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Skinny fühlte sich wie benommen, als er die Augen öffnete. Er musste schlecht geträumt haben, er hatte irgendetwas sagen wollen, aber die Worte und die Bilder verflüchtigten sich noch ehe er die Erinnerung zu fassen bekam. Zurück blieb ein diffuses Unwohlsein hinter der Drosselgrube, wenn er zu schlucken versuchte. Der Bund seiner Jeans spannte gegen seinen Bauch, drückte Rillen in die Haut. Als er probeweise das Bein streckte, streifte er den warmen, schweren Körper neben sich. Dylan.
Er zog die Schultern zurück und sah sich um. Draußen war es längst dunkel geworden, das bläuliche Glimmern des Fernsehers war die einzige Lichtquelle im Zimmer. Auf dem Bildschirm wurde das Hauptmenü von Die Nacht der blutigen Augäpfel angezeigt, eine DVD, auf die er monatelang hingefiebert hatte.
Seit Dylan wieder in Rocky Beach war, trafen sie sich häufiger. Skinny hatte ihm den Job in der Hafenkneipe organisiert. Onkel Bud störte sich nicht an kleinen Makeln im Lebenslauf. Zwei Drittel seiner Kundschaft hatten selbst gesessen.
Die Wohnung am Stadtrand war nobler, als daß ein Ex-Sträfling, der den Mindestlohn verdiente, sie sich leisten konnte. Aber am Ende hatte Dylans Vater sich nicht durchringen können, ihm nicht unter die Arme zu greifen. Skinny kannte ihn nicht besonders gut. Er hatte ihm ein paar Mal die Hand gegeben und wusste, daß ihm die Frau weggelaufen war, als Dylan zwölf war. Den undurchdringlichen, kühlen Blick hatte Dylan von ihm, die mühelose Autorität.
Einmal hatte Skinny ihn auf dem Sommerfest seiner Eltern aus der Ferne beobachtet. Er hatte etwas abseits gestanden, die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt eine Zigarette geraucht, und dabei wie der einsamste Mann in Südkalifornien ausgesehen.
Dylan regte sich, und Skinny beeilte sich, aufzustehen.
Er streckte sich ächzend, schnalzte mit der Zunge, atmete seufzend aus. Der Kragen seines Poloshirts war feucht vor Schweiß. Am liebsten hätte er es ausgezogen. Er zupfte am Saum herum, schob ihn diskret nach oben, um seinen Bauch zu lüften. Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie Dylan in Bewegung kam. Wie er die Arme, die er im Schlaf vor der Brust verschränkt gehalten hatte, in den Schoß sinken ließ und den Kopf in den Nacken legte.
„Ich mach’ mich los“, sagte Skinny. Er sprach es deutlich aus und blickte sich suchend um, obwohl er wusste, daß er Handy und Schlüssel in der Jeanstasche hatten, und seine Sneaker neben der Tür lagen, wo er sie vor Stunden achtlos abgestreift hatte, ganz wie er es zu Hause tat.
Dylan machte ein undeutliches Geräusch. „Kannst bleiben“, murmelte er dann. Er knippste die Stehlampe an und rieb sich die Augen. Skinny kratzte sich unschlüssig am Handrücken.
Als Dylan zu ihm aufsah, deutete er auf die DVD-Hülle auf dem Wohnzimmertisch und schüttelte leicht den Kopf. „War nix, oder?“ Schließlich waren sie beide eingeschlafen. Dylan zuckte die Schultern. „Ich glaub’“, er gähnte und hielt sich verzögert den Unterarm vor den Mund, „Ich glaub’, ich war bloß fertig. Dein Onkel hat sein Lager aufgefüllt.“
„Ich dachte, der Knast wär’ quasi ‘n steuerfinanziertes Fitness-Studio“, Skinny grinste schief. Dylan schnaubte amüsiert. „Wir gucken den nächstes Wochenende nochmal. Oder du zeigst ihn deiner Freundin. Die wird dich schon wachhalten.“ — „Sie ist nicht meine Freundin“, antwortete Skinny reflexhaft, „Wir treffen uns halt.“
Dylan winkte ab. Was auch immer. Er zog das Handy aus seiner Hosentasche und entsperrte den Bildschirm. Seine Mundwinkel zuckten. Er tippte ein paar Worte und Skinny fühlte sich, als würde ihm der Magen absacken. Vor einem Monat hatte Dylan ihn vor die Tür gesetzt, um einen Typen zu vögeln, den er auf Grindr aufgerissen hatte. Skinny hatte ihn unten, vor dem Haus, gesehen, und zwei Stunden in seinem Auto gewartet, bis er wieder herausgekommen war. Er hatte sich eingeredet, daß man sich schließlich nie sicher sein konnte, ob man es auf diesen Apps mit einem durchgeknallten Axtmörder zu tun hatte. Daß es ihn nicht verletzt hatte, rausgeworfen worden zu sein.
Es war anders als bei Mina. Es störte ihn nicht, wenn sie mit den Augen rollte, weil er es sich demonstrativ in ihrem Bett bequem machte. Wenn sie ihm halbherzig sagte, er könne nicht über Nacht bleiben, und es doch zuließ, weil er ihr leidtat.
Er schlief mit ihr, aber er legte keinen Wert darauf, daß sie ihn am Morgen danach respektierte.
„Was jetzt?“, Dylan legte das Handy auf den Tisch. Skinny bemühte sich, die Erleichterung zu verbergen. „Ich hab’ nix zum Wechseln dabei. Und keine Zahnbürste.“ Die Wärme stieg ihm ins Gesicht. Er nahm die Fernbedienung von der Couch, um den Fernseher abzustellen. Um seine Hände zu beschäftigen. Die DVD ließ er im Laufwerk.
Dylan erhob sich, und tippte sich an die Schläfe. „Gut, daß der Kopf angewachsen ist. Im Bad steht noch die vom letzten Mal. Und Klamotten hab’ ich auch da.“
Skinny folgte ihm über den Flur bis zum Schlafzimmer. In der Tür blieb er stehen. Er lehnte sich gegen den Rahmen und hielt den Blick diskret auf das Bett gerichtet, als Dylan sich in einer fließenden Bewegung sein Shirt über den Kopf zog und aus den Jeans stieg, um sie ordentlich gefaltet auf einem Hocker neben dem Fenster abzulegen. Nur in Boxershorts öffnete er den Schrank und kramte darin. Er war blasser und schmaler als vor dem Gefängnis, das wusste Skinny, ohne daß er hinsehen musste. Er hatte ein winziges Tattoo am Handgelenk und einen Muttermal neben der flachen Mulde über dem Steißbein.
„Hier“, Dylan warf ihm ein schwarzes T-Shirt und karierte Pyjamahosen zu, „Kannst schon mal ins Bad. Ich schließ’ noch ab.“
Skinny wollte sich gerade umdrehen, als ihm einfiel: „Die Zahnbürste ist schon meine, ja? Die gibst du nicht einfach jedem Typen, der zufällig über Nacht hier ist?“ Dylan starrte ihn an. „Junge, schieb’ keine Filme. Außer dir schläft hier nie wer.“
Später, nachdem sie nebeneinander am Waschbecken gestanden und sich die Zähne geputzt hatten, unter der dunkelblauen Decke in Dylans Bett, wiederholte Skinny den Satz in Gedanken wieder und wieder. Er hatte sich darauf eingestellt, daß er ewig wach liegen würde, wie sonst auch, aber sein Herz fühlte sich so leicht in seiner Brust an, daß ihm die Augen bald zufielen.
Keiner außer dir.
