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Nachtschwarz

Summary:

Seit unzähligen Generationen leben die zwei Katzenclans des Waldes, der Blatt- und der WurzelClan, in kaltem Frieden Seite an Seite.
Nachtpfote, eine junge Schülerin des BlattClans, lernt unter den wachsamen Augen ihrer Mentorin zu jagen und zu kämpfen. Sie weiß genau, einmal wird sie sich als große Kriegerin zum Wohl ihrer Gemeinschaft einsetzen.
Doch eines nachts fallen die Katzen des WurzelClans hinterhältig in das Lager des BlattClans ein und treiben sie aus ihrem Territorium. Ihr Anführer Zapfenstern strebt nach der Macht über den gesamten Wald. Nachtpfote verliert ihr Zuhause und muss gemeinsam mit ihren Gefährten in eine Welt fliehen, in der nichts so ist, wie es einmal war.
Ihre Anführerin Morgenstern jedoch ist fest entschlossen zurückzukehren und um das zu kämpfen, was sie verloren haben.
Allerdings erahnt niemand das volle Ausmaß von Zapfensterns Plan...

Chapter 1: Die Flucht

Notes:

Für Infos über die Geschichte und die Auflistung der Charaktere schau unter meinen Werken auf meinem Profil <3

(See the end of the chapter for more notes.)

Chapter Text

Der Vollmond ergoss sein kaltes Licht über den Wald. Stumm und unbewegt wie er war, glich er der Landschaft, über die er wachte. Die Stille im Schatten der Bäume war undurchdringlich. Sträucher, Farn, nichts erweckte den Anschein, sich je gerührt zu haben. Das Dickicht lag bedrohlich im Zwielicht und moosbedeckte Felsen kauerten starr wie Ungeheuer im Schutz der Nacht. Die Luft lag schwer und drückend auf der Erde. Die Tiere hielten sich versteckt, denn sie spürten das nahende Unwetter. Nur eine einsame Maus huschte über den Waldboden auf der Suche nach einem Unterschlupf. Auf einem Teppich von dunkelgrünem Moos hielt sie inne, reckte den Kopf und witterte. Wind kam auf und brachte den Geruch von Regen mit sich, doch die Äste gaben noch immer kaum einen Laut von sich. Sie schienen zu warten, während die Dunkelheit sie umschloss wie schwarze Krallen.
Dann fiel ein Tropfen. Er war winzig, aber das Blatt, auf das er traf, begann zu zittern. Ihm folgten ein zweiter und ein dritter Tropfen. Mit einem Ächzen, als hätte er schon lange darauf gewartet, öffnete sich der Himmel. Wasser stürzte herab. Die Maus piepste schrill und schlüpfte in ein dickes Büschel Riedgras, als das kalte Nass auf die Erde trommelte. Blätter und Zweige beugten sich unter seiner wachsenden Last, die Pfützen, die seit dem letzten Regen inmitten der knotigen Baumwurzeln lagen, breiteten sich gierig weiter über das Laub aus. Plötzlich hatte der Wald zu atmen begonnen.
Die Maus schniefte und streckte verärgert ihren Kopf aus dem Gras, zog ihn aber gleich darauf wieder zurück. Aufgeschreckt vom nahen Donnergrollen tauchte eine Eule aus den Schatten. Mit kräftigen Flügelschlägen jagte sie durch den Wald, hielt sich so dicht an den Kiefern, dass sie ihre dürren Äste fast berührte. Ein eisiger Wind zog jetzt durch die Nadelbäume und ließ ihre Federn bei jedem Flügelschlag erzittern. Trotz des Sturms hielt die Eule den Kopf schräg und lauschte durch ihre Ohrschlitze. Es war eine Schleiereule, die sogar oben in der Luft noch die kleinste Bewegung einer Maus auf dem Waldboden hören konnte. Und in diesem Augenblick hörte die Eule tatsächlich etwas.
