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Ich weiß, was ich tue!

Summary:

In einem von Monopolwirtschaft und Ausbeutung zerrütteten Land ist es immer gut, etwas dagegen zu unternehmen. Zum Beispiel in eine Lagerhalle einbrechen, um den Unrechtsstaat mit seinen eigenen Waffen bekämpfen zu können. Und wer wäre für diesen Job besser geeignet als das kompetenteste Team der Rebellion?

Notes:

Falls jemand diese Story mal in einem anderen Forum auf einem mittlerweile gelöschten Profil gelesen hat, no u didn't.

Work Text:

„Ey, schau mal nach links.“

Kuroos Stimme klang seltsam kratzig und blechern durch das Headset, aber Bokuto war daran gewöhnt und verstand ihn trotzdem. Er wandte den Kopf. „Die Kamera?“

Es rauschte ein bisschen am anderen Ende, vermutlich änderte sein Partner gerade seine Position. „Da leuchtet immer so 'n grünes Licht, wenn sie an ist und das geht alle vier Minuten für fünfzehn Sekunden aus. Dann speichert sie die Daten und schickt sie an die Schaltzentrale. In den fünfzehn Sekunden ist die Straße für die Überwachung quasi nicht existent.“

Bokuto grinste. „Und was nicht existiert kann nicht abgeschossen werden, verstehe.“

„Das könnt ihr gleich wieder vergessen!“ Akaashis Stimme war sogar noch blecherner, vermutlich, weil er zwölf Kilometer entfernt vor einem Computer hockte. „Die Tür braucht allein zehn Sekunden um die Karte zu scannen und sich so weit zu öffnen, dass ihr beide durch passt.“

„Dann geht eben nur Kuroo“, entgegnete Bokuto. „Er ist schmaler gebaut als ich, das wird schon.“

„War das jetzt eine Anspielung auf meine Muskeln?“, klinkte sich Kuroo gespielt beleidigt wieder ins Gespräch ein und Bokuto hauchte leise glucksend einen Luftkuss ins Mikro.
„Ach Blödsinn. Ich liebe deine schlanke Linie, Babe, weißt du doch.“

Von Akaashi war ein genervtes Seufzen zu hören. „Konzentriert euch und nehmt das gefälligst ein bisschen ernst! Kuroo alleine loszuschicken wäre viel zu gefährlich. Vermutlich ist dieses Lagerhaus genau so aufgebaut wie alle anderen auch, aber wir waren nicht drin, wir wissen es nicht sicher. Und ihr marschiert da gefälligst nicht alleine rein, wenn ihr vielleicht in eine Umgebung vordringt, in der ihr euch nicht auskennt!“

„Akaashi, ich bin keine Eintagsfliege. Ich kann mir merken, welchen Weg ich gekommen bin.“

„Das weiß ich, Kuroo, aber das ändert nichts daran, dass wir nicht wissen, was da drinnen auf uns wartet. Vielleicht haben sie dort ja auch schon welche von den neuen Kampfrobotern installiert. Vielleicht macht jemand Überstunden.“

„Und du glaubst, ich werde nicht mit zwei übermüdeten Wachmännern fertig?“

„Du bist unser bester Schütze, aber Yaku hat dich gestern im Nahkampf absolut auseinandergenommen. Bitte verzeih mein Misstrauen in deine Fähigkeiten.“

Bokuto prustete leise in seinen Kragen. Abgesehen von einem Rauschen war für einige Sekunden nichts zu hören, dann schnaubte Kuroo. „Ich erzähle Yaku, dass du ihn auf eine Stufe mit zwei übermüdeten Wachmännern gestellt hast.“ Bokuto sah vor seinem inneren Auge, wie Akaashi sich die Schläfen massierte. „Tu das.“

Bokuto warf einen Blick zum Himmel hinauf. Durch die dichten Smogwolken war es zwar schwer zu erkennen, doch er sah ein blasses, verwaschenes Blau aufblitzen. „Leute, wir sollten uns langsam für einen Weg entscheiden. Es wird bald hell.“ Die Lagerhallen in diesem Teil der Stadt waren zwar alt und wurden nur noch selten genutzt, doch tagsüber liefen hier trotzdem viele Arbeiter herum. Arbeiter, die sie ohne mit der Wimper zu zucken ausliefern würden, weil ihre gesamte Existenz von ihrem Platz in der Fabrik abhing und es sich mit der Geschäftsleitung zu verscherzen einem Freifahrtschein in die Gosse glich.

Karasuno, Datekou, Aoba Johsai, Wakunan und Johzenji mochten zwar wie eigenständige Unternehmen wirken, letzten Endes waren es aber doch nur Tochterkonzerne. Als hätten seine Gedanken sie heraufbeschworen, flackerte auf einer mehr oder weniger kaputten Anzeigetafel auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Leuchtreklame für Shiratorizawa auf und Bokuto verzog den Mund. Scheiß Monopol-Wirtschaft. Sie wählten nicht einmal mehr eine Regierung, sogar der Kaiser war abgesetzt worden!

„Rückzug.“ Akaashi sagte das in einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. „Der Hinweg hat zu lange gedauert, für heute müssen die Aufnahmen der Umgebung reichen. Ich muss das eh noch mit den Aufzeichnungen abgleichen. Beim nächsten Mal schicken wir mehr Leute mit, dann könnt ihr auch reingehen.“

„Nein.“ Kuroo sagte das in einer Stimme, die sich einen Dreck um Akaashis Anweisungen scherte. Bokuto liebte diese Stimme. Sie war ungemein sexy. „Hör mal Akaashi, diese Lagerhalle war eine der ersten, die gebaut wurden. Shiratorizawa baut immer noch alle Hallen nach dem gleichen Muster und es gibt absolut keinen Grund anzunehmen, dass diese hier anders ist. Die Halle ist alt, die Sicherheitssysteme sind alt und die Geräte da drinnen sind auch alt. Es wäre unnötig viel Aufwand, jetzt ohne Beute abzuziehen. Und wir brauchen das Zeug. Die Headsets sind Müll und meine Linse funktioniert auch nicht mehr.“

Es war ein guter Einwand und anhand der herrschenden Stille konnte Bokuto sicher sein, dass auch Akaashi das wusste. Kuroo hatte recht und die Sachen, die sie in der Halle vermuteten, waren zwar nicht mehr das Aktuellste, aber das hatte heutzutage ohnehin kaum mehr etwas zu bedeuten, weil neue Modelle beinahe im Stundentakt entwickelt wurden. Besser als ihre hoffnungslos veralteten Schrottgeräte wären sie allemal und zudem vermutlich fabrikneu.

