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Eine sternenklare Nacht breitete sich über die Grand Line aus, wie eine Decke legte sich der dunkle Himmel über das Geschehen, der Mond reflektierte das Sonnenlicht und einzelne Sternschnuppen bahnten sich ihren Weg am Horizont entlang. Ruhe lag auf dem Ozean, eine friedliche Stille, unterbrochen von gelegentlichen Wellen und einzelnen Tieren, die einen kurzen Augenblick das heimatliche Nass verließen, nur um dann Sekunden später wieder in den dunklen Tiefen zu entschwinden. Lediglich eine Quelle der Unruhe war auszumachen, hell erleuchtet und voller Leben. Ein Schiff, stabil und in hoher Schiffsmannskunst gezimmert, schipperte langsam und gemächlich vor sich hin. Der Wind blies in die Segel, nicht zu langsam, aber auch nicht zu schnell. Eine angenehme Prise fegte über das Deck, fügte der warmen Temperatur eine erträgliche Note hinzu. Stolz und Frohsinn strahlte die Galionsfigur aus, ein Löwe, wie er stolzer nicht sein konnte. Trotz der einen oder anderen Reparatur, die er bereits über sich hatte ergehen lassen müssen, hatte sich sein Blick niemals getrübt, für alle Ewigkeit würde er nach vorne sehen, immer in die Richtung, in die der Wind ihn und das Schiff drehen würde.
Auch die Mannschaft war erfüllt von Stolz und Frohsinn, aber auch von Vorfreude, Angst, Übermut und Trauer. Noch immer konnten sie es nicht glauben, nicht vollständig erfassen, was sich ihnen am folgenden Tag eröffnen würde. Schon lange haben sie davon geträumt, es sich erhofft und dafür gekämpft, doch es sich wahrhaftig vorzustellen vermochte niemand von ihnen, immerhin wussten sie nicht, was genau sie erwarten würde. In welcher Form, in welcher Größe und in welchem Ausmaße das One Piece auf sie warten würde. War es ein Schatz? Eine geheime Waffe? Oder gar ein Königreich, versunken und verblichen in der Dunkelheit? Sie wussten es nicht und würden es vor dem nächsten Morgen nicht erfahren. Monatelang hatten sie gehofft, gebangt, geträumt und gekämpft – und nun lag alles, wofür die Piratenbande stand, vor ihnen. Die letzte Insel der Grandline, die letzte Insel der Neuen Welt, das Schlusslicht unter den Schlusslichtern: Unicon. Doch zuvor mussten sie die letzte Allee, den letzten Gang besegeln: Dead End. War man einmal in den geheimen Strom geraten, konnte man ihm nicht mehr so schnell entfliehen. Lange, sehr lange hatten sie das Dead End gesucht, ohne zu wissen, wonach sie genau Ausschau halten mussten. Die Entschlüsselung der Road-Porneglyphen war nur der Anfang gewesen, die Suche nach dem Dead End nur die Fortsetzung.
„Hey, Gold Roger hat es damals in das Dead End geschafft, also schaffen wir es auch!“, lautete die kraftvolle und von Optimismus getränkte Stimme ihres Kapitäns, welche auch die anderen mehr oder weniger ansteckte und sie ebenfalls frohen Mutes sein ließen. So auch in diesem Augenblick, umgeben von stiller Dunkelheit, nur unter der Beleuchtung des Decks, ließen sie den positiven wie auch den negativen Gefühlen ihren freien Lauf. Sie wussten nicht, wie es mit ihnen weitergehen würde, sobald sie das One Piece gefunden hatten, doch sie versuchten es sich nicht anmerken zu lassen. Lediglich die Tränen, die aus dem einen oder anderen Paar Augen strömten, ließen sich nicht mehr verhindern und im Nachhinein konnten sie nicht mehr sagen, ob es nun Tränen des Glücks oder Tränen der Trauer über einen möglichen, baldigen Abschied waren.