Ein spitzer Schrei tönte durch das Prasseln des Regens von einer Lichtung her, die zwischen den Silhouetten der Bäume kaum auszumachen war. Es war der Schrei eines Tieres in höchster Not. Ein Tier, das größer war als die Schleiereule selbst. Der schreckliche Laut verklang so schnell wie er gekommen war. Doch ehe der nächste Donnerschlag über den Himmel ging, peitschte ein weiterer Schrei durch die Luft.
Schlagartig machte die Eule kehrt und verschwand am nächtlichen Himmel. Ihr Gefieder war so leuchtend weiß, dass man sie, als sie nur noch ein winziger Punkt war, für einen verwaschenen Stern hätte halten können. Aber niemand sah die Eule.

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Mit vor Angst aufgerissenen Augen starrte Nachtpfote auf das grausame Schauspiel, das sich ihr auf der Lichtung bot.
Katzen jagten wie Schatten durch den Mondschein. Schatten mit glühendem Blick und gebleckten Zähnen. Krallen blitzten in den Lichtlanzen auf, die der Wald auf den Boden ließ, Blut spritzte über die Büsche. Die Schattenkatzen bäumten sich auf, sprangen einander an und gruben sich gegenseitig die Zähne tief in das Fleisch. Bebende Knäuel aus Hass und Wut wälzten sich durch den Dreck, Schreie gingen durch das Dickicht und brachen so schnell ab, wie sie aufgekommen waren.
Nachtpfote selbst bewegte sich nicht. Die Ohren dicht an den Kopf gepresst beobachtete sie schockiert die Menge der kämpfenden Katzen und konnte keine Zehe rühren. Das war nicht, was sie sich vorgestellt hatte. So sollte es nicht sein. Das Kreischen ihrer Clangefährten war so laut, dass es ihr den Magen umdrehte. Der Boden zu ihren Pfoten zitterte unter dem Aufprall stürzender Körper. Sie konnte die grausamen Blicke spüren, die über ihren Pelz huschten, wusste, dass sich jeden Moment Muskeln spannen würden, um sie zu packen. Es war zu viel. Nachtpfote wimmerte und schickte ein verzweifeltes Gebet zum SternenClan. Aber über dem strömenden Regen war kein einziger Stern zu entdecken.
SternenClan, sag mir, was ich tun soll!
Der Wind heulte und schickte ihr Tropfen scharf wie Klauen ins Gesicht. Sie durfte nicht einfach tatenlos zusehen. Sie durfte das nicht geschehen lassen! Eine wilde Mischung aus Entsetzen und Entschlossenheit überkam sie.
Bin ich eine Maus? Oder bin ich ein Krieger?!
Der Gedanke begann mit einem Flüstern, doch er wurde lauter und lauter, bis er in ihrem Kopf schrie. Er war so laut, als hätten die Kriegerahnen ihr ins Ohr gebrüllt. Obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlug, fuhr sie die Krallen aus und stürzte sich ins Chaos.
Es brauchte nur eine Sekunde. Dann stieß ein fremder rauchschwarzer Kater heftig in ihre Flanke. Nachtpfote taumelte zur Seite, bemüht, ihr Gleichgewicht zu finden. Sie verlor den Halt auf der nassen, aufgewühlten Erde. Noch im selben Augenblick stürzte ihr Gegner vor. Er war viel größer als sie, aber Nachtpfote war gerade schnell genug, seinen Krallen auszuweichen und ihm kräftig die Zähne in den Hals zu schlagen. Der Fremde schrie auf, damit hatte er nicht gerechnet. Salziges Blut sickerte in Nachtpfotes Maul. Erschrocken ließ sie von ihrem Gegner ab und die beiden standen sich lauernd gegenüber.
