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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2024-10-25
Words:
1,843
Chapters:
1/1
Comments:
9
Kudos:
12
Hits:
85

In der Ferne

Summary:

Sie sind in Kassel und es gibt nur ein Bett.

Work Text:

„Wir haben nur noch dieses eine Doppelzimmer.“ Die Dame an der Rezeption hatte den Eindruck gemacht, als befürchtete sie, sie würden sich nach dieser Information ein anderes Hotel suchen. Als hätten sie dafür noch Muße gehabt.

Anna hat einen Blick mit Brix gewechselt, der auch nur mit den Schultern gezuckt hatte, ungefähr so entnervt aussah, wie sie sich gefühlt hat, und dann den Schlüssel genommen.

Jetzt steht sie hier in besagten Hotelzimmer, lässt ihren Blick schweifen. Bett, Tisch, Fernseher, Badezimmer. Das Nötigste, was man braucht, um ein paar Tage mit Arbeit in einer fremden Stadt zu verbringen, und trotzdem mal abschalten zu können.

Brix scheint die Aufteilung des Zimmers komplett egal zu sein, als er sich an ihr vorbei schiebt, seine Tasche auf den Boden fallen lässt und sich mit einem Seufzer aufs Bett.

Gut, damit wäre geklärt, wer welche Seite bekommt. Ist ihr eigentlich eh ziemlich egal, so lange sie in einem Bett schlafen kann.
Anna stellt ihre Tasche weniger schwungvoll auf dem Bett ab, bevor sie ihre Waschtasche rauskramt und sich ins Bad verzieht.

 

Während Brix nach ihr das Bad besetzt, verkriecht sie sich unter ihrer Bettdecke, rollt sich auf der Seite zusammen, will gerade einfach nur schlafen und bis morgen früh nichts mehr tun müssen.

Natürlich hat ihr Kopf mit dem Vorhaben ein Problem. Hat er seit der Sache mit dem Turm, warum sollte es jetzt anders sein. Immerhin wird die Narbe mittlerweile komplett von ihren Haaren verborgen. Dass sie seitdem auf der linken Seite schlafen muss, wo sie vorher ihr Leben lang auf der rechten Seite schlief, macht trotzdem ein Problem.
Vor allem wenn ihr dort die Nachttischlampe in die Augen scheint.

 

 

Paul löscht das Licht im Bad hinter sich und bleibt kurz in der Tür stehen.

Janneke hat sich ohne große Umschweife bettfertig gemacht, nachdem sie das Zimmer beziehen konnten. Jetzt hat sie sich fast komplett unter ihre Bettdecke verkrochen, als wäre es kalt in diesem Zimmer. Er kann gerade noch ihre Haare erkennen, die über den Rand hervor blitzen.
Aber vielleicht ist das auch nur ein Versuch, der Helligkeit seiner Nachttischlampe zu entfliehen.

Die Theorie bestätigt sich als er auch dieses Licht löscht und unter seine eigene Decke schlüpft. Im Halbdunkeln kann er erkennen, wie Janneke ihre Decke ein wenig zurückschlägt.

„Nacht“, nuschelt sie noch, als hätte sie nur darauf gewartet, dass er neben ihr liegt, mehr in ihr eigenes Kissen als an ihn gerichtet, und er muss schmunzeln.

„Gute Nacht“, erwidert er, aber ob sie das noch hört kann er nicht sagen. Hört nur noch ihre Atemzüge in der Dunkelheit gleichmäßiger werden.

Er schaut noch ein paar Sekunden in ihre Richtung, bis sich seine Augen komplett an die Dunkelheit gewöhnt haben. Sie sieht friedlich aus im Schlaf, so ganz anders als noch vor wenigen Stunden.

Plötzlich hat er das dringende Bedürfnis seine Hand über die kurze Distanz zwischen ihnen auszustrecken, ihr die eine Locke aus dem Gesicht zu streichen, die sich dort gerade verirrt.

Stattdessen dreht er sich auf den Rücken und starrt an die Decke. Wartet darauf, dass der Schlaf auch zu ihm kommt. Aber das geht auch unter normalen Umständen nie so schnell. Wie sollte es jetzt schneller gehen? Jetzt wo Anna direkt neben ihm liegt. Und er muss dringend an was anderes denken, bevor er etwas unüberlegtes tut.

 

 

Das erste was Anna mitbekommt, als sie aufwacht, ist, dass sie nicht allein in dem Bett liegt. Das Zweite ist der Arm, der über ihrer Körpermitte liegt. Dann öffnet sie ihre Augen und ah ja sie befindet sich gar nicht in ihrem eigenen Bett in Frankfurt, sondern mit Brix in Kassel.

