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Cottas wirklich schrecklicher Urlaub, der eigentlich auch gar keiner war

Summary:

Cotta, Goodween und die drei Fragezeichen geben sich als Familie aus, um einen Verdächtigen beschatten zu können. Nichts läuft so wie geplant, Cotta bereut seinen Kollegen gefragt zu haben, für den er heimlich Gefühle hegt, die drei Jungs sind eine Warnung für sich und Goodween hat seine eigenen Probleme.

Notes:

Ich weiß doch auch nicht! Eigentlich sollte das hier nicht länger als 3000 Wörter werden und jetzt… das. Das hier ist nichts anderes crack. Nichts ist ernst gemeint oder wird ernst genommen. Ich wollte einfach nur etwas Fluffiges schreiben, über das ich selbst lachen kann. Leider hatte ich am Ende ganz schön mit brain fog zu kämpfen, also darf jeder alle (Logik-)fehler behalten, die gefunden werden!

Work Text:

Wenn das Radio noch einmal diesen grässlichen Poptitel spielte, sah sich Cotta das ganze Teil aus der Mittelkonsole reißen und aus dem Fenster schmeißen. Es konnte doch nicht möglich sein, dass sie innerhalb von eineinhalb Stunden Fahrt drei Mal das gleiche künstliche Gedudel hören mussten. 

Vielleicht war er auch einfach schon gestresst. 

Gestresst, bevor das alles hier überhaupt anfangen würde und gestresst nur von der Frage, was diese Woche alles schief gehen könnte. Und um sich diese Antwort selbst zu geben: alles. Alles konnte schief gehen, war vermutlich schon durch seine Schuld zum Scheitern verurteilt. 

Natürlich entschied sich Peter ihn genau in diesem Moment daran zu erinnern. 

„Dürfen wir Sie dann eigentlich auch Dad nennen?”, kam die Frage mit scheinbarer Unschuld von der Rückbank. Cotta war sich allerdings sicher, dass er hören konnte, wie der zweite Detektiv bei seiner Frage übers ganze Gesicht grinste. Angefacht wurde dieser Verdacht noch von der Tatsache, dass Justus und Bob leise begannen zu lachen.

Die ganze Fahrt über war es abgesehen von der schrecklichen Musik trügerisch ruhig geblieben - da hätte Cotta eigentlich schon klar sein müssen, dass das nicht ewig vorhalten würde. 

Während er sich auf die Frage ein „Wenn es unbedingt sein muss” abrang, antwortete Goodween im gleichen Moment: „Aber natürlich!”

Für ein paar Momente sahen sie sich gegenseitig verwirrt an, dann zog Goodween amüsiert seine Augenbrauen nach oben und sah lachend in den Rückspiegel. „Oder vielleicht nennt ihr nur mich Dad. Cotta bleibt wohl einfach Cotta, selbst wenn er durch ein Wunder so plötzlich Vater geworden ist.”

Das setzte eine erneute Welle amüsiertes Gelächter auf der Rückbank frei. Cotta hingegen grummelte etwas Unverständliches in sich hinein, doch bevor jemand nachfragen konnte, verkündete das Navigationsgerät ihre nächste Abfahrt und das baldige Ende ihrer Reise. 

Ventura hatte schon immer als die bessere Version von Rocky Beach gegolten mit seiner deutlich ausgelegten Infrastruktur für den Tourismus, seinen sauberen Stränden, den vielen Bars und Restaurants und den ausgewiesenen Wanderrouten. All das war jedoch nicht das, was so verlockend auf Cotta wirkte, wie die Gewissheit, dass Ventura auch der Heimatort eines gewissen Mr. Crawford war - und an dem war er mehr als alles andere interessiert. Er war immerhin auch der einzige Grund, warum sie zu fünft in einem Auto saßen.  

 

Cotta wusste im Nachhinein nicht, was er sich bei der ganzen Sache gedacht hatte. Obwohl eigentlich… er hatte die ganze Zeit das Gefühl gehabt, sich in einem Spiegel zu betrachten und sich selbst leicht verzweifelt zu fragen, was er da gerade tat. Er hatte also ganz offensichtlich nicht nachgedacht. Da war das Kind aber schon in den Brunnen gefallen, wie man so schön sagte, und er hatte keine Möglichkeit mehr gesehen, noch etwas an seinem Plan zu ändern. 

Dabei hatte alles so unscheinbar angefangen (aber tat es das nicht immer?). Sie waren seit Jahren hinter einem Serieneinbrecher her, der es irgendwie schaffte, an zwei Orten gleichzeitig aufzutauchen oder seine Alibi so geschickt zu knüpfen, dass sie ihm nichts hatten nachweisen können. 

Dudley Crawford passte eins zu eins in die Täterbeschreibung, sein Wagen wurde mehrmals am Tatort entdeckt und doch war der Mann deutlich mehrere Meilen entfernt auf der Überwachungskamera eines Diners, einer Bank oder einer Tankstelle zu sehen gewesen, ein Mal war er sogar zur gleichen Zeit auf dem Revier gewesen. Mittlerweile spann sich die Geschichte seit Jahren so. Als Cotta seinen Dienst in Rocky Beach angetreten hatte, hatte die Akte bereits bestanden und war nur dicker und dicker geworden, je mehr Zeit vergangen war. 

Aber der Verdacht hatte sich seitdem nicht nur erhärtet - jeder Polizist, der an dem Fall arbeitete, war sich sicher, dass Crawford ihr Mann war. Immerhin war der mittlerweile so überheblich geworden, dass er von Zeit zu Zeit sogar Bemerkungen von sich gab, die zwar alle nicht reichten, um ihm offiziell eine Verbindung mit den Diebstählen nachzuweisen, aber inoffiziell wie das Geständnis eines Mannes klangen, der das alles viel zu sehr genoss.

Letzten Monat hatte es allerdings einen überraschenden Durchbruch gegeben. Crawford besaß ein Ferienhaus in Ventura. Eines, das er sich mit seinem Gehalt eigentlich nicht leisten könnte und auch nicht unter seinem Namen angemeldet war. 

Schließlich war der nicht sehr überraschende Entschluss gefallen, ihn zu beschatten. Was sich allerdings als ein wahrer Albtraum herausstellte, denn Crawford wohnte in einer feinen Gegend, in der jedes Haus von einer hohen Mauer und uneinsehbaren Palmen verdeckt wurde. 

Wie passend also, dass gleich einen Hang darüber eine alte Dame das Haus neben ihr als Ferienwohnung vermietete. 

Als Cotta bei ihr angerufen hatte, hatte er jedoch nicht gewusst, dass sie nur an Familien vermietete - und natürlich, um die liebe, ältere Dame nicht gleich zu verschrecken und ihr von einer möglichen Beschattung der Polizei zu erzählen - hatte Cotta ihr versichert, er wäre verheiratet und kein Polizist. Ach ja, und Kinder hätte er auch. 

Dabei waren ihm natürlich gleich die Drei Fragezeichen vor dem inneren Auge erschienen. Bevor er allerdings darüber nachdenken musste, wen von den Dreien er am ehesten als seinen Sohn ausgeben könnte, wurde ihm klar, dass, selbst wenn er nur einen von ihnen einladen würde, die anderen beiden sowieso irgendwie auf der Bildfläche erscheinen würden. Die drei Fragezeichen tauchten eben nur als Trio auf.
Also hatte er sich dabei zugehört, wie er der Dame am Telefon erzählte, er hätte drei Söhne und, ach ja, er wäre ja so stolz auf sie. Natürlich wären die Drei auch ganz zuvorkommende, höfliche Teenager, die noch nie Probleme gemacht hätten - bei den Worten war Cottas Blick auf die Rechnung auf seinem Tisch gefallen, die die drei Fragezeichen bei ihrem letzten Fall verursacht hatten. Ein höherer dreistelliger Betrag, der ihm schon beim bloßen Anblick rasende Kopfschmerzen bereitete. Die Dame hatte jedoch nur ein „Ach, wie schön!” in den Hörer geflötet, mit ihm den Zeitraum vereinbart und ihm noch ein paar weitere Informationen gegeben, bevor sie sich bis zum nächsten Wochenende verabschiedet hatten. 

Drei Söhne hatte er da schon gehabt. Es hatte also nur noch ein Ehepartner gefehlt. 

Als er jedoch seinen Kollegen davon erzählt hatte, war Robert in so starkes Lachen ausgebrochen, dass er halb von seinem Stuhl gefallen war und Jack ihn, sich ebenfalls vor Lachen schüttelnd, wieder hatte hochziehen müssen, während Trevor sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischte. Nur Goodween hatte ihn zwar grinsend, aber irgendwie auch bedauernd angesehen. Und deshalb hatte Cotta ihn gefragt. 

Rückblickend war auch das eine schlechte Idee gewesen. Man fragte nicht den Kollegen, für den man heimlich Gefühle hegte, sein gespielter Ehemann zu sein. Leider hatte Cotta keinen Weg mehr gesehen, das Ganze rückgängig zu machen und da er nicht eine Kollegin fragen wollte, mit der er nicht einmal eng befreundet war, war es letztlich bei Goodween geblieben. 

Trevor hatte ihnen den Zweitwagen seiner Frau für die Woche überlassen, um „die Familienidylle auch glaubhaft zu gestalten”. 

Cottas ziviler Dienstwagen hätte so viele Personen und Gepäck auch gar nicht aufnehmen können. Genau wie Goodweens dicker, auffälliger Polizei Cruiser oder einer der Wagen der Jungs. 

Cotta wollte auch gar nicht abstreiten, dass Trevor vollkommen recht gehabt hatte. Jeder, der den blauen Van ansah, wusste sofort, dass es ein Familienfahrzeug war - und er kam gratis mit Süßigkeitenverpackungen, Kratzern und anderen Gebrauchsspuren („Sieh dir den brauen Fleck hinten im Fußraum nicht zu genau an. Das war der Große nach dem Besuch des letzten Freizeitparks…- Eiscreme ”). 

