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Bitte nicht schon wieder, hatte Adam sich gedacht, als sein Herz vor etwa zehn Minuten anfing, so verdächtig schnell zu rasen. Er kannte dieses Gefühl nur zu gut, und es war meistens eins, das ihm die Kehle zuschnürte. Diese Panikattacken waren nichts Neues, er hatte sie, seit dem er damals mit seinem Vater in der Garage war und Leo…
Leo. Adam brauchte Leo. Er war der einzige, der das Gefühl lindern konnte. Vielleicht, weil er damals dabei war. Aber vielleicht auch, weil er der einzige war, der die ganze Geschichte von vorn bis hinten kannte. Adam wollte nach seinem Handy greifen, doch er konnte nicht. Dieses Gefühl, gelähmt zu sein, kam erst nach dem Tod seines Vaters vor ein paar Monaten dazu. Bis dahin war das schlimmste an den Panikattacken, das Gefühl, nicht atmen zu können. Aber jetzt war die körperliche Einschränkung noch tausend mal schlimmer für ihn.
Sein Kollege hatte ihn schon das ein oder andere Mal so erlebt, und Adam schämte sich nicht einmal dafür, was er vielleicht bei anderen Menschen gemacht hätte. Aber nicht bei Leo. Leo wusste ohnehin schon alles über ihn, und er wollte auch das nicht vor ihm verheimlichen.
Mit brummendem Schädel brachte Adam sich dazu, sich aufzusetzen und gegen die Wand zu lehnen. Seine Arme fühlten sich schwer an, genau wie sein Brustkorb, der bei jedem Atemzug mehr brannte. Schweiß rannte seine Schläfe hinunter. Er brauchte ihn jetzt, doch er konnte sich nicht dazu bringen, nach seinem Handy zu greifen. Ihm wurde kalt, dann wieder heiß, und wieder kalt.
Zehn weitere Minuten vergingen so, bis ihm etwas einfiel. Er nahm so viel Luft auf, wie er konnte, und öffnete seinen Mund, um etwas zu sagen. Doch es kam nichts raus, außer ein Krächzen.
Fuck, was sollte er verdammt nochmal tun. Wieder versuchte er es. “Hey Siri-“, er wartete, bis er das Geräusch von seinem Handy hörte. Und da war es. Mit einem hoffnungsvollen Gefühl ächzte er und lehnte sich zu seinem Nachttisch, so weit, wie er konnte. “Ruf Hölzer an…”
Adam wartete drei Sekunden, bis sein Handy endlich das tat, was er wollte. Es klingelte etwa vier Sekunden lang, womöglich die längsten vier Sekunden seines Lebens. Dann ging Leo ran. “Adam? Was ist los, ich hab doch gesagt, ich bin-“
”Leo… ich… komm bitte her.”, sagte Adam mit langen Pausen zwischen den Worten. Seine Stimme klang rau und heiser, er hoffte, dass Leo ihn überhaupt verstanden hatte. Diese Hoffnung erfüllte sich kurz darauf, als Leo laut einatmete. “Ich bin sofort da, gib mir zehn Minuten. Bitte versuche zu atmen, so wie beim letzten mal, ja? Das Viereck?”
Adam erinnerte sich. Beim letzten mal hatte Leo neben ihm in seinem Kinderbett gelegen und ihm eine Atemübung beigebracht, die er aus einem Online-Kurs für Menschen mit Panikattacken und Angstzuständen hatte. Sogar das hatte er sich für Adam angetan… einen vier Stunden Zoom-Call an einem Sonntag Vormittag. Nachdem seine Panikattacke an diesem Tag vorbei war, hatte Leo beschlossen, trotz Adam’s Widerwillen, sein Sofa zu beziehen und hatte einige Wochen in Adam’s Elternhaus mit ihm verbracht, bevor Adam endlich zugestimmt hat, erstmal bei Leo zu wohnen, bis er etwas eigenes gefunden hatte. Denn Leo war der Meinung, dass Alles besser war für Adam, als in dem Haus zu wohnen, in dem all das passiert ist, was er fürchtete.
“Das Viereck.”, stimmte Adam ihn mit einem Murmeln, was eher in Richtung Flüstern ging, zu. Er strengte sich an, seinen Körper auf die Seite drehen zu können, und legte sich auf das Bett, welches Leo extra für ihn besorgt hatte, schon bevor Adam überhaupt zugestimmt hatte. Tage davor.
