Chapter Text
„Ich geh zu Noah.“
Colin steht auf, schnappt sich den Behälter mit den Aromen und geht Richtung Internat. Er kann es allerdings nicht lassen, nochmal über die Schulter auf Julia zurückzublicken. Ihr Verhalten ist etwas seltsam, das stimmt, aber hey, es ist Julia! Die schaut bestimmt nur zu Avas Bruder auf und ist nervös, dass er tatsächlich kommt und in Noahs Film mitspielt. Kein Grund zur Sorge. Er würde Patrick und Julia die ganze Zeit vor der Kamera haben und könnte sie erden, wenn sie abzuheben droht. Nichts leichter als das.
Er erinnert sich an das letzte Jahr zurück, in dem er mit Julia tatsächlich zusammen war. Das kommt ihm heute wie eine ihrer lustigen Sandkastengeschichten vor, aber nicht wie etwas, das letztes Jahr passiert ist. Seitdem ist etwas geschehen, das seinen Blick auf die Beziehung mit Julia nochmal radikal verändert hat. Ein Ereignis, das eine verborgene Erkenntnis freigelegt hat.
Natürlich Noah. Was auch sonst?
Erst hatte Julia getönt, dass ein Theaterkuss nicht echt ist, dass ein Theaterkuss also auch nichts ändern kann und nichts ändern wird. Dann ist ihr aufgefallen, dass der Kuss doch etwas bei ihr getan hat. Colin hatte gehofft, dass sich seine romantischen Gefühle für Julia noch zeigen würden. Das er es nur schaffen müsste, sie in ihrer Freundschaft verborgen zu finden. Er hat einige Zeit, ein komisches Kinodate und einige nicht wirklich gute Liebeserklärungen gebraucht, um zu bemerken, dass er Julia doch wie eine kleine Schwester betrachtete. Dass das für Colin dennoch eine Art von Liebe war, war für sie beide selbstverständlich.
Er konnte nicht erklären, was Noah im Nachhinein daran geändert hat. Dass er seine beste Freundin wie eine Schwester betrachtete, war gleich geblieben. Wenn Colin mit Fenchellimo dazu gezwungen würde, zu erklären, was seit Noah anders ist, dann müsste er zugeben: Er hat sich nicht nur einfach in Noah verliebt. Das, was er in Noah sieht, hatte er in Julia nie gesehen. Während er Julia tatsächlich kennt wie niemanden sonst, ist Noah eine Gleichung mit einem Haufen Unbekannter; ein Programm, das funktioniert, obwohl der Programmierer nicht weiß, wieso.
Jemand, bei dem jedes Wort, jede Geste, jede Berührung einen Unterschied macht.
Vor ihrem gemeinsamen Zimmer angekommen, weiß Colin wie so oft nicht, was ihn erwartet, wenn er die Tür öffnet (was aber nicht nur an einem seiner Mitbewohner liegt). Er wartet noch einen Moment, überlegt noch einmal, ob er auf alle Fälle vorbereitet ist (was er gar nicht sein kann) und geht hinein.
Noah hockt in der Nähe seines Bettes und sucht offensichtlich etwas.
„Hey“, macht Colin auf sich aufmerksam.
Ohne sich von seiner Suche ablenken zu lassen, sagt er „Hi Colin.“ Jetzt herrscht wieder Stille im Raum. Nur das Rascheln von Papier ist zu hören. Colin tritt näher heran und schaut Noah interessiert über die linke Schulter. Er trägt über seinen Sachen eine Schütze und vor Noah liegt ein großer Stapel mit losen Blättern, College-Blöcken, gebundenen Notizbüchern und allem, worin Noah sonst noch so schreiben könnte. (Er erkennt auch tatsächlich Noahs Schrift.)
Colin hat nicht gewusst, dass Noah der Typ ist, der sich Notizen macht und allgemein seine Gedanken aufschreibt. So unähnlich sind sich Joel und Noah gar nicht, denkt er dabei unweigerlich.
„Was suchst du da eigentlich? Vielleicht kann ich helfen.“
Nach einer Weile antwortet Noah: „Erzähl bloß Joel nicht hiervon!“
Noah kann Colin nicht sehen und doch hat er gelernt, Colins stummes Lächeln zu spüren. Er hat nie irgendeine Andeutung darauf gemacht. Er müsste sonst erklären, wie er das macht, wie er das wissen kann. Und seine beste, seine irgendwie normalste Erklärung wäre, dass ziemlich einfach zu durchschauen ist, worüber Colin zumindest lächelt. Immerhin ist Colins ganzer Humor ziemlich durchschaubar. Wenn sein blonder Mitbewohner Colin nicht abgewandt auf dem Boden hocken würde, würde er sehen können, dass sich Noahs Mundwinkel ebenso leicht nach oben bewegt haben. Na und? Dann findet Noah Colins Lächeln eben ansteckend. Das ist doch ganz normal.