Brix, dessen Gesicht ihrem so nah ist, dass sie ihre Kopf ein paar Zentimeter zurückziehen muss.

Sie ist sich ziemlich sicher, dass sie nicht so eingeschlafen sind.

Für einen kurzen Augenblick schließt sie ihre Augen wieder, versucht noch etwas länger in diesem Moment zu existieren. Es ist schon viel zu lange her, dass sie nicht allein aufgewacht ist, und es ist schön, fühlt sich richtig an, als müsste ihr Tag genau so anfangen.
Aber sie ist zu wach, um das lange auszuhalten, muss ihre Augen wieder öffnen.

Sie schiebt ihre Hände unter ihren Kopf, betrachtet Brix für eine Weile, im sanften Licht der Morgensonne. Ein Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus. Es fühlt sich gut an hier so zu liegen, neben Paul, den sie vielleicht doch auch duzen kann. Wenn sie mal fragt.

Annas Finger kribbeln mit dem Bedürfnis durch sein Haar zu streichen, das vom Schlaf etwas zerzaust ist. Aber sie will nicht riskieren, ihn damit aufzuwecken, diesen Moment zu beenden. Außerdem hat sie ihn noch nie so entspannt gesehen, wie jetzt während er schläft.
Mit einem leisen Seufzer dreht sie sich auf den Rücken und starrt die Zimmerdecke an.

Gedankenverloren lässt sie ihre Finger über seinen nackten Unterarm gleiten, der immer noch auf ihrem Bauch liegt, bis er sich neben ihr regt. Schlaftrunken näher rückt und sein Gesicht gegen ihren Oberarm schiebt.

Daran könnte sie sich gewöhnen…

Gerade als sie sich wieder zu ihm drehen will, scheint er zu registrieren, was er da tut. Viel zu plötzlich ist sein Arm verschwunden, hat er so viel Distanz zwischen sie gebracht, wie es in diesem Bett möglich ist, ohne es zu verlassen.

„'Tschuldigung. Das war… keine Absicht“, hört sie von ihm, seine Blick angestrengt an die Zimmerecke gerichtet.

Und das tut weh.

Aber warum sollte es auch Absicht sein. Das hier ist immerhin Brix. der sie auch allein im den scheiß Krankenhaus gelassen hat, nachdem sie eindringlich darum gebeten hat, dass er bleibt.

Gut, als er wiederkam wirkte er sehr glücklich sie zu sehen, hat dafür gesorgt, dass sie nicht länger bleiben muss. Von all den anderen Tagen seitdem ganz zu schweigen. Aber all das bedeutet offensichtlich rein gar nichts.

Ihr Gesicht fühlt sich heiß an, ihre Augen brennen, und sie kann hier jetzt nicht die Fassung verlieren. Dafür hat sie nicht die Zeit, auch wenn sie sich so viel lieber unter der Bettdecke verkriechen und den ganzen Tag dort verbringen würde. Stattdessen schwingt sie sich aus dem Bett und verschwindet ins Bad.


Paul würde diesen ganzen Tag sehr gerne aus seinem Leben streichen. Die Zeit zurückdrehen, und nochmal anfangen. Mindestens seit heute morgen, besser vielleicht Gestern schon anfangen.

Dabei fing der Tag so gut damit an, dass er nicht allein in seinem Bett aufwachen musste. Doof nur, dass sein Unterbewusstsein im Schlaf scheinbar genau das getan hatte, was er gestern Abend noch zu unterdrücken versucht hatte.

Und eigentlich war es schön, hat es sich richtig angefühlt so nah bei Anna zu sein. Fühlt sich immer richtig an, aber bisher durfte er das nie als erstes Morgens genießen.

Ihrer Reaktion nach zu Urteilen, findet Anna jedoch das genaue Gegenteil.

Die betonte Entspanntheit, mit der sie ihm den ganzen Tag entgegen kommt, tut weh. Aber sie haben keine Zeit darüber zu reden. Und wenn doch mal ein paar Minuten Zeit sind, sind sie nicht allein. Anna scheint alles daran zu setzen nicht mit ihm allein sein zu müssen.

Und jetzt stehen sie wieder in diesem Zimmer, Anna starrt auf das Bett, als würde es ihr absolut widerstreben noch eine Nacht darin zu verbringen. Neben ihm.

„Okay, können wir darüber reden?“, fragt er endlich und sie zuckt geradezu zusammen als er eine Hand dabei auf ihre Schulter legt.

