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Frühlingsstürme oder: So voller schlichter Eifersucht ist Schuld

Summary:

Anni versucht ihren Horizont zu erweitern. Schnell geht es grade nicht.

Notes:

Nach längerem Rumgelurke hab ich mich mal in meine Charité-Obession reingelehnt und mich von dem äußerst talentierten Tiny Fandom (TM) inspirieren lassen! Die englische Version gibt's hier (die deutsche kam zuerst, aber große Unterschiede gibt's nicht). Wer schlechtes Bairisch findet, darf mir Bescheid sagen oder es auch gerne behalten (falls Anni ins Wienerische abgleitet, erkläre ich mir das damit, dass sie zu viel Zeit mit de Crinis verbracht hat, lol).

Wer Zahnarztangst hat: Hier wird sehr laienhaft ein Zahn gezogen, sorry.

Beta (für Englisch, ich hab ein bisschen was davon ins Deutsche übernommen): Alsha

Work Text:

So voller schlichter Eifersucht ist Schuld, / Dass, sich verbergend, sie sich selbst enthüllt.
~William Shakespeare, Hamlet

~~~

Anni hatte gar nicht spitzeln wollen; es war ihr einfach nicht in den Sinn gekommen zu klopfen. Später, ja, da wurde ihr klar, wie naiv das war. Es war schließlich nicht das erste Mal, dass sie Otto und Karin im Dachbodenversteck nicht alleine antraf. Obwohl Martin und sie zu viele oder zu lange andauernde Überschneidungen ihrer Besuche in einer Art stillem Einverständnis bislang generell vermieden hatten, kam es doch hin und zu vor, wenn auch selten. Im Essen abliefern wechselten sie sich ab, und in der Regel hatten sie auch unterschiedliche Schichten – zum Glück.

Es war nicht so, dass sie Martin nicht mochte. Oder dass sie ihn mochte. Für das eine oder andere kannten sie sich zu wenig. Früher hatten sie sich allenfalls vom Sehen gekannt, und auch als Nachbarn waren sie einander nicht näher gekommen. Die erzwungene Zusammenarbeit der letzten Monate hatte daran nicht wirklich etwas geändert, sondern ihrer Nicht-Beziehung bloß einen seltsam künstlichen Stempel der Verschwörungsgemeinschaft aufgedrückt. Sie wahrten die Geheimnisse des jeweils anderen mit strengster, unantastbarer Verschwiegenheit, unter einem durchaus nicht nur metaphorischen Damoklesschwert, doch anscheinend führte eine gemeinsame Todesgefahr noch lange nicht zu automatischer Sympathie.

Martin war und blieb Anni gegenüber zurückhaltend, mit einer subtilen, aber nie ganz weichenden Wachsamkeit hinter seinem Blick. Es war unausgesprochen klar, dass er ihr nur um Ottos Willen vertraute, und weil sie wegen Karin genauso wie er selbst das Messer am Hals hatte. Mit ihr selbst hatte das nichts zu tun.

Und sie, Anni, spürte dieselbe Wachsamkeit in sich selbst, denselben seltsamen Kontrast zwischen dem Wissen, dass sie am selben Strang zogen für zwei Menschen, für die sie alles opfern würden, und dem Abstand der unpersönlichen Kühle, der sie trotzdem trennte.

Ein Abstand, der auch vernünftig, sogar notwendig war, sagte Anni sich selbst. Ein viel zu offenherziger, unüberlegter Dachskopf am Dachboden reichte allemal.

Ab und an hatte sie sich trotzdem dabei ertappt, wie sie Martin von der Seite her ansah, wenn seine Aufmerksamkeit gerade woanders lag, ihn heimlich musterte und sich stirnrunzelnd fragte, nicht zum ersten Mal: Warum gerade der?

Unauffällig bis zur Unsichtbarkeit war Martin Schelling, zurückhaltend nicht nur Anni gegenüber: so ruhig, dass man ihn hätte für schüchtern halten können, wäre da nicht der trockene Humor seiner gelegentlichen, beiläufigen, überraschend scharfsinnigen Bemerkungen gewesen. Äußerlich war er nichts Besonderes – zumindest nicht verglichen mit Otto, nach dem die Mädchen sich seit seinem dreizehnten Lebensjahr die Köpfe verdrehten und der mit seinem Lächeln jeden Raum erhellen konnte.

Vom flach gekämmten Haar bis zu seinem leicht linkslastigen Humpeln stach an Martin nichts so wirklich hervor. Fehlende Gliedmaßen waren schon lange nichts Auffallendes mehr. Der Blick hinter den runden Brillengläsern war graublau und milde, wenn ihm auch wenig zu entgehen schien; es war nicht nur Anni, die er mit stiller Wachsamkeit betrachtete. Er mochte nicht unansehnlich sein, doch er hatte nichts von Ottos natürlichem Charisma. Der unaufmerksame Blick glitt an ihm ab.

Warum also der, wenn es schon ein Mann sein musste – warum war es dieser stille, sarkastische Mensch, wegen dem Otto alles riskierte – seinen Ruf, seine Freiheit, sein Leben? Was verbarg sich hinter diesen wachsamen Augen, dieser täuschenden Milde, das ihren kleinen Bruder, der nicht nur Anni, sondern dem nächstbesten Fremden schon immer so ziemlich alles gegeben hätte, ohne eine Gegenleistung zu verlangen, zu dem verzweifelten Ultimatum trieb: Ich helfe dir mit Karin, aber erst musst du ihn retten, gerade den?

Anni wusste es nicht. Hatte es wohl auch nicht wissen wollen, wenn sie ehrlich mit sich war.

~~~

Sie war von ihnen beiden immer die pragmatisch Veranlagte gewesen; tiefgründiges Grübeln über Weltanschauung lag ihr nicht. Mutti hatte das schon frühzeitig erkannt und es sich schamlos zunutze gemacht, wenn sie selbst, wie so oft, anderweitig beschäftigt war, um ein paar Extra-Pfennige für die Familie zusammenzukratzen. Pass mal auf den Otto auf, damit er sich nicht den Kopf an seinen Luftschlössern anstößt. Du bist doch meine Große. Die kleine Anni hatte das oft als schreiendes Unrecht betrachtet. Weshalb durfte der kleine Scheißer träumen und sie, Anni, sollte dabei noch auf ihn aufpassen? Mit der Zeit war daraus jedoch Gewohnheit geworden. Der Unmut war gewichen und der Beschützerinstinkt geblieben – wenn jemand dem nervigen kleinen Träumer ein Haar krümmen durfte, war sie das. Ein Hauch von Verdruss machte sich trotzdem noch so manches Mal bemerkbar, wenn Otto scheinbar alles in den Schoß fiel, bloß weil er mal wieder seinen blauäugigen Charme in die richtige Richtung verstrahlt hatte.

Es war seltsam und keineswegs erfreulich festzustellen, dass sie sich in dieser Hinsicht als Erwachsene gar nicht so sehr voneinander unterschieden. Gerade in den letzten Monaten hatte Anni ihr Lächeln und ihren Charme kein bisschen weniger eingesetzt als Otto. Sie machte es bloß mit mehr kalter Berechnung.

