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Rating:
Archive Warning:
Fandom:
Characters:
Language:
Deutsch
Series:
Part 1 of Magisches Neuseeland
Stats:
Published:
2024-08-24
Words:
3,087
Chapters:
1/1
Comments:
2
Hits:
7

Magisches Neuseeland, Band 1: Geysirheimat

Summary:

Deutsche Version des englischen Romans!

Übermenschliche Kräfte können aus heißen Quellen fließen - wer hätte es gedacht?

In einer vielbesuchten Touristenstadt in Neuseeland gibt es Geheimnisse unter den Geysiren, aber auch unter der Bevölkerung. Kann 17-jährige Anira einem unheimlich begabten Gauner im Weg stehen?

Anira hat Angst vor Vulkanen und will nicht mit auf Familienurlaub in der geothermischen Stadt Rotorua. Aber dieser Ort hat Geheimnisse, die älter sind, als das Land. Die Kraft der Quellen verwandelt ihre Fähigkeiten. Die ortsansässigen Geister beauftragen sie, andere Begabten zu finden, und den amerikanischen Bauunternehmer davon abzuhalten, die Quellen mit Beton zuzubauen.

Klar, es gibt andere, die auch Kraft aus den Quellen ziehen. Aber sie trauen der frisch angereisten Anira nichts an. Wie kann sie ein Team zusammenstellen, um die Stadt zu retten?

Notes:

Liebe Freunde, danke fürs Lesen!
Ich bin ja eigentlich die Autorin der Serie auf englisch, und da ich einigermaßen deutsch kann (dank 7 Jahren in Bayern!), fange ich nun selbst mit dem Übersetzen an.

Mehr Infos (auf englisch) bei www.gracebridges.kiwi :)
Die Serie - bis jetzt 6 Bücher - gibt's auf englisch bei Amazon.
Falls das hier was taugt, gibt's das vielleicht bald auch auf deutsch.

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

ERSTER TAG

 

“Vulkane sind mir irgendwie unheimlich.” Anira mürrte vor sich hin, gerade als das Auto das Ende einer Anhöhe überschoss. Es flog eine halbe Sekunde in der Luft, und ihre Mutter Shannon griff den Steuer so hart an, dass ihre Finger weiß wurden. Die Reifen trafen wieder auf die Straße. Shannon grinste dann ihre Tochter kurz an.

Der Blick vor ihnen weitete sich nun aus: ein Kratersee, der fast den ganzen Horizont nach vorne ausfüllte. Aniras Blick blieb an einer dunklen Insel mittendrin hängen, was sie erschauern ließ. Gleich aber fuhren sie in einen Tal hinein, und der See mitsamt Insel verschwand hinter den Hügeln. Anira schaute zu ihrem vierjährigen Bruder, Quincy, der auf dem Rücksitzbank noch schlief. Sie seufzte leise, verschränkte ihre Arme über den Gurt, und starrte fest nach vorne.

Shannon bremste etwas, als der Abstieg zwischen Hügeln mit Schafen und hohen Kiefern nun steiler wurde. Das Toyota, im guten Alter, klapperte im Gangwechsel und brummte wie das Schnurren einer großen Katze. “Du hattest schon Angst, als wir das letzte Mal hier waren. Ich hab’s einfach nicht geschafft, dich zu beruhigen und zum Einschlafen zu bringen. Das war eine lange Nacht. Aber du warst ja nur fünf Jahre alt–man sehe dich jetzt mit siebzehn an! Du hältst doch ein wenig geothermische Aktivität aus?”

“Schon. Aber ich besuche keinesfalls das begrabene Dorf.” Ein Schüttelfrost lief ihr den Rücken entlang, wenn sie daran dachte: ein echtes Dorf, wo echte Leute gelebt hatten, wo viele gestorben waren, als der Vulkan Tarawera ausgebrochen war und die Häuser mit Asche bedeckt wurden. Und das war noch gar nicht so lange her. “Du weißt doch, das ist in Vulkanjahren nur ein winziger Augenblick seit 1886?"