Weitaus mehr als Tränen floss auch der Rum, eine letzte Feier konnte sich die Crew der Thousand Sunny nicht nehmen lassen. Denn unabhängig vom Ausgang des morgigen Tages, des letzten Abenteuers, das sie womöglich in dieser Form als Crew zusammen erleben würden, wollten sie noch ein letztes Mal zusammen die Becher heben. Eine ausgelassene Stimmung hatte sich unter den feiernden Piraten ausgebreitet, die einen lauter als die anderen. Auch die üblichen Partyspielchen fanden ihren Weg in das Unterhaltungsprogramm und sorgten für eine lockere, fast schon nostalgische Stimmung. Die Vernunft wurde für einen Abend, eine Nacht ausgesperrt, wenn man von Namis Wettersinn absah, der stets bereit war, auf spontane Wetterumschwünge zu reagieren. Selbst sie feierte ausgelassen und lauschte der Musik, die Brook auf seiner geliebten Geige zum Besten gab. Sanji gab sich alle Mühe, seine Freunde kulinarisch zu verwöhnen, wobei er nach wie vor deutliche Präferenzen hatte, was die Verteilung der Speisen anhand der Qualität anging. Zwar würde er seiner Crew nie etwas geben, was ihrer Gesundheit oder ihrer allgemeinen Verfassung schaden würde, dennoch hob er die Crème de la Crème für die weiblichen Crewmitglieder auf, einer seiner wenigen Prinzipien, welchen er bis zu seinem Tod und möglicherweise auch darüber hinaus treu bleiben würde.
Direkt am Rande stand Robin und beobachtete mit einem Lächeln, wie auch einem Krug gefüllt mit Rum die ausgelassene Stimmung ihrer Freunde. Selbst sie hatte in ihren vielen Lebensjahren, die sie den meisten ihrer Freunde voraus war, niemals etwas vom Dead End erfahren. In keinem der Bücher, die sie in ihrer Kindheit oder darüber hinaus gelesen hatte, hatte die geheimnisvolle Strömung mit ihren seltsamen Formungen, Landstreifen und eigenen Temperaturen Erwähnung gefunden, nicht einmal in den Fußnoten oder Anmerkungen. Umso mehr erfreute es sie, dass sie nun vollkommen unbekanntes Terrain betraten, eine Erfahrung machten, wie sie vor ihnen nur eine einzige Piratenbande machen konnte. Zufrieden betrachte sie das lustige Gauklerspiel von Ruffy und Lysop. Beobachtete, wie Sanji Nami zu einem weiteren Cocktail überreden und ihr dafür den in seinen Augen für sie unpassenden Krug abnehmen wollte. Dass er dabei ohne Erfolg bleiben würde, war ihr bereits klar gewesen, bevor der junge Mann überhaupt seinen Mund geöffnet hatte.
„Nun sind wir also hier“, sagte sie leise vor sich hin, bevor sie sich selbst einen Ruck gab und die Wiese, die Szene verließ und sich stattdessen zur Aquarien-Bar begab, einen Ort, den sie alle sehr gerne in Anspruch nahmen, insbesondere in ihrer Freizeit. Der Hai, welcher einsam seine Runden in dem Wasser trieb, blieb ruhig am Boden liegen und zeigte sich wenig davon beeindruckt, dass sich jemand zu ihm in den Nachbarraum gesellte. Ein Blick auf die Couch verriet ihr, dass der Hai nicht ihre einzige Gesellschaft sein würde. Eine Hand in die Hüfte gestemmt, die andere den Krug haltend, musterte sie den jungen Mann. Sie lächelte ihn an und beschloss, sich neben ihm an die Couch zu stellen.
„Du überrascht mich, ich hätte gedacht, dass du den möglicherweise letzten Abend als Mitglied der Strohhutpiraten zusammen mit den anderen feiern würdest“, sagte sie und ließ sich neben ihm auf der Couch nieder. Er dagegen nahm sein Blick nicht von seinem Schwert, welches er sorgsam inspizierte und pflegte. Neben ihm seine zwei weiteren Schwerter, um welche er sich ebenfalls mit Herzblut gekümmert haben musste. Einige Minuten lang blieb er Robin eine Antwort schuldig, aber etwas anderes war sie von ihm nicht gewohnt. Sie wusste, wenn es um seine Schwerter ging, dann war er wie die Ruhe selbst, abgesehen von seinen täglichen Nickerchen und seinen Trainingseinheiten. Schließlich steckte er das Schwert in die dazugehörige Scheide weg und legte es zu den anderen. Doch auch jetzt machte er keine Anstalten, etwas auf die Worte Robins zu erwidern. Erst, als weitere fünfzehn Minuten vergangen waren, wandte er sich an Robin.