Genau wie er es meist vermied, den Ring an seinem Finger länger als nötig anzusehen. Bei jeder Bewegung glänzte er im Sonnenlicht und Cotta wurde sich seiner Existenz bewusst, dankte und verfluchte Trevor jedoch im Stillen auch für dieses kleine Detail. 

„Wo sind eure Eheringe, Jungs?”, hatte der lachend gefragt als er und Goodween den Wagen bei ihm abgeholt hatten. Bis dahin hatte Cotta nicht viele Gedanken daran verschwendet, dass nicht nur ihre grundsätzlichen Geschichten übereinstimmen sollten, sondern auch ihre Erscheinung zumindest ein wenig Ehe-Idylle vermitteln sollte. 

Die zwei goldenen Ringe würden zwar dem kritischen Blick eines Experten keine Sekunde standhalten, aber aus der Ferne sahen sie dennoch teuer genug aus. Ein Geschenk von Caroline, die bei der Nachricht, Cotta würde sich zusammen mit Goodween und den drei Fragezeichen als Familie ausgeben, spontan mit einem Lachanfall in der Küche zusammengebrochen war und sich erst ein paar Minuten später wieder beruhigt hatte.

Die Jungs hatten das Ganze von allen mit dem wenigsten Lachen aufgenommen, vermutlich aber auch nur, weil sie sofort einen Fall witterten, in den sie wieder ihre Nasen stecken konnten. Cotta hatte ihnen jedoch deutlich gemacht, dass sie von ihm einen Wochentrip nach Ventura bezahlt bekamen und er nichts von ihnen als Rückzahlung wollte, außer, dass sie einfach mal eine Woche nichts taten. Rein gar nichts. Das hatten sie nach einer kurzen Diskussion und der Information, dass es sich lediglich um eine Beschattung handelte, grummelnd zur Kenntnis genommen. 

Selbst wenn er so darauf zurückblickte, ihre Fahrgemeinschaft fühlte sich noch immer vollkommen absurd an. 

„Da vorn ist es!” 

Hinter ihm zeigte Justus auf ein Haus, das sich in den Hang schmiegte. Es war hübsch, das konnte Cotta nicht abstreiten. Regelrecht idyllisch. Und hoffentlich mit perfektem Blick auf Crawfords Grundstück. 

 

Die Einfahrt knirschte unter den Autoreifen als Cotta vor dem weißen, von Palmen umpflanzten Haus parkte. Kaum, dass der Motor erstarb, erschien im Fenster des Nachbarhauses das Gesicht einer älteren Dame hinter der Gardine. 

Mrs. Sherrington stellte sich nur wenige Minuten später als eine sehr kleine, rüstige Rentnerin heraus, die zwar aussah wie das Klischee einer herzlichen Großmutter, aber irgendetwas an ihrem Tonfall schickte Cotta einen Schauer den Rücken herunter. Ob es nun der eigentlich so gutmütige Blick war, der für ein paar Momente gefror als Goodween hinter dem Wagen erschien und das Gepäck an die Jungs verteilte oder weil sie danach keine Zeit verlor, ihn in ein Gespräch über Hausregeln und Ruhezeiten zu verwickeln, konnte er hinterher nicht mehr sagen. 

Er ließ sich von ihr die Hausschlüssel aushändigen und war einfach nur erleichtert, als sie erklärte, sie würde sie noch kurz hinein- und dann „in Ruhe ankommen” lassen. Denn Ruhe war gerade ein Zauberwort, nach dem er sich mehr als alles andere sehnte.

Ein kühler, großer Wohnraum empfing sie hinter der Tür, modisch ausgestattet und mit einer großen Menge an Fenstern - perfekt. Hinter ihnen traten nun auch Goodween und die drei Fragezeichen ein und sahen sich neugierig um. Mrs. Sherringtons Blick zuckte von Justus zu Peter zu Bob und wieder zurück zu Justus. Das Lächeln auf ihrem Gesicht wurde wieder etwas aufrichtiger.

„Und das sind Ihre Jungs? Wie schön. - Ich habe schon so viel von euch gehört!” 

„Ach wirklich?”, fragte Justus in einer Art und Weise, die Cotta befürchten ließ, dass er gleich diese verdammte Visitenkarte zücken und ihre Mission über den Haufen werfen würde. Darüber hatten sie nämlich vorher nicht gesprochen.

„Aber natürlich!”, fuhr er dazwischen. „Justus, unser Wunderkind. Hochbegabt. Das ist Peter, unser Sportass. Und Bob, kreativ in allen Medien. Fotografie, Malerei und Musik.” 

Nur für den Bruchteil einer Sekunde huschte Verwirrung über die Gesichter der Drei, doch sie schienen schnell zu verstehen. 

„Ganz genau!”, lächelte Justus, schüttelte Mrs. Sherrington die Hand und verwickelte sie in ein Gespräch. Wenn er wollte, konnte er wirklich charmant herüberkommen, das musste Cotta ihm lassen. 

Vielleicht sollte er ihn verpflichten, sich um die Dame zu kümmern, wann immer sie hier auftauchte. So als kleine Rache für jeden Nerv, den die Drei ihm in den letzten Jahren geraubt hatten. Mrs. Sherrington war nämlich vollkommen angetan von Justus’ Charme und erzählte ihm gerade von ihrem verstorbenen Ehemann, dem immer schlechter werdenden Wetter und dass sie sich in der Stadt vor Diebstählen in Acht nehmen müssten, da gerade vermehrt Einbrecher in der Gegend waren. 

Cotta stieß den Atem aus als sie endlich die Tür hinter sich zufallen ließ und wieder in ihr eigenes Haus verschwand.

„Sie ist… nett”, kommentierte Goodween mit einem halben Grinsen schließlich in die einsetzende, wunderbare Stille hinein. „Alt eben. Hat vermutlich niemanden mehr, mit dem sie sonst reden kann.”

Cotta fuhr sich müde über das Gesicht und schulterte seine Tasche wieder. 

„Lass uns lieber mal nachsehen, ob wir Crawfords Anwesen wirklich von hier sehen können, sonst können wir ihr ja eine Woche Gesellschaft leisten.” 

Das Haus war tatsächlich ein wahres Feriendomizil. Von bodenlangen Fenstern mit Sonnenlicht durchflutete Flure und Zimmer. Ein großer Raum mit anhängender Terrasse und drei Betten für die Jungs, zwei Bäder, eine ausladende Küche mit Essbereich und Sofaecke und - … und ein Zimmer mit einem Bett für Goodween und ihn. 

Ein Ehebett.

Cotta war ein paar Schritte hinter der Tür stehen geblieben, seine Tasche, die er eigentlich auf seinem Bett hatte ablegen wollen, verharrte weiterhin auf seiner Schulter. 

„Uh, wie romantisch”, hörte er Goodween hinter sich sagen und drehte sich gerade noch rechtzeitig genug um, um das amüsierte Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen. „Tja, nur zu gut, dass sowieso nur immer einer von uns das Bett benutzen wird. Ich breite mich nämlich aus wie ein Seestern. Angeblich klammere ich auch wie einer.” 

Die Art und Weise wie Goodween dabei grinsend die Augenbrauen in die Höhe zog, hinterließ ein seltsames Flattern in Cottas Magengegend und er verbot sich selbst, sich das bildlich vorzustellen. Er lachte - etwas hölzern, wie er fand - war aber erleichtert darüber, dass Goodween das Ganze mit Humor nahm. Und er hatte eh Recht. Einer von ihnen würde zu jeder Zeit Crawfords Anwesen im Blick behalten, auch in der Nacht. 

„Ich kann trotzdem aufs Sofa, wenn du dir nicht ein Bett teilen willst”, schlug er vor und Goodween winkte ab. 

„Wenn ich dich nachts ablöse, willst du dann lieber auf die harte Couch oder in ein warmes, kuscheliges Bett?”

Cottas ausbleibende Antwort war wohl genug, denn natürlich wollte er nicht eine Woche Beschattung mit Rückenschmerzen verbringen. 

„Na also”, sagte Goodween und warf seine Tasche auf ihr Bett. „Sei froh, dass du Robert nicht gefragt hast. Ich hab den im Pausenraum mal schnarchen hören. Das willst du dir nicht freiwillig antun.”

 


 

Cotta wachte von gedämpftem Gelächter und dem unverkennbaren Geruch von Pfannkuchen auf. Die Sonne strahlte ihm dank der immer geöffneten Vorhänge direkt ins Gesicht und zusammen mit der Wärme des Bettes konnte er sich nicht wirklich daran erinnern, wann er jemals so friedlich aufgewacht war. Kein Wecker, der ihn zu einer gottlosen Stunde aus dem Schlaf riss, keine drei Fragezeichen, die das gleiche taten und vor allem nicht die Aussicht gleich acht Stunden in einem Büro sitzen zu müssen. 

Aber für immer hier liegen bleiben konnte er natürlich auch nicht. 

Mit einem leisen Seufzen richtete er sich auf und blinzelte gegen das Tageslicht. Das Lachen in der Küche schwoll für einen Moment wieder an und, mittlerweile neugierig geworden, was die gute Laune verbreitete, zog sich Cotta kurzerhand Hose und Hemd über und streckte sich. 

Gestern war nicht sehr überraschend nicht viel passiert. Man könnte auch sagen, es war gar nichts passiert, was Bob nach ein paar Stunden, in denen er Cotta dabei zugesehen hatte, wie er unruhig von Fenster zu Fenster getigert war, mit dem Satz kommentiert hatte:
„Sie sind nicht wirklich daran gewöhnt, sich zu entspannen, oder?” 

Goodween hatte sein Lachen hinter dem Buch versteckt, von dem er so tat als würde er es lesen. Dabei konnte sich Cotta nicht vorstellen, dass er sich wirklich für ‘Schöne Strickmuster, die ihre Freunde verblüffen werden’ interessierte, selbst wenn Goodween generell eine breite Reihe an Hobbys hatte.  

Cotta hatte sich demonstrativ auf das Sofa fallen lassen und eine Stunde dabei zugehört, wie Justus seine beiden Freunde bei ‘Risiko’ geschlagen hatte und danach, wie Justus und Goodween sich bei einer „Revanche” aneinander die Zähne ausbissen. Peter hatte schließlich mit einem langen Gähnen vorgeschlagen, es bei unentschieden zu belassen, bevor sie alle noch die Sonne wieder aufgehen sahen. 