Und Otto? Otto träumte sich immer noch die Dinge so, wie er sie haben wollte, forderte sich einen Platz, den die Welt ihm nicht geben wollte, und nahm ihn mit solch unmöglicher, unbezwingbarer Courage ein, dass Anni dabei nichts übrig blieb, als ihn zu schützen wie immer, auch wenn sie ihm ob der dadurch verursachten Erschütterung ihrer Welt gar nicht wenig grollte.

~~~

Die Vorsicht auf dem Weg ins Versteck war Routine geworden. Auch wenn ihr Blick stets alle Ecken und Winkel, aus denen die Gefahr der Entdeckung drohen konnte, genau auslotete, auch wenn sie ständig angespannt auf den geringsten verdächtigen Laut lauschte, kannte ihr Körper den Weg mittlerweile so gut, dass er ihrer Anweisungen nicht bedurfte. Automatisch wichen ihre Füße den zerbrochenen Ziegeln und verkohlten Balkenstücken aus, von selbst drehten sich ihre Schultern und Hüften seitwärts durch halb verschüttete Türen; sanft stemmte sie die Eisentür so in den Angeln, dass sie nicht quietschte. Ihre Fußtritte waren leise auf der Leiter. Die obere Tür hatten sie schon lange geschmiert, sie gab keinen Laut von sich.

Anni auch nicht. Sie blieb im Türrahmen stehen wie angewurzelt und blinzelte in den Raum. Draußen war es schon fast ganz dunkel, die notdürftigen Vorhänge mit Reißnägeln an den Fensterrahmen befestigt, um kein verräterisches Licht nach draußen zu lassen. Viel Licht war das ohnehin nicht. Die Ecke, in der Karins Bett stand, war von einem alten Paravent abgeschirmt. Der Großteil des Dachbodens lag im Dunkeln. Nur neben Ottos Matratze stand die uralte Petroleumlampe, die die Szene dort in einen weichen Kreis aus schummrig goldenem Licht tauchte.

Anni war bei der Erkenntnis, dass dort nicht eine, sondern zwei Personen lagen, instinktiv erstarrt. Viel zu sehen gab es aber gottlob gar nicht. Die beiden waren fast vollständig bekleidet. Zwar war Ottos Hemd halb aufgeknöpft, aber mehr als eine nackte Schulter gab es nicht frei. Einen Moment lang verhedderte sich Annis Blick an einem Bein, das in unmöglichem Winkel am Schlaflager lehnte, bevor sie begriff, dass Martin seine Prothese abgenommen haben musste.

Das Lager war schmal genug für einen. Zwei konnten gar nicht genug Platz darauf finden, ohne sich umeinander zu winden. Martin lag halb über Otto, auf einen Ellbogen gestützt, sein Bein zwischen Ottos geschoben. Otto hob sein Gesicht Martin entgegen, der den eigenen Kopf leicht gesenkt hatte und ohne Eile sanfte Küsse auf Ottos Gesicht verteilte. Behutsam und federleicht berührten seine Lippen Ottos Stirn, Brauen, Schläfen, zogen zart den scharfen Schwung seiner Wangenknochen nach. Otto hielt ganz still dabei. Seine Hand an Martins Nacken war das einzige, das sich bewegte, die Finger sachte streichelnd. Er lächelte, aber ganz anders als sonst. Ein fast verhaltenes Lächeln war es, still und leuchtend, ganz im Moment verloren.

Martin hatte seine Brille abgenommen. Ohne die runden Gläser wirkte sein Gesicht im Halbdunkel weniger scharf; er sah jünger aus, auch entspannter, als Anni ihn je gesehen hatte. Ottos Lächeln erwiderte er mit einem leichten Zucken der Mundwinkel und einem Ausdruck solcher Wärme, solch absoluter Hingabe, dass es Anni scharf in ihrer Mitte traf wie ein Messer.

So hatte Artur sie angesehen, es war noch gar nicht lange her. Bevor ihr Weltbild um sie herum zu bröckeln begonnen hatte, der Boden plötzlich trügerisch unter ihren Füßen, nichts mehr so, wie es war oder sein sollte.

Auch das hier nicht. Denn das da vorne war eben nicht, was sie bei de Crinis’ Vorlesungen aufmerksam mitnotiert hatte, oder? So sah sie also aus, die abstoßende Verkehrung der Natur, die Fäulnis im gesunden Volksstamm? Das war Sittenverletzung, dieses einfache, zärtliche, stille Miteinander? Der vertraute kleine Stirn-an-Stirn-Stupser, war das die hormonelle Fehlstellung, die es mit dem Tode zu vergelten hieß? Diese zwei Menschen, die einander ansahen, als ob die Sonne im Gesicht des anderen auf- und unterginge, und möge die Welt in Stücke gehen?

Anni war ein wenig übel, aber nicht so, wie sie es vielleicht erwartet hatte. Weißt du, es sind so viele Dinge in der Natur schief und krumm und sie sind trotzdem schön, hatte Otto gesagt. Sie hatte ihm im Stillen oft dafür gedankt, wenn sie Karin ansah, ihre einzigartige, zum Anbeißen süße Karin, an der schon lange nichts mehr krumm und schief wirkte, die einfach Karin war, mit ihrem verschmitzten Grinsen und ihren entschlossenen Wackelschritten und ihren großen, aufmerksamen Augen. Aber sie hatte nicht begriffen oder begreifen wollen, dass er ihr damit etwas von sich selbst offenbarte, etwas Mutiges und Hoffendes, das sie bis jetzt nicht verstanden, noch nicht einmal bemerkt hatte.

Martin senkte den Kopf ein wenig mehr, seine Lippen streiften hauchzart über Ottos Wimpern und verpassten ihm dann einen Kuss direkt auf die Nasenspitze. Otto lachte leise und sagte etwas, das Anni nicht verstehen konnte. Martin quittierte es mit einem belustigten Laut und einem gemurmelten „Spinner“, bevor Otto ihn fester um den Nacken fasste und Martins Mund auf seinen eigenen herabzog.

Der Kuss war warm und zärtlich, ohne Hast. Ein Schwung von Lächeln lag noch in Ottos Mundwinkel, als ihre Lippen miteinander verschmolzen, und Anni wandte sich abrupt zur Tür. Sie wollte, konnte, durfte das nicht sehen. Nicht nur, weil es ihr kleiner Bruder war, den sie da ungewollt bei Zärtlichkeiten mit seinem – Anni hatte kein Wort dafür – bespitzelte, sondern weil in ihr der scharfe Schmerz plötzlich ins Unerträgliche stieg.

„Anni?“

Beim Klang der Stimme ihres Bruders zuckte sie zusammen. Irgendeinen Laut musste sie wohl doch von sich gegeben haben. Vom Lager her kam ein unterdrückter Fluch von Martin und ein hastiges Rascheln. Anni hielt den Blick fest auf den Boden zur Tür hin gerichtet. Der Boden verschwamm ein wenig vor ihren Augen. Verflucht. Das fehlte noch, dass sie sich so sehen ließ. Sie biss die Zähne zusammen.

„Anni, ist was passiert?“ In Ottos Stimme klang jetzt Alarm mit, und als sie hörte, wie er aufstand, musste sie sich doch wieder umdrehen, mit einer brüsken Abwehrbewegung, damit er bloß nicht näher kam.

„Nein, nein.“ Sie nahm rasch ihren Rucksack ab und wühlte fahrig darin herum, um ihn nicht ansehen zu müssen. „Nein, ich wollte nur – die Wäsche auf der Station ist heute aussortiert worden, und ich hab’ ein paar Sachen für Karin erwischt. Wo sie doch so schnell rauswächst jetzt, und die Nächte sind ja noch kühl, also hab’ ich noch ein paar Decken, die sind weniger zerflickt als die hier oben…“

Sie redete zu viel und zu schnell, war ihr klar, konnte aber nicht aufhören. Mit dem Bündel Stoff in den Händen schaute sie unwillkürlich doch hoch. Martin saß noch auf dem Lager. Er hatte seine Brille wieder aufgesetzt und hielt seine Prothese in einer Hand, die andere wie schützend über seinen Stumpf gelegt, obwohl der ohnehin vom Hosenbein bedeckt war. Er war sichtlich gefangen zwischen dem dringenden Verlangen, sein Bein anzulegen und dem ebenso starken Widerwillen, das vor ihren Augen zu machen. Sein Ausdruck war ungefähr so, wie Anni sich selber fühlte – aufgewühlt und peinlich berührt, mit einem guten Maß Ärger noch dazu.

Otto stand ein paar Schritte vor dem Bett. Er sah besorgt aus, runzelte aber die Stirn und machte keine Anstalten, sein Hemd zuzuknöpfen oder sein zerwühltes Haar in Ordnung zu bringen. Anni kannte den Blick gut genug. Du Sturschädel, du damischer, nannte Mutti das.

„Karin schläft schon“, erklärte er leicht herausfordernd. „Wir haben nicht…“

Er brach ab. Anni warf einen Blick nach Karins Verschlag, aus dem kein Laut ertönte, und begriff mit leichter Verspätung, welchen Vorwurf er von ihr erwartete.

Sie hatte gar nicht daran gedacht, ironischerweise. Hätte sie vielleicht sollen, von wegen sittliche Gefährdung der Jugend und so. Es war ihr nicht in den Sinn gekommen, dass Otto Karin etwas aussetzen würde, was sie nicht sehen sollte. Nicht nach dem langen Winter, in dem er so oft Karins erste Bezugsperson gewesen war. Noch so ein Stich, dieser zwar schon vertraut: wie viel sie verpasst hatte, Karins erstes Aufstehen, ihr Krabbeln, ihre ersten Schritte. Alles, weil Karins Vater nach wie vor einem Regime den Rücken hielt, in dem kein Platz war für Karin oder für den Mann, der sie an Arturs Stelle beschützte, versorgte und bedingungslos liebte.

„Ich weiß.“ Ihre Stimme klang brüchig. Ihr Hals war so eng, dass es wehtat, und hinter ihren Augen brannte es immer noch gefährlich. „Ich wollte nicht…“

Stumm standen sie beide da. Von Martin kam ein Seufzer. „Sind die ganzen Sätze jetzt auch schon Mangelware?“

Falls er damit die Lage entspannen wollte, klappte das nicht. Otto sah immer noch verwirrt und leicht trotzig aus, und Anni hatte keine Ahnung, was sie sagen sollte oder wollte. Martin beobachtete sie mit seinem zurückhaltend wachsamen Blick, als sei sie ein Blindgänger, mit dem man sehr vorsichtig umgehen musste. Als sei sie das schwächste Glied in ihrer kleinen Verrätergemeinschaft, auch jetzt noch: eine, der man immer noch zutrauen konnte, beim Anblick eines verbotenen Kusses zu de Crinis zu rennen und sie alle ins Verderben zu stürzen.

Der Druck stieg ins Unerträgliche. Sie ging rasch zum Regal nahe der Tür, legte den Stapel Kleider und Decken dort ab. „Ich muss dann.“ Zurück zur Tür; schnell jetzt.

„Anni“, sagte Otto hinter ihr noch einmal, und diesmal lag etwas anderes in seinem Ton, etwas vorsichtig Fragendes, das anbot, ihr den Druck zu lösen. Das ging schon mal gar nicht. „Tschüs“, sagte sie brüsk, schon halb zur Tür hinaus, und flog praktisch die Leiter hinunter.