“Es gibt jede Menge Leute, die Rotorua seitdem besucht haben. Da wird uns nichts passieren.” Shannon blickte zu ihr, wendete aber dann ihre Aufmerksamkeit auf die Straße zurück.

Die Landstraße führte rauf und runter, und bog hier und da zwischen den Hügeln. Jede Biegung brachte eine neue Ansicht mit knallgrünen Hängen, einem einsamen Bauernhaus, ein Pferd mit zersauster Mähne hinter einem Drahtzaun, oder eine runddächige Scheune aus Wellblech.

Das alles ließ Aniras Herz schlagen, trotz den unheimlichen Vulkanen. Das hier ist mein Heimatland. Auch wenn sie so viele Jahre in England verbracht hatte, auch wenn ihr Vater nicht von hier war. Und auch wenn sie erst jetzt nach dem Rückkehr mal aus der Großstadt heraus konnte: das Land hier hatte die Urahnen ihrer Mutter versorgt. Mit jeder Fahrstunde spürte Anira immer mehr, wie ihre Seele sich mit der Landschaft vereinte, obwohl sie anfangs gar nicht mitkommen wollte. Wild und irgendwie selbstbewusst, der Boden und sein Geist fasste sie um und füllte sie mit jedem Blick und jedem Atemzug auf.

Shannon war bei dem letzten Gedankengang hängengeblieben. “Zu Hause haben wir sowieso jede Menge Vulkane—sind die dir etwa weniger unheimlich?”

Anira biss sich auf die Lippe, während Shannon auf die Straße neben dem See abbog. Sie starrte den Verkehr an, und die Häuser, die sich hinten anreihten. “Ja, ja, ich weiß. Ein Haufen davon in der Stadt. Aber die sind seit Jahrtausende nicht ausgebrochen. Vielleicht noch viel länger.” Außerdem waren sie alle um ein Vielfaches kleiner.

“Und was ist mit Rangitoto?” Shannon lachte. “Das ist kein tausend Jahre alt.”

“Ha! Erinnere mich doch bitte nicht daran.” Der Gedanke an Rangitoto ließ Anira sich erneut wünschen, dass sie ihre Ferienzeit zu Hause verbringen könnte, nahe dem Meer, wo die enorme vulkanische Insel über alles andere ragte. Zumindest gab es diesen See in Rotorua–aber ein See wäre doch kälter zum schwimmen gehen.

Shannon zeigte mit dem Daumen nach hinten. “Wenn wir da nach links gefahren wären, könnten wir den Ort finden, wo meine Urgroßmutter Ophelia geboren wurde—in 1883.”

Anira rechnete im Kopf. “Sie war also drei Jahre alt, als Tarawera ausgebrochen ist.” Auf der Weise hatte sie es noch nie betrachtet. Wie sollte man sich das vorstellen, wie große Angst ein Kleinkind gehabt hätte, als der donnernde Vulkan die halbe Bevölkerung der Nordinsel in jenem Winternacht erweckte? Anira dachte an den eisernen Gesichtern in den alten, schwarz-weißen Fotos auf dem Regal daheim. Ophelia hatte den Vulkan sehr wohl überlebt.

“Also,” sagte Shannon, “was wollen wir denn in Rotorua unternehmen?”

“Kein begrabenes Dorf, das hab ich schon gesagt.”

“Natürlich. War halt immer eine Besonderheit für mich. Du brauchst aber nicht mitkommen.”

“Ich will unbedingt auf die Rodelbahn,” kündigte der kleine Quincy an. Seine Stimme klang noch müde vom Schlaf. Er hob die Hände wie beim Lenken und tat, als ob er in dem kleinen Rollwagen einen kurvigen Laufbahn hinuntersteuerte. Anira lächelte ihn an.

