Work Text:
Die Mondsichel versteckte sich hinter dem grauen Schulgebäude. Akk sah nicht viel, als er sich über den Hof schlich, seine Jacke enger um sich zog. Seine Schuhe knirschten so leise unter ihm, als würde ihr Rhythmus seinen eigenen Herzschlag nachahmen. Er presste die Lippen zusammen, als er am Eingang der Schule den Schlüssel hervorzog, doch bald bemerkte, dass die Tür bereits offen stand. Jemand war im Gebäude.
Wann hatte alles angefangen? Während er die Tür gerade soweit aufmachte, dass er hindurch passte, fragte er sich, ob alles schief ging, als er Ayan hat neben sich schlafen lassen. Ihn neben sich gespürt zu haben, verdrehte ihm den Kopf. Alles war so still gewesen, so leise. Diese Nacht hatte er sich vertrauter mit sich selbst gefühlt, näher an Ayan. Kein falsch oder richtig, nur der hübsche Junge in seinen Armen und seine Tränen, die das harte Marmorbild seines Rufes aufsplittern ließen.
Ayan näher zu kommen, weit hinweg über die anfängliche Neugier, war nicht Akks Ziel gewesen. Er wollte sein Leben, so wie er es immer erfahren durfte: die Schule, seine Freunde, seine Familie. Alles war in Ordnung gewesen. Alles war in Ordnung. Warum war es nicht mehr in Ordnung?
Vielleicht war es sein Fehler Ayan im Judo zu unterstützen. Oder war es der Tag an welchem er den Kleineren nicht loslassen wollte, als sie auf den Matten lagen? Zu lang in diese Augen zu schauen, die nicht nur die Sonne, sondern auch den Mond sicher hielten, die trotz aller Dinge, die sie gesehen hatten, nun mit ihrer vollständigen Aufmerksamkeit auf Akk geblickt haben.
Er schüttelte den Kopf, wie um all die Momente loszuwerden, in denen Ayan ihn ansah, als sei er sein einziger Sonnenstrahl unter der Wasseroberfläche, bevor er anfing zu sinken - eine kleine Hoffnung nicht von dem erbarmungslosen Griff der Strömung zu weit herausgerissen zu werden. Halt fest, strecke die Hand aus. Nur noch ein kleines bisschen weiter.
„Ayan?" Genauso.
Akk war an den Treppen vorbei in den Korridor gestiegen, seine Füße fühlten sich mit jedem weiteren Schritt schwerer an. Als würden all seine Sorgen und Ängste ihn nach unten drücken, weiter zurück, nur nicht noch näher zur Quelle seines eigenen Chaos. Aber wer an Chaos gewöhnt war, findet Ruhe darin.
Er öffnete den Mund, um den Namen zu wiederholen. Er glaubte, es war der einzige, der ihm bekannt war. Ayan, Ayan, alles war Ayan, als er in die bekannten Augen blickte und es sich anfühlte, als hätte er die Gewichte, die an seinen Füßen hingen, hinter sich verloren. Nun war es leicht. Jetzt war alles gut.
„Leise", der Kleinere umgriff bestimmt sein Handgelenk und lief mit ihm im Schatten des Mondes leicht gebückt den Flur entlang. „Ich weiß nicht, wer da ist."
Akk hielt den Atem an, als der Junge vor ihm stoppte. Es war so still, dass er befürchtete sein Blinzeln würde zu laut sein. Ayan drehte seinen Kopf zu dem Größeren hinauf. Sein Blick schien alles in Akk zu sehen. Als hätte er sich bis auf die Knochen ausgezogen, als würde nichts mehr fehlen, um seine innersten Gedanken offen vor ihm auszulegen. Nimm sie, hatte er so oft sagen wollen, sie gehören dir.
Er nahm Ayans Hand in seine.
Für einen Moment zog der Kleinere die Augenbrauen hoch, doch begann sich schnell wieder zu konzentrieren, als sie etwas im Raum neben sich hörten. Ayan umfasste Akks Finger fester, bevor er ihn losließ und ihm bedeutete sich zu ducken.
Das Fenster des Klassenzimmers war nicht weit von ihnen entfernt. Im Versuch sich so klein und unauffällig wie möglich zu machen, kamen sie nur langsam direkt unter dem Rahmen zum Stopp. Ayans Stimme war so leise, dass Akk froh war, ihm nah zu sein. Er hätte ihn ansonsten nicht verstanden. „Wer auch immer da drin ist, sollte nicht da sein. Die Person hat sich an den Hausmeistern vorbei gestohlen."
Verwirrt zog Akk die Brauen zusammen, machte sich ein Stück größer, um in den Raum zu schauen. Doch es war zu finster, um mehr als eine grobe Silhouette auszumachen. Er schaute zurück zu Ayan. „Was hast du vor?"
Anstatt zu antworten, holte der andere sein Handy hervor und öffnete die Kamera. Es half nicht. Das Gerät umfasste ebenfalls nur die Silhouette, als Ayan auf aufnehmen drückte. Trotzdem schauten beide auf den Screen, gebannt, was die Figur tun würde. Akks Gedanken überschlugen sich, doch so sehr er es auch versuchte, er konnte die Person vor ihnen nicht erkennen. Gerade als er deren Größe kommentieren wollte, wurde der Bildschirm in einem Moment zu grell, sodass beide die Augen zusammenkniffen, bevor sie bemerkten, was geschehen war.
Ayan realisierte es als erstes und sprang auf. Der Mann hinter der Scheibe war von den beiden Jugendlichen weggedreht. Er hielt ein braunes Notizbuch in der Hand und beleuchtete es mit einer Taschenlampe, die zuvor noch in ihre Richtung geschwenkt war.
Akk folgte Ayan mit einer Handbewegung und hielt den Kleineren an seiner schwarzen Jacke fest. „Stopp. Du kannst da nicht einfach reingehen."
„Er hat mein Notizbuch. Lass mich los, Akk. Ich habe jedes Recht da jetzt hinzugehen."
Akk presste die Lippen zusammen, warf einen letzten Blick auf den Mann im Klassenzimmer, bevor er sich aufstellte und Ayan zurückdrängte. Er war stärker als Ayan und so war es für ihn kein Problem den Kleineren bis ins Treppenhaus zu bringen, bevor sie schwer atmend voreinander standen.
Ayans Blick war nicht mehr so offen und sanft, wie noch vor ein paar Minuten. Er schaute Akk fast schon hart an, so wie er die Augen leicht zusammenkniff und seine Lippen aufeinanderpresste. Er versuchte den großen Körper von sich wegzustoßen, doch erklang das Zuschlagen einer Tür in dem Moment und ließ beide abrupt innehalten. Sie tauschten sich stumm durch ihre Blicke aus und erklommen schließlich die Treppen - immer zwei Stufen auf einmal.
So leise es ging lehnte sich Akk gegen die Wand, sodass man ihn nicht sehen konnte, auch wenn jemand den Treppengang nach oben hinauf schauen würde. Ayan stand weiter oben, setzte sich auf die Stufen und betrachtete Akk aus der Dunkelheit. Er sah aus, als würde er darauf warten, etwas zu sagen. Akk konnte die beschuldigenden Worte bereits hören, bevor sie Ayans Mund verließen. Er schaute weg.
Vielleicht hatte es erst jetzt wirklich begonnen. In diesem Moment, als sie gemeinsam darauf warteten, dass die Schritte langsam verschwanden und sich alles wieder in Stille hüllen würde.
„Warum hast du mich aufgehalten?" Er ging auf Akk zu, nachdem genug Zeit vergangen war und drückte ihn an der Schulter, bevor er ihn gegen die Wand zurückschob. „Jetzt wissen wir nicht mal mit Sicherheit, wer mein Buch hatte!"
Akk verzog sein Gesicht, er wollte etwas sagen, doch Ayan unterbrach ihn, noch bevor er etwas erwidern konnte. „Du musst selbst jetzt deine scheiß Schule beschützen, wenn sie buchstäblich von mir gestohlen haben. Warum bist du überhaupt hier aufgetaucht? Wenn du mich dann doch im Stich lässt, dann komm' einfach erst gar nicht."
„Hörst du dir überhaupt selbst zu? Du wusstest nicht, wer das war, verdammt. Es ist nach Mitternacht. Wer sagt, dass die Person dich nicht angegriffen hätte?"
Ayan lachte kalt auf. „Ach, mach dir darüber keine Sorgen. Ich bin mir sicher, der Fluch wird mich bald sowieso einholen."
Der Größere spannte seinen Kiefer an. „Ich hab' dir gesagt, ich höre damit auf."
„Du hast mir aber auch gesagt, du würdest allen von dir erzählen. Was ist damit, huh?" Ayan trat näher an Akk heran und tippte seinen Finger gegen Akks Brustkorb. „Ich weiß nicht mehr, was ich von dir halten soll. Die Puppe der Gang ist heute Nachmittag abgebrannt und alle waren da, außer du." Er spuckte ihm die Wörter beinahe entgegen.
Akk starrte den Jungen vor ihm an. „Diese Puppe, die sie angemalt hatten?" Er wirkte hektisch für einen Moment, als würde er beobachtet, doch hier war niemand außer Ayan. Der Kleinere schaute ihn misstrauisch an. „Spar dir die Schauspielerei." Seine Stimme hallte lauter als zuvor zwischen den Wänden. Er war frustriert.
„Ist jemand verletzt wurden?" Akks große Augen suchten nach dem vertrauten Halt in Ayan, doch er konnte nicht nach diesem greifen, ihn nicht einmal finden. „Ayan, du musst mir glauben. Ich war nicht in der Schule heute."
"Ja", Ayan seufzte, "Hab' ich bemerkt."
"Nein, ich meine-" Er zog die Luft ein, "Ich meine ich war den ganzen Tag nicht da. Ich hab' keinen Fuß in dieses Gebäude gesetzt. Ich habe es nicht getan. Ayan, ich würde dir sagen, wenn ich es war."
„Wer soll es denn sonst gemacht haben? Haben dir die anderen nicht erzählt was passiert ist?"
Oh. Schuldgefühle kribbelten über seinen Körper, versuchten sich als sein Schatten größer zu machen, als er selbst. Er hatte die Anrufe seiner Freunde den gesamten Tag ignoriert.
Akk leckte sich die Lippen. „Vielleicht war es derselbe, der jetzt mit deinem Notizbuch irgendwo hier herumirrt."
Ayan lächelte, als sei dies offensichtlich. "Ach echt? Wäre ich nie drauf gekommen." Er atmete schwer aus, nahm Abstand von Akk, als bräuchte er nichts dringenderes und ging die Treppen hinunter. Akk folgte ihm keine Sekunde später. „Ayan, bitte-"
Als er die Worte sprach erinnerte er sich an den Strand. An den Hund. An all die Augenblicke, in denen der Junge mit der schwarzen Jacke ihm hinterhergegangen war. Seinen Namen gerufen hat. Oh Ayan, hast du dich so gefühlt? Hast du jemanden, der dir zuhört? Bitte dreh dich um und rede.
Akk rannte hinter ihm her, bis sie wieder aus dem Schulgelände traten und der Kleinere auf dem Weg zu seinem Auto war.
„Hör auf mir zu folgen. Ich möchte nicht mit dir reden."
„Bitte hör mir zu." Er war fast bei ihm. "Ayan, lass uns reden."
