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Der Geruch steigt dem Wesen sofort in die Nase, als es sich aus der Dämmerung manifestiert, noch bevor seine Hufe den Boden berühren. Überreifer Holunder, bitter-wässrig und kühl in der Nase. Darunter liegt der feuchte, waldmodrige Geruch von Farn, der abseits der Wege den Boden bedeckt, durchbrochen nur von den hohen Holundersträuchern und an den Rändern von Schafgarbe und Schierling, die filigranen Blütendolden ein trügerischer weißer Schleier über dem Grün.
Ein sehr mächtiger Ort, dieser Siebensprung. Für einen Drei- oder Viersprung hätte das Wesen vermutlich jemand Geringeren geschickt.
Interessiert sieht es sich um, dreht den schweren Kopf mit den gewundenen Hörnern leicht zur Seite.
Der, der ihn gerufen hat, steht breitbeinig und mit hinter dem Rücken verschränkten Händen an der Mündung eines der Wege. Eine entschlossene, forsche Haltung, doch sein Geruch verrät seine Angst, scharf und stechend über dem Geruch der am Baum vergärenden Holunderbeeren.
Er ist gut vorbereitet. Ein geringeres Wesen könnte dem Bannkreis um den Siebensprung nicht entkommen, könnte das Menschlein noch nicht einmal berühren dank des schweren Silberkreuzes, dessen geweihte Kraft unter der schwarzen Kleidung hervordringt.
Doch er hat weit oben angeklopft und gegen das Wesen, das nun vor ihm steht, hätte er keine Chance.
Zu seinem Vorteil ist er hübsch, denkt das Wesen beiläufig, lässt den Blick über das sandfarbene Haar, die stechend blauen Augen, den kantigen Kiefer gleiten und über die breiten Schultern und die Brust, die unter seinem Blick dennoch erschauern.
„Du hast mich gerufen.“
Das Menschlein hebt das Kinn. Trotzig wie ein Junges, das er nicht mehr ist, da sind schon die ersten grauen Haare, feine Linien, wo einst Falten sein werden.
„Was ist dein Begehr?“
„Ich will das Glück des Teufels.“
Mit Mühe unterdrückt das Wesen ein Seufzen. Der Teufel beherrscht die Gedanken und Vorstellungen der Menschen wirklich penetrant, dabei wäre für ihn ein Dreisprung mehr als ausreichend gewesen. Das Glück des Teufels, diesen dunklen Segen mit dem furchtbaren Preis, ersehnen so viele, egal, wie schlecht der Handel in Wirklichkeit ist.
„Du weißt nicht, wovon du sprichst.“
„Doch.“ Die Stimme wird kräftiger. „Ich will, dass mir alles gelingt und nichts von dem, was ich tue, mir zum Schaden gereicht.“
Das kann das Wesen ihm geben und ihn in dem Glauben lassen, er habe einen Pakt mit dem Teufel geschlossen…vorerst jedenfalls.
„Du weißt, dass es nur für begrenzte Zeit ist?“
Das Menschlein schluckt tapfer. „Zehn Jahre.“
„Ich gebe dir fünfzehn“, schlägt das Wesen sanft vor. Fünfzehn Jahre werden genug sein, um diesen Menschen reifen zu lassen – die Kanten seines Gesichts zu schärfen, seinen Körper an die Welt zu gewöhnen und danach zu formen, Haar und Bart den jugendlichen Gelbstich verlieren zu lassen. Auch in fünfzehn Jahren werden diese Augen nicht trüb werden. „Und danach hole ich dich. Ist es dir das wert?“
Ein trotziges Schulterzucken. Oh, er ist so jung. „Meine Seele wird sich mehr holen, als das Höllenfeuer ihr nehmen kann.“
Gläubig ist er also. Gläubig und zweifelnd, hadernd, seine Wünsche und Sehnsüchte im ewigen Streit mit dem, was seine Kirche ihm erzählt. Das Wesen lächelt. Seine Seele? Die leuchtet aus seinen Augen, eisblau und strahlend, brennend in der Kälte ihres Lichts. Und sie klingt nach Wasser auf dem blanken Stahl der Menschen, riecht nach Weihrauch. Schmeckt nach…etwas Süßem, Warmem, etwas, das selbst in dem Wesen die Sehnsucht nach Zuhause und einer liebevoll zubereiteten Mahlzeit weckt.
Das Wesen blinzelt, als es spürt, wie sich in ihm ein Name formt.
„Rein aus Interesse…was wirst du damit tun?“
„Feiern, wann ich will. Gehen, wohin ich will. Tun, was ich will…vögeln, wen ich will.“ Das Letzte sagt er mit einem halben Grinsen, der Weihrauch plötzlich durchwirkt mit dem verlockenden Duft menschlicher Lust. Das Wesen bläht unwillkürlich die Nüstern.
„Fünfzehn Jahre also?“
„Fünfzehn Jahre.“ Die Stimme klingt fester, als der noch immer in der Luft liegende Angstgeruch es erwarten ließe.
„Dann komm her.“
Der Mensch tritt näher.
„Dein Name?“
„Karow…Robert Karow.“ Der Vorname kommt verzögert, als hätte der Mensch ihn fast vergessen. Karow also. „Und deiner?“
Die Stränge des Schicksals ziehen sich auseinander, formen einen festen Knoten, der diesen Menschen mit dem Wesen verbindet. Andere Strangenden verschwinden noch in der Dunkelheit, auch wenn da irgendwo etwas sein muss, an dem sie hängen... Aus dem Knoten formt sich ein Wort, der Name, der dem Wesen von der Zunge rollt.
„Vincent.“
Vincent, das Wesen, nimmt Karows Gesicht zwischen seine großen, klauenbewehrten Hände, bewegt ihn so, wie er es braucht. Neigt sich über ihn, der Schatten der Hörner schwarz auf diesen hellen Augen.
Und küsst ihn.
Die Formen ihrer Lippen sind nicht füreinander gemacht und passen doch perfekt aufeinander, mühelos erzwingt Vincents Zunge ihren Weg in Karows Mund, leckt hinein, um sich an dem Geschmack zu ergötzen.
Vincents scharfe Zähne durchtrennen die empfindliche Haut ihrer Lippen. Karow zischt schmerzerfüllt auf, als sein Blut hervorquillt, sich mit Vincents mischt, ihre Zungen unwillkürlich darüberlecken. Der mächtige Geschmack nach Eisen breitet sich in ihren Mündern aus, rinnt durch ihre Kehlen.
Der Pakt ist besiegelt. Bedauernd lässt Vincent Karow wieder los.
„Wir sehen uns in fünfzehn Jahren.“
Der Mensch sieht mit weit aufgerissenen Augen hoch und stolpert rückwärts, als wollte er vor seiner eigenen Tat fliehen – die einzige in den kommenden fünfzehn Jahren, die Konsequenzen haben wird.
Das Wesen lächelt, das Blut dunkel auf scharfen Zähnen und Lippen, dunkel wie sein Fell, seine Klauen, seine Hörner, ehe es verschwindet und nur noch ein Hufabdruck im Staub darauf hinweist, dass es je dagewesen ist.