Es war schwer ihn auszumachen, doch obwohl sein schwarzes Fell mit der Finsternis verschmolz, meinte Nachtpfote, ihn zu erkennen. Das musste Aschenherz, einer der stärksten Krieger des WurzelClans, sein. Mit aller Macht drückte sie ihre Pfoten in die Erde, um nicht davonzulaufen.
Aschenherz knurrte wütend. Blut tränkte das Fell an seiner Kehle und wurde vom Regen über seine Flanke gespült. Seine Pfote schoss vor, die Krallen bereit, sich in ihre Nase zu graben. Nachtpfote wich aus, aber sie stolperte im Schlamm und schlug auf den Boden. Bevor sie sich wieder aufrichten konnte, war der feindliche Krieger über ihr.
„Du wagst es, mich anzugreifen, mickrige Schülerin?!“, sagte er verächtlich, „Du hättest laufen sollen, als du noch die Gelegenheit dazu hattest.“
Nachtpfotes Hals brannte, als ein Knurren darin aufstieg. Eine plötzliche Welle des Zornes jagte ihre Angst einfach davon. Mit zusammengekniffenen grünen Augen funkelte sie zu Aschenherz hoch. „Ich bin eine Schülerin, aber ich werde meinen Clan verteidigen – wie ein Krieger, wenn es nötig ist!“
Mit einem Schlag ihrer Hinterpfoten stemmte sie ihren Gegner von sich und sprang auf, um erneut in den Kampf überzugehen. Doch plötzlich warf sich eine andere Katze zwischen sie und Aschenherz. Nachtpfote erkannte das goldbraune Fell sofort. Sie sah Krallen aufblitzen, nur eine Sekunde vor dem Schrei. Aschenherz wich hastig zurück, aber nicht schnell genug. Mit seinem ganzen Gewicht warf sich Messerzahn auf den schwarzen Kater. Der strampelte, um sich zu befreien, aber Messerzahn hielt ihn mit eiserner Tatze. Seine Klauen zogen tiefe Wunden über Aschenherz' entblößten Bauch. Mit einem wilden Kreischen bäumte der Krieger des WurzelClans sich auf, sein Blut spritzte über die Farnwedel. Messerzahn wich zurück und ließ den Feind entkommen. Erst dann wandte er sich an Nachtpfote.
„Komm mit mir!“, rief er ihr über den Lärm des Kampfes und des Gewitters zu.
Die kleine Katze zögerte. Es war, als hätte der Wind ihr die Angst aus dem Fell geblasen. Ihr war klar, dass sie sich eben gegen Aschenherz behauptet hatte. Sie hatte gegen einen Krieger gekämpft, der um Längen größer und stärker war als sie! Mit einem Mal war ihr schwindelig vor Kampfeslust. Die Vorstellung, für ihren Clan alles zu geben, ließ ihre Pfoten jucken.
Ich muss weiterkämpfen!, flüsterte es in ihr. Ich muss das Lager verteidigen!
Doch Messerzahn bemerkte ihr Zögern und senkte auffordernd seinen Kopf. Der goldbraune Kater musste sie nicht daran erinnern, dass er der Zweite Anführer des BlattClans war und sie nur die Schülerin. Er erteilte einen Befehl und sie musste gehorchen. Das Glühen seiner Bernsteinaugen duldete keine Widerrede. Also unterdrückte Nachtpfote ihr plötzliches Verlangen, sich erneut dem Kampf hinzugeben, und legte das Fell an. Widerwillig senkte sie den Blick und folgte ihm.