„Nein." Er drehte sich zu ihm um. „Ich hab' dir so oft zugehört. Ich weiß nicht, was ich noch glauben soll, was echt ist, ob überhaupt etwas stimmt, was du oder andere sagen. Ich habe dir vertraut, obwohl ich wusste, dass du hinter allem steckst. Und es ist so schwer, Akk, das noch immer zu tun."
„Es stimmt", Akk trat einen vorsichtigen Schritt auf den Jüngeren zu. „Ich war es, der den Fluch zurückgebracht hat. Darüber haben wir gesprochen. Aber seit dem Abend, habe ich keinen Finger mehr gerührt. Ich war es nicht, der diese Puppe angezündet hat."
Ayan nickte, mehr zu sich selbst als zu Akk. Er atmete tief durch, schaute den anderen dabei nicht an. Dabei wollte Akk nichts mehr, als dass Ayan ihn ansah. Dass er die Wahrheit in seinen Augen finden konnte, so wie er es sonst auch immer getan hatte. Er wollte, dass er ihn las und ihn ansah, als würde er alles über ihn wissen. Aber wie sollte Ayan ihn sehen können, wenn Akk sich selbst nie erkannte? Wer war er überhaupt außerhalb der Schule?
Für jeden, den er kannte, war er jemand anderes. Jeder kannte eine andere Seite seiner Person. Doch Schülerpräfekt war er für alle. Alle außer Ayan. Aber genauso war es doch, oder nicht? Die einzige Ausnahme war immer Ayan. Doch wer war er für Ayan? Wer war er für sich selbst?
„Akk, hör mir zu", er schien für einen Moment zu zögern, bevor er eine Hand an seine Wange legte, „Ich möchte nicht, dass du es warst. Ich wünsche mir nichts mehr, als dass jemand anderes dahinter steckt, obwohl das alles noch viel komplizierter machen würde."
Und vielleicht geschah es auch hier, da er sich nichts sehnlicher wünschte, als dem anderen zu zeigen, dass er genauso fühlte. Er wollte seine Berührungen zurückgeben, seine Wange berühren und ihn ansehen, als würde er ihm das Sternenmeer des Himmels zu den Füßen legen, wenn er könnte. Doch er hatte Angst. Die Nähe zu der einzigen Person, von der er sich fern halten sollte, ließ ihn wegrennen wollen. War das der Moment, in dem er zu weit ging?
Vielleicht war es nicht ihr Aufeinandertreffen, nicht der Hund, nicht die Judo-Abende oder die Nacht, in der sie nebeneinander schliefen. Vielleicht war es dieser Moment.
Gehen oder Bleiben - alles verkehrt. Hinterfragen oder mitgehen - verkehrt, alles verkehrt. Wem sollte er es recht machen, wenn es doch niemandem nützte? Er hatte Angst, sobald Ayan bei ihm war. Noch mehr Angst jedoch, wenn er nicht da war. Als würde Angst sich mit allem verbinden, was ihm vertraut schien. Da war die Angst vor den Regeln Suppalos, Angst vor Chadok, Angst alle zu enttäuschen, deren Stolz er sich erarbeitet hatte. Nein, er konnte nicht versagen. Aber er wollte auch nicht vor Ayan versagen.
Ayan ließ ihn los. Er ging ein paar Schritte zurück. „Lass uns morgen noch einmal reden. Vielleicht können wir bis dahin beide etwas besser nachdenken."
Er lächelte ihm noch einmal zu, bevor er in sein Auto stieg und losfuhr.
Als Akk wenig später in sein eigenes Apartment zurückkehrte, seufzte er laut. Sein Kopf schmerzte und seine Augen fühlten sich schwer vor Müdigkeit an. Er fuhr sich durch die Haare, überlegte sich schlafen zu legen, aber dafür war er zu wach. Duschen? Ja, duschen klang gut. Das heiße Wasser nahm ihm einiges von den heutigen Anstrengungen. Doch sein Kopf schien trotzdem nicht zur Ruhe zu kommen. Was Ayan wohl im Moment dachte? Tränen brannten auf seiner Wasserlinie, aber er verkniff sie sich.
Mit dem beruhigend warmen Gefühl der Dusche setzte er sich für ein paar Augenblicke aufs Bett. Sein Blick fiel auf das Buch, das noch unberührt auf seinem Schrank lag. 1984. Akk dachte, er hätte das Buch gut verstanden, nachdem sie beide bei der Vorstellung gewesen waren, doch er hatte noch nicht damit begonnen es zu lesen. Es fiel ihm schwer, Ayans Hingabe zu dem Buch zu verstehen. Der Junge, der so viel über ihn wusste, doch Akk kam sich vor, als wusste er stattdessen fast nichts über ihn.
Er verspürte das verzweifelte Bedürfnis, den Grund seiner Tränen zu kennen, seine Motivationen und Dinge, die ihn glücklich machten. Warum war er so verschlossen? Was war ihm geschehen? Akk wollte nicht der einzige sein, der sich offenbarte. Er wollte Ayan ebenso kennenlernen. Vielleicht, falls er Glück hatte, würde sich ja herausstellen, dass Ayan ihn gar nicht mochte, so wie er wirklich war. Dann wäre ihm wenigstens in diesem Problem geholfen.
Doch wenn er mit sich ehrlich war, dann begriff er, dass er einfach mehr über ihn erfahren wollte. Egal, was dabei hervorkam. Er wollte für ihn da sein, genauso, wie der andere für ihn da war. Der Gedanke ließ ihn Unbehagen fühlen. Trotzdem stand er auf und nahm sich das Buch zur Hand. Er schlug es auf und starrte die erste Seite an, während er sich zurück in die Kissen lehnte.
Er las unterschiedliche Lektüre, als Ayan. Er hörte unterschiedliche Musik. Er sah nicht dieselben Internetseiten. Er sah die Welt anders, weil er sich mit anderen Dingen beschäftigte. Wat hatte Recht. Vielleicht würde es ihm helfen, Ayan besser zu verstehen. Auch wenn es nur ein kleines Puzzleteil war, das zum großen Bild hinzugefügt wurde, dann würde er immer noch erahnen können, was sich als nächstes anfügen könnte.
Tief durchatmend schlug Akk die Seite um und begann zu lesen.
Als Akk am nächsten Tag in die Schule ging, hatte er sich das Buch in die Tasche gesteckt. Er hatte nicht alles gelesen, vielleicht nur die ersten 50 Seiten. Aber er kannte den Verlauf der Geschichte durch die Vorlesung und er hatte nebenbei im Internet eine extra Zusammenfassung herausgesucht. Er lächelte, als er zugeben musste, wie sehr das Ayan glich. Er tat dieselben Dinge, aber kannte er ihn nun besser?
Akk rutschte etwas nervös auf seinem Stuhl hin und her, als das Klassenzimmer sich langsam füllte. Um sich zu beschäftigen schaute er nach draußen. So bekam er erst gar nicht mit, wie sich Ayan zu ihm setzte und ihn interessiert von der Seite betrachtete, das gewohnte Grinsen wieder auf den Lippen. „Guten Morgen, Big Foot."
Die Augen verdrehend wandte sich Akk zu ihm. „Morgen." Sein Herz schlug automatisch schneller, als er die unveränderte Dynamik zwischen ihnen wahrnahm. Vielleicht war doch alles gut.
„Lass uns reden", Akk setzte sich neben Ayan auf die Bänke beim Sportplatz.
Der Kleinere schaute von seinem Handy auf und legte seine Jacke auf die andere Seite, sodass Akk näher rücken konnte. Er muss wohl schon eine Weile hier gewesen sein.
"Okay, klar", er richtete seine Aufmerksamkeit auf Akk. "Können wir machen. Möchtest du anfangen, oder?"
Unsicher blickte Akk sich um, spielte mit dem Ärmel seiner Sportjacke. „Ja, ich- kann ich machen." Er schloss die Augen für einige Sekunden: „Warte. Bevor ich mich erkläre, möchte ich mich bei dir entschuldigen. Es tut mir leid, dass ich mit allem so schlecht umgegangen bin. Nur, ich wusste wirklich nicht, was los war."
Er legte seine Hände auf seine Oberschenkel, streckte seine Finger nervös, bevor er sie wieder unter seine Beine schob. „Ich war gestern nicht in der Schule, weil ich von Chadok gebeten wurde, neue Schüler anzuwerben. Als Präfekt sollte ich Suppalo an zwei anderen Schulen repräsentieren und vorstellen, warum ein Wechsel hier her eine gute Entscheidung sei."
Ayan kniff die Augen zusammen, doch Akk fuhr fort. „Ich weiß nicht, wer das gestern im Klassenzimmer war oder warum er dein Notizbuch hatte. Keine Ahnung, ob es dieselbe Person war, die der World Remembers Gang schaden möchte." Er sah zu Ayan, empfing dessen aufmerksamen Blick, „aber ich gehe stark davon aus, dass dies alles zusammenhängt."
Heute war es sonniger, als die letzten Tage. Akk schob die Ärmel seiner Jacke ein Stück nach oben, als ihm durch den warmen Wind zusammen mit seiner Nervosität unwohl wurde. Etwas hinter ihnen konnte man den Rasenmäher der Hausmeister hören.
Ayan nickte langsam. „Etwas ähnliches habe ich mir später auch gedacht." Er seufzte. „Entschuldige, dass ich dir das unterschieben wollte. Es fällt mir nur manchmal schwer dir vollkommen zu vertrauen, wenn du so sehr hinter der Schule und ihren Prinzipien stehst."
„Dito", herausfordernd hob Akk eine Augenbraue, „Mir geht es nicht anders. Du bist all das, mit dem ich nicht einverstanden bin."
„Warum bist du dann gestern erschienen? Du hättest doch nicht auf meine Nachricht reagiert, wenn du nicht auch etwas über die Schule herausfinden wolltest."
Die Stille, die auf Ayans Frage folgte, schien so viel lauter, als alle Wörter, die Akk nun hätte benutzen können. Ayans Gesicht erhellte sich in ein überraschtes Lächeln. „Ich hatte Recht? Wow, vielleicht würden wir zusammen doch kein so schlechtes Team abgeben, huh?"
„Ich denke, wir würden sogar ein noch besseres abgeben, wenn du mir etwas über dich erzählen würdest", versuchte Akk erneut. „Warum bist du hier? Was ist dein Ziel? Du weichst jedes Mal aus, wenn ich dir diese Fragen stelle."
Ayan wich zurück, zog seinen Blick von Akk - das erste Mal, seit der Präfekt sich ihm zugewandt hatte. Die Stimmung kippte. Wie jedes Mal, bemerkte Akk, wenn die beiden über Ayans Motive sprachen. Warum hatte der Junge, der alle ermutigte ihre Stimmen zu zeigen, in dieser Hinsicht Schwierigkeiten seine eigene zu nutzen? Und doch:
„Hast du noch Unterricht?"
Verwirrt schüttelte Akk den Kopf. „Nein."
„Gut", Ayan stand auf und zog die Jacke wieder auf, „komm mit."
Als Akk daraufhin nicht gleich reagierte, legte Ayan ihm seine Hände auf den Rücken und schob ihn leicht in Richtung Schulausgang an. Nach ein paar Schritten liefen sie nebeneinander weiter und bekamen ein paar neugierige Blicke der anderen Schüler zugeworfen. Thua kam ihnen ebenfalls entgegen und grüßte die beiden. „Seid ihr zusammen unterwegs?"