Crawford hatte gegen zwei Uhr die Lichter gelöscht und das letzte, an das Cotta sich noch erinnerte, war Goodweens vom Mondlicht beleuchtetes Profil, zu dem er müde hinauf geblinzelt hatte.  

Gähnend tappte er in die Küche, in der Goodween mit einer Pfanne bewaffnet am Herd stand. Die Drei Fragezeichen saßen teilweise am Tisch oder lehnten in Peters Fall an der Küchenzeile und sie alle waren tief in ihr Gespräch vertieft. 

Es war eine so heile Welt, in die Cotta da zu stolpern schien, dass es einen Moment brauchte, bis ihm wieder einfiel, wo er eigentlich war und dass das hier nicht echt war. 

Und obwohl er eigentlich allen einen guten Morgen wünschen wollte, kam ihm am Ende ein beinahe barsches „Wo ist Crawford?” über die Lippen. 

Goodweens Mundwinkel zuckten, scheinbar unbeeindruckt von Cottas grummeliger Morgenlaune.  

„Ich bin kein Idiot, Cotta. Crawford ist vor einer halben Stunde mit Golftasche weggefahren. Die Kollegen aus Ventura sind informiert und hängen an ihm dran, um ihn ganz genau im Blick zu behalten.”

Cotta murmelte etwas in sich hinein, fuhr sich über das Gesicht und sagte:
„Ah, ja. Entschuldige.”

„Für ein paar Stunden haben wir also tatsächlich frei. - Hast du Hunger?” 

Bei dem Lächeln, das Goodween ihm bei der Frage entgegenwarf, war es schwer, sie zu verneinen. Grummelnd setzte sich Cotta neben Justus, fühlte sich mit einem Mal schrecklich fehl am Platz mit seinem Dreitagebart und zerzausten Haaren, doch ihm blieb nicht viel Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. 

Goodween verteilte das Frühstück auf fünf Teller und reichte Cotta einen davon. Der Geruch weckte auch endlich seinen Magen auf, denn mit einem Mal wurde ihm klar, wie hungrig er eigentlich war. Schon hatte er zur Gabel gegriffen, als er überrascht innehielt und bekam es gerade noch hin, die Pfannkuchen nachdenklich zu betrachten. 

„Ja, das ist dein Rezept!”, bestätigte Goodween, der seinen Blick bemerkt zu haben schien. 

„Ich wusste gar nicht, dass Sie sich fürs Kochen interessieren, Herr Inspektor”, sagte Bob überrascht. 

„So unglaublich es klingt, aber ich lebe nicht auf dem Revier oder warte jede Sekunde neben meinem Telefon auf einen Anruf von euch - ich habe auch ein Privatleben.” 

„Das klingt wirklich unglaublich”, sagte Goodween gerade laut genug, dass jeder es noch hören konnte. 

„Hey!”, beschwerte sich Cotta. „So spricht man nicht mit seinem Ehemann.”

Das setzte eine neue Runde von Gelächter frei und die schlechte Stimmung war verschwunden. 

 

„Wir hätten Mrs. Sherrington mit der Überwachung beauftragen sollen. Sie ist ja wirklich unermüdlich.”

Goodween lehnte sich in seinem Stuhl zurück und griff nach seinem Glas mit Eistee. Dabei gab er sich alle Mühe, so weit unter dem Sonnenschirm zu verschwinden wie nur möglich, doch Cotta hatte es längst aufgegeben. 

Mrs. Sherrington beobachtete sie so ausdauernd wie sie Crawfords Anwesen nicht aus den Augen ließen. Von der Terrasse aus ergab sich nämlich ein toller Blick auf dessen Garten, wo Crawford seit seiner Rückkehr am Pool lag und döste. 

Cotta und Goodween hatten es sich ebenfalls auf ihrer Terrasse gemütlich gemacht, wobei Cotta sich fragte, wie viel Schein es eigentlich noch war. Die Jungs waren zu einer Erkundungstour in die Stadt aufgebrochen und es war ja nicht so als würden sie sich anstrengen müssen einen schlafenden Mann im Auge zu behalten. Tatsächlich glichen die letzten zwei Stunden dann doch mehr Urlaub als Beschattung. Nicht, dass er sich beschwerte.

Mrs. Sherrington hingegen hatte keine Ausrede für ihr dauerhaftes Starren und obwohl Cotta in den ersten zehn Minuten noch gedacht hatte, sie würde einfach schauen wollen, was er und Goodween in ihrem Ferienhaus veranstalteten, hatte er diese Theorie nach einer halben Stunde verworfen. Nach einer Stunde hatte er dann langsam geglaubt, dass sich ihr Blick wie zwei Laser in seinen Hinterkopf brannte und dort langsam eine kahle Stelle hinterließ.

Goodween legte irgendwann mit einem grimmigen, aber entschlossenem Ausdruck seine Hand auf Cottas, der sich im ersten Moment so erschrak, dass er ihm seine Finger beinahe wieder entzog. 

Goodweens Blick war für einen Augenblick zu ihm herüber gezuckt und dann zweimal kurz in Richtung Fenster. 

„Wenn sie schon starrt, dann können wir es wenigstens so unangenehm wie möglich für sie machen.”

Mit diesen Worten verwob er seine Finger mit Cottas, gab sich sogar noch Mühe, dass der goldene Ring im Sonnenschein hoffentlich direkt in Mrs. Sherringtons Augen blitzte und sie blendete. 

Cotta starrte währenddessen geradeaus, versuchte seinen Herzschlag wieder unter Kontrolle zu bekommen. 

Es war bescheuert. Als würden sie sich sonst nicht berühren. Auf der Arbeit, bei einem Fall, an der Kaffeemaschine. Aber das hier war anders. Eigentlich war es das nicht, denn Goodween handelte gerade aus nichts anderem als beruflichem Interesse - und einer kleinen Portion Häme - und konnte nicht wissen, dass Cotta gerade die ersten Konsequenzen seines Plans zu spüren bekam. 

Wieso hatte er nicht einfach Robert, Trevor oder Jack auf Knien angefleht, mit ihm zu fahren? Wieso hatte er dieser verdammten Schwäche nachgeben müssen, zumindest zuerst Goodween zu fragen - in der Hoffnung, Goodween würde es zu seinem eigenen Wohl verneinen. 

„Nicht, dass die Gute noch einen Herzinfarkt erleidet. Ein Krankenwagen würde viel zu viel Aufmerksamkeit auf uns ziehen.”

Goodween schnaubte und verschluckte sich an seinem Eistee. 

„Cotta! So etwas kannst du doch nicht sagen!”, tadelte er ihn, begann aber unkontrolliert zu lachen. 

Cottas Mundwinkel zuckten. Goodween lachte häufig und gern. Eines der wenigen Dinge, die er im Büro immer gerne hörte, vor allem, wenn er dafür verantwortlich war. Irgendwo musste Goodween jedoch ein kleines bisschen seiner Gutmütigkeit eingebüßt haben, wenn er über Cottas normalerweise staubtrockenen Sarkasmus so lachen konnte. 

Cottas Herz jedenfalls machte einen klitzekleinen Sprung, denn obwohl Goodween noch immer zwischen Lachen und Husten nach Luft rang, hatte er seine Hand nicht losgelassen. 

Wenn das so weiterging, würde Cotta einfach in den Pool springen müssen, um sich wieder abzukühlen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Gefahr, dass Goodween jedoch einfach hinterherkommen würde, war viel zu groß. Und auch, wenn sich der private Teil von Cotta nicht darüber beschweren würde, Goodween mit freiem Oberkörper im Pool zu sehen, appellierte der berufliche Teil gerade an seinen Verstand; viel eher schüttelte er ihn verzweifelt, um ihn wieder in die Gegenwart zu holen. 

Das hier war keine Ausrede, um Zeit mit Goodween zu verbringen. Das hier war Polizeiarbeit. 

Leider wusste Goodween darüber nur zu fünfzig Prozent Bescheid.

Mit einem Seufzen lehnte der sich in seinem Stuhl zurück, schloss kurz die Augen und schien nachzudenken. Dann lachte er leise. 

„Wollen wir wetten, dass ich weiß, wie wir sie loswerden?”

Cotta runzelte verwirrt die Stirn. 

Goodweens Blick blitzte zu ihm herüber. Ohne auf seine Antwort zu warten, sagte er nur: „Pass auf” - und lehnte sich ihm entgegen. 

Cottas Verstand meldete ihm noch, was das zu bedeuten hatte, bevor er vollständig ausfiel. Paralysiert wartete er, klopfendes Herz und rauschende Ohren, auf den Moment, in dem Goodweens Lippen seine treffen würden, pausenlos von der Frage begleitet, ob sie tatsächlich so weich waren, wie sie immer aussahen, wenn Cotta einen Moment zu lang in seine Richtung sah. 

Ein winzig kleiner Teil wies ihn an, es zu stoppen, bevor es zu spät war, und vielleicht hätte er es sogar getan, wenn er sich dazu imstande gefühlt hätte. Leider waren seine moralischen Vorstellungen nicht so stark, wie er immer angenommen hatte. 

Denn wenn es sich zum Beispiel um Robert handeln würde, der neben ihm saß - ja, was wäre schon dabei, ihn zu küssen? Wenn es der Beschattung half und sie sich beide auf Augenhöhe verstanden, wieso nicht? Wieso war es mit Goodween etwas anderes? 

Weil er von Goodween wollte, dass er ihn küsste.

Von Augenhöhe konnte keine Rede sein.

Und die Ecke seines Gehirns, die nicht in dieses moralische Tauziehen verwickelt war, hörte, wie das Fenster hinter ihnen mit einem lauten Knall zuschlug und Mrs. Sherrington endlich genug hatte, noch bevor sich ihre Lippen berührt hatten.

Goodween lachte auf. Sein Atemzug strich noch über Cottas Wange, doch danach war er so schnell verschwunden, dass er verwirrt blinzelte. 