Messerzahn bahnte sich rücksichtslos einen Weg durch das Getümmel über die Lichtung. Nachtpfote versuchte, sich in seinem Schatten zu halten, und schlängelte sich durch das Gewühl aus Zähnen und funkelnden Augen. Obwohl der Mond von Gewitterwolken verschluckt worden war, konnte sie es sehen. Das Blut, das der Regen über die Erde jagte. Schemen von Katzen, die mit gierigen Fängen nacheinander schnappten. Pfoten, die hasserfüllt nach ihr langten. Nachtpfote jaulte auf. Zweimal war sie kurz davor, den goldbraunen Kater zwischen den zuckenden Körpern zu verlieren. Dann begann ihr Nackenfell plötzlich unheilvoll zu prickeln und ihr Herz stolperte vor Furcht, weil sie wieder klein war. Klein und unbedeutend; nur eine Schülerin. Mit angehaltenem Atem tauchte sie unter den Körpern zweier ringender und kratzender Krieger hindurch, ein feuchter Pelz stieß sie beiseite und brachte sie zum Straucheln. Der Zorn war verflogen wie heiße Luft. Die Nachtpfote, die noch eben gegen Aschenherz gekämpft hatte, war so schnell verschwunden wie sie gekommen war und die anschließende Euphorie wie weggewaschen. Jetzt hielt sie sich mit zitternden Flanken dicht an Messerzahns Schwanzspitze und wollte nur noch in ihr Nest kriechen.
Wie habe ich je denken können, ich wäre eine Kriegerin?
Immer schneller trommelten ihre Pfoten auf die Erde wie auf der Flucht vor sich selbst. Schließlich hatten sie und Messerzahn das andere Ende der Lichtung erreicht.
Der Kater brachte sie zu einer kleinen Höhle, die am Rand des Lagerwalls gut verborgen hinter mehreren Weißdornbüschen lag. Mit einem Schwanzschnippen bedeutete er Nachtpfote, sich dort zu verstecken. Unsicher kroch sie zurück und hob zu protestieren an, aber ein strenger Blick aus seinen dunkelgelben Augen ließ sie verstummen. Wortlos kehrte sie ihm den Rücken und zwängte sich in das Loch.
„Das ist kein Kampf für Schüler!“, drang Messerzahns Stimme noch durch das Gestrüpp herein, kurz darauf zeugten seine leiser werdenden Schritte davon, dass er sich erneut in die Schlacht begeben würde.
Ein Hauch Enttäuschung prickelte über Nachtpfotes Rücken. Der Geschmack von Blut in ihrem Maul ließ sie schaudern, aber sie erinnerte sich auch daran, wie großartig es gewesen war, den Respekt in Messerzahns Augen zu sehen, ungeachtet seiner strengen Worte.
Er weiß, dass ich ihn hätte schlagen können. Ich hätte Aschenherz schlagen können!
Ein kleiner Teil ihrer früheren Euphorie kehrte zurück. Einen Moment lang spielte sie mit dem Gedanken, Messerzahns Befehl zu missachten und sich Aschenherz erneut zu stellen. Ihre Muskeln zitterten noch immer, wenn sie sein hämisches schwarzes Gesicht vor sich sah. Aber die Eindrücke vom Schlachtfeld ließen sie innehalten. Außerdem wusste sie, dass sie damit ein hohes Risiko eingehen würde. Es gab Katzen in ihrem Clan, die nicht so leicht verziehen. Stattdessen richtete sie ihren Blick nach vorne; in den zwielichtigen Raum, der kaum vom Schein des Mondes erleuchtet wurde. Sie war nicht allein. Katzen hockten dort im Schutz der Dunkelheit.
Nachtpfote kniff die Augen zusammen und erkannte Klettenpfote, Tannenpfote und Wüstenpfote, die anderen Schüler des BlattClans. Und fast von den Schatten verschluckt pressten sich die Gestalten zweier weiterer Katzen an die nasse Höhlenwand. Es musste sich um die Ältesten Mottenfuß und Halbschweif handeln. Ein mulmiges Gefühl regte sich in Nachtpfotes Hinterkopf, als sie sah, dass Schlitzohr fehlte.