„Ich wollte Akk etwas zeigen." Dieser schaute zurück zu Ayan, der ihn belustigt lächelnd betrachtete.
„Wegen der einen Präsentation von Sani", fügte Akk schnell hinzu, „die mussten wir ja zu zweit ausarbeiten."
Thua zögerte für einen Moment, bevor er langsam nickte und ein verstehendes „Mhm" von sich gab. „Dann seh' ich euch wohl morgen. Bis später!"
Ayan nickte ihm immer noch lächelnd hinterher, während Akk ihm nur etwas verstimmt zusah. „Magst du Thua?"
„Warum?" Überrascht drehte sich Ayan zu ihm, bevor sie weitergingen. „Bist du eifersüchtig?"
„Natürlich nicht." Seine Antwort kam ein paar Augenblicke zu früh. „Ich war nur neugierig."
„Ah", Ayan kicherte, während er einen Arm um die Hüfte des größeren Jungen schlang, aber sogleich wieder weggedrückt wurde, „Natürlich."
Der Weg bis zu Ayans Zuhause verlief recht still. Akk starrte aus dem Fenster, als würde die vorbeifliegende Stadt ihm Auskunft geben oder ihn vorbereiten können, auf das, was Ayan ihm wohl sagen würde. Er fragte noch nicht einmal nach Zeit oder Ort, irgendwas. Es schien nicht so wichtig, um die Stille zu unterbrechen. Ob Ayan darüber nachdachte, was er ihm erzählen würde? Ob er vielleicht doch nichts sagen wird? Hoffentlich hatte Akk seine Aufforderung nicht falsch verstanden und der Ältere würde ihm tatsächlich etwas über sich preisgeben.
Akk wartete nicht auf Ayan, als er nun das zweite Mal durch sein großes Apartment ging. Er war beim ersten Besuch bereits überrascht gewesen, wie geräumig und modern es ausschaute. Es war nicht so, dass er eifersüchtig wurde. Viel eher fühlte er sich an ihre Unterschiede erinnert. Akk war nicht so privilegiert in einer reichen Familie aufzuwachsen. Er beschwerte sich darüber auch nicht. Es fühlte sich für ihn in diesem Moment nur komisch an. So als würden auf einmal neue Erwartungen auf ihn wirken, über welche er vorher nicht nachgedacht hatte.
„Du scheinst dich bei mir ja schon wohl zu fühlen." Ayan schloss die Tür zu seinem Zimmer. Seine Sachen landeten auf einem Stuhl.
„Ich habe mir lediglich gemerkt, wo dein Zimmer ist."
„Immerhin", er nahm Akk seine Tasche ab, kam ihm dabei etwas näher, als er vermutlich musste. „Ich würde mich freuen, dich öfters mit zu mir zu nehmen."
Er nahm lächelnd wieder etwas Abstand und stellte Akks Rucksack an seinen Schreibtisch. Akk trat von einem Fuß auf den anderen, war für einen Moment aus dem Konzept gebracht, bis er sich wieder fing. „Hör auf damit. Du wolltest, das ich herkomme. Was wolltest du mir nun sagen?"
Ayan lehnte sich gegen den Schreibtisch. „Jetzt hast du die Stimmung ruiniert." Er schmollte, doch ein Schatten fiel über sein Gesicht. Er verlagerte sein Gewicht, fühlte sich offensichtlich unwohl und kurz davor doch nichts zu sagen.
Akk wünschte, er könnte es ihm leichter machen. Er selbst war nicht so wie Ayan, sodass jeder ihm gern und leicht etwas über sich erzählen konnte oder sich ihm öffnen würde, weil sie sich bei ihm wohlfühlten. Und er hat diese Qualität noch nie so sehr vermisst, wie in diesem Moment.
Zumindest, so gestand er sich ein, wusste er, wann er geduldig sein musste. Er nahm seinen Blick von Ayan, um ihn nicht unter Druck zu setzen, blickte erst wieder auf, als der Ältere tief Luft holte. „Lass uns-", er stockte, „auf den Balkon gehen. Ich fühle mich irgendwie beengt."
Verständlich nickte der Größere der beiden und folgte Ayan still bis zum Pool. Er hatte diesen vorher noch nicht gesehen und war für einen Moment überrascht, bis er bemerkte, dass dies überflüssig war. Natürlich hatte Ayan einen Pool.
Ayan lehnte sich gegen das Geländer des Balkons und Akk tat es ihm gleich, schaute ebenfalls auf die Stadt herunter. Im Augenwinkel bemerkte er, dass Ayan sich aufkommende Tränen mit schnellem Blinzeln unterdrückte. Er schaute auf seine Hände, die sich nutzlos anfühlten so wie sie über dem Geländer hingen, wenn Ayan doch direkt neben ihm stand.
Nach einer Weile lachte Ayan leise auf. Der Klang war von Traurigkeit benetzt. „Warum ist das so schwer?"
Er schaute zu Akk, welcher aussah, als würde er ihm gern eine Umarmung geben. Ayans Augen glitzerten im Licht der Nachmittagssonne durch die Tränen, die kurz davor waren sich von seinen Augen zu lösen und langsam über seine Wangen zu rollen. Er zog die Nase hoch. „Dika - du hast gefragt, wie es ihm jetzt geht."
Verwirrt, den Zusammenhang nicht verstehend, wusste Akk nicht anders zu reagieren, als ein vorsichtiges „Ja" zu antworten. Sein Blick musste so konzentriert aussehen, dass er bestimmt auf Ayans Haut brannte.
Lauer Wind blies Ayan einige Haarsträhnen ins Gesicht. „Er ist tot."
Akks Augen wurden riesig, sein Gesicht voller Schock gezeichnet. „Wie meinst du-"
„Er hat sich umgebracht, Akk."
Ayans Lippen zitterten, die Tränen fielen wie kleine Tropfen aus klarem Glas von seinen Augen. Akk erkannte, dass er sich anstrengte, sein Gesicht nicht unter seinen Schmerzen zu verziehen. Seine eigene Kehle fühlte sich schwer an, und er streckte seine Hand nach Ayans aus. Der Junge erfasste sie in einer Verzweiflung, die Akk selbst die Tränen in die Augen trieb. „Warum?" Das Wort schien so viel Kraft zu brauchen, als es sich über seine Lippen zwängte.
Ayans Blick wandte sich ab, schaute für eine Sekunde wieder zurück zu Akk, bevor er erneut die Augen schloss und ein paar einzelne Tränen sich den Weg über sein sonst so selbstbewusstes Gesicht bahnten. „Ich weiß es nicht", Akk fuhr mit seinem Daumen über Ayans Handrücken, fühlte Ayans Schmerz so nah, als wäre es sein eigener. Er öffnete seine Augen weiter, um nicht ebenfalls zu weinen.
Akk nahm den Älteren in den Arm, legte eine Hand an dessen Kopf und streichelte mit der anderen über seinen Rücken. Und schließlich, brach auch er. Sie weinten in ihrer Zweisamkeit, ein Wirrwarr aus Wimmern und Schluchzen, das von der Luft weggetragen wurde, die plötzlich ihre Haut zu schneiden schien. Die Wärme von zuvor war verloren. Erinnerungen an den verstorbenen Lehrer schienen sie zu umranden, als Akk sich vorstellte, was wohl geschehen sein musste, dass er zu so einer Entscheidung getrieben wurde. Hatte er nicht bis dahin ein gutes Leben geführt?
Zugegeben, wusste Akk nicht viel über Dika. Er kannte seinen Werdegang und seine bewundernswerte Art mit Schülern umzugehen. Doch das setzte ihn nicht in Erkenntnis über was er nachgedacht haben musste, welche Probleme er mit sich trug. Akk zog es die Brust zusammen, als er spürte wie Ayan in seinen Armen schauderte und nach einer Weile wieder etwas Abstand zwischen sie brachte. Mit seinem Ärmel wischte er sich die eigenen Spuren der Trauer aus seinem Ausdruck.
„Ich bin zu Suppalo gewechselt, weil ich herausfinden wollte, was mit ihm geschehen ist."
„Du denkst die Schule hat etwas damit zu tun?"
„Mach die Augen auf, Akk." Ayan blickte ihn ärgerlich an, zusammengezogen und unendlich frustriert. „Chadok versucht alles, um seine Prinzipien durchzusetzen. Er benutzt seine Schüler, selbst die Lehrer. Was denkst du, was er mit dir macht?"
„Ich bin nur dazu da, Suppalo in seiner Tradition zu bewahren."
„Aber auf welche Kosten? Akk, du hast den Fluch selbst zurückgebracht!"
Er holte Luft, um etwas zu erwidern, doch die Worte kamen ihm nicht zur Hilfe. Das Chaos war um ihn herum ausgelegt. Er könnte versuchen alles aufzuräumen, die Stapel zu ordnen, die Lasten zu verwerfen. Doch alles, was er tat, war zusammen mit Ayan in der Mitte zu stehen und sich zu fragen, wie es hatte zu all dem kommen können.
Seine Stimme erklang ihm fremd, als er sprach. „Herauszufinden, was passiert ist, wird ihn nicht zurückbringen." Er kniff die Augen vor der Härte zusammen, die seiner Aussage inne wohnte. „Wer war Dika für dich?"
Zusammen mit Khan hatte er bereits spekuliert, dass Ayan über seinen Freund trauerte, dass es dieser war, welcher die Klippe- Akk spannte sich an. Dika hatte sich von der Klippe gestürzt. Die Realisierung kam wie ein Schlag in die Magengrube. Er erinnerte sich an die weiße Rose, an Ayans Tränen, an ihren Trinkabend, an dem Ayan verschwunden war.
Oh, wie schmerzvoll es sein konnte, neue Teile an das Puzzle zu legen. So schmerzvoll, wenn sie aneinander passten.
Zu sehr in seinen Gedanken versunken, bemerkte Akk zunächst nicht, wie Ayan sein Handy hervorholte. Er brauchte einige Sekunden, um es zu entsperren, bevor er anfing in seinen Fotos zu scrollen. Verwirrt versuchte Akk einen besseren Blick auf sein Display zu erhaschen. Doch es dauerte nicht lang und Ayan drehte sein Handy selbst.
„Dika war mein Onkel." Sein Handy zeigte ein Bild von den beiden zusammen im Café for All. Das Bild schien vor ein paar Monaten gemacht zu sein. Ayan trug seine Haare anders, als er es jetzt tat. Sie waren nach unten gekämmt, sein Blick so freudig und weich in der Kamera. Akk senkte den Blick. Er hatte ihn nicht oft so gesehen. Es versetzte ihm einen weiteren Stich, wie viel Dika wohl für Ayan bedeutet haben musste.
„Ich- Es tut mir leid." Akks Verständnis von was er als wahr annahm, war verstört, seine Realität zerfallen. Er fühlte sich ausgelaugt.
„Du wusstest es nicht besser."
Er nickte, wusste auch nicht, was er antworten sollte. Seine Wangen fühlten sich kalt an unter dem leichten Luftzug. Ayan fasste sich als Erster wieder und sperrte sein Handy. Die Beiden blieben nicht mehr lang draußen. Sie gingen wieder zurück in das Apartment, als die Stimmung sich schwer auf ihre Schultern legte. Ayan ging duschen, während Akk sich an seinen Tisch setzte und mit dem Kopf in den Händen nachdachte. Seine Gedanken schienen so laut, dass er sich fragte, ob Ayan sie hören konnte, wo er war.