„Sag ich doch.” Selbstzufrieden streckte sich Goodween auf seiner Liege aus, doch hielt plötzlich inne. „War doch ok, dass ich das gemacht habe, oder? Ich wollte wirklich nicht-” 

Cottas Herz verspürte nur einen klitzekleinen, tödlichen Stich. 

„Alles gut”, sagte er lächelnd und Goodween entspannte sich sichtlich. 

„Sorry. Ich dachte nur…” Goodween ließ den Satz unvollendet, aber Cotta konnte ihm auch so folgen. Nach Goodweens Outing hatte es im Revier ein paar hohe Wellen geschlagen. Das war jedoch schon einige Monate her und zumindest in Cottas Abteilung verloren niemand mehr ein Wort darüber. 

Soweit Cotta es wusste, hatte er Goodween nie erzählt, dass er bi war. Er war immer mit der eigentlich schrecklichen Ausrede durch das Thema gekommen, dass seine Kollegen ihn nur mit weiblichen Partnern über die Zeit gesehen hatten, was ihn - in ihrer Logik - nicht bisexuell machte. Es würde zumindest Goodweens Verhalten erklären, sicherzugehen, dass er keine Grenze mit Cotta überschritten hatte, wenn er ihn für hetero hielt. Cotta hätte es genauso getan, wären ihre Rollen vertauscht gewesen. Seinen Kollegen wollte man in der Regel nicht unangenehm auf die Füße treten, wenn man in einer Kleinstadt wie Rocky Beach längerfristig und zufrieden arbeiten wollte. 

Für einen Moment lagen ihm die Worte „Ich bin bi” auf der Zunge, aber er schluckte sie wieder herunter. Nichts davon würde gerade helfen. Und es dauerte viel zu lange, bis sich Cottas Herzschlag wieder beruhigt hatte. Von Entspannung konnte wirklich keine Rede mehr sein. 

 

Cotta tat kein Auge zu in dieser Nacht. Wie reine Folter tickten die Minuten in zäher Geschwindigkeit herunter, in denen er Goodween demonstrativ den Rücken zugewandt hatte und so tat als würde er tief und fest schlafen. Dabei fühlte er sich hellwach und glaubte auch nicht, Schlaf finden zu können, denn seine Aufmerksamkeit klebte auf Goodween. Jede kleine Bewegung und jedes folgende leise Geräusch zuckte wie ein Blitz durch ihn. 

Er musste mit Goodween reden. 

Er musste sich entschuldigen. Wofür würde er hoffentlich herausfinden, bis es soweit war, denn mehr als das Verlangen, ihn um Verzeihung zu bitten, existierte im Moment noch nicht.  

Goodween summte leise ein Lied. Irgendein Intro einer Serie, von der er ihm letzte Woche erzählt hatte.

Cottas Schulter vermeldete schmerzend, dass er viel zu lange bewegungslos auf ihr gelegen hatte und widerwillig drehte er sich auf die andere Seite. Zu auffällig scheinbar, denn Goodweens Blick wanderte vom Fenster zu ihm. 

„Sorry”, flüsterte er. „War ich zu laut?” 

Cotta starrte einen Moment nur. Das Mondlicht legte Goodweens Gesicht in tiefe Schatten, untermalte dabei jedoch jede feinste Ecke und Kante mit seinem kühlen Schein. Die geschwungene Nase, die vollen Augenbrauen und die Lippen, die Cotta plagten wie ein Dämon. 

„Cotta?”, fragte Goodween leise und seine Mundwinkel zuckten. „Bist du wach oder schläfst du?” 

„Wach”, bekam Cotta schließlich hin, etwas zu sagen und fuhr sich über das Gesicht. „Ist aber nicht deine Schuld.” 

Eine dreiste Lüge, aber er hoffte, dass Goodween nicht auch noch die Fähigkeit entwickelt hatte, Gedanken zu lesen. 

„Ich versuch’ wieder zu schlafen”, murmelte er und versenkte seinen Kopf im Kissen. 

„Ich passe auf”, sagte Goodween beruhigend und wandte den Kopf wieder zum Fenster hinaus. Die Worte stießen irgendetwas in Cotta an. Denn eine wohlige Sicherheit breitete sich über ihm aus, wie eine zweite Decke, die seine Gedanken endlich zur Ruhe kommen ließ. 

Goodweens Silhouette begleitete Cotta in den Schlaf. Das Mondlicht hinter ihm. Und wieder ein Lied auf den Lippen. 

 

Erst als sein Wecker ihn unnachgiebig aus dem Schlaf riss, wurde ihm klar, dass er überhaupt geschlafen hatte. Viel zu hell stach die Sonne in seine Augen und viel zu sehr brachte sie seine Schläfen zum pochen. Stöhnend legte er den Arm über die Augen. 

„Irgendetwas passiert?”, fragte er blind in den Raum. 

„Du hättest es mitbekommen, falls es so gewesen wäre”, antwortete Goodween. „Aber ich muss dringend auf die Toilette.”

„Ist gut. Ich pass auf.” Das hörte sich nicht im Ansatz so gut an wie Goodweens Worte letzte Nacht, doch Cotta kämpfte sich dennoch aus dem Bett. Goodween schien der Anblick zu amüsieren. Er warf ihm einen kurzen Blick zu, bis er sich sicher war, dass Cotta es sicher zur Fensterbank geschafft hatte, und verschwand im Badezimmer. 

Crawfords Haus lag ruhig vor ihnen. Ein paar Palmen wiegten sich im Wind. Eine friedliche Szenerie, die sich auch in Cotta widerspiegelte. 

Er würde mit Goodween reden. Die Entscheidung hatte festgestanden, als er die Augen geöffnet hatte. 

Goodween verdiente seine Wahrheit - als Kollege, und noch viel wichtiger: als Freund. Die genauen Worte waren leider noch immer so unbekannt wie sie es gestern gewesen waren, doch Cotta hoffte, dass Goodween ihm entgegenkommen und die Sache einfacher machen würde als sie sich anfühlte. Vielleicht reichte ihm die Information, dass er bi war. 

Ganz egal, was gesagt werden würde, es wäre klug, sich jetzt von dem Zustand ihrer Beziehung zueinander zu verabschieden. Denn dieselbe würde sie ganz bestimmt hinter nicht mehr sein. Cotta hatte das ungute Gefühl, dass sie sich leider nicht zum Besseren wandeln würde.

Als Goodween zurückkehrte, lächelte er, gute Laune wie eh und je. 

Stumm wechselten sie sich ab; Cotta verschwand im Bad, duschte und zog sich an, den Kopf merkwürdig leer für seinen sonst immer so unermüdlichen Verstand. 

Ein Blick auf die Uhr läutete die Stunde ein, in denen sich die Kollegen aus Ventura wieder an Crawfords Fersen heften würden, während er einem Geschäftstermin nachging. Genügend Zeit hoffentlich für Cotta, seine eigenen Probleme zu klären. 

Goodween hatte bereits ihre Tür geöffnet und war auf den Flur getreten, als Cotta sich räusperte.

„Hey, uhm, können wir kurz reden?” 

Goodween sah ihn für einen Moment überrascht an, doch zuckte schnell mit den Schultern. 

„Klar”, erwiderte er. 

Bevor Cotta jedoch etwas sagen konnte, öffnete sich die Tür gegenüber und Bob und Peter traten gähnend aus ihrem Zimmer heraus. 

„Guten Morgen”, grüßten sie mit leisen Stimmen und noch kleineren Augen. 

„Wo wart ihr denn noch so lange?”, fragte Cotta unvermittelt, bevor er sich aufhalten konnte. 

„Quiz-Bar”, antwortete Peter grinsend. „Zusammen mit Justus haben wir uns da quasi einen kostenfreien Abend erspielt.”

„Stimmt. Ihr seid erst zurückgekommen, als ich Cotta längst abgelöst hatte”, sagte Goodween nachdenklich und Cotta überschlug die Zeiten im Kopf. Abgelöst hatte Goodween ihn um eins. Vom Haus in die Innenstadt brauchte man etwa zwanzig Minuten. Und da er sowieso nicht hatte einschlafen können, mussten die Jungs wirklich verdammt lang weg gewesen sein. 

„Warum habe ich das Gefühl, dass ihr gestern nicht nur in der Quiz-Bar wart?”, grummelte er und fuhr sich über das Gesicht.

Justus taumelte aus dem Raum und schaffte es, noch müder auszusehen als die anderen beiden. Zumindest das konnte Cotta ihm nachfühlen. 

„Ich muss eingestehen, dass wir nach unserem Besuch vielleicht nicht gleich hierher zurückgekehrt sind”, begann Justus in dieser unverkennbaren Stimmlage, die Cotta mittlerweile vorwarnte, dass er gleich etwas sagen würde, das ihm nicht gefallen würde. 

Er atmete tief durch, doch alles, was es ihm brachte, war ein warnendes Stechen in seinen Schläfen. 

„Es ist nämlich so, dass wir über einen Fall gestolpert sind. Hier in der Stadt geht wohl ein Dieb um, ganz wie Mrs. Sherrington gesagt hat.”

Das Stechen wurde nun zu einem dauerhaften Dröhnen und Cotta begann sich mit einem Grummeln die Schläfen zu massieren. 

„Justus Jonas, es gab eine Bedingung in unserer Abmachung. Ihr sollt einfach mal eine Woche nichts tun!”

„Aber wir haben ja nicht mal aktiv danach gesucht! Wir sind wortwörtlich darüber gestolpert!” 

„Also über den Dieb”, vervollständigte Bob nicht sehr hilfreich für Cottas Nerven. 

„Den wir dann auch verfolgt haben”, ergänzte Peter.

„Aber wir haben ihn hier zwischen den Häusern verloren”, schloss Justus und hatte die Dreistigkeit, sich darüber auch noch enttäuscht anzuhören. „Danach sind wir aber sofort wieder hierher zurückgekommen!” 

Zumindest hatten sie dadurch fast so wenig Schlaf bekommen wie Cotta. Leider hatten sie ihm voraus, dass sie das besser wieder abschütteln konnten. 