„Nun ja, mein Training habe ich bereits hinter mir und gegen einen guten Becher Rum kann ich nun wirklich nicht nein sagen“, sagte Zorro, blickte jedoch stur in die Richtung vor ihm, nicht eine Sekunde sah er zu Robin. Diese verstand. Nach einem kurzen Schluck stellte sie ihren Becher neben den des Schwertkämpfers, dann drehte sie ihren Körper zu dem seinen und musterte ihn. Die kurzen, grünen Haare, der muskulöse Oberkörper, die starken Arme und die Narbe, die sein verschlossenes Auge markierte. All das betrachtete sie und sie konnte es nicht genau festlegen, wann genau sie sich angefangen hatte für den Schwertkämpfer zu interessieren, aber es spielte am Ende des Tages keine Rolle für sie.
„Morgen wird es soweit sein. Wir werden Dead End beschreiten und Unicon ansegeln. Was denkst du, was wir dort sehen werden?“, befragte sie ihn, ohne sich sicher zu sein, ob sie überhaupt eine Antwort auf die Fragen hören wollte. Zorro zuckte mit den Schultern, noch immer mied er ihren Blick.
„Keine Ahnung, wer kann das schon sagen? Abgesehen davon hilft es nicht, jetzt noch groß darüber nachzudenken. Was auch immer das ist, hinter das unser Kapitän ist, wir werden es finden und es für ihn holen. Das sind wir ihm als Crewmitglieder schuldig, dass wir hinter ihm stehen und ihn bei seinen Träumen unterstützten.“
Er nahm seinen Krug und daraus einen kräftigen Schluck.
„Wer kann das schon sagen? Wie auch immer, ich möchte nicht über solche Dinge nachdenken … oder was denkst du, Nico Robin?“
Sein Krug fand wieder seinen Weg zurück zum Tisch, kaum hatte Zorro ihn dort abgestellt, begann er diesen zu fixieren, als müsste er ihn mit seinem Blick an den Tisch fesseln oder er würde wie durch Zauberhand beginnen durch den Raum zu schweben. Robin kicherte. Den Arm auf die Rückenlehne ruhend drehte sie sich noch mehr zu ihm um und betrachtete ihn stumm, aber auch mit einem amüsierten Lächeln im Gesicht.
„Was ich darüber denke, fragst du mich?“, hauchte sie so langsam sie konnte, was ihr einen kurzen Seitenblick ihres Gesprächspartners einbrachte. Robin richtete sich auf und legte die Hand an ihr Kinn, dass sie mit einem Mal eine ernste Note in ihren Dialog einzubringen schien, brachte den Schwertkämpfer mehr aus dem Konzept, als es ihm lieb war. Sie war nicht die einzige Person in seinem Leben, der das gelungen war und auch bei weitem nicht die erste Frau, doch sie war die Erste, bei der es ihn aufrichtig störte. So auch jetzt, er verschränkte seine Arme und fixierte den Krug intensiver. Er hoffte, darin eine gewisse Zerstreuung zu finden, wurde doch zu seinem Leidwesen nicht fündig.
„Nun, ich bin mir auch nicht sicher, was uns dort erwarten wird. Selbst auf den roten Porneglyphen war nicht verzeichnet, was wir auf Unicon oder allein auf dem Weg dorthin schon sehen werden. Zumal Gold Roger selbst lange nach der Zeit, als man die Porneglyphen beschriftet hatte, die Grand Line besegelte und das One Piece, was auch immer sein möge, dort versteckt hatte. Selbst seine wenigen Hinweise waren nicht gerade sehr … aufschlussreich, könnte man sagen.“
Fragend beobachtete Zorro sie mit seinem offenen Auge. Sein Blick verriet ihr, dass er sich nicht schlüssig war, was sie ihm damit zu sagen beabsichtige. Dennoch ließ sie sich einen Augenblick Zeit, bevor sie ihre Worte fortsetzte.