Akk erinnerte sich an das Buch, das er noch heute morgen gelesen hatte. Er dachte, er verstand es nun besser. Ein kleiner Teil wollte weiterlesen und sehen, was er bei seinem Lesen bis jetzt vielleicht verpasst hatte. Er wünschte, es würde nicht alles so viel Sinn machen. Als hatte er sich besser gefühlt, nichts zu wissen. Doch nun konnte er nicht mehr umkehren und davon laufen.
Als Ayan zurückkam, setzte er sich auf sein Bett, gegenüber von Akk. „Willst du heute hier bleiben?" Er klang erschöpft.
Der Größere schüttelte den Kopf. „Ich muss noch die Aufgabe für Chemie beenden."
Ayan summte verstehend, stand auf und zog sein Buch aus dem Schrank. „Hier. Du kannst mein Zeug nehmen."
Während Akk arbeitete, räumte Ayan ihm Handtuch und Schlafsachen raus. Um sich zu beschäftigen, setzte er sich neben Akk und tippte an seinem Handy, bis der andere aufschaute und ankündigte, dass er fertig war. Sie aßen etwas zusammen und nachdem Akk ebenfalls duschen war, legten sie sich zueinander ins Bett. Sie schauten sich nicht an, doch ihre Augen waren geöffnet und sie betrachteten die Decke.
„Danke, dass du dich mir geöffnet hast." Akk spürte Ayans Blick. „Ich habe versucht dich besser zu verstehen in der letzten Zeit. Ich habe sogar das Buch gelesen, das du mit dir herum trägst."
„Du hast 1984 gelesen?"
„Ja", Akk lächelte. „Und ich habe es nicht verstanden. Ich wusste, was geschieht. Aber ich habe dich nicht darin gefunden. Ich habe die Seiten umgeschlagen und gehofft, du würdest in den Worten auftauchen. Aber du warst nicht da."
Er hörte, wie Ayan sich ganz zu ihm drehte. Die Decke rutschte dabei etwas über seinen Körper. „Aber nachdem du mir heute mehr über dich und deine Geschichte erzählt hast, habe ich das Gefühl, dass ich dich nun doch darin erkennen kann. Ich konnte dich nicht finden, da ich nicht genug darüber wusste, wie du aussiehst. Also hinter deiner übermütigen Fassade, meine ich." Akks Mundwinkel zuckten für einen Moment und er drehte sich schließlich ebenfalls, um den anderen anzusehen. „Nun scheint es leichter. Danke, dass du mir dafür genug vertraut hast. Ich glaube, ich verstehe dich nun besser."
Ayan betrachtete ihn aufmerksam, rutschte ein Stück näher an Akk heran. Das fahle Licht ließ die beiden einander schwach in dem dunklen Raum ausmachen. Ayans Augen schienen das vertraute Universum in ihnen zu tragen. Seine Nähe fühlte sich warm an.
„Danke", Ayan hob eine Hand an Akks Wange und streichelte ganz sacht über die vom Weinen leicht wunde Haut. „Das bedeutet mir viel."
Er sah Akk in die Augen, als würde er abwägen, ob Akk sich noch wohl fühlt. Vorsichtig kam er ihm näher, lehnte sich leicht über ihn. „Ich möchte dich küssen. Ein Danke scheint meinen Gefühlen nicht gerecht zu werden."
Sie sahen sich in die Augen und Akk hörte seinen eigenen Herzschlag mit einem Mal laut in seinem Kopf. Seine Wangen mussten rosa sein, seine Augen rund. Er leckte sich über die Lippen, riskierte einen Blick auf Ayans.
Der Junge über ihm lehnte sich noch ein bisschen mehr nach vorn. Sie waren sich so nah, dass Akk die Augen schloss. Doch kurz bevor sich ihre Lippen berühren konnten, stoppte Ayan. Verwirrt öffnete der Jüngere wieder seine Augen.
„Gib mir Erlaubnis. Ich werde dich nicht küssen, wenn du es nicht möchtest." Als er sprach, hielt Akk die Luft an, so gebannt war er in seiner Trance. Oh, er wollte nichts lieber, als dass Ayan den letzten Abstand überwand.
„Ayan", er kniff die Augen zusammen, fühlte sich verlegen, obwohl die Aufregung schnell durch seinen Körper strömte.
Jetzt, wo es Ayan laut aussprach, fühlte es sich an, als würde er Akk einladen, mit ihm gemeinsam eine Erfahrung zu teilen, die nur ihr eigen war - ohne Zeugen oder Richter. Akk hob eine Hand, um sie auf Ayans Hinterkopf zu legen und leicht durch seine dunklen Locken zu fahren. Er nahm seinen letzten Mut zusammen und blickte Ayan in die Augen. „Küss mich endlich."
Fast augenblicklich pressten sich weiche Lippen gegen seine eigenen, sodass seine Augen sich passend dazu schlossen und er den Griff in Ayans Haaren etwas verstärkte.
Als er sich vorstellte Ayan zu küssen, hatte er immer erwartet, der Ältere würde ihn in einen schnellen Kuss ziehen, ihn für den Augenblick das Atmen vergessen lassen. Und obwohl er von letzterem überzeugt war, war er überrascht, als Ayan ihm so viel Ruhe schenkte. Er schien umhüllt von Ayan, fand seinen Duft und die Nähe so vertraut, nun da er sie spüren durfte.
Akk atmete schwach gegen Ayans Mund aus, als dieser sich löste, um ihre Lippen in einem besseren Winkel wieder miteinander zu verbinden. Vorsichtig erwiderte er Ayans Berührungen, fügte sich seinem Rhythmus und fand schnell heraus, dass der andere es mochte langsam, aber sinnlich, zu küssen. Auf seinen Armen breitete sich eine Gänsehaut aus, zog sich bis über seine Schultern, als er seinen Mund öffnete.
Ayan lehnte sich nun komplett über ihn, sodass Akk etwas weiter in die Matratze gedrückt wurde. Er mochte das Gefühl von Ayan über sich, wie er sich gegen seinen Körper drückte und sein Gewicht auf seinem lag, als gehörte es schon immer dorthin. Ayan seufzte gegen Akks Mund, während dieser seine Hände an seine Hüften legte. Es war so einfach: keine Gedanken, nur Ayan und seine weichen Lippen. Oh, was er dafür geben würde, seinen Kopf immer mit Ayan zu füllen.
Der Junge, der nach süßem Chaos schmeckte, schenkte ihm Ruhe, wie es keiner jemals getan hatte.
„Akk", Ayan flüsterte seinen Namen zwischen kurzen Küssen. Die Geräusche, die dabei entstanden, liefen Akk in angenehmen Schauern den Rücken hinunter.
Langsam lösten sie sich voneinander, Akk lehnte sich noch ein letztes Mal nach vorn, um seine Lippen auf die des anderen zu legen. Noch ein paar Sekunden. Ein bisschen länger. Nur dein Name und nichts anderes: Ayan.
Dann blickten sie sich an. Auf einmal kam zurück, wo sie waren und was sie taten. Die Verkehrsgeräusche aus dem geöffneten Fenster waren wieder da und das leise Summen der Klimaanlage. Akk leckte sich über die Lippen und mochte es, dass sie nach Ayan schmeckten. Sanft nahm er seine Arme von ihm und Ayan legte sich wieder neben ihn. Ihre Blicke lagen noch aufeinander.
„Du bist ganz rot."
„Gute Nacht, Ayan." Er drehte sich weg, um dem wissenden Blick zu entgehen.
„Mein Spitzname ist Aye." Er schaute ihn frustriert an. „Jetzt haben wir uns geküsst und du nennst mich immer noch bei meinem ganzen Namen."
„Ich sagte, Gute Nacht."
Akk schloss die Augen, doch er hörte Ayan kichern, bevor dieser sich näher an ihn legte. Es dauerte einige Augenblicke, doch der Größere überwand sich und öffnete die Arme, sodass er sie um Ayan schließen konnte.
Akk war als Erster wach, wartete allerdings bis der Wecker klingelte, bis er die Augen öffnete und einen vorsichtigen Blick in Ayans Richtung wagte. Sich an ihren gestrigen Kuss erinnernd, fühlte er sich nun im frühen Sonnenlicht distanziert. Doch als er Ayans sanften Blick traf, schien er sein Unbehagen zu vergessen.
„Guten Morgen", Ayan lächelte ihn an, als sei die Welt in Ordnung. Als würde sie sich nur um sie beide drehen.
Akks Kopf pochte noch leicht, als er sich aufsetzte und er erinnerte sich daran, dass es nicht so war. Einen nun besseren Blick auf Ayan, der noch immer in den Kissen lag, gab ihm Bestätigung, dass sie wohl beide von gestern noch geschafft aussahen. Akk seufzte und erwiderte seine Begrüßung.
Der Morgen verlief ruhig, recht langsam. Da sie beide nur wenig Schlaf bekommen hatten, schien alles doppelt so viel Zeit in Anspruch zu nehmen, als an normalen Tagen. Doch irgendwie gefiel es Akk sich gemeinsam mit dem Älteren fertig zu machen, seine Sachen von ihm zu bekommen und das Grundstück gemeinsam zu verlassen.
Als sie vor der Schule ankamen, hatte Akk die Hand bereits auf der Türklinke. Er wusste nicht, wie sie sich nun verabschieden würden. Was bedeutete der Kuss der letzten Nacht? Er konnte sich nicht konstant darauf verlassen, dass Ayan diesen Schritt übernahm. Nun musste er selbst darüber nachdenken, was er von dem schwarzhaarigen Jungen mit dem verschmitzten Lächeln wollte. Für sich zu realisieren, dass er ihn küssen wollte, war eine Sache. Doch war da noch mehr?
„Wir sehen uns später, Baby", Ayan zwinkerte ihm zu, bevor der Größere aussteigen konnte.
Akks Wangen fühlten sich heiß an, als er in das große Gebäude trat und seine Freunde suchen wollte. Als er die Schule betrat, die vertrauten Gesichter sah und die Lehrer auf dem Weg zu seinen Freunden begrüßte, fühlte er sich, als wäre die Nacht mit Ayan Teil einer anderen Welt, die der, in die er gerade eintrat, niemals begegnen durfte.
Je weiter er sich körperlich von Ayan entfernte, desto mehr schien er auch geistig etwas zwischen sie zu bringen. Und er verachtete dieses Gefühl. Er wollte mit Ayan in Verbindung bleiben, so wie er es nach seiner Enthüllung gestern Abend war.
Mit der Sorge bereits von ihm getrennt zu sein, ging er zum Stammplatz seiner Freunde, doch gerade als er verwirrt war, warum niemand wie üblich auf ihn wartete, traf eine Nachricht von Chadok ein. Er rief ihn in den Raum, in dem sie gewöhnlich ihre Treffen abhielten. Verwirrt ging Akk also in die andere Richtung, traf dabei auch noch einmal auf Ayan, der ihm nur einen ähnlich verwunderten Blick zuwarf.
Auf dem Weg sah er Khan und Wat. Beide waren ebenfalls wegen der plötzlichen Nachricht die Treppen hochgerannt. „Weshalb gibt es ein Treffen?" Akk schloss sich den beiden an.