Über den kalten Boden tappte Nachtpfote zu den anderen Schülern und ließ sich neben Tannenpfote nieder. Der junge Kater warf ihr einen flackernden, erleichterten Blick zu. „Nachtpfote! Geht es dir gut? Ich habe mir Sorgen um dich gemacht!“
Nachtpfote senkte den Kopf vor Verlegenheit. „Ich bin okay. Wirklich.“ Wasser troff aus ihrem Pelz.
Tannenpfote seufzte und zog nervös seine Krallen über die Erde. „Es ist so schlimm da draußen. Ich…hatte nicht erwartet, dass es so sein würde.“ Seine Stimme war nur ein raues Flüstern.
Nachtpfote schluckte. Die Zweige des Weißdorns konnten das Kreischen, das von der Lichtung herkam, nicht dämpfen.
Es ist auch sein erster Kampf, dachte sie. Vorsichtig schaute sie aus den Augenwinkeln zu ihm herüber. Er war älter und größer als sie. Im Augenblick war sein grüngraues Fell mit Dreck und Staub beschmutzt und Kratzer zogen sich quer über seine Flanke.
Sehe ich auch so aus?
„Ich war draußen, bevor Messerzahn mich weggeschickt hat“, raunte Tannenpfote ohne auf eine Antwort zu warten. Selbst im fahlen Licht, das durch den Höhleneingang fiel, konnte Nachtpfote noch die Angst sehen, die in seinem Gesicht stand. „Haben wir überhaupt eine Chance?“
Auf seine Worte folgte eine ängstliche Stille. Nachtpfote spürte, dass sich die Katzen in der Dunkelheit enger an die Steinwände pressten. Sie schluckte erneut, aber der metallische Geschmack in ihrem Maul blieb.
„Wir schaffen das“, sagte sie und wusste, wie mäusehirnig sie klang. „Morgenstern wird nicht zulassen, dass uns etwas geschieht.“
Tannenpfote schwieg.
Bevor Nachtpfote noch etwas anfügen konnte, schob sich eine Gestalt durch den Weißdorn. Blattsprenkel stürzte in die Höhle, die Schnauze rot vor Blut, das Fell hoffnungslos zerzaust. Ihre Worte waren nicht mehr als ein Keuchen, aber in der Höhle klangen sie so laut, dass die anwesenden Katzen zusammenschraken.
„Es sind zu viele!“ Blattsprenkel schnappte heftig nach Luft. „Wir ziehen uns zurück! Befehl von Morgenstern!“
Nachtpfote hörte das Blut in ihren Ohren rauschen. Mit einem Satz war sie auf den Beinen. Auch Tannenpfote und die anderen sprangen auf. Mottenfuß schob sich vor. „Zurückziehen? Wohin denn?“
Halbschweif legte ihre Ohren an und fauchte: „Aber wir können doch nicht einfach aufgeben!“
Blattsprenkel warf den Ältesten einen traurigen Blick zu. „Wir haben keine Wahl.“ In der nächsten Sekunde wirbelte die Kriegerin herum und zwängte sich durch die Büsche zurück auf die Lichtung.
Nachtpfote fühlte ihre Welt zusammenbrechen. Sie schwankte und sah ihre eigene Angst in den Gesichtern der anderen gespiegelt. Ein, zwei Herzschläge standen sie wie gefroren. Dann rührte sich Mottenfuß. Mit schweren Schritten tappte er Richtung Höhleneingang und zog sich hinaus. Sobald der alte Kater verschwunden war, folgten Halbschweif und Klettenpfote ihm zögernd.
Eine warme Schulter stützte sie, bevor Nachtpfotes Beine unter ihr nachgeben konnten.
„Komm schon, du schaffst das.“
Tannenpfotes Stimme war überraschend ruhig. Sanft schob er sie vorwärts und sein Atem ließ ihre Schnurrhaare beben. Sie zitterte, aber mit seiner Hilfe schaffte sie es, sich aufrecht zu halten. Als Klettenpfote draußen war, zwängte sich Nachtpfote durch das Loch.