“Gut, ich bin gleich da. Es wird wieder, versprochen.”
Adam wollte ihm glauben, aber er konnte nicht. Nicht in diesem Zustand. Leo legte auf. Stille füllte das Gästezimmer wieder und Adam bekam wieder mehr Panik. Er versuchte, sich auf das Atmen zu konzentrieren, doch seine Gedanken schweiften weiter ab. Der Gürtel, der Schrank, die Hanteln. Leo, der Spaten und der leblose Körper seines Vaters. Die Teetasse, die Waffe in seiner Hand und die Leiche seines Vaters.
Tränen vermischten sich mit dem Schweiß auf seinem Gesicht, als er an Leo dachte, und wie sehr er die ganzen letzten Jahre gelitten haben muss. Diese Ungewissheit, ob die Person, der man einen Spaten über den Kopf gezogen hatte, jemals wieder aufwachen würde.
Adam wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, bis er den Schlüssel in der Tür hörte und kurz darauf schnelle Schritte, die in Richtung des Gästezimmers kamen. Dann hörte er, wie die Tür geöffnet wurde und kurz darauf wieder geschlossen. Leo lief schnell zum Bett und setzte sich sofort auf die Bettkante, wo Adam’s Beine ihm Platz dafür ließen.
Er legte ihm ruhig eine Hand auf sein Bein, wie er es immer tat. Er saß so lange neben ihm, bis es ihm wieder besser ging. Normalerweise wäre Adam bei jeder noch so kleinen Berührung von Leo verrückt geworden, doch jetzt war er einfach froh, überhaupt etwas zu fühlen und zu wissen, dass da jemand war. Jemand, der auf ihn aufpasste.
“Hey, ich bin hier. Willst du etwas trinken? Eine Wärmflasche oder was zum Kühlen?”, fragte er ihn vorsichtig und Adam schaute ihn zum ersten mal an. Langsam schüttelte er den Kopf, bevor er nach Leo’s Hand griff und sie fest drückte. Leo ließ es zu, denn er wusste, dass es ihm half. “Ich bin hier. Hier bei dir. Es wird alles in Ordnung. Ich bin bei dir.”
Adam versuchte, schmerzvoll zu lächeln, als ihm weitere Tränen über die Wange rollten. “Ich lass dich nicht alleine. Du hast mich, ich passe auf dich auf.”
Leo lächelte Adam an, dann fuhr er langsam mit seinem Daumen über seinen Handrücken. Er spürte, wie der Druck von Adam’s Fingern langsam weniger wurde und er seine Augen schloss. Adam bemerkte das ebenfalls, die kleine Berührung, die ihm so viel Sicherheit gab. Er war unglaublich dankbar dafür, dass Leo sofort gekommen war.
Er dachte wieder an das Viereck, und seine Hand, die Leo’s hielt. Er wusste, dass Leo jedes einzelne Wort ernst meinte, und das ließ ihn daran glauben, dass es wirklich so war. Es würde alles gut werden.
Langsam hörte sein Körper auf zu zittern und zein Kopf zu brummen. Er öffnete seinen Mund, aber er brauchte nichts sagen, denn Leo schien ihn auch so zu verstehen. Er ließ seine Hand los und kletterte schnell zu ihm aufs Bett, um einen Arm um seinen Körper zu legen. Adam spürte, wie Leo’s Körper sich in einer Umarmung von hinten an ihn kuschelte.
“Ich bin bei dir.”, wiederholte Leo leise und Adam schloss erneut seine Augen. Seine Atmung nahm langsam wieder ein Stück Normalität an.
Für einige Minuten lagen die beiden da, ohne ein Wort miteinander zu wechseln und ohne sich zu bewegen. Adam spürte, wie es aufhörte. Er war plötzlich ganz ruhig, fühlte sich geborgen und wieder ansatzweise wie ein normaler Mensch, als er seine Augen wieder öffnete. Leo sah ihn immer noch an, hielt ihn immer noch nah an sich, sodass er sichergehen konnte, dass Adam okay war.
