Chapter Text
Cottas Telefon klingelte am frühen Morgen und riss ihn aus dem Schlaf. “Cotta.”, meldete er sich und setzte sich auf. Vor seinem Fenster ging gerade die Sonne auf.
Es war sein einziger freier Samstag diesen Monat und er hatte sich auf etwas mehr Schlaf, ein ruhiges Frühstück und längst überfällige Gartenarbeit gefreut.
“Das ist besser wichtig.”, setzte er also knurrend hinterher. Ganz ernst meinte er das nicht, immerhin war es seine private Nummer, die hier angerufen worden war.
“Sorry, dass ich dich störe.”, ertönte Goodweens Stimme, “Aber ich habe hier etwas, das dich interessieren wird.” Cotta stöhnte theatralisch und ließ sich die Adresse geben.
Er brauchte eine Weile, bis er in Marina del Ray ankam. Goodweens Streifenwagen parkte am Straßenrand und Cotta stellte sich einfach dahinter. Ein älterer Spaziergänger mit kleinem Hund an der Leine beäugte ihn argwöhnisch.
Die Mietskaserne wirkte heruntergekommen, die ganze Gegend eher auf dem absteigenden Ast. Während er noch die richtige Hausnummer suchte, kam Goodween um die Ecke des Häuserblockes. “Hier.”, sagte der jüngere und drückte Cotta einen Pappbecher in die Hand. Der verführerische Duft von frischem Kaffee stieg ihm in die Nase. “Danke.”, sagte er.
“Es handelt sich um einen Einbruch. Gestohlen wurde nichts oder zumindest nichts Wertvolles. Bei dem Chaos, das in der Wohnung herrscht, bin ich mir nicht sicher, ob alles Fehlende sofort auffallen würde.” “Der Einbrecher hat etwas gesucht?”, fragte Cotta. Goodween schüttelte den Kopf.
“Nein. Mr. Osborne und seine Lebensgefährtin wohnen nur etwas … wilder.” Cotta dachte an das Chaos auf seinem Schreibtisch und schwieg.
“Was an der Sache eigentlich interessant ist, ist ein Kunstwerk, dass Mr. Osborne in seiner Wohnung hat.” “Wertvoll?” “Vielleicht. Kann ich noch nicht sagen, aber es scheint sehr limitiert zu sein. Deswegen ist es umso merkwürdiger, dass ich letzte Woche bereits eines davon gesehen habe. Ebenfalls bei einem Einbruch, bei dem nichts Nennenswertes gestohlen wurde.”
Cotta nahm einen Schluck Kaffee und verstand nun endlich, warum Goodween ihn um seinen freien Tag brachte. Ein wirkliches Indiz, dass die beiden Einbrüche zusammenhingen war das natürlich nicht, aber wie jeder Polizist hatte auch Goodween einen sechsten Sinn für gewisse Sachen.
Gemeinsam gingen sie in die Wohnung Osbornes. Der war ein Mann um die 50 mit einer strengen Kurzhaarfrisur und einer auffallend aufrechten Körperhaltung. Cotta gab ihm die Hand und stellte sich vor.
“Sie sagten, es sei nichts gestohlen worden, ist das richtig?”, fragte Cotta, während er sich in der Wohnung umsah. Goodween hatte natürlich die Aussage schon aufgenommen, aber manchmal half es, wenn er die Leute selbst reden hörte, um sich einen Eindruck zu verschaffen.
“Ich besitze keinen Schmuck oder andere Reichtümer. Ich arbeite als High-School-Lehrer. Mein wertvollster Besitz ist dieses Kunstwerk hier und das ist wohl zu unhandlich, um es einfach hinauszutragen.”, sagte Osborne und lachte ein wenig verlegen, als er auf das Kunstwerk deutete, das an einer Wand lehnte.
Cotta betrachtete es für einen Moment. Viel hielt er nicht von Kunst und auch das hier wirkte eher wie das Gesellenstück eines Schweißers, das jemand mit Wucht gegen eine Leinwand geschmissen hatte. Bei näherem Hinsehen konnte er Linien auf der Stofftapete erkennen, sich aber keinen Reim daraus machen.