„Worüber reden?“, erwidert sie, ihre Stimme kaum hörbar. Dass sie ihre Arme vor sich verschränkt, als müsste sie sich selbst festhalten, passt irgendwie nicht zu dem Rest des Tages.

„Heute Morgen.“ Er kann geradezu spüren, wie sie ihre Augen schließt, auch wenn er nur ihren Hinterkopf anschauen darf. „Ich mein, mir is schon klar, dass du's nich so angenehm fandest, aber-“

Die Geschwindigkeit, mit der sie sich zu ihm umdreht, lässt ihn verstummen. Seine Hand rutscht von ihrer Schulter und baumelt hilflos neben ihm.

Sie schaut ihn irritiert an. „Du glaubst ich fand das unangenehm?“

„Äh… ja?“ Paul runzelt die Stirn, versucht die Ereignisse des Morgens zu ordnen. Aber alles woran er denken kann, ist das Gefühl von Leere, als sie die Badezimmertür hinter sich geschlossen hat. „Du bist doch geradezu ins Bad geflohen.“

Du hast dich doch direkt wieder zurückgezogen, als wäre-“, Anna stockt, und er kann geradezu sehen, wie sie versucht, nicht zu viel zu sagen. „Du hast doch direkt den größtmöglichen Abstand aufgebaut.“

Paul blinzelt, öffnet den Mund, um etwas zu erwidern, muss ihn aber direkt wieder schließen, weil er keine Worte findet. Sein Gehirn braucht zu lange um das Gesagte komplett zu verarbeiten.

Und natürlich hat sie recht, wie hat er das eigentlich vergessen können? Wenn seine erste Reaktion am Morgen das war, ist ihre Reaktion komplett nachvollziehbar.

„Du… fandest es nicht unangebracht?“, fragt er sicherheitshalber trotzdem nochmal nach.

Sie zuckt mit den Schultern. „Ist doch jetzt auch egal.“
Mit diesen Worten läst sie sich auf dem Fußende des Bettes nieder, als hätte sie keinerlei Energie mehr für irgendetwas.

„Anna“, sagt er nur, geht vor ihr in die Hocke, weiß nicht was er mit seinen Händen machen soll. Er würde ihre gern festhalten, aber die knetet sie gerade in ihrem Schoß, während sie auf den Boden vor ihren Füßen schaut.
"Mir ist es nicht egal", flüstert er, weil es die Wahrheit ist, weil ihm nie irgendetwas egal ist, wenn es um Anna geht.

Als Antwort hebt sie ihren Kopf, legt ihn in den Nacken und holt Luft, bevor sie ihn wieder senkt und ihre Blicke sich endlich treffen.
„Nein, ich fand es nicht unangenehm“, sagt sie endlich, und Paul weiß, das Lächeln, das sich auf seinem Gesicht ausbreitet, gleicht mehr einem Grinsen. Aber das ist egal. Anna fand es angenehm so aufzuwachen.

 

 

Anna weiß nicht, ob sie Paul jemals so erleichtert gesehen hat. Sie spürt ihre eigenen Mundwinkel sich nach oben ziehen, angesteckt von seiner Freude.

„… ich fand's eigentlich sehr schön“, fügt sie hinzu.

Paul senkt seinen Blick, holt ein paar mal tief Luft, als versuche er sich selbst zu beruhigen, heftet seinen Blick auf ihre Hände bevor sie in seine nimmt, sanft zudrückt und ihre Finger miteinander verschränkt.

Er hebt seinen Blick wieder, und das Licht, das durch die Fenster scheint, lässt das grün darin viel strahlender wirken, als es das sonst tut.

„Also kann ich das einfach jetzt … immer machen?“, fragt er nach, als müsste er immernoch sicher gehen, dass sie nicht aneinander vorbei reden.

Die Vorstellung nicht mehr allein aufwachen zu müssen, lässt Annas Herz noch schneller schlagen, als es das ohnehin schon tut. Sie kann nur ein zustimmendes Geräusch von sich geben, während er sie näher zu sich zieht.

„Und das auch?“

Den Kuss hat sie kommen sehen. Erwidern kann sie ihn trotzdem nicht, viel zu schnell sind seine Lippen wieder fort. Sie öffnet ihre Augen, blinzelt kurz, seine Stirn lehnt sacht gegen ihre, hindert sie daran ihn ordentlich anschauen zu können, ist trotzdem nicht nah genug.

Anna löst sanft eine Hand aus seinem Griff, fährt damit durch sein Haar, lässt sie in seinem Nacken liegen. Ihr Daumen streicht über seine Wange.

„Das ist absolut in Ordnung,“ bestätigt sie, bevor sie ihn zu sich zieht, um ihn zu küssen.