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Once upon a first kiss

Summary:

Adam sollte wirklich über andere Dinge nachdenken, aber Vincents weicher Körper zieht all seine Aufmerksamkeit auf sich. Die sanften Locken, die ihn am Ohr kitzeln. Die erstaunlich muskelbepackten Schultern unter seinem Kinn. Vincents Hand auf seinem Oberschenkel. Vincents Hand auf seinem Oberschenkel? VINCENTS HAND AUF SEINEM OBERSCHENKEL?!

oder: Adam bereut es ein wenig, Vincent nicht schon früher aus dem Schloss geschlichen zu haben.

Notes:

Hiii:)
Das ist der erste Versuch an einer Fanfiction seit fast einem Jahrzent, aber die beiden cuties haben es geschafft mich zu diesem Werk hier zu inspirieren. Grüße gehen raus an Lizzy: Danke für all die unzähligen Stunden, gefüllt mit Character-Analysen, die sich hier nirgendwo wieder finden lassen, aber doch alles prägen, was ich mache. Ohne dich wäre diese Story nie geschrieben worden, geschweige denn veröffentlicht. Ich vermiss dich ganz doll und wir hören uns heute Abend <3

Ich freue mich über jede Art von Kommentaren, Kudos oder stille Leser*inner und hoffe euch gefällt es:)
Viel Spaß beim Lesen!

Work Text:

“Hoheit?”

Vincent dreht sich vom Fenster weg und schaut direkt in Adams Seele. Zumindest kommt es Adam so vor. Ob es die vermeintliche Naivität ist, die er mittlerweile schon seit langem durchblicken kann oder nur die farbliche Ähnlichkeit von Vincents Augen mit einem tiefen Bergsee, hat Adam in den paar Jahren im Dienst des Königshauses noch nicht herausgefunden. Vielleicht ist es aber auch etwas ganz Anderes, das dieses kribbelige Gefühl in seiner Magengegend auslöst. 

“Hauptkommandant Raczek! Was ein überraschender Zufall Sie hier zu sehen”, schallt Vincents grinsende Stimme durch die Bibliothek. “Ist alles für heute Abend vorbereitet?”, folgt darauf in einer Lautstärke, die nur noch für Adam bestimmt ist. ”Was passiert denn heute Abend?”, stellt Adam die Gegenfrage, ohne sich ein Grinsen verkneifen zu können. ”Adam!” Bei diesem neckisch empörten Tonfall kann Adam gar nicht anders als laut loszulachen.”Keine Sorge. Die Pferde sind vorbereitet, die Wachen an den falschen Ausgängen positioniert und in der Taverne wird auch keiner Fragen stellen.” “Danke, Adam.” “Für dich doch immer, Hoheit.” Und das meint Adam auch so. Anfangs hatte er noch so seine Bedenken, als er hörte, er solle die Leibgarde des exzentrischen Königssprosses werden. Die Gerüchte über das Königshaus reichten von einer gefälschten Schwangerschaft und wackelnder Thronfolge bis zu ausladenden Orgien, die mehrere Wochen andauern, aber Adam wusste, dass die Leute gerne reden. Vor allem, da die Königsfamilie ihre Privatsphäre sehr schätzt und nur selten mehr, als für das Königreich relevante Informationen von sich preisgibt. Aber seine Frau hatte sich gerade erst von ihm getrennt, da er ja wegen seiner Arbeit nie Zuhause gewesen sei. Also entschied er sich für den Tapetenwechsel vom Dorf in den Palast, wo er sowieso näher an den Aufgaben der Leitung der Garde dran wäre. Nicht, dass er noch dazu Zeit hätte. Seit er zeitlich vollständig in Vincents Leibgarde eingespannt wurde, musste er diese Arbeit leider an den Nagel hängen. Trotzdem mag er es, umgeben von seinen Kameraden zu sein und ab und an auch mit ihnen gemeinsam zu trainieren, wenn es sein Zeitplan mit Vincent zulässt.

 

Am Anfang war Adam noch sehr verwundert von Vincents Leichtfertigkeit in seinem Umgang mit der Welt, verwirrt von Vincents Art, Gedichte wie Luft zu verschlingen oder wegen dem Tod von Insekten zu weinen, und dachte sich, dass so jemand doch niemals in der Lage sein könne, ein ganzes Königreich zu regieren. Bis zu der ersten Regentenratssitzung. Vincents Fähigkeit die verschiedenen Anliegen der Mitglieder zu integrieren und Mittelwege zu finden, aber auch klar zu erklären, dass manche Dinge unmöglich umzusetzen sind, ohne seine Ratsmitglieder zu verstimmen, hat Adam sehr beeindruckt und dafür gesorgt, dass er Vincent nicht mehr so schnell unterschätzt. Auch die Aufgaben als persönliche Leibgarde waren weitaus unterschiedlich zu seinen Erwartungen vor Beginn seines Dienstes. Er ging davon aus, tagtäglich von den gefürchteten theatralischen Ausführungen des jungen Regenten zu Tode gelangweilt zu werden. Aber es kam ganz anders. Vincents Redeschwälle über welches neue Thema auch immer, das er für sich entdeckt hat, zogen ihn fast magisch in den Bann. Außerdem hatte er gar nicht die Möglichkeit nicht zuzuhören, weil Vincent ihn immer wieder in die Konversation einband und überraschend viel Wert auf seine Meinung gab. Etwas, das Adam Seiten von sich zeigte, die er selbst noch nicht kannte. Die restlichen Aufgaben waren da ein Kinderspiel. Dachte Adam zumindest. Denn auch da hatte er Vincent unterschätzt. Diese Energie, die in jeder Handlung mitspielt, fand Adam zunächst mehr als anstrengend. Doch nach den anfänglichen Eingewöhnungsschwierigkeiten findet Adam diese … mittlerweile fast schon selber genauso aufregend. Denn langweilig wird ihm als Vincents engster Vertrauter nicht. Sei es heimlich Vincents Lieblingskekse aus der Küche klauen oder ein amüsierter Blick, wenn einer der Berater in den Ratssitzungen wieder mit seinem Hinterteil spricht. Oder wie heute, als Vincent es endlich geschafft hat, ihn dazu zu überreden, sich gemeinsam aus den Mauern des Palastes zu schleichen und in der kleinen Taverne im Nachbardorf tanzen zu gehen. Zu Vincents Glück kennt Adam den Besitzer seit Kindheitstagen, sodass er sicherstellen konnte, dass sie heute ungestört bleiben können. So kommt es, dass Adam das flaue Gefühl in seiner Magengegend zumindest etwas unterdrücken kann, als er kurz nach Sonnenuntergang an Vincents Zimmertür klopft.