“Das ist die Rückseite.”, erklärte Osborne und trat im engen Raum näher heran. “Der Einbrecher muss es von der Wand genommen und umgedreht haben. Ich könnte mir vorstellen, dass er geflohen ist, als er im Flur die Schritte der Nachbarn gehört hat.”
Cotta sah sich noch einmal gründlicher im Raum um. Die Enge machte es ihm nicht einfach. Sein Blick fiel auf einen gläsernen Couchtisch.
“Steht der Tisch immer so nahe an der Couch?”, fragte er. Osborne schüttelte den Kopf. “Der Einbrecher muss ihn verrückt haben, um genug Platz zu haben, das Bild zu drehen.” Cotta brummte etwas, was eine Zustimmung sein könnte. Er wusste nicht, was er davon halten sollte, dass der Geschädigte so viele Theorien hatte.
“Haben Sie eine Ahnung, was der Einbrecher gewollt haben könnte?”, fragte er Osborne. “Wie gesagt, das einzig wertvolle, das ich besitze, ist das Unique-Book dort.” Er deutete überflüssigerweise auf das Kunstwerk.
“Unique-Book?”, fragte Cotta und ein kurzer Blickwechsel mit Goodween verriet, dass er diese Information bereits gehört und notiert hatte.
Folglich hob er die Hand und sagte: “Mein Kollege wird mich informieren. Ich würde gerne die Spurensicherung vorbeischicken und sehen, ob auf dem Glastisch Fingerabdrücke sind.” Fast übereifrig nickte Osborne. Cotta gab Goodween eine Wink, der nickte.
Um die Zeit zu überbrücken, die Goodween brauchte, stellte Cotta einige oberflächliche Fragen. “Sie sind also Lehrer?” “Ja, Biologie und Sport.” “Zumindest Bio ist bei den Teenagern bestimmt nicht beliebt, oder? Jedenfalls war das zu meiner Schulzeit so.” Osborne zuckte mit den Schultern. “Sport ist auch nicht mehr so beliebt wie früher. Selbst die Jungs wollen sich durch Schwitzen nicht die Frisur kaputt machen."
Goodween kam zurück. “Wir haben Glück. Sie sind ohnehin ganz in der Nähe. Er schickt jemanden vorbei, der kurz den Tisch abstaubt und die Fingerabdrücke der Bewohner nimmt.” Osborne guckte ein wenig alarmiert.
“Keine Sorge, Mr. Osborne, ihre Abdrücke und die ihrer Lebensgefährtin brauchen wir nur, um sie auszuschließen. War sonst jemand in letzter Zeit hier, dessen Abdrücke wir auf dem Tisch finden könnten?”, fragte Cotta. Ihm war aufgefallen, dass der Glastisch weit sauberer als beispielsweise die Fenster waren. Osborne schüttelte den Kopf.
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“Komischer Bursche.”, bemerkte Cotta, als er mit Goodween auf die Straße trat, “Ein solches Kunstwerk in so einer Bude?” Goodween holte sein Notizbuch hervor und sagte: “Es stammt von einem Künstler namens Drago Martinez. Das Konzept scheint tatsächlich eher ungewöhnlich zu sein. Er schreibt eine Kurzgeschichte, die er dann auf mehrere Kunstwerke verteilt und künstlerisch gestaltet. Hier geht es um einen Eisenmann, deswegen das ganze Metall.” “Naja, wem’s gefällt.” sagte Cotta.
Sie überquerten die ruhige Straße des Wohnviertels. Goodween zeigte auf Cottas Wagen. “Du stehst im Parkverbot.”, bemerkte er. “Du auch.”, schoss Cotta zurück. Goodween lachte. “Mein Auto hat dieses einmalige schwarz-weiße Muster, einen großen Aufdruck ‘Polizei’ auf beiden Seiten und Blaulicht auf dem Dach.” “Angeber. So ein Auto kann ich mir eben nicht leisten.” Sie lachten.