„In einer halben Stunde seid ihr in der Küche - und während des Frühstücks will ich kein einziges Wort über diesen Fall hören, verstanden?”

Goodween prustete noch in sich hinein als er Cotta in die Küche folgte. 

„An dir ist echt ein Vater verloren gegangen”, murmelte er, während er begann den Tisch zu decken. Und dann, als Cotta glaubte, er hätte es schon wieder vergessen, hielt er kurz inne und fragte: „Was wolltest du denn gerade mit mir besprechen?” 

Da Cottas Verstand nicht gleichzeitig die Drei Fragezeichen und Goodween balancieren konnte, machte er eine wegwerfende Handbewegung. 

„Ich wollte dir sagen, dass wir auf die Jungs aufpassen müssen. Aber die Warnung kam wohl zu spät.”

Goodween lachte erneut. 

„Ach, ich kann es ihnen fast nicht übel nehmen”, sagte er und goss den Dreien ein Glas Saft ein. „Ist doch fast wie zuhause. Alles wieder ganz normal.”

Er sah nicht, dass Cotta ihn dabei ansah. 

Es war alles andere als ganz normal. 

 

Die nächsten drei Tage hatte das Schicksal scheinbar Mitleid mit Cotta und bescherte ihnen einen unaufgeregten Ablauf. Die Jungs versuchten zwar, ihren Fall wieder aufzunehmen, doch entweder stellten sie sich dabei so gut an, dass weder er noch Goodween davon etwas mitbekamen oder die Spuren verliefen tatsächlich im Sand und zwangen die Jungs dazu, sich endlich mal wie ganz normale Teenager zu verhalten und normalen Aktivitäten nachzugehen. 

Goodween und Cotta wechselten sich in regelmäßigen Abständen ab, Crawford zu beschatten und folgten ihm, soweit es die Umstände zuließen, auch außerhalb seines Hauses. Ansonsten genossen sie jeden Anlass, in denen das ihre Kollegen aus Ventura erledigen mussten und am Abend des fünften Tages stellte sich tatsächlich so etwas wie ein vages Urlaubsgefühl bei Cotta ein. 

Mrs. Sherrington hatten sie seit dem Pool nicht mehr gesehen. Hoffentlich war das das Zeichen, dass sie aufgegeben hatte. Obwohl einen Tag später tatsächlich unerklärlicherweise eine Bibel auf der Türschwelle gelegen hatte, über die Justus beinahe gestolpert wäre. 

Sie diente jetzt dazu, den etwas wackeligen Nachttisch zu stützen. 

„Kannst du dabei überhaupt einschlafen?”, fragte Cotta irgendwann als sie das Licht schon längst gelöscht hatten. 

Crawford gab eine große Party und endlich gab es auch einmal wirklich etwas zu sehen. Cotta musste sich fast schon anstrengen, ihn im Blick zu behalten. Aber zumindest würde er so nicht müde werden. Die laute Musik schallte nämlich ununterbrochen zu ihnen hoch. 

Als Antwort kam zuerst nur ein leises Lachen. Und Cotta hielt an sich, sich nicht umzudrehen. Die Temperaturen waren am Tag immer höher gestiegen und allein bei dem Gedanken, dass Goodween nur in Shirt und Boxershorts schlief wurde ihm schon wieder ganz anders. Das letzte Mal, das er hingesehen hatte, hatte der Großteil von Goodween unter der Decke hervorgeschaut, die er sich lediglich um die Mitte geworfen hatte. Verboten hatte es ausgesehen. Seitdem war er ganz froh, dass Crawford seine Aufmerksamkeit forderte. 

„Schwierig ist es schon. Aber sobald ich einmal schlafe, wache ich dafür auch nicht wieder auf.” 

„Echt nicht? Und wenn mal ein Notfall eintritt?”

„Dafür hab ich ja Captain. Falls es mal brennt, hoffe ich zumindest, dass er mich so lange ableckt, bis ich aufwache. - Heißt aber auch, dass ich mich nicht daran störe, wenn mein Partner furchtbar schnarcht.”

Cottas Mundwinkel zuckten.

„Dann hättest du ja mit Robert herkommen können”, versuchte er sich an einem Witz und tatsächlich schnaubte Goodween. 

„Robert ist leider nicht mein Typ.”

Cotta lag schon die Frage auf der Zunge, was denn überhaupt Goodweens Typ wäre, doch er verkniff sie sich lieber. Zu ihrem eigenen Wohl sollten sie alles so neutral wie möglich halten. 

„Schnarche ich eigentlich?”, fragte er stattdessen, merkte aber im gleichen Moment, dass das nicht unbedingt eine bessere Frage war. 

„Das nicht. Aber du siehst sogar beim Schlafen schlecht gelaunt aus.”

Das brachte nun Cotta zum Lachen. 

„Dann kann ich ja froh sein, dass mich dabei nie jemand sieht.” 

„Ich überlasse dir gerne Robert”, kam die Antwort vom Bett und vielleicht irrte sich Cotta, aber es hörte sich mehr nach einem vorsichtigen Ausstrecken an, mit dem Goodween versuchte, das Wasser zu testen.

Neutral bleiben

„Ist leider auch nicht mein Typ.”

Goodween lachte leise.

„Das dürfen wir ihm aber nicht erzählen. Da wäre er bestimmt furchtbar gekränkt”.

„Er kommt schon drüber weg. Gibt ja genügend Kolleginnen, die gern was mit ihm anfangen würden.” 

Goodween schwieg eine ganze Weile, ob er nun nachdachte, noch einmal nachzufragen oder ob er einfach müde wurde, beantwortete er schließlich mit einem langen Gähnen. 

„Nacht”, sagte er nach einer Weile mit schwerer Stimme. Cotta antwortete ihm noch, doch er glaubte nicht, dass er ihn noch hörte. 

Unten sprang Crawford in den Pool. 

 

Die ganze Nacht über beobachtete Cotta die Party unter ihnen, von der Crawford wohl plante, sie bis zum Sonnenaufgang laufen zu lassen. 

Und auch, wenn es viel zu beobachten gab, zerrte die Müdigkeit an ihm. 

Um halb vier jedoch passierte etwas. Leider nichts, das mit Crawford zu tun hatte. 

Ein lautes „Schnappt ihn euch, Kollegen!” riss durch die Partymusik und hörte sich sehr, sehr nah an als käme es lediglich von der anderen Seite der Hausmauer. Nicht eine Sekunde später rannte eine Gestalt vor dem Fenster vorbei als wäre der Teufel hinter ihr her. Da Cotta bereits eine sehr gute Ahnung hatte, wer ihr tatsächlich auf den Fersen war, würde er wohl eher von drei Teufeln sprechen, die ihm schon wieder Kopfschmerzen bereiteten, ohne, dass er sie bisher gesehen hatte. 

Es dauerte aber auch nicht lange, bis zwei von ihnen an seinem Fenster vorbei sausten, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Die beiden sprangen über die Hecke und verschwanden außerhalb seiner Sichtweite. Danach folgte etwas, das sich gefährlich nach Handgemenge anhörte. 

Cotta fluchte, sprang von der Fensterbank und war mit einem Satz beim Bett.

Er rüttelte Goodween an der Schulter, der ein unzufriedenes Brummen von sich gab und etwas murmelte, das verdächtig nach: „Fahrzeugschein und -papiere” klang, bevor sich seine Augen einen winzigen Spalt breit öffneten. 

„Wasnlos?”, bekam er schließlich zustande und Cotta wurde mit einem Mal klar, dass Goodween nicht im Geringsten gelogen hatte, als er gesagt hatte, zu schlafen wie ein Stein. 

„Draußen ist irgendetwas los. Die Jungs.”

Goodween gab ein Geräusch von sich, das irgendwo zwischen Stöhnen und Knurren lag, hob den Kopf ein paar Zentimeter und blinzelte in Richtung Fenster. 

„Hörnichs”, sagte er schließlich und ließ den Kopf zurück ins Kissen fallen, scheinbar schon wieder am Schlafen.

„Was bist du denn für ein Polizist?”, fragte Cotta, während er verzweifelt versuchte, in seine Hose zu kommen. Denn nicht einmal der größte Notfall in der Welt würde ihn in Jogginghose vor den drei Fragezeichen erscheinen lassen.

„Einer mit geregelten Arbeitszeiten, der nicht der Bereitschaft unterworfen ist”, kam die überraschend wache Antwort aus dem Bett. Die große Gestalt unter der Decke streckte sich mit einem Murren und endlich richtete Goodween sich auf, wohl doch dazu entschlossen, Cotta zu helfen. 

„Du gehst hinterher, ich passe auf Crawford auf”, gähnte er und, da Cotta bereits angezogen war, wäre es unnötig, dagegen zu protestieren. 

Schneller als gedacht zu der späten Stunde rannte Cotta den Flur herunter, schaffte es irgendwie in seine Schuhe zu kommen und riss die Haustür auf. 

Draußen begrüßte ihn Stille. 

Er würde den Dreien eigenhändig den Hals umdrehen, wenn sie es schafften sich umbringen zu lassen, während sie unter seiner Aufsichtspflicht standen. Denn Cotta war sich recht sicher, dass ihm der Hals umgedreht werden würde, wenn den Jungs auch nur ein Haar gekrümmt wurde, während sie mit ihm unterwegs waren. 

„Jungs?”, rief er leise, kam mehr schlecht als recht über die Hecke und versuchte in dem schwachen Licht, die drei Fragezeichen zu finden. An der nächsten Hausecke stieß er mit Justus zusammen. Der fiel fluchend zurück auf seinen Hintern. 

„Den Einbrecher haben wir verloren”, verlor er dennoch keine Zeit, Bericht zu erstatten. 

„Was macht ihr hier draußen?”, zischte Cotta. 

„Wir haben gesehen, dass sich ein Einbrecher Zutritt zu Mrs. Sherringtons Haus verschaffen wollte, haben ihn ein Mal um unser Haus gejagt und ihn dann wieder hier verloren.”