Es stellte sich heraus, dass die Eltern von den Vorfällen der letzten Tage mitbekommen hatten. Die meisten forderten eine Bestätigung, dass es ihren Kindern gut ginge und ihre Sicherheit nicht aktiv an der Schule gefährdet wurde. Chadok belehrte die Schülergruppe erneut über ihre Aufgabe und trat zum Schluss direkt vor Akk.
„Das Image der Schule ist gefährdet", Akk fühlte sich bloß gestellt, als die Stimme seines Lehrers laut durch den Raum hallte. „Stellt sicher, dass die Schüler sich benehmen. Halten sie sich an die Regeln, wird auch nichts passieren, dass die Aufmerksamkeit der Eltern erfordert. Das mindeste ist, dass ich mich auf euch verlassen kann."
„Ja", Akk nickte überzeugend, bevor er sich langsam mit den anderen entfernen wollte, als Chadok sie zum Unterricht entließ. Bevor er allerdings aus dem Raum gegangen war, rief Sani nochmal nach ihm.
Es waren nur noch sie und Chadok im Raum, doch auch dieser entfernte sich nun mit einem skeptischen Blick in ihre Richtung.
„Entschuldige, Akk. Du kannst gleich zurück zu den anderen gehen. Ich wollte dich nur kurz wegen Ayan sprechen."
„Ayan?"
„Ja", die Lehrerin lehnte sich gegen ihren Schreibtisch. „Weißt du, ob er immer noch mit den Protesten auf dem Schulhof zu tun hat?"
Akk zog die Brauen zusammen. „Ich weiß es leider nicht. Nachdem die Lehrer ihn unter Druck gesetzt haben, ist er nicht mehr stark aufgefallen."
„Oh, ich verstehe." Sie nickte mit gesenktem Blick. „Mehr wollte ich auch gar nicht. Du kannst gehen, Akk. Danke."
„Kein Problem."
Durch Sani kam Akk später zum Geschichtsunterricht. Er entschuldigte sich bei Waree, doch sie sagte nicht viel dazu. Akks Status hat ihn schon häufiger aus solchen Situationen gebracht. Er setzte sich neben Ayan, der ihm bereits entgegen schaute.
„Wo warst du?", fragte er im selben Moment, in dem Akk sich setzte. Seine Stimme war gesenkt, sodass er den Unterricht nicht störte.
„Konzentrier dich."
Ayan verdrehte die Augen. „Sag schon."
Mit einem Blick auf die Lehrerin, setzte er nach ein paar Sekunden leise an, zu erklären. „Wir wurden von Chadok gerufen. Er wollte-"
Waree ließ das schwere Geschichtsbuch lautstark auf den ersten Tisch fallen. Alle zuckten zusammen, Akk und Ayan schauten erschrocken nach vorn.
„Akk. Du scheinst dich heute ein bisschen zu wohl zu fühlen. Erst kommst du zu spät und nun unterhältst du dich auch noch mit Ayan. Ich trage euch beiden eine Verwarnung ein."
Ayan schaute besorgt zu Akk. Dieser stand langsam auf, um sich erklären zu können, doch Waree bedeutete ihm mit einer harschen Handbewegung, dass dies nicht willkommen war. „Bleib sitzen. Ich will jetzt keine Ausreden hören."
Ayans Blick lag noch immer auf Akk, doch dieser schaute ernst nach vorn. Vorsichtig tastete der Ältere unter dem Tisch nach seiner Hand. Bevor er sie berühren konnte, griff Akk nach einem Stift und schrieb sich Notizen auf.
Erst bei ihrem Judo-Training, sahen die beiden sich wieder. Sie traten auf die Matte und griffen mit festem Griff in des anderen Kleidung.
„Akk, es tut mir leid, dass-"
„Jetzt nicht. Lass uns nach dem Training reden."
Sie gingen ein paar Schritte zurück. „Du kannst mir nicht ewig aus dem Weg gehen."
Akk zog eine Augenbraue hoch und verstärkte seinen Griff, als wollte er die Wette eingehen. Im Begriff einer Sekunde lag der andere bereits auf dem Boden. Sie sahen sich in die Augen, wie sie es so oft getan hatten. Akk hatte Angst hinzusehen, fürchtete sich nicht weniger vorm wegsehen. Er schloss seine Augen für einen Moment zu lang, bevor er ausatmete und Ayan losließ, um aufzustehen.
Doch dieser schien andere Gedanken zu haben. Er hielt Akk an dem lockeren Ärmel fest, sodass er sich unwillkürlich neben ihn setzen musste. Ayan richtete sich in diesem Moment ebenfalls auf, doch blieb stumm.
Sie saßen eine Weile auf diese Art da. Es war, als würde Ayan ihm die Zeit lassen wollen, die er benötigte, um seine Gedanken auszudrücken. Die Stimmung ließ Akk trotzdem seltsam fühlen. Heute Morgen war zwischen ihnen beiden alles in Ordnung gewesen, doch das normale Muster der Schule brachte Akk so leicht in sein eigenes Labyrinth zurück und verbarg ihn in seinem verworrenen System.
Durfte er sich nochmal zu Ayan verlaufen?
„Heute Morgen hatten wir ein spontanes Treffen wegen den Vorfällen mit der World Remembers Gang."
„Huh?" Ayan hatte sich auf seine Handflächen gestützt.
„Du wolltest doch wissen, wo ich war."
„Oh, stimmt. Ja, du hattest erst irgendwas erwähnt", Ayans Brauen zogen sich leicht zusammen, wie sie es immer taten, wenn er nachdachte. „Was wollte Chadok von euch?"
„Er hat uns nur erneut verwarnt. Wir sollen die Proteste stoppen, da die Medien und auch die Eltern langsam davon mitbekommen."
Ayan nickte, offensichtlich nicht einverstanden mit Chadoks Methoden.
„Aber Sani hat nach dir gefragt."
„Nach mir? Wieso das?"
Akk zog die Schultern hoch: „Keine Ahnung. Sie wollte wissen, ob du noch immer so offensichtlich gegen die Schule arbeitest."
„Was hast du gesagt?"
Akks Mundwinkel zuckten nach oben. „Dass du gar nichts anderes im Kopf hast. Du kannst nur daran denken, wie du als nächstes die Regeln brichst."
„Achso?" Ayan rutschte näher an den Jüngeren heran. „Du kennst mich so gut, nicht wahr?"
Akk lächelte noch immer, bis Ayan eine Hand an seinen Nacken legte. „Was machst du?"
„Oh?" Ayan legte den Kopf schief. „Das hast du doch gerade selbst gesagt. Ich denke nur daran, wie ich die Regeln brechen kann." Er lehnte sich näher zu Akk, welcher unsicher zurückwich. „Und mir ist da eine neue Methode eingefallen." Sein Blick schweifte zu Akks Lippen.
„Nicht hier." Trotz seinen Worten, drehte Akk seinen Kopf nicht zur Seite, wie er es sonst getan hatte.
„Okay." Ayan sah ihn an, lächelte und stand auf. Er schaute erwartend zu Akk, während er etwas rückwärts lief.
„Wo willst du jetzt hin?" Akk richtete sich verwirrt auf. Doch anstatt, dass Ayan antwortete, lief er nun aus der Turnhalle. „Hey!" Akk lief ihm hinterher. „Wir können nicht alles hier so liegen lassen!"
Ayan lief weiter, als hätte er ihn nicht gehört. Akk verdrehte seine Augen, tat sich schwer seinen eigenen rasenden Herzschlag zu ignorieren, als er ihm langsam folgte. Kaum hatte er die Tür zu den Spinden hinter sich geschlossen, war Ayan bei ihm.
Akk vergaß zu atmen, als Ayans Hände sich auf seine Hüfte legten. Er war ihm so nah wie gerade eben in der Halle, vielleicht auch ein kleines bisschen näher. Aus Angst, dass er selbst einen Rückzieher machen würde, umfasste Akk den dicken Stoff von Ayans Judo-Anzug und drückte seine Lippen bestimmt auf die von Ayan. Der Ältere erwiderte den Kuss so süß, dass Akk seinen Griff in der Kleidung verstärkte.
Es war ein kurzer Kuss, ihre Lippen fühlten sich warm aufeinander an. Ayan seufzte, als Akk sich löste und lächelte ihn an.
Nachdem sie dann tatsächlich ihr Training beendet hatten, war es bereits dunkel geworden. Nur ein paar letzte Sonnenstrahlen erwärmten die Dächer des Suppalo Gebäudes in sanftem Orange. Akk lief neben Ayan her zu seinem Auto.
Er wusste nicht ganz, was er aus ihrer Beziehung zueinander machen sollte. Sie küssten sich, suchten einander auf, sie kannten sich, kannten ihre Familien. Ayan schaute nach vorn, das späte Licht der Sonne lag malerisch auf seinem Gesicht.
Akk atmete tief ein. Er würde sich selbst nichts vormachen. Natürlich war da etwas zwischen ihm und Ayan. Doch er wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte, dass ihm diese Nähe zu Ayan, vor der er sich die ganze Zeit gescheut hatte, auf einmal so gut gefiel, dass er sie gern nie wieder missen wollte. Er mochte es, wie der andere ihn ansah, mochte seine Verspieltheit, seine spitzen Worte.
Aber er wusste nicht, wie viel er sich erlauben durfte, zu fühlen. Ayan schien immer für ihn das Denken zu übernehmen. Kein Fettnäpfchen ließ er für Akk übrig, lief den Weg mutig voran, und schaute ihn nur geduldig an, als würde er ihm zuflüstern „vertrau mir".
„Was machst du morgen?" Sie blieben vor Ayans Auto stehen.
„Vermutlich lernen. Wir haben ja bald Prüfungen."
„Möchtest du mit mir ins Café kommen?" Seine Augen glitzerten bräunlich. „Am Nachmittag, meine ich. Dort könntest du auch lernen."
Als Akk nicht gleich antwortete, fügte Ayan hinzu: „Ich möchte einfach ein bisschen Zeit mit dir verbringen."
„Meinst du als Date?" Ein Spaziergänger drängte sich an den beiden Schülern vorbei. Ayan wartete, bis er vorbei war, bevor er weitersprach. Ein Lächeln zuckte über sein Gesicht.
„Ja, ein Date. Ich lad' dich ein. Ist das okay?"
Das gute an Ayan war, dass Akk wusste, dass er ihn verstehen würde. Er würde verstehen, würde er nicht mit ihm gehen oder ihn von sich drücken, wie er es so oft bereits getan hatte. Aber er hatte ihn heute bei den Spinden nicht von sich gedrückt, oder gestern im Bett oder auf dem Balkon beim Pool. Am Tag zuvor war er noch mitten in der Nacht zu Ayan gelaufen, obwohl er wusste, dass er sich um diese Uhrzeit selbst als Präfekt nicht mehr auf dem Gelände aufhalten durfte.
Er fühlte sich schuldig, Ayan die ganze Zeit auf einer Armlänge von sich fernzuhalten, während dieser sich damit zufrieden gab, wenigstens einen Teil von ihm zu erhalten. Akk blickte auf. „Ich war noch nie auf einem Date." Und auch wenn es vielleicht nicht das war, was er zu sagen versucht hatte, schaute Ayan ihn mit hoffnungsvollen Augen an. „Dann wird es höchste Zeit."
Akk fühlte sich warm. Trotz, dass die Sonne mittlerweile hinter dem Haus verschwunden war.