“Bist du bereit?”, flüstert Adam. Es folgt ein lautes Rumpeln, bevor Vincent ihm mit einem breiten Grinsen die Tür öffnet. “Ich wurde bereit geboren.” “Hmm, klar.” Adam muss sich wegdrehen, damit Vincent nicht sehen kann, wie seine Mundwinkel nach oben zucken. “Beim Nordeingang findet in fünf Minuten der Schichtwechsel statt. Den sollten wir abpassen.” “Schon unterwegs", flötet Vincent und geht mit langen Schritten an ihm vorbei. Adam beeilt sich, den wehenden dunklen Mantel schnell wieder einzuholen. 

“Bist du gar nicht nervös?”, fragt Adam, als sie den Stall betreten. “Warum sollte ich? Ich habe doch dich dabei." Die Pferde wiehern leise, als Adam Vincent hilft in den Sattel zu steigen, die beiden Zügel fest in die Hand nimmt und sie langsam nach draußen führt. Er kann immer noch nicht so ganz glauben, dass er sich dazu hat überreden lassen. Ihre kleinen mitternächtlichen Einbrüche in die Küche, wenn sie mal wieder Hunger bekommen haben, während sie die ganze Nacht über die Bedeutung der gleichen 5 Zeilen von Vincents Lieblingsgedicht philosophiert haben, kann er ganz gut damit entschuldigen, dass Vincent die Küche ja sowieso gehört. Außerdem hat er bei Wiktor, dem Koch, noch was gut, seit er ihm in ihrer Kindheit mal das Leben gerettet hat. Aber sich außerhalb der Schlossmauern ohne Genehmigung des Königs aufzuhalten ist noch einmal eine ganz andere Hausnummer. Bereits vor seiner Zeit als Vincents Leibgarde hat Adam viel Kontakt mit dem König gehabt. Als Hauptmann der Garde ist es seine Aufgabe gewesen, militärische Züge zu organisieren, für die herausragende Ausbildung der Truppen zu sorgen und den König über alles zu informieren. Adam hat schnell gelernt, sich nicht auf die falsche Seite des Königs zu stellen. Denn auch wenn er immer mehr seiner Macht an seinen Thronfolger abgibt, kann es einem schon mal einiges kosten, bei ihm in Ungnade zu fallen. Vor allem wenn man sein Vertrauen bricht. Warum hatte Adam sich noch mal darauf eingelassen, Vincent aus dem Schloss zu schmuggeln?




“Schau mal Adam, das da oben ist der große Bär und siehst du den Stern, der da so hell strahlt? Der heißt Sirius. Eigentlich sind das zwei Sterne, aber sie sind so nah beieinander, dass wir die einzelnen Sterne nicht unterscheiden können, sondern nur als einen wahrnehmen.” Die Kapuze von Vincents Mantel ist nach hinten gefallen und erlaubt Adam einen Blick auf die üppigen dunklen Locken, die das Sternenlicht reflektieren. 

"Ja, die Sterne leuchten heute besonders hell. Ich habe sogar gehört, diese Nacht soll es besonders viele Sternschnuppen geben.” 

“Dann ist unser kleiner Ausflug ja perfekt geplant.” Vincents Mundwinkel wandern ein kleines Stückchen nach unten. “Wobei wir in der Taverne wahrscheinlich nicht viel von den Sternschnuppen mitbekommen.” 

“Willst du etwa doch nicht mehr tanzen gehen?” fragt Adam amüsiert.

“Doch auf jeden Fall, du sollst dir die Mühe ja nicht umsonst gemacht haben. Außerdem werden meine Füße schon ganz ungeduldig. Komm, beeil dich!”, ruft Vincent lachend und lässt das Pferd schneller traben. Dass Adam sich diese Mühe immer wieder machen würde, schafft er nicht mehr, Vincent hinterher zu rufen, bei dem Versuch, wieder aufzuholen.

 

Die warme fast schon stickige Luft auf Adams Haut ist ein willkommener Kontrast zu der kalten Nachtluft außerhalb der Taverne. Die Musiker, die in einer Ecke ein schnelles Stück spielen sind für seinen Geschmack zwar immer noch etwas zu langsam, aber er weiß, dass sich das schnell ändern kann. Vincent hinter ihm ist so leise, dass Adam sich schon fast Sorgen macht, aber ein Blick über seine Schultern zeigt ihm Vincents staunendes Gesicht. Adam spürt die Hitze des Raums jetzt schon in seine Wangen steigen, während er sich und Vincent durch den gut gefüllten Raum in Richtung Theke bugsiert. 

“Adam, ich habe dich schon erwartet”, begrüßt sie der füllige Barmann mit einem starken Akzent und schiebt zwei kleine Gläser mit einer klaren Flüssigkeit, die Adam gekonnt als den selbstgebrannten Vodka seines alten Freundes identifiziert, über die Theke. 

“Danke Marian, aber mein Freund hier fängt heute lieber mit was Leichterem an”, lacht Adam und schüttet sich die brennende Flüssigkeit den Rachen hinunter. 

“Ich habe dich nicht mitgenommen, damit du mich hier bemuttern kannst”, empört sich Vincent, ”das ist nicht das erste Mal, dass ich Alkohol trinke.” 

Adam will gerade noch die Warnung aussprechen, dass die Art von Alkohol, die sie auf dem Schloss ausschenken nichts mit dem vor ihnen stehenden Teufelszeug zu tun hat, da versucht Vincent schon Adam nachzuahmen und den Vodka runter zu schütten. Was natürlich nicht gut geht. Prompt richtet sich die Aufmerksam der halben Taverne auf das schallende Husten, welches jedoch direkt von Marians brummigem Lachen übertönt wird. 

”Für dich also erstmal ein Bier, du hübsches Ding,” Und auch Adam erlaubt sich nach dem Abklingen der unmittelbaren und vielleicht etwas voreiligen Sorge ein kleines Schmunzeln. 

“Du hättest mich durchaus Vorwarnen können”, raunt Vincent bereits wieder mit einem Lächeln im Gesicht. 

“Bei deinem Enthusiasmus konnte ich leider nicht schnell genug handeln”, erwidert Adam. 

“Pff, vom Hauptmann der Garde hätte ich eine schnellere Reaktionszeit erwartet.” 

“Ehemaliger Hauptmann. Seit ich dein Babysitter geworden bin, scheine ich da wohl etwas abgebaut zu haben.” 

“Babysitter?!”, empört sich Vincent, aber bevor Adam ihn wieder zurück necken kann, stellt Marian mit voller Wucht zwei Bierkrüge vor ihnen ab. 

“Wie geht es Lydia und den Mädchen?” 

“Ach, du weißt doch, wie es ist. Jedes Mal wenn ich die Beiden sehe, sind sie zwei Köpfe größer. Und von Lydia will ich gar nicht erst anfangen” 

“Ich wusste gar nicht, dass du Kinder hast”, kommt es leise von Adams Seite. Vincents Blick ist leicht beschämt nach unten gesenkt. 