„Ich suche das Rezept für Kunstblut, das ich mal aufgeschrieben habe. Aber ich finde es nirgendwo.“
Entnervt lässt Noah einen Stapel Papier auf den Boden fallen, der protestierend raschelt.
„Ich weiß nicht mehr, womit in dem Rezept die Konsistenz korrigiert wird. Damit es nicht klumpt und so.“
Noahs Stimme verrät Colin, dass er genervt ist, dass das mit dem Kunstblut nicht funktioniert. Instinktiv möchte Colin ihn in den Arm nehmen, um seinen Stress abzubauen. Die Nähe, die Berührung, das alles würde Colin natürlich auch gefallen. Sein Bauchgefühl sagt ihm aber, dass er Noah helfen sollte, eine Lösung zu finden.
Eine Lösung …
„Wie wärs mit Spülmittel? Das müsste die Homogenität erhöhen und eigentlich Verklumpung verhindern.“
Noah ist stumm und scheint darüber nachzudenken. Dann rappelt er sich auf und steht jetzt mit dem Rücken zu Colin.
„Spülmittel! Ich glaub, das war’s! Joel hatte Recht. Du bist ein Jackpot!“
Im nächsten Moment dreht sich Noah zu Colin um und Colin ist in der ersten Sekunde so erschrocken, dass er einen kleinen Schritt zurückweicht. Erst im nächsten Moment setzt sein Verstand wieder ein und er kann den Anblick verarbeiten. Noah hat ein Rezept für Kunstblut gesucht. Also wird das auf der Schürze auch kein echtes Blut sein. Dann sickert in seinen Kopf: Du bist ein Jackpot. Aus Noahs Perspektive muss es faszinierend zu beobachten sein, wie die Farbe aus Colins Gesicht kurz verschwand, nur um jetzt mit erhöhter Intensität zurückzukehren. Er kann gar nicht anders als Colin anzulächeln.
„Wenn ich nicht wüsste, dass das Kunstblut ist, dann –.“
„Wusstest du nicht.“ Das Grinsen auf Noahs Gesicht ist eindeutig auch in seiner Stimme hörbar. Und wieder fällt Colin auf, wie unglaublich gern er dieses Lächeln hat. Er macht einen, nein, zwei Schritte auf Noah zu und will dieses Lächeln aus nächster Nähe betrachten. Es für immer abspeichern. Man kann nie wissen, wann er es zum nächsten Mal zu sehen bekommt.
„Halt, warte!“ Noah lässt seine Hand nach vorn schnellen und legt sie bestimmt auf Colins Brust. „Das Kunstblut. Das kriegst du nie wieder aus den Sachen raus.“
Beide tun nichts dagegen, dass Noahs Hand auf Colin liegen bleibt. Colin wäre gern noch ein Stück näher gekommen, aber das hier ist auch gut.
„Wenn ich nicht wüsste, dass das Kunstblut ist, dann würde ich denken, dass du doch unter die Serienmörder gegangen bist“, flüstert Colin, denn eine höhere Lautstärke ist gar nicht notwendig. Noahs Hand, die Colin von seiner Schürze abhält, ist nur wenige Zentimeter davon entfernt.
„Tja“, antwortet Noah nach einem Moment mit düsterer Stimme, „irgendwann machst du immer zum letzten Mal Yoga.“
Nach einem kurzen Zögern kann Colin, sich nicht mehr wehren, darüber zu lachen. Er weiß inzwischen, dass Noah Joel kein Haar krümmen würde, dass der Junge, der gerade nur wenige Zentimeter vor ihm steht, ihren gemeinsamen Mitbewohner sogar irgendwie schätzt. Noah hat sich von Colin anstecken lassen und lacht mit ihm. Das fühlt sich so warm und nah an, dass Colin am liebsten –.
„Sag mal, warum riechst du eigentlich nach Döner?“
„Was?“ Colin stutzt, als ob Noah ihn aus einem Tagtraum aufgeweckt hätte. Weit davon entfernt war er auch nicht.