„Wie auch immer, es ist auch eigentlich gar nicht entscheidend, was wir dort auffinden werden – es wird einen immensen Einschnitt in unser Leben, wie wir es bisher kannten, haben. Wer weiß, was mit uns passiert, sobald Ruffy es geschafft hat, der zweite Piratenkönig zu werden? Möglicherweise finden wir noch mehr heraus, sobald wir das One Piece gefunden haben. Möglicherweise auch den Grund, weshalb sich Gold Roger selbst gestellt hatte? Konnte er den Schatz nicht selbst nutzen, oder wollte er es nicht? Oder war es eine Auswirkung davon? Das ist ziemlich … faszinierend, wenn du mich fragst.“
Amüsiert betrachtete sie weiterhin den Mann, der neben ihr saß und nach wie vor seine Konzentration auf den kleinen Krug aus Holz vor ihm richtete. Das Kinn an ihre Hand gestützt, rückte sie noch ein wenig näher an ihn heran, was seinen Blutdruck anregte. Seine Atmung steigerte sich kaum merklich und seine Wangen nahmen einen dezenten Hauch von Rosa an. Ein erneutes Lächeln konnte er von der Seite hören und er wünschte sich, sie würde nun endlich mit der Sprache herausrücken. Doch Robin bevorzugte es, den jungen Mann noch ein wenig zu quälen, bevor sie ihn anschließend erlösen würde.
„Sag mir“, sagte sie nach einer schieren Unendlichkeit, „was genau wirst du machen, wenn wir die Insel wieder verlassen? Mal angenommen, wir segeln zusammen weiter … oder auch nicht. Was wirst du dann tun?“, fragte sie ihn und sah ihn interessiert an. Zorro seufzte, allein seine hängenden Schultern verrieten, dass er um derartige Themen lieber keine Gedanken machen wollte. Doch er kannte Robin genauso gut wie sie ihn kannte und dass sie auf diese Frage gewiss eine Antwort erwarten würde.
„Nun ja“, begann er und versuchte in seinem Vorstellungsvermögen nach einer Antwort zu suchen.
„Dass wir uns trennen, ist möglich, aber ich denke nicht, dass es wirklich passieren wird. Sieh dir doch unsere Crew an, die sehen nicht so aus, als würden sie den Kapitän verlassen, nur, weil er an sein Ziel gekommen ist. So wie ich Ruffy kenne, wird er uns unbedingt dabei helfen wollen, unsere eigene Ziele ebenfalls zu erreichen.“
Er starrte auf seine Hände, ballte sie zu Fäuste und wandte seinen Blick gen Boden.
„Abgesehen davon hat sich meine Meinung nicht geändert. Ein Kapitän muss Stärke zeigen, aber seine Crew muss ihm Loyalität erweisen, sonst funktioniert es nicht. Sonst wird die gesamte Crew daran untergehen. Was wirft das für ein Licht auf jemanden, der einen verlässt, kurz, nachdem man das Ziel erreicht hat? Nein, so geht es nicht. Mein Ziel, der beste Schwertkämpfer aller Zeiten zu werden, werde ich erreichen, das weiß ich. Aber ich bin auch ein Pirat, ein Mitglied einer Crew und damit auch gewissen Regeln untergeordnet … ist es das, was du von mir hören wolltest?“
Kaum hatte er seine Frage ausgesprochen, zuckte er zusammen. Während er Robin einer seiner wichtigsten Prinzipien verraten hatte, war diese noch ein Stück näher gerückt, so dass gerade mal ein dünnes Blatt Papier zwischen die beiden gepasst hätte. Zorro schluckte, dies brachte ihn nun vollkommen aus dem Konzept. Überfordert sah er Robin an, doch diese sah ihn nur mit einem Lächeln an.