“Naja, nachdem ich mich von Lydia getrennt habe, sehe ich sie eh nur noch zu den Feiertagen, wenn überhaupt”, schnaubt Adam. “Aber genug jetzt von der schlechten Stimmung. Marian, was hältst du davon, den Musikanten mal ein bisschen Feuer unterm Hintern zu machen?” 

“Warum? Damit du das erste Mal in deinem Leben diese Tanzfläche betrittst?” Marian gibt den Musikern ein auffälliges Zeichen und die Klänge, die den Raum füllen, werden schneller und härter. “Dann zeig mal, was du drauf hast”, lacht Marian laut und Adam hat das Gefühl, etwas rot zu werden, aber da zieht Vincent ihn schon in die voller werdende Menge. 



Adam hat Vincent schon oft tanzen sehen. Sei es auf festlichen Bällen, wo er das umgesetzt sieht, was Vincent jede Woche in privaten Tanzstunden lernt, oder bei einem Spaziergang im Garten zum Zwitschern der Vögel. Jedes Mal ist er verzaubert von der Eleganz und Weichheit, die in jeder Bewegung mitschwingt, die so im Gegensatz zu seinen eigenen lang antrainierten kräftigen Bewegungen steht. Aber als er sieht, wie Vincent in dem dämmrigen Licht der Taverne inmitten der tanzenden Menge die Musik in jede Körperbewegung einfließen lässt, stockt ihm kurz der Atem. 

“Komm schon Adam, beweg deine Hüften”, löst Vincents Stimme ihn aus seiner Starre. Die vorsichtigen Hände, die jetzt an seine Hüfte legen, schieben ihn langsam von links nach rechts. 

“Als ob du Jungspund wüsstest, wie man zu sowas tanzt”, lacht Adam genau als der Chorus einsetzt. Er löst sich von Vincents Händen, springt auf und ab  und schüttelt seinen Kopf, während er laut die Zeilen des Refrains mitgrölt. Als er seine Augen wieder öffnet, erblickt Adam in Vincents Gesicht pure Verwirrung, die sich langsam aber sicher in ein fast schon hysterisches Lachen umwandelt. Adam kann es gar nicht erst richtig verarbeiten, da prustet er auch schon los. 

“Ich hol uns noch mal was zu trinken”, sagt er schnell zwischen zwei Lachern, um sich davor zu retten, von allen umstehenden Menschen mit komischen Seitenblicken betrachtet zu werden. 

 

“Marian! Zwei Bier und nen Kurzen für mich” 

“Wie heißt das Zauberwort?” 

“Aber flott!” Marian brummt kurz und dreht sich dann nach hinten, um das Bier zu zapfen. Adam wirft einen kurzen Blick über die Schulter und sieht, dass Vincent sich köstlich amüsiert und Arm in Arm mit einer großen Frau tanzt. Er weiß, dass Vincent bei der Partnerwahl keine Geschlechtsvorlieben hat, immerhin musste er schon oft genug Menschen unterschiedlichster Art aus Vincents Bett verscheuchen, wenn eine der Festlichkeiten wieder etwas über die Stränge geschlagen ist und dann auch noch dummerweise für den nächsten Morgen eine Ratssitzung angesetzt wurde. Es ist nicht so, dass er damit ein Problem hätte, aber seine Erziehung hat ihm solche Freiheiten nie erlaubt, weshalb er immer einen Stich von Neid spürt, wenn Vincent seine freiheitlichen Privilegien auslebt und dabei auch noch von dem Königspaar akzeptiert und unterstützt wird, zumindest hinter verschlossenen Türen.

“Was bedrückt dich Adam?”, reißt Marians Stimme ihn aus seinen Gedanken. 

“Nichts, ich habe nur an meine Eltern gedacht. Letzte Woche war ihr Todestag.” Marian weiß, dass Adam keine Höflichkeitsfloskeln braucht und brummt einfach nur einmal kurz, während er einen Bierkrug säubert. “Als ich Vincent davon erzählt habe, musste ich sofort einen riesigen Strauß Blumen aus dem Garten abholen und wir sind zusammen zum Grab gefahren. Es war eigentlich ganz schön nicht ganz alleine zu sein, weißt du nach der Trennung von Lydia” Marian brummt zustimmend. “Aber was soll ich sagen, bei dem Job ist man weniger allein als ein siamesischer Zwilling.”

“Ich finde du hast dir aber eine schöne Begleitung ausgesucht”, antwortet Marian und nickt in Vincents Richtung. Adam folgt seinem Blick und sieht, wie Vincent fast schon erotisch die weichen Hüften kreisen lässt im Rhythmus  der mittlerweile etwas langsameren Musik. Mit brennenden Wangen dreht Adam sich wieder um, als Marian ihm genau in diesem Moment die Krüge auf den Tisch stellt. “Der Kurze geht aufs Haus”, zwinkert er und schubst Adam in Richtung Tanzfläche. 

 

“Da bist du ja Adam!”, grinst Vincent ihn an. 

“Hier, für dich” nuschelt Adam, ohne Vincent ins Gesicht zu gucken und drückt einen der Bierkrüge in Vincents Hand. 

“Danke”, sagt Vincent und setzt direkt an, um den halben Krug zu leeren. 

“Immer langsam mit den jungen Pferden”, lacht Adam, “da ist aber jemand durstig” 

“Im Gegensatz zu dir tanze ich die ganze Zeit und das ist nicht gerade unanstrengend.” 

“Dabei sieht das bei dir immer so einfach aus, als ob du dich wie eine Feder im Wind bewegst.” Adam guckt nach oben und erschreckt sich fast vor Vincents offenem Gesicht. 

“Findest du wirklich?” Auf einmal wird Adam ganz warm um die Ohren, diese ungeteilte Aufmerksamkeit von Vincent macht ihn irgendwie ein bisschen nervös. 

“Ja klar, sonst würde ich es doch nicht sagen”, erklärt Adam vielleicht etwas ruppiger als gewollt. 

“Achso”, antwortet Vincent kleinlaut. Adam fällt auf, dass der Alkohol Vincents Wangen langsam rot färbt. 

Das Lied wechselt wieder zu etwas schnellerem, aber immer noch sehr melodischem und die Leute um sie herum bilden einen Tanzkreis, in den die Beiden hineingezogen werden. Die gute Laune ist ansteckend und bald fällt es Adam ganz leicht loszulassen und sich der Musik hinzugeben. Aus dem Augenwinkel bekommt er mit, wie Vincent immer mal wieder ein kleines Glas Vodka von verschiedenen Leuten der Gruppe ausgegeben bekommt und mittlerweile fließt die klare Flüssigkeit anscheinend auch ohne einen Hustenreiz auszulösen den Rachen hinunter. Auch wenn die Grimassen auf Vincents Gesicht Adam jedes Mal zum Schmunzeln bringen. Ein warmes Gefühl von Stolz breitet sich in seiner Brust aus. Er dreht sich zur Seite und schlagartig entweicht jedes Gefühl von Wärme aus seinem Körper 

“Lydia?” 