“Wir müssen unbedingt einen von den großen geothermischen Parks besuchen. Da gibt’s mehrere zur Auswahl,” meinte Shannon. “Und ich möchte auch mal einen Tagesausflug zu der Filmkulisse machen, weißt schon, die mit den runden Türen? Das ist innerhalb einer Stunde zu erreichen.”

“Na dann,” gab Anira zurück, obwohl es ihr nichts ausmachte. Das wäre auf dem Weg hierhin gewesen, aber so ein Tag wäre zu lang für den kleinen Quincy. Ihre Augen überflogen die Geschäfte, die sich um die Straße versammelten. Shannon bog nach links ab, Richtung See. Mehrere Kinder an der Straßenseite unterbrachen ihr Spiel und starrten die Neulinge etwas finster an.

“Wo ist denn diese Unterkunft?” Anira vermesste die normalen Häuser der Nachbarschaft, als ob ein nettes Hotel plötzlich erscheinen konnte. Auf einmal bestaunte sie eine sanfte Fahne aus Dampf, der sich aus einem Gully in der Wasserrinne emporhob. War das…? Oh je. Das brauchte sie nicht zu fragen. Der Dampf kam wohl von einer kochenden Quelle, wovon sehr viele knapp unter der Erde der Stadt herumliefen. Sie versuchte, sich zu beruhigen. Es gab hier schließlich auch Bewohner.

“Ich habe uns eine Hütte neben dem See gebucht,” trällerte Shannon, die anscheinend keinen Gedanken über den gefährlichen Boden im Kopf hatte. “Da gab’s einen tollen Rabatt, wenn man eine ganze Woche bleibt.”

Anira wollte doch nicht so lange bleiben. Sie sagte aber nichts. Eine Woche. Dann könnte sie nach Hause.

***

Ein paar Straßenecken weiter durch die doch ziemlich normal aussehende Nachbarschaft—das heißt, außer wo Dampf aus der Erde herausschwebte—und sie erreichten ein offenes Tor mit einem maroden Schild daran, wo daraufstand “Hüttenunterkunft.” Der Kies knirschte unter den Rädern als Shannon sich zwischen herunterhängenden Trauerweiden vorantastete. Als die Einfahrt sich nach einigen Biegungen wieder erweiterte, fanden sie sich in einem von mehreren Blockhütten umringten Hof. Die größte davon wäre eigentlich als Haus zu bezeichnen. Dessen Anbau trug ein weiteres Schild, wo handschriftlich “Empfang” zu lesen war.

Shannon strahlte. “Ich melde uns mal an und hole unseren Schlüssel, dann können wir mit dem Auspacken starten.” Sie lächelte so breit, dass Anira ihr was sagen wollte, von wegen das Gesicht könnte so hängenbleiben, wenn sie es weitermacht. Aber sie überlegte, das wäre vielleicht nicht so schlau, wie es in ihrem Kopf klang.

Anira zog an den Türöffner, die Tür ging auf, und frische Luft schwebte hinein. Zumindest hätte es frischer sein müssen, als die Luft im Auto drin. Sie erstarrte und verzog ihr Gesicht. Die Luft stank.

Shannon lachte und stieg aus. “Die gute alte Luft in Rotorua. Riecht wie gekochte Eier. Keine Sorge, das ist nur der Schwefel. Man gewöhnt sich daran. Es gibt sogar Leute, die es lieben.” Sie schloss ihre Augen und zog sich den Atem durch die Nase. “Ahhh. Es gibt nichts dergleichen.”

Anira sah zu, als ihre Mutter an die Tür des Anbaus klopfte, dann hineinverschwand. Sie streckte sich über den Vordersitz und drückte den Kofferraumöffner. Es klickte hinten, und sie seufzte. Nur eine Woche musste sie aushalten. Ein Schmerz durchbohrte sie. Ihr Vater hätte das auch bizarr empfunden.