“Danke, Leo.”, sagte er mit ruhiger Stimme und atmete lange aus. Leo lächelte ein bisschen, als er bemerkte, dass es Adam besser ging. Er nahm seinen Arm von Adam’s Körper, dann drehte er sich auf den Rücken. Adam fühlte sich schlecht. Er hatte Leo aus der Gerichtsverhandlung geholt, was ihm wohl Probleme eingebrockt hatte. “Tut mir leid. Ich dachte wirklich, es wird besser und-“
“Hey… ist okay. Du weißt, ich würde alles tun, dass es dir gut geht.” Ja, das wusste Adam. Leo hatte immer dafür gesorgt, dass es ihm gut ging. Langsam drehte er sich zu ihm um und schaute ihn an. “Wie fühlst du dich?” and
“Besser.”, sagte Adam und starrte Leo an. Er sah in seine perfekten Augen, die er so gern ansah, schon seit der ersten Sekunde, dann ließ er seine Augen langsam über Leo’s Gesicht wandern. Als ob er nicht schon jeden Millimeter genau studiert hatte. Sein rasendes Herz hatte jetzt nichts mehr mit einer Panikattacke zu tun, sondern mit den Gefühlen, die er zu Leo hatte. So gerne hätte er jetzt irgendeinen Spruch gedrückt, um diese Stille zu überbrücken, aber er konnte nicht. Es war nicht der richtige Zeitpunkt, und außerdem wollte er gerade nur die Nähe zu Leo spüren. “Leo, kannst du-“
Wieder brauchte er nichts sagen, denn sofort, nachdem er den Mund öffnete, breitete Leo seine Arme aus und lächelte. Er wusste, wie sehr auch nur kleinster Körperkontakt dazu führte, dass Adam mit diesen Angstzuständen klarkommen konnte, und das war alles, was er wollte. Naja, und außerdem wollte er ihn bei sich spüren. Schließlich war er seit dem ersten Tag in der Schule in Adam verknallt. Die beiden erwachsenen Männer lagen also auf dem Bett, welches in Leo’s Gästezimmer stand. Adam legte seinen Kopf behutsam auf Leo’s Brustkorb, während dieser wieder einen Arm um ihn legte. “Danke.”
”Klappe jetzt.”, sagte Leo mit einem kleinen Lachen, was Adam schmunzeln ließ.
“Ich meine es ernst. Du musst das alles nicht tun.”, murmelte er. Er hörte Leo’s ruhigen Herzschlag und spürte, wie ruhig er atmete. Sein Körper strahlte so viel Ruhe aus, dass seine Panikattacke fast komplett überstanden war. “Ich möchte aber. Das ist das Mindeste, was ich für dich tun kann. Du… bist eben der Wichtigste Mensch für mich.”
Adam schnaubte. Er hasste Kitsch, aber jetzt, wo Leo es so aussprach, hörte es sich doch ganz in Ordnung an. So etwas hatte er noch nie gesagt. Manchmal sagten sie etwas wie hab dich lieb, aber nur, wenn Pia oder Esther dabei waren, um die beiden auf die Palme zu treiben. Es war etwas, worüber sie sich lustig machten, und doch war ein Funken Wahrheit dabei. Oder eher ein ganzes Feuer? Sie wussten, dass sie einander wichtig waren. Spätestens nach dem Vorfall in der Garage war klar, dass sie ein ganzes Leben lang miteinander verbunden waren.
“Adam.”, Leo klang auf einmal ernster als davor. “Ich… Ich weiß, dass du dagegen bist, aber vielleicht solltest du nochmal über eine Therapie nachdenken.”
Adam seufzte und rollte seine Augen. Er wollte keine Therapie machen. Was sollte es schon bringen, in einem, vermutlich grauen und langweiligen, Raum zu sitzen, auf einer Couch gegenüber von einer fremden Person, und mit dieser Person über Dinge zu reden, über die er nicht mal mit Leo sprechen konnte?
“Du weißt, ich werde immer auf dich aufpassen, aber das ist kein Dauerzustand, Adam.”, belehrte Leo ihn. Adam wusste, dass er Recht hatte, aber das wollte er natürlich nicht zugeben. “Ich denk drüber nach, wenn du jetzt endlich mal die Klappe über dieses Thema hältst.”
”Adam, das ist-“ “Nicht witzig, ich weiß. Aber ich will das einfach nicht. Jedenfalls gerade. Es geht mir doch gut, wenn du da bist. Ich brauche keinen Therapeuten, wenn ich dich habe.”