“Hallo Adam.”, antwortet die schmale Frau vor ihm etwas zurückhaltend. 

“Was machst du denn hier?” “Darf ich mich nicht mal mehr amüsieren?”, antwortet Lydia leicht giftig. 

“Doch doch, ich hätte nur nicht… also ich hätte nicht erwartet, dass du … Naja, dass du … du weißt schon… ausgerechnet hierher kommen würdest.” 

“Glaub mir das war nicht freiwillig. Meine Freundinnen haben mich mitgeschleppt.”

“Achso.” Kurz entsteht ein Moment unangenehmen Schweigens zwischen ihnen. 

“Adam! Wen hast du denn da abgeschleppt?”, ruft Vincent mit leicht verwaschener Sprache. Es beunruhigt Adam, dass Vincent schon so sehr durch die Menge torkelt und sich unbeholfen an seiner Schulter abstützt. 

“Vincent… Ähhh also das ähmm… das ist Lydia. Lydia. Vincent.” 

“Oh”, kommt es über Vincents Lippen und Adam spürt den misslungenen Versuch, sich gerade hinzustellen an seiner Schulter. Unbewusst legt er einen Arm um Vincents Hüfte. 

“Freut mich”, sagt Lydia mit einem abschätzenden Blick und hält ihre Hand hin, in die Vincent mit sehr viel Enthusiasmus und etwas zu viel Kraft einschlägt. Das mit der betrunken Körperkontrolle muss auch erstmal gelernt werden. 

“Ich muss dann auch wieder”, verabschiedet sich Lydia hastig und schlängelt sich schnell durch die Menschenmenge. 

“Komm wir holen dir ein Glas Wasser”, raunt Adam und versucht den Körper an seiner Seite sanft mit sich zu ziehen, aber Vincent schaut immer noch der sich schließenden Lücke der Tanzenden hinterher. 

“Hmm?” 

“WAS-SER”, sagt Adam nochmal etwas lauter und überbetont. 

“Aber will noch ein bisschen taaaanzen”, quengelt Vincent und legt die Arme um Adams Hals. Dabei wird der Haaransatz in Adams Nacken von feinen Fingerspitzen gestreift. Für einen Moment setzt sein Herz vor Verwirrung aus. Dann befreit er sich ganz schnell aus dem Griff und versucht Vincent auf die Tanzfläche zu schieben.

”Dann tanz ein bisschen und ich hol dir ein Glas Wasser” 

“Aber ich will mit dir tanzen.” Die große Hand umschließt Adams Handgelenk und zwingt ihn, Vincent in die Augen zu gucken. Die hellen Augen wirken noch stechender durch die dunkle Schminke, die sie umgibt. Der Blick durch die langen Wimpern verunsichert Adam und für einen kurzen Moment weiß er nicht, was er sagen soll. 

“Aber wer holt dir dann das Glas Wasser?”, flüstert Adam sanft. 

“Na gut, aber beeil dich!” lässt Vincent ihn schmollend gehen und dreht sich zur Tanzfläche um. 

Während Adam sich zu Marian an der Theke durchkämpft, merkt er, dass ihm der Alkohol auch langsam zu Kopf steigt und er sich nicht mehr konzentrieren kann. Er weiß zwar, dass er nicht mehr ganz so viel verträgt wie früher, aber so viel hat er heute doch gar nicht getrunken, (oder)? Er erinnert sich grob daran, ein paar Krüge Bier und ein bis zwei Gläser Vodka dankend angenommen zu haben, doch sonst trinkt er durchaus einiges mehr. Ungeduldig tippt er mit den Fingerspitzen auf der klebrigen Theke. 

“Adam! Du hast da ja ein richtiges Energiebündel mitgebracht”, grinst Marian und nickt in Richtung Tanzfläche. 

“Ja ein Energiebündel, das so langsam mal ein Glas Wasser braucht”, seufzt Adam. “Und was darf ich dir bringen?” 

“Ach, ich brauche nichts. Ich bin wunschlos glücklich”, lacht Adam trocken.“ 

“Ja, das sieht man dir an”, sagt Marian mit einem wissenden Unterton, der Adam neugierig macht. 

“Was meinst du?” 

Marian zögert einen kurzen Moment. “Nach der Trennung mit Lydia warst du so niedergeschlagen, aber seit du den neuen Job angenommen hast, sehe ich dich viel mehr lachen. Und heute erst recht. Dein strahlendes Gesicht ist fast schon beängstigend. Ich habe das Gefühl, dass du etwas gefunden hast, das dich richtig glücklich macht. Lass das nicht einfach so verschwinden” Er stellt das Wasserglas demonstrativ vor Adams Nase ab.

Adam ist verwundert, dass Marian so etwas bemerkt. Er hat selber gemerkt, dass die Arbeitsbedingungen als Leibgarde sehr viel ansprechender sind, als die eines Hauptkommandanten. Er muss sich nicht mehr um die Organisation der ganzen Truppen kümmern, sondern kann sich mehr auf sich selbst und sein eigenes Training konzentrieren. Außerdem kommt es ihm so vor, als hätte er mehr Freizeit, weil die Zeit, die er mit Vincent verbringt, sich nicht nach Arbeit anfühlt. Im Gegenteil. Oft fragt Vincent ihn, was er gerne unternehmen möchte und bindet seine Wünsche und Bedürfnisse mit in die Planung ihrer Aktivitäten ein. Und auch soziale Kontakte hat er im Schloss genug. Wenn er an ruhigen Abenden mit Wiktor zusammen im Lagerraum der Küche sitzt und sie gemeinsam über die Abenteuer ihrer Kindheit reminiszieren (das Wort hat er von Vincent gelernt), wenn er sich mit seinen Männern aus der Garde beim Training die Seele aus dem Leib prügelt, nur um anschließend gemeinsam lachend ein kaltes Bier zu trinken oder wenn er mit Vincent durch die Gärten schlendert und dem konstanten Redeschwall zu den verschiedenen Arten von Schmetterlingen zuhört, dann steigen ihm immer Gefühle von Zuhause sein hoch in den Hals und ein paar Glückstränchen in die Augen. Marian hat recht. Mit der Arbeit im Schloss hat Adam etwas gefunden, das ihn glücklich macht. 



Er nimmt das Wasserglas in die Hand und schaut sich nach Vincent um, aber kann die dunklen Locken nirgendwo sehen. Ein ziehendes Gefühl breitet sich in seiner Magengegend aus und diesmal ist Adam sich ziemlich sicher, dass es nicht am Alkohol liegt. Gehetzt drängt er sich durch die Menschenmasse auf der Tanzfläche und ruft mehrfach laut nach Vincent. 

“Fuck, wo bist du?”, raunt er sich selbst zu, während sein Herz immer schneller schlägt. In der Ecke sieht er Lydia stehen. “Lydia, hast du Vincent irgendwo gesehen?” 