„Ist mir egal - macht, dass ihr ins Haus kommt, bevor Mrs. Sherrington mitbekommt, was los ist und uns rauswirft! - Wo ist Peter?”

„Ich bin hier.” Mit einiger Verzögerung kam Peter um die Hausecke. 

Cotta wollte jedoch nicht mehr Zeit verlieren. Er schob die Drei eilig auf die andere Seite der Hecke und, als hinter ihnen in einem Fenster das Licht anging, stolperten sie alle fluchend über den Kiesweg zurück zur Eingangstür, um sich dort in den Schatten zu drücken. 

„Ihr könnt so froh sein, dass ich nicht euer Vater bin”, wisperte Cotta, während sie mit angehaltenem Atem darauf warteten, ob Mrs. Sherrington aus ihrem Haus kommen würde. „Ansonsten würde ich euch für diese Aktion allesamt enterben.” 

 


 

„Ich bin mir noch nicht ganz sicher, woran es liegt, dass Mrs. Sherrington uns nicht mag, aber ich glaube, ich habe das Ganze eingegrenzt”, sagte Goodween mit einer Stimme als würde er Cotta gerade den Bericht für einen der aktuellen Fälle im Revier vorlegen. „Entweder stört sie sich daran, dass wir ein schwules Ehepaar sind oder dass wir ein gemischtes Pärchen sind oder dass die Jungs gestern Nacht bei der Verfolgungsjagd ihre Petunien zertrampelt haben.”

„Warum nicht alles drei zusammen?”, fragte Cotta ohne von seinen Notizen aufzublicken. 

„Oder warum nicht, weil sie Geldwäsche in ihrem Keller betreibt?”, fragte Justus. 

„Genau. Oder das”, stimmte Cotta nickend zu. Moment… was? 

Sein Kopf zuckte in die Höhe und er sah Justus, geflankt von Peter und Bob in der Tür stehen. Alle drei mit diesem bestimmten Grinsen im Gesicht, das davon sprach, dass sie schon wieder mehr wussten als er. 

„Geldwäsche. Die gute Mrs. Sherrington hat ein paar illegale Geschäfte am Laufen”, wiederholte Justus. „Der ‘Einbrecher’, den wir verfolgt haben? Er ist zielsicher zu ihrem Keller gelaufen. Dort verticken sie die gestohlene Ware und schreiben es dann als Einnahmen aus Vermietung an.”

„Oder haben Sie geglaubt, dass wir wirklich einfach wie eine Herde Elefanten durch den Garten trampeln würden?”

„Das war nur eine Ablenkung, damit ich ungehindert in den Keller kommen konnte”, erklärte Peter. „Und später dann wieder hinaus.”

„Und der Keller der guten Mrs. Sherrington war abgeschlossen?”

„Nein. Die Tür stand offen. Ich breche doch nirgendwo ein, Dad .” 

Cottas Mundwinkel zogen sich nach unten und Goodween lachte leise. 

„Aber es kann durchaus sein, dass Mrs. Sherrington zusätzlich noch ein homophober Rassist ist, das wollen wir nicht ausschließen”, fügte Bob hinzu. 

„Jedenfalls”, sagte Justus. „Ist der Kunstdieb, der hier umgeht, und der Einbrecher von gestern vermutlich ein und dieselbe Person, die auch gar nicht einbrechen wollte, sondern lediglich das Diebesgut im Keller verstauen wollte.”

„Das war nämlich der gleiche Dieb über den wir gestolpert sind, als wir aus der Quizbar kamen”, ergänzte Peter. 

Cotta vergrub seufzend seine Hand in seinen Haaren. 

„Und was sollen wir da jetzt machen?”

„Informieren Sie Ihre Kollegen von hier!” 

„Das würde nur eine Menge Aufmerksamkeit auf uns ziehen. Mal ganz abgesehen davon, dass es unsere Beschattung beenden würde. Die zwei Tage, die wir noch haben, will ich auch nutzen können!” 

„Aber -”

„Nein, Justus, kein aber. Crawford ist der wichtigere von beiden Fällen und auch der Grund, warum wir hier sind. Mrs. Sherrington wird uns nicht weglaufen.” 

„Und was, wenn sie genau das tut?” 

Was danach folgte war die lauteste, aber nicht die professionellste Diskussion mit Justus Jonas, die er sich jemals geliefert hatte. Leider führte sie auch nirgendwohin, denn auch nach zehn Minuten waren sie keinen Schritt weitergekommen und niemand hatte auch nur einen Zentimeter nachgegeben.

„Das ist mein letztes Wort, Justus”, sagte Cotta gerade und verschränkte die Arme vor der Brust. Da Rumschreien in den letzten Minuten nicht geholfen hatte, schraubte er seine Lautstärke wieder runter, versuchte ruhig zu wirken. Er war immerhin der Ältere von ihnen. Hoffentlich auch der Vernünftigere.

Justus funkelte ihn wütend an. 

„Oder ich könnte ansonsten noch sagen, dass ihr jetzt auf euer Zimmer geht, aber leider spiele ich nur euren Erziehungsberechtigten.” 

Zum Glück ließ sich Justus wortlos von Bob und Peter mitziehen. Ihre Schritte waren jedoch noch nicht mal auf dem Flur verhallt, als Goodween den Mund öffnete. 

„Die werden sich bestimmt nicht daran halten.”

„Ich weiß”, seufzte Cotta. „Kannst du den Kollegen schon mal eine kleine Vorwarnung schicken, dass sie wenigstens Bescheid wissen?” 

„Wird gemacht, werter Ehemann.” 

Cotta vergrub sein Gesicht stöhnend in den Händen. 

 

An diesem Tag teilten sie sich anders auf als geplant. Cotta übernahm am Tag die Aufgabe, sich bewusst offensichtlich in der Nähe der drei Fragezeichen aufzuhalten und sich nicht von ihnen abschütteln zu lassen - selbst, wenn das bedeutete, sie zum Strand zu begleiten und drei Stunden dabei zuzusehen, wie sie nichts taten, und Goodween blieb im Haus, um Crawford zu beobachten. 

Am Abend kochte Cotta zur Versöhnung die beste Lasagne, die je gemacht wurde, wie Peter sagte, und Goodween übernahm das Babysitten am Abend, leistete sich zwei erbitterte Niederlagen bei Mario Party und schlug hemmungslos bei Trivial Pursuit zurück. Cotta hingegen versuchte, Crawford im Auge zu behalten, bis die Jungs ins Bett gingen. 

Da Goodween, wie sie mittlerweile wussten, einfach weiterschlafen würde, tauschten sie wieder. Goodween behielt Crawford über Nacht im Blick und Cotta legte sich demonstrativ auf das Sofa mit dem optimalen Blick auf die Haustür, falls die Jungs sich rausschleichen würden. 

Dennoch, irgendwie, wie es immer passierte, wenn Cotta sich zu sicher fühlte, trotz allem - stand er nur drei Stunden später zwischen Mrs. Sherrington, ihren zwei Komplizen und den Jungs, die Hände erhoben und starrte in den Lauf von drei Pistolen. 

Eine Waffe wäre schon eine zu viel gewesen; dass sie allerdings alle Drei bewaffnet waren, war eine Katastrophe. Vor allem, weil Cottas Dienstwaffe zwei Fahrstunden entfernt in einem Schließfach lag und ihm nun nicht helfen könnte. Wobei er sich hütete, zu offenbaren, dass er Polizist war. Das würde sein Todesurteil sein als alles andere. Er war nur ein Vater, der mit seinen drei Söhnen (die er stumm immer und immer wieder verfluchte) aus Versehen Mrs. Sherringstons dubiose Geschäfte aufgedeckt hatte. Dass sie dabei sowohl ihre Gesichter als auch jegliches Raubgut gesehen hatten, war alles andere als optimal, aber auch das würde nur ein Polizist wissen. 

Dennoch versuchte Cotta ruhig durchzuatmen. Solange er ruhig blieb, würden hoffentlich auch die Jungs glauben, dass sie eine Chance hatten, hier wieder lebend herauszukommen. Denn leider war sich Cotta bisher nicht sicher, ob sie das auch wirklich tun würden. 

Ihre einzige Hoffnung war Goodween und Bobs waghalsiger Einfall, der ihn hoffentlich auf ihre Spur bringen würde. 

Cotta stand nicht nur aus Selbstlosigkeit vor den drei Fragezeichen, sondern auch, um die winzigen Bewegungen von Bobs Handgelenk zu verdecken, die er aus den Augenwinkeln sehen konnte. Das Licht der einzigen Deckenlampe fiel direkt auf Bobs Armbanduhr - und schickte einen Lichtpunkt an die Wand neben ihnen. Die Wand, in der das einzige Kellerfenster eingelassen worden war und von dem Cotta wusste, dass es in Richtung ihres Schlafzimmers zeigte, genau dort, wo ein kleines Stück der Hecke fehlte. 

Er hoffte nur, dass der Lichtpunkt es auch weit genug auf den Rasen schaffen würde, dass er Goodween auffiel, bevor die Sonne zu weit aufgegangen war, um ihn unsichtbar werden zu lassen.

Drei Mal kurz, drei Mal lang, drei Mal kurz; alles in einer Endlosschleife.

SOS, schickte Cotta auch in Dauerschleife gedanklich rüber zu Goodween.

Doch lange konnte er Mrs. Sherrington zusammen mit Justus nicht mehr hinhalten, dass sie ihnen freiwillig ihre Pläne monologisierte und ein winziger Tropfen Schweiß bildete sich an seiner Stirn. Er hatte nämlich nie gedacht, dass er von einer älteren Dame erschossen werden würde. 

„Deshalb tut es mir wirklich schrecklich leid, dass wir Sie aus dem Weg räumen müssen”, sagte Mrs. Sherrington in diesem Moment höhnisch als hätte sie Cottas Gedanken gelesen. Verdammt. Sie verzog das Gesicht zu einer angewiderten Grimasse. „Aber Sie werden so oder so in der Hölle landen. Sie und Ihr… Partner.” 