„Verstehe … ich kann mich erinnern, wie du das damals in Water Seven zu Ruffy gesagt hast, als es um Lysop ging. Als er zu unserer Bande zurückkehren wollte. Nun, das hatte ich mir bereits gedacht, etwas anderes hätte ich mir bei dir auch gar nicht vorstellen können. Was mich nun aber interessiert“, sagte sie amüsiert und beugte sich ein wenig zu ihm hinüber.
„Was mich nun wirklich interessiert, ist, wie es sonst noch bei dir so weitergehen wird. Abgesehen von deiner Zukunft in der Strohhutbande und deinem Stand in der Ranglisten aller bekannten Schwertkämpfer dieser Welt …“
Zorro wusste genau, worauf seine Teamkameradin hinauswollte und es raubte ihm die Sprache. Mit der Zunge fuhr er durch seinen trockenen Mund, er versuchte zu schlucken, doch sein Rachen versagte.
„Nun ja, um solche Dinge mache ich mir keine Gedanken, wenn ich ehrlich bin …“, dabei versuchte er ihren Blick zu erwidern, blieb jedoch an ihren Lippen hängen. Es war in den letzten Wochen des Öfteren vorgekommen, dass sie sich auf diese Art nähergekommen waren, dass es fast zu einem Kuss gekommen wäre, doch diverse Umstände hatten dafür gesorgt, dass es bei Einem ums Andere bei einem Beinahe-Kuss geblieben war. Doch während es Zorro jedes Mal verunsicherte, blieb Robin die Ruhe selbst. Möglicherweise war sie aber auch besser darin, ihre Unsicherheit zu verstecken, aber sicher konnte er es nicht bestimmen. Zu der gleichen Zeit hatte er begonnen, mehr in Robin zu sehen als eine robuste, starke Frau mit besonderen Kräften, dank der Teufelsfrucht, die sie in ihrer Kindheit verspeist hatte. Er sah ihre langen, schwarzen Haare; ihre sanften wie auch geheimnisvollen Augen und ihre wohlgeformte, weibliche Figur. Genauso spürte er ihre Blicke, wenn sie ihm beim Training beobachtete oder ihm bei ihren täglichen Aufgaben das eine oder andere Mal öfter ansah als die anderen. Es wunderte ihn im gleichen Maße, warum sich Sanji noch nicht über den Zustand geäußert hatte, dass ihm mehr von Robins Aufmerksamkeit zuteilwurde als dem Koch, doch dieser schien es entweder nicht zu bemerken oder zu verdrängen.
Mühsam zwang sich Zorro, den Blick von seiner Kameradin und Freundin zu nehmen, was ihm jedoch schwerer fiel, als er erwartet hatte. Erneut konnte er ein heiteres Kichern ihrerseits vernehmen.
„Bist du dir da auch sicher?“, fragte sie ihn mit einer Stimme, die sinnlicher nicht hätte sein können. Das Rosa in Zorros Wangen verdunkelte sich um einen Ton, er spürte zwei Hände, die sich sachte um sein Gesicht legten und es zurück in ihre Richtung drehte. Ihre Augen blickten in das seine, nur wenig trennte ihre Nasenspitzen voneinander. Noch immer hatte Robin ihr typisches Lächeln auf den Lippen, etwas, was Zorro gleichermaßen beruhigte, wie auch aus der Fassung brachte. Das gemischte Gefühl in seiner Magengegend verwirrte ihn. Er drehte sich mit seinem Oberkörper zu ihr, um eine gemütlichere Sitzposition zu finden, doch gleichzeitig verkürzte es ihre ohnehin schon geringe Distanz zueinander.
„Was machst du da … mit mir?“, fragte er schwach, so schwach, dass er sich nicht einmal sicher war, ob diese Worte seinen Mund überhaupt verlassen hatten oder bereits im Hals auf dem Weg zu seinen Lippen abgestorben waren. Langsam fuhr Robin mit einem ihrer Finger über seine Lippen, ein Kribbeln breitete sich in seinem Nacken aus. Das Fluchtbedürfnis seiner Beine stieg weiterhin an, doch seine Neugierde zwang ihn an Ort und Stelle zu bleiben.