~~~

In den sicheren Charité-Trakten angekommen, ging sie rasch und eigentlich ziellos. Ihre Füße trugen sie automatisch zur Kinderstation, wo sie noch aushalf. Ihre Schicht war zwar vorüber, aber im Büro erwarteten sie nur Artur und ihre unbequeme Pritsche, und es eilte sie nicht, dorthin zu kommen.

Auf Station stellte man keine Fragen. Es gab genug zu tun. Brandwunden, Schnittwunden, Schusswunden, Quetschwunden. Alles, was an Beeinträchtigungen für Kinder parteikonform und genehm war. Kinder mit Bombenschäden, das ging. Kinder mit Hirnschäden oder Genschäden nicht.

Nicht zum ersten Mal stieg die Wut in ihr auf, Wut gegen das Regime, ja, aber vor allem Wut gegen sich selbst, die sich rasch mit Scham vermengte. Du bist kein Stückchen besser. Du hast es ja auch nicht wissen wollen. Wie lange hättest du denn noch mitgemacht, wenn es nicht dein eigenes Kind betroffen hätte?

Spätnachts, auf ihrer engen Liege im Arztzimmer, kehrten ihre müden Gedanken noch einmal zu der Szene von vorhin zurück, huschten unruhig, aber unaufhaltsam erneut um das Gesehene. Ihr Bruder und sein – was auch immer – wie selbstverständlich ineinander verschlungen, die amüsierte Zärtlichkeit auf beider Gesichter. Die sanfte Hitze ihres Kusses, der spielerische und zugleich innige Austausch von Zärtlichkeiten, alles an ihnen eine Verneinung von dem, was die Welt ihnen vorwarf, dem, an das auch Anni so kritiklos geglaubt hatte.

Von der anderen Seite des Zimmers kam ein leichtes Knarren, ein unterdrückter Seufzer. Mittlerweile war es ganz dunkel, aber Anni wusste, dass Artur noch wach war, dass er vorwurfs- und sehnsuchtsvoll nach ihr schaute; dass sie, wenn sie nun aufstand und zu ihm ging, mit offenen Armen empfangen würde. Wenn sie ihre Tochter, ihren Bruder und seinen – Liebhaber? Das klang bescheuert – preisgab, die drei zum Tode verriet, wenn sie hinüberging zu dem Mann, zu dem ihre Liebe den Winter über still und langsam gestorben war, und sich von ihm in die Arme nehmen ließ, sich ein neues Kind von ihm machen ließ, ein genetisch unbeanstandbares… das wäre lobenswert, moralisch genehmigt, völkisch gesinnungsrichtig. Das ja. Aber dass sich zwei Männer küssten, neben einem behinderten Kind…

Diesmal würgte die Wut sie fast, es fühlte sich an, als müsse sie ihre Schuld und ihren Abscheu erbrechen oder daran ersticken.

Nein, sie erbrach sich nicht. Sie starrte nur mit längst tränenlosen Augen in das Dunkel, aus dem ihr Mann zurückstarrte, spürte das unausgesprochene Angebot von Wärme und Vergebung, und fühlte sich, hier in einem Raum mit dem Fremden, den sie einst geliebt hatte, einsamer als je zuvor.

~~~

Zwei Wochen lang kehrte alles zu einem Alltag zurück, der gleichzeitig unbeschreiblich ermüdend und wie ein täglicher Balanceakt über dem Abgrund ablief. Für Anni bedeutete das hundslange Schichten, Artur ausweichen, wo es ging, ein paar gestohlene Stunden mit Karin. Nicht zu viele, nie zu viele. Zu gefährlich. Bloß nur mit niemandem reden, auch das zu riskant. Wohin es führte, anderen zu vertrauen, hatte sie ja an Schwester Käthe erlebt.

Zum Reden war sonst Otto da, aber im Moment wollte Anni gerade das eher vermeiden. Die Szene am Dachboden warf ihr Petroleumlicht unangenehm scharf zurück auf den Moment vor Monaten, als Otto ihr gesagt hatte, dass er… so sei. Begreif das bitte, hatte er gefordert, sanft, aber bestimmt, und sie trotz allem in den Arm genommen. Anni hatte es seitdem zu begreifen versucht, aber gesprochen hatten sie nie mehr darüber. Das unverrichtete Gespräch schlich in den dunklen Ecken des Dachbodens um sie beide herum wie eine verhungerte Katze; früher oder später würde Anni sich ihm stellen müssen, aber für den Augenblick tat sie stattdessen, als wäre der Moment nie passiert. Verdrängen war ja so praktisch.

Otto drängte auf nichts, und sie sprachen vom Üblichen: Karin, dem Charité-Betrieb, dem Klatsch auf den Gängen, dem Krieg. Sie war ihm dankbar dafür.

Martin begegnete sie während der zwei Wochen nie am Dachboden, als habe er einen sechsten Sinn dafür, wann sie dort war. In der Charité waren ihre Treffen so kurz und selten wie möglich – das fehlte ihnen noch, dass man sie zu oft zusammen sah und zwei und zwei zusammenzählte – und ausschließlich praktischer Natur. Wer jeweils länger brauchen würde, um wieder nach oben zu kommen, gab dem anderen im Vorbeigehen seine aktuellste Beute mit: ein Wolljäckchen, eine verstaubte Sardinendose, ein paar steinharte Rosinen. Über Annis Spitzelei schwiegen sie beide sich noch gründlicher als sie und Otto. So weit, so verkrampft – bis Martin sie eines Nachmittags unerwartet im Korridor zur Kinderstation abpasste. Annis Pulsschlag verdoppelte sich prompt.

„Was machst du denn hier?“ zischte sie und sah sich hastig um, während sie ihn in einen Seitengang zog. „Mensch, wenn Artur dich hier sieht!“

„Mach mal halblang, ich bin ganz offiziell hier. Hab‘ einen Patienten von der Chirurgie zurückgebracht.“ Er zog die Brauen hoch. „Ich arbeite hier, weißte?“

„Trotzdem. Wir können nicht – warte, ist was mit Karin?“

Martin schüttelte den Kopf, aber sein Ausdruck war grimmig. „Bei Otto muss ‘n Zahn raus.“

„Was? Bist du sicher?“

Er zog eine Schulter hoch. „Ziemlich. Es bahnt sich schon länger an, er hat’s nur erst jetzt zugegeben. Er wollte uns nicht noch mehr Probleme aufladen. Kennst ihn ja.“

Und ob sie ihn kannte. „Verdammt.“ Anni überlegte hektisch. Ein Zahn – als ob das in weniger irren Tagen das geringste Problem gewesen wäre. „Wie schlimm?“

„Naja, noch nicht kritisch, aber das kann es schnell werden. Ich musste ihm fast den Arm verdrehen, bevor er’s mich hat ansehen lassen. Das Zahnfleisch ist schon ganz schön geschwollen. Wenn da ‘ne Kieferknochenentzündung draus wird… Es ist ein Backenzahn.“

„Scheiße“, entkam es Anni unwillkürlich aus tiefster Seele.

„Scheiße“, bestätigte Martin, lakonisch wie immer, doch sie konnte die tiefe Besorgnis hinter seinem trockenen Ton hören. „Wir müssen was machen, und zwar so schnell wie möglich. Also… kannst du sowas?“

„Zähne ziehen?“ Anni schnaubte; ihre eigene Sorge kam als bissiger Ton heraus. „Nein, das haben wir in der Psychiatrie irgendwie ausgelassen – was denkst du denn? Ist doch ein ganz anderes Fachgebiet!“

„Ja, und ein viel brauchbareres“, murmelte Martin.

Anni funkelte ihn verärgert an. „Kennst du dich nicht damit… ich meine, an der Front…?“

Er lachte humorlos auf. „An der Front gab’s anderes zu beheben, Frau Doktor.“

Sie seufzte. „Das hat uns grade noch gefehlt. Ich seh’s mir mal an. Vielleicht ist es ja doch nicht so schlimm.“

~~~

Aber natürlich war es dann so schlimm, wenn nicht noch schlimmer. Wie sollte es auch anders sein.