„Soll ich dich nach Hause fahren?" Ayan hob die Hand und ließ den Autoschlüssel mit zwei Fingern in Akks Sichtfeld baumeln.
„Ist schon gut. Ich wollte sowieso noch etwas laufen."
„Sicher? Nicht jeder hat die Möglichkeit von seinem Date bereits am Tag zuvor bis nach Hause gebracht zu werden." Das Grinsen hatte seinen Platz zurück auf seine Lippen gefunden.
Akk blinzelte ihn an. „Sicher, Shortstop. Du hast mich gestern doch auch schon mitgenommen. Ich laufe."
Ayan hielt ihn an der Hand auf, als er vorbeigehen wollte. „Lass mich dir wenigstens Tschüss sagen." Verwirrt blickte Akk zu dem Kleineren, doch realisierte schnell, was er vorhatte.
Auf Zehenspitzen machte Ayan sich etwas größer, sodass er einen sanften Kuss auf Akks Wange drücken konnte. Er blieb ihm nah, auch als er sich schon gelöst hatte, als wollte er seine Chance testen, noch einen weiteren Kuss auf Akks Lippen erhaschen zu können. Doch der Größere drückte ihn schnell von sich, etwas hektisch darauf bedacht seine roten Wangen zu verstecken. „Bis Morgen, Ayan."
„Aye!" hörte er noch hinter sich, bevor er schon um die Ecke gebogen war.
„Glaubst du wirklich? Ich denke nicht, dass Waree dich heute so stark bemerkt hat."
Akk zog am Strohhalm seines Soft Drinks. Seine Lernnotizen, die noch zwischen Ayan und ihm auf dem Tisch lagen, bereits vergessen. Zunächst hatte er wirklich gehofft ein bisschen lernen zu können, doch Ayan hatte Spaß daran gefunden seine Aufmerksamkeit zu suchen. So hatte es nicht lang gebraucht, bis Akk frustriert nachgegeben hatte und Ayan selbstzufrieden für sie beide noch einmal nachbestellt hatte.
Seit er das letzte Mal mit Ayan hier war, hatte er das Café nicht mehr betreten. Doch musste er sich eingestehen, dass er sich wohler fühlte mit Ayan an seiner Seite. Immer wieder erwartete er, dass sich die Leute zu ihnen umdrehen würden oder dass jemand aus der Schule durch die Tür kommen würde und sie zusammen sitzen sah. Doch nach einer Weile hatte er bemerkt, dass es den Leuten hier egal war. Niemand hinterfragte, warum die beiden hier saßen, ob sie Freunde waren oder mehr. Akk fing allmählich an zu verstehen, warum Ayan gern herkam.
„Wie konnte sie nicht? Du hast mich die ganze Stunde abgelenkt."
Ayan lächelte. „Ich kann nichts dafür, wenn du dich lieber auf mich konzentrierst."
Akk seufzte genervt, schwenkte den letzten Schluck seines Getränks in seiner Hand. „Wenn du das nochmal machst, schlag ich dich."
„Ich dachte darüber wären wir bereits hinweg." Ayan lehnte sich vor, zog eine Braue hoch. „Oder möchtest du, dass ich dich küsse?"
Akk tat sich schwer, sich auf diese Aussage hin nicht an seinem Getränk zu verschlucken. Er warf einen frustrierten Blick in Ayans Richtung und kippte den letzten Rest in einem Schluck hinunter.
Ayan hatte schon seit ein paar Minuten ausgetrunken, doch er wartete bis Akk fertig war, sodass er beide Becher wegbringen konnte. Sein Grinsen war noch immer so prominent in seinem Gesicht, als er wiederkam. Akk hatte den leisen Wunsch es ihm vom Gesicht zu küssen. Doch bevor er diese Idee weiterverfolgen konnte, warf er einen kurzen Blick auf sein Handy.
Es war bereits nach 18 Uhr und einige Nachrichten von Wat und Khan blinkten auf seinem Display. Doch er nahm sich vor später zu antworten. Er wollte im Moment nicht über die Schule nachdenken.
„Wollen wir los?" Er sah zu Ayan, welcher nickte und ihm half seine Bücher wieder in den Rucksack zu räumen.
„Wenn du später noch-" Ayan unterbrach sich selbst, als eine Mitarbeiterin zu ihnen trat, bevor sie das Café verlassen hatten.
„Entschuldigt, dass ich euch unterbreche, Jungs. Aber wir verteilen heute diese Anstecker für jeden, der einen haben möchte." Sie hielt eine kleine Schale vor, in der verschiedene Pins waren, die alle unterschiedliche LGBTQIA+ Flaggen zeigte. "Es ist unser 10-jähriges Jubiläum, deshalb wollen wir unseren Kund*innen etwas zurückgeben."
Ayan sah sich die verschiedenen Anstecker für einen Augenblick an, bevor er sich einen Regenbogenfarbenen griff. „Danke", er lächelte, bevor er abwartend zu Akk blickte, der unsicher auf die verschiedenen Accessoires schaute. Dann schüttelte er leicht den Kopf. „Für mich nicht, aber danke. Es ist .. wirklich eine coole Idee."
Die Kellnerin nickte lächelnd und verabschiedete sich von den beiden. Akk erwartete, dass Ayan ihn fragte, warum er sich keinen der Buttons genommen hatte, doch stattdessen drehte er sich auf dem Parkplatz freudig zu ihm um. „Kannst du mir den Pin an meine Jacke stecken?"
„Oh, uh, klar." Akk nahm ihm den kleinen Knopf ab und schob Ayan mit seinen Händen so, dass er zur Laterne gedreht war. Ayan beobachtete ihn, während er die Anstecknadel öffnete.
„Hier hin?" Akk hielt den Button neben der 'Solstice' Aufschrift an die Jacke. Ayan nickte.
„Du wolltest erst was sagen, bevor wir unterbrochen wurden."
„Huh?" Ayan schaute nach oben, als er nachdachte. „Ah! Ich wollte nur sagen, dass du später noch lernen kannst, wenn du möchtest. Du sollst wegen mir keine schlechteren Noten bekommen."
„Keine Sorge, Shortstop." Akk nahm einen Schritt von Ayan zurück, als er fertig war. „Ich krieg das schon hin."
„Und wie seh' ich aus?" Ayan drehte sich ein bisschen hin und her, sodass der metallene Anstecker warm im Licht glänzte.
Akk musste lächeln. Ayan sah glücklich aus, so wie er im warmen Laternenlicht zu ihm aufsah, strahlend mit einem Regenbogen-Pin. Akk kam nicht umher zu bemerken, dass er selbst den Anstecker nie so selbstbewusst tragen könnte wie Ayan.
Doch Ayan hatte ihm oft genug deutlich gemacht, dass dies okay sei. Und auch wenn er vielleicht nicht durch ein Schmuckstück als Teil der Community erkannt wurde, so machte es ihn nicht weniger zu einem Jungen, der dabei war, sich in einen anderen Jungen zu verlieben.
„Es sieht gut an dir aus."
Akk nahm sich am Abend noch die Zeit auf die Nachrichten von Wat und Khan zu antworten. Seine Freunde hatten sich um die Proteste gesorgt, darüber, dass Chadok härter durchgreifen würde. Doch am meisten sorgten sie sich um Akk. Und auch, wenn dieser ihre Zuneigung abtat, so breitete sich doch ein warmes Gefühl in ihm aus, dass sie an ihn dachten.
„Was machst du?" Ayan hatte sein Handy weggelegt und drehte sich zu Akk, um ihn besser anzusehen.
Der Jüngere schickte eine letzte Nachricht ab, bevor er sein Handy sperrte. „Ich hab' nur mit Khan und Wat geschrieben."
„Mhm", Ayans Stimme klang ganz sanft neben ihm.
Er drehte sich ebenfalls zu ihm, nachdem er sein Handy weglegte. Akk mochte es, wie Ayan ihn durch nur halb geschlossene Augen betrachtete. Nein, heute wollte er wirklich nicht mehr nachdenken. Nicht über den Fluch, nicht über die Proteste oder die Schule. Nur Ayan - so wie er es mittlerweile kannte.
„Hast du genug Platz?" Ayan nickte, doch rutschte entgegengesetzt seiner Worte ein bisschen näher zu Akk.
Ein Teil von Akk fragte sich entfernt, wie lange sie diese Ruhe noch teilen durften. Mit allem, was um sie herum geschah, schien es, als würden sie sich in geborgter Zeit bewegen. Als sei das Ziel unausweichlich sich doch schon bald voneinander entfernen zu müssen. Und als würde es sich deshalb in ihrem Raum, zwischen ihren Worten und ihren Berührungen verfangen.
„Danke, dass du heute mit mir auf dem Date warst."
Akk wollte weiter so tun, als sei alles in Ordnung.
„Es war gar nicht mal so schlecht." Sein Grinsen wurde breiter, als Ayan ihm für den Kommentar spielerisch auf den Arm schlug.
Nach dem Date sind sie zu Akks Apartment gefahren und Ayan hatte sich mehr oder weniger selbst eingeladen, die Nacht bei ihm zu verbringen.
Akks Herz klopfte stark in seinem Brustkorb, er hatte fast das Gefühl es bis in seinen Bauch zu spüren, als ihre gehobenen Mundwinkel sich langsam senkten. Und diesmal war er derjenige, der eine Hand an Ayans Wange hob.
Nur ganz sanft, so als könnte er sich selbst oder Ayan verletzen, würde er sich näher trauen. Doch als der Ältere sich genauso sachte gegen seine Hand schmiegte, nahm Akk es als ein Zeichen weiterzumachen. Ayans Haut fühlte sich warm unter seinen Fingerspitzen an als er die Hand von seiner Wange an seinen Nacken gleiten ließ, für einen Augenblick durch den Ansatz seiner Haare fuhr.
Er spürte, wie sich Gänsehaut unter seiner Berührung bildete, atmete bei der Realisierung zittrig aus. Ayans Haare waren noch leicht nass von der Dusche, Akk konnte beobachten wie eine kleine Wasserperle sich von einer Strähne löste und auf seine Schläfe tropfte. Als sein Blick sich von ihr löste, musterte er im stillen Ayans Gesicht.
Das letzte Mal, als sie sich im sicheren Raum ihrer Wohnung so nah gekommen waren, hatten sie einander nicht so viel Zeit gelassen. Viel zu sehr waren sie darauf fokussiert gewesen, das anzunehmen, was sie kriegen konnten. Akks Lippen kribbelten bei dem Gedanken, wie Ayan ihn vor ein paar Tagen geküsst hatte. Doch nun nahmen sie sich den Moment, um einander anzusehen, zu bemerken, was solch leichte Berührungen miteinander machten.
Oh, Akk trieb es beinah die Tränen in die Augen, als Ayan seine Wünsche von seinen Handlungen las und ihm mit genauso viel Vorsicht und Vertrauen entgegnete, wie er ihm versuchte zu schenken. So rutschte der Ältere an Akk heran, zog seine Hand unter der Decke hervor, um sie ebenfalls an Akks Gesicht zu legen, über seine Wange zu streichen und über seine Schläfe, seine Nase und sein Kinn.
Ayans Augen schienen seinen zarten Berührungen zu folgen, bis sie auf seinen Lippen haften blieben, während seine Finger über Akks Nacken tänzelten, sodass sich dort die feinen Härchen aufstellten. Ayan schaute langsam wieder auf, als müsse er sich in seinem Blick alles einprägen. Seine Augen hielten eine unausgesprochene Frage innen und Akk verstärkte aus einem Impuls heraus seinen Griff am Hinterkopf des anderen.