„Wenn wir schnell sind, schaffen wir es durch die Tür“, meinte er, um Akaashi vielleicht den letzten Schubs in die richtige Richtung zu geben. „Fünf Sekunden sind genug Zeit.“

„Bokuto.“ Diesmal sprach Akaashi in seiner Ich-fühle-mich-wie-ein-Kindergärtner-Stimme. Diese Stimme mochte Bokuto nicht. Sie bedeutete, dass jemand, meistens er, einen Denkfehler gemacht hatte und sie sich etwas Neues überlegen mussten. „Die Tür ist nach knapp zehn Sekunden vielleicht weit genug offen, dass ihr beide durchpasst, aber noch nicht ganz. Bis sie ganz offen und wieder zu ist, vergehen bestimmt dreißig Sekunden. Wenn die Kamera anspringt und eine offene Tür filmt, schickt sie das Bild sofort weiter.“

„Wieso sammeln wir dann überhaupt Daten über diesen Eingang?“, schnappte Kuroo. „Die Kamera einfach runter schießen geht ja auch nicht, ohne sofort einen Alarm auszulösen!“

Akaashi räusperte sich. „Es gibt noch einen Eingang, aber die Tür wäre optimal gewesen …“

„Man Akaashi, es geht nicht immer um optimal!“, fiel ihm Kuroo ins Wort. „Manchmal geht’s auch einfach um semi-optimales Glücksspiel. Wir müssen es uns nicht ständig unnötig schwer machen.“

„Ich schätze, ich will einfach nicht die Kontrolle verlieren.“

„Entspann dich, Keiji. Bo und ich sind die Chaos-Meister. Du kannst die Kontrolle ruhig ein bisschen lockern.“

„Genau!“, pflichtete Bokuto seinem Partner bei. „Chaos ist kein Abgrund, Akaashi. Chaos ist eine Leiter.“

Kurz herrschte einvernehmliches Schweigen, dann rauschte das Headset als Kuroo zu lachen begann. „War das gerade Game of Thrones? Fängst du jetzt an, alte Serien zu zitieren?“

Bokuto verdrehte die Augen. „Lass mich in Ruhe, ich mag Retro!“

„Wollt ihr jetzt in die Lagerhalle oder nicht?“, lenkte Akaashi den Fokus wieder auf den eigentlichen Plan. „In zwei Stunden geht hier nämlich die erste Schicht los, bis dahin solltet ihr wieder draußen sein.“

„Sorry. Schieß los, wo geht’s in die Halle?“

Ein grüner Punkt blinkte vor Bokuto in der Luft und er blinzelte zweimal schnell hintereinander, woraufhin seine Linse die Karte, die Akaashi ihm geschickt hatte, vor seinem Gesicht in die Luft projizierte. Er war nicht weit von dem markierten Eingang entfernt, doch er würde aufs Dach müssen.

Bokuto sah über die Schulter. Er hockte in einer schmalen Nische zwischen einem überquellenden Müllcontainer und der Leuchtreklame des halb verfallenen Gebäudes in seinem Rücken, die bis auf den Boden hinabreichte und ab und zu schwach aufflackerte. Die Lagerhalle war auf der anderen Straßenseite.

Von Kuroo ertönte ein unwilliges Knurren. „Akaashi, die verdammte Linse funktioniert nicht! Ich krieg die Nachricht nicht geöffnet.“

„Hast du einen Reset versucht?“

„Natürlich hab ich einen Reset versucht!“, blaffte Kuroo und Bokuto musste sich zusammenreißen, um nicht zu lachen. Kuroo regte sich immer so schnell auf, wenn irgendein Gerät nicht richtig funktionierte.

„Ganz ruhig, Babe. Wir müssen aufs Dach, ich mach das schon.“ Bokuto behielt die Kamera im Blick und als das grüne Licht ausging, kletterte er rasch über den Müllcontainer und verschwand in der schmalen, verdreckten Gasse dahinter. Das Haus neben ihm war ein mehrstöckiges Mietshaus, doch um Anwohner brauchten sie sich keine Gedanken zu machen. Diese Straße war seit Jahren dem Industriemüll verfallen und die Lagerhalle, die sie sich ausgesucht hatten, war eines der wenigen Gebäude, das noch genutzt wurde.

„Oya! Wo willst du hin?“ Kuroo klang gehetzt. Bokuto aus den Augen zu verlieren war nie gut. „Bo, sprich das mit mir ab! Ich bin dein Teammate!“

„Easy there, Tetsu.“ Bokuto hörte förmlich, wie sich sein Partner ein wenig entspannte. Er musste lächeln. „Ich such uns 'nen Weg nach oben. Bleib, wo du bist.“ Er warf einen Blick in Richtung Straße und vergewisserte sich noch einmal, dass ihn niemand beobachtete, dann trat er heftig gegen die Eingangstür des Wohnhauses, die mit einem metallischen Quietschen aufschwang und ein hohles Klirren erzeugte, als sie gegen die Wand knallte.

„Warst du das?“, fragte Akaashi alarmiert und Bokuto verdrehte die Augen.
„Ja, ich war das! Mein Gott, könnt ihr mich einfach mal machen lassen? Ich weiß, was ich tue!“

Das Treppenhaus roch ekelhaft feucht und in den Ecken saß der Schimmel. Die Farben der Werbeplakate, die überall an den Wänden hingen, waren bereits verblasst und im sechsten Stock hatte jemand mit Graffiti ein paar obszöne Worte darüber gesprayt. Bokuto blieb stehen, um sich eines der ernsthafteren Kunstwerke genauer anzuschauen.

DIE GOSSE IST ELEND
DIE FABRIK IST MORD

Wie wahr. Akaashi hatte ihnen von seinem Vater erzählt, der jeden Tag kränker und schwächer geworden war, bis ihn die ständige Erschöpfung schließlich umgebracht hatte. Bokuto und Kuroo hatten zwar nie geliebte Menschen an Shiratorizawa verloren, doch in der Organisation gab es genug Leute, denen genau das passiert war.

Akaashi hatten sie vor fünf Jahren von der Straße aufgesammelt und zu seinem Glück hatte er sich als sehr talentiert im Umgang mit Computern erwiesen, sodass sie ihn nicht in eine ihrer Auffangstationen, sondern zu Kenma in die Schaltzentrale hatten schicken können. Bokuto hatte den Jüngeren zu diesem Zeitpunkt bereits ins Herz geschlossen und war dankbar, dass der Widerstand ihn so bereitwillig aufgenommen hatte.

Er selbst hatte schon immer zum Widerstand gehört, seine Großmutter war eine der Gründerinnen und sein Großvater der erste Demonstrant seit siebzig Jahren gewesen. Von ihm hatte er die Geschichten über Gewaltenteilung und Trennung von Staat und Wirtschaft gehört. Das waren Dinge, die heutzutage nicht mehr in den Schulen gelehrt wurden und eher einem Märchen als einer realen Staatsform glichen. Einen Wahlzettel hatte kein noch lebender Japaner je zu Gesicht bekommen.