“Ich folge dir.”, sagte Cotta und fuhr hinter Goodween her. Die Fahrt ging in eine bessere Gegend Rocky Beachs. An einem Hang gelegen, mit einem herrlichen Ausblick über den Ort lag ein kleines, aber neues Holzhaus. Sie fuhren direkt aufs Gelände, ein Tor gab es nicht.
“Hier wohnt Arthur Pepper.”, sagte Goodween. Der Name war Cotta ein Begriff. “Schwerreich, weil er die Firma seines Vaters geerbt hat?”, fragte er dennoch nach. “Ja, woodingle.data. So heißt die Firma. Machen was mit Datenbanken.” Cotta nickte langsam und betrachtete das Haus.
Gebaut mit ökologischen Gesichtspunkten, aber natürlich dennoch dem Kontostand des Bewohners angemessen. Für Cottas persönlichen Geschmack war es zu klobig.
Der Eigentümer öffnete selbst die Tür und Cotta vermutete stark, dass Goodween sie bereits angekündigt hatte.
Arthur Pepper war ein sportlicher Mann in den 40ern, der sie ohne zu zögern hereinbat. “Es geht nochmal um den Einbruch bei Ihnen.”, eröffnete Goodween. “Ja, das sagten Sie ja bereits am Telefon, Officer. Ich habe seitdem noch einmal alles überprüft und bis auf die Digitalkamera ist nichts gestohlen worden.”
“Es wurde eine Digitalkamera gestohlen?”, fragte Cotta, “Waren Bilder drauf?”
Pepper schüttelte den Kopf. “Nein. Es war zwar eine Speicherkarte drin, aber die war leer. Es war eine ganz billige Kamera, die ich hauptsächlich genutzt habe, um im Urlaub ein paar Bilder zu machen. Sie wissen schon, als Erinnerungen, aber eben auch mit einer Kamera, bei der es nicht schmerzt, wenn man sie verliert.”
Cotta nickte, als sei das etwas, das er auch tat. Sein Blick fiel auf einen Wandkalender mit Strandmotiv. Vermutlich handelte es sich bei allen Bilder um besagte Schnappschüsse aus dem Urlaub.
“Sie besitzen doch sicherlich einige Wertgegenstände, oder?”, fragte er und ließ den Blick vielsagend durch den Raum schweifen. “Weniger als sie vermutlich denken.”, lachte Pepper, “Klar, die Möbel sind nicht das billigste, aber die zu stehlen ist wohl logistisch unsinnig. Ansonsten habe ich meine Computer und allerlei technische Ausrüstung in meinem Arbeitszimmer. Das ist aber speziell gesichert.” “Das Haus nicht? Mir ist aufgefallen, dass sie keinen Zaun und kein Tor haben.”
“Ich schließe natürlich ab und habe auch eine Kamera, aber keine richtige Alarmanlage.” “Auf der Aufnahme ist vermutlich nichts Verwertbares?”, fragte Cotta und sah in Goodweens Richtung. “Wir haben das Band gesichert. Der Einbrecher ist tatsächlich drauf, aber leider verkleidet.” “Verkleidet? Nicht vermummt?”, fragte Cotta. “Nein, hier muss man von einer Verkleidung sprechen. Einen Kasten hat der auf dem Kopf. Zeige ich dir später.”
Cotta legte die Stirn in Falten. Er wusste, warum Goodween die ganze Sache merkwürdig vorkam. “Wir haben es inzwischen mit einem zweiten Fall zu tun, der eine Verbindung mit dem Einbruch bei Ihnen haben könnte.”, sagte Cotta. Pepper riss die Augen auf.
“Der Geschädigte besitzt ein Kunstwerk mit dem Titel ‘Eisenmann’ von einem gewissen Drago Martinez.” Peppers Augen wurden noch größer.
“Meinen Sie etwa, dahinter war der Einbrecher her?” “Alles ist möglich. Ihr Kunstwerk ist aber noch vorhanden und intakt, oder?”