„Martin hat recht“, sagte Anni, als sie den Spatel wieder aus Ottos Mund nahm. „Der muss raus.“

Otto bewegte mit leicht säuerlichem Ausdruck den Kiefer. „Geht schon“, verkündete er kurz angebunden, obwohl Anni ihm ansehen konnte, dass er Schmerzen hatte. „Was ihr für ein Aufhebens macht wegen einem blöden Zahn.“

„Geht gar nicht“, hielt Anni dagegen. „Das Ding muss raus. Die Wurzel muss entzündet sein. Wenn sich das ausbreitet…“

Martin, der Anni mit einer Taschenlampe geleuchtet hatte, fuhr Otto kurz durchs Haar. „Das kriegen wir auch noch hin“, meinte er forsch. „Wäre ja gelacht. Was ist schon ein Zahn gegen Desertieren und Kindesunterschlagung und einen Winter am Dachboden, mit Bomben und Grippe und all den schönen Sachen?“

Otto legte den Kopf in den Nacken und lächelte Martin schief an, während er die nicht zahnschmerzlädierte Wange in dessen Handfläche schmiegte wie ein Kätzchen. „Stimmt. Und Karin hat das Zahnen ja auch hier oben geschafft.“

Anni beschäftigte sich damit, Taschenlampe und Spatel und den sorgfältig verpackten Abfall in ihrem Rucksack zu verstauen, damit sie nicht hinsehen musste, auf den Austausch des Lächelns mit der unverhohlenen Zuneigung darin, auf die wie selbstverständlich verteilten Berührungen. Sie konnte nicht sagen, ob es schlichte Eifersucht war, die ihr den kleinen, schon seltsam gewohnten Stich in der Brust versetzte. Eifersucht, dass hier jemand einen Platz im Leben und im Herzen ihres kleinen Bruders eingenommen hatte, den sie bis vor kurzem höchstens einer noch unbekannten, nebelhaften und deshalb unbedrohlichen Mädchenfigur reserviert geglaubt hatte und den Martin Schelling mit seiner stillen, aber bestimmten Art so völlig ausfüllte, als könne es gar nicht anders sein.

Und dass Otto dabei so unverkennbar glücklich war, als sei dieses schief-schöne Ding zwischen ihnen in einer wahnsinnig gewordenen Welt das Einzige, was Sinn machte.

Vielleicht war es nicht Eifersucht, dachte Anni, während sie Karins Haare richtete und sich ihre neuesten Fingermalereien zeigen ließ. Vielleicht war es einfach nur Neid, zu sehen, wie die beiden sich einen Dreck darum scherten, was die Welt über sie zu sagen hatte. Neid, weil sie einfach, mit welch gefährlicher Herausforderung auch immer konfrontiert, gelassen sagen konnten: Das kriegen wir auch noch hin. Hätte Artur so reagiert, wäre er an ihrer Seite gestanden, als Karin… aber für hätte und wäre war es für sie zu spät, schon lange.

~~~

„Gut, also wie kriegen wir das hin?“ forderte sie nachher Martin heraus, als sie kurz in sein altes, kahl geplündertes Zimmer getreten waren, um sich zu beraten. „Wir müssen das Ding sauber samt der Wurzel rausbekommen – eiternde Knochensplitter im Zahnfleisch können wir uns nicht leisten. Und eine Lokalbetäubung wird er auch brauchen, wenn nicht überhaupt eine Vollnarkose.“

Martin nickte bloß und ignorierte ihren Ton. „Der Chef hat jede Menge Sammelwerke in seinem Büro – ich schau mal, ob was zur Zahnmedizin dabei ist. Und ein paar Instrumente aus der Chirurgie werden sicher nützlich sein. Aber was das Spezialzeugs angeht…“

Anni nickte leicht abwesend; ihr war entgegen aller Wahrscheinlichkeit etwas Brauchbares eingefallen. „Ich lauf morgen nach meiner Schicht mal in die Invalidenstraße rüber. Ein Kommilitone von mir hat während des Studiums in die Zahnmedizin gewechselt – ich seh mal, ob ich mir von ihm ein paar Instrumente borgen kann. Keine Sorge“, setzte sie auf Martins skeptischen Blick hinzu. „Erstens erzähl ich ihm eh nichts, und zweitens ist der schon lange heimlicher Kommunist. Hatte deswegen schon ewig mit ihm keinen Kontakt mehr.“

Martin sah sie schräg an. „Aber jetzt ist er wieder gut genug, was?“

Anni, die sich ganz und gar nicht sicher war, ob Gernot ihr helfen werde, gab den Blick ungerührt und unbeschämt zurück. „Wenn’s um Otto geht, ja. Außerdem werde ich ihm nichts sagen, was ihn in Gefahr bringen könnte.“

Er sagte nichts dazu, doch statt des erwarteten Vorwurfs fand sie in seinem Gesicht einen gewissen, grimmigen Spiegel, eine gegenseitige Anerkennung, dass sie um Otto und Karins Willen beide noch ganz andere Skrupel aus dem Fenster werfen würden. Warm war diese Anerkennung nicht, aber immerhin ehrlich. Wärme konnten sie und Martin sich auch gar nicht leisten, dachte Anni bestimmt. Das fehlte noch, sich auch noch umeinander Sorgen machen zu müssen.

~~~

Die Zahnklinik in der Invalidenstraße lag gottlob wortwörtlich um die Ecke. Äußerlich war sie von den ständigen Luftangriffen schon um einiges stärker mitgenommen als die Charité. Das Dach war halb eingestürzt und die Fensterscheiben allesamt zerbrochen, die leeren Rahmen notdürftig mit Holz und Pappe geflickt.

Gernot Breuer empfing sie freundlich, aber zurückhaltend. „Anni Marquardt, wahrhaftig. Lange nicht gesehen.“

Sie machte den Mund auf, um ihn zu korrigieren, und ließ es spontan bleiben. Von den Lippen eines mittlerweile Fremden hatte der Name etwas fast Unbeschwertes an sich, das sie bei aller Bitterkeit auch mit etwas wie Sehnsucht erfüllte. Anni Waldhausen war ein gerade noch so funktionierendes Wrack, das entleert worden war von so vielem, was einst selbstverständliche Fracht gewesen war, und außer der trotzigen Liebe für zwei Menschen und einer Bilge voll stinkender Schuld noch nicht genug Neues enthielt, um diese Leere zu füllen. Für Anni Marquardt gab es noch sowas wie Hoffnung.

Sie zwang ihren Mund zu einem Lächeln. „Gernot. Wie geht’s?“

Er zuckte die Schultern und machte eine Handbewegung, die die zerbombte Klinik und das Zimmer mit den fast leeren Regalen ebenso meinen konnte wie den größeren Albtraum Berlins. Er sah aus wie so viele dieser Tage: dünn, nicht gerade sauber, erschöpft bis auf die Knochen. „Wie überall, nehme ich an. Wie drüben bei euch. Tut mir leid, wenn das unhöflich wirkt, Anni, aber ich habe viel zu tun und zum alte Zeiten aufwärmen gar keine Zeit. Was kann ich für dich tun?“

Immerhin hörte er aufmerksam zu, als sie ihm den Fall schilderte. „Herbringen kannst du den Patienten nicht?“ Auf ihr stummes Kopfschütteln und ihren ausweichenden Blick zögerte er kurz, bevor er hinzufügte: „Auch nicht nachts? Ohne Kartei, ohne Fragen?“

Er lehnte sich schon damit ein Stück aus dem Fenster, ohne dazu viel Grund zu haben. Anni sah ihn dankbar an. Früher, an der Uni, hatten sie öfter über Politik diskutiert, anfangs heftig, dann, als schon das bloße Diskutieren nicht mehr ohne Risiko war, hatte es sich allmählich verloren, bis dann der Kontakt ganz abbrach. Sie fragte sich unwillkürlich, wie viele einstige oder mögliche Freundschaften ihr so oder ähnlich verloren gegangen waren, ohne dass sie es gemerkt hätte. Wie viele gab es, die so dachten wie Martin und Otto; Menschen, die abwarteten, bis der Wahnsinn ein Ende hatte, die ihr bestes taten, einen schützenden Schirm über sich und die Ihren zu halten, die vielleicht nicht aufstanden und offen rebellierten, aber sich fest verankerten in einem stillen, abwartenden Widerstand?