Kuroo war der Erbe einer Familie von Bankdirektoren gewesen, bis er zum Widerstand gestoßen war. Er hatte vor sechs Jahren zufällig ein paar Dokumente über illegale Geschäfte in die Hände bekommen, die sein Vater mit Karasuno abgeschlossen hatte und sich von seiner Familie losgesagt, als ihm klargeworden war, dass sich kein Richter in Japan für diese krummen Dinger interessieren würde.

Bokuto erinnerte sich noch an ihre erste Begegnung, als wäre es gestern gewesen. Kuroo war in einem der wenigen Clubs untergetaucht, die noch nicht von Johzenji aufgekauft worden waren, und obwohl er niemanden dort gekannt und keine wirkliche Perspektive gehabt hatte, war er unfassbar arrogant gewesen. Bokuto hatte direkt erkannt, dass der andere es gewohnt gewesen war, nichts selbst tun zu müssen.

Als Kuroo frech geworden war, hatte Bokuto ihn natürlich mit Leichtigkeit zu Boden gerungen und da war der Schwarzhaarige rasch zurück gerudert und hatte sich erklärt. Und als der junge Rebell gehört hatte, was die Nervensäge umher trieb, hatte er ihn kurzerhand mitgenommen.

Bis heute wusste er nicht genau, was da bei ihm Klick gemacht hatte. Wahrscheinlich war es die Horrorvorstellung gewesen, diesen hübschen jungen Mann niemals wiederzusehen. Vielleicht auch dieses unglaublich attraktive wütende Funkeln in seinen Augen, oder das herablassende Grinsen, das zwar wahnsinnig nervig, aber auch wahnsinnig sexy gewesen war.

Yaku war nicht gerade begeistert von dem Neuzugang gewesen. Verständlich. Kuroo war wohlbehütet aufgewachsen, hatte keine Erfahrung mit dem harten Leben eines Rebellen und noch weniger Ahnung von der Welt da draußen. Schlussendlich überzeugte ihn wohl sowohl die Tatsache, dass Kuroo trotz seinem durch Erziehung und Abschottung verfälschten Weltbild sofort erkannt hatte, dass etwas falsch lief, als auch Bokutos Gejammer.

Und vermutlich die Tatsache, dass Kuroo mit so gut wie jeder Schusswaffe, selbst mit Pfeil und Bogen, Ziele traf, die die anderen ohne Zielfernrohr nicht einmal sehen konnten. Bokuto musste immer noch schmunzeln, wenn er an die fassungslosen Gesichter von Yaku und Kenma dachte. Ihm war es nicht anders ergangen; Kuroo hatte zwar schon damit angegeben, dass er seit frühester Kindheit im Schießen trainiert worden war, aber so etwas hatte er noch nie gesehen.

Nun ja, so jemanden wie Kuroo hatte er generell noch nie gesehen. Er war überrascht gewesen, wie gut er sich mit dem Schnösel verstanden hatte. Endlich jemand, der über seine Witze lachte. Obwohl sie Welten trennten, waren sie auf einer Wellenlänge gewesen und es hatte nicht lange gedauert, bis Bokuto sich eingestehen musste, dass er Hals über Kopf verknallt war.

Im Nachhinein war ihm bewusst, dass Yaku es vermutlich gemerkt hatte. Er hatte regelrecht darauf bestanden, dass Bokuto Kuroo im Umgang mit Nahkampfwaffen unterwies und es hatte tatsächlich etwas gebracht. Sie waren sich näher gekommen, nicht nur körperlich.

Bokuto erinnerte sich noch genau daran, wie genervt er von Kuroo gewesen war, als sie sich das erste Mal getroffen hatten und er war froh, dass es so gekommen war, wie es gekommen war. Kuroo war witzig, er war intelligent, er war hilfsbereit, aufgeschlossen, er war wunderschön und leidenschaftlich. Wenn es etwas Gutes an dieser Welt gab, dann, dass sie sie zusammengeführt hatte.

„Bin oben.“ Ähnlich subtil wie zuvor die Haustür trat Bokuto nun die Tür ein, die auf das Dach hinaus führte. Die Gegend hier war wirklich wie gemacht für einen Einbruch. Die Sicherheitssysteme in den alten Industrievierteln wurden nicht mit derselben Sorgfalt gewartet wie die in den neueren und die Kameras übertrugen keinen Ton. Bis die erste Schicht hier aufschlug, konnten sie so viel Krach machen, wie sie wollten.

„Ich seh dich“, erklang Kuroos Stimme. „Und jetzt? Du bist nur noch weiter von der Halle weg.“
„Man, kannst du mich einmal nicht kritisieren?! Ich arbeite doch dran!“
„Wie war das mit 'Ich weiß, was ich tue'?“
„Ich bin mir relativ sicher bei dem, was ich tue!“

Von Akaashi war ein verzweifeltes Seufzen zu hören, doch Bokuto ignorierte es nach Kräften. Wenn man ihn die ganze Zeit ablenkte, konnte er auch nicht nachdenken!

Er lief über das Dach des Hochhauses. Daneben stand eine weitere, allerdings ungenutzte Fabrik. Bokuto maß kurz den Abstand und schätze ihn auf etwa drei Meter. Das Dach des Fabrikgebäudes befand sich etwa fünf Meter unter ihm.

„Was wird das?“, meldete sich Kuroo auch direkt zu Wort, als Bokuto sich über die Dachkante beugte. „Willst du da rüber springen? Ist das nicht zu weit? Von hier sieht es wie zu weit aus!“

„Könnte knapp werden“, gab Bokuto zu, dann zuckte er mit den Schultern und nahm Anlauf. „Na ja, wer nicht wagt, der nicht gewinnt, nur die Besten sterben jung, blablabla. Wir sehen uns auf der anderen Seite, Leute!“

„Hey, Bokuto!“, kam es synchron und gleichermaßen entsetzt von Akaashi und Kuroo, doch dieser strich sich nur demonstrativ selbstsicher seine silber-grauen Haare nach hinten und lief los. Das Dach kam dann doch schneller auf ihn zur als erwartet und der Aufprall rüttelte ihn ein wenig durch, doch er schaffte noch eine halbwegs elegante Rolle. „Hey Hey Hey, ich hab's drauf!“

„Das hab ich ja bis hier drüben gehört“, spottete Kuroo und Bokuto schickte eine unhöfliche Geste in die Richtung, in der er das Versteck seines Geliebten vermutete.
„Entschuldige mal, das war ein phänomenaler Sprung!“
„Ja, phänomenal schmerzhaft, nehme ich mal an.“

„Du weißt doch gar nicht, wovon du da redest!“, belehrte ihn Bokuto und ging hinter der Dachkante in Deckung. Nicht, weil er Gefahr lief, gesehen zu werden, sondern um sich in Ruhe die Schulter reiben zu können, ohne, dass Kuroo ihn sah. Die nächsten zwei Wochen würde er wohl ein Shirt zum Schlafen anziehen müssen.