„Du riechst“, klärt Noah auf und zieht die Luft ganz eindeutig durch die Nase ein, womit er so ein bisschen wie Freddy aussieht, „nach Döner. Sorry, ich kann das nicht anders beschreiben.“
Jetzt fällt Colin wieder ein, was Noah meint. Seine rechte Hand hielt bis jetzt den Behälter mit den Aromen für den JC400 und seine Haare riechen nach geröstetem Fleisch, aber sein gedanklicher Fokus lag bis jetzt nur auf Noah und seiner Situation.
„Das liegt an einem der Aromen für den 4D-Stuhl, die ich bestellt hab. Hier.“
Colin merkt, dass er Noah die kleine Kiste mit den Aromen, den er seitlich neben Noahs Körper hält, so nicht zeigen kann. Er würde nicht mal richtig zwischen uns passen, damit Noah ihn richtig sehen kann, denkt Colin und wird wieder rot. Er tritt ein paar kleine Schritte nach hinten, nur so weit wie erforderlich, damit Noah einen Eindruck von den Aromen bekommen kann.
„Und warum hast du dir das Zeug dann auf den Kopf gekippt?“ Noah wirkt gut gelaunt und ehrlich interessiert daran.
„Ich wollte Julia eigentlich zu ‘ner Challenge bewegen“, erklärt Colin und seufzt, „aber die hat die ganze Zeit nur Avas Bruder im Kopf.“
Noah sieht Colin mit gerunzelter Stirn an und schweigt.
Wenn ich doch nur wüsste, was du gerade denkst. Wenn Colin Noahs Gedanken lesen könnte, wüsste er, dass Noah kurz davor war zu sagen, dass er sich total darauf freut, dass Patrick persönlich die Hauptrolle in seinem Film spielen will, dass ihn aber Colins enttäuschtes Seufzen davon abgehalten hat. Er würde Colin nie das Gefühl geben wollen, dass der Einzige, der sich für ihn interessiert, Joel ist. Denn das würde nur dazu führen, dass Joel denkt, er könne sich alles von Colin wünschen. Irgendwann fliegt der Sessel zum Mars, wenn Colin und Joel so weitermachen.
„Und dass du nach Döner riechst, hat ihre Aufmerksamkeit auch nicht auf dich gezogen?“ Noah schmunzelt über seinen eigenen Witz, was Colin darüber hinweg trösten kann, dass er sich eigentlich über ihn lustig macht. Noah, das ist Colin irgendwann klar geworden, zeigt vielen Menschen kaum Emotionen oder ein Lächeln. Er lacht auch nicht über viele Witze. Colin fühlt sich geehrt, dass er das Lächeln in letzter Zeit so oft sehen darf. Das und seine unbedingte Liebe, die er für Freddy empfindet, machen Noah für ihn attraktiv. Und es hat etwas zu bedeuten, dass er diese Momente so oft nur mit ihm teilt, da ist sich Colin sicher.
Noah greift im nächsten Moment nach dem Gefäß mit den Aromen und sie halten es im nächsten Moment beide. Colin muss sich ein Seufzen verkneifen, als er das sieht, aber Noahs Hand nicht spürt. Hättest du mich nicht ganz unabsichtlich berühren können?
„Darf ich mal?“
Colin lässt das Behältnis los und sieht zu, wie Noah nacheinander die Flaschen aus der Box zieht, nur um mit einem Stirnrunzeln zu merken, dass die Aromen nicht auf der Flasche stehen.
„Nur Joel und du bekommt es hin, für so etwas Flaschen zu besorgen, auf denen die Gerüche nicht draufstehen.“
Noah malt mit der freien Hand den Himmel seiner Filmszene in die Luft und improvisiert die Szenenbeschreibung. „Nacht. Shaya rennt panisch durch den Wald, auf der Suche nach Laros. Eine Eule ist zu hören. In der Umgebung nimmt Shaya den Duft des Waldes wahr …“ Noah macht eine dramatische Pause, hebt die Box mit den Aromenflaschen auf die Höhe seines Gesichts und verrät ihr wie Hamlet dem Totenschädel Yoricks den Duft des Waldes: „Piña Colada.“
Die Jungs lachen zum zweiten Mal laut und ausgelassen miteinander, ohne zu wissen, wie lange sie das nicht tun würden.
Noah geht zum Schreibtisch, stellt die Kiste ab und sucht sich wahllos eine der Flaschen heraus. Er öffnet sie und riecht an ihr, was auf Colin professionell wirkt. Aber möglicherweise wirkt alles, was Noah tut, auf Colin professionell.