“Eben hat er noch sehr eng umschlungen mit jemandem in der Nähe von den Tischen getanzt, aber das ist schon etwas länger her. Warum? Ist irgendwas passiert?” Sie guckt ihn mit einem besorgten Blick an. 

“Nene, alles gut”, murmelt Adam noch schnell, während er sich schon wieder umdreht und sich seinen Weg in Richtung der Tische durchkämpft. Mittlerweile hört er fast nur noch das Rauschen seines Herzschlags in seinen Ohren. Die Nischen sind hier etwas dunkler, damit man ein Scheingefühl von Zweisamkeit bekommen kann, aber Adam muss nur ein bisschen die Augen zusammenkneifen, um zu erkennen, dass Vincent auch hier nirgendwo ist. Eine kleine Welle der Erleichterung durchflutet ihn. Vincent ist in diesem Zustand nicht in der Lage, zu so etwas Konsens zu geben. Und Adam weiß, dass es selbst hier ab und an Menschen gibt, die durch Marians strenge Kontrollen durchschlüpfen und sich an Unzurechnungsfähigen vergreifen. Er wischt sich die Schweißtropfen von der Stirn und schaut noch mal durch den ganzen Raum. Neben sich hört er das Knarzen der Eingangstür und spürt einen kalten Luftzug über sein Gesicht hauchen. 

Kurz bevor sich die Tür wieder schließt, hört er von draußen ein ihm bekanntes Geräusch. Ein Seufzen entflieht ihm. Es ist das erste und wahrscheinlich auch das letzte Mal in seinem Leben, dass er sich über würgende Laute und das Platschen von Kotze auf der Straße freut. Adam tritt nach draußen in die Kälte und der letzte Rest seiner Anspannung fällt von ihm ab, als er Vincent etwas abseits von den schwachen Lichtkegeln der Fenster erblickt. 

“Hey, ich hab dich schon überall gesucht”, sagt Adam sanft und geht etwas in die Hocke. Vincent schafft es nur einmal kurz nach oben zu gucken, bevor der restliche Mageninhalt auf der Straße landet. Mit einem Blick auf die bereits ausgekotzte Menge am Boden, ist Adam erstaunt darüber, dass überhaupt noch was im Magen drin war. Das leise Wimmern aus Vincents Mund hört sich fast nach einem “Adam” an. Vorsichtig streicht er Vincent eine der verschwitzen Locken hinters Ohr. 

“Schhhh, ich bin ja jetzt hier. Ich bin hier.” Sanft streicht er Vincent über den Rücken. Es wäre nicht das erste Mal, dass Adam Vincents Haare beim Kotzen halten muss. Letztes Jahr hat er eine Woche fast nichts anderes gemacht, weil Vincent sich eine ekelhafte Magen-Darm-Grippe eingefangen hat. Aber auch an so manchem Morgen musste Adam, nachdem er einen oder mehrere von Vincents Übernachtungsgästen nett heraus gebeten hat, die dunklen Locken vor Vincents Mageninhalt schützen. Aber das meiste müsste jetzt raus sein, denn Vincent lehnt sich zurück an die Hauswand und Adam lässt sich neben ihm nieder. 

“Es tut mir so leid, Adam.” Die Tränen in Vincents Augen, als sie Adams Blick finden, kommen sicher nicht ausschließlich daher, dass Adam das Abendessen, das Wiktor mit viel Liebe zubereitet hat, auf der Straße sehen kann. 

“Was tut dir leid? Dass du es etwas mit dem Alkohol übertrieben hast? Das passiert jedem Mal. Mir tut es leid, dass ich nicht besser auf dich aufgepasst habe.” 

“Du musst nicht immer auf mich aufpassen!” 

“Naja”, lacht Adam leise, “das ist doch immerhin mein Job.” 

“Aber doch nicht meine Haare beim Kotzen zu halten” 

“Doch, das ist mein Job als dein Freund.”

“Mein Freund..?”, fragt Vincent vorsichtig.

”Wir sind doch Freunde?”, hakt Adam nach, “oder?” 

“Ja! Wir haben das nur so noch nie gesagt…” Vincent schaut nachdenklich auf den Boden und Adam fällt es schwer zu deuten, was hinter Vincents Stirn vorgeht. 

“Habe ich dir eigentlich schon mal erzählt, dass Marian und ich uns auf die gleiche Art und Weise kennengelernt haben?” Er weiß gar nicht, warum er das überhaupt anspricht, immerhin ist es eine seiner peinlichsten Erinnerungen und leider erinnert er sich wirklich erstaunlich gut daran. Aber Vincents mit Überraschung und Neugier gesprenkelter, unschuldiger Blick durch die dunklen Wimpern lässt ihm keine andere Wahl, außer weiter zu erzählen. “Wir waren damals noch sehr jung, fast noch Kinder. Marian hat bei seinem Vater hinter der Theke ausgeholfen. Ich war mit einer Gruppe von Freunden da und irgendwann ging es darum, wer am meisten einstecken kann. Meine Freunde habe ich alle unter die Theke getrunken. Bis ich mit einer Herausforderung an Marian den Bogen meines Glücks überspannt habe, um es nett auszudrücken. Manchmal schmecke ich heute noch die Magensäure, die ich an dem Abend ausgespuckt habe. Aber Marian war da und hat sich um mich gekümmert. Alle meine Freunde, außer Wiktor, haben sich verzogen. Und Wiktor hat selber nicht nur sein Abendessen, sondern auch noch das der letzten drei Tage wieder ausgekotzt.” Adam lacht und dreht sich zur Seite, um Vincent besser betrachten zu können. In dem schwachen Licht erkennt er nur, wie ein leichtes Lächeln Vincents Lippen umspielt. Die langen Wimpern verdecken Vincents Augen und die schwarzen Locken leuchten unter dem Sternenlicht und Adam findet, dass Vincent aussieht wie eine Gottheit. Er wusste schon immer, dass Vincent attraktiv ist, aber in diesem Moment ist Adam von dem Anblick wie versteinert. 

“Vincent…”, setzt er an, ohne zu wissen, wo der Satz enden soll. 

“Hmm?” Vincents Augenlider flattern ein wenig. 

“Ich.. Ähhh.. Hier trink das”, stottert Adam und reicht Vincent das Wasserglas, das er fast vergessen hat, mit etwas zu viel Schwung, sodass ein paar Tropfen auf seiner Hose landen. Langsam führt Vincent das Glas zum Mund, um diesen auszuspülen und ein paar vorsichtige Schlucke der mittlerweile etwas weniger kühlen Erfrischung zu nehmen. Adam beobachtet die anmutige Bewegung von Vincents Adamsapfel. Schluck für Schluck leert sich das Glas und Adam reißt sich von dem Anblick los. 

“Besser?” 