„Du musst mir heute keine Antwort geben, wir haben noch alle Zeit der Welt, Lorenor Zorro“, hauchte sie ihm ins Ohr, kaum hatte sie ihren Kopf an seinem vorbeigeschoben. Eine Welle an Schauern lief seinen Nacken entlang und suchte sich ihren Weg seinen Rücken hinunter. Kaum hatte sie ihren Kopf wieder zurückgezogen, hielt sie ihn leicht schräg, lächelte ihn und sah ihm tief in sein Auge. Er hatte das Gefühl, in ihnen zu versinken wie ein Teufelskraftnutzer im Ozean, ohne die Möglichkeit sich zu bewegen und mit der Vorahnung, in wenigen Augenblicken zu ertrinken. Zufrieden blickte ihn Robin an und näherte sich ihm zum zweiten Mal. Unsicher, wie er reagieren sollte, schloss Zorro sein Auge, es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis er einen sanften, aber bestimmten Druck auf seinen Lippen spürte. Lippen, so sanft wie die schönsten Wolken, die Skypia während ihres doch recht kurzen Aufenthalts zu bieten hatte, berührten die seine. Ein warmes Gefühl strömte aus seiner Körpermitte und durchflutete ihn bis in die tiefste Haarspitze, den längsten Fingernagel, den kleinsten Zeh. Nur mit Mühe unterdrückte er das Bedürfnis, sie in irgendeiner Form näher an sich zu drücken, mehr von ihr zu spüren und sie länger zu küssen. Viel zu schnell für seinen Geschmack lösten sich die Lippen wieder von ihm, verdutzt öffnete er seine Augen. Dass sie ihn mit einem Kuss so überrumpeln konnte, überraschte ihn, jedoch hätte er nicht behaupten können, dass er ihn nicht genossen hat. Seine nun erhitzten Wangen versuchte er zu ignorieren, so gut es ihm gelang. Robin war dagegen die Ruhe selbst, doch wie viel davon gespielt war, konnte er in diesem Moment nicht feststellen.
Mühsam öffnete er den Mund, er hatte das Gefühl, als müsste er etwas zu dem Kuss erwidern, doch wieder landete Robins Finger auf seinen Lippen, stoppten ihm von jedem Gedanken, den er zu nun äußern versuchen wollte. Lächelnd schüttelte sie den Kopf.
„Worte sind unnötig, mein Lieber. Glaube mir, manche Dinge bleiben lieber unausgesprochen.“
Sie zwinkerte ihm zu, ließ ihre zusätzlichen Hände verschwinden und stand von der Couch auf. Kaum hatte sie sich ein paar Schritte zur Türe entfernt, drehte sie sich um und sah Zorro erwartungsvoll.
„Was meinst du, sollten wir den anderen draußen nicht doch ein wenig Gesellschaft leisten? Immerhin haben wir kaum noch was zum Trinken, unsere Krüge sind so gut wie leer und das wäre doch an einem Abend wie diesem doch eine Verschwendung, wenn man diesen Umstand nicht auszunutzen wüsste, ist es nicht so?“
Diese Frau … was macht sie nur mit mir?, fragte sich der junge Schwertkämpfer. Schnell fuhr er sich mit der Zunge über die Lippen, noch immer konnte er die ihren auf den seinigen spüren.
Ich darf mich von ihr nicht so einlullen lassen … sie darf nicht die Kontrolle gewinnen.
Doch tief etwas in ihm verriet, dass es dafür nun zu spät war. Dass sie die Kontrolle bereits über ihn gewonnen hatte, als er es noch nicht einmal erahnen konnte, dass sie diese bekommen würde. Er rang sich ein Lachen ab.
„Nun ja, das ist auch wieder wahr. Dann sollten wir unseren Durst und unsere Freunde nicht zu lange warten lassen … Dead End wartet morgen auf uns und das sollten wir feiern!“, sagte er, griff nach den beiden fast leeren Krügen und folgte seiner Freundin hinaus an Deck.