“Vielleicht ist Reden aber besser als Händchen halten.”, murmelte Leo und spürte, wie Adam’s Körper anspannte. “Wir können doch reden.”, entgegnete er ihm und Leo schnaubte. “Dann rede doch mit mir und sag mir, was in deinem Kopf abgeht. Ich weiß aber nicht, ob ich dir helfen kann.” Adam’s Atem wurde wieder schwerer und er spürte seine eigene Anspannung, wie sie immer größer wurde. Doch er fühlte auf einmal den Drang, zu reden… “Ich… Da ist dieser Schrank. Der Schrank aus meinem Kinderzimmer. Der Schrank in dem ich- mein Vater hat mich jeden Abend darin eingesperrt, ohne Wasser, ohne Essen, ohne…”
Tränen stiegen ihm vor Wut in die Augen, und Leo bemerkte, was er für einen Fehler gemacht hatte. Er wollte wissen, warum es ihm schlecht ging, aber er wollte auf keinen Fall, dass er deshalb wieder eine Panikattacke bekam.
“Ich hab in meiner eigenen Pisse gekniet. Meistens für zehn, vielleicht elf Stunden. Dann holt er mich aus dem Schrank, zieht mich hoch und zwingt mich, mit in die Garage zu kommen, zu meinem ersten… Training. Morgens waren es Liegestützen… meistens so viel, bis ich zusammenbrach. Dann Dusche, Schule, Training, Abends meine tägliche Prügel und dann… der Schrank. Und das jede Woche, sieben Tage. Fuck, ich kann einfach nicht aufhören, daran zu denken…”
Der letzte Satz blieb ihm im Hals stecken, als eine Träne über seine Wange rollte und auf Leo’s Shirt fiel. Dieser zog Adam noch näher an sich und vergrub sein Gesicht in seinen Haaren. Obwohl er das alles wusste, war er wieder und wieder geschockt, wie man das einem Kind antun konnte. Er wollte Adam all die Liebe geben, die sein Vater ihm nicht geben konnte.
“Bitte bleib hier…”, flüsterte Adam und Leo nickte schnell, bevor er seinen Kopf wieder anhob. Die beiden sahen sich für einen Augenblick an. Leo hatte meistens tausend Gedanken in seinem Kopf, zumindest was Adam anging. Er fand ihn fucking heiß, er wollte ihn so sehr, doch jetzt, in diesem Augenblick, wollte er ihn spüren lassen, dass er ihn liebte. Egal ob er das gleiche empfand, er hatte es verdient zu wissen, dass ihn jemand so sehr liebte, dass es für zwei Personen reichte. Seinen Vater und Leo.
Adam legte seine Hand zögerlich auf Leo’s Brust und sah ihm dabei in die Augen. “Ich… ich bin dir so unglaublich dankbar, Leo. Das ist normalerweise überhaupt nicht meine Art, aber ich bin so fucking dankbar, dass du hier bist.”
”Das macht man halt so, wenn man jemanden-“, Leo stoppte sich selbst. Das war nicht der richtige Zeitpunkt, dachte er sich. Doch Adam’s Mundwinkel, der nach oben schoss, ließ ihn für eine kleine Sekunde anders denken. Trotzdem beendete er seinen Satz nicht. Das konnte er gar nicht, denn plötzlich waren ihre Lippen nur noch ein paar kleine Zentimeter voneinander entfernt. Er hatte sich geschworen, diesen ersten Kuss zu etwas Besonderem zu machen, doch in diesem Moment wurde ihm klar, dass jeder Moment mit Adam etwas Besonderes war.
Etwa eine Sekunde später hatte er endlich die Lücke, die er schon seit über sechzehn Jahren so unglaublich verabscheute, zwischen den beiden geschlossen und legte seine Lippen vorsichtig auf Adams, der ihm sofort entgegenkam.
Die beiden bekamen jedoch nicht mehr hin, als einen kleinen, müden und unglaublich zärtlichen Kuss. Mehr brauchte es in diesem Moment auch nicht. Adam schaute Leo in die Augen und schmunzelte wieder. “Vielleicht ist diese Scheiße ja doch für was Gutes da.”
Leo schnaubte und schüttelte ungläubig seinen Kopf. “Du bist unmöglich.”
”Klappe jetzt.”, sagte Adam und legte seinen Kopf wieder auf Leo ab. Dieser lächelte nur und lehnte sich vor, um einen kleinen Kuss aud Adam’s Kopf drücken zu können. “Ich pass nur auf dich auf, weißt du ja.”
