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„Komm, nimm meine Hand.“ Novecento war ohne anzuklopfen in mein Zimmer gestürzt und hatte mich aus dem Schlaf gerissen. Mein Freund schien es natürlich fast nicht zu bemerken. Seine Stimme bebte vor Aufregung. „Du musst mitkommen, bevor es zu spät ist.“
„Was ist denn los?“ Ich wischte mir über die Augen. „Ist etwas passiert?“ Ein schneller Blick auf die Uhr verriet mir, dass es halb 4 morgens war.
„Es ist wieder da! Glaub mir, du musst das sehen. So schön. Wie Musik.“ Wenn er so redete, so voller Begeisterung, klang er fast wieder kindlich. Mir wurde warm ums Herz. Auch, wenn ich, noch im Halbschlaf, nicht ganz einschätzen konnte, ob der Freund der gerade vor mir stand der tatsächliche Freund war, oder der, der mich gerade in meinem Traum mit seinem Klavier sicher über den Ozean transportiert hatte. Ich wollte lieber nicht zu viel über die mögliche Bedeutung dieses Traumes nachdenken. Sicherheit konnte man bei Novecentos halsbrecherischen Aktionen nicht erwarten. Aber dafür mehr Spaß, als ich in meinem bisherigen Leben gekannt hatte, schon. Und ich fühlte mich trotzdem sicher neben ihm.
„Bitte, Tim.“ Novecentos Stimmt riss mich aus meinen Gedanken.
„Ja, ich komm ja schon“, brummte ich und warf meine Beine über die Bettkante. Novecento warf mir meinen Kamelhaarmantel zu und flehte mich an, mich zu beeilen. „Was immer du mir zeigen willst, wird schon nicht weglaufen.“ Ich hatte nicht vor, in meinem Nachthemd aufs Deck oder in die erste Klasse oder sonst wohin zu laufen und Gästen oder – noch schlimmer- dem Käpt’n über den Weg zu laufen. Aber, da ich Novecento eh nichts abschlagen konnte, warf ich mir seufzend den Mantel um die Schultern und griff nach seiner ausgestreckten Hand.
……………
Als wir durch das Schiff liefen, war Novecento wieder in einer anderen Welt. Er redete, als wäre er ganz weit fort. Sicher fand er seinen Weg durch die endlosen Gänge der Virginian, zögerte keine Sekunde vor einer Kreuzung oder Treppe und sprach von dem, das es nur in seinem Kopf geben konnte. Nur ich durfte mit ihm in diese Welt eintauchen. Nur mich hielt er an der Hand und führte mich zumindest bis ans Tor. Ich hasste es insgeheim, dass ich ihn wohl nie ganz verstehen würde. Seine interaktive Karte nie ganz vor mir sehen würde. Aber manchmal war es schon genug, ihm zuzuhören und sich vorzustellen, was er gerade sah. Ich würde es ihm nur nie so offen sagen können. Ich konnte mir meinen stetigen Sarkasmus einfach nicht verkneifen. „Bist du wieder auf Reisen?“ fragte ich ihn, nachdem wir uns bereits mehrere Etagen hochgekämpft hatten. „Was ist es diesmal? Ein Tiger? Ein Löwe? Die Bibliothek von Alexandria mit allen Geheimnissen der Menschheit?“ Ich wollte nicht herablassend klingen. Ich hoffte, - hoffe- dass er es auch nicht so aufgenommen hatte. Ich redete mir ein, dass es ihm nichts ausmachte. Er war Novecento. Er war eigentlich viel zu unschuldig, um irgendwem Bösartigkeit zu unterstellen. Und er war mein Freund. Er erzählte mir was er dachte, was er fühlte. Reagierte auf meine Ungläubigkeit mit Humor oder einer tristen Ernsthaftigkeit, die mich schnell verstummen ließ.
„Heute Abend ist die Welt zu uns gekommen, mein Freund. Heute Abend kannst du mitkommen auf die Reise. Es gibt so viel Schönheit in der Welt. Aber an Land, da passiert so viel. Alles ist zu schnell. Hier auf dem Meer ist es ruhig. Die Weite und Ferne gibt mir ein Gefühl von Sicherheit. Die Natur hat eine Seele voller Musik. Ich höre sie. Ich fühle sie. Wie sanfte Finger auf den Tasten. Heute Nacht wirst du sie auch hören.“
Was konnte ich dazu sagen? „Zeig mir deine Welt“. Das sagte ich. Nun ohne einen Hauch von Sarkasmus.