„Schön, dass du noch lebst“, meldete sich nun auch Akaashi wieder zu Wort und klang dabei so, als fände er das ganz und gar nicht schön. Bokuto machte sich keine Gedanken darüber, Akaashi war einfach so. „Und was hast du jetzt vor? Kuroo hat recht, du bist weiter von der Halle weg als vorher.“

Bokuto stützte den Kopf in die Hände und observierte die Straße, um sich etwas überlegen zu können.

Gegenüber von seinem Gebäude, befanden sich ein Schrottplatz, auf dem sich, wie er wusste, Kuroo versteckt hielt, und einige Meter davon entfernt die Lagerhalle, die sie angepeilt hatten. Von dem Dach, auf dem er hockte, führte eine Stromleitung hinüber zur Halle, doch weil sie schräg über die Straße ging, war es ziemlich weit …

„Hey, Akaashi. Frag mal Komi, ob ich einen kurzen Sprung auf die Stromleitung überleben würde.“
„Was?!“ Bokuto verdrehte die Augen. „Er hat meine Schuhe designt, frag ihn einfach!“

Ein Klicken ertönte, als Akaashi sich aus der Leitung ausklinkte und Kuroo und Bokuto warteten in einvernehmlichem Schweigen darauf, dass er sich wieder meldete. Kuroo war vermutlich damit beschäftigt, Bokutos Gedankengang nachzuvollziehen und Bokuto war damit beschäftigt, seine Schulter wieder einzurenken.

Nach etwa fünf Minuten war Akaashi wieder da. „Komi ist hier bei mir. Hefte mal einen Chip an die Leitung, der schickt uns dann ein paar Daten rüber.“
„Krieg ich dann einen Stromschlag?“
„Entspann dich, die Dinger sind isoliert.“ Das war Komi.

Bokuto tat wie ihm geheißen und eine Weile war abgesehen von leisem Murmeln und dem Tippen auf einer Tastatur nichts zu hören, dann räusperte sich Komi. „Also, die Sohlen dürften dick genug sein, aber du hast nur etwa eine Sekunde, dann musst du sofort wieder runter.“
„Eine Sekunde?“ „Maximal zwei.“

„Überlegst du es dir jetzt nochmal?“, fragte Akaashi hoffnungsvoll, doch Bokuto schnaubte nur.
„Zwei Sekunden sind mehr als genug Zeit. Tetsu, sag mir Bescheid, wenn die Kamera ausgeht.“
„Klar doch“, entgegnete Kuroo und von Akaashi war einmal mehr nur ein Seufzen zu hören. Zwei Dumme, ein Gedanke. Jetzt würde nichts Bokuto mehr umstimmen können.

Bokuto nahm Anlauf und dehnte sich ein wenig, während er auf das Signal seines Partners wartete. Den Schmerz in seiner Schulter spürte er kaum mehr. Genau genommen spürte er seine Schulter gar nicht mehr.

„Ready?“, ließ sich Kuroo vernehmen. „Geht gleich aus. Fünf, vier, drei, zwei, eins … jetzt!“

Bokuto sprintete los, machte einen Satz auf die Dachkante und stieß sich kraftvoll ab. Er hatte ungefähr die Hälfte der Straße hinter sich gelassen, als er auf dem Stromkabel aufkam. Kurz geriet er ins Wanken, doch der Schwung schleuderte ihn wieder hoch und er landete perfekt auf der Halle.

„Acht Sekunden“, zischte Akaashi. „Geh in Deckung, die Kamera hat das Gebäude im Visier!“
Rasch huschte Bokuto hinter einen aus dem Dach hervorgehobenen Lüftungsschacht und grinste selbstgefällig über die Dachkante zum Schrottplatz hinunter. „Kommst du hier hoch, Tetsu?“

Kuroo schnaubte und das schwarze Vogelnest, das er Frisur schimpfte, tauchte hinter einem verrosteten Stahlrohr auf. „Ob ich da hoch komme! Natürlich komme ich da hoch! Akaashi, ist der Schrottplatz im Sichtfeld der Kamera?“

„Nein, aber kletter lieber an der Hinterseite des Gebäudes hoch.“

Bokuto lehnte sich mit dem Rücken an seine Deckung. Durch das Headset waren Schritte zu hören, dann ein Klirren, als Kuroo seine Kletterhaken über die Kante warf und den Aufstieg begann. Es dauerte fast fünf Minuten und Bokuto erwartete seinen Geliebten mit einem Grinsen.

„Wann hast du das letzte Mal deine Hanteln angefasst, Tetsu?“
„Schnauze, Bo!“ Der Schwarzhaarige zog sich mit einem leisen Ächzen über die Dachkante und rollte sich dann flach über den Boden in dieselbe Deckung wie Bokuto. „Ich komm nicht mehr so oft zum Krafttraining seitdem Yaku mich zum Kampfsport zwingt.“

Der Kleinere grinste und drückte dem anderen einen kurzen Kuss auf die Lippen. „Ich liebe dich trotzdem. Du erinnerst dich? Deine schlanke Linie ist wirklich sexy, keine Sorge.“
„Du bist auch muskulös genug für uns beide“, murmelte Kuroo, doch bevor er in eine Lobeshymne über Bokutos Bizeps verfallen konnte, ertönte ein vernehmliches Räuspern von Akaashi.

„Jungs, kein Bettgeflüster, wenn ich euch hören kann. Bitte. Da kommen manchmal Sachen bei raus, die ich gar nicht wissen will. Und außerdem“, würgte er die beiden ab, bevor sie protestieren konnten, „bleiben euch nur noch etwas mehr als neunzig Minuten um in die Halle einzubrechen, die Geräte zu finden und unbemerkt zu verschwinden. Ich will ja keinen Stress machen, aber wenn ihr euch nicht konzentriert, könnte das etwas knapp werden.“

„Sorry“, meinte Kuroo und ging dazu über, Bokuto statt Liebesbekundungen über den Oberschenkel zu streicheln. Bokuto biss sich auf die Unterlippe. Was für ein Arschloch …

„Alles klar.“ Am anderen Ende der Leitung raschelte es ein wenig. „Direkt vor euch müssten sich zwei Schlote befinden, ungefähr zwei Meter hoch, seht ihr die? Aus dem linken müsste Rauch raus kommen.“

„Und wir nehmen den anderen?“, fragte Bokuto und schlug Kuroos Hand weg, als diese seinem Schritt gefährlich nahe kam.

„Exakt. Aber ihr müsst schnell sein, klar? Nach ungefähr sechs Metern befindet sich am Rand des Schlotes eine Öffnung und die müsst ihr unbedingt erwischen, sonst stürzt ihn ungebremst in den Kohleofen. Und der ist aktiv, damit die Temperatur konstant bleibt.“

Bokuto schluckte; nicht gerade eine angenehme Vorstellung.