Kalter Regen schlug ihnen ins Gesicht. Dicht an Tannenpfotes Seite stürmte die schwarze Kätzin los über das blutbefleckte Gras. Augenblicklich waren sie wieder von schlagenden und schnappenden Kriegern umgeben, aber Nachtpfote sah nicht ein einziges Mal hoch. Den Blick fest auf ihre wirbelnden Beine gerichtet rannte sie, bis sie den Dornentunnel erreichte. Hastig kämpften sie und ihre Clangefährten sich durch das Gestrüpp aus dem Lager. Schreie verfolgten sie noch bis in den flüsternden Wald.
Sobald sie dichtes Buschwerk erreicht hatte, drosselte Blattsprenkel ihr Tempo. Sie wartete, bis auch die letzte Katze aufgeholt hatte, dann schnippte sie energisch mit ihrem Schwanz. „Ihr bleibt hier, verstanden?“, knurrte sie mit finsterem Blick. „Ihr versteckt euch und nehmt euch vor feindlichen Kriegern in Acht. Ich komme wieder, sobald ich kann.“
Nachtpfote trat vor, aber Blattsprenkel stoppte sie mit einem entschlossenen Blick. „Keine Ausnahme“, betonte sie. „Ihr tut, was ich sage.“
Und schon machte sie kehrt und lief den Weg zurück, den sie gekommen waren.
Nachtpfote wurde bang ums Herz, als die Kriegerin verschwand. Plötzlich war sie umgeben von schwarzen Schatten, die das Mondlicht nicht durchdrang. Die Nacht wurde zu flimmernden Katzengestalten, die sie aus glühenden Augen beobachteten. Vor Angst drückte sie sich fest auf den Boden.
Auch den anderen sträubte sich vor Furcht das Nackenfell. Allein Mottenfuß blieb ruhig. „Folgt mir“, raunte er, „Hier sind wir zu ungeschützt.“
Auf Samtpfoten trabte der rostrote Kater in den Wald hinein, die anderen dicht hinter sich. Nachtpfote musste ihre Tatzen zwingen, sich zu bewegen, bis sie eine geschützte Stelle gefunden hatten. Dort kauerte die Schülerin sich in hartes Gras, eng an Tannenpfotes Flanke gepresst. Klettenpfote und Wüstenpfote hockten auf seiner anderen Seite und die Ältesten versteckten sich zwei Katzenlängen weiter unter einer Ginsterhecke. Der Herbstwind wühlte durch ihr Fell und Nachtpfote fürchtete die Dunkelheit, die sich nach ihr ausstreckte. Die Augen zu Schlitzen verengt konzentrierte sie sich ganz auf Tannenpfotes leise Atemzüge und wartete.
Keiner von ihnen brachte ein Wort heraus. Auch aus dem BlattClanLager kamen jetzt keine Laute mehr. Stille hatte sich wieder über den Wald gelegt, nur unterbrochen vom Prasseln des Regens und einem gelegentlichen Donnergrollen. Wann immer ein vom Wind bewegter Zweig ihren Pelz streifte, zuckte Nachtpfote zusammen. Bald waren ihre Pfoten taub und Kälte kroch ihr in die Glieder. Ihr Atem schickte schwache Dampfwölkchen in die Höhe. Sie ächzte, reckte sich und versuchte einen Blick Richtung Dornentunnel zu erhaschen.
Was passiert da drinnen?
Aber die tiefschwarze Hecke wollte ihr keine Antwort geben.
Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als sich auf der Lichtung tiefe Schreie erhoben. Dann knackte es im Unterholz und endlich strömten die Krieger des BlattClans ins Freie. Der Boden vibrierte unter ihren Tatzen, dutzende Pelze streiften durch das Laub und verschwanden in der Dunkelheit.