Und er zeigte sie mir. Wenn ich je einen Einblick in diesen sonderbaren, diesen wunderbaren Kopf gewonnen habe, so war es in dieser Nacht. Die Nacht, in der wir eins- boah nee, das klingt so banal. Die Nacht, in der wir uns nah gekommen sind- zu viel Kitsch! Es war eine Erfahrung, die sich nur schwer in Worte fassen lässt. Ehrlichkeit, Offenheit. Und Novecento.
….
An Deck war es kühl. Trotz Mantel entwickelte ich schnell eine Gänsehaut. Novecento schien wie immer nichts von der Temperatur zu merken. Seine Krawatte wehte in der Briese, sein Hemd war halb aufgeknöpft - wie immer, wenn er nicht gerade für die erste Klasse spielte. Ich verstand immer noch nicht, was er mir zeigen wollte. Aber er selbst war schon schön genug. Ja, das klingt jetzt vielleicht komisch, aber ich glaube, so genau hatte ich ihn noch nie zuvor angesehen. Und wie er so dastand, im Mondlicht, wurde mir bewusst, wie anders das Licht an diesem Abend war. Novecento ging zur Reling. „Ist das nicht der schönste Himmel, den du je gesehen hast?“ sagte er verträumt.
Der Himmel tanzte grün. Wie Wolken zog sich die Farbe über den Himmel, brach sich im Horizont, und hüllte alles in ein verträumtes Laken. Ich hatte noch nie etwas Vergleichbares gesehen. Mir fehlten die Worte. „Was ist das?“ wollte ich fragen, doch ich brachte es nicht heraus. Ich wollte die Ruhe, die mich erfüllte, nicht unterbrechen. Die salzige Luft des Meeres, die ich in den letzten 2 Jahren kennen gelernt und an die ich mich gewöhnt hatte, bis ich sie nicht mehr wahrnahm, schien mich wie zum ersten Mal zu umhüllen. Der Wind bewegte das Wasser und die Wellen rauschten leise unter unseren Füßen. Und dann dieser Himmel. Heller als der Sonnenuntergang. Etwas, das nicht von dieser Welt schien und doch so natürlich und echt war wie ich selbst.
„Aurora Borealis,“ flüsterte Novecento neben mir, als hätte er meine Gedanken gelesen. „Ist sie nicht wunderschön?“
„J-Ja“, stammelte ich. Meine Stimme klang viel zu heiser für diese Traumlandschaft. „Es ist wie im Märchen. Als würde man schweben. Wie kann es sein, dass ich es in den zwei Jahren auf diesem Schiff noch nie gesehen habe.“
„Du schläfst tief, mein Freund. Und es ist selten. Ich habe es in der Zeit seit du hier bist auch erst ein weiteres Mal beobachtet. In der Nacht, nach der in der wir Freunde geworden sind. Ich habe es als ein Zeichen gedeutet. Eine gute Freundschaft. Etwas seltenes. Eine Inspiration. Wie Musik.“
„Musik?“
„Ja. Hörst du sie nicht?“
„Ich höre nur das Wasser, den Wind, die Maschine, die das Schiff antreibt.“
„Ich meine keine tatsächliche Musik. Diese Musik kann man nicht hören. Ich meine die Musik, die man fühlt. Die Kraft der Natur. Ihre Verletzlichkeit, auch. Man spürt sie hier drin.“ Er legte mir eine Hand auf mein schnell schlagendes Herz. „Und hier drin“. Sanft hob er die Hand wieder und legte sie an meine Wange. Es dauerte nur kurz, aber ich schloss instinktiv meine Augen. Spürte die Wärme, die von ihm ausging. Seine rauen Fingerkuppen, die sein Leben an Bord gezeichnet hatte.