Kurz überlegte sie sich sein Angebot, schüttelte dann aber wieder den Kopf. Es gab zu viele Risiken in so einer Aktion, zu viele Lücken und Momente, in denen die Entdeckung drohte. Wenn die falsche Person zur falschen Zeit am falschen Ort war und Otto sah… „Kannst du mir sagen, wie ich das selber mache?“

~~~

Nachts träumte sie von Paul Lohmann. Sie war bei der Voruntersuchung, im Patientennachthemd, Karin wieder in ihrem Bauch, der sich unter den Tritten von innen anspannte und verzerrte. Annis Füße saßen in den würdelosen Steigbügeln, und Lohmann beugte sich im Arztkittel über sie. Er schüttelte betrübt den Kopf, als er zwischen ihre Beine blickte. „Heimatschuss“, erklärte er mit krächzender Stimme. „Das muss weg.“

Anni versuchte vergeblich, ihre Beine schützend zu schließen; ihre Knöchel waren an den Beinlagerungen festgeschnallt. „Nein! Wo ist Professor Stoeckel? Sie sind doch gar kein Arzt!“

Er lächelte sie freundlich an, ein junger Soldat wie viele, wie Otto, obwohl sein Gesicht leichenblass war, die Lippen blau, die feinen Blutgefäße in der Sklera geplatzt, sodass das Weiße ganz rot aussah. Sein Hals war geschwollen, die Haut aufgeschunden vom Strick, der noch darum hing. „Das kriegen wir schon hin.“

Er hob die Hand, in der er eine ins Absurde vergrößerte Zahnzange hielt. Anni keuchte vor Entsetzen und versuchte sich aus dem Stuhl zu werfen, doch auch ihre Arme waren festgeschnallt. Immerhin stieß sie dabei gegen Lohmann, der torkelte und fast das Gleichgewicht verlor. Etwas Dickflüssiges spritzte widerwärtig warm über ihre nackten Beine.

„Oje.“ Lohmann blickte nach unten, wo dunkles Blut aus dem aufgebrochenen Beinstumpf quoll, und bedachte Anni dann mit einem tadelnden Kopfschütteln. „Jetzt haben wir die Bescherung. So ein Getue wegen dem kleinen Eingriff. Den Wasserkopf hat es sich selbst aufgesetzt, verstehen Sie? Also bitte…“

Er machte einen fast komisch anmutenden Hopser, dem ein neuer Blutschwall folgte. Wieder beugte er sich vornüber, die Zahnzange sorgsam geöffnet. „Gleich weg damit!“ verkündete er fröhlich.

Anni zerrte an den Fesseln, wand sich und kämpfte, was das Zeug hielt. Der Bauch schien mitzukämpfen, bis ans Äußerste verzerrt, heftig von innen an ihr ruckend und reißend, als wolle das Ungeborene auf eigene Faust entkommen. An den Fenstern pressten Kinder von außen Hände und Nasen gegen das Glas, sie schauten zu, es waren die aus dem Bus: blinde Kinder, in Krämpfen zuckende Kinder, fröhlich schielende Kinder.

„Ist gleich vorbei“, sagte der tote Soldat tröstend. Annie spürte den kalten Kuss der Zange an ihren Schenkeln und schrie.

Sie erwachte keuchend und nassgeschwitzt, mit hämmerndem Herzschlag. Von Lohmann träumte sie nicht zum ersten Mal, auch von den Kindern nicht, aber noch nie so. Ihr war, als könne sie das träge, schon halb geronnene Blut noch auf den Beinen spüren; angeekelt rieb sie sich über die Schenkel.

Im Arztzimmer war alles dunkel und still, bis auf Arturs gleichmäßigen Atem. Der Wunsch aufzuspringen und zum Dachboden zu rennen, um nach Karin zu sehen, war fast übermächtig. Anni zwang sich zur Vernunft, und ihren hektischen Atem in einen langsameren Rhythmus.

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Sie war zeit ihres Lebens daran gewöhnt gewesen, ihren moralischen Kompass für einigermaßen gefestigt zu halten. Selbstverachtung war ihr neu, ein Gefühl ohne Ausweg und ohne Nutzen. Sie war mit dem Glauben an Wiedergutmachung aufgewachsen – tat man etwas Falsches, so bemühte man sich eben ehrlich und nach Kräften, das wieder geradezubiegen, anstatt sich in effekthaschender Selbstzerfleischung zu ergehen. Hätte sie diese jüngere, ach so moralisch gefestigte Anni gefragt, es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, dass sie einmal einen Fehler machen könnte, der so verheerend war, dass kein Dagegenwirken möglich war.

Aber genau das hatte sie getan.

Die Kinder im Bus – gut, sie hätte sie nicht retten können. Es lag einfach nicht in ihrer Macht. Hätte sie mehr Aufhebens gemacht, hätte sie damit nur Karins Verderben erreicht, womöglich auch ihr eigenes. Trotzdem lagen sie ihr auf der Seele, sie und die gesichtslosen tausenden anderen, an deren Schicksal sie zu lange einfach nicht geglaubt hatte.

Bei Paul Lohmann war es anders. Sein Schicksal ließ sich nicht sauber aufteilen: So viel Verantwortung ging an Max de Crinis, so viel an sie. Sie wollte auch gar keinen Teil der Rechenschaft abgezogen haben. Lohmann war tot, es war ihre Schuld, und eine Wiedergutmachung würde es nie geben.

Sie konnte sich noch nicht einmal bei seinen Angehörigen entschuldigen, denn auch das geschähe nur aus Eigennutz. Sie konnte den Trauernden nicht unnützes Wissen auflasten, das für sie alles noch schlimmer machen, die Sinnlosigkeit und achtlose Grausamkeit seines Todes bloß ins Unendliche verschärfen würde, nur damit sie, Anni, sich das von der Seele geredet hatte. Nein. Sie konnte es nur mit sich tragen, sein blasses Gesicht und die Anklage darin. Die müde Floskel, die sie einst in der Kirche automatisch mitgemurmelt hatte, war unverrückbare Realität geworden. Confiteor quia peccavi nimis cogitatione, verbo, opere et omissione: mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa.

Ich bekenne, dass ich Gutes unterlassen und Böses getan habe; ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken: durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld.

~~~

Zähne ziehen ist kein Kunststück, hatte Gernot versichert. Seit den Zeiten, als das noch der Barbier oder der Dorfschmied gemacht hat, hat sich von der Betäubung mal abgesehen gar nicht so viel geändert.

Sicher hatte er recht, und es war überhaupt nichts dabei, bis man es einer halbgebackenen Psychiatrie- und Kinderärztin und einem Pfleger überlassen musste, die den Eingriff auf dem Dachboden eines bombenlädierten Krankenhauses heimlich mit schlecht und recht zusammengeklauten Hilfsmitteln über die Bühne bringen mussten, dabei ein quengelndes Kleinkind um die Beine streichen hatten und zwischen sich keinen gestrichenen Fingerhut voll an zahnärztlicher Erfahrung vorzuweisen hatten. Ach ja, und es durfte überhaupt nichts schiefgehen und sie konnten niemanden dazuholen, sonst würde ihr Patient womöglich samt Zahnweh am Galgen landen.

Kein Kunststück also.

„Verdammt, ich rutsche ständig ab“, stieß Anni gepresst hervor. „Leuchtest du mal mehr von oben her?“

Martin änderte den Winkel der Taschenlampe und wischte Anni nebenbei mit einem Tuch unaufgefordert den Schweiß von der Stirn. Unter ihrer Maske fühlte sich ihr ganzes Gesicht feucht an. Sie fragte sich, wie er es schaffte, dass sich seine Brillengläser trotz Maske nicht beschlugen.

„Du machst das schon. Winkel sieht nicht schlecht aus“, meinte Martin mit einem Seitenblick auf das aufgeschlagene Zahnheilkundebuch. „Bewegt er sich denn?“

„Ja, ‘n bisschen.“ Anni spürte, wie sich sofort wieder Schweiß nachbildete. Sie hatte die vage Vorstellung gehabt, dass man die Zange ansetzte und dann eben zog, aber anscheinend musste man vorher erst den Zahn ordentlich lockern – eine Prozedur, die ein barbarisch anmutendes Hin- und Herhebeln mit einem Spezialinstrument beinhaltete, um die Alveole zu erweitern.

Sie hoffte zutiefst, dass die Lokalbetäubung lange genug andauern werde. Immerhin hatte Martin die Procain-Spritze ruhig und kompetent gesetzt, und bislang schien sie zu wirken. Für nachher stand neben den paar geklauten Eukodal-Tabletten eine Flasche Cognac bereit, das musste reichen. Mit dem Kopf in den Nacken gelegt saß Otto still in dem alten Schaukelstuhl, den sie so weit wie möglich nach hinten gekippt und dann mit Keilen von beiden Seiten fixiert hatten. Er rührte sich nicht und hatte bisher auf Martins Fragen nach der Betäubungswirkung stumm den Daumen hochgehoben. Im Moment hatte er die Finger jedoch um die Stuhlkanten neben sich geklammert und starrte grimmig zu den spinnwebenverhangenen Dachbalken hinauf.

Anni konzentrierte sich auf den Zahn, das verfluchte Ding unten links. Natürlich musste es der hinterste Backenzahn sein, ein daumengroßes Ding, das sich von Ottos anderen Zähnen schon durch seine bräunliche Verfärbung abhob und anscheinend Wurzeln hatte wie eine Eiche.

„Gib mir den Elevator, ich heble noch mal nach“, erklärte sie und streckte die Hand aus. Martin reichte ihr das Instrument und sie ging erneut die Bewegung durch, die Gernot ihr gezeigt hatte: Druck aus dem Handgelenk mit dem Elevator, eine leichte Drehung mit der Zange, Gegendruck aus der anderen Richtung, das leicht übelerregende Nachgeben des Zahnfleisches, als metallene Instrumente und widerwilliger Zahn dagegen drückten. Die Zahnzange mit den angewinkelten Greifern des Zangenmaules kam ihr im Vergleich zu den Chirurgieinstrumenten ungeheuer primitiv vor, ein grobes Ungetüm von einem Gerät, mit dem man Nägel oder Zähne ziehen oder im Notfall jemand den Schädel einschlagen konnte.