Ayan fügte sich seiner Geste, lehnte sich leicht näher und doch nicht nah genug. Er stoppte nahe seiner Lippen und Akk kribbelte es bis in die Fingerspitzen. Ayans warmer Atem perlte über seine Lippen und gab ihm einen Ausweg, eine Möglichkeit sich zurückzuziehen. Als er seinen Blick hob, sah Ayan ihn an. Vorsichtig war es nun an ihm, sich vorzubeugen und ihm ganz leicht die Lippen aufzulegen.
Akk seufzte in den Kuss, schloss die Augen erst, als Ayan es tat. Sie fielen leicht in ihren gewohnten Rhythmus, bewegten sich mit so viel gegenseitiger Wertschätzung, dass Akk an Ayans Haarsträhnen zog, um seinen Empfindungen Raum zu schaffen. Er wusste nicht wohin mit dem Wunsch zu weinen, zu lachen, sich zu verstecken oder hinauszutreten und Ayan zu sagen: Nimm. Alles was du möchtest, es gehört dir. Ich gehöre dir.
Beide schoben sie im selben Moment die Decke zur Seite, um sich näher aneinander zu drücken. Ayans Hand hielt den Größeren an seiner Seite, vergriff sich in seinem Shirt. Instinktiv öffnete Akk die Lippen weiter, sodass Ayan ihn bestimmter küsste. Er spürte seine Hände, seinen Körper gegen den eigenen. Alles war warm, brannte so angenehm auf seiner empfindlichen Haut. Verzweifelt griff er in Ayans Arm, als dieser an seiner Zunge saugte, an seinen Lippen.
Sie lösten sich für einen Augenblick, doch Akk hielt die Augen geschlossen. Den anderen nun anzusehen, hätte ihn endgültig um den Verstand gebracht. Er hörte wie schwer der andere atmete, doch was ihn verrückt werden ließ, war dass er es gegen seine Lippen spürte. Er zitterte leicht, atmete gleichzeitig mit ihm. Sie waren sich so nah, dass ihr Atem sich kochend heiß anfühlte. Letztendlich war es Ayan, der den Abstand erneut schloss.
Akk erwiderte seinen Eifer, drückte Ayan an den Schultern nach hinten, sodass er sich über ihn lehnen konnte. Ayans Lippen waren so weich. In Akks Benommenheit schienen sie nach Sonnenaufgängen zu schmecken. Die ersten Strahlen der Sonne, die einem am Morgen das Gesicht wärmten.
Akk küsste den Mundwinkel Ayans und der andere schien zu verstehen, drehte seinen Kopf ein wenig zur Seite, als der Jüngere seine Lippen über sein Kinn und an seinem Ohr streifen ließ. Er hörte auf Ayans Keuchen, auf seinen Griff, der sich um seinen Torso verstärkte, bemerkte was er mochte und was nicht.
Mit verschwommenem Blick schaute er hinab zu dem Kleineren, der so süß in diesem Moment aussah. Mit den vom Küssen roten Lippen, den rosa Wangen und den leicht zerzausten Haaren. Akk bemerkte etwas peinlich berührt, dass er wohl nicht anders aussehen durfte.
Er lehnte sich wieder hinunter und verteilte leichte Schmetterlingsküsse auf Ayans Hals. Mit zwei Fingern zog er vorsichtig das Shirt, das er trug, am Kragen ein bisschen nach unten. Dabei fiel sein Blick auf die Kette. Er hatte sie zuvor schon bemerkt. Das silberne Schmuckstück zeigte eine partielle Sonnenfinsternis; ein Teil der Sonne war noch zu sehen, doch der Mond hatte sie fast vollständig bedeckt.
„Okay?" Akk sah zu Ayan auf und wartete auf sein Nicken, bevor er eine Hand auf den Anhänger hob und darüber strich. Mit all der Bewunderung, die er für den Jungen unter sich empfand, küsste er um das Accessoire herum, drückte seine Lippen ganz sanft auf die Haut, wo es auf seiner Brust auflag.
Wie konnte der Junge, der die Sonnenfinsternis um den Hals trug, nach Sonnenschein, Wärme und Licht schmecken?
Akk spürte, wie Ayan seine Finger unter sein Shirt tastete, die Fingerkuppen gegen die heiße Haut seiner Taille presste, gegen seinen unteren Rücken. Akk zog überrascht scharf die Luft ein, lehnte sich dabei wieder so über Ayan, dass dieser ihn leichter in einen erneuten, hitzigen Kuss ziehen konnte.
Sie griffen verstärkter nach einander, Ayan hob ein Bein um Akks Hüfte. Ihr Oberkörper berührten sich, sie drehten sich an einem Punkt wieder zur Seite, sodass sie nebeneinander lagen, bevor Ayan den Größeren in die Matratze drückte, um auf seinem Schoß zu sitzen.
Schwer atmend, zog er sich sein eigenes Shirt aus und machte sich danach an Akks zu schaffen. Er ließ es geschehen, dass sie neben dem Bett auf dem Boden landeten.
Sie verloren keine Zeit sich in einem offenbarenden Kuss zu begegnen. Die Geräusche, die dabei entstanden, hauchten Akk Gänsehaut zu, sodass er die Schultern leicht hochzog. Alles kribbelte angenehm.
Ayans warme Haut gegen seiner eigenen zu spüren, wollte ihn nach mehr fragen lassen. Doch als der Kleinere nach einer Weile die Stirn gegen seine lehnte und sie sich in der angenehmen Stille wiederfanden, verstand Akk.
„Jetzt noch nicht", Ayan sah ihn aus dunklen Augen an. „Lass uns noch etwas warten."
Akk vertraute sich nicht zu sprechen, deutete nur leicht ein Nicken an und ließ sein Kopf in das Kissen sinken, die Augen wieder geschlossen. Ayan blieb in seiner Position.
Seine Fingerspitzen malten unbestimmte Muster auf Akks Schultern, über seine Brust, seinen Bauch entlang. Akks Herzschlag nahm mit jeder Berührung ein wenig mehr ab, seine angespannten Muskeln beruhigten sich wieder. Die Gänsehaut blieb jedoch, und so schmiegte er seine eigenen Fingerkuppen gleichmäßig über den Oberkörper des anderen, tat ihm seine Berührungen gleich, wollte ihm dasselbe Gefühl der Ruhe geben.
Zärtlich fuhr er mit leichten Berührungen über Ayans Tattoo an der Hüfte, las die Aufschrift. Sein Blick legte sich auf das andere Tattoo, das der Ältere besaß. Bedacht fuhr er auch dieses mit seinen Fingerspitzen nach und ließ schließlich seine Hand auf seinem Oberschenkel ruhen.
Ayan lächelte und drückte ihm einen liebevollen Kuss auf die Lippen.
Akk zögerte bevor er sprach, öffnete seine Lippen, schloss sie wieder und seufzte schließlich. „Es fühlt sich gut an mit dir so zusammen zu sein." Er wiederholte Ayans Worte, da sie seinem Chaos an Gefühlen am nächsten zu kommen schienen.
Ayans Augen funkelten so sehr, dass Akk sich innerlich verfluchte, ihm sowas nicht schon eher gesagt zu haben. Auf einmal wollte er es erneut wiederholen, und vielleicht noch ein weiteres Mal, nur um das liebevolle Lächeln zu sehen, das Ayan so gut stand.
„Ich mag es mit dir Zeit zu verbringen." Ayan lauschte den leisen Worten, unterbrach ihn nicht, ließ dem Präfekt all die Zeit, die er brauchte, um seine Gedanken zu ordnen und auszusprechen.
Akk schloss die Augen. „Aber ich habe trotzdem Angst." Er rieb die Lippen aufeinander, suchte nach Worten, Gesten, Sinn. Alles glitt ihm aus den Fingern. Auf einmal war das Chaos wieder da, vor dem er sich bei Ayan versteckt hatte. „Irgendwie fühlt es sich so an, als würden wir uns vormachen, dass alles in Ordnung sei. Dass wir in Ordnung sind. Dabei kann ich dir nicht öffentlich zeigen, was ich empfinde. Verdammt, ich kann es ja noch nicht einmal sagen, wenn wir zwei alleine sind."
Er holte tief, zitternd Luft. „Ich fühle mich, als würde ich deine Zeit verschwenden, dich zurückhalten. Ich habe nicht die Freiheiten, so zu leben wie du."
„So als-" Akk hob seine Hände, erfühlte an Ayans Nacken die feine Kette. "Als wärst du die Sonne und ich der Mond. Sobald wir uns näher kommen, dämmt es unser Licht." Seine Stimme klang hauchdünn. „Ich möchte nicht der Grund für dein Verdunkeln sein."
„Oh, Akk", Ayan hob eine Hand an seine Wange, streichelte sanft darüber und sah ihn an, als sei er die einzige Person, auf die es ankam. „Akk, baby, sieh mich an, bitte."
„Du bist nicht daran Schuld, sollte ich mein Licht verlieren. Du hast gar keine Kontrolle darüber. Genauso wenig, wie ich." Er hatte sich so weit nach vorn gelehnt, dass Akk nichts anderes als ihn wahrnehmen konnte. Er strahlte eine Sicherheit aus, nach der Akk unbewusst griff, selbst wenn er es nicht wollte. „Die Dinge passieren nun einmal, so wie sie passieren. Selten gehört ein Teil davon uns, sodass wir sie beeinflussen können. Ich verstehe, dass du Angst hast. Das ist okay. Aber vergiss nicht, wenn es zu einer Sonnenfinsternis kommt, wird es immer noch die vielen anderen Sterne geben, die am Himmel hängen und ihr Licht spenden. Wir sind keiner Verdammnis ausgesetzt, sobald wir uns nah kommen. Wir sind hier, zusammen. Wir tun uns gut. Das allein sollte Grund genug sein, zu versuchen beieinander zu bleiben."
„Vielleicht bist du wirklich wie die Sonne."
Ayan zog auf Akks Worte hin verwirrt die Brauen zusammen.
„Du bist viel zu optimistisch, als für dich gut ist."
Akk lachte, aber es war nicht wirklich ernst gemeint. Was er eigentlich hatte sagen wollen war: Es ist okay für dich etwas zurückzuverlangen. Dein Licht muss auch noch für dich selbst reichen.
Als sie sich das nächste Mal sahen, klopfte Ayan aufgeregt an Akks Apartment und spazierte an ihm vorbei in die Mitte seines Zimmers, bevor er sich breit lächelnd umdrehte. „Ich hab' etwas für dich."
Verwirrt schloss Akk die Tür und sah ihn fragend an. „Ein Geschenk?" Seine Bücher und Notizen bedeckten noch den größten Teil seines Bettes, sodass er zu Ayans Seite ging, um ihm etwas Platz zum Sitzen frei zu machen.
„Genau!" Ayan schwang seinen Rucksack über eine Schulter nach vorn, sodass er leichter herankam und etwas herausziehen konnte. In seiner Freude wirkte er ganz hibbelig, als er seinen Arm ausstreckte und es Akk direkt vors Gesicht hielt.
Erst als dieser ihm die Packung abnahm und in seinen Händen betrachtete, stellte er fest, dass es sich um Sternen-Aufkleber handelte, die in der Nacht leuchteten. Akk sah auf. Er wusste nicht, was er sagen sollte, was angemessen war, um die Liebe auszudrücken, die er in diesem Moment empfand.
