Work Text:
"Es ist vorbei", hört er sie noch sagen, doch nichts ist vorbei. Rein gar nichts.
Es ist 03:47 Uhr und Brix blinzelt der Dunkelheit in Jannekes Wohnung entgegen, die gar nicht so dunkel ist wie sie sein sollte, weil im Nebenzimmer ein Licht brennt. Müde reibt er sich mit einer Hand über die Augen, stemmt dann mit beiden seinen erschöpften Körper in die Höhe. Wie lange der Platz neben ihm im Bett schon kalt ist, will er gar nicht wissen.
Er braucht einen Moment, bis die Welt um ihn herum aufhört zu schwanken, nachdem er einen Tick zu schnell aufgestanden ist, aber dann geht's. Leise durchquert er den Raum und geht in den nächsten. Janneke bemerkt ihn nicht einmal, so fokussiert ist sie auf die Fotos auf ihrem Computer. Brix bleibt schräg hinter ihr stehen und weiß sofort, um welche Fotos es sich handelt. Es sind die vom Turm.
"Janneke, was machen Sie denn da?" brummt er verschlafen.
Erschrocken zuckt seine Kollegin zusammen und dreht sich zu ihm. "Brix, ich... Entschuldigung, ich wollt Sie nicht wecken."
Er winkt ab. "Schon gut. Also? Was wird das? Es ist fast vier, Janneke. Sie sollten schlafen."
Ein bisschen irritiert sieht sie aus. Vermutlich, weil sie nicht gedacht hat, dass es schon so spät ist. "Ich weiß, aber das lässt mir einfach alles keine Ruhe, verstehen Sie?" Als würde sie ihren ganzen Körper benötigen, um ihm begreiflich machen zu können, was sie meint, steht Janneke auf und deutet auf den Bildschirm, sieht dabei immer wieder kurz zu Brix. "Das ist alles so... so... es kann doch nicht sein, dass dieser Fall jetzt zu den Coldcases wandert nach allem! Ich meine, wir haben doch 'ne Verantwortung, wir müssen doch-"
Er weiß genau, was sie meint, aber er weiß auch, warum Janneke so aufgelöst ist. Sie ist übermüdet und noch immer nicht ganz fit wegen ihrer Kopfverletzung. Der grüne Verband an ihrem Kopf ist nicht zu übersehen, die silberne Klammer blitzt im Licht der Schreibtischlampe auf.
Sanft, aber bestimmt legt Brix seine Hände an ihre Schultern. Sie fühlen sich ein wenig knochiger und schmaler an als früher. "Wir müssen schlafen, Janneke."
Sie senkt erst ihren Kopf, lässt ihn dann nach hinten kippen, sodass er an Brix' Schlüsselbein liegt. "Ich weiß", murmelt sie, "aber..."
"Kein Aber. Ab ins Bett, na los."
Protest bleibt aus und Brix buxiert seine Kollegin mit einer Hand auf ihrem unteren Rücken zurück ins Bett. Während sie sich mit trotzigem Blick zudeckt, geht er zurück an den Schreibtisch, versetzt den Computer in Ruhemodus und löscht das Licht. Dann fällt er neben Janneke in die Kissen. Nur das Licht der Straßenlaternen von draußen erhellt den Raum jetzt noch - gerade so, dass er Jannekes Gesicht sehen kann, als sie sich auf die Seite dreht und ihn fast erwartungsvoll ansieht. Sie sagt aber nichts, seufzt irgendwann nur leise und dreht sich zurück auf den Rücken. Angestrengt starrt sie hoch an die Decke.
Jetzt ist Brix derjenige, der sich auf die Seite dreht und zu ihr schaut. Kurz beobachtet er Janneke und legt sich derweil die richtigen Worte zurecht. Versucht es zumindest.
"Kannst du nicht schlafen?"
Langsam schüttelt sie den Kopf und dreht sich dann noch langsamer zu ihm rüber. Ihre Augen treffen sich, ihre Knie berühren sich. "Ne", haucht Janneke erschöpft, "ich bin zwar körperlich müde, aber mein Kopf kriegt keine Ruhe."
"Verstehe", brummt Brix. Vorsichtig streckt er seine Hand aus und legt sie noch vorsichtiger an Jannekes Kopf. Sanft streicht er über ihre dunkelgoldenen Locken, ohne dabei Druck auf die verletzte Stelle unter dem Verband auszuüben. "Da drinnen ist es noch nicht vorbei, oder? Hast du, seit das passiert ist, mal richtig schlafen konnten? Oder hast du Albträume?"
"Nein und ja..." Sie seufzt erneut. "Ich kann kaum schlafen und ich träum total schlecht. Meistens vom Turm und... das macht mir Angst."
Brix nickt. Er zieht seine Hand weg von Jannekes Kopf, doch nicht, ohne dabei sanft über ihre Wange zu streichen. "Das versteh ich. Kann ich irgendwas tun, was dir hilft?"
"Nein, ich glaub... also... ich weiß nicht", druckst sie herum, "kannst du mich vielleicht einfach ein bisschen in den Arm nehmen?"
Natürlich kann er. Und macht er auch. Brix legt beide Arme fest um Janneke und streicht gleichmäßig über ihren Rücken. Sie haben sich zwar schon das ein oder andere Mal kurz umarmt, aber so festgehalten haben sie einander noch nie. Brix könnte sie daran gewöhnen, wenn er ehrlich ist. Er spürt Jannekes warme Hände und riecht ihren vertrauten Duft ganz nah und das ist echt ziemlich, ziemlich schön.
"Ist gut so, Janneke?" fragt er dennoch nach, um sicherzugehen, dass auch sie sich wohlfühlt.
"Ist gut so, Brix", murmelt sie bereits etwas schläfrig. "Und bei dir?"
Er muss unwillkürlich lächeln. "Perfekt."
"Perfekt..." wiederholt sie leise. "Weißt du, was perfekt wär? Wenn ich morgen aufwach und du immer noch hier bist. Bitte lass mich nicht allein."
Brix hält Janneke ein wenig fester, vergräbt eine Hand in ihren Locken und drückt seine Nase an ihre Wange. "Niemals, Anna. Versprochen."