“Ich glaub diesen Geschmack bekomm ich nie wieder los”, seufzt Vincent angeekelt und Adam kann sich ein belustigtes Schnaufen nicht verkneifen. Er lässt seinen Blick über die angrenzenden Vorgärten wandern und kann das, was er sucht, in einem zersprungenen Tontopf schräg gegenüber ausfindig machen. Mit einem Ächzen rappelt er sich auf und wankt die paar schnellen Schritte über die Straße, um sich etwas von dem Kraut, das ihn schon so einige Male vor unangenehmen Situationen beschützt hat, zu stibitzen. Vincents Blick kitzelt in seinem Nacken, aber zuerst muss Adam sicher gehen, dass er sich bei dem schwachen Licht nicht vertan hat. Vorsichtig reibt er Blatt der Pflanze zwischen seinen Fingern und sofort stiehlt sich ein Grinsen auf seine Lippen, als er den frischen und etwas scharfen Geruch der Pfefferminze wahrnimmt. 

“Was massu da?”, ruft Vincent viel zu laut. Schnell pflückt Adam ein paar Blätter und wankt wieder zurück, um sich langsam, an die Hauswand gestützt, neben Vincent hinzusetzen. 

“Hier”, sagt er und reicht Vincent das Blätterbüschel. Vincents entgeisterter Blick löst ein weiteres Grinsen in Adams Gesicht aus. 

“Kau solange darauf rum, bis sich eine Art Paste entwickelt hat. Dann kannst dus runterschlucken”, erklärt Adam und lässt seinen Blick in Richtung Sternenhimmel wandern. Neben ihm fängt Vincent vorsichtig an zu kauen und lässt einen Laut der Erleichterung entfahren. Die nächtliche Kälte löst einen Schauer in Adams Körper aus. 

“Dasch schmeckt ja rischtisch gut”, nuschelt Vincent mit vollem Mund und wieder schleicht sich ein Lächeln auf Adams Lippen. 

“Jup, Pfefferminze ist das beste Hausmittel gegen Mundgeruch und beruhigt den Magen” 

“Woher weischt du dasch allesch?” 

Adam seufzt. “Meine Mutter hat mir das als Kind immer gegeben, wenn ich was falsches gegessen und ihr die Nächte mit meinem Gespucke zur Hölle gemacht habe. Und meistens hat es geholfen. Sie kannte immer die richtige Pflanze, um alle Wehwehchen in Luft aufzulösen.” Adam hört ein lautes Schlucken neben sich. 

“Hat sie auch was gegen Liebeskummer?” 

“Kartoffeln”, lacht Adam trocken und dreht sich zur Seite. Vincents irritierten Blick hat er zwar erwartet, aber die geröteten Wangen bringen ihn kurz aus dem Konzept, bevor er sich fängt und es schafft, wieder die Sterne anzugucken. “Aber erst nachdem sie einen gründlichen Gärungs- und Destillationsprozess durchlaufen haben." 

Vincent lacht los und Adam lacht davon angesteckt mit, bis beide anfangen zu husten und um Luft ringen müssen. Gerade als Adam sich genug erholt hat, um sich wieder zu Vincent zu drehen, treffen ihre Blicke aufeinander und beide prusten wieder los. Fast schaffen sie es sich zu beruhigen, aber ein zeitgleiches gemeinsames Seufzen löst direkt die nächste Lachtirade aus. Adams Bauch fängt langsam an zu stechen, als es ihnen dann doch gelingt, das Lachen zu unterdrücken. Trotzdem traut Adam sich nicht, Vincent wieder anzugucken. 

 

Er spürt einen schweren Kopf an seiner Schulter und ein leichtes Kitzeln an seinem Hals, da wo die Spitzen von Vincents Haaren die empfindliche Haut streifen. 

”Wir sollten uns wohl langsam auf den Weg machen, was?”, flüstert Adam mit rauer Stimme und hört nur ein zustimmendes 

“Hmh” aus der Richtung seiner Schulter. So gerne Adam noch sitzen bleiben möchte, muss er sich doch zum Aufstehen zwingen, denn so langsam spürt er die Kälte der Hauswand in seinem Rücken und er ist ja nun auch nicht mehr der Jüngste. Langsam steht er auf und zieht Vincent auf die Beine. Beine, die das Gewicht des restlichen Körpers noch nicht wieder so ganz halten können, sodass Adam sein ganzes Gleichgewicht darauf verwenden muss, Vincent aufzufangen. Er schaut hoch in Vincents Gesicht und spürt die warme Atemluft zwischen ihnen, von seinen Wangen bis in die Ohrenspitzen. Hinter den schwarzen Locken, die Vincent in die Augen fallen, erkennt Adam den vom Alkohol verschwommenen Blick, der so träge ist, dass Vincent es nicht einmal schafft, ihm in die Augen zu gucken, sondern etwas unterhalb seiner Nase hängen bleibt. 

“So wird das nichts”, murmelt Adam und legt einen Arm um Vincents Schulter und den anderen hinter die Kniekehle, um den spannungslosen Körper hochzuheben. Vincent entfährt ein erschrockenes Quietschen. “Wow, du bist so stark.” 

Das Gewicht in seinen Armen ist schwerer als erwartet, aber Adam hat keine Probleme den kurzen Weg zu den Pferden zu bewältigen. Er kann spüren, wie Vincents warmer Atem ihm in regelmäßigen Abständen über sein Ohr streicht. Vorsichtig versucht er, Vincent auf die Füße zu stellen, aber der Arm in seinem Nacken übt weiterhin einen sanften Druck aus. Er vermisst bereits die schwache Wärme an seiner Brust, als Vincent sich schon wieder an ihn schmiegt. 

“Und du bist so schön warm”, hört Adam verwaschen an seiner Halsbeuge und spürt, wie sich Vincents Mundwinkel nach oben ziehen. Er kann sich gerade so ein “Du auch” verkneifen. Die sternenklare Nacht ist kälter als erwartet und so ist ihm in seinem dünnen Mantel doch etwas frisch. 

“Komm, ich helfe dir aufs Pferd”, sagt Adam stattdessen und Vincent löst sich widerwillig von ihm. “Auf drei. Drei.. Zwei.. Drei!” Ein Glück für Vincents Gesicht, dass Adam selbst betrunken so gute Reflexe hat, sonst wäre es nämlich im Dreck gelandet. 

“Upsii”, lacht Vincent und es kostet Adam sehr viel Selbstbeherrschung nicht einfach mitzulachen. 

“Versuch wenigstens mitzuhelfen”, beschwert er sich stattdessen halbstark, ohne sein Grinsen zu verstecken. Beim dritten Versuch schaffen sie es, dass Vincent schwankend im Sattel sitzt. 

“Fuck, kannst du nicht mal alleine sitzen?!”, flucht Adam. 