Viel zu schnell löste er sich von mir und sprang einen Schritt zurück. „Was kann man zu diesem Zeitpunkt anderes tun als tanzen! Sich freuen, dass man lebt und frei ist, und sich einfach dem Gefühl hingeben kann?“ Er schloss die Augen und drehte sich langsam im Kreis. Er wippte hin und her, vor und zurück und begann schließlich zu summen. Es war die Musik des Ozeans und des Himmels. So anders, als ich sie mir je hätte erträumen können. So schön und traurig zugleich. So mächtig und alles mit sich reißend. Und mittendrin dieser junge Mann, der alles in sich aufsog und, um ein tausendfaches verstärkt, wieder auszustrahlen schien. Ein Lächeln schoss mir ins Gesicht, bei seinem Anblick.
„Komm, tanz mit mir.“ Er klang so sanft. „Komm.“ Seine Hand streckte sich in meine Richtung aus.
„Ich tanze nicht. Das weißt du“.
„Ich helfe dir. Du musst mir nur folgen.“ Seine Stimme wurde dringlicher. Und was konnte ich anderes tun, als mich zum zweiten Mal in dieser Nacht ganz in seine Hände zu begeben und ihm einfach nur zu folgen. Wie ich ihm schon seit 2 Jahren im Herzen gefolgt war.
Ich nahm seine Hand und er zog mich sanft einen Schritt näher an sich heran. Bis nur noch etwa eine Ellenlänge Platz zwischen uns war. Er sah mich aus seinen tiefen, alles verstehenden Augen an und ich nickte, plötzlich verlegen. So lange und von so nah hatte ich ihn bis dahin noch nicht gesehen. Ich spürte, wie sich seine großen Hände auf meine Hüften legten - Federleicht und doch schienen sie plötzlich das Einzige zu sein, das mir Halt und Sicherheit gab in dieser Welt. Instinktiv legte ich meine Hände auf seine Schultern ab. Und dann tanzten wir. Zuerst ganz langsam. Es war eher ein sanftes hin und her wiegen als ein wirklicher Tanz, als er wieder leise zu summen anfing. Doch schon bald wurde er lauter, die Melodie schneller und wir setzten uns in Bewegung. Leichtfüßig glitt er über den Boden und ich versuchte, mit ihm Schritt zu halten. Wann immer ich Angst hatte, nicht nachzukommen oder ihm auf die Füße zu treten, schien er meine Schritte im Voraus zu erahnen und bewegte sich entsprechend. Mir wurde schnell klar, dass wir uns keine Sekunde lang voneinander lösen müssten und ich meine Ängste beiseite legen und mich einfach nur fallen lassen konnte. Wie, als wenn wir Musik spielten, würde er mir entgegenkommen, meine Töne unterstützen und mit mir zusammen etwas Neues und Unerwartetes erschaffen.
Als ich meine Augen nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete, ruhte sein Blick immer noch auf mir. Er schien nur mich zu sehen und doch summte er ohne Unterbrechung weiter. Die Musik hatte sich verändert. Sie spiegelte nicht mehr die Natur um uns herum wieder, sondern…ich kann es nicht anders beschreiben… uns selbst. Es war die Musik unseres Herzschlages, der schneller wurde, tanzte wie wir selbst. Es waren das Beben unter der Haut und die rauen Fasern meines Mantels. Es waren das blau meiner Augen und das schwarz seiner Haare und seine Unschuld und mein ewiger Pessimismus, die nicht etwa miteinander kämpften, sondern sich, ineinander verschlungen, zu etwas Neuem zusammen fügten. Hoffnung vielleicht. Glück? Ein Licht, das sich durch jede Phase des Körpers ausbreitet so, wie sich das grün am Himmel ausbreitete. Endlos, selten, ewig.
Und, von dieser Musik wie benommen, konnte ich nichts anderes tun, als mich komplett meinen Gefühlen hinzugeben. Ich merkte erst nach ein paar Sekunden, dass meine Hände nicht länger auf seinen breiten Schultern lagen, sondern dass ich sein schönes Gesicht darin hielt. Sanft strich ich über seine Wange und er schmiegte sich dagegen. Ehe ich überlegen konnte, was ich tat, lehnte ich mich nach vorne und drückte meine Lippen sanft auf seine. Sein Summen verstummte, doch es war, als würde es in meinen Adern fortgeführt werden. Er zog mich an sich und küsste mich zurück. Und plötzlich war alles in Ordnung.