„Hm… Brokkoli?“ Er hält seinem Mitbewohner die Flasche hin, der daran riecht.
„Scheint so.“
„Joel wird begeistert sein“, sagt Noah sarkastisch, stellt den Brokkoli-Duft wieder in die Box und schnappt sich die nächste Flasche und schraubt auch die auf.
„Oh.“ Der Blonde riecht noch einmal genüsslich an der Flasche. Colins fragenden Blick beantwortet er mit: „Käsekuchen. Den mag ich.“ Er riecht nochmal daran.
„Du erlaubst?“, fragt er, und bevor Colin fragen kann, was er erlauben soll, hat sich Noah das flüssige Zeug mit dem Käsekuchen-Geruch über den Kopf geschüttet.
Colin macht einen zugleich irritierten und interessierten Gesichtsausdruck, aber er kann ganz deutlich den Käsekuchengeruch wahrnehmen, der von Noah ausgeht.
„Na toll. Wenn Joel jetzt reinkommt, bringen wir ihn bestimmt auf eine neue Geschäftsidee“, meint Colin lächelnd.
„Du meinst, einen Imbiss für Döner und Käsekuchen? Könnte mir gefallen“, denkt Noah laut.
„Aber nicht geführt von Joel. Das einzige Getränk, das du da bekämst, wäre Fenchellimonade.“
Das können beide nicht wollen.
Im nächsten Moment bekommt Noah eine Nachricht auf seinem Handy. Er zieht es aus der Tasche und lässt dabei ein wenig Käsekuchen-Aroma auf den Boden tropfen, hat das aber wohl nicht bemerkt.
„Oh, tut mir leid. Ich muss los“, sagt Noah, nachdem er die Nachricht gelesen hat. „Ava schneidet rote Beete und wartet auf Hilfe.“
Zuerst kann Noah in Colins Blick klare Enttäuschung wahrnehmen. Dann klart sich Colins Blick auf und er lächelt Noah an.
„Dann lass Ava mal nicht warten. Du solltest immerhin als der große Regisseur deine Crew unterstützen!“, spricht Colin dem Blonden Mut zu.
„Na, wenn du meinst.“ Noah ist anzusehen, dass er mindestens genauso gerne hier mit Colin abhängen würde.
„Jepp, das meine ich. Nachher ist Ava noch auf mich sauer, weil ich dich aufgehalten hab“, überlegt Colin, erhält aber prompt Noahs Widerspruch.
„Das würde sie sich nicht trauen.“
Als sie beide schon zur Tür gegangen sind und Colin sie gentleman-like für Noah geöffnet hat (mit theatralischer Verbeugung, für die er erneut ein Schmunzeln kassiert hat), traut sich Colin zu erwidern: „Da verlass dich mal nicht drauf.“
Als Noah schon auf dem Flur ist, ruft Colin ihm nochmal nach: „Noah?“
Noah dreht sich nochmal zu Colin rum, der im Türrahmen steht und ihn ansieht.
„Danke für …“ Er schüttet sich stumm eine imaginäre Aromaflasche über seinen nach Döner riechenden Kopf.
Noah lächelt zum Abschied nochmal leicht und sagt: „Ein guter Regisseur unterstützt seine Crew. Und danke für den Tipp mit dem Spülmittel.“ Dann dreht er sich wieder um und geht.
Auf dem Weg zur Küche kommt Noah am Aufenthaltsraum vorbei, wo Massuda, Annika und Nesrin irgendwas basteln. Noah ist in Gedanken eigentlich noch in seinem Zimmer und vor allem bei Colin.
„Komm, mach mit!“, fordert Massuda ihn auf, aber er hat seinen Kameramann/besten Freund/? nicht verlassen, um hier für Fabienne was auch immer zu basteln.
„Ich kenn Fabienne gar nicht“, ist eine Ausrede, die nah genug an der Wahrheit liegt.
„Komm schon, etwas gute Laune sparklen!“, versucht sie Noah doch noch zu überreden.
Wenn du mich kennen würdest, wüsstest du, wie viel gute Laune ich gerade sparkle, denkt Noah, Schwester.
Als er sich nach vor beugt, um sich Massudas Bastelei – aus Mitleid natürlich – doch mal anzusehen, kann sie seinen Geruch wahrnehmen und fragt danach. Aber die einzigen, die er in die Geschehnisse einweihen würde, sind, wie Colin zuerst sagte, die Mitglieder seiner Crew.
„Mein Geheimnis“, sagt er und geht.