Nachtpfotes müder Körper protestierte, als sie sich aus dem Gras stemmte. Mit Tannenpfote und den anderen verließ sie das Versteck, um sich ihrem Clan anzuschließen. Die Katzen drängten sich verwirrt zusammen wie eine dunkle Wolke und Morgenstern, die Anführerin, nahm ihren Platz an der Spitze ein. Auf ihr Zeichen hin tauchten sie alle ins Dickicht.
Die Krieger begannen zu laufen, wie sie noch nie gelaufen waren. Nachtpfote hetzte durch den Wald und ließ ihre tauben Glieder schmerzhaft auf die Erde schlagen. Sie konnte nur schwerlich sehen, doch ihre Ohren folgten den Geräuschen der Pfoten, die durch das Laub wirbelten. Ab und zu leuchtete ein Pelz wie eine sterbende Flamme im Mondlicht auf. Bemüht Tannenpfote nicht zu verlieren, jagte Nachtpfote weiter. Ihr Atem ging so laut, dass sie kaum noch etwas anderes hörte. Der nasse Boden ließ sie stolpern und ihre Pfoten wollten sich einfach nicht mehr richtig bewegen. Sie spürte, dass sie zurückfiel. Dunkle Zweige wirbelten an ihr vorüber.
Sie schlug einen Haken um eine dicke Eichenwurzel und hob an, nach Tannenpfote zu rufen. In dem Augenblick stach ihr ein Ast aus der Dunkelheit entgegen. Das Laub spritzte auf, sie warf sich zur Seite. Scharfe Zweige peitschten ihr ins Gesicht und mit einem erstickten Schrei stürzte sie zu Boden.
Einige Herzschläge lang war ihr Kopf erfüllt vom Rauschen ihres eigenen Blutes. Als sie aufblickte, war ihr Clan schon im Buschwerk verschwunden. Die Brombeeren schaukelten kurz, dann lagen sie still.
Mit einem Stöhnen rappelte Nachtpfote sich auf. Ihre Schnauze pochte, aber sonst schien sie unverletzt. Schlamm klebte an ihrem Körper. Sie legte den Kopf schief und lauschte. Die Feinde waren nicht weit. Zweige brachen unter ihren Klauen, als sie die Verfolgung der flüchtenden Katzen aufnahmen. Sie bemühten sich nicht einmal, leise zu sein. Nachtpfote sträubte sich das Fell. Die finsteren Krieger würden bald da sein.
Instinktiv spannten sich ihre Beine, bereit für den schnellsten Lauf ihres Lebens. Die Angst saß so fest in ihrer Brust, dass ihr die Luft wegblieb. Doch obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlug, hielt sie sich zurück. Die Krallen fest in die Erde gebohrt verharrte sie. Es war zu spät. Das Kichern und Schnappen von Zapfensterns Katzen erklang viel zu nah, nur wenige Sprünge entfernt. Wenn sie jetzt rannte, würde man sie sicher entdecken. Und Nachtpfote wollte sich nicht ausmalen, was die Feinde mit ihr anstellen könnten.
Vorsichtig trat sie einen, dann zwei Schritte zurück ins schützende Dickicht. Der Ast einer Buche hing tief über ihrem Pelz.
Haben sie mich schon gesehen?
Mit angehaltenem Atem starrte sie in den Wald. Es war, als würde er zurückstarren. Sie prüfte die Luft, aber wie es schien, hatte sie Glück und war noch nicht entdeckt worden. Pfoten donnerten nur wenige Schwanzlängen entfernt an ihr vorbei, sie hielten nicht inne. Fest in das Dickicht gedrückt wartete Nachtpfote, bis der Lärm verklungen war. Die flüsternden Äste hielten ihr braunschwarzes Fell verborgen.
Laub raschelte unter ihren Zehen, als sie schließlich das Versteck verließ und den vom Regen schwachen Duftspuren ihrer Clangefährten folgte.

Notes:

Danke fürs Lesen :)
Falls dir das erste Kapitel gefallen hat, lass mich gerne deine Gedanken dazu wissen, bin gespannt!