„Na, ich würde Sie bitten, nicht so abwertend über meinen Ehemann zu sprechen.”

Noch nie in seinem Leben hatte Cotta sich derart gefreut, Goodweens Stimme zu hören. 

Nur eine Sekunde später stürmte er, gefolgt von einer Handvoll Kollegen aus Ventura den Keller. Mrs. Sherrington und ihre Komplizen waren derart überrascht, dass nicht ein einziger Schuss fiel und sie sich ihre Waffen ohne Widerworte abnehmen ließen. 

Wie schwere Eisenketten fiel die Anspannung von Cotta, schmolz einfach hinweg, als Goodween mit strahlendem Lächeln auf sie zu kam.

Zielsicher ging er an Cotta vorbei und erkundigte sich zuerst bei den Jungs nach ihrem Wohlbefinden, lobte Bob für seine fantastische Idee und die drei Detektive für ihren neuesten, gelösten Fall… und sagte im gleichen Atemzug, dass sie in riesigen Schwierigkeiten steckten, weil sie sich nicht an ihre Anweisung gehalten hatten, die Füße still zu halten. Das gutmütige Lächeln auf seinem Gesicht schien die drei Fragezeichen tatsächlich zu erschrecken. Das sollte Cotta sich vielleicht für die Zukunft abschauen. 

Doch in diesem Moment traf es dann ihn. 

Goodween trat mit wütend zusammengezogenen Augenbrauen auf ihn zu.

„Und du hast dir nicht gedacht, dass du mir zumindest sagen könntest, dass du den Jungs folgst? Du bist keinen Deut besser als sie!” Anklagend zeigte Goodween mit dem Finger auf ihn. 

„Ich wollte ja - aber sonst hätte ich sie verloren und hätte nicht an ihnen dranbleiben können. Und dass ich mein Handy vergessen habe, war auch nur ein sehr dummer Zufall.” Das hörte sich wirklich eins zu eins so an wie die Erklärungen der Jungs manchmal. Vielleicht sollte Cotta sich auch vornehmen, ihnen ein wenig häufiger zu glauben, wenn sie solche Entschuldigungen anbrachten.

Goodween fuhr sich seufzend über das Gesicht, aber Cotta konnte das Lächeln unter seinen Händen sehen. 

„Sobald wir wieder in Rocky Beach sind, reiche ich die Scheidung ein.”

Cotta schnaubte. 

„Du bekommst das volle Sorgerecht. - Aua!”

Goodween hatte ihm freundschaftlich gegen die Schulter geboxt und zusammen mit den drei Fragezeichen folgten sie den Kollegen aus Ventura die Kellertreppe hoch. Ein strahlender Sonnenaufgang begrüßte sie zu ihrem letzten Tag und Cotta seufzte.

„Wir können nur hoffen, dass Crawford sich in dieser Zeit nicht bewegt hat.” 

Obwohl alles in Cotta danach schrie, schlafen zu wollen, setzte er sich am Ende doch wieder ans Fenster. Goodween begleitete die drei Fragezeichen auf das Revier mit dem Versprechen auf dem Rückweg Kaffee mitzubringen und Cotta lehnte seinen Kopf gegen die Fensterscheibe. Er war hundemüde. 

Gerade als ihm die Augen zufallen wollten, zerriss ein Vibrieren die Stille und plötzlich fiel ihm wieder ein, dass sein Handy auf dem Nachttisch lag.

Zwei entgangene Anrufe von Jack. Cotta runzelte die Stirn, griff zum Handy und rief Morales zurück. 

„Cotta, gut, dass du dich meldest. Seid ihr noch in Ventura?”

„Ja. Wir haben hier gerade noch ein paar Probleme geregelt.”

„Super! Ist Crawford auch dort?”

Cotta reckte den Hals.
„Jap. Er sitzt in seinem Garten am Pool und liest.”

„Das kann nicht sein. Denn er ist hier.”

„Hier? Wo hier?”

„Hier in Rocky Beach. Unsere Kameras haben ihn gerade aufgezeichnet, wie er eine Bank ausgekundschaftet hat.”

„Jack, das kann nicht sein. Ich sehe ihn hier deutlich vor mir.”

„Tja, ich auch. Robert hat ihm gerade ein Glas Wasser gebracht.”

Beide verfielen einen Moment in Schweigen. Cottas Gedanken rasten, dann, gerade als er den Mund öffnen wollte, sog auch Jack hörbar die Luft ein.

„Cotta…-”

„Das kann aber nicht sein, oder?”

„Welche Hand benutzt dein Crawford?”

„Die Linke.”

Jack stieß ein kurzes Lachen aus.
„Meiner die Rechte.”

„Ein Zwilling?”

„Mehr noch. Richard Crawford - sein Bruder, der angeblich vor zehn Jahren bei einem Wanderunfall verstorben ist! Er war nie tot. Und seitdem ziehen sie gemeinsam die Einbrüche durch und decken sich gegenseitig!”

„Haben wir Beweise dafür?”

„Noch nicht. Aber ich nehme jetzt meinen Crawford in Gewahrsam - und du bitte deinen. Wenn wir die beiden zusammenbringen, werden sie hoffentlich anfangen zu reden.” 

 

Die verdutzten Gesichter von Goodween und den drei Fragezeichen als Cotta gemeinsam mit den Kollegen aus Ventura und Crawford im Schlepptau auf dem Revier erschien, waren es beinahe wert, dass sie danach mehr als den halben Tag bei der Polizei verbrachten.

Robert und Trevor kamen gegen Mittag, um Crawford abzuholen und Cotta winkte ihnen nach, als sich der Wagen in Richtung Rocky Beach entfernte. Er würde fast alles geben, um bei der Befragung der beiden Brüder dabei zu sein, doch Jack war länger als er an dem Fall dran gewesen - und auf eine stundenlange Autofahrt freute er sich auch nicht wirklich. Das Haus hatten sie noch ganz offiziell bis zum nächsten Morgen gemietet und jetzt, da hoffentlich nichts mehr dazwischen kommen würde, mussten sie ihre Beschattung auch zu einem überlegten Ende bringen. ... So würde er es jedenfalls erklären, wenn er von höherer Stelle gefragt werden würde, warum sie nicht auch sofort den Rückweg angetreten hatten.

Nachdem sie alle ihre Zeugenaussagen gegen Mrs. Sherrington abgegeben hatten und Cotta seine obligatorische Standpauke gehalten hatte, die nicht halten würde, bis sie wieder in Rocky Beach waren, luden die drei Detektive ihn und Goodween zur Abwechselung mal zur Versöhnung zum Essen ein. Den Abend verbrachten sie am Strand, aßen Pizza und sahen zu, wie die Sonne irgendwann hinter dem Meer versank. Goodween baute mit den Jungs ein wahres Schloss von Sandburg, an dem Cotta sich beteiligte, nicht hilfreiche Ratschläge zu geben, während er halbwegs erfolgreich versuchte die Möwen von ihrem Essen fernzuhalten.

Mit bleierner Müdigkeit schleppten sie sich zurück zum Haus, aber Cotta konnte nicht leugnen, dass er sich… seltsam entspannt fühlte. Jeglicher Druck war aus seinem Kopf verschwunden, die Crawfords saßen in Rocky Beach und Ventura war seine notorischen Einbrecher losgeworden.

„Es ist fast schon ein bisschen schade, dass wir Sie jetzt nicht mehr Dad nennen können”, gähnte Peter als Goodween die Haustür aufschloss. 

„Das hättet ihr wohl gerne. Wenn auch nur einer von euch das Wort in den Mund nimmt, wenn wir wieder in Rocky Beach sind…-”, grummelte Cotta, ließ die Warnung aber unvollendet. Er war einfach zu müde.

„Aber jetzt sind wir noch in Ventura", sagte Bob und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

„Also: gute Nacht, Dad!", verlor Justus keine Zeit und grinste Cotta schadenfroh an.

„Und gute Nacht, anderer Dad!", wandte sich Peter an Goodween.

„Ich kann es kaum erwarten, dass wir uns scheiden lassen", grummelte Cotta.

„Sie lassen sich scheiden?", fragte Bob mit theatralischer Stimme.

„Geht jetzt einfach ins Bett!"

Lachend verschwanden sie in ihrem Zimmer und Cotta schloss die Tür hinter ihnen, gewillt, sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen zu stemmen, falls sie wieder auf die Idee kamen, noch mal für einen dummen Spruch zurückzukommen. Doch außer ihrem Gelächter hörte er nichts weiter und nach ein paar Momenten ließ er sich von Goodween in ihr eigenes Zimmer ziehen.

Cotta war noch nie so froh, dass das Fenster mit einem Mal so gar keine Bedeutung mehr hatte, außer, dass man in der Ferne einen feinen Streifen Meer im Mondlicht glitzern sehen konnte.  

„Du siehst aus als würdest du gleich im Stehen einschlafen - komm”, Goodween ließ sich aufs Bett fallen, rückte bis an die Wand und klopfte dann neben sich. „Die Jungs haben es mal wieder geschafft, Fall gelöst - beide, möchte ich anmerken - und wir können endlich schlafen.”

Dort, wo eigentlich Cottas Verstand anspringen sollte, um ihn davon abzuhalten, sah er nur ein weiches, bequemes Bett. 

Er hatte keine Ahnung, woher das tiefe Brummen kam, das aus seinem Mund entwich als er sich auf die Seite fallen ließ und die Augen schloss. Müde war er. So unfassbar müde. 

Goodween sagte etwas, und Cotta merkte zwar, dass er dabei war einzuschlafen, aber für genügend Geistesgegenwart, um ihn zu verstehen, reichte es nicht. Er spürte nur, wie sich Goodween neben ihm bewegte, sich mit einem Mal der kräftige Arm über seinen Körper streckte und das Licht wenige Momente später gelöscht wurde. 

„Gute Nacht, Cotta.”

Er hatte ihm noch antworten wollen, ganz bestimmt sogar, aber Cotta war eingeschlafen, bevor er den Satz überhaupt formulieren konnte. 