„Ich geh vor“, beschloss Kuroo und kroch über den Boden zum Schlot hinüber, um stattdessen dahinter in Deckung zu gehen.

„Die Öffnung ist auf der rechten Seite“, erklärte Akaashi und ein paar Sekunden lang geschah nichts, dann: „Okay, die Kamera ist aus. Bokuto, wenn du dich beeilst kannst du direkt hinterher.“

Kuroo warf seinem Geliebten noch ein kurzes Lächeln zu, dann rutschte er den Schlot hinunter. Bokuto sprintete hinüber und erklomm das vom Smog grau gefärbte Rohr.

„Bin drin“, kam es von Kuroo und Akaashi klatschte in die Hände.

„Drei Sekunden, los jetzt!“

Seine Sohlen ratschten mit einem leisen Schaben an der Innenseite des Schlotes entlang, dann hörte er nur noch den Gegenwind in seinen Ohren rauschen, als ihn die Schwerkraft von der Wand löste und sein ungebremster Fall in den Kohleofen begann.

„Bokuto, Öffnung nicht vergessen!“, meldete sich Akaashi ungehalten zu Wort und gerade noch rechtzeitig schlug der Rebell seinen Haken in den Spalt, an dem er beinahe vorbei gestürzt wäre.
„Entspann dich, Akaashi, ich hab alles im Griff!“

„Ach ja?“ Über ihm schob sich Kuroos grinsendes Gesicht aus dem Schacht. „Das war aber ganz schön knapp, meinst du nicht auch? Sicher, dass du alles im Griff hast?“
„Du!“ Bokuto ächzte leise, als er sein ganzes Gewicht an einen Arm hängte, hob aber trotzdem mahnend den Zeigefinger. „Schnauze!“

„Dann kommst du alleine klar?“

„Natürlich, wonach sieht es denn aus?!“

„Es sieht so aus, als bräuchtest du Hilfe, weil du dir eben ganz schön die Schulter geprellt hast.“

„Was redest du da? Mir geht es super! Ich kann mich jederzeit hochziehen!“

„Soll ich dir helfen?“

„Ja, bitte.“

Bokuto sah Akaashis leichtes Grinsen förmlich vor sich, während Kuroo ihn unter deutlicher Anstrengung in den Schacht hievte. „Ey man“, schnaufte er und ließ sich theatralisch gegen die Wand fallen. „Irgendwie kauf ich dir nicht ab, dass das alles Muskeln sind!“

„Nur, weil du keine hast“, grinste Bokuto und drückte dem Schwarzhaarigen einen kurzen Kuss auf die Wange, dann krabbelte er auf allen Vieren an ihm vorbei. „Los, weiter. Akaashi, wo lang?“

„Immer geradeaus. In acht Metern dürftet ihr auf eine Öffnung stoßen, die direkt in den Lagerraum führt.“

„Wieso hat so ein Schlot überhaupt einen Schacht?“, murrte Kuroo, immer noch deutlich verstimmt wegen dem Spruch über seine Muskeln. Bokuto verdrehte leicht die Augen und ließ ein wenig die Hüften kreisen, während er weiter voran krabbelte. Kuroo würde ihm schon noch vergeben.

„Durch den Schlot kommt Sauerstoff rein, der den Kohleofen anheizen soll“, erklärte Akaashi. „Und durch den Schacht wird in regelmäßigen Abständen Luft eingesogen, die in den Lagerraum geleitet wird. Es gibt keine Fenster oder so, also lüften sie auf diese Weise. In den neuen Fabriken sind die Luftschächte aber weniger leicht zugänglich.“

„Leicht?!“, schnaubte Bokuto, wurde jedoch eiskalt ignoriert, weshalb er sich nun auf das Gitter im Boden des Schachtes konzentrierte.

„Sind wir da?“, fragte Kuroo und versuchte, an ihm vorbei zu schauen. Statt einer Antwort zog Bokuto einen kleinen Bohrer aus der Tasche und montierte das Gitter ab, dann grinste er noch einmal über die Schulter.

„Diesmal geh ich vor!“

In dem stillen, weitläufigen Lagerraum verursachte sein Aufkommen auf dem Boden einen ziemlich lauten Hall und er blieb für ein paar Sekunden vollkommen ruhig stehen und lauschte auf etwaige Reaktionen, dann sah er nach oben.

„Kannst kommen, die Luft ist rein.“

Kuroos Beine schoben sich durch die Öffnung, dann fiel sein Geliebter von der Decke und Bokuto fing ihn kurz vor dem Boden ab, seine Hüfte umklammert.

„Ey! Lass mich runter!“ Kuroo lachte, als Bokuto ihn über die Schulter warf und trommelte ihm auf den Rücken. „Bo! Lass los!“

„Ja ja, gleich, stell dich nicht so an!“ Bokuto stolzierte grinsend zu einem der Container hinüber und setzte den Schwarzhaarigen auf dem Rand ab. „Besser so? Jetzt kannst du auch direkt ein paar Sachen raus holen, wenn du schon mal da oben bist.“

Kuroo grinste, drehte sich um und rutschte in den Container hinein. Bokuto lehnte sich von außen daran und sah ihm zu, wie er einen kleinen Strahler aus der Tasche zog.

„Einfach drauf richten und abdrücken?“

„Genau“, bestätigte Akaashi, „Aber vergesst nicht, dass die Kisten dadurch nur kleiner werden, nicht leichter. Die Masse verschwindet nicht, sie beschränkt sich auf einen Punkt.“

„Schon klar“, brummte Kuroo und Bokuto beobachtete fasziniert, wie er eine der Kisten schrumpfte. Moderne Technik konnte heutzutage so gut wie alles, aber cool war es immer noch. Er nahm den geschrumpften Karton von seinem Partner entgegen. „Wie viele kannst du davon tragen?“

Prüfend wog er das Gewicht in einer Hand. „Drei, vielleicht auch vier. Maximal fünf, aber da wir ja auch noch hier weg müssen, eher vier.“

„Keine Sorge“, meldete sich Akaashi. „Konoha ist schon auf dem Weg. Er wird beim alten Skytree mit dem Van auf euch warten.“

„Der alte Skytree? Das sind ja nur zwei Blocks. Dann kann ich auch sechs Kisten tragen!“

„Übertreib nicht gleich“, kam es aus dem Container und mit einem leisen Ächzen fing Bokuto zwei weitere geschrumpfte Kisten auf. „Ich nehme dir bestimmt nichts ab, wenn du schlapp machst!“

Bokuto beschloss, dass er über dieser billigen Herabwürdigung seiner Muskelkraft stand und ließ sie unkommentiert. Stattdessen zog er nun vorsichtshalber seine Pistole und sah sich ein wenig in der riesigen Lagerhalle um.