Und so zog er Ayan etwas überwältigt in eine Umarmung, die Sterne noch in der Hand und legte seine Hände um seinen Rücken, presste sein Gesicht in seine Schulter. Er fühlte sich geborgen, beschützt. Als würden die Sterne ihr Licht nicht nur in das Chaos scheinen, sondern ihm einen Weg zeigen, mit Ayan zusammen zu sein.
Und im Moment wollte er nichts mehr, als das. Ayan. Seine Sonne.
„Weißt du, wie man die Sterne an die Decke bekommt?" Akk drehte sich zu Ayan, nachdem er den Text der Verpackung überflogen hatte.
Ayan schüttelte den Kopf. „Steht nichts drauf?" Akk zuckte leicht mit den Schultern. „Wir könnten googeln?"
Als Ayan sein Handy hervorholte, runzelte er die Stirn. Es waren viel mehr Nachrichten eingegangen, als normalerweise. Akk bemerkte, dass etwas nicht stimmte und sah den anderen fragend an. Doch dieser war ganz konzentriert, tippte auf seinem Display, bis er mit großen Augen zu seinem Freund aufsah. Er öffnete den Mund, um etwas zu erklären, doch schloss ihn direkt wieder und gab Akk wortlos sein Handy.
Als der Größere darauf sah, setzte sein Herz für eine Sekunde aus. Dann schlug es so kräftig in seiner Brust, dass er es in seinem Hals spürte, in seinen Ohren, in den Armen und den Beinen. Scham und Angst blühten in seinen Adern auf, wie die schönsten Blumen, die er je gesehen hatte - so vertraut und so langerwartet. Seine Hand begann zu zittern. „Wie haben-" Er sah Ayan erschrocken an. „Wer hat das gepostet? Warum-"
Doch dieser zuckte nur schwach mit den Schultern, sah Akk aus mitleidigen Augen an. Der User, welcher Drohungen gegen die Proteste hochgeladen hatte, machte sich nun an dem Fluch zu schaffen. Akk und Ayans Gesicht prangte auf dem Post, hängte den beiden an, für die letzten Ereignisse verantwortlich zu sein.
„Aber ich habe diese Puppe nicht angezündet." Akk hob seine Stimme in seiner Verzweiflung, Tränen traten ihm in die Augen. „Ayan, du warst bei mir. Ich war es nicht. Ich war es nicht. Ich- Ich habe nicht-"
Ayan selbst sah aus, als wüsste er nicht, welchen Emotionen er nachgeben sollte. Sein Gesicht war verzerrt mit Wut, Leid und Sorge. Er streckte seinen Arm nach Akk aus, welcher in seinem Griff für einen Augenblick erstarrte. Akk blinzelte nicht, seine Tränen fielen in feinen Tropfen auf das Packet, als er nach unten schaute und nicht zu Ayan. Seine Nase kitzelte durch das Weinen, sein Kopf begann nach einer Weile zu pochen und zu schmerzen.
Ayan versuchte in seiner eigenen Unruhe sein bestes Akk beizustehen, klammerte sich an die Kette seines Onkels, sobald der Jüngere nicht hinsah.
Es dauerte den ganzen Abend, bis die beiden sich beruhigt hatten. Sie lagen beieinander im Arm, starrten an die Decke. „Wollen wir die Sterne noch anbringen?" Akk schniefte, seine Stimme klang dünn.
Verwirrt hob Ayan den Kopf von seiner Brust. „Jetzt noch?"
„Ich möchte wenigstens heute Nacht noch haben." Er holte tief Luft. „Ayan, ich habe so Angst vor morgen. So viel Angst, in die Schule zu gehen, vor der Reaktion meiner Eltern oder- oder vor allem, was passieren könnte. Ich könnte meine Zukunft verlieren."
„Aber sie können dir nicht in die Schuhe schieben, dass du die Puppe angezündet hast. Dafür gibt es keine Beweise. Es kann gar keine Beweise geben. Es ist nur eine öffentliche Anschuldigung. Wir-"
„Ayan, bitte." Er sah ihn aus gläsernen Augen an, „Das ändert nichts an dem Fakt, dass ich an anderen Dingen Schuld trage." Er drehte seinen Kopf von Ayan weg, sodass dieser seine bebenden Lippen nicht bemerkte. „Du hast selbst gesagt, ich müsste mich dem stellen. Und du hast mich auch davor gewarnt, was passiert, wenn ich es zu spät tue."
Der andere blieb still, starrte Akk an. Er schien nachzudenken, bis er nach ein paar Sekunden den Kopf hob. „Okay", er nickte, „lass uns die Sterne anbringen."
Die Sterne schimmerten noch immer schwach an der Decke, als sie am nächsten Morgen aufwachten. Kleine Punkte der Hoffnung, die sie aufforderten, nach ihnen zu greifen. Vielleicht mussten sie doch nicht so tun, als sei alles in Ordnung. Vielleicht konnte wirklich alles in Ordnung sein. Wenn sie beieinander waren, schien der Mond auch nicht mehr so einsam, wie Akk ihn ab jetzt ansah. Auf einmal dachte er, es ist schön ihn bei sich zu haben.
Ayan ging so offen und warm mit allen um, empfing sie mit so großer Geborgenheit, dass Akk es sich von ihm abschaute und sich selbst ebenfalls offener begegnete. Zumindest hatte es sich bis jetzt so angefühlt.
Doch sein Kopf schmerzte noch immer und seine Augen brannten, trotz des Schlafes. Die Decke schien an diesem Morgen wärmer als sonst, Ayans Umarmung geborgener. Er wollte nicht aufstehen, nicht den ersten Fuß aus dem Bett strecken. Sobald er aufstehen würde, musste er sich allem stellen, vor dem er Angst hatte.
Manchmal als Kind hatte er geglaubt, dass je mehr Angst er vor etwas hatte, die Sache nicht eintreten würde. Dass seine Angst und Fixierung alles abhalten würden, was Realität hätte werden können. Doch als er älter wurde, hatte er bemerkt, dass es das Gegenteil war. Nichts gab einem Garantie. Man würde ständig balancieren müssen, auf einem Seil so dünn, dass es jeden Moment anfangen könnte zu reißen. Denn es gab zu viele Dinge, die man beachten musste. Zu viel falsch und richtig, sodass gar nichts mehr falsch oder richtig war. Gar nichts mehr Sinn machte.
„Akk, sieh mich an." Ayans Hand legte sich an seine Wange. „Bitte."
Er hob langsam den Blick, als wollte er, dass sich nichts real anfühlte. Nicht Ayan, er durfte nicht mit dem Rest seines Lebens untergehen. Akk wollte, dass er blieb, über den heutigen Tag hinaus und über das, was die Konsequenz dessen sein würde.
„Wir schaffen das gemeinsam. Ich bin bei dir. Ich lass dich nicht allein. Du wirst mich immer bei dir haben."
Akk wollte ihm so gern glauben. Er gab sich so viel Mühe, nur Wahrheit und keine Zuversicht zu sehen, welche ihm im Moment so schwach und hauchdünn erschien, wie das Seil auf dem er versuchte zu stehen.
Es brauchte sie diesen Morgen länger, um sich fertig zu machen. Fast so, als sei es ihr Ding geworden sich vor jeder Aufgabe zu fürchten, weil die folgende noch viel schwerer schien. Für ein paar Minuten stand Akk auch einfach nur im Raum, während Ayan im Bad war, und starrte nach vorn. Sein Herzschlag wurde von Minute zu Minute immer schneller, lauter und seine Hände waren mittlerweile so kalt, dass er sie an seine eigenen Wangen legen konnte, um sie dort zu wärmen.
Er dachte darüber nach, auf sein Handy zu schauen. Doch was er darauf sehen könnte, ließ ihn so fest erstarren, dass er es wieder von sich aufs Bett warf und im Raum hin und her lief, bis zu seiner Küche, wieder bis ans Fenster, zurück an seinen Nachttisch.
„Sollen wir?"
Er blieb stehen und sah Ayan an. Welche Wahl hatte er? Er nickte langsam.
Je näher sie der Schule kamen, desto mehr verrückte Akks Fokus. Er nahm Ayans Hand auf seinem Bein gar nicht mehr wahr. Die Wärme, die von ihm ausging, verblasste wie seine Umgebung. Er sah sich selbst in der Schule den Blicken der anderen ausgesetzt, sah seine Freunde, die ihn unverständlich musterten. Seine Eltern würden nicht lang auf die Nachricht warten müssen, würde sein Stipendium zurückgezogen werden. Er spürte, wie erneute Tränen drohten sich über seine Wasserlinie zu winden.
Auf einmal war Ayan vor ihm, sein Gesicht so nah. Akk hatte nicht einmal bemerkt, dass sie angekommen waren. Und bevor dieser noch weiter nachdenken konnte, was gleich geschehen würde, sobald sie aus dem Auto stiegen, verband Ayan ihre Lippen noch einmal miteinander. Durch den vergeblichen Versuch einander nah zu sein, schmeckte der Kuss salzig nach ihren Tränen.
Akk dachte an die Sterne, die Ayan ihm geschenkt hatte, an die Hoffnung in seinen Augen, die so viel heller leuchtete, als all die Lichter, von denen er ihm erzählt hatte. Vielleicht brauchten sie gar keine Sterne. Vielleicht waren Mond und Sonne genug, um einen weiteren Tag zu überstehen.
Als sie ausstiegen und das große Eingangstor hinter sich ließen, bemerkte Akk mit einem Seitenblick, dass Ayan den Button aus dem Café noch immer an seiner Jacke trug. Und auf einmal fühlte sich seine Hand ohne Ayans Berührung so leer an. Er umklammerte für einen Moment der Unsicherheit den Stoff seiner eigenen Uniform, bevor er tief durchatmete und wieder losließ.
„Aye", er drehte sich zu ihm. Der andere schaute überrascht auf, als er den Spitznamen vernahm.
Akk streckte seine etwas zittrige Hand nach Ayan aus und dieser verstand, verschränkte ihre Finger und schenkte ihm ein letztes aufmunterndes Lächeln. Er glaubte ihm. Ayan anzusehen, ließ sein Herz ihm glauben.
Plötzlich war er sich sicher, dass seine Tränen trocknen und der Tag vergangen sein würde. Er verstand, wenn auch nur ein kleines bisschen besser, dass es ein unglaublicher Akt des Mutes war, in einer Welt weiterzuleben, die er nicht kontrollieren konnte. Selbst nur für heute, oder für ein weiteres morgen. Er würde lernen, stolz auf jeden Tag zu sein, an dem er aufstand. Denn es ging nicht darum, ob man es schaffte auf dem Seil zu balancieren, ohne herabzustürzen. Sondern darum, dass man sich trotzdem weiter nach vorn wagte.
Mit Ayans Hand fest in seiner eigenen beschloss er, diesen Schritt nach vorne zu setzen. Es war ihm egal geworden, wann Ayan und er sich zu nah gekommen waren und dies alles begann. Denn beieinander würden sie nicht fallen. Sollen sich Mond und Sonne doch berühren - in ihrer Einheit waren sie sicher. Denn selbst wenn die Sterne aufhören sollten zu funkeln, dachte Akk, haben sie trotz der ragenden Dunkelheit noch immer einander.