“Adam!”, kichert Vincent, “hihi, keine Kraftausdrücke!” Adam ist froh, dass die Dunkelheit sein Augenrollen versteckt. Mit einem nicht ganz so eleganten Sprung schwingt er sich hinter Vincent und greift nach den Zügeln. Vincent nutzt diese Chance direkt, um sich wieder an seine starke Brust zu schmiegen. Darüber kann Adam nur seufzen und legt seinen Kopf auf der Schulter vor ihm ab. Wie er sein eigenes Pferd wieder zurück zum Schloss bringt, muss er sich noch überlegen. Aber darüber kann er sich morgen noch genug Gedanken machen. 

Langsam lässt er ihr Pferd lostraben. Die Bewegung sorgt für eine substanzielle Reibung zwischen ihren Körpern und Adam spürt, wie sein Körper Blut in Bereiche transportiert, in denen in diesem Moment absolut kein Blut sein sollte. Fuck Fuck Fuck Fuck Fuck. Abrupt stoppt Adam ab. 

"Alles okay?", fragt Vincent verwirrt und versucht, sich mehr zu Adam zu drehen. Das ist aber verdammt schwer, weil das ganze dafür sorgt, dass sich ihre Gesichter noch näher kommen und Adam Vincents warmen Atem auf seinen Lippen spürt, was die ganze Situation in Adams Körper nicht gerade besser macht. 

“Ähmm, ja”, räuspert er sich und dreht sich schnell wieder weg. “Alles gut.” Nicht gut. 

“Okay”, sagt Vincent und lehnt sich wieder nach hinten. Gar nicht gut. Adam rückt ein Stück nach hinten und versucht sich ein bisschen zur Seite zu drehen, in der Hoffnung, dass Vincent zu betrunken ist, um mitzubekommen, wie sein Körper ihn hintergeht. Wieder setzen sie sich in Bewegung, diesmal noch ein wenig langsamer als ohnehin schon. Warum tut sein Körper ihm das an? Er erinnert sich an all die Male, die er betrunken war und alles dafür getan hätte, seinem Körper diese Reaktion zu entlocken. Warum ausgerechnet heute? Bestimmt liegt das nur daran, dass er schon lange keinen Sex mehr hatte. Er kann sich auch nicht mehr daran erinnern, wann er das letzte Mal masturbiert hat. Allein schon bei dem Gedanken daran spürt Adam, wie seine Hose im Schritt enger wird. Fuck. Er sollte wirklich über andere Dinge nachdenken, aber Vincents weicher Körper zieht all seine Aufmerksamkeit auf sich. Die sanften Locken, die ihn am Ohr kitzeln. Die erstaunlich muskelbepackten Schultern unter seinem Kinn. Vincents Hand auf seinem Oberschenkel. Vincents Hand auf seinem Oberschenkel? VINCENTS HAND AUF SEINEM OBERSCHENKEL?! 

Die Grillen zirpen in den Feldern, neben denen sie gemächlich herreiten, aber Adam hört nur seinen eigenen Herzschlag in seinen Ohren rauschen. Warum sollte Vincent das tun? Könnte es sein, dass er spürbar an Vincents Rücken angestoßen? Und warum würde Vincent ihn dann nicht dafür bloßstellen und auslachen? Sondern … weitermachen? Adams Gedanken drehen Kreise und als Vincents Daumen beginnt, diese auf seinem Oberschenkel nachzuziehen, hat Adams Gehirn einen kompletten Kurzschluss. Er hält ihr Pferd wieder an und steigt so hastig ab, dass Vincent auch fast runterfällt und sich nur noch im letzten Moment auffangen kann. 

“Adam? Was ist los?” 

“Muss kurz aufs Klo”, antwortet Adam kurz angebunden und läuft hinter die nächstgelegene Baumgruppe. Mit dem Rücken lehnt er sich an den kühlen Baumstamm und atmet tief ein. Die kalte Nachtluft füllt seine Lungen und beruhigt seinen Herzschlag, zumindest kann er sich das einreden. Was zur Hölle ist da gerade passiert? War Vincent nicht mehr ganz bei Sinnen? Ja, das muss der Grund sein. Eine einfache Verwechslung, hervorgerufen durch Trunkenheit. Jede andere Erklärung wäre absurd. Und seine eigenen Sinne? Dafür findet Adam auf die Schnelle keine so gute Entschuldigung. Aber so jemand wie Vincent? Er denkt an die weichen, dunklen Locken; die strahlend hellen Augen, umgeben von langen, dichten Wimpern; die kleinen Grübchen, die sich immer dann zeigen, wenn Vincent über einen seiner schlechten Witze lacht; die … Fuck. Aber so jemand wie Vincent? Selbst wenn nicht diese gravierend großen Welten zwischen ihren so unglaublich unterschiedlichen Leben liegen würden, warum sollte das jemals funktionieren können? 

“Adam? Ist alles in Ordnung bei dir?”, hört Adam Vincents ängstliche Stimme rufen. Das Wichtigste ist jetzt erstmal, Vincent wieder sicher ins Schloss zu schmuggeln, sagt Adam sich und tritt aus den schützenden Schatten der Bäume in das schummrige Sternenlicht. Vincent steht neben dem Pferd und hält sich schwankend am Sattel fest. 

“Jap. Alles gut. Wie bist du denn darunter gekommen, ohne dich zu verletzen?” 

Vincent streckt ihm wackelnd das Knie hin. “Gar nicht” 

“Ach Vincent”, seufzt Adam sanft und kniet sich hin, um die Wunde zu inspizieren. Er kann bei dem schwachen Licht nicht viel erkennen, aber sie scheint nicht besonders groß zu sein. “Keine Sorge. Die verbinden wir, wenn wir wieder im Schloss sind", sagt Adam einfühlsam, "Ich helfe dir jetzt wieder aufs Pferd und dann sind wir in Windeseile da.” Er schaut nach oben in Vincents Gesicht und ist heilfroh darüber, dass es zu dunkel ist, um zu sehen, wie rot seine Wangen werden, als er realisiert, in welcher Position sie sich gerade befinden. Hastig steht er auf und stolpert ein paar kleine Schritte nach hinten. Vincent legt den Kopf schräg. 

“Is wirklich alles in Ordnung?” Es ist irgendwie süß, wie die sonst so überartikulierten Worte jetzt miteinander verschwimmen. 

“Das ist nur der Alkohol”, sagt Adam aus Versehen laut sich selbst, anstatt nur in seinem Kopf. Zum Glück nimmt Vincent diese Aussage einfach so hin und die Beiden können sich daran machen, wieder auf das Pferd zu steigen. Diesmal klappt es schon beim ersten Versuch. Schweigend setzen sie ihren Rückweg fort und Adam gewöhnt sich Stück für Stück an die körperliche Nähe. Die angenehme Wärme, die von Vincent ausgeht und die späte Stunde machen ihn schläfrig und es fällt ihm schwer, die Augen offen zu halten. 

“Schau Mal, Adam, eine Sternschnuppe!” ruft Vincent plötzlich. 