„Jetzt müsste es gehen.“ Sie fasste fester zu, ignorierte ihr von all dem Gezerre und Gehebel schon schmerzendes Handgelenk, winkelte die Zange an und zog. Der Zahn bewegte sich zwar seitlich hin und her, doch die Wurzel saß nach wie vor fest. „Scheißding, blödes, komm schon“, keuchte Anni.

Von der anderen Seite des Dachbodens kam ein fragendes „Awa?“

„Schön weitermachen, Maus“, rief Martin halblaut über die Schulter zu Karin. „Du wolltest der Mama doch das ganze Schloss bauen, oder?“

Anni konnte nicht wegschauen, entnahm Karins zufriedenem Lallen aber, dass sie sich gottlob wieder ihren Bauklötzen zugewandt hatte.

„Wird schon“, sagte Martin über Ottos Kopf hinweg ruhig, obwohl sie dem Ende der Narkose mittlerweile gefährlich nahe sein mussten, und tupfte sorgsam etwas Spucke unter ihrer Hand weg. Anni ließ ihr Blickfeld auf den hell erleuchteten Zahn im geschundenen Zahnfleisch schrumpfen. Sie änderte noch einmal ihren Griff, sodass das Zangenmaul den Zahn so fest wie möglich nahe der Wurzel umschloss, faste fest zu und zerrte mit aller Kraftanstrengung nach oben.

Ein dumpfes Knacken ertönte, gefolgt von einem unterdrückten Schmerzlaut von Otto, und sie stolperte plötzlich einen Schritt zurück. Blinzelnd starrte sie auf die Zange in ihrer Hand, die das bräunlich-weiße Ding mit der langen gelblichen Wurzel umklammerte.

Nur eine Wurzel. Und der Zahn…

„Er ist durchgebrochen.“ Sie konnte die Bruchlinie sehen, beinahe hälftig durch. „Verdammt. Verdammt.“

Nur kurz begegnete Martins Blick dem ihren, sein Ausdruck hinter der Maske unlesbar, bevor er sich mit Tupfern in Ottos Mund zu schaffen machte. Die Wattebäusche färbten sich rasch rot. „Ich kann den anderen Teil sehen. Er steht raus – Anni, schnell. Mach nochmal. Den kriegst du auch noch.“

Sie trat wieder neben ihn, zwang sich, den gezogenen Teil sorgsam auf ein Stück Gaze zu legen, damit sie ihn nachher auf Splitter inspizieren konnten.

„Siehst du?“

„Nicht gut.“ Alles sah blutverschmiert und verwüstet aus. Martin presste einen Tupfer gegen das halbleere Loch, und als er das Blut aufsog, sah sie ihn, den zweiten Teil, kurz stach er gelblich aus dem Rot hervor.

„Durchhalten, Otto. Nur einmal noch, Anni. Du schaffst das“, sagte Martin erneut, als gäbe es auf der ganzen Welt keinen Grund zur Eile oder Sorge. Seine Fingerspitzen strichen wie beiläufig über Ottos Haar. Sie ließ seine Gelassenheit auf sich einwirken, nahm sie dankbar in sich auf, und plötzlich waren ihre Hände ganz ruhig. Sie setzte an, fasste den abgebrochenen Zahnteil, die Spitze des Zahnmauls fast in das Loch geschoben, atmete tief ein, ignorierte Ottos unterdrücktes Stöhnen und zog rasch und fest.

Kein Stolpern dieses Mal, bloß ein Ruck und ein Nachgeben, und dann stand sie da, die zweite Wurzel in der Zange gefasst.

„Wir… wir müssen überprüfen, ob wir alle Teile haben“, sagte sie. Ihre Stimme klang wie aus weiter Ferne, in ihren Ohren rauschte es. Sie legte den Zahnteil neben dem ersten ab, wandte und drehte beide auf dem Gazestreifen, stocherte daran herum und verglich und atmete auf. „Sieht wie ein sauberer Bruch aus.“

Martin war bereits mit neuen Tupfern über Otto gebeugt. „Lass uns noch im Zahnloch nachsehen.“ Er hielt ein Vergrößerungsglas über die dunkelrote Öffnung und tupfte alle paar Sekunden das nachsteigende Blut weg. „Kannst du mal leuchten?“

Anni übernahm die Taschenlampe. Tupfend und leuchtend starrten sie beide angestrengt in die Wunde, während Martin vorsichtig mit einem Wattestäbchen darin tastete. „Ich kann nichts finden. Du?“

„Nein.“

„Gut.“ Er richtete sich auf, zog sich die Maske ab und schnappte sich den Cognac, von dem er ein Glas füllte und es Otto an die Lippen hielt, seinen Hinterkopf mit einer Hand stützend. „Geschafft, Süßer. Deine Schwester ist ein interdisziplinäres Genie. Hier, spül mal schnell.“

Anni ließ sich auf eine Kiste sinken, zog ihre eigene Maske nach unten und konzentrierte sich aufs Atmen. Der Kosename, der ihr ansonsten wohl die Augenbrauen in die Höhe getrieben hätte, schwebte harmlos an ihr vorüber.

Otto richtete sich langsam und mit steifen Bewegungen auf. Martin, einen Arm um seine Schultern gelegt, half ihm beim Spülen und legte ihm dann noch einen sterilen Tupfer über das Zahnloch, um die Blutung zu stillen. Otto sah ein wenig aus wie Anni sich fühlte: zittrig, klamm verschwitzt, und blass.

„Von der Narkose war aber nicht mehr viel übrig, oder?“ fragte Martin. Otto brachte ein schwaches Grinsen zustande und wippte mit der Hand hin und her: Geht so, was wohl zu mindestens fünfzig Prozent geschummelt war.

„Es ging nicht schneller. Tut mir leid, Otto“, sagte sie schuldbewusst. Er zog den Mundwinkel auf der unversehrten Seite ganz leicht hoch und blinzelte ihr zu. Sie lächelte ebenso schief zurück.

Über seiner Schulter begegnete Martin ihrem Blick und nickte ihr leicht zu. „Ganze Arbeit geleistet.“ Er griff nach der Cognacflasche, nahm einen großen Schluck und reichte sie dann zu ihr hinüber.

Anni nahm sie nach kurzem Zögern entgegen. „Du auch“, entgegnete sie und trank. Der ungewohnte Cognac brannte sich ihren Hals hinunter und brachte sie fast zum Husten, doch dann breitete sich eine angenehme Wärme in ihrem Inneren aus. Sie spürte, wie die Anspannung endlich aus ihren Gliedern zu weichen begann. Sie ließ die hochgezogenen Schultern herabsacken und fing an, sich bewusst zu entspannen.

Es war erst später Nachmittag; die Sonne schien noch durch die Vorhänge und das Zeitungspapier am Panoramafenster. Es war ungewöhnlich warm für März, und die Geräusche der Stadt, die fast schon gewohnte Kriegshektik, zu der sich dieser Tage ein nervenaufreibendes Warten auf das Ende gesellte, waren gedämpft, weit unten und scheinbar Meilen entfernt von der erschöpften, seltsam geselligen Stille des Dachbodens. Sie saßen da, tranken Cognac, und Otto inspizierte den gezogenen Zahn mit übertrieben angewiderten Lauten. Karin kam zu ihnen herübergewackelt, ließ sich ebenfalls den Zahn zeigen und verursachte fast einen weiteren zahnmedizinischen Notfall, als sie prompt versuchte, ihn sich in den Mund zu stecken.

Lange blieben sie nicht sitzen. Es war wie immer zu gefährlich, und außerdem war deutlich, dass Otto keine Energie hatte. Sie versorgten ihn mit Schmerzmitteln und Martin manövrierte ihn trotz seiner genuschelten Protesten zu seinem Lager, während Anni die Instrumente und verbrauchten Materialien in ihrem Rucksack verstaute.

„Bleibst du heute Nacht da?“ fragte sie Martin, während sie sich noch neben Karins Bauklotzschluss hinhockte, um es gebührend zu bewundern. „Ich kann nicht riskieren, dass Artur wieder schnüffeln kommt, wenn ich die ganze Nacht ausbleibe.“

Martin nickte nur, als wäre die Frage überflüssig. Otto versuchte gerade schläfrig, ihn mit sich auf das Lager zu ziehen, den Kopf gegen seine Schulter sinkend, die Augen halb geschlossen. Martin murmelte ihm etwas zu, während er sich sanft befreite, wobei er Anni etwas verlegen ansah.

Sie räusperte sich und gab Karin einen Kuss. „Gut. Ich bring morgen früh Wasser, wenn ich kann.“ Nach kurzem Zögern beugte sie sich auch über Otto und küsste seine Stirn. Seine Lider hoben sich kurz und er blinzelte ihr müde zu. „Ruh dich aus. Und brüte uns ja keine Komplikationen aus, ja?“

Er murmelte etwas, was verdächtig nach „Jawohl, Frau General“ klang. Anni streckte ihm kurz die Zunge heraus.