Lange Gänge führten zwischen etwa zwanzig der Container hindurch, die alle gleich aussahen und je nach Inhalt beschriftet worden waren. Kuroo wühlte derzeit in einem mit der Aufschrift CANON;0082;AO. Schusswaffen, Serie 0082, aus den Fabriken von Aoba Johsai. Starke, fiese Waffen, mit denen Bokuto sehr gut vertraut war: Die dazugehörigen Kugeln bohrten sich tief ins Fleisch des Opfers und fuhren Widerhaken aus, sobald sie angehalten hatten. Leider waren die Waffen auch relativ schwer, aber er würde die Kisten schon irgendwie mitkriegen.

Er stiefelte zu einem weiteren der Container hinüber, der die Aufschrift LENS;0142;WKN trug. Linsen von Wakunan. Die machten gute Linsen und ihre waren praktisch Müll, von daher … Bokuto steckte seine Waffe weg und griff sich zwei Handvoll der kleinen Boxen. Sie wogen so gut wie nichts, weshalb er seine Tasche bis zum Rand füllte und sich dann weiteren Containern zu wandte.

Zwanzig Minuten trafen er und Kuroo sich wieder. Zusätzlich zu den Linsen hatte Bokuto noch ein paar Schusswaffen von Karasuno angeschleppt; im Gegensatz zu den Monster-Geschossen von Aoba Johsai waren sie klein, handlich und brauchten kaum eine Sekunde zum Nachladen.

Kuroo hatte sieben Kisten voll mit Datekou-Brustpanzern dabei. Sie waren leicht und schmiegten sich an den Oberkörper, aber hielten selbst einer Kanonenkugel stand. Die geschrumpften Kisten lagen auf einem kleinen Stapel vor ihnen auf dem Boden und Kuroo sah Bokuto an.

„Also, ich bin dafür, dass du deine sechs Kisten mit den Knarren von Aoba Johsai nimmst. Ich trag zwei und die Waffen von Karasuno. Dann … teilen wir die Brustpanzer auf. Ich fünf, du zwei. Und ich hol mir gleich noch ein paar Linsen, von den Scheiß-Dingern kann man nie genug haben.“

„Irgendwie hab ich den Eindruck, dass ich schwerer schleppe als du“, bemerkte der Kleinere spitz und sein Geliebter schnaubte. „Bo, du bist so was wie ein Behemoth!“

„Ich nehme das als Kompliment.“

„Das war ja auch ein Kompliment!“

„Es klang aber nicht wie ein Kompliment.“

„Leute!“, meldete sich Akaashi zu Wort. „Die Zeit läuft! Im hinteren Bereich der Lagerhalle befindet sich ein Notausgang, der sich von innen öffnen lässt. Da hält auch eine Kamera drauf und die wird todsicher das Bild an die Zentrale schicken, sobald sie die offene Tür filmt, aber ihr müsst euch dann einfach beeilen! Wenn ihr schnell genug seid, werdet ihr nicht gefilmt, aber die werden so oder so ein paar Drohnen schicken, für euch heißt es dann also Rennen!“

„Akaashi, seit wann denn so risikofreudig?“, grinste Kuroo, stopfte sich die geschrumpften Kisten in die Tasche und machte probeweise ein paar Schritte.

„Seitdem ihr beide entgegen meines Rates in die Halle eingedrungen seid und ohnehin nicht mehr allzu viel zu verlieren habt. Es ist nicht weit bis zum Skytree, ihr solltet das packen.“

„Er vertraut uns“, bemerkte Bokuto neckisch, konnte aber nicht verhindern, dass seine Brust, selbst unter der Last der Kisten, ein wenig anschwoll. Ein Lob von Akaashi fühlte sich jedes Mal toll an.

„Ich hab's gemerkt.“ Kuroo stoppte beim Linsen-Container und schrumpfte die ohnehin schon kleinen Boxen. Damit bekam er etwa dreimal so viele in seine Tasche und Bokuto ärgerte sich für einen Moment, dass er nicht auch auf die Idee gekommen war, dann schluckte er seinen Stolz hinunter und machte es nach. Auch, wenn er gerade dieses ekelhaft selbstgefällige Grinsen aufgesetzt hatte, hatte Kuroo recht: Man konnte nie genug Linsen haben.

„Habt ihr es?“, meldete sich Akaashi zu Wort, als die beiden endlich ihre Taschen gefüllt hatten und weiter in Richtung Notausgang trabten. „In zwanzig Sekunden geht die Kamera aus.“

Kuroo war als erster an der Tür und legte eine Hand auf den Hebel, der sie öffnete. Mit der anderen Hand hielt er das Mikrofon seines Headsets zu und beugte sich ein Stück zu Bokuto hinüber. „Wenn es zu schwer wird, musst du Bescheid sagen. Ich kann dir auch ein bisschen was abnehmen.“

„Zu schwer?“, schnaubte Bokuto, grinste und schüttelte den Kopf. Ein Schweißtropfen rann ihm in den Nacken. „Wird schon nicht zu schwer, wie kommst du darauf?“

„Deine Schulter“, nuschelte Kuroo, dann rief Akaashi: „Jetzt!“ und er legte den Hebel um. Die Tür öffnete sich weitaus schneller, als es die Tür getan hätte, die sie zuvor observiert hatten. Ein entscheidender Vorteil von Notausgängen, die in den Lagerhallen aber leider auch den Nachteil hatten, dass sie sich nur von innen öffnen ließen.

Kaum, dass die Tür offen war, stürmten die beiden Männer los. Kuroo war schneller als Bokuto, schon immer gewesen, doch nun wurde das Ganze nur noch deutlicher, da die Last der Kisten schwer an Bokuto zerrte. Immerhin konnte er sie dank des Schrumpfstrahlers in die Tasche stecken und hatte somit seine Arme frei. Seine Schulter pochte trotzdem, doch es war erträglich.

Kuroo warf einen hastigen Blick über die Schulter, als hinter ihnen ein Surren ertönte. „Scheiße, die sind schneller als erwartet!“

„Müssen in der Nähe gewesen sein, das hätte ich merken müssen“, knurrte Akaashi, doch Bokuto nahm sein frustriertes Gerede nur verschwommen wahr. Er hätte sich wohl sorgen müssen, doch stattdessen rauschte Adrenalin durch seine Adern und plötzlich schienen ihm die Kisten sehr viel leichter.

„Los, komm schon!“ Er schloss zu Kuroo auf und sie verschränkten ihre Hände ineinander, zogen sich gegenseitig mit, das Surren der Drohnen stetig hinter sich.

Seine Muskeln begannen zu brennen und der Schweiß rann ihm über die Stirn und in den Nacken, doch selten fühlte er sich so lebendig wie wenn er auf der Flucht war. Es war dieses elektrische Pulsieren, diese Gewissheit, dass sein Leben auf Messers Schneide stand und das war beinahe so gut wie Sex mit Kuroo. Zusammen mit Kuroo auf der Flucht zu sein war sogar besser als Sex mit ihm.