“Sind wir da?” Quincy brach in ihre Gedanken ein. 

“Ja, Kleines, sind wir!” Anira versteckte ihren Trauer wieder außer Sicht und lächelte ihn an, als er die verschlafenen Augen rieb. Dann stieg sie auch aus dem Auto.

Die Luft traf sie wie ein Faustschlag. Sie hatte schon vorhin etwas gerochen, aber das hier war vielmehr eine körperliche Reaktion. Wow. Sie packte den Türrahmen als Stütze und schaute sich schnell herum. Hatte jemand ihr Stolpern beobachtet? Sie hatte doch noch keinen einzigen Schritt gemacht.

Atme.

Sie zwang sich, stehen zu bleiben, um sich zu sammeln. Die Luft in Rotorua war…penetrant. Es gab kein anderes Wort dafür. Als sie weiterhin langsam atmete, spürte sie beinahe, wie die Mineralien in der Luft sich in ihr Blut drückte, in ihre Finger und Zehen, und auch in ihr Gehirn. “Das ist ja ein Wahnsinn,” flüsterte sie, und streckte eine Hand nach vorne aus. Die Welt erschien auf einmal mit Klarheit aufgehellt. Sie blinzelte. “Das gibt’s doch nicht.” Sie war vielleicht von der Autofahrt noch müde. Kopfschütteln dehnte sie ihre Arme und Beine aus, und fing an, die Koffer und Taschen aus dem Auto zu holen und auf den Boden zu stellen.

Quincy hüpfte herum, wie es jedes Kleinkind es nach drei Stunden im Auto machen würde. Als das Geschrei zu schrill wurde, bat Anira ihn, leiser zu sein.

In Kürze kam Shannon zurück. Ein hochstämmiger junger Mann begleitete ihr. “Das hier ist Tiger, seine Mutter ist hier Inhaberin. Er wird uns zeigen, wo unsere Hütte ist.”

Tiger nickte Anira zu, und zersauste Quincys Haare. Anira musterte ihn und vermutete, er wäre 18 oder 19 Jahre alt.

“Oh, Anira! Warum hast du die Taschen auf den Boden gestellt? Die werden jetzt dreckig sein.” Shannon hebte einen Koffer auf und wischte an der verstaubten Unterseite. 

Tiger schmunzelte vor sich hin, schaffte es aber, nicht zu lachen. Er packte zwei Koffer und machte sich auf den Weg. “Hier geht’s lang.”

Anira lächelte ein bißchen wegen der Dramatik ihrer Mutter. Tiger, unterwegs zur Hütte, kam in etwa einem Meter Entfernung an ihr vorbei.

Wow, nochmal. Der Geruch, den Anira nun erlebte, war zehnfach so stark wie zuvor. Mineralien, ja, aber irgendwie noch mehr als nur das…er trug etwas von dem Mānuka-Baum mit sich, die aromatischen Blätter und Rinde. 

Sag mir bloß nicht, die Bewohner stinken auch…Aber das war eindeutig kein Gestank. Es war keineswegs unangenehm, einfach mal sehr scharf und deutlich erkennbar.

Sie sah ihre Mutter an, die immer noch mit den Taschen herumfummelte. Wenn sie darüber nichts sagte, täte Anira auch so. Erst einmal. Mānuka riecht doch gut, sagte sie sich.

Mit ihrem Rucksack und einem Kühlbox schlendern sie dem aromatischen Einwohner hinterher. Er lief zwischen zwei Hütten, dann noch zwei dahinter, bog dann schnell um eine Baumgruppe herum, die ein weiteres Häuschen verbarg.

Tiger deutete es an. “Da ist’s.”

Die Hütte stand in einer Lichtung, von spindelartigen Bäumen umringt. Anira hatte noch kein Wasser gesehen. “Wo ist den der See?”