Martin kam mit, um die Leiter hinter ihr nach oben zu ziehen, und Anni nutzte den Moment für eine Besprechung der Nachsorge. „Er darf erstmal nichts Festes essen… nichts, was in der Lücke stecken bleiben könnte. Brühe und Apfelmus und Rührei und sowas, hat Gernot gesagt.“

Martin sah sie an, als spräche sie plötzlich Russisch. Anni erwiderte den Blick mit unbewegter Miene, bis sie spürte, wie ihre Mundwinkel angesichts seines ungläubigen Ausdrucks doch zu zucken anfingen. „Ja, ich weiß. Erschieß mich nicht gleich, ich bin nur die Überbringerin.“

„Brühe“, sagte Martin in seinem trockensten Ton. „Lebt dieser Gernot in einem geheimen Schlaraffenland, von dem wir nichts wissen? Apfelmus.“

„Und Rührei“, kicherte Anni. Unwillkürlich lachten sie beide, ein unterdrücktes Lachen war es, weil sie schon an der Leiter standen, aber immerhin. Man musste wohl lachen, wenn man nicht heulen konnte.

Martin schüttelte den Kopf, noch immer schnaubend vor Lachen. „Heutzutage wäre Hummer einfacher aufzutreiben als Apfelmus. Na gut, ich schau morgen früh gleich mal, was ich noch so zum Tauschen finde.“

„Versuch’s damit“, sagte Anni und fischte etwas aus ihrem Arztkittel, das sie Martin in die Hand drückte. Verblüfft ließ er die goldene Kette sich entrollen, sodass die schwere Taschenuhr vor ihnen baumelte. Ein verirrter Sonnenstahl verfing sich in dem dunklen Gold und ließ es aufleuchten wie ein magisches Amulett aus dem Märchen.

Martin stieß einen anerkennenden Pfiff durch die Zähne. „Nicht schlecht. Wo haste die denn her?“

„Was denkst du denn?“

Er zog die Brauen hoch, nahm die Uhr in die Hand und besah sie sich genauer. „Sogar mit Gravur. Für Artur, in Liebe, Anni.

„Das lässt sich doch sicher abschleifen“, unterbrach Anni ihn unangenehm berührt.

Martins Mundwinkel zuckten unerwartet. „Sicher“ meinte er nur, steckte die Uhr ein und hielt ihr übertrieben höflich die Leiterenden fest. Während sie schon hinunterkletterte, neigte er sich plötzlich vor und setzte doch noch hinzu: „Weißt du was, Anni, wenn du nicht aufpasst, wirst du mir noch direkt sympathisch.“

„Ach, schleich di“, quittierte Anni das, ohne dass ihr der geplante bissige Ton ganz gelingen wollte, und sprang die letzten zwei Sprossen auf den Boden. Während die Leiter schon nach oben schwebte, hörte sie noch sein unterdrücktes Lachen.

~~~

Später würden die endlosen Wochen dieses Aprils in Annis Erinnerung ineinander überfließen wie die Körperflüssigkeiten der Kinder auf ihrer Station, ein übelerregendes Effluvium aus Blut, Eiter und Lymphe, mit dem sich Albträume und Bombendonner zu einem nie enden wollenden Gemisch des Grauens vermengten. Sie arbeitete zwölf, vierzehn, sechzehn Stunden dauernde Schichten, oft an Arturs Seite, in einem seltsam vertrauten Rhythmus, der einerseits etwas fast Tröstliches an sich hatte, andererseits einfach surreal war. Schließlich klappte die Zusammenarbeit so gut, weil sie sich so gut kannten: Sie konnte antizipieren, was er brauchte, und er wusste genau, welche Aufgaben er getrost ihr überlassen konnte. Und gleichzeitig war er ihr dieser Tage so fremd, dass sie manchmal, in der grimmig-hektischen Betriebsamkeit der Kinderstation, von irgendeiner wie automatisch verrichteten Tätigkeit wie aufschreckend hochsah und desorientiert war von dem Mann, der da neben ihr Wunden nähte, Knochensplitter entfernte, Verbrennungen versorgte. Ein schlanker Mann, gutaussehend, mit einem bereitwilligen Lächeln für seine kleinen Patienten, mit geübten, sanften Händen. Ein Mann, der keine unbequemen Fragen stellen wollte, keine unbequemen Bedenken zuließ. Wie so viele; wie Anni selbst, so lange. War er wirklich gewissenloser als sie oder einfach nur feiger?

Aber jede leise Regung, ihn verstehen zu wollen oder Ausflüchte für ihn zu finden, erstarb, als er sie bedrängte, ihm Karins Aufenthaltsort zu verraten. In seinem halb ärgerlichen, halb verletzten Gesicht, in dem sie so deutlich ablesen konnte, dass er sich selbst für die betrogene Partei hielt, auch jetzt noch, sah sie nichts, was ihr Vertrauen zu ihm hätte wiederherstellen können.

Monate lang war sie als Helferin und Verschwörerin auf den Dachboden gekommen, mit Vorräten, Wasser, Neuigkeiten. In diesen letzten Wochen, als draußen bereits die Schlacht von Berlin tobte, kam sie als Zufluchtsuchende. Sie floh zu Otto, der sich allmählich von der Zahnextraktion erholte und sich lachend mit Karin das letzte von vier Apfelmusgläsern teilte, die Martin irgendwie gegen alle Wahrscheinlichkeit ergattert hatte. Sie floh in die kleine, abgeschottete Welt unter dem Dach, die ganz und gar nicht sicher, aber trotzdem tröstlich war.

Vor allem aber floh sie zu Karin, die entschlossen mit allmählich sicherer werdenden Schritten durch diese kleine Welt tappte. Karin, die trotz der Unsicherheit und der vielen Gefahren der letzten Monate zu einem entschlossenen kleinen Persönchen heranwuchs; Karin, die Luftangriffe ohne Bunker überstanden hatte, ihr einziger Schutz die Arme und Gutenachtlieder ihres Onkels. Karin, die sich trotz allem geliebt wusste, die energisch in Martins Schoss kletterte oder Otto überallhin nachwackelte wie ein treuer Welpe, deren Gesichtchen jedes Mal wie die Sonne aufstrahlte, wenn sie Anni zur Tür hereinkommen sah. Anni lief ihr entgegen, schwang sie hoch, bis sie vor Freude quietschte, und drückte sie an sich. Sie spürte das warme kleine Gesicht in ihrer Halsbeuge und wusste, dass sie wenigstens diese eine Sache goldrichtig gemacht hatte, möge der Teufel auch den Rest holen.

Seltsam, wie sich, von einer einzigen Entscheidung ausgehend, ein ganzes Weltbild samt moralischem Kompass und verinnerlicht geglaubten Werten in redundanten Ballast auflösen konnte. Ballast, den sie jetzt, nach den Monaten des Bangens und Wartens, des Stehlens und Lügens, alles hinter der Fassade der braven Assistenzärztin, ohne Weiteres auf den Müll schmiss, ohne Reue, ohne Scham, ohne dass sich noch irgendwelche Schuldgefühle regten. Deswegen nicht. Die Entscheidung war richtig gewesen, ergo musste auch alles, was sich daraus ergab, richtig sein, und galt es auch, eine ganze frühere Identität dafür zu löschen. Quod erat demonstrandum, wie de Crinis immer so gerne von ihr gehört hatte. Der Ballast wog nichts, war entsorgbar, gänzlich wertlos, gegen Karins und Ottos Leben; auch Martins, es war Zeit, sich einzugestehen, dass er dazugehörte.

~~~

Und dann war es vorbei. Nach dem bangen Warten im Bunker, nach dem letzten Versuch der Annäherung mit Artur, als er ihr endgültig bestätigt hatte, wer er war; nach den angespannten Stunden der Angst um Ottos Leben trat Anni in ein Berlin hinaus, das nicht mehr ihnen gehörte, und dachte nur: Gottlob.

Gottlob, dass Otto lebte, dass der Krieg vorbei war. Gottlob auch, dass sie sich wegen Artur keine Sorgen oder Gedanken mehr zu machen brauchte. Der quälende kleine Zweifel, ob es für sie beide noch einen Funken Hoffnung gäbe, ob Karin doch noch mit einem liebenden Vater aufwachsen könnte, er war weg, in Asche erstickt wie Berlin. Sie fühlte einen Rest von Traurigkeit in sich, tief und grämend, vielleicht ein Teil von ihr, der bleiben würde. Vor allem aber fühlte sie sich seltsam erleichtert. Sie wusste nicht, ob sie nach allem, was sie ihrem Gewissen aufgeladen hatte, einen Neuanfang verdient hatte; aber verdient oder nicht, sie wollte ihn nutzen.

