auf die teure Uhr an seinem Handgelenk und schnappte sich dann die unbefleckte Anzugjacke, die über einen anderen Stuhl hing. Heute Abend hatte er noch einen anderen Termin. Ohne einen weiteren Blick zurück auf den Gefangenen zu werfen, begab er sich mit großen Schritten Richtung Ausgang. “Kümmert euch um ihn.”
Haitani Ran, eines von Bontens Führungsmitgliedern, trat über die Schwelle des muffigen Wettbüros nach draußen. Der stickige Geruch von Jahrzehnte altem Zigarettenrauch und Männerschweiß fiel von dem vergleichsweise hochgewachsenen Mann ab, als er die Straßen Roppongis betrat, und ein Schleier aus Frischluft, Grillgerichten und teuren Parfums begrüßte ihn im Nachtleben.
Als er eine Zigarette aus der Packung schüttelte, bemerkte er die Blutspritzer an seinen Händen und klickte mit den Zähnen. Es gefiel ihm nicht, wenn seine Arbeit sein Erscheinungsbild beeinflusste. Besonders an einem Tag wie heute nicht. Seine langen Finger klemmten die Zigarette zwischen seine Lippen und unter anmutigen Augenbrauen, die nun zusammengezogen waren, rieb er mit einem Taschentuch das Restblut von seinen Händen.
Ein paar Meter hinter ihm knallte etwas gegen die Tür des vermeintlichen Wettbüros, das er gerade verlassen hatte.
Ran zündete seine Zigarette an.
Entweder, man tat was Bonten sagte, oder man erlebte die Konsequenzen.
Gemütlichen Schrittes schlenderte der gut angezogene Mann durch die abendlichen Straßen Roppongis. Hier in den kleinen Seitenstraßen zwischen großen Modegeschäften und exotischen ausländischen Artisanen-Shops war er aufgewachsen. Das Viertel hatte Eleganz und internationales Flair, die Ran schon immer imponiert hatten. Als kleiner Junge war ihm nicht bewusst gewesen, in was für einem vornehmen Viertel seine Pflegefamilie gewohnt hatte, aber nachdem er und sein Bruder immer öfter mit anderen Teenagern aneinander gerieten und auch andere Distrikte nachts unsicher machten, war ihm klar geworden, wie besonders die Schönheit Roppongis war. Modern, vornehm, glänzend und doch mit einem dunklen Herz, das hinter der Fassade dafür sorgte, dass das Geld niemals aufhörte, durch die Kassen und Geldbörsen der großen Spieler zu fließen.
Ein helles Frauenlachen lenkte seine Aufmerksamkeit auf eine Gruppe Männer vor einem luxuriösen Nachtclub, die beeindruckend angezogenen Hostessen aus ihrer Limousine halfen. An der Hauswand hinter ihnen war eine riesige Werbeanzeige aufgespannt, die die neue Loewe-Kollektion mit einem japanischen Schauspieler bewarb.
Ran nahm einen Zug an seiner Zigarette und lächelte unauffällig in sich hinein. Hätte er sich nicht dazu entschieden, Izana Kurokawa zu folgen, hätte er es sein können, der die extravaganten Seidenanzüge und Lederjacken auf den Laufstegen der Welt zur Schau tragen würde. Seine früheren Träume, Model zu sein, hatte er nie vergessen.
Aber ebenso wie sich die Marken, die die Werbeplakate und Modeläden entlang der Straßen Roppongis säumten, verändert hatten, war auch Ran nicht mehr der verträumte Junge, der er früher einmal gewesen war. Es war fast schon erheiternd für ihn, dass er damals gedacht hatte, die Modewelt würde ihm bieten können, was sein jetziges Leben für ihn parat hatte. Zu lange hatte er ignoriert, was jemand wie Kurokawa schon seit ihrem ersten Treffen über ihn gewusst hatte - dass er Gewalt im Blut hatte.
Sicher, er hatte auch einen Geschmack für feinere Dinge im Leben - makellosen persönlichen Stil, gutes Essen, Schönheit - aber all das erwuchs nur aus der leeren Dunkelheit, die schon immer in ihm schlummerte.
Was Kurokawa wohl sagen würde, wenn er Bonten und Kakucho jetzt sehen könnte? Ran mochte es, sich vorzustellen, dass ein solches Imperium genau das war, was Kurokawa hatte aufbauen wollen.
Ohne zu zögern drückten lange Finger die Zigarette an einer nahegelegenen Mauer aus und schon joggte Ran die Treppen in Richtung Roppongi Hills Tower hinauf.
Vor ihm erstreckte sich der Vorplatz des Hochhauses, um diese Zeit immer noch gut besucht von Pärchen, die an den Bänken entlang der großen Spinnenstatue saßen und im Schatten der Baumkronen die Köpfe zusammensteckten.
Doch Ran schenkte ihnen keine weitere Beachtung und begab sich direkt zum Aufzug, der ihn zum Sky Deck hochbringen würde.