Tiger setzte die Koffer auf die kleine Holzterasse und zeigte weiter. “Hinter der Hütte. Ihr findet es, wenn ihr etwa 30 Sekunden lang weitergeht. Aber bleibt bitte auf dem Pfad. Der Bach daneben, der ist kochend heiß.”

Anira schauderte, zwang sich aber, damit aufzuhören. Na toll, Mutti, du hast uns direkt auf zukünftige Geysire abgelagert. 

Im nächsten Moment erschien Shannon mit ihrem Koffer und dem Schlüssel. Sie sprang die drei Holztreppen hinauf und schob den Schlüssel in den Schloss. Nach etwas Herumgetue gelangte sie hinein.

Dicht hinter ihr betrachtete Anira das frischgeputzte Zimmer. Neben der Tür stand ein winziger Tisch mit vier Stühlen und einer kleinen Küchenzeile. Hinten im Zimmer standen zwei Stockbetten, und ein Bad war hinter einer halboffenen Tür ersichtlich.

Anira setzte ihre Ladung herunter und ging in die Hocke, um das Essen vom Kühlbox in den kleinen Kühlschrank zu übertragen. Als sie wieder aufrecht stand, wirbelte ihre Sicht mit einer Unmenge an Details und Klarheit. Sie musste den Küchentresen anpacken, und schüttelte sich den Kopf. Die Nacht gut durchschlafen, das brächte sie wieder in Ordnung. Was auch immer das sein sollte.

Sie trat wieder nach draußen und brach fast unter der Wirkung der starken Luft zusammen. Es gelang ihr, Richtung Auto zu laufen, aber ihre Schritte waren wackelig. Nur noch eine Tüte mit Essen stand im Kofferraum, also nahm sie diese und ließ die Hinterklappe zuschlagen. 

In der Hütte saß Quincy auf dem Boden. Er ließ sein kleines Spielzeugauto hin und her, hin und herfahren. Anira stellte das Obst auf den Tisch und sah ihre Mutter an, die auf einem Bett saß und sich den Stirn rieb.

“Sagt sich da etwa eine Migräne an?” Das könnte bei langen Autofahrten passieren.

“Ich hoffe nicht. Anira, macht’s dir was aus, wenn du Quincy auf einen kleinen Spaziergang zum See mitnimmst?” Shannons Stimme war angespannt.

Genauso wie zu Hause, außer dem Zielort. “Komm mit, Quincy.”

“Darf ich mein Auto mitbringen?”

“Na klar. Aber es muss nun mal ein fliegendes Auto werden, in Ordnung?” Anira wollte nicht, dass er es den ganzen Pfad entlang “fahren” würde.

Zu zweit schlenderten sie aus der Hütte, damit ihre Mutter mal etwas Ruhe haben könnte. Und ganz genau, wie Tiger es erklärt hatte, windete sich der Pfad weiter durch die Bäume. Anira bedachte sich, was Tiger ihnen noch angeraten hatte. “Hör zu, Quincy, trittst nicht vom Pfad ab. Das hier ist ein echt gefährliches Ort.”

Er nickte ernsthaft und lief im Zickzack los, genau zwischen den beiden Seiten vom Pfad. Er hielt das Auto hoch und brummte ein Motorgeräusch.

Anira beoachtete ihn sorgfältig. Sie wünschte sich, er würde nicht ganz so nahe am Rande laufen—was wäre, wenn er ausrutschte? Das “kochende” Bach war immerhin noch nicht zu sehen, falls der junge Mann keinen Scherz damit gemeint hatte.

“Oh, wow.” Quincy hielt vor ihr an, wo der Pfad nach links bog.

Anira schritt schneller, um ihn einzuholen. Sie erwischte ihn an den Schultern, und beide erstarrten im Anblick der Landschaft vor ihnen. Anira fühlte sich regelrecht davon angegriffen—nicht von der Luft oder von Menschen, sondern vom Boden selbst. Ihr schwirrte der Kopf so sehr, dass es schwierig war, die Ansicht zu erkennen. Nach mehrfachen Blinzeln gelang es ihr zu sehen, dass der kleine Wald zu Ende war. Vor ihnen lag eine Art Sumpfgebiet und dahinter eine kleine Düne, die vielleicht den See verbarg.