Neben ihr stapfte Karin durch die Trümmer und sah sich mit weiten Augen um, in denen mehr Neugier lag als Furcht. „Wada!“ stieß sie hervor und zeigte mit dem Finger nach oben. Anni folgte ihrem Blick und lächelte. „Das ist der Himmel, mein Schatz.“

~~~

Nach mehreren Monaten am Dachboden unmittelbar gefolgt von mehreren Wochen erzwungener Bettruhe im Bunker nach dem Bauchschuss war Otto nicht zu halten. Er konnte von freier Luft und freiem Himmel gar nicht genug bekommen, auch wenn beides vorerst noch erheblich von Staub und Brandgeruch beeinträchtigt war und sein Bewegungsfreiraum sich – unter strenger Aufsicht von Anni und Martin – erstmal auf die Trümmerhaufen rund um die Charité beschränkte.

Auf einem solchen Ausflug zwischen Aufräum- und Stationsschichten, den Anni unter Zusammenkratzen ihrer nicht gerade beeindruckenden Rationen kurzerhand zu einem Picknick erklärt hatte, traute sie sich dann doch noch an das Gespräch heran, das sie so lange vermieden hatte.

Geplant hatte sie es nicht. Sie und Otto saßen auf einem Stapel von als möglicherweise wiederverwertbar eingestuften, nur leicht angekohlten Holzbalken. Sie tranken verwässertes Bier und kauten Stullen mit einem fast imaginären Hauch Kunstfett drauf, während sie zusahen, wie Martin ein paar Meter entfernt Karin beim Erklettern eines kleinen Treppchens zu einem Seiteneingang die Hand hielt. Die Kleine, die Treppen erst vor kurzem entdeckt hatte und sie offenbar für das genialste Phänomen ihrer plötzlich gewaltig erweiterten Welt hielt, quietschte bei jedem wackeligen Erklimmen einer Stufe vergnügt.

Martin ließ sich geduldig auf ihre Erkundungskletterei ein, auch als sie darauf bestand, zum fünften Mal von vorne anzufangen. Er lächelte nur, schwang sie vom oberen Treppenabsatz wieder auf das zerborstene Straßenpflaster, fasste erneut ihre kleine Hand, und sagte: „Dann mal los!“

Anni musterte ihn nachdenklich und stellte ohne besondere Überraschung fest, dass das leichte Gefühl von halb feindseliger Befremdung ihm gegenüber, das ihr so lange zur Gewohnheit gewesen war, sich unbemerkt aufgelöst hatte. Ob es an der Notwendigkeit des gegenseitigen Vertrauens während der letzten Wochen auf dem Dachboden lag oder an den Geschehnissen am Tag der Übernahme, als sie beide an Ottos Bett abwarteten und sie Martins verheultem Gesicht die Tiefe seiner Gefühle auf schmerzhaft offensichtliche Weise ablesen konnte, sie sah ihn jetzt anders. Was immer sonst Martin Schelling sein mochte, er war standhaft und treu, ein seltener Fund.

Sie warf einen raschen Seitenblick zu Otto, der die Treppeneroberung mit einem liebevollen Grinsen beobachtete, und kurz durchfuhr sie ein kalter Stich der vertrauten Angst. Angst um Otto, der oft so unbedacht und offen mit seinen Gefühlen war, dem so viel aus dem Gesicht abzulesen war. Angst, dass er im falschen Moment so lächeln könnte, wenn kein niedliches Kleinkind dabei war, dem die offensichtliche Zuneigung in seinen Augen zugeschrieben werden konnte.

Sie kämpfte das Gefühl mit Mühe nieder. Sowas führte zu nichts. Sie musste darauf vertrauen, dass er erwachsen war, dass es bis jetzt gut gegangen war, dass man sich zumindest auf Martins Instinkt zur Vorsicht verlassen konnte. Zumindest wenn Otto nicht gerade mit einem Bauchschuss kämpfte.

Sie räusperte sich. „Du, sag mal… war das eigentlich schon immer so für dich?“

Auf seinen überraschten Blick nickte sie kurz zu Martin hin. „Du weißt schon. Mit den Jungs.“

Er war erstmal ungewohnt still. Anni starrte fix auf ihre verschränkten Finger und bereute die Frage schon halb, als er zögernd sagte: „Ja, schon.“ Eine weitere Pause, dann setzte er hinzu: „Wirklich gemerkt hab’ ich es erst so mit vierzehn. Als ich von dem ganzen Quatsch in der HJ von wegen gesundem Jugendkörper und Kameradschaft in der Natur eigentlich nur mitbekommen habe, dass ich von Werner Koch ganz klar mehr wollte als Kameradschaft.“ Er grinste etwas verlegen.

„Der Sohn vom Bürgermeister? Himmel, du hast doch nicht…“

Otto seufzte etwas genervt. „Nein, Anni, stell dir vor, ich bin nicht so blöd, wie du das denkst. Ich hab’ den Kopf immer schön unten gehalten.“

„Ich meinte nur…“

„Ich weiß.“ Er versetzte ihr einen kleinen Schulterstoß. „Ich weiß auch, wie man aufpasst.“

Sie dachte zurück an die Zeit vor zehn Jahren, als sie zugegebenermaßen mit ihrem kleinen Bruder nicht viel zu tun haben wollte. Trotzdem, gemerkt hatte sie nie was. Sie versuchte es sich vorzustellen, die Bürde eines solchen Geheimnisses auf solch jungen Schultern, uneingestehbar, aber immer präsent, und scheiterte gründlich.

Sie musste schlucken. „Du warst also immer allein damit?“ Es zog sich schmerzhaft in ihr zusammen bei dem Gedanken – Otto, der Sonnenschein im Haus, vielleicht gerade deshalb so ablenkend strahlend, weil es so einen grundlegenden Bestandteil seines Selbst zu verstecken galt, zehn Jahre lang und länger.

„Ich war dran gewöhnt.“

„Das macht es nicht besser“, hielt sie dagegen. Er zuckte mit den Schultern.

„Ich wollt’s dir auch schon früher sagen. Zumindest als wir beide einigermaßen erwachsen waren und uns besser vertragen haben. Aber dann hast du angefangen, mit Artur auszugehen, und der war… naja, es kam mir nicht mehr sicher vor.“ Er sah sie entschuldigend an, obwohl er ja recht hatte. Seine Instinkte bezüglich Artur waren immer schon richtig gewesen.

Anni senkte den Kopf. „Ich hab’s falsch gemacht, Otto. So vieles. Es tut mir leid.“

Er widersprach ihr nicht, aber sein Lächeln war ohne Vorwurf und warm wie immer. „Du machst es ja jetzt richtig. Mit Karin. Mit uns.“

Das „Uns“ löste eine gänzlich unerwartete Freude in ihr aus – dass sie dazugehörte, irgendwie, trotz allem.

Trotz allem… die Erinnerung legte sich über die Freude, und mit ihr kam Schuld, schwer und unerbittlich, und mithin schon vertraut. „Für Paul Lohmann ist das zu spät.“

Ottos Ausdruck verdunkelte sich. „Für den, ja.“

Eine Weile schwiegen sie beide. Anni war ihm dankbar, dass er sich nicht an einer Absolution versuchte, die es nicht gab und nie geben konnte. Die kalte Bürde dieser Schuld war ihr Eigentum, untilgbar und unverpfändbar.

Sie sahen wieder zu Martin und Karin hinüber und ihr fiel etwas ein.

„Wie nenn ich ihn jetzt eigentlich?“ hakte sie nach.

Bei einem Mädchen hätte sie einfach „sein Mädel“ gesagt, oder „seine Freundin“; in diesen Zeiten wohl auch schon schnell „Verlobte.“ Zu Ersterem schien es kein Gegenstück zu geben, „sein Freund“ klang gleichzeitig zu normal und zu komisch. Sein Liebhaber? Das klang nach einem Billigroman aus dem falschen Genre.

Otto lachte sich auf diese Erklärung hin erstmal prompt kaputt und klopfte ihr dann auf die Schulter. „Ist doch ganz einfach, des is mei Gspusi,“ erklärte er grinsend, bevor er sich ihrer erbarmte und eine Spur ernster wurde. „Mein Freund ist schon in Ordnung“, sagte er, legte ihr kurz den Arm um die Schulter und drückte sie an sich. „Oft wirst du eh keine Bezeichnung brauchen, bei unseren tollen Gesetzen.“ Er sah zu Martin hinüber, der sich gerade über Karin neigte und sie unter dem Kinn kitzelte. „Aber eigentlich ist er einfach mein Martin.“

Anni sah, wie sein Gesicht sich veränderte; sah den weichen Zug um seinen Mund und die Wärme in seinen Augen, und spürte, wie sich etwas in ihr verschob, ein kleines bisschen nur, aber Teil einer Bewegung, die sich schon seit einer Weile in ihr abspielte, langsam und etwas schmerzhaft, nicht ganz freiwillig. Aber gut; im Ganzen gut.

„Ich bleib mal bei dein Freund“, erklärte sie, nur um die Worte für sich auszuprobieren. Mein Bruder und sein Freund.

Sie nickte, mehr zu sich selbst als Otto. „Das passt schon.“

FIN

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