 

Ein paar Stunden später wachte er wieder auf. Die Decke hatte er im Schlaf vom Bett getreten. Neben ihm lag Goodween auf dem Bauch, atmete in tiefen Zügen ein und aus. Der Arm, den er nicht unter seinen Kopf gelegt hatte, lag neben Cottas, sprühte Hitze auf seine Haut ab. 

Vielleicht lag es daran, dass Cotta sein Kopf schon wieder im Halbschlaf versank, doch der einzige Gedanke, der ihm durch den Kopf ging, war, dass Goodween der schönste Mann war, den er jemals kennengelernt hatte. 

Und nicht nur das. 

Man konnte ihm blind vertrauen - er hatte ihm heute wortwörtlich das Leben gerettet und sich nicht ein Mal aufrichtig über den Stress beschwert, dass es nicht das erste Mal gewesen war, ihn in lebensbedrohlichen Situationen unterstützen zu müssen. Er verstand sich gut mit den Jungs und hielt es sogar seit ein paar Jahren aus irgendeinem Grund mit Cotta aus. Etwas, das laut Robert nur möglich war, wenn man am Anfang sehr lange daran glaubte, dass er unter seiner harten Schale einen weichen Kern hatte, für den es wert war, seine schlechte Laune und seinen Sarkasmus auszuhalten. Er war freundlich, zuvorkommend, zuverlässig. Für alles zu haben, wie der Umstand zeigte, dass er sich ein gottverdammtes Bett mit Cotta teilte und eine Woche lang bereit gewesen war, jederzeit seinen Ehemann zu mimen. Trotz all der Scheiße, die auf dem Revier seit Goodweens Outing abgelaufen war, hatte er sich seinen Optimismus behalten.

Er war der Mensch, der Cotta am häufigsten zum Lachen brachte. Der Mensch, den er nach Caroline als erstes anrufen würde, wenn etwas Ernstes passierte. Derjenige, der Cotta nachts heimsuchte und der ihn durch den Tag brachte. 

Und er war sein verdammter Kollege. 

Seufzend drehte Cotta sich auf die andere Seite, weg von Goodween und hin zum Fenster.

 

Goodweens schriller Weckton riss ihn aus seinem Schlaf als hätte jemand neben ihm eine Bombe hochgehen lassen. Aber mittlerweile wunderte ihn nicht mehr, dass Goodween so eine Alarmierung brauchte, um aufzuwachen.

Cotta fühlte sich als hätte ihm gerade jemand sowohl die Ruhe als auch die Geborgenheit des Schlafs einfach unter den Füßen weggezogen und blinzelte verwirrt gegen die Dämmerung an. Kühl und real begrüßte ihn der Morgen. Zumindest war ihm noch die Wärme des Bettes geblieben, selbst, wenn ihm die Ohren schmerzten und sein Herzschlag sich erst wieder beruhigen musste. 

Doch die Wärme beschloss in diesem Moment, ihn ebenfalls zu verlassen. 

Mit einem schweren, abgrundtief erschöpften Stöhnen drehte sich Goodween auf die andere Seite, um nach seinem Handy zu greifen und Cotta wurde mit einem Mal klar, dass die wunderbare Wärme Goodween gewesen war, der sich gegen seinen Rücken gekuschelt hatte. Wie ein Seestern.

Endlich verstummte der Lärm, Goodween gab ein undefiniertes Geräusch von sich und auch wenn Cotta es nicht sehen konnte, spürte er, wie Goodweens Kopf zurück auf die Matratze fiel. 

„Ich fühle mich komplett gerädert”, nuschelte er irgendwann ins Kissen. 

Cotta fühlte sich noch nicht wirklich in der Lage zu sprechen, also gab er nur ein schlichtes Brummen zurück. 

„Wir müssen die Jungs heute heil zurück nach Rocky Beach bekommen”, erinnerte ihn Goodween. 

„Ich brauche erst einen Kaffee”, brachte Cotta endlich zustande und setzte sich auf. Irgendwo in seinem Rücken knackte es laut. „Ich werde echt zu alt für solche Sachen.”

Goodween lachte leise ins Kissen. 

„Ach komm, du hast dich doch fantastisch gehalten.”

Cotta entschied, sich mit diesem Kommentar zu einem späteren Zeitpunkt auseinanderzusetzen und lieber duschen zu gehen. 

Er war es auch, der an diesem Morgen Frühstück machte, das sie stumm gemeinsam aßen, während sie sich alle mit kleinen Augen ansahen. Müde waren sie wohl alle noch.

Langsam packten sie ihre Sachen zusammen, Goodween warf den Schlüssel nach einiger Diskussion mit den drei Fragezeichen in Mrs. Sherringtons Briefkasten, und Cotta verstaute den letzten Koffer im Kofferraum. 

„Alle fertig? Haben alle alles? Ich will nicht noch mal umdrehen müssen.”

Er hörte Justus lachen. 

„Alles klar, Dad!”, wehte Bobs Stimme von irgendwo her und Cotta verdrehte die Augen. Das würden sie ihn niemals vergessen lassen. 

Die Drei kamen gemeinsam mit Goodween grinsend zum Auto geschlendert und Cotta öffnete die Fahrertür. 

„Halt, halt, halt!”

Bevor Cotta sich überhaupt fragen konnte, was Goodween meinte, hatte dieser schon seinen Arm um seinen Nacken geschlungen, ihn zurückgezogen und gegen sich gedrückt. Vage bemerkte Cotta die Handykamera, die auf ihn gerichtet war und die drei Fragezeichen, die sich vor ihnen positionierten, dann hörte er Goodween auch schon: „Lächeln!” sagen und hörte den unverkennbaren Ton des Auslösers. 

„Mensch, Cotta. Ich sagte lächeln.”

Cotta richtete seinen Kragen wieder zurecht und warf dann einen Blick auf das Foto. 

Verwirrte Überraschung konnte man den Ausdruck auf seinem Gesicht wohl am ehesten nennen. Er starrte in die Kamera als hätte man ihn gerade bei Geldwäsche erwischt und nicht Mrs. Sherrington. 

Die Jungs standen vor ihm und Goodween, hatten die Arme umeinander geschlungen und lachten offen in die Kamera. Goodween grinste übers ganze Gesicht. 

Nun lachte er leise in sich hinein. 

„Naja, für deine Verhältnisse ist das schon ganz gut, Cotta. Ist ja fast ein Lächeln.”

„Das Bild müssen Sie uns unbedingt schicken, Goodween!”, bat Bob und noch während sie von der Einfahrt auf die Straße bogen, hörte Cotta, wie auch sein Handy vibrierte. 

Das Foto stand nun eingerahmt auf seinem Schreibtisch und er warf ihm hin und wieder einen sehnsüchtigen Blick zu. Es war schön sich nur für einen Moment der Vorstellung hinzugeben, das alles wäre echt gewesen. 

Jedoch nur so lange, bis das Telefon klingeln und die Fragezeichen ihn zu einem ihrer Fälle hinzuziehen würden und ihm wieder einfiel, dass seine Nerven das nicht lange mitmachen würden. Und was Goodween anging…  

Er warf einen Blick aus der Glastür, fand zielsicher die hohe Gestalt, die bei Trevor am Tisch lehnte und mit ihm über einer E-Mail grübelte. Als hätte er es bemerkt, sah Goodween kurz auf, fing seinen Blick auf und lächelte ihn strahlend an. 

Das würde sich noch zeigen müssen. 

 

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„Ich habe noch nie jemanden gesehen, der nach einer Woche bezahltem Urlaub so niedergeschlagen aussieht”, kommentierte Trevor als Goodween zu seinem Tisch kam. „Sogar Cotta hat es irgendwie geschafft, sich zu entspannen. Ist irgendetwas passiert?”

Goodween verdrehte die Augen und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. 

„Ich hätte nie zustimmen sollen, überhaupt erst mitzukommen. Aber ich kann einfach nicht Nein zu ihm sagen. Warum muss ich mich eigentlich immer in irgendeinen hetero Kollegen verschießen? Gott, Trevor, ich habe mir echt ein paar Sachen erlaubt, die einfach überhaupt nicht ok waren. Ich zeig’ mich gleich morgen wegen sexueller Belästigung an.”

„Also jetzt übertreibst du es.”

„Jaaa”, seufzte Goodween gedehnt in seine Hände. Er hielt einen Moment inne. „Aber nicht viel.”

„Habt ihr nicht darüber gesprochen?”, mischte sich Robert amüsiert in das ein, was eigentlich ein vertrauliches Privatgespräch sein sollte und lehnte sich zu ihnen herüber. 

„Worüber?”, nuschelte Goodween. 

„Na, das Cotta total auf di…- hey!” 

Goodween sah gerade noch schnell genug hin, um Jack zu entdecken, der Robert energisch mit sich zog und etwas von „dringendem Meeting” sagte. 

Verwundert sah er ihnen nach.

„Cottas Exfreundin ist doch nach Florida umgezogen, oder?”, fragte er Trevor vorsichtig. 

Der seufzte tief. Aus welchem Grund auch immer. 

„Ja, aber das ist Jahre her. Seitdem will er eigentlich nichts mehr mit Kolleginnen anfangen.” 

„Eigentlich?”

Trevor sah ihn vielsagend an als wartete er darauf, dass Goodween irgendein Licht aufgehen würde.

Sie hatten nicht wirklich viele weibliche Kollegen, vor allem keine, mit denen Cotta regelmäßig zu tun hätte. Außer natürlich…

Er schnappte nach Luft. 

„Steht er etwa auf Tracy?” 

Trevors Augenbraue zuckte leicht und er holte tief Luft. 

„Nein”, sagte er betont ruhig. „Ich sagte doch, dass er eigentlich nichts mehr mit Kolleginnen anfangen will.”

Die seltsame Betonung auf ‘Kolleginnen’ ließ Goodween verwirrt die Stirn in Falten legen. 

Nachdenklich sah er auf und fing von allen Cottas Blick auf, der natürlich in diesem Moment genau in ihre Richtung schaute als hätte er bemerkt, dass sie über ihn sprachen. 

Moment…

Und das breiteste Lächeln breitete sich auf Goodweens Gesicht aus.