Normalerweise ein beliebter Ausflugsort für Touristen und Einwohner, waren der Tower und das Sky Deck heute für die Öffentlichkeit geschlossen.
Ein kleiner Vorzug seiner besonderen Stellung innerhalb der Stadt.
Völlig alleine, als er das Observatorium betrat, hallten die Schritte seiner teuren Schuhe durch den weitläufigen Raum. Es war dunkel. Als ein anmutiger Schatten in der Dunkelheit bewegte er sich durch den Raum und blieb schließlich auf der Außenterrasse stehen. Mit festem Griff schlossen sich die vorher noch blutbefleckten Hände um das stählerne Geländer und er ließ den atemberaubenden Ausblick auf sich wirken. Die einzige Lichtquelle war das Meer aus Lichtern unter ihm.
Der Wind trug die weit entfernten Geräusche des Nachtlebens hoch zu seiner Aussichtsplattform. Im Fernen Nachthimmel leuchtete der Tokyo Tower gedimmt rot. Die Stadt pulsierte unter seinem Griff. Casinos, Bars und der Drogenhandel pumpten durch Roppongis Venen und es war sein Tun. Wie eine Spinne hatte er vor mehr als 20 Jahren begonnen, sein Netz um diesen Teil der Stadt zu spinnen und konnte ihn heutzutage sein Eigen nennen.
Sano Manjiro stand an der Spitze Tokios und solange Atem durch seinen Körper floss, würde Ran ihm im Andenken an seinen ehemaligen Anführer dienen. Aber auch, wenn Mikey die Unterwelt Tokios beherrschte - Roppongi gehörte Ran.
Auch in Gedanken versunken entzogen sich die näherkommenden Schritte und das Rascheln von Kleidung nicht der Aufmerksamkeit des Mannes, der nur eine von zwei Hälften war, die ein Ganzes formten.
Ellenbogen auf das stählerne Geländer hinter sich gelehnt, drehte Ran sich um, um den Besucher zu begrüßen.
Rindou hielt Ran mit beiden Händen eine Pappverpackung entgegen, versehen mit dem Logo einer nahegelegenen Patisserie versehen.
Lilane Augen, ein paar Abstufungen heller als seine eigenen, krümmten sich zu einem Lächeln, das das Gesicht seines Bruders aussehen ließ wie das eines Kindes.
“Alles Gute zum Geburtstag, Nii-chan.”
Rindou war schon immer der emotionale der beiden Haitani-Brüder gewesen. Der kleine Bruder, der zu wild für sein eigenes Wohlergehen gewesen war und sich ständig beim unüberlegten Klettern Schrammen und Brüche zuzog und der als Teenager zu impulsiv war, um jemals diplomatisch mit anderen Banden verhandeln zu können. Ran würde Izana Kurokawas Erbe immer treu sein und jede Drecksarbeit für Bonten erledigen, die getan werden musste. Aber alles, was er tat, tat er letzten Endes für seinen Bruder. Unbeeindruckt sah er an seiner Nase herab seinen Bruder an und drehte sich dann wieder dem Ausblick auf die Stadt zu.
“Zieh nicht immer so ein Gesicht, Rin, du bist keine 10 Jahre mehr alt.” Rindou hieb ihm halb ernst den Ellenbogen in die Seite. “Hör auf zu meckern du langes Elend, sonst ess ich dein Montblanc allein auf.“
Ran wandte sich seinem Bruder mit ungläubigem Blick zu. “Du würdest es nicht wagen.”
“Wollen wir wetten?” Lachend schubste Rindou Ran von sich weg und öffnete seinen Mund weit, während er das Dessert über sein Gesicht hielt.
“So gratulierst du deinem großen Bruder zum Geburtstag, du Sack?” Ran versuchte, seinen Bruder am Jackettkragen zu packen, aber der schlüpfte nur aus seiner Jacke heraus und streckte die Zunge raus.
Die folgende Rangelei der beiden Brüder ließ die Geräusche der Stadt unter ihnen in den Hintergrund verschwinden. Da Ran sowohl längere Arme als auch die bessere Technik hatte (garantiert nicht, weil Rindou nur einen angetäuschten Kampf vorgab, dazu war er viel zu dickköpfig), dauert es nicht lange, bis sie beide außer Atem gegen die Glasabsperrung lehnten. Beide schoben sich die schwitzigen Haare aus dem Gesicht und sahen sich an.
“Montblanc-Versöhnung?”
Ran schnappte sich die Schachtel, die Rindou ihm entgegenhielt.
“Jetzt gibt schon her.”
“Alles Gute zum Geburtstag, Ran. Auch mit 37 bist du noch unausstehlich.”
Den ersten Bissen des Desserts schon ihm Mund, nuschelte Ran ein kaum verständliches “Danke” und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Letztendlich war es das, was sie all die Jahre am Leben gehalten hatte. Roppongi wäre so oder so ihnen zugefallen. Die Haitani-Brüder brauchten kein Team. Solange sie sich gegenseitig hatten.