“Dann darfst du dir wohl etwas wünschen”, murmelt Adam mit einer, von der Müdigkeit rauen Stimme. Er spürt, wie Vincent sich an ihn anlehnt. 

“Ich bin doch schon wunschlos glücklich. Ich schenke ihn dir” 

“Du kannst deinen Wunsch nicht einfach verschenken” Adam denkt an sein Gespräch mit Marian und schmiegt sich an Vincents Rücken. “Außerdem bin ich auch wunschlos glücklich”, flüstert er leise. Vincent gibt ein Geräusch von sich, das sich wie das Schnurren einer Katze anfühlt und Adams Augen werden wieder schwer. Er zwingt sich, sie offen zu halten und in den Sternenhimmel zu gucken. Um sich etwas abzulenken, geht er im Stillen die Sternbilder durch, die er als Kind von seinem Vater und in den letzten Jahren von Vincent beigebracht bekommen hat. Alle paar Minuten kommt eine weitere Sternschnuppe. Es ist schon ein Wunder, dass er so etwas Schönes in seinem einfachen Leben erfahren darf. Er spürt, wie Vincents Atem langsamer wird und leicht abflacht. Adam würde auch gerne nur mal kurz für fünf Minuten die Augen schließen, aber er weiß, dass sie fast beim Schloss angekommen sind. Im Schutz der Dunkelheit führt Adam das Pferd problemlos über den gleichen Weg ins Schloss hinein, über den sie sich auch nach draußen geschlichen haben. 

“Aufwachen, Schlafmütze”, stupst er Vincent wach und steigt zunächst selber ab, bevor er Vincent an den Hüften herunter hilft. Einen Moment schwanken die Beiden, bis Vincent sich an Adams Schulter festhält und ihn mit verschlafenen Augen beobachtet. Bevor Adam weiß, was er tut, lehnt er sich nach vorne und drückt seine Lippen sanft auf Vincents Mund. Überrascht von seiner eigenen Handlung versucht Adam, ein paar Schritte nach hinten zu machen. 

“Fuck, sorry, Vincent. Es tut mir so lei…” Er kommt gar nicht dazu, sich zu Ende zu entschuldigen, da sind Vincents Lippen schon wieder auf seinen. In Adams Brust explodieren alle Sternschnuppen der Nacht auf einmal. Automatisch zieht er Vincent so nah an sich, dass kein Blatt Papier mehr zwischen sie passt. Der leicht erdige Geschmack von Vincents Körper vermischt sich mit einer vertrauten blumigen Frische, als Vincents Lippen sich vorsichtig öffnen, um Adams Mund zu erkunden. Er kann nicht anders als leise zu stöhnen, als Vincents Fingerspitzen sich in seinen Haaren vergraben und leicht über seine Kopfhaut kratzen. Daraufhin muss Vincent grinsen und Adam kann sich nicht vorstellen, dass es ein schöneres Gefühl gibt, als dieses Grinsen an seinen Lippen zu spüren. Langsam merkt er, dass er eigentlich Luft holen muss, aber er hängt wie ein Ertrinkender an Vincents weichen Lippen. Letztlich bricht Vincent den Kuss zuerst, um nach Luft zu schnappen. 

“Adam”, säuselt Vincent mit einem schelmischen Grinsen. “Ich wusste gar nicht, dass das in dir steckt.” Leicht beschämt löst Adam sich mit einem Schritt nach hinten und guckt auf den dreckigen Stallboden, auf dem er bei dem nicht vorhandenen Licht eh nichts sehen kann. “Es tut mir leid, ich hätte das nicht tun sollen, du bist betrunken. Ich hätte das nicht tun dürfen”, sagt Adam hastig, während er noch ein paar kleine Schritte nach hinten macht. “Warte, Adam”, versucht Vincent, ihm entgegenzukommen, schwankt dabei jedoch gefährlich. “Fuck, ich bin wirklich betrunken” 

“Keine Kraftausdrücke”, schmunzelt Adam. Vincent muss lachen, aber guckt ihn danach direkt wieder ernst an. So ernst wie es aus diesen wunderschönen leuchtenden Augen eben geht. 

“Adam ich wollte das so, aber … war das so auch okay für dich?” War es okay für ihn? Adam ist sich nicht sicher. Es war der beste Kuss, den er in seinem Leben je hatte, aber er hätte sich gewünscht, besser darauf vorbereitet gewesen zu sein. Und vielleicht auch nicht betrunken. 

“Ich… weiß es noch nicht so ganz”, gibt er ehrlich zu und sucht Vincents Blick. Er versucht sich an einem Lächeln, als er sieht, dass Vincents Augen bedrückt gesenkt sind. 

“Aber der Kuss selbst war schön.” Vincents Blick richtet sich schlagartig hoffnungsvoll nach oben. 

“Wirklich?” 

Adam nickt. “Sehr schön sogar. Aber ich bin sehr betrunken und du sogar noch mehr. Das war einfach nicht richtig.” Vincent versucht die Distanz zwischen ihnen zu verringern, aber stolpert schon beim ersten Schritt so stark, dass Adam ihn auffangen muss. “Lass uns dich jetzt einfach ins Bett bringen und morgen sieht die Welt schon ganz anders aus." Vincent sieht aus, als wäre Adam ein zweiter Kopf gewachsen. 

“Aber…” 

“Keine Widerrede”, entscheidet Adam und hebt Vincent wieder in seine Arme. Er schleicht sich leise aus dem Stall und durch den Dienstboteneingang wieder ins Schloss. Kurz vor der Tür zu Vincents Schlafgemach setzt er den Königsspross auf die Füße und versucht möglichst viel Distanz zwischen sie Beide zu bringen. Nicht, dass hier noch etwas passiert, das nicht mehr wieder gut gemacht werden kann. “Schlaf gut, Hoheit”, flüstert er leise und löst sich dann von Vincents sprachlosen Anblick. Hastig eilt er um die nächsten zwei Ecken und lehnt sich gegen die erstbeste kalte Wand. Langsam rutscht er auf den Boden und vergräbt das Gesicht in seinen Händen, damit diese aufhören zu zittern. Was ist da eben passiert? Vielleicht wacht er ja gleich mit einem wunden Hintern auf seinem Pferd auf und bemerkt, dass alles nur ein Traum war. Doch auch zwei Atemzüge später spürt er nur den festen Boden unter ihm und seine von dem Kuss pulsierenden Lippen. Fuck. Langsam quält er sich nach oben und stolpert in die Richtung seines Zimmers. Es werden zwar viel zu wenige werden, aber die paar Stunden Schlaf kann er dringend gebrauchen. Sobald sein Kopf das Kissen berührt, merkt er, wie der Schlaf ihn übermannt. Sein letzter Gedanke gilt Vincents eleganter Bewegungen im schummrigen Licht der Taverne und einem Grinsen mit strahlenden Augen, das ein sehnsüchtiges Kribbeln in seiner Magengegend auslöst.