Dann hörte sie das Tröpfeln. Rechts vom Pfad lief tatsächlich ein dampfendes Flüsschen. Das Wasser war klar, aber bunte Ablagerungen schmückten die Ufer wie eine zierliche Spitze aus Mineralien. “Siehste, Quincy? Deswegen müssen wir auf dem Pfad bleiben.”

“Sehr wohl.” Er tritt nach vorne, genau in der Mitte. Kein Zickzack mehr. Anira blieb dicht hinter ihm, eine Hand noch auf seiner Schulter. Sie betraten zusammen das fremdartige Gelände. Auf der linken Seite erhoben sich Dämpfe aus Pfützen, die von hellgelben Schwefelablagerungen umringt waren. 

Sie starrte wieder in den heißen Bach und schnappte nach Luft. War das…ein Aal? Der schlangenartige Schatten verschwand wieder. Nein, das konnte nicht echt sein. Die Temperatur wäre doch für Fische viel zu heiß. Oder?

Die beiden kamen langsam voran, aber Anira wollte keinerlei Risiken eingehen. An einer Stelle bückte sie sich, um eine Hand auf die Oberfläche vom Pfad zu legen. Zu ihrem Entsetzen war sie in der Tat warm zum Anfassen. “Quincy, erinnere mich doch bitte daran, nicht ohne Schuhe herumzulaufen.”

Er war damit beschäftigt, seine Schritte ganz vorsichtig zu setzen. Die Düne war nicht mehr weit, und als sie sie endlich hinaufkrabbelten, funkelte der weite See vor ihren Füßen.

Das Wasser war ruhig, kaum eine Welle auf der Oberfläche. Anira trat in wenigen Schritten zum plätschernden Wasser hinüber. Sie steckte eine Hand hinein. Es war kalt. Natürlich. Der heiße Bach lief nebenan in den See, dort wo der Dampf hochstieg, konnte aber offensichtlich so ein großes Gewässer nicht erwärmen. Ein wenig weiter dahinter ragte ein idyllischer Kirchenturm und moderne Stadtgebäude in den Himmel. Nach links erstreckte sich eine bebäumte Küste mit vielen Häusern des Vororts, bis ganz hinten wieder grüne Hügel die Landschaft übernahmen.

Quincy schob sein Auto in die Hosentasche und fing an, mit den Händen eine Burg im hellgrauen Sand zu bauen. Anira setzte sich in der Nähe und schaute zu. Sie fragte sich, wie lange sie ihrer Mutter die Ruhezeit belassen sollte.

Sie ließ ihren Blick über den See hinausschweben. Wenn da keine gewaltige Vulkane gewesen wären, könnte sie sich vorstellen, alles vollkommen schön zu heißen. Außer, dass ohne Vulkane überhaupt nichts so aussehen würde. Das Sonnenlicht glitzerte auf dem Wasser, dem gelang es aber nicht, die dunklen Bäume der Insel aufzuhellen.

Auf einmal schrie Quincy auf und zückte von seinem Bauloch zurück. 

“Was gibt’s, Kleines?”

“Heiß!”

Anira spähte ins zwanzig Zentimeter tiefe Loch. Wasser sprudelte ganz unten aus dem Sand. Dampfendes Wasser. Sie verschob sich ein wenig und merkte, dass der Sand wo sie daraufsaß doch wärmer war, als man erwarten würde.

“Ich hab’ ’ne Idee,” meinte Quincy, “ich mische das kalte Wasser mit rein.” Er schob die Sandburg beiseite und grab mit kleinen Händen ein Kanal zwischen See und Sandloch. Bald vermischte sich das Wasser. “Siehste? Jetzt passt’s.”