Kuroo rutschte beinahe weg, als sie um die Ecke bogen, doch Bokuto zog ihn mit und um ein Haar hätte er laut gelacht. Nur noch ein Block, dann wären sie schon am alten Skytree. Hinter ihnen ertönte ein Zischen. Ein stechender Schmerz schoss durch sein linkes Bein, dann wurde es taub und am Rande nahm Bokuto wahr, dass er stürzte.

„Scheiße!“, zischte Kuroo und ächzte, als er seinen Partner auffing. „Scheiße Scheiße Scheiße …“

„Quatsch nicht, lauf!“, ertönte Akaashis Stimme. „Bokuto, Bokuto, hörst du mich? Bist du noch da?“

„Mhm“, schnaufte Bokuto, der sich mühsam und auf einem Bein hüpfend weiter vorwärts kämpfte, sein Arm lag schwer über Kuroos Schultern. „Ist nur Betäubungsmittel, glaub ich. Ich spür mein Bein nicht mehr. Aber sonst geht’s mit gut.“

„Schön für dich!“, keuchte Kuroo und beinahe kippte Bokuto zur Seite, als der Schwarzhaarige sich instinktiv unter einem Schuss hinweg duckte, der auf seinen Kopf gezielt hatte. Das Adrenalin ebbte ab und Bokuto schluckte, als er daran dachte, dass das vermutlich kein Betäubungsmittel gewesen war. „Akaashi, wir könnten ein bisschen Hilfe gebrauchen!“

„Bleib ruhig, kommt gleich.“ Akaashi klang unverschämt selbstsicher und hätte der total erschöpfte Bokuto die Luft dafür gehabt, hätte er geschnaubt. Der saß ja auch vor seinem Computer und verfolgte das Geschehen auf dem Bildschirm.

Erneut zischte es, dreimal direkt hintereinander. Drei Betäubungspfeile, die alle auf ihn zielten und alle ihr Ziel fanden. Beinahe riss er Kuroo mit zu Boden, als zuerst sein zweites Bein, dann einer seiner Arme und dann seine gesunde Schulter taub wurden. Seinem Partner gelang es jedoch, sich auf den Beinen zu halten und so schlug er alleine so heftig auf dem Asphalt auf, dass seine Zähne klapperten.

„Scheiße!“, entfuhr es Kuroo erneut, dann wirbelte er herum und Bokuto drehte unter größtem Kraftaufwand den Kopf, um zu sehen, wie sein Geliebter mit der alten Pistole, die er von seinem Vater gestohlen hatte, als er abgehauen war, und immer bei sich trug, alle fünf Drohnen vom Himmel holte, ohne auch nur einmal zu verfehlen.

Schwer atmend, aber auch angepisst, sah er zu ihm auf. „Sag mal, Robin Hood, hättest du das nicht machen können, bevor meine Beine in Wackelpudding verwandelt wurden?“ Die Worte gingen ihm nur schwer über die Zunge; offenbar breitete sich das Betäubungsmittel in seinem Körper aus. Nicht gut.

„Gern geschehen“, keuchte Kuroo und machte Anstalten, Bokuto hochzuziehen, als erneutes, sehr viel lauteres Surren ertönte. Kuroo riss seine Pistole hoch und verschwommen erkannte der Kleinere, dass weitere Drohnen um die Ecke bogen. Wie viele genau konnte er nicht erkennen, doch es waren auf jeden Fall mehr als vorher.

„Krieg ich hin!“, knurrte Kuroo und im Gegensatz zu seiner leicht schwankenden Stimme war die Hand, die die Pistole hielt, vollkommen ruhig. Bokuto hätte seine Bewunderung ausgedrückt, wenn ihm nicht in diesem Moment langsam schwarz vor Augen gewesen wäre.

„Bestimmt …“

Das letzte, was den Weg in sein Bewusstsein fand, war ein besorgter, leicht panischer Blick, der sich auf ihn richtete und das entfernte Brummen eines Motors, dann wurde alles still und dunkel und still und dunkel und still …

 

„Er wacht auf! Hey, hey Bokuto! Schau mich an! Hey! HEY!“

„Mmmnich so schrei'n“, nuschelte der Angeschriene und schlug blinzelnd die Augen auf. Die grelle Neonröhre, die ihn blendete, erkannte er sofort als die Deckenbeleuchtung der Krankenstation wieder. Um sie nicht zu erkennen war er schon zu oft hier gewesen.

„Oh verdammt, Bo!“ Zwei Arme schlangen sich um seinen Hals und er atmete Kuroos vertrauten Geruch ein. „Tu das nie wieder!“

„Ich hab dir doch gesagt, dass er nicht sterben wird“, schnauzte dieselbe Stimme, die Bokuto eben angeschrien hatte. Yakus grimmiges Gesicht tauchte in seinem Blickfeld auf und Kuroo fauchte wie eine Katze, als der Kleinere ihn von seinem Platz vertrieb, um Bokuto irgendein Pulver unter die Nase zu halten, dessen scharfer Geruch ihn gleich viel wacher machte. „Aber lieber Himmel, vier Betäubungspfeile sind schon eine Nummer! Du bist echt ein Biest!“

Bei dem Kompliment schwoll Bokutos Brust an, dann schoss das Kribbeln mit der Wucht einer Kanonenkugel in seine Beine und ihm entwich ein unmännliches Quieken, das Kuroo grinsen ließ. „Na, besser?“

„Viel besser“, knurrte der Bettlägerige, als sein Blick auf einen Verband fiel, den Kuroo am Oberarm trug. „Was ist passiert?“

„Ach, das“, sagte Kuroo und klang dabei so, als hätte er die Wunde schon vergessen, doch er verzog ganz kurz das Gesicht, als er mit den Schultern zuckte. „Ich wurde angeschossen, als Konoha und ich dich ins Auto gehievt haben. Ist nichts schlimmes.“

Yaku schnaubte. „Nee, nur 'ne Bleikugel!“

Bokuto runzelte die Stirn und strich vorsichtig über den Verband. „Wieso schießen die mit Betäubungspfeilen auf mich und versuchen, ihn zu töten?“

„Du bist nicht aus der High Society“, antwortete Yaku, während er seine metallene Armprothese mit einem Tuch desinfizierte, „Falls doch, hast du mir definitiv was verschwiegen. Die kennen dein Gesicht, aber du hast so Pi mal Daumen fünfzehn Identitäten, die darauf zugelassen sind. Kuroo“, ein scharfer Blick traf den Genannten, der den Kopf einzog, „nicht. Die haben ihn als Verräter vermerkt, er steht auf der Abschussliste. Du könntest dich als Informant nützlich erweisen, deswegen wollen sie dich gefangen nehmen.“ Schnaubend hielt er Bokuto einen der Betäubungspfeile vor die Nase. „Obwohl sie es damit auch nicht mehr so genau zu nehmen scheinen. Vier von den Dingern, die meisten Menschen wären nach der Dosis nicht mehr aufgewacht!“