“Sicher, sicher. Auch die anderen Kunstwerke von Drago. Ich bin ein Sammler.” Mit sichtlicher Begeisterung führte der Mann Cotta und Goodween in eine kleine Galerie. Sofort fiel das Eisenmann-Kunstwerk ins Auge. Die Vorderseite war etwas spektakulärer als die Rückseite, die sie bei Osborne gesehen hatten. Cotta überflog den Text. Viel passte nicht auf so eine Tapete.
Eine Abbildung erweckte sein Interesse. “Hier ist auch jemand mit einem Kasten auf dem Kopf.”, bemerkte er. Pepper und Goodween traten näher heran. “Das ist der Eisenmann.”, sagte Pepper, dann hatten sie alle drei den gleichen Gedanken. “Der Einbrecher war als Eisenmann verkleidet.” “Dann ging es definitiv um dieses Kunstwerk.”
“Beide Bilder sind unversehrt und bei ihren Besitzern. Entweder ein schlechter Einbrecher oder ein merkwürdiger Zufall.”, bemerkte Cotta nachdenklich.
“Wissen Sie, wer die weiteren Teile dieses Kunstwerkes hat? Wie ich verstanden habe, gibt es sieben Teile.” Pepper schüttelte zunächst den Kopf. “Drago selbst könnte noch eines haben, wenn er nicht alle verkauft hat. Vielleicht ist das Ende auch noch gar nicht fertig.”
Cotta ließ ihm etwas Zeit zum Nachdenken und tatsächlich weiteten sich seine Augen alsbald. “Cecile Jezero!”, rief er beinahe. “Die habe ich vor einer Weile auf einer Veranstaltung getroffen und die Kunstwerke von Drago empfohlen. Sie könnte einen Teil von Eisenmann gekauft haben.”
“DIE Cecile Jezero?”, fragte Goodween und machte eine Notiz. Pepper nickte. “Ich sollte sie warnen.”, sagte er. “Wir kümmern uns darum, Mr. Pepper.”, versicherte Cotta ihm.
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Eine Weile später saßen Cotta und Goodween in Cottas Büro, aßen einige belegte Brote und tranken Kaffee. Beides kam aus der Betriebskantine und schmeckte okay.
“Cecile Jezero wohnt in L.A.”, sagte Cotta nach einer schnellen Überprüfung, dann griff er zum Telefon. “Patrick? Cotta hier.”, meldete er sich, als am anderen Ende abgehoben wurde.
Er führte ein kurzes Gespräch und als er auflegte, sah Goodween ihn auffordernd an. “Es wurde tatsächlich bei ihr eingebrochen. Sie wurde sogar bedroht und eingesperrt. Der Täter trug einen Kasten auf dem Kopf.”
Goodween war anzusehen, dass er zum einen stolz war, den richtigen Riecher gehabt zu haben und zum anderen natürlich besorgt war, was der Täter noch für Eskalationsstufen hatte.
“Wir können morgen mit ihr reden. Da nichts gestohlen wurde und sie keinen großen Aufstand macht, wird sogar der Einbruch bei einer Hollywoodgröße nur stiefmütterlich behandelt.” Goodween musste grinsen.
“Wir sollten auch den Künstler, Drago Martinez, überprüfen und mit ihm reden. Wenn es wirklich nur sieben Teile dieser Geschichte gibt, dann kann die Menge an Personen, die vom Eisenmann und seinem Aussehen wissen, nicht wesentlich größer sein.”, dachte Cotta laut nach.
“Doch das ist alles Arbeit für morgen.”, befand Cotta, sah auf die Uhr und fragte: “Wann hast du Feierabend.”
Er konnte Goodween nicht täuschen, der roch sofort Lunte. Misstrauisch guckte Goodween ihn an. “Wieso fragst du?”
“Meine Schwester bringt mich um, wenn ich dieses Wochenende nicht endlich den Hecken- und Strauchschnitt mache. Da du mich um den Vormittag gebracht hast, musst du mir helfen.”, sagte Cotta trocken.
“Hey, ich wohne in einer Mietwohnung, um genau solche Probleme nicht zu haben.”, beschwerte sich Goodween. „Und jetzt kommst du mit dem Dackelblick.“ Goodween stöhnte schicksalsergeben.