Anira begutachtete das Loch. Das Wasser dämpfte sanft vor sich hin, wie ein warmes Bad, und sie lachte trotz allem. 

“Wir könnten das Loch noch größer machen.” Quincy rutschte zurück und leitete weitere Tiefbauarbeiten ein.

Na dann, warum nicht? Anira half ihm, obwohl ihr der Kopf wegen dem Geruch beinahe platzen wollte.

Nein, so nicht. Es tat nicht weh und es gab kein Gestank. Es gab hier irgendwas, das ihr die Gedanken ausbreitete, bisher unbekannte Sinnen eröffnete. Sie wusste nicht, was sie darüber denken sollte.

Anira hob den warmen Sand aus dem Loch und ließ es daneben fallen. Das hat geprickelt. Einige Sandkörner blieben auf ihrer Haut. Sie kippte die Hand hin und her, so das die Körner leicht schimmerten.

Zusammen gruben die beiden ein größeres Loch und passten den Kanal an, um die richtige Menge an Kaltwasser zu versorgen. Dann zog sich Quincy blitzschnell die Schuhe aus und tauchte die Füße in den kleinen Becken hinein. Er grinste ihr an. “Du sollst’s ausprobieren.”

Anira zuckte mit den Achseln. Wenn sie schon hier war, sollte sie alles richtig erleben. Sie steckte ihre Socken in ihren Schuhen auf der kleinen Düne oben, und ließ ihre Zehen ins warme Wasser gleiten.

Kontakt! Sie hatte die Luft geatmet, und hatte einen Duft an Tiger bemerkt, aber nun berührte das Schwefelwasser ihre Haut und sickerte irgendwie in sie hinein. Sie krümmte sich fast wie ein Baby und staunte, wie die Lebenselemente sich in ihren Körper hineindrängten. Die Pracht ließ sie den Atem anhalten. 

Nun ohne Angst hob sie ihren Blick zu dem funkelnden Gewässer, wo die Farben des Sonnenuntergangs jetzt zu sehen waren. Wüsste sie es nicht besser, hätte sie gedacht, sie wäre betrunken—aber ihre Wahrnehmung war geschärft und nicht beeinträchtigt, ihre Gedanken auferweckt und nicht betäubt.

Kein Wunder, dass Leute gerne in Rotorua Besuch machten.

 

 

 

 

Notes:

Fragen an Euch:
1. Wie ist mein Schreibstil und -ton auf deutsch? Trifft es dem, was in einem Jugendroman zu erwarten ist?
2. Wie findet Ihr den deutschen Titel "Magisches Neuseeland"? Im Original heißt die Serie "Earthcore", das lässt sich aber schwer übersetzen. Sonstige Ideen?
2a. Auch fürs erste Buch brauchen wir einen Titel. Da steht momentan Geysirheimat, bin aber für alles offen. Gibt's Varianten, die besser funktionieren - Geysirland, Geysirboden, Geysirstadt? Auch gut wenn das für Band 2 mit Vulkan und Band 3 mit Erdbeben funktioniert, muss aber nicht unbedingt.
3. Im Original erscheint Aniras "Mum" aber auf deutsch kann man nicht wirklich "Mama" als Namen nutzen, das klingt doch zu kindisch. So hab ich meistens stattdessen ihren Vornamen Shannon benutzt. Gut so?
4. Wer Lust hat, kann gerne meine Grammatikfehler im Kommentarbereich unten auflisten. Ich wäre dafür wirklich total dankbar!
5. Auch wenn etwas einfach keinen Sinn ergibt, möchte ich das sehr gern wissen.

Ich lese alle Kommentare vor dem Veröffentlichen, so als Sicherheitsmaßnahme, danke fürs Verständnis!

Vor allem danke fürs Lesen und ich freue mich auf jeden Kommentar.

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