„Tja“, grinste Bokuto und gab seinen eigenen Oberarmen einen Kuss. „Ich halt, wie man mich kennt.“

„Jetzt werd' nicht frech!“, fauchte der Kleinere und trat gegen Kuroos Hocker, als dieser ein amüsiertes Schnauben hören ließ. „Du auch nicht! Ihr seid glimpflich davongekommen, aber das hätte ins Auge gehen können! Ihr hättet beide sterben können, ich bin super sauer und sobald ihr wieder fit seid, trete ich euch in die Ärsche, klar?!“

Er griff sich seine Sachen und rauschte zur Tür hinüber, doch bevor er die Krankenstation verließ, drehte er sich noch einmal zu den beiden Männern um, die ihn abwartend ansahen. „Aber die Ausrüstung brauchen wir wirklich, also … gut gemacht. Und das dämliche Grinsen könnt ihr euch sparen, das wisch ich euch noch aus dem Gesicht!“

Mit diesen Worten verschwand Yaku und Bokuto konnte nicht anders, als kurz aufzulachen. „Wie immer ein Ausbund an Freude.“

„War aber mal interessant zu erfahren, dass ich offenbar auf der Abschussliste stehe“, brummte Kuroo und lehnte sich mit verschränkten Armen an die Wand. „Hat mir noch keiner gesagt. Wann genau hat mein Vater mich als Verräter gebrandmarkt?“

Bokuto biss sich auf die Lippe. Das hier drohte gerade ernst zu werden und darin war er noch nie besonders gut gewesen. Akaashi war viel besser als er im Geben von Ratschlägen.

„Weiß nicht“, meinte er. „Ist das wichtig?“

Kuroo seufzte. „Eigentlich nicht. Ich wusste ja auch, dass das früher oder später passieren würde; immerhin bin ich abgehauen, aber … keine Ahnung. Irgendwie fühlt es sich so an, als hätte er mich verraten und nicht andersrum. Eltern sollten ihren Kindern immer den Rücken stärken, oder nicht?“

„Hey,“, murmelte Bokuto, als er hörte, wie die Stimme seines Partners brach und kämpfte sich ächzend in eine sitzende Position, aus der er den Schwarzhaarigen an sich ziehen konnte, „nicht weinen, okay? Dann muss ich auch heulen, weißt du doch.“

Kuroo schnaubte kurz amüsiert, dann vergrub er sein Gesicht in Bokutos Schulter und atmete zitternd aus. Eine Weile saßen sie einfach nur so da und Bokuto war froh, dass er jetzt gerade nicht reden musste. Nähe war einfacher.

„Sorry“, nuschelte Kuroo nach ein paar Minuten und rutschte zu ihm aufs Bett.

Bokuto strich ihm durchs Haar. „Dafür musst du dich nicht entschuldigen. Dein Vater ist ein Arschloch und du hast alles Recht der Welt, dich darüber aufzuregen. Aber“, sie lösten sich voneinander und er wischte Kuroo mit dem Daumen eine Träne von der Wange, „dabei musst du im Hinterkopf behalten, dass du, als du ihn verloren hast, dafür das hier bekommen hast!“

Bei diesen Worten deutete er auf sich selbst und fühlte Erleichterung, als er Kuroo damit ein kleines Lachen entlockte. Er lächelte und zog ihn wieder an sich, dann ließ er sich zurück in die Matratze fallen, sodass Kuroo auf ihm lag und er ihm einen Kuss auf die Lippen drücken konnte.

„Klar ist das scheiße. Ich versteh dich auch, wenn du deshalb ein bisschen fertig bist. Aber du bist ja nicht allein. Du hast mich und Akaashi und Konoha und Kenma und … ja, mit Yaku musst du dich wohl auch rum schlagen.“ Wieder ein Lachen und Bokuto klopfte sich innerlich selbst auf die Schulter. „Wir sind jetzt deine Familie.“

Kuroo kuschelte sich noch enger an ihn. „Ihr seid definitiv die bessere Familie.“

„Zu freundlich. Und jetzt dreh bitte deinen Kopf, du drückst auf meine Schulter und die hab ich mir heute bei einer super eleganten Rolle geprellt.“

„Ups“, grinste Kuroo und tat wie befohlen. „Obwohl du es dir selbst zuzuschreiben hast …“

„Bitte?!“ Der Schwarzhaarige gab ein erschrockenes Krächzen von sich, als Bokuto sich plötzlich aufrichtete und sie beide so herum drehte, dass er nun auf Kuroo saß und dessen halber Oberkörper über die Bettkante hing. „Wie war das?“

„Okay, okay, warte warte warte …“ Kuroo hob abwehrend die Hände. „Das war nett gemeint.“ Dann grinste er, schlang seine Beine um Bokutos Oberkörper und rollte sich herum. Der überrumpelte Rebell hatte gerade noch Zeit für ein „Oh Scheiße“, dann schlugen sie beide mit einem lauten Poltern neben dem Bett auf.

„Ha!“, schnaubte Kuroo, der, vermutlich entgegen seines Plans, unten gelandet war und schnappte nach Luft. „Es hat geklappt! Danke, Yaku!“

„Ja“, ächzte Bokuto und richtete sich stöhnend auf. „Danke, Y-“, Die Tür zum Krankenflügel öffnete sich und krachte unheilverkündend gegen die Wand. „Y-yaku … Heeeyyy, Yaku!“

Die Prothese des Kleineren schloss sich eisern um seinen Nacken und zog ihn hoch. „Noch so eine Nummer und ich verabreiche euch beiden ein Impotenz-Mittel!“

„Gemein“, nuschelte Kuroo, ließ sich aber zu dem Bett neben dem von Bokuto zerren und darauf werfen.

„Und wehe, ihr bewegt euch vom Fleck, bis ich wieder da bin!“, drohte Yaku noch einmal, dann stampfte er davon. Vermutlich, um Lev zur Schnecke zu machen; wie immer, wenn er frustriert war.

Bokuto wartete, bis seine Schritte verklungen waren, dann traf sein Blick den von Kuroo, der ihn auffordernd angrinste. „Sex?“

„Klar“, entgegnete er und rutschte ein wenig zur Seite. „Aber wir sollten uns beeilen.“

„Sollte für dich ja kein Problem sein.“

„Du mich auch, Arschloch.“

„Gerne doch.“

„Manchmal frage ich mich, was ich an dir finde“, knurrte Bokuto und Kuroo, der sich inzwischen zu ihm aufs Bett geworfen hatte, grinste ihn herausfordernd an. „Und?“

„Meistens erledigt sich die Frage von selbst, wenn ich dir in die Augen schaue.“

„Ich liebe dich auch.“

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